Nr. 190
Zweites Blatt
Erscheint tLgNch mit Ausnahme des SonnKtgS.
(Unberechtigtem 'j;
en.)
157. Jahrgang
Die „Siebener FamttienbMter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ..Kreisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Die Lage im Baugewerbe.
Die wirtschaftlichen Folgen deS Bauarbeiterstreiks werden ch, wie die .Nat.-Ztg." unter dein 13. Ang. schreibt, für iele Streitende unliebsam alsbald bemerkbar machen. Der grüßte >eil von den Arbeitern, die in der Hoffnung auf Wieder- instellung im Laufe des gestrigen Tages sich in Scharen zu en Bauien Groß-Berlins drängten, wurde abgewiesen, da nrzeit nur noch geringer Bedarf an Arbeitskräften vorhanden
Donnerstag 15. August 1907
\ Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen
rav Unwersitäts - Buch- und Sreindruckeret.
3 8k la Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e=^51. Redaktion.E^Aiis. Tel.-AdruAnzeigerGreßen.
Ans Stadt nnd Land.
Gießen, 15. August.
** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den Sekretär bei der Zentralstelle für die Landesstatistik, Regierungsrat Gust. Fertsch, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste, in den Ruhestand versetzt, ihn zugleich von dem Amte eines Mitgliedes und Rates bei dieser Stelle enthoben und ihm die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. — Ernannt wurde der Gefangenaufseher am Provinzialarresthaus Gießen Hch. Seipp zum Gefangenaufseher am Landes- zuchthaus Marienschloß.
** Zur Bezeichnung von .Mark" wird nach Beschluß des Bundesrats erneut in Erinnerung gebracht, daß das Wort „Mark" in seiner Abkürzung durch ein großes lateinisches M ohne jeden Zusatz, Punkt oder Komma, zu chreiben ist; also weder Alk., AI, oder anders. Diese Vorschrift ist bei der Ausstellung von Wechseln, Schecks, Kreditbriefen 2C. besonders zu beachten.
"• Gewerbe-Inspektion. Es sind seit Anfang Juli l. I. als Gehülfen aus dem Arbeiterstand in Tätigkeit: bei der Gewerbeinspektion Darmstadt der Werkführer Hch. Spalt aus Darmstadt; bei der Gewerbeinspektion Offenbach der Portefeuiller Franz Mahr aus Offenbach; bei der Gewerbeinspektwn Gießen der Obermonteur Fnedr. Melcher aus Mainz; bei dec Gewerbeinspektion Mainz der Werk- meister Gg. Messer aus Mainz; bei der Gewerbeinspektion WormS der Kupferschmied und Siedemeister Jak. Berz aus Groß-Gerau.
•* Das Tuberkulose-Wander- Museum beendet im Laufe deS Herbstes seine Wanderung durch das Großherzogtuni Hessen. Nm die Kreisstädte Büdingen, Erbach, Bensheim und Heppenheim kommen noch in Betracht. In Büdingen wird die Ausstellung am 24. August eröffnet. Bisher wurden insgesamt 71500 Besucher gezählt. Wissen-
sich wirtschaftlich absonderten. — Wie die Baugenwsenschaften dienten die Konsumvererne den Minderbegüterlen, doch diese GenchlenscrMften hatten nch keiner Forderung zu erfreuen. Selbst- veruandlich durften die Konsumvereine nicht zum Schaden t r Konkurrenz gefördert werden, aber Gerechtigkeit müsse auch ihnen gegenüber geübt werden. Die Gegenagitation trage zum Teil die Schuld daran, daß die Konsumvereine vielfach zu Arbeitergenossenschaften geworden wären. Scharf kritisiert der Anwatt das von Führern des Zentratverbandes deutscher Konsumvereine verlangte Eintreten der Konsumvereine zu Gunsten streikender Arbeiter durch Bildung besonderer Fonds. Aufs dringendste warnt der Anwalt vor Aufnahme des Fleischereibetriebes. Ebenso vor der Verbindung mit dem Sparkassenverkehr. In der Bclämp- fung der Konsumvereine griffen die Kaufleute häufig zu Maßnahmen, die sie selbst am meisten schädigten.
