Ausgabe 
10.6.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 133, zweites Blatt LS7. Jahrgang

Montag 10. Jnni 1907

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener ZamllienblStter" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Hreisblott für den Xreir Sieben" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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KoLitische Lcigesschau«

Staatsstreich in Portugal?

2er Parlamentarismus hat bisher in Portugal noch eine seiner besten Heimstätten gehabt. Streng nach den Regeln des Parlamentarismus wurde er regiert, und wenn einmal sich die Mehrheit der Volksvertretung gegen das Ministerium erklärte, so wurde entweder dieses vom König entlassen und durch ein neues, aus den Führern der Parla- mentsmehrhcit gewähltes ersetzt oder das Parlament auf­gelöst und nach dem Ergebnis der Neuwahlen über Bei­behaltung oder Neugestaltung der. Regierung entschieden. Nun herrschen zwischen dem Ministerium und der ALgeord- netenhausmehrheit die schärfsten Gegensätze. König Carlos aber beläßt das dem Parlament unbequeme Ministerium im Amte. Sieben Staatsratsmitgliedcr haben in einem Schreiben an den König festgestellt, daß der gegenwärtige Zustand ein vollkommen absolutes Regiment darstelle, und dessen Beseitigung gefordert. In Versammlungen, an denen Mitglieder der ersten Kammer sowie die Führer der dem Kabinett feindlich gegenüberstehe,idcn Konservativen und Fortschrittler des Abgeordnetenhauses teilnahmcn, wurden Erklärungen beschlossen, nach denen die Lage für König und Volk gefährlich ist. Mitglieder der Abgeordneten­sausmehrheit und der mit dieser übereinstimmenden Gruppen >er ersten Kammer wollen den König in einer Audienz er- uchen, ordnungs- und verfassungsmäßige Verhältnisse zu chasien, also entweder das Ministerium zu entlassen, oder )as Abgeordnetenhaus aufzulösen. Wie es scheint, hat dazu König Carlos wenig Lust, sondern gedenkt es vorläufig mit diktatorischen Maßnahmen zu versuchen. Ter Konflikt Epischen Krone und Volk dürfte in Portugal also vor der Tür stehen. Die Entwicklung der Dinge ist insofern von größtem Interesse, als die im Kampfe gegen die portu­giesische Regierung stehende Parlaments- unb dem An­schein nach auch Volksmehrheit, soweit sich nach einzelnen Anzeichen beurteilen läßt, mit dem vor einiger Zeit ab­geschlossenen portugiesisch-englischen Bündnis nicht einverstanden ist.

Deutsche» Reich.

Berlin, 8. Juni. TieNvrdd. Allg. Ztg." schreibt: Zu den Verhandlungen über den Abschluß des Handelsver­trages zwischen dem deutschen Reiche und Dänemark sind dänische h«he Beamte hier eingetroffen.

Im kronprin zlichen Hause steht zum zweiten Male ein freudiges Ereignis bevor. Die Kronprinzessin sieht ihrer Niederkunft int November entgegen.

Staatssekretär Dernburg hat gegen ächt Gothaer Sozialdemokraten wegen Beleidigung von Kvlonial- beamten durch Reden während der Wahlbewegung Strafantrag gestellt.

Ter Entwurf über ein Reichsgesetz zur Regelung des Vereins- und Versammlungsrechtes ist imReichs- amt des Innern in den Grundzügen sertiggestellt. Tie Ange- gelegenheit dürfte so beschleunigt werden, daß der Entwurf noch vor dem Beginn der Ferien dem preußischen Staatsministcrium zur Begutachtung vorgelegt werden kann. Jedenfalls ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der Reichstag bei seiner Zusammen­kunft im Spätherbst den Gesetzentwurf zur Beratung borf indem wird.

