Ausgabe 
8.3.1907 Zweites Blatt
 
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Seftthfl de? kolonialen Nachtragsetats, am Dienstag bie dritte Lesung statt. Ain Samsiag und Montag tverden Inter- vellatiouen aus die Tagesordlning gesetzt werden. Die Oster- irrten lollen spätestens am 22. März einlrelen.

Eine irelwillige Sanitäts-Kolonne im Reich hat aus eine Anfrage, ob em Mitglied, das in der Wahlbewegung öffentlich als Sozialdemokrat aufgetreten ist, noch länger m Kolonne gedtildel oder ausgeschlossen werben miiü, voin Vorsitzen­den des Zentralkomitees des preußischen Laitdcsverems vom Roren Kreuz die Antwort erhalten, dah nach den Ausgaben imb lieber» lieierungen der Organijatton jede Betätigung oder Pflege sozial- demokr. Gesinnung nut der Mitgliebjchan in eiltev iienvilligcn Sauitätskolonue vom Roten Kreuz unvereinbar ist.

B r a u n s ch >v e i g , 7. Diärz. Ter Regenlicha'lsrat teilte dein Landtag deii letzten Buiidesratsbeschliiß nut und wiederholte den Antrag vom 15. Oktober 1906: Ter Landtag wolle sich damit ein­verstanden erklären, daß nuiiiiiehr die Wahl eines Regenten nach Maßgabe deS RegentjchastSgesetzes von 1879 in die Wege ge­leitet iverden

Stuttgart, 7. März. In der Finanzkommission der Zweiten Kammer wurde heute bei dem Titel Beterlnär- wejen dis ui letzter Zeil wieder in bedrohlicher Weise m Württemberg ausgetretene 'Dl a n l - und Klauenseuche be­sprochen. Ter Minister des Innern teilte nut, dag die Seuche neuerdings auch tu den Oberämtern Ludwigsburg und Waiblingen au'getreten sei. Bezüglich des Ursprungs der Krankheit sei teil- gestellt,.daß sie zuerst aui einem Markt in Pfalzgrafenweiler im Schwarzwald beobachtet wurde, wohin sie durch badisches Lieh verschleppt ist. Nach Baden sei sie wahrscheinlich vom Elsaß her gekommen. Lo>» anderer Seile wurde mitgeleilt, dag die Seuche nach Oberschivabeu durch schweizerisches Lieh verschleppt worden fei. Ter Minister sagte die Verhängung strenger Absperr- u n g s m a ß r e g e l u zu, sprach aber die Beiürchlung aus, daß eine ivettere Berdreltung der Seuche sich nicht iverde einhalteu lassen.

i München, 7.März. Mit bäuerlichen Fragen befaßte sich auf dem zurzeit hier stattstudenden Parteitag der Z e n t v u m s- Partei Bayerns em umfassender Antrag des mederboyerischen Bauernvereins. Ter Antrag lordert Foriietzung der großzügig eui= geleiteten Wirljcha'tspolitik des Zentrums. Zur besonderen wird gefordert Unterslügung der lÄro^viehzuchl durch den Staat, Be- jchaffung ausgiebigerer Weidegelegenhe'.ten, Alaßregeln gegen bie .fortwährende Ausbreitung der Lainundien und Fibeitomnusie, Dlaßregeln gegen die Zertrünimerung, Regelung der Verhälingje aus den städtischen Schlachtviehmärkien, Förderung der gemein- famen Llehverwertung. Em Antrag Silberhorn (Cbenveilnig) verlangte von der Zenlrumsfraktion Vorlage eines Gesetzenttvurss gegen die Eüterzerlrünimerung, sowie Veryuiderung der Bildung und Erweiterung von Fibeikornrncheiu Die Anträge wurden zur Würdiguiig hmubergegeben.

