Nr. 151
Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
157. Jahrgang
Die »«letzener Samllienblütter“ werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „KrtUblott für de« Ktel* Siek««" zweimal wöchentlich. Der „liesst,che Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Montag 1. Xxli 1907
Rotationsdruck und Verlag _ UnwersttLtS. Buch- und ^hl^en 8L Lange, ®terMCu4ttet
Redaktion, Expedition und Druc, — , . straße 7. Expedition und BetuL-...
Redaktion: 112. Tet^AdruA«^^
politische Lagesscha«.
Der Peters-Prozeß.
Ein seltsames Schauspiel rollt sich jetzt im Münchener Justiz geb äude ab: ein Prozeß, den ein Kolonial- politiker toegen einer ihm durch den vwdakteur eines sozialistischen Blattes zugesügten Beleidigung angestrengr hat, in dem aber die Verhandlungen in einer Weise geführt werden, daß der Kläger als der Angeklagte erscheint, und was das seltsamste dabei ist, es geschieht dies sogar auf Veranlassung des Klägers, der den Prozeß als Mittel benutzt, um sich von all dem im Laufe der Jahre gegen ihn erhobenen schweren Beschuldigungen weiß zu waschen. Dr. Peters will den Münchener Prozeß als Mittel zu seiner Rehabilitierung benutzen, da es bei einem Disziplinarverfahren kein Wiederaufnahmeverfahren gibt. Aus solche 'Werse ist die ganze Sachlage verschoben und der Prozeß aus einer Vrivatsache zu einer politischen Angelegenheit geworden, die allenthalben mit -em größten Interesse verfolgt wird. Die Zeit mildert vieles und so sieht inan heute auch die angeblichen Verfehlungen der früheren Reichskommissare in einem wesentlich anderen Lichte, indem man eingesehen hat, daß in jenen Gegenden die Rechtsanschauungen andere sein müssen, als in der Heimat. Man kann über Herrn Dr. Peters beulen wie man will, und man mag auch zugeben, daß vielleicht nicht immer die von ihm verfügten strengen Maßnahmen am Platze waren, aber man wird ihm und seinen Freunden darin beistimmen müssen, daß nach alledem was man hört, das Diszipli- plinarverfahren in einer Weise geführt worden ist, die keinen sebr günstigen Eindruck zu machen geeignet ist. Wichtige Zeugen, die den Angeklagten hätten entlasten können, sind trotz seines dringenden Wunsches einfach nicht vernommen worden, auch hat man bei Beurteilung der Angelegenheit sich auf einen rein bureautratischen Standpunkt gestellt, ebenso kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob in der Affäre noch mancherlei Machenschaften mitgespielt hätten. Die Münchener Prozeßverhandlung erbringt auch den Beweis, daß sQ)on in früheren Jahren es an Einheitlichkeit in unserer Kolonial- veruoaltung gefehlt hat und daß schon damals unter einem wenig energischen Leiter arge Mißstände eingerissen waren. Der Tmkerbrief hat sich schon vor langen Jahren als gefälscht erwiesen, und obwohl dieser in dem Verfahren gegen Peters eine Hauptrolle spielte, ist seitens der Negierung nichts geschehen, um Dr. Peters eine gewisse Genugtuung zu gewähren, höchstens daß ihm gestattet wurde, sich Reichskommissar a. D. zu nennen. Bedauerlich ist auch das Verhalten Bebels, der seinen Gewährsmann, trotzdem er selbst getäuscht wurde, nicht nennen will und man kann es Dr. Peters nicht verdenken, wenn er durch die überaus scharfen Worte des sozialdemokratischen Führers gereizt, diesem entgcgenschleuderte, daß er sich unter solchen Umständen mitschuldig mache. Wie auch der Ausgang des Prozesses sein möge, — in dem ein Verhandlungsleiter fungiert, wie es leider nur wenige gibt — so ist doch das eine schon heute auf Grund der gemachten Aussagen klar, daß eine wesentlich andere Auffassung über das Verhalten Dr. Peters! Platz greifen wird. Ohne daß inan seine Taten gerade beschönigt, wird man doch einräumen müssen, daß er zum Teil unter dem Zwange der Verhältnisse nicht anders handeln konnte und man wird sich wieder gern des Umstandes erinnern, daß es Dr. Peters gewesen ist, dem wir den schönen ostafrikanischen Kolonialbesitz zu verdanken haben. Gleichzeitig aber werden vielleicht aus den Verhandlungen sich mancherlei beherzigenswerte Lehren für unsere Kolonialverwaltung und ihre Beamten ergeben, so daß auch nach dieser Seite hin der ^Prozeß sein gutes haben wird.
