Ausgabe 
1.6.1907 Zweites Blatt
 
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Rom, 3£ Mai. Auf der deutschen Botschaft fand heute die Unterzeichnung des notariellen Schenkungsaktes 'statt, durch welchen Geh. Kommerzienrat v. Mendelsohn-Bar- tholdy sein Eigentum an dec Villa Falconieri in Fras­cati 'auf den deutschen Kaiser überträgt.

Lansing (Michigan), 31. Mai. Aus Anlatz 'der Feier des 20jährigen Bestehens der landwirtschaftlichen Hoch­schule Michigan, der ältesten in den Bereinigten Staaten, hielt Präsident Roosevelt eine Ansprache, in der er betonte, die Landwirte sollten sich zusammen schließen. Ties sei das wirksamste Mittel, die Interessen ihres Berufes gegen­über beit in hohem Matze organisierten Interessen Anderer, denen sie auf allen Seiten begegneten, zu wahren.

Aus StdOt uno LE0.

Gießen, 1. Juni 1907.

* Anla gentusik. Um 11V, Uhr wird morgen in der Süd-Anlage folgendes Programm gespielt werden: Fest-Ouvertüre von Lortzing; Auf dem Meere, Walzer von Triebel; Finale a. d. Op.Ter Geist des Wojwodan" ; Der Torgauer Armcemarsch.

* Verhaftet wurde gestern abend ein seit drei Tagen hier sich aufhaltender Schlossergeselle, derblau ge­macht* und die Gelder zum Trinken sich durch Betteln zu beschaffen suchte. Beim Betteln abgefaßt, leistete er dein Schutzmann Widerstand, skandalierte und beschimpfte den Be­amten, der Mühe hatte, den renitenten Burschen nach dem Arresthaus zu bringen. Ferner wurde ein Bäckerbursche auS Wehlheiten wegen Kuppelei festgenommen.

**DieZahl der Wetturner gelegentlich der Gan- turnfahrt hat bedeutenden Zuwachs 'zu verzeichnen. So haben sich zur morgigen Gauturnfahrt in Rodheim an der Bieber 191 Wetturner gemeldet.

" D i e Gr oH-h erzogt. Eisenbahn-Verkehrs­inspektion Gießen sendet uns folgende Erwiderung auf das Eingesandt dec gestrigen Nummer unseres Blattes:

