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12.11.1907 Zweites Blatt
 
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ssr. 2<>6 Zweites

Erjchewi tS-ltch mit Ausnahme des 6omMgl.

DieOletzrner §amtlte»dlatter- werden dem ,Unzet«er^ otermal wöchentlich bctqelegt, das MrdsbleU fflt den Kreis Sietzen" aroeimal wüchenUlch. Der ..hefstfche Eanbroirr* erscheint monatlich einmal.

Matt 157, Jahrgang

Dienstag. November 1907

General-Anzeiger für Gderhesjen

Rotattonsdruck und Verlag der Br Ührchen UnwersitäkS - Buch» und 6teinbrudeceL R. Lange. Bietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei? 6tbu(* strahe 7. Expedition und Verlag: e^6l. Redaktion, 112. Tel.-Adr^ AnzergerGietzen.

Kic luiHsiiVtialc tz^u^giuigsvt.saurm-ung.

S. it. H. Frankfurt a. M., 10. Nov.

Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung von Parlarnen- tariern und Parteiführern, sowie von Mitgliedern der drei linkS- libcralen Parteien aus allen Teilen Deutschlands fand heute in ben werten Räumen des Hippodroms die angetündigte linls- liberale Einig nngsversammlung statt. Der gestrige Pegrüßungsade nd in der LogeEinigkeit" hatte bereits eine große Reihe der Versammlungsteilnehmer vereinigt. Stadt­verordneter Dr^ Rößler eröffnete gestern den Neigen der An­sprachen, indem er die Gäste herzlich willkommen hieß.

Hierauf ergriff der Führer der Freisinnigen Vereinigung Reick)--lagLabg. Schrader, mit lebhaftem Beifall begrüßt, das Wort. Er erinnerte an das Frankfurter Parlament, das zwar bie Einigkeit nicht gebracht, wohl aber vorbereitet habe. Bis­marck habe später nur den Faden ausgenommen, der 1849 gewaltsam abgerissen wurde. Das einige Reich sei jetzt er­rungen, aber es solle auch frei sein. Die Liberalen seien die Träger des nationalen Gedankens gewesen, sie sollten weiter arbeiten an der freiheitlichen Wiedergeburt des Vaterlandes.

Justizrat Dr. Meyer-Frankfurt dankte Schrader für seine Verdienste um die liberale Einigung. Der Liberalismus sei air bem Marsche, einig, geschlossen und entschlossen. (Zustimmung.)

Weiter sprach noch Aby. Muser-Offenburg. Wenn der nationale Freiheitsgedanke nicht im Herzen des deutschen Volkes sck-on immer eine Stätte gehabt hätte, so hätten die großen Führer 1870 ein kleines Geschlecht gefunden. Deshalb habe aber bas Volk zu verlangen, daß seine Rechte respektiert werden. Der Jnteressenkampf sei entfesselt, zur Volkswohlfahrt führe aber nur die Opferung der S o n d e r i n t e r e s s e n. Nicht ein Staat der Junker solle Deutschland sein, und auch nicht ein Staat, in welchem das Proletariat oder der Klerikalismus regiert, sondern ein Staat f ü r alle Bürger. Am Ende meide die Schulsrage zum Angelpunkt aller lib. Politik werden. Denn die Kinder, die heute in der Schule sitzen, seien die Wähler von morgen, die Gesetzgeber der Zukunft. (Lebh. Beifall.)

Die heutige Hauptversammlung, die im Hyppodrom statt­sand, war von mehr als 5000 Personen besucht. Der riesige Laal, einer bar größten Deutschland, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vertreten waren aus Oberhessen Gießen, Als­feld und Bad-Nauheim. Aus Gießen war u. a. anwesend Ju- itijrat Dr. Gutsleisch. Abg. F u n ck - Frankfurt a. M. eröffnete )ie Versammlung. Der Liberalismus sei wiedergeboren und dürfe Ich dessen freuen. Seine Führer seien sich darüber einig, daß )ie Zeit der Zwistigkeiten vorüber sei. Schmerzlich müsse es xrühren, daß sich in den eigenen Reihen noch Stimmen finden, denen nicht politische Unreife als mildernder Umstand mgerechnet werden könne, und die den wertvollen und schwer rrungenen Fortschritt zur Freude der gemein}amen Gegner ab- ällig kritisieren, weil nicht jede Phase der Entwicklung ihren -ersönlichen Wünschen entspricht. (Lebh. Beifall.)