Deutsch-französische Annäherung?
Paris, 1. Juli. Der Berliner Korrespondent des Temps telegraphiert seinem Blatte, Etienne habe ihm vor seiner Abreise nach Paris gesagt, daß seine beiden langen Unterredungen mit dem Kaiser zwar alle politischen Tagessragen berührten, aber keinen diplomatischen oder offiziellen Charakter gehabt hätten. Der Korrespondent hat aber den persönlichen Eindruck empfangen, daß Etienne aus Kiel und Berlin die Zuversicht aus eine fortschreitende Verbesserung der französischdeutschen Beziehungen nach Hause mitnimmt.
— Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge wurde am 29. Juni der frühere französische Kriegsminister, Mitglied der De- putrertenkammer, Etienne, von dem Reichskanzler empfangen.
Paris, 30 Juni. „Petite Republique." sagt, sie könne erklären, daß nichts Neues geschehen sei. Zwischen dem deutschen Reichskanzler und dem französischen Botschafter beständen höfliche, sogar herzliche Beziehungen; aber bezüglich Marokkos sei keine Unterhandlung begonnen worden, und könne auch nicht begonnen werden, ehe die fünfjährige Gültigkeitsdauer der Algecirasakte zu Ende sei. „Siecle" sagt: Wir wünschen eine Verständigung mit Deutschland über alle Fragen, über die eine Verständigung durchführbar ist, d. h. bis auf weiteres über die Kolonralfragen zweiter Ordnung oder andere Fragen; aber die besondere Lage Frankreichs legt seiner Diplomatie die Haltung kluger Reserve auf. „Gil Blas" behauptet, Etienne sei nach Berlin gegangen, um die durch das französischspanische Uebereinkommen entstandene Beunruhigung zu beseitigen. Das Blatt spricht über den Etienne bereiteten Empfang seine Freude aus. Etienne sei am besten dazu geeignet, um die Wirkung der in ihrem Gedanken richtigen, in der Anwendung aber vielleicht etwas abenteuerlichen Politik abzuschwächen.
— Das „Journal des Debats" beschäftigt sich mit den Gerüchten von einer möglichen deutsch-französischen Entente in Kolonralfragen und sagt: Es wäre inopportun, günstige Preßäußerungen mit Uebelwollen aufzunehmen oder sie mit zuviel Eifer zu verzeichnen. Mr dürfen den guten Willen nicht im Voraus entmutigen, der etwa in Deutschland hervortritt, um eine Entente an Stelle oer offenen latenten Schwierigkeiten treten zu lassen, Au denen Mchro^^w. die Urjache oder der Vorwand war. Wenn dM Deutschen zu gewinnen haben bei der
Fortsetzung dieser Schwierigkeiten, so würden wir bei ihrem Ende nichts zu verlieren haben. Die Erfahrung zeigte, daß einige Liebenswürdigkeiten noch nicht das Verschwinden der Schwierigkeiten antündigten. Die Besprechungen, die außerhalb dem regulären diplomatischen Wege gepflogen wurden, schienen mehrmals eine Entente anzukündigen, aber es war bald unmöglich, bei ihnen ein anderes Ziel zu entdecken, als das, uns zu bewegen, unsere allgemeine Politik diskutieren zu lassen, und dem marokla- nischen Köder, der vor uns hin und her bewegt wurde, zu folgen oder in Teilen der öffentlichen Meinung Illusionen zu verbreiten, die unserer Regierung bei der Politik der Klugheit oder der Reserve, wozu sie durch die Brutalität der Tatsachen gezwungen war, Verlegenheiten bereiten könnten. Die Vergangenheit muß das Summen der die diplomatijchen Kutschen umscha.airmenden ^-Liegen mildern (le Passe doit rnoderer les bourtonnements des mouches du coche diplomatique). Wenn sich eines Tages jenseits des Rheins gute Stimmung zeigt, muß man sich hüten, sie zurückzuweisen, aber auch abwarten, ob sie auf unserer Botschaft in Berlin, die gegenwärtig jo vortrefflich besetzt ist, in Erscheinung tritt. In der Lage, die aile Präzedenzfälle, selbst in den Augen der am wenigsten Bedächtigen, zu. heiklen machen müssen, muß man sorgsam die üble Laune, die rückwärts blickt, vermeiden, aber ebenso auch unverantwortliche Schritre, und einen Eifer, der zu schnell das Schwimmholz vergrößert, das in der Ferne auf den Wassern der Diplomatie schwimmt (grossissant trop vite les bätons flattent loin sur les ecoux diplomatiques).