Herr S., der in der gestrigen Nummer der geschätzten Zeitung über die Zustände bei der hiesigen Fahrkartenausgabe klagt, Hai anscheinend Deutschland nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit bereist wie das sonnige Italien, er würde andernfalls bemerkt haben, daß am größeren Bahnhöfen immer mehr zur Einteilung der Fahrkartenschalten nach Wagenklassen übergegangen ist. Daß dies nur auS Zweckmäßigkeitsgründen im Interesse der Reisenden ungeachtet der entstehenden Mehrausgaben geschieht, sollte eigentlich keiner Erörterung bedürfen, da es auf der Hand liegt, daß ein Reisender sich nicht schneller und leichter zurcchtstndeli kann, als wenn er nur nach der Klassenbezeichnung über dem Schalter zu suchen hat. Diese Ansicht teilen offenbar auch hiesige Behörden und Personen (Bürgermeisterei, Polizeiamt, Handels­kammer rc.), die wiederholt um die Klasseneinteilung der Schalter ersucht haben. Wenn Herr S. behauptet, er habe 12 Minuten warten müssen, bis ec in den Besitz einer Fahrkarte gelangt, sei, so wird das entweder aus Unzuverlässigkeit seiner Uhr oder auf einen sonstigen Umstand zurückzusühren sein, den die Eisenbahn nicht zu vertreten hat. Ter Schreiber dieser Zeilen war am 28. v. 2)1 zu dec gleichen Zeit auf dem Bahnhof und beobachtete, daß vor den beiden geöffneten Schaltern der L/ILL Kl. mehrfach allerdings 68 Personell standen; darunter befanden sich auch Reisende, die bei ihrem ersten anscheinend zu späten Erscheinen schon Un­ruhe zeigten und offenbar den Wunsch hegten, es möchte sür sie ein besonderes Schaltersenster frei gehalten werden. Ter anivesend gewesene Vorsteher der Fahrkartenausgabe, der erforderlichen Falls die Oeffnung weiterer Schalter zu veranlassen hat, sowie die Bahnhofs- und die Schalter-Beamten haben zu der angegebenen Zeit von einem besonderen Andrang gleichfalls nichts bemerkt, aiich ist bei ihnen ferne Klage laut geworden. Herr S. mag sich über die Schalteremrichtimgen der hiesigen Fahrkartenausgaben nur beruhigen, denn sie sind einem erheblich größeren Verkehr gewachsen, als er in Gießen u. a. zu herrschen pflegt; zu jeglicher Zeit aber sämtliche Schalter zu öffnen, liegt gar keine Beran- lassung vor. Dagegen muß es immer wieder empfohlen werden, ; rechtzeitig vor den Schaltern zu erscheinen; kommen die Reisenden wie es in Gießen leider ost der Fall ist im letzten Augen­blick und gar in größeren Gesellschaften, dann kann allerdings auf sofortige Abfertigung nicht gerechnet werden. Wer aber Werl darauf legt, ohne jeden Verzug abgefertigt zu werden, der wolle nur von den seitens der Ei,enbahnverwaltung gebotenen Ein­richtungen Gebrauch machen, die nicht nur die Lösung von Fahr­karten eine Stunde vor Abgang der Züge, sondern sogar schon (einen vollen Tag vorher gestatten.

g. L i ß b e r g, 1. Juni. Rach den bisher stattgehabten umfangreichen Vorarbeiten und Messungen ist die Errichtung 'einer elektrischen Zentrale bei unserem Städtchen in sichere Aussicht zu nehmen. Seitens der Kreis­ämter werden gegenwärtig Erhebungen über den Anschluß der in Betracht kommenden Orte angestellt, um einen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, in welchem Umfange auf die,Beteiligung der Gemeinden gerechnet werden kann. An die Gemeinden werden Verzeichnisse gesandt zur Einsicht und zum Unterzeichnen zwecks Beteiligung. Die Ver­messungen haben ergeben, daß durch Bereinigung von Nidder und Hilleröbach ein nutzbares Gefall von 59 Meter und somit eine Kraft von fast 700 Pserderräften gewonnen werden kann, welche durch Dampjre,erve noch bedeutend verstärkt werden wird.