Bei Besprechung der Handwerkergenossenschaften erwähnt der Anwalt die nachteiligen Folgen der Agitation gegen Konsum- Vereine und Schulze-Delitzsche Genossenschaften. Bewährt hätten sich die Genossenschaften besonders im Schlächtereibetrieb.
Ganz verfehlt sei das Unterfangen der Generalkommission der Gewerkschaften, die Arbeiter zur Bildung von Produktivgenossenschaften zu bewegen, um den Kampf gegen das Unternehmertum wirksam durchzuführen. Wenn die genossenschaftliche Organisation bei lebensfähigen Handwerken in der richtigen Weise Verwendung finde, werden große wirtschaftliche und soziale Vorteile nicht ausbleiben.
Erheblich einfacher als im Handwerk lägen die Verhältnisse auf dem Gebiete des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens. Hier neige man zu Uebertreibungen. Es werden genossenschaftliche Experimente angestellt, die nur mit Verlust ausgehen konnten. Dazu zeigten sich gerade hier bedenkliche Gebilde, die mit Recht als Rattenkönige bezeichnet worden wären. Zu unhaltbaren Verhältnissen mußte es überdies führen, daß man den ländlichen Darlehnskassenvereinen kaufmännische Kräfte sernhielte, aber andererseits ihnen immer neue Aufgaben zur Erfüllung zuweise. Der Anwalt schließt mit einer Gesamtvetrachtung, in der er sich insbesondere gegen jede Verschärfung eines staatlichen Auffichtsrechtes wendet. Das Genossenschaftswesen sei von Schulze -Delitzsch zur nationalen Angelegenheit gemacht. Ein deutsä)-nationaler Verband sei jedoch ein Unding, dessen Leitung über eine. repräsentative Tätigkeit nicht hinauskommen würde. Aber trotz der vielen heute besteheirden Difserenzen erscheine eine Verständigung über eine Anzahl Frag.n notwendig. Klarstellung der Ergebnisse und Resultate der Bewegung des letzten Jahrzehntes seien dringend erwünscht, um endlich zu einem Programm zu gelangen. Die Genossenschaften müßten solidarisch sein gegenüber geplanten Reformen auf dem Gebiet des Depositenverkehrs, dem Post-Giroverkehr, bei Steuerfragen usw. Es gäbe Fragen in Menge, über die unschwer eine Verstäirdigung zu erzielen sei. Das Genossenschaftswesen habe noch eine große Zukunft. Um so wichtiger sei der gesunde Ausbau. Dem zu dienen fei auch Bestimmung des Leipziger Geiwssenschaftstages. Damit stände er im Dienste des Vaterlandes ohne Rücksicht auf Partei und Konfession. (Lebh. Beifall.)
In der Debatte über den Bericht des Anwalts wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, gemeinsam mit den ärmeren Genossenschaftsverbänden vorzugehen. — Darauf ergriff Präsident Heiligen st adt das Wort: Die preußische Regierung wünsche ein ftiedliches Nebeneinanderarbeften der genossenschaftlichen Verbände. Es sei ihr Bestreben, möglichste Einheitlichkeit aus dem Gebiete .des Genossenschaftswesens herbeizuführen. Sie wünscht weiter, daß die beiden jetzt getrennten Zweige des Genossenschaftswesens wieder zu einem Zweige zusammenwachsm mögen. Was das Verhältnis von Genossenschaften und Staat anlange, so müsse eine Verständigung herbeigeführt werden. Wenn sich das Genossenschaftswesen gedeihlich entwickeln soll, müssen Staat und Gerwssenschaften Hand in Hand gehet:. Das Genossenschaftswesen sei immer auch zugleich Landessache gewesen. Wir haben stets den Genossenschaften die größte Freiheit gelassen. Wir regieren nicht in das Genossenschaftswesen hinein. Der preußische Finanzminister hat für die Wünsche der Genossenschaften stets ein offenes Ohr. Wenn er nicht alle erfüllen konnte, so liegt das wohl mehr an den Parlamenten. Wir verargen Ihnen nicht eine Kritik. Im Gegenteil. Deshalb habe ich mich auch gefreut, als Ihr Anwalt Dr. Erüger wieder in den Landtag gewählt wurde. (Lebh. Beifall.)