Admiral Yamamoto, der japanische Marine­minister, ist aus London, wo er drei Wochen als Gast deS Königs von England weilte, hier eingetroffen. In seiner Be­gleitung befinden sich die Fregattenkapitäne H. Katoym und D. Arisaka. Die Herren werden u. a. der Firma Krupp in Essen einen Besuch abstatten und, einer Einladung des Kaisers zur Kieler Woche folgend, sich nach Kiel begeben.

Potsdam, 8. Juni. Vom schönsten Wetter begünstigt, fand am Nachmittag in der russischen Kolonie Alexandrowska ein Blumenkorso zum Besten der Augusta-Victoria-Krippe, deren Protekwrin die Kaiserin ist, statt. Tie Kaiserin, in lichter Toilette, erschien mit der Prinzessin Victoria Luise in offenem Vier­spänner ä la Dumont, der mit Marschall Nielrosen dekoriert war. Ferner erschienen der Kronprinz und die Kronprinzessin im Juckerviererzug; der Wagen war mit Iris dekoriert, ein Tandem vom Prinzen Eitel Friedrich, mit weißen Nelken und roten Rosen geschmückt, Prinz Oskar mit d r Gräfin Soden in einem mit lila Iris dekorierten Dogcart. Die Herrschaften nahmen an der Blumenschlacht sehr lebhaften Anteil.

Ko bürg, 9. Juni. Tie Herzogin Marie von Koburg und die Prinzessin Beatrice sind soeben von ihrer italienischen Reise hierher zurückgekehrt. In hiesigen Hofkreisen nimmt man an, daß bei dem Besuch, den die Herzogin dem Papst abstattete, die Verlobung der Prinzessin Beatrice mit dem Kron­prinzen von Portugal besprochen wurde. Der Kronprinz ist katholisch, die Prinzessin protestantisch.

Sonneberg, 8. Juni. In einer von Kaufleuten und den hiesigen liberalen Parteien stark besuchten Protestver- s a m m l u n g wurde nach einem Vortrag des Landtagsabg. Sam- hammer über Ternburg und den Kaufmannsstand fol­gende Resolution einstimmig angenommen:

Tie zahlreich anwesenden Vertreter des Kausmannsstandes und Mttglieder der liberalen Vereine Sonnebergs sprechen ihr Bedauern darüber aus, daß der aus dem Handelsstande her- vorgegangene Staatssekretär Ternburg die außerordentlich günstige Gelegenheit versäumt bat, der deutschen Kaufmann­schaft den Platz in der Verwaltung unserer Kolonien einzu- räumen, der ihr unter den heutigen Verhältnissen gebührt. Es wäre wünschenswert, wenn alle kaufmännischen Körper­schaften zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen würden.

Karlsruhe, 8. Juni. Aus Berlin wird der offiziöien Südd. Reichs-Kvrr." geschrieben: Es geschieht sicherlich nur in bester Absicht, wenn französische Blatter mit der Möglichkeit daß Kaiser Wilhelm im nächsten Frühjahr aus dem Wege nach dem Achilleion das Mittelmeer durchkreuzen könnte, schon Gerüchte über einen Besuch in Monaco und über eine Begegnung mit dem Präsidenten der fran- z ö s i s ch e n R e p u b l i k in Verbindung bringen. Auch andieler Stelle soll aus solche Frühlingsgedanken kein kalter Reff fallen. Aber gerade den Freunden einer wünschenswerten deuffch-sran- zösischen Annäherung möchten mir von gewagten Vermutungen abraten. Eine persönliche Begrüßung zwischen den Staatsober­häuptern des deutschen Reiches und Frankreichs würde gewiß vielen guten Europäern diesseits wie jenseits der Vogefen nicht mißfallen. Aber sie könnte nur Abschluß, nicht Anfang einer günstigen Eiitwicklung sein, Pie man am besten fördert, j« weniger man darüber spricht und schreibt.

Neue Greueln in Rußland.