R. B. Darmstadt, 7. März. Der Finanzausschuß der 2. Kammer hielt heute vormittag nach Unterbrechung der Plenarsitzung der Kammer noch eine gemeinsame Beratung mit den drei Ministern ab, in welcher der gestern schon eingehend er­wähnte Abänderungsvorschlag des Finanzausschusses der ersten Kammer zur Verhandlung kam, wonach auch die unverheirateten Beamten, die einen eigenen Hausstand führen und darin nahen Verwandten oder Pslegetindern aus Gruno einer gesetzlichen ooer moralischen Verpflichtung Wohnung und Unterhalt gewähren, den vollen Wohnungsgetdzuschuß erhalten sollen. In der heutigen Ausschußsitzung sprachen sich die Abgg. Reinhart, Dr. Osann und Biolthan für die Annahme dieses Abänoerungsvor- -schlags aus, während mehrere oberhessische Abgeord­nete dagegen waren. Man kam schließlich zunächst dahin überein, die Regierung um eine genaue Berechnung der durch die Abänderung bedingten Mehrkosten zu ersuchen und dann erst über die Annahme oder Ablehnung des Vorschlags des Aus- ^chusses der 1. Kammer einen Beschluß zu fassen.

Naub und Mord in Rußland.

Sechs bewaffnete junge Leute in Studentenuniform drangen am 7. d. 9JL in die ^llanzlei der Universität zu Moskau ein. Zwei begaben sich in den Kass en raum, zwei andere standen in der Kosse, einer an der zum Korridor führenden Tür Posten lu»nd eurer mischte sich unter das Publikum. Hierauf ertönte L»er Ruf: Hände hoch! Die Beamten gehorchten sofort, die Räuber begaben sich darlauf au die Kasse und entleerten dieselbe. In der Kasse befanden sich etw^r 30,000 Rubel. .Eurer von den Räubern, die sich auf dem Korridor aufhielten, schoß auf den Pv l izeiko'mmissar, dev auf ihn zutäm und tötete ihn mit drei Schüssen. Die Räuber machten sich die entstandene Verwirrung zu Nutzen und flohen durch die Univer- iitätshöfe, wv die Studenten und Studentinnen dem Befehl der Räuber: Hande hoch! bereitwillig gehorchten, bis diese im Freren waren. 5 Bewaffnete überfielen ferner ixm Sekretär der landwirtschaftlichen Hochschule, Zuisch, und raubten Demselben 7 00 0 Rubel. Zwei Räuber wuroen verhaftet.

In Warschau nmrde in dsas D i r e k t o r z i m m e r der Realschule eine Bombe gervvrfen. die das Zimmer voll-, ständch zerstörte. Menschen würben nicht verletzt. Der Direktor Kesand sich in einem Nebenzimmer.

- Zn dem Warschauer rvororte Saskakepa explodierte eine in feinem Baume versteckte Bombe. Ein Arveiler wurde ge­lötet.

! Zn Lodz gab aus Anlaß einer Ruhestörung das Militär« feine Salve ab, durch die drei Passanten getötet wurden. 18 Personen wurden verhastet. j

GerichtssaaL.