Professor Dr. Faßbender betont, daß von den Genossenschaften alle Politik auszuschließen sei.
Anwalt Dr. Erüger: Wenn eine Aussprache auf neutralem Boden ftattfindet, würde eine Verständigung mit den anderen Genossenschaften vielleicht möglich sein.
(Fortseeung folgt.)
Ä ,r , , „ p u. &. Leipzig, 13. August.
Im Kristallpalast sand heute die Hauptversammlung der diesjährigen Tagung der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften statt.
Der Vorsitzende, Anwalt Dr. Erüger, erstattete den Geschäftsbericht. Er führte aus: Der Allgemeine deutsche Genossenschaftsverband befindet sich in oppositioneller Stellung zu der staatlichen Förderung des Genossenschaftswesens. Der Verband sei in diese Stellung hineingedrängt, da Maßnahmen der Regierungen ihm den Boden streitig machten, auch müßten die Schulze-Delitzschen Genossenschaften gegen bedenkliche Einflüsse geschützt werden. Die staatliche Förderung habe das Genossenschafts- wesen in Bahnen gelenkt, auf denen sich Schwierigkeiten ergeben müßten. .Ter Anwalt legt aber Wert auf ein gewisses Einvernehmen mit den Regierungen und begrüßt daher deren Vertreter. Durch die staatliche Förderung sei das Genossenschafts- wefen zur Landessache geworden. Durchaus erfreulich sei das Verständnis für die große, Bedeutung des Genossenschaftswesens; aber die staatliche finanzielle Förderung habe zu bedenklichen Schritten geführt. Man habe etwas neues schaffe:: wollen und anscheinend geglaubt, die Schulze-Delitzschen Genossenschaften durch ein anderes System ersetzen zu können. Erst allmählich erkenne man, baß die vom Schulze-Delitzschen Verbände vertretener: Grundsätze richtig feien. Sie entsprächen kaufrnäunischen und volkswirtschaft- ttchen Lehren. Die Frage sei, wie weit es möglich sein würde, die in anderem Sinne ins Leben gerufenen Genossenschafte:: zu richtigen Grundsätzen zu bekehren. An: bedenklichsten sei, daß Gebilde entstehen, die mit Recht als Rattenkönige bezeichnet würden.^ Auch hier zeige sich wieder der klare Blick Schulze-De- litzsch's, der, ein Gegner von aus Genossenschaften bestehenden Genossenschaften gewesen fei. Die rechtliche und wirtschaftliche Ratur der Geiwssenschaft werde bei der Förderung vielfach verkannt. Der Anwalt wendet sich dagegen, daß neue Systeme m der Regel auf die Behauptung gestützt würden, daß die Schulze-Delitzschen Genossenschaften Politik trieben. Schon die Zusammensetzung des Gesamtausschusses beweise öffentlich das Gegenteil; durch besonderen Beschluß werde Verwahrung eingelegt werden. Eher könnte behauptet werden, daß der staatliche Eingriff polittschei: Charakter habe. Von Resultaten der Erziehung durch Selbsthilfe durch Staatshilfe sei bisher nichts zu merken. Trotz der für die Entwickelung der Schulze-Delitzschen Genossenschaften durch die staatlichen Eingriffe geschaffenen ungünstigen Lage haben sie ihren hervorragenden Anteil an der genossenschaftlichen Arbeit behalten. Die Zahlen ergeben, daß auf die Genossenschaften des Allgemeinen Verbandes von der gesamten , Gerwssenlchaftsarbeit in Deutschland entfielen 66 Proz. der Leistungen; das eigene Vermögen dieser Genossenschaften betraue etwa 60 Proz. des Vernrögens aller Genossenschaften.