In Odessa erschien ein junger Mann, Melnikoff, auf dem Polizeibureau und gab an, sieben Personen, unter denen sich auch Frauen befanden, seien mit einem Boot gekommen und. lMen Melnikoff, nach einem unter­

irdischen Raume entführt,dort entkleidet und einer Tortur unterworfen, um Mitteilungen über den Verband des urss. Volkes zu erhalten, dessen Mitglied Melnikoff ist. Ihm seien Mefsersticke beigebracht und das Haar ausgerauft worden, darauf sei er von der Rotte zum Tode durch Erhängen verurteilt worden. Als Leute vorüber- gingen, habe er um Hilfe gerufen, wodurch die Bande veranlaßt wurde, zu entfliehen. Die Polizei begab sich an den Ort der Tat und fand das Boot mit den verdächtigen Personen vor. Ter Körper Melnikoffs weist zahlreiche Ver­wundungen auf; sein Zustand ist ernst.

Eine dreizehnköpfige Räuberbande überfiel das Ge­meindehaus in PscheSlonkai, tötete den Wächter und raubte 4000 Rubel sowie viele Wertsachen. Der Ge­meindevorsteher wurde schwer verletzt. Ein Warschauer Kaufmann fiel in Z i a r k i Räubern zum Opfer, die ihn töteten und 15 000 Rubel raubten.

In Petersburg wurde der Kassierer einer Fabrik von zwei mit Revolvern und Dolchen bewaffneten Personen angefallen. Diese versetzten ihm drei Dolchstöße und raub­ten ihm feine Geldtasche mit 5000 Rubeln, die zur Auszahlung der Löhne von Arbeitern bestimmt waren. Die Täter wuroen von Polizeibeamten unter Beihilfe des Pu­blikums verhaftet. In einem Vorort griffen fünf bewaffnete Unbekannte einen Beamten der Fabrik von Arthur Koppel an und raubten ichm 6800 Rubel.

Unbekannte Räuber überfielen die Kirche des Wallfahrts­ortes Miednewiee, raubten das in goldenem mit Brillanten besetzten Rahmen befindliche Muttergottes- bild sowie goldene Kirchengeräte im Gesamtwerte von 300 000 Rubel.

W

Der Zar genehmigte den Beschluß des Ministerrats betreffend die Erteilung der Konzession zum Bau einer Eisenbahn von der Station Kansk bis zur Behring­st r a ß e mit dem Bau eines unterseeischen Tunnels nach Amerika.

Ausland.

London, 9. Juni. Der König unddie Königin von Dänemark trafen gestern hier ein und wurden vom König, der Königin und anderen Mitgliedern der königlichen Familie emp­fangen. Auch der Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Edward Grey, war zur Begrüßung anwesend. Bei dem gestern zu Ehren des dänischen Königspaares stattaehabten Festmahl brachte König Eduard einen Toast auf die Gesundheit des Königs und der Königin von Dänemark aus und versicherte sie seines herzlichsten Will­kommens. Der König von Dänemark dankte für die Auszeichnung, welche ihm mit tyer Ernennung zum Ehren ob er st eines der berühmtesten Regimenter der britischen Armee zuteil geworden sei.

Brüssel, 8. Juni. Ter heutige Bericht des Internatio­nalen Sozialistenbureaus für die Monate April und Mai teilt mit, daß das Zentralkomitee der zionistischen Ar­beiterpartei, die 24 000 Mitglieder zählt, den Anschluß an das internationale Sozialistenbureau verlangt. Als Partei des jüdischen Proletariats ist ihr Hauptzweck, ein autonomes Zenttum für die jüdische Auswanderung zu schaffen. Ter Vortrag, den Bebel morgen hier halten soltte, wurde abgesagt, da Bebel leidend ist.

St. Etienne, 9. Juni. Gelegentlich des Eintreffens der Minister Briand und Tujardin zur Teilnahme an der heutigen Einweihung des Denkmals für den ehern. Deputierten Girant kam es zu großen Kundgebungen. Auch einige Schüsse fielen. Tie Kundgebungen waren von der Vereinigung der Sozialisten veranstaltet, welche auf Briand beleidigende Maueranschläge an­gebracht hatten, auf denen er als Renegat, Diener des Zaren und Wortbrüchiger beschimpft wurde.