Die Haager Friedenskonferenz.
Haag, 29. Juni. Aus der gestrigen Beratung der vierten Kommission der Friedenzronserenz über die Unverletzlichkeit des Privateigentums aus See ist 'noch folgendes zu berichten: Präsident Nelioow führt aus, es sei die Frage, ob eine Maßnahme im Sinne des amerckanifchen Vorschlags über die Unverletzlichkeit den Interessen tns Friedens günnig oder ungünstig sein würde. Man könnte in der Tat behaupten, daß gerade in unseren Tagen die politischen Ereignisse seist eng mit den kommerziellen Interessen verknüpft sind. Wenn man daher das Interesse des Handels aus'schalte, so könnte dieser nicht mehr genügenden Grund haben, dem Kriege Zügel auszulegen; der Krieg könnte im Gegenteil sogar dem Handel nützen. Er wolle diese Frage nur janschneiden, ohne seinerseits eine positive Ansicht darüber zu äußern. — Heute beriet die zweite Unterkommission dec zweiten Kommission. Diese Unterkommission wird sich mit den Fragen betreffend die Eröffnung der Feindseligkeiten und über die Pflichten der Neutralen zu Lande beschäftigen. Bezüglich der Eröffnung der Feindseligkeiten liegt ein französischer Antrag vor. Namens der russischen Delegation eÄärte Tscharykow, Rußland habe sich einen Antrag über diesen Gegenstand Vorbehalten. Der französische Antrag trage aber den Wünschen Rußlands genügend Rechnung. Ter Delegierte Asser hat folgenden Fragebogen aufgestellt: Ist es wünschenswert, ein internationales Abkommen über die Eröffnung der Feindseligkeiten zu treffen? Bejahendenfalls : Ist es angebracht zu fordern, daß der Eröffnung der Feindseligkeiten eine Kriegserklärung oder ein gleichbedeutender Akt. vorangeht? Ist 'es angebracht, eine Frist seitzustellen, die zwischen der Notifizierung eines solchen Aktes und der Eröffnung der Feindseligleiten liegen muß? Soll man bestimmen, daß die Kriegserklärung euer der gleichbedeutende Akt den Neutralen notifiziert wird? Und durch wen? Welches würde die Folge sein von einer Nichtbesolgung der vorstehenden Regeln? Welches ist die diplomatische Form, in der die Feststellung über das Bestehen eines Abkommens geboten erscheint. In Anoetracht der großen Menge von Vorschlägen, die teils in der Kommission iwch erwartet werden, hat die Kommission nachmittags diese Frage iwch nicht offiziell durchberaten. Es hat vielmehr nur ein Mei- imngsaustausch stattgefunden, der dem Protokoll nicht einverleibt werden soll. Unter anderen Delegierten erklärte Len-Tseng-Tsiang, China werde sich das Recht der Nichtbeteiligung Vorbehalten bei Fragen, deren Lösung ihm unwahrscheinlich dunke, erklärte aber gleichzeitig, China werde sich jeder Resolution anschließen, für die eine einstimmige Annahme zu erwarten sei. Tie eigentliche Beratung wird am nächsten Freitag stattfinden. Was den ital. Vorfchlag betr. das Bombardement anlangt, will dieser die Anpassung der Bestimmungen der berecks bestehenden Gesetze über den Landkrieg auf die Bestimmungen über den Seekrieg. Tn- nach sollen Städte nicht bombardiert werden, die sich nicht vev- teidigen. Ferner auch nicht Städte, die keine Verteidigungswerke besitzen. Ter russische Vorschlag bezüglich des Lomvardements von Häsen, Städten und Dörfern durch Schiffe verlangt, daß der Kommandant der augreisenden Marine alle Maßnahmen ergreifen soll, die notwendig sind, um nach Möglichkeit die Gebäude zu schonen, die bestimmt sind für die Zwecke des Kultus der Küste, der Wissenschaften, der Wohltätigkeit, Hospitäler und andere Stätten für Kranke und Verwundete. Tabei ist Bedingung, daß diese Gebäude nicht gleichzeitig zu militärischen Zweiten georaucht werden.