Von den 3 358 846 Mitgliedern aller Genossenschaften kämen aus die Genossenschaften des Allgemeinen Verbandes 826 533. Und diese Leistungen wären zu verzeichnen ohne Staatshülfe. Ter Anwalt kommt dann auf die Ungerechtigkeiten in der Steuergesetzgebung zu sprechen, die besonders den Schulze- Delitzschen Genossenschaften nachteilig sind. Unjer den schwierigen Geldverhältnissen der letzten Zeit hat sich gezeigt, daß die Genossenschaft ohne Staatshülfe am besten im Stande sei, die ihr gestellten Aufgaben zu erfüllen; alle Kreditansprüche seien befriedigt und oft unter Reichsbankzinsfuß. Die Zinspolitik lasse sich nicht nach Schema regeln. Die Schulze-Delitzschen Kreditgenossenschaften hätten durch Pflege bankmäßiger Geschäftszweige sich den Forderungen der Zeit angepatzt. Mit Erfolg sei der Scheckverkehr gepflegt, der Scheckgesetzentwurf werde begrüßt, dagegen sehe man mit gewisser Sorge dem Post-Giroverkehr entgegen, der Wohl ein Vorläufer des Posispar- kaffenverkehrs sein dürfte, der als eine schwere Schädigung des deutschen Genossenschaftswesens betrachtet werden müßte. Der Anwalt empfiehlt den Genossenschaften Vorsicht in der Kreditgewährung und gerade unter oen heutigen Zeitverhältnissen strengste Beobachtung der Liquidität. Die Geuoffenschaften dürften bei ihren Geschäften die eigene Leistungsfähigkeit nicht außer Acht lassen. Vorsicht fei auch für den Verkehr unter den Genossenschaften anzuraten. Zu bedauern fei, daß den Schulze- Delitzschen Kreditgenossenschaften bei der Kautionskreditgewährung häufig unberechtigte Schwierigkeiten gemacht würden. Das Ex- berhuent mit Heranziehung der Genossenschaften zur Durchführung Der Entschuldung enthalte eine schwere Gefahr, denn die Genossenschaften könnten nach ihrer rechtlichen Natur weder derartige Kredite gebe::, noch für dieselben .Bürgschaft übernehmen. Daher fei es auch nicht angebracht, wenn Versicherungsanstalten von Genossenschaften Bürgschaften verlangten für Kredite zum Erwerb von Häusern durch Einzelpersonen. Das Jahr 1906 sei mit seiner auf Der Höhe gebliebenen industriellen Entwickelung sehr günstig für die Baugenossenschaften gewesen. Die Wahrung der Liquidität und richtiger Mietenkalkulation solle die Sorge der Baugenossenschaften sein. Auf dem Lande hätten die Baugenossenschaften leider keine Fortschritte gemacht und doch handele es sich um das wichtige Problem der Leßhaftinachung der Arbeiter. Bei Besprechung der Beamten-Baugenossenschaften erklärt es der Anwalt für wenig erwünscht, daß die Beamten
i|i. Hinzu kommt, das; noch größere Kolonnen auswärtig angemorbener Arbeiter in den nächsten Tagen in Berlin erwartet und in erster Linie berücksichtigt werden. Es herrscht denn auch unter den nicht eingestellten Leuten eine gedrückte Stimmung, die sehr erklärlich ist. Als Hauptargument für Lohnerhöhungen ist ja bisher von den hier in Frage kommenden Arbeiter-Kategorien immer geltend gemacht worden, daß sie ständig mit Saison-Arbeit zu rechnen haben. Da nun die Hauptsaison von ihnen nicht ausgenutzt wurde und auch zahlreiche Familienväter trotz der erhaltenen Streikunterstützung sich haben in Schulden stürzen müssen, die nun infolge der weiter andauernden Arbeitslosigkeit nicht bezahlt werden können, so hat die Mehrzahl der Leute tatsächlich traurige Wintermonate vor sich. Selbst für die jetzt auL der Provinz zurückkehrenden Bauarbeiter sind die Aussichten nicht rosig. Bei der großen Vorliebe der Bauunternehmer für Akkordarbeit kann es jetzt leicht dahin kommen, daß die organisierten Lohnarbeiter ihren Verbänden den Rücken kehren. Besonders die Maurer dürften sich immer mehr dem Verein der Akkordmaurer zuwenden. Die Spekulation der jetz unterlegenen Arbeiter-Organisation auf Erringung der verkürzten Arbeitszeit im nächsten Frühjahr wird sich wieder als verfehlt erweisen. Man darf nicht übersehen, daß die Arbeiter- Organisationen jetzt, wo auch die Unternehmer sich zu kapitalkräftigen und widerstandsfähigen Organisationen zusammen- geschlossen haben, nicht so leicht siegen werden, wie früher. Dieser Faktor wird auch bei einen: neuen Vorstoß der 93an* arbeitet in Rechnung zu ziehen sein.