W. Friedberg, 31. Mai. Die kürzlich hier ab­gehaltene Hauptversammlung des Verbands der Kreis­amtsbureaubeamten war außerordentlich zahlreich be- sucht. Der Vorsitzende, Großh. Kreisamtsbureauvorsteher Schneider-Heppenheim begrüßte die Erschienenen, ganz be­sonders Kreiscat Fey und Kreisamtmann Muhl. Kceisrat Fey dankte für die Einladung und hob unter sehr anerkennen­den Worten die Tätigkeit der Kreisamtsbureaubeamten her­vor. Der Vorsitzende brachte den umfangreichen Geschäfts­bericht des Vorstandes zur Verlesung, der allgemeine Zu­stimmung fand, gab er doch ein Bild von der im Interesse des Standes bewältigten Arbeit. Nach Entlastung des Rechners hielt der Vorsitzende einen Vortrag überdie Tätig­keit der Kreisamtsbüreaubeamtcn auf dem Gebiete des Rech, nungswesens, insbesondere der Revision der Kasse- und Buch­führung der Gemeinde-Einnehmer*. Der Vorsitzende betonte, daß die Wichtigkeit dieses Gebietes nicht nur erfordere Re­visionen durch sachkundige (nicht zu jugendliche) Beamten vor­zunehmen, daß vielmehr auch durch das Verlangen von Buch­auszügen in kürzeren Zwischenräumen Kontrolle geübt werden müsse, was seines Erachtens nicht überall, wie dies nötig er­scheine, geschehe. Er führte dann in anschaulicher Weise vor Augen, welche Arten von Revisionen er unterscheide und worauf sich diese zu erstrecken hätten: Kassesturz, vereinfachte Revision (erweiterter Kassesturz), förmliche Revision. Den Wert und die gehörige Beurkundung dec LiquidationS- und Niederschlagsverzeichnisse betonte er besonders. Ec hob die Verantwortlichkeit nicht nuc des Gemeinderats, des Bürger­meisters, sowie des betreffenden Referenten des Kreisamts, sondern auch desjenigen Beamten, der die Genehmigung dieser Verzeichnisse erteile, hervor. Ec verlangte Beurkundung jedes einzelnen Postens. Zum Schlüsse sprach Redner noch über die Aufgaben der Aufsichtsbehörde in Bezug auf die Ver­mögensverwaltung der Gemeinden und betonte, wie die auch zur Vermeidung von Revisionsbemerkungen notwendige Kon-

trollierung sich auf einfachste und wirksamste Weise ausführen laste. Die Position der TagesordnungLage deS Standes* wurde, nachdem verschiedene Anträge zur Kenntnis gebracht worden waren, zu einer späteren Vorstandssitzung zurück- gestellt. Nachdem nach dem Anträge des Vorstandes, künftig die BenennungVerband mittlerer Verwaltungsbeamten des Großherzogtums Hessen* zu wählen, einstimmig Zustimmung erteilt und der Versammlung der Beitritt zu der von dem Deutschen Beainten-Verband ins Leben gerufenen Feuer- und Einbruchsdiebstahl-Versicherung empfohlen worden war, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Gelegentlich deS hiernach folgenden gemeinsamen EssenS brachte der Vorsitzende ein Hoch auf Kaiser und Großherzog aus.

R.B. Darmstad t, 31. Mai. In der heutigen Stadt­verordnetensitzung wurde ein von der sozialdemokr. Partei bei der Stadtverwaltung eingereichtes Gesuch um Errichtung einer städtischen Metzgerei ab­gelehnt, da diese Einrichtung nach den Versuchen mehrerer Städte sich nicht bewährt hat.

X Hanau, 31. Mai. In der nichtöffentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde die Aufnahme einer Anleihe von 300000 M. zu 4,08% Verzinsung und 1%% Amortisation bei der Frhr. von Stummschen Ver- mögensverivaltung zu Ramholz genehmigt. Später wird sich noch die Aufnahme immer größerer Anleihen erforderlich machen.

A tz b a ch, 31. Mai. Am letzten Mittwoch wurden aus den zehn Gemeinden der vereinigten Bürgermeisterei Atzbach-Launsbach sämtliche Pferde ziir Musterung vorgeführt. Wie in früheren Jahren, so hielt auch jetzt wieder Major z. D. von Rosenthal die Pferdemusterung ab. Es wurden insgesamt 132 Pferde vorgestellt, darunter manches brauchbare Kriegspferd. Krofdorf hat die meisten Pferde, nämlich 38, dann folgen Atzbach mit 25, Dorlar 20, Kinzenbach 17 u. s. f. Gleiberg und Vetzberg haben je nur ein Tier aufzuweisen.

[] Marburg, 31. Mai. Tie Stadtverordneten stimm­ten heute den Um- bezw. Erweiterungsbauten deS bekannt­lich Theaterzwecken dienenden von derGesellschaft Stadt­säle" erworbenen Museumsgebäudes) welche einen Kosten- aufwand von 75 000 Mk. beanspruchen, zu.________________

Die Vollendung des Gruppenwasserwerks Lauter.