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Ha a g, 29. Juni. Heute traf Prinz Tjying Chiyi aus Korea mit zwei Begleitern ein, um bei den Delegierten der Konferenz gegen die Nichteinladung der koreanischen Regierung zur Friedenskonferenz, sowie gegen Vergewaltigung der Souveränität Koreas seitens dec Japaner Einspruch zu erheben. Tjying Chiyi übersandte sämtlichen Delegierten einen schriftlichen Protest und ersuchte den Präsidenten der Konferenz Nelidoff, ihn zu empfangen. Nelidoff antwortete, er könne dem Ansuchen nicht willfahren, da er nur solche Deputationen empfangen könne, welche ein amtliches Einführungsschreiben der holländischen Regierung besitzen.
Deutsche, Reich.
Travemünde, 30. Juni. Der Kaiser begab sich heute vormittag von der „Hohenzollern" an Bord der „Hamburg", um auf dieser Jacht die Regatta mitzusegeln. Die „Hamburg" machte alsbald los und ging an den Start. Von 11 Uhr 45 Min. ab starteten 22 Jachten zur Wettfahrt des sttord- deutschen Regattavereins und des Lübecker Jachtklubs auf der Lübecker Bucht.
Kiel, 29. Juni. Heute nachmittag verließen die japanischen Kreuzer „T s u k u b a" und „T s ch i t o s e" den Kieler Hafen. Beim Passieren der deutschen Echisfe spielte die japanische Kapelle die deutsche Nationalhymne. Die deutsche Kapelle spielte )ie japanische Hymne. Die deutschen Schiffe signalisierten „Glückliche Reise". Das japanische Flaggschiff antwortete: „Herzlichen Dank für die erwiesenen Freundlichkeiten wahrend dc^ Kieler Aufenthaltes."
Berlin, 29. Juni. In der Sitzung des Bundesrats führte den Vorsitz Staatssekretär des Innern Tr.v.Betymann- Hollweg. Ec begrüßte die Ver,amnnung und gwachte in ehrenden Worten des seitherigen Siaatssiitretäcs bi_> Innern Grafen v. Posadowsty. Ter bayerische ^-ejauvte Gra, v. Lerchen- feld-Kösering schlog ftch namens der Versammlung diesen Worten an und dankte deur Vorsitzenden für seine Begrüßung,
»-»«.«UM»»»»«»»»« I ' fl ja—BJB8.
— Wie die „Franks. Ztg." zu berichten weiß, hat ber5®?“ kanzler in den letzten Tagen eine Anzahl von tariern aus der bürgerlichen Linken und der 9# en* zu politischen Besprechungen einpfangen, die hauptsachl! k n Paarungsprogramm gegolten haben dürften. Dem
Ausland.
Paris, 30. Juni. Wie die Zeitungen aus To ul. melden, soll es zu einem Zusammenstoß zwisch dem Panzertreuzer „Jaursguiberry" und dem To. pedobootszerstörer „Pe r t u i s a n e" gekommen sein. Mar spricht von 60 Opfern. Im Marineministerium hatte man vis 2 Uhr früh noch keine Bestätigung dieser Nachricht. Auf der Marinepräfektur in Toulon wußte man dis 6 Uhr abends noch nichts.
Madrid, 29. Juni. Die Situation in Portugal hat ein kritisches Stadium erreicht. Der König Carlos betrachtet den.Fortbestand der Premierschast Francos als ernste Gefahr für die Monarchie und wird wahrscheinlich seinen Rücktritt von ihm verlangen. Der Besuch des Kronprinzen in Afrika ist aufgeschoben.
Rom, 30. Juni. Eine ofiizielle Note berichtet, daß der neue italienisch-russische Handelsvertrag am Samstag in Petersburg unterzeichnet wurde. Derselbe hat die Dauer von zehn Jahren. Die vertragschließenden Parteien fiiib verpflichtet, einstweilen den Inhalt geheim zu halten.
Genf, 30. Juni. Die Gesetzesvorlage über die Trennung von Kirche und Staat wurde in der heutigen Volksabstimmung mit 7656 Stimmen gegen 6822 Stimmen angenommen.