Reichstagsabg. Konrad Haußmann behandelte dann das Dhema: Wie fördert der demokratische Freisinn ) ic gesunde Entwicklung des Vaterlandes. Er wies mrauf hin, daß das Regime von gestern am Ende seiner Kraft mgekommen sei. Das konfessionelle, das agrarische, das sozia- ifufche Konglomerat diene nicht zum Wohle des Vaterlandes. Die Nackenschläge einer verkehrten Handelspolitik kämen schon etzt zum Vorschein. Die freiheitliche Entwicklung unseres deut- chen Vaterlandes hat nicht Schifsbruch gelitten. Fürst Bülow hat nit Geschick das Zentrum abgeschüttelt und den liberalen Wind nehr in die Segel genommen. Es fragt sich: Sollen wir auf )ie Steuerführung nach links Einfluß haben, oder sollen wir >en Reichskanzler sich selbst überlassen. Zentrum und Sozial- xnnofiatie haben uns diesen Rat gegeben.

Aber was geschieht, wenn die bürgerliche LinL diesem Rate ölgt Wir haben noch nie an Personen und an Ministern ein Znteresse gehabt. Wir müssen uns aber vergegenwärtigen, was .er Nachfolger des jetzigen Kanzlers für eine Politik treiben oürde. Er wird sicherlich wieder mit dem Zentrum lavieren md uns wird man nachsagen, daß wir uns selbst bankrott erklärt »oben. Wir wollen uns nicht dem Vorwurf aus,etzen, daß der stuksliberalismus impotent ist, Politik zu machen. Im politi- chen Leben i st das Mchtstun überhaupt keine Politik. Es nacht nur abhängig von der Politik anderer. Folglich müssen oir eine Politik machen mit ja oder mit nein (lebhafter Beifall), üie Möglichkeit, daß wir uns zurückziehen auf eine Politik, bei -er auch die äußerste Linke vertreten ist, besteht nach den Erfahrungen aller auf Jahre hinaus nicht. Solange kann mit Sozialdemokratie keine Politik gemacht werden, als ächt die Arbeitcroevölkerung in höherem Maße cs verlernt, ein- citig die Geschichte, die Menschen und die wirtschaftlichen Dinge nzusehen (lebhafter Beifall). Wir wollen nur der Politik ent-- egentreten, die uns durch Taten bewiesen hat, daß sie versagt, nd da glaube ich: gebrannte Minister scheuen das Zentrum Heiterkeit). Größere Erfolge können wir erst erwarten, wenn nr selbst größer geworden sind. Es ist nicht wahr, daß die ärgerliche Gesellschaft morsch ist und verfault. Auch die oberen Stände sind nicht verfault, trotz der Ausschweifungen einzelner, s ist pharisäisch, wenn ein Stand immer den anderen anklagt, ic oberen die unteren, und die unteren die oberen (Beifall). 3ir Liberalen müssen Freiheit und Bildung ausbreiten, denn ic Erneuerung des politischen Lebens wird nicht von den Kvn- fwativen kommen, deren Name schon sagt, daß sie nur das -lte aufreckst erhalten wollen. Deshalb werden wir der vor- 'artstreibende Keil sein müssen, damit der bürgerliche Geist 'ieder mehr Respekt auf deutschem Boden erringt. Deshalb 'änschen wir auch, daß es mit der liberalen Einigung immer 'eiter vorwartsgelst. Die freisinnige Volkspartei muß abei bie Führung übernehmen mit der Aufgabe, daß e uns zusamrnenfübrt (lebhafter Beifall). Sie hat die älteste -rabition und hat bas Recht barauf, uns zusammensuführen. 3ir sind auch dankbar für jeden guten Rat, können aber der oimeiiterei entraten. Wir hoffen, daß die heutige Tagung auf i linken Seite des'Maines eine gute Wirkung haben wird, und -'trachten es als eine gute Vorbedeutung, daß wir gerade am

November tagen, am Geburtstage Martin Luthers, Schillers ab 9lobert Blums, auf die die Freiheit in alle Ewigkeit stolz in kann (lebha,ter, anhaltender Beifall).