Das Gruppenwasserwe rk des Staates, an dem jetzt über 2% Jahre gearbeitet wird, geht seiner Vollendung ent­gegen. In 14 Tagen ist der Hauptrohrstrang Lauter-Hungcn-Bad- Nauheim-Fciedberg vollendet, dann erfolgt die Durchspülung und Reinigung der Leitung und voraussichtlich aml.JulidieJn- be tr i e b setz un g des Wasserwerks. Es ist das größte Wasserwerk Oberhessens, ja wohl des gesamten Grobherzogtums, oll es doch nach dem Projekt des Staates 29 Orte, darunter auch Bad-Nauheim und Friedberg, hinreichend mit vorzüglichem Trink­wasser versehen. Im Herbst 1904 war es, als der Staat in dem idyllisch gelegenen engen Tale des Lauterbachs östlich von Lauter die Bohrungen nach Trinkwasser sür Bad-Nauheim begann. Nach übereinstimmenden Gutachten hervorragender Geologen ist es nämlich für die Erhaltung der Sprudel und Trinkguellen von größrer Gefahr, andauernd Wasser in erheblichen Mengen aus dem Untergrund in der Nähe von Bad-Nauheim zu entnehmen. Und o hat man darauf Bedacht genommen, in größerer Entfernung einen geeigneten Wasserbezugsort zu suchen. Als solcher bot sich Lauter an der Ostgrenze des Kreises Gießen. Das Resultat der Bohrungen und Messungen war so erfreulich, daß die Regierung beschloß, eine Gruppenwasserleitung für die Orte der oberen und mittleren Wetterau bis hin nach Friedberg und Assenheirn herzu­stellen. Während man anfänglich nur oVstaufenb Kubikmeter Wasser täglich feststellte, ist jetzt nach Vollendung der Quellsassungen das Quantum auf ca. 7000 Kubikmeter gestiegen. Da die Regierung den Leitungsbetrieb äußerst billig Herstellen konnte geschieht doch die Wasserzufuhr ohne jeglichen Dampfbetrieb und ohne Maschinen, allein durch natürliches Gefäll, so war das Angebot für die Orte äußerst günstig. Der Kubikmeter (ca. 100 Eimer? kostet je nach Lage rund 8 Pfg., womit die Forderung des Staates zugleich verzinst und amortisiert wird. Es haben sich bis jetzt ca. 15 Gemeinden angcschlossen, darunter außer Friedberg und Bad-Nau­heim bet Orte Dorheim, Wölfersheim, Schwalheim, Berstadt, Melbach und Södel, Lauter, Ober-Bessingen, Nonnenroth, Villin- gen, Treis-Horloff, Utphe u. a. Die Arbeiten zum Anschluß der Gemeinden sind größtenteils vollendet, an einzelnen wird noch ge­arbeitet. Das gesamte Quellgebiet ist nahezu einen Kilometer lang und erstreckt sich von der Bingmühle bis zum alten Postweg Laubach-Grünberg. Außer dem großen, neun Meter tiefen Sam­melbrunnen an der Bingmühle, sind noch zwei kleine an der Tröllersmühle vorhanden; an der obersten Quelle ist eine große Quellenkammer. Von dieser führt eine ca. 800 Meter lange Sicker­rohrleitung bis zur Bingmühle. Die Leitung ist mir Kiesschichten eingehüllt, der Ankauf dec Quellen kostete ca. 70 000 Mk., die Quellen an der Bingmühle ca. 52 000 Mk., an der Tröllermühle ca. 15 000 Mk., wozu noch einige kleinere Käufe kommen.