£8. Gerwssenschastsiag der deutschen Erwerbs- und WirLschaftsgeuossLuschasteu.
Ate Lage in Alaroßko.
Die Lage in Marokko hat sich in den letzten Tagen nicht geändert, aber trotzdem bestehen die Schwierigkeiten fort. Unter diesen Umständen ist es nicht uninteressant, zu erfahren, wie man sich auf französischer Seite zur Marokko- Angelegenheit stellt. Der Berliner Korrespondent des „Echo de Paris" setzt in einem Artikel auseinander, daß nach seiner Ansicht die Akte von Algeciras in Wirklichkeit nickt mehr existierten, weil einerseits die Souveränität des Sultans von Marokko eine Chimäre sei und loeil anderseits die Erfahrungen bewiesen haben, daß die Ziffer der Polizei-Instrukteure und Mannschaften, wie die Konseruuz von Algeciras sie festgesetzt habe, lächerlich ungenügend sein würde. Es müßten darum neueLösun- g e n versucht werden. Solcher Lösungen gebe es drei: 1. die internationale Intervention, 2. ein formales europäisches Mandat für Frankreich und Spanien, 3. eine Kriegserklärung an Marokko. Die dritte Lösung existiere nicht, weil die französische Negierung sie ablehne. Die internationale Intervention würde Konflikten Tür und Tor öffnen. Es bleibe also nur das europäische Mandat übrig. Ein solches sei bisher in wirksamer Weise nicht erteilt worden, denn die Akte von Algeciras beschränkten Die französisch-spanische Aktion darauf, die Polizei in wenigen §äfen mit ein paar hundert Mann und wenigen Offizieren zu organisieren. Frankreich und Spanien müßten vor allen Dingen ein wahrhaft europäisches Mandat erhalten, bevor sie versicherten, daß sie es hätten.
Telegraphisch wird uns noch folgendes gemeldet:
Das „Bert. Tgbl." meldet aus Paris.- Der Berichterstatter des „Matin" telegraphiert aus Casablanca, daß Re französischen Truppen unzureichend seien, am eine Vorwärtsbewegung zu machen. Es fehle au Kavallerie und an Schnellfeuergeschützen, die erlauben wür- >en, das nur drei Kilometer von den französischen Linien rufgeführte nmrokkaniiche Lager zu bombardieren. Das wanzösische Lager definoe sich offenbar in einer ungünstigen öage, da es von den umgebenden Höhen beherrscht lverde. Die Wahl eii:es besseren Lagerplatzes sei aber unnwglich.
— Dem Blatt „Journale" zufolge soll General Liautey )ie Erklärung abgegeben habe::, daß 20000Mann Truppen nach Marokko entsandt werden sollen, um mdlich der Lage Herr zu werden.
Paris, 1-1. Aug. (Havas.) Der französische Geschäfts- wäger in Tanger ersucht den General Philibert, ein Schiff vor Aiogador, Siffi und Larasch kreuzen zu lassen. Zahlreiche Israeliten verlassen Tanger, um sich nach nvraltar zu begeben, obgleich in der Stadt und deren Um- jebung vollständige Ruhe herrscht.