Darauf ergriff Reichs- und Landtagsabg. Dr. Müller- teimngen das Wort. Er führte aus: Aon heute an wollen wir is die Ausgabe stellen, wenig mehr von Einigung zu sprechen, rr umsomehr einig zu handeln. (Beifall.) Man schreit Verrat, 'il wir dem Block angehören. In einer Zeit, wo die Partei rengelhaften Güte, christlichen Demut und Wahrheitsliebe" it der Partei des Klassenkamp.cs bald das zehnjährige Jubiläum r Paarung in Bayern feiert, wird man empfindlich gegen solche uriuürie (Heiterkeit). Wir Liberalen verlangen im Interesse s Reiches bie Liberalisierung bes Reichsgedankens uiti) den eiheitlichen Ausbau des Reiches (lebhafter Beifall). Wir ver- ngen die KvalationS^oeiheit, ein ^leichsvereinsgesetz ohne klein- aje Nadelstiche Wir verrangen ein Wahlgesetz, baä bie Bürger s Reickss gleich macht. Fort mit ben Privilegien. Wir er» nnen nur ein auf Aroeit fundiertes Privilegium ber Tüchtig- it an. Das ist das Evangelium wahorr Demokratie, und ber iirft, der darnach handelt, wird Sein Philr und TüUi neben sich

haben (lebhafter Beifall). Im Zeichen gemeinsamer kultursort- jchrittlicher Arbeit haben wir uns zusanrmengesunLen und werden mir- den Sieg erreichen (lebhafter Beifall).

Darauf ergriff, stürmisch begrüßt, Reichstagsabgeordneter Friedr. Naumann das Wort zu folgenden Ausführungen: Zwischen Konservativen und Liberalen )utb zahlreiche Gegen­sätze vorhanden. Die konservative Staalsiorm bedingt bie Go genbewegung der unteren Klassen. Der Liberalismus will jedem einzelnen fein Reckst unter ber Sonne geivähren. Die Konserva­tiven sagen: es gibt Leute, bie zum Herrschen geboren werden und andere, die zum Beherrschen bestimmt sind. Das ist die Formel aller Herrenhäuser der Welt (Heiterkeit). Dem gegen» ber sagt der Liberalismus: es gibt nur einerlei Volk. Der Kon­servatismus hält sich nur solange, als es keine Schule und keine Bildung gibt. Mit derselben Logik, mit der die Konservativen sagen, es gibt Leute, die zum Herrschen geboren fmb! sagt die Gegenseite: es gibt Klassen kämpfe unö nur kämpfen als Klasse. Wir müssen den alten Geist des Liberalismus wieder befruchten. Es ist ein Fortschritt, daß wir in den letzten zrvei Jahrzehnten in allen sozialen Fragen unsere volle Schuldigkeit getan haben. Mir sagt man nach, daß ich der Sozialdemokratie zu nahe ge­kommen bin. Man sagt, ich solle mich hüten, daß meine Finger nicht rot werden. Ich sage: Svümmert Euch um Eure Fingerspitzen und nicht um meine (Beifall). Tas Koariuionsreckst steht nur auf dem Papier. Es darf nicht nur ein Recht der Syndikate sein. Dieselben Rechte, wie der Bund der Landwirte und das Kvhlen- syndikat, muß auch der Arbeiterverband haben. Es handelt sich nicht baruin, was die Sozialdemokratie fordert, fonixrn darum, daß der Liberalismus seine eigene liberale (Bache zu Ende denkt.