Auf dem Quellengebiet bei Lauter selbst ist die größte Vorsicht angewandt worden, um jede Verunreinigung durch Tagwasser un­möglich zu machen. So wird gegenwärtig ein etwa 300 Meter langer Flutgraben hergestellt, der bei Hochflut und Gewitter das Tagwasser aufnimmt. Der Graben wird zuletzt betoniert, erhä.t eine Zmieiitr nne und beiderseits Baftl bf.öfter, das mit Asphalt ausgegossen wird. Der Graben soll ca. 20 000 Mk. kosten. Für die Wasserversorgung von Sauter wird, um genügenden Druck zu gewinnen, ein Teil der obersten Quellen in einer besonderen Leitung abgeführt und dem Hochbehälter für die Gemeinde Lauter zugeleitet. An dieser Leitung wird gegenwärtig noch gebaut Da der Lauterbach durch das Wasserwerk den größten Teil seiner be­trächtlichen Wassermengen verlieren wird, so hat der Staat die Ab- icht, den Mühlenbesitzern eine angemessene Entschädigung zu ge­währen; es sollen hierzu 80 000 Mk. vorgesehen fern. Der Hauptrohrstrang von Lauter bis Bad-Nauheim und Friedberg hat eine Länge von 37 Kilometer, die Arbeiten wurden in neun Losen vergeben. Er führt von Lauter über Wetterfeld, Hessen­brückerhammer, Ober-Bessingen, Nonnenroth,' Hungen, Inheiden, Utphe, Berstadt, Wölfersheim, Södel, Melbach, Dorheim, Schwal-

Bad-Nauheim und Friedberg. Von dem Hauptrohrstrang ist bei Berstadt eine Abzweigung nach den Orten Echzell, Reichels­heim usw. vorgesehen. Zur Spülung und Reinigung des Rohr» Langes sind auf der Strecke ca. 20 Abzweigschächte vorgesehen. Die Spülung wird ca. 14 Tage in Anspruch nehmen. Für den ftaatlidien Betrieb in Bad-Nauheim ist auf dem Goldstein ein 1000 KubikNieter fassender Hochbehälter erbaut worden, der 35 000 Mark kostet. Von hier werden Elektrizitätszentrale, Waschanstalt, Badchäuser und die übrigen staatlichen Gebäude mit Wasser ver­argt. So ist denn das erste Riesenprojekt in Oberhessen, dessen Ausführung rund 2 Millionen kostet, nahezu vollendet und sieht voraussichtlich am 1. Juli seiner Betriebseröffnung entgegen, ein Ereignis, dem viele Orte Oberhessens mit Freuden entgcgensehen.

Vermischtes.

* Da§ große Los. In der gestrigen Nachmittags­ziehung der preußischen Klassenlotterie siel der Haupt­gewinn von 500000 Mk. auf die Nr. 200 355.

* Berlin, 31. Mai. Die Witwe Nager, die Besitzerin einer Restauration, verließ ihre Wohnung und ließ ihre zwei Kinder unter der Aufsicht des Dienstmädchens zurück. Als ihr bei ihrer Rückkehr auf anhaltendes Klopfen nicht geöffnet wurde, wurde die Tür gewaltsam geöffnet. Die Eintretenden fanden beide Kinder völlig entkleidet auf den Bettmatratzen liegend vor. Tas Zimmer war mit einem stechenden Geruch angeftlllt.

Tas neun Monate alte Kind röchelte, der Körper war blau angelaufen. Der herbeigerusene Arzt erklärte, es liege offen­bar eine Salz säure Vergiftung vor und ordnete die lleber- führung des Kindes nach der Charite art. Wie das dreijährige Kind erzählt, bot auch ihm das Tienstmädchen zu trinken an, es habe aber nichts genommen. Tas Dienstmädchen war verschwunden. Es fehlen drei Stand-Betten, die besten Kleidungsstücke dec Frau Nager und 160 Mark.