Montpellier, 9. Juni. Heute fand hier wieder eine Massenkundgebung von unzufriedenen Weinbauern statt, bei der der Führer der Bewegung, Maroelin Albert, eine Ansprache hielt. Die Versammelten Nahmen eine Resolution an, in der sie ausspvachen, daß sie keine Steuern mehr zahlen u!nd daß die Demission sämtlicher Gemeinde­verwaltungen des Südens als eine vollzogene Tatsache zu gelten habe. Die Weinbauern veranstalteten heute mittag einen Massenumzug. Unter Trommelschlag und Hörnerklang bewegte sich der Zug durch die Sttaßen der Stadt. Die Zahl der Teil­nehmer an der Winzerkundgebung wird auf 600000 angegeben; über 200 Eisenbahnzüge langten seit gestern an. Die Mehrheit der Manifestanten traf jedoch zu Fuß und in Wagen daselbst ein. Tie Winzer marschierten, nach Gemeinden geordnet, in ge- schürssenen Zügen, an deren Spitzen Tafeln mit Inschriften, wie zum Beispiel:Nieder mit den Politikern!" usw. getragen wurden. Ter Bischof von dNontPellicr gestattete, daß die Kirchen dkachts geöffnet bleiben, damit daselbst den Winzern Unterkunft gewährt werde.

Im Bahnhose zu Perpignan fanden heute nacht ernste Ruhestörungen statt. Ein Haufen junger Leute, welche einen Zug gestürmt hatten, um sich nach Montpellier zu begeben, be­warfen die Gendarmen und Soldaten, welche fie aus dem Bahn­hofe vertreiben wollten, mit steinen und verwundeten drei Soldaten sowie den Oberstleutnant des 24. Kvlonialiw- santerie-Regiments. Erst nachdem eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen worden war, gelang es, die Ruhe'wieder herzu­stellen.

Belgrad, 8. Juni. Das Kabinett Paschitsch reichte seine Entlassung ein,weil es nicht zum Kampfe mit der Obstruktion raten könne." Es verlautet, Paschitsch werde wieder den Auftrag zur Kabinettsbildung erhalten und die meisten Mi­nister außer Protitsch würden wieder in das Kabinett eintreten.

Teheran, 8. Juni. In Kermanschat sind infolge örtlicher Wahlstreitigkeiten wiederum ernste Unruhen ausge- brochen, bei beeen viele Menschen getötet wurden. 2000 Leute haben sich nach dem brittschen Konsulate geflüchtet. Die Lage wird dadurch erschwert, daß Sindschabi und Kurden Raub­züge in die Umgebung unternehmen, während im Innern der Stadt Soldaten .Plünderungen begehen. .Zwischen den Soldaten des Prinzen Salär cd Dauleh und den Truppen des Schah scheint es noch zu keinem Kampfe gekommen zu sein. Die letzteren warten noch Verstärkungen ab. Die Streitmacht Salar ed Dau- lehs soll 1000 Mann, darunter 300 Berittene, betragen. Von Teheran sind 100 Kosaken nach dem voraussichtlichen Kampf­plätze abgegangen.

Aas Hießener SüdrvestasriLa-Iest. Gießen, 10. Juni.

»Vergiß die treuen Toten nicht und schmücke Auch unsre Urne mit dem Eichenrranz."

Fast 100 Jahre sind vergangen seit den Tagen der tiefsten Erniedrigung, in denen Theodor Korner bieje Mah­nung an das deutsche Volk richtete, und oftmals hatte es. seitdem Gelegenheit, in ihrem Einntz zu Handeln.