Auf dem Gebiete der Heimarbeit, der Bildung, hat der Liberalismus große Aufgaben. Die Zollpolitik wird kläglich Fiasko machen. Der große Traum vom Glück der hohen Zölle wird verrauschen. Das Volk wird noch sehen, was es für ein Esel gewesen ist, den Agrariern die Kastanien aus dem Feuer zu holen. (Lebh. Beifall.) Die Kardinalfrage ber heutigen Zeit ist das preußische L a n d t a g s w a h l r e ch t. Es ist nur ber Schein eines Wahlrechtes. Man läßt die Leute wählen, sorgt aber bajür, daß es nichts hilft. Wir fordern bas Reichs­tagswahlrecht für den preußischen Landtag. Ich weiß, baß es Verschiedenheit ber Taktik, ber Auffassung und des Tentpera- mentes gibt, lieber bie Ziele sind wir aber alle einig. Der Streit in der letzten Zeit, auf den unsere Gegner hinwiesen, war nickst bei den Führern, nur die Zeitungen haben sich geschlagen. Die Fraktionen aber sind der feste Fels der Einig­keit. Wir wollen die Verschiedenheiten der Eharaktere und der Personen verwenden im Sinne jenes Liberalismus, der bie Per­sönlichkeit achtet. Auch ich hoffe, baß die Führung der freif. Volkspartei uns alle zur Einheit bringt (Lebh. Beifall.) Ich kann Ihnen nur zurufen: Seid einig, einig, einig! Wir alle wollen fein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr! (Stürmischer, anhaltender Beifall.)

Der letzte Redner, Reichs- und Landtagsabg. Wiemer, erklärte: Auch die freisinnige Volkspartei ist der Meinung, daß die Fraktionsgemeinschaft sich bewährt hat, und weiter bewähren wird, auch wenn sie einer stärkeren Probe unterworfen wird als bisher. Wir meinen es alle ehrlich mit dem Liberalismus. Und wenn in jüngster Zeit zu unserem Bedauern eine Preßfehde in_ den liberalen Blättern ausgefochten wurde, so hoffe ich, daß derFrankfurter Friede" auch in der liberalen Presse ge­halten wird. Der Block hängt davon ab, daß wir mittun. Soll der Weg nach links gehen, so tun wir mit. Dem Block zu Liebe wechseln wird aber unsere Ueberzeugung nicht. Eine Steuer­politik, die unseren Anschauungen entgegengesetzt ist, machen wir nicht mit. Da haben wir nur eine Antwort: Links um! (Lebh. Beifall.) Aus das geheime Wahlrecht in Preußen können wir uns im gegebenen Augenblick nickst beschränken. Wenn wir die Zwingburg nicht auf einmal nehmen können, so werden wir uns damit begnügen, Bastion auf Bastion zu erobern. Wir sind alle darin einig, daß das Drecklassenwahliystem beseitigt werden muß, und daß in Deutschland nicht die Kapläne und Gewerl- schaftssekretäre allein regieren dürfen. (Beifall.) Die freisinnige Volkspartei dankt für die Anerkennung, bie ihrem Wirten zur Einigung des Liberalismus gezollt wirb. Sie wirb auch bei der weiterhin gemeinsamen Arbeit aller wahren Liberalen ihre Pflicht, tun. (Lebh. Beifall.)

Abg. F u n ck - Frankfurt a. M. dankte den Rednern für ihre zündenden Worte, und schloß mit einem Appell an alle Liberalen, nach Maßgabe ihrer Kräfte bie gemeinsame Arbeit der brei liberalen Parteien auch fernerhin zu unterstützen. (Lebh. an­haltender Beifall.)

Damit hatte die imposante liberale Kundgebung ihr Ende erreicht. Es folgte ein Festmahl, an dem die liberalen Führer aller drei Gruppen rntb zahlreiche Parteifreunde teilnahmen. Landtagsabg. Münsterberg hielt bie Hauptansprache, in ber er bie Hoffnung auSsprach, daß die Frankfurter Einigung auch bei ben kommenden parlamentarischen Kämpfen des nächsten Winters segensreiche Früchte tragen möge.

Kngitinvs Aoiil.k.