* München, 31. Mai. Zwei sch wereRauban fälle wurden heute am Hellen Tage mitten in der Stadt verübt. Auf dem Viktualmarkte wurde ein B cruer von vier Burschen Über­fällen, welche ihm einen großen Korb über den Kopf warfen und ihm aus der Tasche sein Bries-Portefeuille mit 30 000 Mk. in Hypotheken-Pfandbriesen raubten. Die Räuber entkamen. Zur gleichen Zeit wurde auf dem Kärlsplatze ein Bankdieneir/ welcher außer zwei Geldsäcken, die ungefähr 40 000 Mk. ent­hielten, auch Pfandbriefe im Werte von 28 000 Mk. zu befördern hatte, von einem Unbekannten angegriffen, wobei sich zwischen beiden ein Kämpf entspann. Ter UnbcEannte flüchtete schließlich mit Verlust seines Ueberziehers. Er wurde ,t>on zahlreichen Passanten verfolgt und auch festgenommen.

* O x i o r d, 30. Mai. Jüngere Studenten waren ergrimmt über den Erfolg der Kollegien Christ Curch und Merton im Ruder­sport und beschlossen, die den beiden Kollegien gehörigen Tribünen auf ihrem Grundstücke niederzubrennen. Infolgedessen griffen sie am 29. Mai abends zu Hunderten die Tribüne an, über­wältigten nach langem Kampfe die Polizei und die F e u er­wehr, welche die Tribüne zu schützen suchten, steckten das Zelt des Sekretärs in Brand uni) zertrümmerten und verbrannten viele Stühle, Bänke und andere Gegenstände.

* Kleine Ta geschronik. In Hamburg ist nach dem Mittagessen die aus sechs Köpfen bestehende Fa­milie Lehmann unter schweren Vergiftungserschei- n u n g e n erkrankt und mußte ins Krankenhaus überfuhrt werden. Ein sechsjähriger Knabe ist auf dem Transport gestorben, ein 14 jähriges Mädchen ringt mit dem Tode. In Ro, m traf am 31. Mai der Leutnant Krause von der deutschen Gesandtschaft in Bukarest ein, der den Weg von Bukarest bis Rom zu Pferd zurückgelegt hat.

Arbeiterbewegung.

Frankfurt a. SDL, 31. Mai. Heule 'Diuiag wurden in den Adlerwerken 60% der Arbeiter (1500 Mann) ausgesperrt. Tie Arbeiter bleiben vorläufig in den Betrieben, doch ist nicht ausgeschlossen, daß sich die Situation bis morgen verschiebt.

(Frkf. Ztg.)

Ludwigshafen, 31. Mai. Nach derPfalz-Post" von an­geblich zuverlässiger Seite gemachten Mitteilungen sei zur eventl. Unterdrückung von Ausschreitungen, die anläßlich der Lohnbe­wegung der Hafenarbeiter in der Badischen Anilin- uud Sodafabrik eintreten könnten, das dritte Bataillon des 17. 3 n f a n t e r i e r e g i m e n 15 in Germersheim feit Mittwoch abend marschbereit und mit scharfen Patronen ausgerüstet. Es besteht jedoch bis jetzt nicht die geringste Veranlassung zu einer derartigen Maßnahme.

Universitäts-Nachrichten.

Sonn, 31. Mai. Der amerikanische Professor BurgeS wird vom 4. bis 21. Juni an der hiesigen Universität Vorlesungen über das Staatsrecht der Vereinigten Staaten halten. Die Vorlesungen finden im Auditorium maximum statt. Prinz August Wilhelm wird den Borleslmgen beiwohnen.

Tie Ernennung des Professors Dr. Heinrich Her kn er in Zürich zum etatmäßigen Professor der Volkswirtschafts­lehre an der Technischen Hochschule zu Chavlottenburg^ anstelle des zurücktrctenden Geh. Rats Dr. Paasche verdient besondere Beachtung. Schon die Tatsache ist interessant, daß Herk- ner ein Schüler unb Anhänger Luso Brentanos ist. Herkner ge­hört $u den hervorragendstenKathedersozialisten". Durch alle Publikationen Herkners zieht sich ein liberal-demokratischer Geist.