/ Mainz, 6. März. Heute vormittag spielte sich vor dem hies. Schöffengericht unter Vorsitz des Amtsrichters Torteider em großer Lokal-Senfationsprozeß ab. iDlitglieber hiesiger und auswärtiger Bühnen und die Mainzer GejellichaU drängten sich seit frühem Acorgen tu dem engen Gerichtssaale. Wie seinerzeit berichtet rourbe, hatte am 22. Oktober 19u6 nach dem zweiten Akte der Oper ,Ter Prophet uu Stadttheater der Stadtverordnete Gebürsch den Theater kriliker Weller, eine stadt- belannte Persönlichkeit und Karnevalsredner, durch Ohrteigen und Ausretßen des Bartes körperlich mißhandelt und ihn durch den Zurui der Worte. . . Hund",Verleumder" undEhrabsd^neider" beleidigt. Wellers deshalb erhobene Klage stand heute an. Beide Seiten hatten einen gewaltigen Zeugenapparat aufgeboten, meist bekannte Persönlichkeiten, unter anderen Landtagsabg. Molthan, Beigeordneter Tr. Bamberger, Theaterdirektor Behrends, 'Medizinal- rat Eilny ufw. Gebürjd) wollte beweiien, dag er von heller lchiver gereizt worden sei, daß dieser ihn immer nachahme und Lei jeder Gelegenheit verspotte und beschimpie. Tem Bellagten gelang dreier Beweis volltommen, ja, em Zeu^e jagte sogar ans, daß Weller des öfteren gesagt habe, ein Derartiges Rind­vieh ivie Gebüijch gehöre nicht in den Stadtrat. Sehr uuereiiQiu gefialtete sich nach demRh. K." die Vernehmung des Direttots Bchrends, der sich über all den Klatjch, der ihm fortwährend zn- getragen wurde, sehr anschaulich verbreitete. Ter Prozeß endete nut einem Vergleich. Gebürjch bedauert, daß er sich zu Tät­lichkeiten uiid Beschiinpiungen habe hmreigen lassen. Weller nimmt .feine Beleidigungen zurück und verspricht, fein Benehmen gegen Gebürjd; in Zukunft zu ändern. Gebürjch trägt die Gerichtstosten jeder Teil die Gebühren feiner Zeugen.

Sitzung der Stadtverordneten.

w Gießen, 6. März.

Anwesend: Oberbürgermeister Mecmn, die Beigeordneten Curschmann, Georgi und Heytigenstaedt sowie die Stad.verordneten Brück, Dr. Cbel, Eichenauer, Emmelius, Euler, Gabriel, HaubcÄ, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Zughardt, Keiler, Kirch, Leib, Lober, Loos, Petri, Dr. Schäfer, Schasfstaedt, Wallenfels und Dr. Munmenauer.

Mitteilungen.

6 Vom Geheimrat Pros. Tr. Ganky ist em Tankschreiben für ben rht» übersandten Rechenschaftsbericht euiaeaangen, in dem er

feine Freude über die daraus zu ersehende fortschreitende Entwicke­lung der Stadt Gießen ausspricht.

Tie W a l d u n g e n der Stadt waren seither auf 3 250 000 M. taxiert, welche Sunune zu niedrig schien. 2hif Ersiichen des Cbcr- bürfiermeifterS hat Stadiv Pros. Tr. W i m m e n a u e r mit vieler Mühe und Sorgsalt eine neue Taxation ausgestellt, die auch die Zustimmung der Cbcriörfterei Gießen gesunden hat. Rach dieser Taxation beträgt der Wert der Stadtwaldnngen 3900000 M. Ter Vorsitzende erbittet und erhält die Ermächtigung, dem Stadtv. Dr. Wunmenauer den Tank der Stadt auszujprechen.

Bangesuche.

~ Ein Baugesuck) der Firma b nul Roth für die Marburger Straße bezweckt, bei einem von ihr projektierten Seitenbau die Giebetwand auf der Backsieuuvand des Rachbargebäiides aui- jumfliiern. Ter deshalb erforderliche Dispens wird beuirivonet.

Ein Bangesuch von Georg Da Hiner, der m seiner Hoireue am Neuenweg ent neues Hintergebäude errichten will, wird ab­gelehnt.

Eine größere Debatte entsteht über ein Tispensationsgesnch der M i 11 e l d e ii t j ch e n Kreditbank für die Zohuimesstrage. Tie Baiik beabsichtigt, an ihrem neuen Bcmkgebände einen Ballon an­zubringen. Ta er nicht 3 Bieter von der Grenze des 9lad)bai- grundftückes entiernt ist, ist TtspenS eriocberltd), ben bie Ban- bepuiation abgelehnt haben will.