Aber mit dem Siegeslorbeerreis Hat es das ocutscyc Volk niemals genug sein lassen, um die für das Vaterland Ge­fallenen und Verwundeten zu belohnen. Es begann mehr und mehr eine Ehrenpflicht darin zu erblicken, den Ver­wundeten und den Hinterlassenen der Gebliebenen wenig­stens in materieller Hinsicht ihr Leben möglichst sicher zu stellen. Und wo die gesetzliche Hilfe des Staates nicht genügte, trat die werktätige Nächsten- und Vaterlandsliebe des gesamten Volkes in ihre Rechte. So war es 1870/71 und so ist es auch jetzt wieder, wo es gilt, den gefallenen und gestorbenen deutschen Helden von Südwestafrika den Tank des Vaterlandes durch weitestgehende Fürsorge für ihre Hinterbliebenen abzustatten. Auch die Stadt Gießen wollte hierbei nicht Zurückbleiben, und eine Anzahl unserer Mitbürger unternahm es, durch Veranstaltung eines großen Wohltätigkeitsfestes allen Kreisen der Bevölkerung Gelegen­heit zu geben, ihr Scherflein für den schönen Zweck bei­tragen zu können.

Die erste Anregung zu der jetzt so herrlich verlaufenen Veranstaltung gab das von Angehörigen hiesiger Krieger- vereinc gegebene Konzert, dessen Ertrag zur Unterstützung bedürftiger Veteranen verwendet wurde. Der gute Erfolg dieses Unternehmens veranlaßte Oberst von Lindenau zu der Anregung, ein größeres Fest für Südwestafrika zu ver­anstalten. Dieser Gedanke fiel auf guten Botzen und aus dem ursprünglich beabsichtigten Doppelkonzert der Vete­ranen- und der Regimentskapelle, das in Verbindung mit Turn- und Gesangsaufführungen gedacht war, entstand das prächtige großangelegte Fest, dessen Reinertrag manche 9U)t und Sorge lindern wird. Daß der Verlauf des Festes so überaus glänzend war und wohl alle Erwartungen über­traf, ist in erster Linie dem einträchtigen Zusammenwirken aller beteiligten Kreise zu verdanken, denn Offizierkorps, Bürgerschaft und Univerfitätsangehörige trugen in edlem, der Sache würdigem Wetteifer gleichmäßig zu seinem Ge­lingen bei. Daß auch die Gießener Damenwelt sich gern in den Dienst der guten Sache stellte, ist selbstverständlich und sicherte von vornherein den Erfolg. Auch die Staats­und städtischen Behörden unterstützten die Veranstaltung tatkräftig. Mit lebhafter Freude wurde es allseitig begrüßt, daß I. K. H. die Großherzogin ihr Interesse an der Sache durch Uebernahme des Protektorats zu erkennen gab und iyr Bruder, S. D. der Fürst zu Solms-Hohensolms-Lich, den Ehrenvorsitz übernahm. Leider konnte die Landesfürstin ihre Absicht, das Fest persönlich zu besuchen, nicht ausführen; sie sandte aber ein herzliches Telegramm, in dem sie der Veranstaltung einen guten Verlauf wünschte.

Die Seele des Ganzen war bis zu feinem tragischen Ableben Herr Jean Kirch und wohl alle Gießener Fest- besucher werden während der Festfreuden mit Wehmut und Trauer des Mannes gedacht haben, der wie kein anderer es verdient hatte, sich des guten Gelingens zu freuen. Nach ihm verdienen außer den Angehörigen des geschäftsführen­den Ausschusses (den Damen Behaghel, Breidert, Gebhardt, v. Lindenau und Mecum und den Herren Rektor Geh, Hofrat Professor Dr. Behaghel, Geheimerat Dr. Breidert, Stadtv. Gabriel, Fabrikant A. Klingspor, Oberst von Lindenau, Oberbürgermeister Mecum und Regierungsrat Welcker), die Herren Julius Köhler und L. Petri III. Erwähnung, sowie die Gießener Geschäftswelt, die durch reiche Spenden ben. finanziellen Erfolg des Festes von vornherein sicherte.