Ter Verband der Bursch en schäften an den tech­nischen Hochschulen hat, angeregt durch die Tatsache, daß einalter Herr" des Verbandes sozialdemokratischer Abgeordneter ist, auf seiner letztem Pfingsttagung foI-< gende Entschließung gefaßt:Der,Rüdesheimer Verband deutsche« Burschenschaften' hält die Angehörigkeit eines Sozialdemokraten zum Verbände für unvereinbar mit der vaterländischen ©e* sinnung, die er von seinen Mitgliedern verlangt."

Attnst AN- Wissenschaft.

Wien, 31. Mai. Die Vollversammluilg der internationalen Assoziation der Akademie hat eine interakademische Herausgabe der Werke des Philosophen Leibniz beschlossen. Die­selbe soll unter Leitung und Verantwortung der beiden Pariser 'Akademien und der Berliner Akademie, welche die erforderlichen Vorarbeiten bereits abgeschlossen haben, erfolgen.,

Famitten-Nachrichten.

Gestorbene: Herr Andreas StraShemr 3. in Griedel; Herr Baurat Schmidt i. P. m Darmstadt; der frühere Gr. Bürgermeister Herr Heinrich Ritz 3. in Willofs; Frau Susanne Knabenschuh in Butzbach. ________

Müller sche Badeanstalt.

Wasserwärme ant 1. Juni: 16° R.

Gießener Wetterdienst.

Voraussichtliche Witterung für Hesse» am Sonntag den 2. Juni: Meist trüb, Regensälle, etwas kühler, westliche Winde.

Original-Drahtmet-nngen.

London, 1. Jnni. Gestern starb in seinem Hause in South Hampstead, London NW., der bekannte Schriftsteller und Politiker Karl Blind. (Blind war 1820 zu Mann­heim geboren. Er beteiligte sich als Heidelberger Student an der polit. Bewegung von 1848 und an den Hecker'schen und Struve'schen Frcischarenzügen, wurde nach Erstürmung der Stadt Staufen mit Struve gefangen und zu 8jähr. Zuchthaus­strafe verurteilt, aber im Mai 1849 durch Volk und Soldaten befreit. In Karlsruhe wurde ec durch den Landesausschuß als diplomat. Bevollmächtigter nach Paris gesandt, und hier, der Teilnahme an dem Aufstand vom 13. Juni 1849 be­schuldigt, 2 Monate gefangen gehalten, bann auS Frankreich verwiesen. In London hat er alsdann gelebt und die Demo­kratie immer wieder zu nationalen Gesichtspunkten zu ge­winnen versucht. Seine Arbeiten auf dem Gebiete der deutschen Altertumskunde erschienen zumeist in derVoss. Ztg." D. Rd.)

London, 1. Juni. CH amb erlain kehrt von seinem Kuraufenthalt in Süd-Frankreich heute zurück. Sein Zu­stand hat sich derart gebessert, daß er demnächst seine poli­tische Tätigkeit wieder auf nehmen kann.

Graz, 1. Juni. Die Ortschaft Waitz wurde durch ein furchtbares Unwetter heimgesucht. Der Blitz schlug in einHaus, tötete den Besitzer und verwundete dessen Frau und zwei Kinder. Die übrigen Personen kamen mit dem Schrecken davon.

Saloniki, 1. Juni. Eine griechische Bande drang während des Gottesdienstes in die bulgarische Kirche des Ortes Baracki ein und ermordete den die Messe lesen­den Priester und den Kirchendiener.

K a s ch a u, 1. Juni. Infolge Scheuens der Pferde vor einem Automobil stürzte die Equipage des Bischofs von Kaschau, Dr. Kolbric, um. Der Bischof, sowie sein Be­gleiter, der Kardinal Toszt, und der Kutjck)er wurden er- beblich verletzt.