Stadtv. K i r d) fprtd)t fid; für Genehmigung des Dispenses aus, ba ber Balkon niemanb störe unb zur Belebung bes St ragen- bilbes beitrage. Ev. solle man oer Bank anheimgeben, ben Balkon etwas anbers unb kleiner zu gestatten. Beig. E u r f d; m a n n befürwortet nodfinals ben Antrag ber Bcuwepuiation, wahrend Stadtv. y a u b a d) ben Tispens bsiüiivoriel. eiabiv. W a l l e n- l e l s ist ber zu^ be'ürd)tenden Konieqiienzen halber gegen ben Ttspens, ^benlo Stadtv. Zughardt. Für ben Tispens sprechen nod) bie Stabto. Löber, H u l) n unb SchaN st a e b i. Bei bei Abstimmung wirb mit Mehrheit beschloßen, ben Tispens, jo wie er uorliegt, zu befürworten.

Städtische Arbeiten und Lieferungen.

Für ben 91 e u b a u ber höheren unb erweiterten Mädchenschule sind mehreie Arbeiten ireihänbig zu vergeben und zwar em Pro­jektionsapparat, Schränke (bte Lieferung erhielt Brück), Tafetti (Raiich-Wonns), Büd)ergestelle unb Aid)ivsd)ianle (F. Kiihn). Tie Versammttmg ist mit ben Vergebungen emueiflanben.

Tie schon erfolgte Besdraßung von k u n st l i ch e m Dünger für bie fiäbtiidjen Wiesen ujiv. wirb genehmigt unb ber baiur ge- iorberic Sitebit von 630 Ulf. bewilligt.

Trcuunug des Realgymnasiums und der Ober-Realschule.

Ter V orsitzenbe tragi nod) einmal bie Grünbe vor, bie 'ür bte Trennung bet beiden Anstalten sprechen und beantragt schließlich, sich prinzipiell für bte Trennung unb bie Errichtung eines neuen Gebäudes auf bem ehemaligen Akitenbrauerei- gelanbe auszujpred)en unb ber Verlegung ber Lver-Realsthule bori- l)in zuzuftiuimen. Ter yieitbau soll 20 Klassensäle unb 14 Reben- räume enthalten unb wirb nad) einem vorläufigen Ansd)lag nut ber inneren Einrichtung, aber ohne ben Platz, 7oo üoo Mk. erforbern, aber jebenfalls nicht teurer kommen.

Stadtv. Löber hält es für verftüht, jetzt schon auf dem Aktienbrauereigelände ein derartiges Gebäude zu errichten, dazu wäre vielleicht in 10 Jahren der richtige Zeitpunit gekommen. Er empfiehlt den Vauptatz an der Bismarccstraße,.

Der Vorsitzende bemerkt, dieser Platz sei zu klein und den in Aussicht genommenen Bauplatz halte auu- Geh. Schulrat Prof. Dr. Lcausch für sehr günstig. Der Pi.atz liege auaji im Verkehr und in der Rahe der Bahn. Stadtv. Emmelius spricht sich sür den \ Antrag der Deputation aus, ebenso Stadtv. Haubach, der aber die, in Aussicht genommene Bausumme für zu hoch und sich Vor­behalt, seine diiserhalb bestehenden Bedenken bei Vorlage der enbguiiigcn Pläne geltend zu machen.

Der Vorsitzende bemerkt, daß es sich heute um einen prinzipiellen Beschluß handle, ob man das neue Gebäude über­haupt errichten wolle, nicht aber um eine Kreditbewilligung für ein bestimmtes Objekt.

Beig. Georgi hält ebenfalls 700 000 Mk. für zu hoch und meint, man solle heute schon erklären, daß man nur einer wesentlich billigeren Ausführung des Baues zustimmen werdfe.

Stadtv. Dr. Ebel verscistietzt sich nickst der yiocwendigkeil des Baues und macht daraus aufmerksam, daß die jetzige Beilragsver- teilung zwischen Stadt und Staat nicht mehr den jetzigen Ver­hältnissen, insbesondere hinsichtlich der beträchtlichen Zahl der auswärtigen Schüler entfproclst. Man solle mit dem Staat hier­über in Verhandlungen treten, etwa in der Richtung, daß der Staat eine größere Quote der persönlichen Ausgaben übernehme.