— Entgegen gewissen Pressemeldungen teilt die „Agence oavas" mit, daß General Drude keine Verstärkungen erbeten habe, daß folglich die Regierung gar nicht n der Lage gelvesen sei, ihm eine solche zu verweigern.
Loudon, 14. Aug. Das Auswärtige Amt hat bisher :och keine Bestätiaung der Nachricht von der Freilassung Mac Leans erhalten.
AoliLische Lirgessehcrrs.
Die Freisinnigen und die Wahlrechtsreform.
Wir sprachen die Hoffnung aus, daß bte Freisinnigen ächt durch die Parole ^Alles oder Nichts" in der Wahl- echtssrage lediglich die Sache der Gegner jeder Reform ördern würden. Bisher freilich führten überwiegend die inentivegten Doktrinäre das große Wort. Demgegenüber ist ine Llusführung in der freisinnigen „Vossische Ztg." lemerkenswert, in der es heißt:
^Die Freisimngei: wollen, wünschen uub verlangen die Ueber- ragung des Reichswahlrechts auf Preußen. Nur sind sie nicht stlusiönlsten genug, um zu glauben, sie brauchten nur zu wünschen nd zu iordern, um ihren Willen durchzusetzen. So liegen die inge un praktischen Leben nicht, daß man die Formel aufstellen
6 rmte: Entweder gebt : h r Preußen das Reichs- Wahlrecht oder d er B lo ck geht in B rü ch e I Damit täte tau allenfalls der Sozialdemokratie und den: Zentrum einen gefallen und hätte die Genugtuung, die preußische Wahlreform öllig zu Hintertreiben. — Wir hegen auch einigen Zweifel, ob ationalsoziale Eiferer, die sich anschemend für die Alternative . egeistern, „alles oder nichts", in der Praxis nach dieser Richtschnur andeln würden, wenn die Vorlage des Fürsten Bülow die Klassen- diteilung, die indirekte Wahl und die öfsentliche Abstimmung 1 eseittgte, gleichwohl aber in einzelnen Punkten hinter dem Reichs- Wahlrecht zurückbliebe. Wir selbst sind nicht geneigt, uns im voraus ui die Ablehnung jedes Entwurfs zu binden, der nicht vollkommen üt dem Reichswahlrecht übereüiftimmt; möglicherweise ist das . i e l e r st in Etappen zu erreichen, loie auch das heutige 1 Wahlrecht m England nicht mit einem Schlage, sondern durch eine leihe von Alten der Gesetzgebung geschaffen ivorden ist. Die ! nbgüüige Stellungnahme der bürgerlichen Linken wird selbstver-- ändlich vom Inhalt des Entwurfs abhängen müssen.... Die ■ - eifimügen Parteien werden sich dabei von memanb ins Schlepptau ■ ehmen, auch von Angriffen ihrer Gegner nicht beirren lassen. Sie ! jeiben sich um Schlagworte ebensowenig kümmern wie um die 1 talschtäge derer, die kein sehnlicheres Verlangen tragen, als der 1 Blockpolitik " em Ende zu mach en, will sagen, tatsächlich das ' ^nservativcklerikale Regiment wiederherzustellen. Unter der Herr- ; haft der früheren Neichstagsmehrheit wäre sicherlich ‘ och lange jede ernste Wahlreform in Preußen ausgeblieben. Daß e jetzt in Angriff genommen wird, ist ein Zugeständnis des - u'listen Büloiv an den liberalen Teil des „Blocks". Ter Reichs- l anzler müßte d,e Verhältnisse schlecht kennen, ivenn er nicht alles j "An, um der freisinnigen Forderung der Uebertrngung des Reichs- oahlrechts aus Preußeii, wenn auch nicht rlachzutommen, so doch 1 i: n erb alb der Grenzer: des Erreichbaren nahe- ■ utonune n." > 1
Wenn die Freisinnigen diese ^Greuze des Erreichbaren" ;
i Betracht ziehen, werden sie den Bestrebungen, die auf eine ' ründliche Wahlreform abzielen, dtzn besten Dienst leisten. i