Kurz bevor Kaiser Wilhelm englischen Boden betrat, hat der Premierminister Campbell Bannerman wie üblich gelegentlich der Einführung des Lordmayors eine poli­tische Rede gehalten, die eine Art Programm darstellt. Es ist begreiflich, daß in den diesmaligen Ausführungen das Verhältnis zu Deutschland einen besonderen Raum ein­nimmt und der Ankunst des deutschen Kaisers mit beson­derer Herzlichkeit gedacht wird. Nach dieser Hinsicht bildete die Rede eine Ergänzung des Trinkspruches des Admirals Fisher, der mit bemerlenswerter Energie das Märchen von einer eventuellen Invasion al§ töricht und schädlich zurückwies und scherzhaft auf die andere bevorstehende deutsche Invasion anspielte, indem er gleichzeitig des Kaisers in ehrenden Worten gedachte. Auch sämtliche Blät­ter, selbst die deutschfeindlichsten nicht ausgeschlossen, tim men ihre Begrüßungsartikel aus denselben Ton und wenn einige sozialistische Führer zu einer Gegendemonstra­tion ausfordern, so will das kaum etwas besagen. Die Stimmung ist eben in England vollständig umgeschlagen, und wenn wir auch den Begrüßungsjubel nicht überschätzen dürfen, so darf doch mit Sicherheit angenommen werden, daß d er kaiserliche Besuch dazu beitragen wird, das Ver- öhnungswerk weiter quszubauen und eine günstigere Stim­mung jenseits des Kanals aus längere Dauer zu gewähr­leisten. Es ist mehrfach der politische Charakter der Reise in Abrede gestellt worden, jetzt gibt aber das offiziöse Organ ber Regierung dies selbst zu, wenn es bedeutsamer Weise chreibt:Unzweifelhaft ist ber Begegnung der deutschen und ber britischen Majestäten insofern eine nicht zu unter­schätzende politische Bedeutung beizumessen, als durch sie

der aus beioen Seiten gehegte und deutlich zutage getretene Wunsch nach Erhaltung ungetrübter Beziehungen neue und wichtige Förderung erfährt. Tiefe Bedeutung wird keines­wegs geschmälert durch die Tatsache, daß entgegen der hier und da laut gewordenen Meinung die Behandlung spe­zieller politischer Probleme während des KaiserbesuchS in England weder angeregt noch beabsichtigt ist."

Auch sonst b erührte die Rebe Campbell-Banuermans verschiebene wichtige Tagesfragen, namentlich die Haager Konferenz, auf der ja England mit der Abrüstungsioee Fiasko gemacht hat. Der englische Premier spricht hier­über resigniert, bemerkenswerter Weise jedoch ohne irgend­welche Verstimmung. Weiter erwähnt der Minister die indische Frage, die die englische Regierung wohl mehr bedrückt, als man zugeben will. Daß die Situation ernst ist, gibt der Premierminister zu, indem er energisch Unter­drückung der Unruhen verheißt. Weiter berührte noch Campbell Bannerman die kitzliche Frage des Kongostaates, an bereit Lösung England im Augenblick durch seinen großen afrikanischen Besitz stark interessiert ist. Man weiß, daß England die Mißwirtschaft, die am Kongo herrscht, sehr scharf tadelt und schon mehrfach deshalb in Brüssel Vorstellungen erhoben hat. Man will zwar augenblicklich nicht eingreifen, da das belgische Parlament sich mit der Angelegenheit beschäftigt, aber es steht außer Frage, daß die englische Regierung seinerzeit, wenn sie es erforderlich erachtet, energi.ch einschreiten wird. Nicht ohne Interesse ist es schließlich, daß Campbell Bannerman der verschie­denen neuen Vertragsabschlüsse nur ganz nebenbei gedenkt, womit er zweifellos beabsichtigt, den Eindruck der Kaiser- rei,e zu verwischen und nicht den Anschein zu erwecken,- als ob Englands unfreundliche Politik gegenüber Deutsch­land trotz alledem fortdauern würde. Wir in Deutschland haben keinerlei Grund, die Hand, wenn sie sich uns ent* gegenstreckt, zurückzuweisen.___________________

Ausland.

Haag, 11. Nov. Wie hier verlautet, wird die deutsche Kaiserin der Königin von Holland am nächsten Sonntag im Schlosse 5^et-Loo einen Besuch abftaiten.