Stadtv. Wallenfels hält den in Aussickst genommenen Bauplatz für ganz, geeignet und glaubt nicht, daß man sonstwo einen billigeren Bauplatz bekommen könne. Der Anregung des Beig. Georgi stimmt er zu.

Stadtv. L ö b e r ist der Ansicht, daß der Bauplatz der Stadt nicht teurer angerechnet werden solle, als er dem Stadterweüe- rungsfonds zu stehen komme.

Die Stadtvv. Dr. Schäfer, Haubach und Beig. Georgi glauben nicht, daß sich der Staat zu einem höheren Zuschuß bereit erklären wird, mit Rücksicht ans seine eigene Finanzlage, auf die dieserhalb bestehenden Verträge und weil die städtischen Zuschüsse für die höheren Lehranstalten gleichmäßig für das ganze Land geregelt sind. Dagegen ist Stadtv. Schaffstaedt dafür, daß ein Versuch int Sinne der Anregung des Stadtv. Dr. Ebel geniacht wird. Auch Stadtv. Jann ist dieser Ansicht. Die Verhältnisse hätten sich gegen die Zeit des Vertragsabschlusses sehr geändert, es seien damals auswärtige Schüler Emuit in Frage gekommen. Den Städten werde eben in dieser Hinsicht zu uiei zug^mutet. Vielleicht empfehle sich ein gemeinsames Vorgehen mit den übrigen in gleicher Lage befindlichen Städten. Stadtv. Leib schlägt vor, den Vorschlag des Stadtv. Dr. Ebel in ernste Erwägung zu ziehen.

Schließlich wird dem Antrag auf Trennung der beiden Anstalten funb Errichtung eines neuen Gebäudes für die O b e r r e a l s ch u l e einmütig zugestimmt und weiter be­schlossen, mit der Großh. Staatsregierung in Verhandlung zu treten wegen einer Nachprüfung des bestehenden Vertrags, etwa in der Weise, daß der Staat zu den Kosten des Neubaues, bezw. ihrer Verzinsung und Amortisation, einen angemesse­nen Zuschuß gibt.

Boraufchlag der Armenkasse für 1907.

Beig. Curschmann verweist auf b:n den Stadtverordneten gedruckt zugegangenen Voranschlags-Ättwurf, der in Einnahme und Ausgabe mit 75 500 Mk. abschließt. Der Zuschuß der Stadt ist mit 44 200 Mk. angenommen, 2000 Mk. mehr als im laufen­den Jahre. Da voraussichtlich dem neuen Reichstag wieder die Novelle zum Unterstützungswohnsitz-Gesetz zugchen wird, die wegen der Neichstagsauslösung im alten Reichfstag nicht mehr verab­schiedet wurde, so ist es möglich, daß späterhin eine Nachtrags- sordernng kommen wird, da jedenfalls durch die 9kovelle eine Steigerung der Armenlasten eintreten wird.

Auf eine Frage des Stadtv. H a u b a ch , warum bei zwei Grundstücken kein Ertrag eingesetzt sei, wird die Auskunft erteilt, daß sie aufgefüllt worden seien unb deshalb außer Ertrag ständen.

Stadtv. Emmelius verweist aus den Umstand, daß der städtische Zuschuß erhöht werden müsse, trotzdem die Arbeitsgelegen­heit sich außerordentlich gemehrt habe unb niemand, der irgendwie arbeiten wolle, arbeitslos zu sein brauche.

Beig. Curschmann führt aus, der Zuschuß sei hauptsäch­lich höher bemessen worden, weil das Spitalgebäude am Selters­weg wegen Bausälligkeit geräumt werden müsse, wodurch ein Miet­ausfall entstehe. Außerdem sei die dadurch erforderlich gewordene Herstellung einer neuen Wohnung im Siechenhaus für den Rats­diener Dörr, dessen Frau die Materialien der ArmenverwaltunH ausgebe, mit nahezu 1000 Mk. in Betracht zu ziehen.