Tie Platzfrage, die viele Erörterungen verursacht hatte, wurde durch die Wahl der Liebigshöhe aufs glücklichste gelöst. Das große nach der Stadt zu terraffenartig abfallende Gelände ist für ein derartiges Fest wie geschaffen und die Höhen des Dünsberg, Gleiberg und Vetzberg gaben einen' Hintergrund ab, wie ihn die geschickteste Künstlerhand nicht schöner hätte gestalten können. Mit dem natürlichen Schmuck der Bäume gaben zahlreiche Fahnen in den deutschen und hessischen Farben dem eigentlichen Festplatz das erforder­liche festliche Gepräge.

Am Samstag nachmittag nach 4 Uhr nahm das Fest in Anwesenheit des Ehrenvorsitzenden Fürsten Karl zu Solms-Hohensolms-Lich seinen Anfang mit folgender, von Oberst v. Lindenau gehaltenen Ansprache:

Euere Durchlaucht!

Hochverehrte Damen und Herren!

Die Eröffnung des Basars soll nicht ohne ein Gedächtniswork erfolgen. Es gilt den in Afrika gefallenen und gestorbenen tapferen deutschen Kämpfern. Sie haben gestritten und gelitten für Kaiser und Reich und sind in treuester Pflichterfüllung in den Tod ge­gangen.

Wenn der £rieg in Südwestafrika den deuffchen Landen keinen! andern Gewinn gebracht hätte als die klare Erkenntnis, daß deuffche Offiz.ierenochgenausoindenTodfürihren Kaiser un b bad Reich schreiten unb reiten wie 1870 indes Vaterlandes besten Tagen, und daß ihre braven Soldaten ihnen überallhin auf dem Wege der Ehre und Pflicht folgen, so wäre das schon Lohns genug ! Solche Kunde wird auch den Feinden des Vaterlandes ringsum unb hält sie im ZaUmls in ber .Erkenntnis:Semper talis Immer bieselben."

Aber bie tapferen Kämpfer Sübwestafrikas, sie haben uns noch reicheren Gewinn gebracht. Sie haben eine zwar viel verleumbete, aber doch schöne unb ertragsfähige Kolonie bem Reiche für immer gewonnen!

Die Tapferkeit seiner toten Helben ehrt jedes Volk, besonders das deuffche. Die Sorge für ihre Hinterbliebenen gilt ihm als ihre beste Ehrung!

Angeregt von zwei Männern unserer Stadt, ist hier ein Unternehmen entstanden, welches diesem edlen Gedanken der Sorge für die Hinterbliebenen unserer Mitkämpfer dienen soll. Herr Klingspor und Herr Kirch waren es, die mit diesem Gedanken an mich heran getreten sind unb seine Verwirklichung mit rastloser Hin­gabe unternommen haben. Ter Eine von ihnen ist nicht mehr unter uns. An geweihter Stätte haben wir seiner bereits bank- erfüllt gebacht. Aber den Anberen sehen wir gesirnb unb frisch vor uns unb ihm gebührt baher auch an .biefer Stelle ber erste Dank. Mit seltenem Geschick har er alle Schmierig leiten, bie dem Unternehmen entgegen standen, überwunden, feine finanzielle Siche­rung bewirkt und die vielseitigen Arbeiten in glücklichster Weise eingeleitet unb durchgeführt, unterstützt von den treuen Mit­helfern, die Ihnen das Programm verkündet, unter denen ich bem Herrn Gabriel unb Herrn Hauptmann Schroeder für ihre viel­fettige Tätigkeit ganz befonbers banken muß.

Das Unternehmen hat sich aber auch ber seltenen Gunst unb Unterstützung ber Großherzoglichen Behörden erfreut. Den Tank dafür richte ich an Sie, hochverehrter Herr Geheimerat Dr. Breidert, dem ersten Vertreter derselben, Zer Dank güt weiterhin dem hoch?