Rom, 11. Nov. Dem gestern in Neapel verstorbenen Bautenminister Gi a n tur co wurde kurz vor seinem Tode durch einen Abgesandten des Papstes der päpstliche Segen erteilt. Ter Minister hatte bekannt­lich in letzter Zeit versucht, in ber italienischen Kammer eine Zentrumspartei zu bilben. \

Wie eS heißt, beabsichtigt die Verteidigung Nasis einen Haupteoup durch Veröffentlichung von Briefen und Quittungen Zanardellis, des damaligen Kabi* nettschess, der von Nasi aus dem Pressefonds Gelder ver­langte und erhielt.

Varis, 11. Nov. Wegen größerer Ruhe st ö* rungen, die kürzlich infolge der Berufung zweier Professoren aus der Provinz seitens der Studenten in Szene gesetzt wurden, verfügte der Kultusminister Briand die Schließung ber medizinischen Fakultät bis zum 21. Dezember 1907.

Figaro" zufolge wird Präsident Falliöres im nächsten Jahre außer in Schweden, Norwegen und Dänemark auch in Madrid und London Besuche abstatten.

Aus S.aor uuo

Gießen, 12. Nov. 1907.

* Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben^ den Bezirkskassier der Bezirkskasse Pfeddershenn Wilh. Wolfschmidt zu Pfeddersheim in gleicher Diensteigenschaft au die Bezirkskasse Offenbach versetzt, den Fmanzafpiranten Phil. 9(ug. Strauß aus Langen zum Hauptsteueramts- af|i|tentcn bei dem Hauptsteueramt Woru,s und den Finanz- aspiranien Gg. Janson aus Dartnfladt zum Hauptsteueramts- asjiilenten bei dem Hauptsteueramt Gießen ernannt.

Der Zu drang zum höheren Staats- f o r ft d i e n st überfleigt, wie die Tarmft. Ztg. offiziös mitteilt, das Bedürfnis nach Anwärtern in hohem Rtaße. Die Zahl der unbeschäftigten Forstassessoren ist jetzt schon recht erheblich und wird bei der großen Zahl der Forstreferendare voraus­sichtlich noch start amvachsen. Diese Verhältnisse werfen nicht nur ihre schatten auf die Zukunft der betreffenden jungen Herren, sondern auch auf die Zukunft des Staatsforstdienstes. Die Stellung eines Oberförsters verlangt ganz besonders frische rüstige ÜJiäimer, die allen Anforderungen gclvachsen sind. Es muß daher damit gerechnet werden, daß bei einer Ueberzahl von Fortaffessoren em Zeitpunkt eintreten wird, in dem das Interesse des Dienstes es unmöglich macht, die sämtlichen Forltassessoren in der Reihe ihrer Ancienität als Oberförster anzilftellen. Es würde, wenn dieser Zeitpunkt eintritt, damit zu rechnen sein, daß ein Forstaffessor, dec eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat, nicht mehr Oberförster werben sann. Die Studierenden des Forstfachs aber Haven damit zu rechnen, daß in Zukunft nur eine sehr beschränkte Zahl nach Belteheu der Hochschi,lprüfung zuili Vorbereitungsdienst "gelassen wird. Zur Verivendung im Forstdienst haben in öcv Zukunft nur besonders tüchtige Forstassessoren Aussicht.

* DekanatZsynode. Wie schon in ben kirchlichen Anzeigen des vorigen Sonntags mitgeteilt wurde, wird morgen, Mittwoch, vorm. 9 Uhr im Saale der Johanneskirche die diesjährige Dekanalssynode abgehalten. Ten Verhandlungen geht ein öffentlicher Gottesdienst voraus, in dem Pfarrer schulte von Großen-Linden predigen wird. Gegenstand der Verhandlungen ist unter anderem ein Referat von Pfarrer Groth-Rödgen und Pfarrer Schwabe-Gießen über die Frage- Welche aUgememch Gesichtspunkte lassen sich unter Beruck- stchltgung der seither gemachten Erfahrungen, sowie der Gemeind eh ausfrage, für die iog. Gememdeabende