Prag, 1. Juli. Das altslawische S o k o l f e st erreichte gestern abend seinen Höhepunkt in einem Festzug, an dem über 20 000 Personen teilnahmen. Dabei kam es zu stürmischen Szenen gegen das deutsche Kasino, die hauptsächlich von tschechi,ch-nationalen Studenten inszeniert waren. Fensterscheiben wurden zertrümmert und deutsche Couleur-Studenten, die ruhig ihres Weges gingen, blutig geschlagen. Die Polizei sperrte schließlich das deutsche Haus. Auch nach dem Umzug kam es zu Reibereien und kleineren Zusammenstößen. (B. T.)
Tokio, 29. Juni. Sieben hiesige Handelskammern sandten an die bedeutendsten Handelskammern in den Vereinigten Staaten eine Adresse, in der sie dieselben ausfordern, ihr bestes zu tun, um die gegenwärtig bestehenden Ursachen der Mibstimmung zwischen Japan und Amerika baldigst zu beseitigen und das Gedeihen beider Länder zu sichern. Die Handelskammern sandten ferner aucy eine Adresse an den Präsidenten Roosevelt, in der sie seine Unterstützung erbitten und erklären, wenn man dulde, daß derartige Mißstände Weiterbeständen, so rönne die Eritwicklung des Handels, der auf ben, freundlichen Beziehungen zwischen den beiden Nationen beruhe, schließlich aufgehalten werden.
Uolonialpost.
Berlin, 29. Juni. Die Foctführung der Eisenbahn Lüderitzbucht-Kubub in dec Richtung auf Keetmans- hoop ist, nachdem der.Reichstag am 12. März 1907 seine Zustimmung gegeben hat, damals unverzüglich von der Bau- leckung in Angriff genommen worden. Rach einem Telegramm des kaiserlichen Gouvernements Windhuk konnte in diesen Tagen bereits die etwa 34 Kilometer lange Teilstrecke, bis zur Schakalskuppe für Militärtransporte eröffnet worden.!
— Der „Köln. Ztg." wird aus Witzenhausen tek-*' graphiert, daß Staatssekretär Dernburg, der die dortige: deutsche Kolonialschule besichtigte, erklärt hat, daß alle Meldungen über eine Verschiebung seiner Reise nach Afrika aus Familienrücksichten durchaus unzutreffend seien.
Hamburg, 29. Ium. Heute nachmittag ging der Dampfer ^Feldmarschall" der Ostafrikalinie mit einem Ab-^ lösungstransport von 7 Offizieren, 147 Unteroffizieren und Alannschasten nach Afrika ab.
Neues aus Rußland.
Petersburg, 30. Juni. Die russische Regierung hat soeben einen Beschluß von enormer Wichtigkeit gefaßt, nämlich: die faktische Lösung der Agrarfrage noch vor Zusammentritt der dritten Reichsduma vorzunehmen. Durch diesen Beschluß der Negierung werden kleine Prwat- besitze geschaffen, wonach die Bauern mit aller Macht streben.
— In ganz Rußland macht sich ein Riesen- an wachsen des Terrors bemerkbar. In Tomsk, Samara^ und Archangelsk wurden Banken überfallen und ausgeraubt. Nlehrere Personen wurden ermordet. In Astrachan und Odessa wurden ebenfalls eine Reihe terroristischer Attentate verübt.
— Ter ehemalige Ackerbauminister Jermelow ist von einer Reise in die von der Ät iß ernte heimgesuchten, Provinzen nach Petersburg zurückgekehrt. Jermelow hat festgesiellt, daß die Bauern am meisten in den Provinzen gelitten haben, in denen Agrarunruhen stattsanden, und wo die Grunoeigentümer ihre Lirtschaflsveüriebe aufgegeoeu haben. Jermelow such: jedoch die weitere Feststellung^ baß die Armut der Bevölkerung nicht in Beziehung steht mit zu geringem Ländereibesitz. Bauern, welche große Ländereien besaßen, wurden in gleicher Weise von bijr Hungersnot betroffen, wie diejenigen, weiipe unter zu geringem Landbesitz zu leiden hatten. Kaschiren, die an Skorbut litten, besitzen manchmal Hunderte von Dißjätinen. Jermelow sag:, der Stand der Saaten sei ein ausgezeichneter,, man rönne auf eine gute, ja sogar auf eine glänzende Ernte rechnen.
Die Unruhen im Süden Frankreichs.
Paris, 30. Juni. Die Nachrichten auö dein Süden bestätigen übereinstimmend, eine zunehmende Gereiztheit unter der Bevölkerung infolge dec Haltung der Kammer und trotz der Ansage dec Neprejsivmaßcegeln Cls-