Stadtv. Emmelius rät nochmals zur Vorsichit in den Aus­gaben. Er wolle nicht haben, daß die Armen darben sollen, aber man solle sie, wo es angängig sei, auf die Arbeit Hinweisen. Beig. Curschmann bemerkt, daß die Armenverwaltung schon sehr vorsichtig sei. Dadurch werde jetzt weniger von der Stadt- kasse für ArmenunLerstützmigen verwandt, als vor etwa zehn Jahren.

Stadtv. WalleufelS verweist auf die vermehrten Ausgaben

für Zwangserziehung, und die erhöhten Lebensmittel- und Kohlen­preise als weitere Ursachen des steigenden Bedarfs der Armen­verwaltung, was Beig. Curschmann unter Anführung ber betr. Zahlen bestätigt. Stadtv. Löb er schließt sich den Aus­führungen des Stadtv. Emmelius an.

Der Voranschlag wird genehmigt.

Wirtschaftsionzefftonsgefuche.

Befürwortet werden: Ein Gesuch der Witwe Heinrich Sehrt um Erlaubnis zum Branntweinausschank für Frankfurter Straße 165. Die Konzession war seinerzeit nur für einige Jahre, für die Zeit der Erbauung der dortigen Bahnhofsanlagen, ge­geben worden und soll jetzt ohne ZeUbeschränkung erteüt werden; 2. ein Gesuch von Stiegel mann, der die im Kellergeschoß des Hauses Bahuhosstr. 76 betriebene Wirtschaft in das Erdgeschoß verlegen will; ein Gesuch von W. Nagel für die Stephanstraße wegen Kleinverkauf von Branntwein, bei dem es sich um Heber» gang eines bestehenden Gesck>äfts in anderen Besitz hanbelt; ein Gesuch von K. Duill, der im Hause Ecke Astevweg 43 und Stcinstraße eine Wirtschaft errichten will.

Dagegen vermag sich die Versammlung von dem Vorliegen des Bcdursnisfes für eine neue Wirtschaft im großen Steimueg nicht zu überzeugen und beschließt deshalb Ablehnung des Gesuchs von Hch. H i l g e s.

Das Torhäuschcn am Neuenweg.

Stadtv. I u g h a r d t regt die Entfernung des Torhänschen- am Stadttheater an, da es einen Mißstand bedeute. Stadtv. Leib ist ebenfalls für die Entfernung, da das Häuschen für die von der Ost-Anlage kommenden das Theater vollständig ver­decke. Man solle es deshalb sofort beseitigen, dainit bis zum Uuiversiiätsfest die Sache in Ordnung sei. Auch in der Bürger­schaft sei man für die Ablehnung.

Beig. Georgi erinnert daran, daß man aus ganz bestimmten Gründen (wegen des Eichlokals) erst vor kurzer Zeit beschlossen habe, das Häuschen vorläufig stehen zu laßen. Auch sei die Entfernung nicht so einfach, da man dann sür das Eichamt ein anderes Lokal schaffen müsse. Stadtv. Dr. Schäfer ist ans ästhetischen Gründen für die Belassung des Häuschens, da man gerade an ihm für die Größe und Bedeutung einen Vergleichs­punkt habe.

Stadtv. Gabriel ist für möglichst baldigen Abbruch, da man nur hierdurch die Zufahrt zum Theater besser gestalten könne. Stadtv. Wallenfels meint, die ganze Bürgerfchakt sei für die Entfernung. (Ohvrufe.) Das Eichamt sei leicht wo anders unterzubringen.

Stadtv. Laber ist an sich für die Entfernung, will aber aus Sparsamkeitsrückfichten vorläufig nichts davon wissen. Eine andere Wohnung für ben Oktroi-Erheber ober ein anderes Eichlokal zu schaffen, käme sehr teuer. Stadtv. Schasfstaedt meint, die Oktroistelle könne man leicht anderwärts unterbringen und Stadtv. Leib schlägt hierfür das Polizeihäuschen am Selterstor vor, das man in den Hof der Bürgermeisterei stellen könne.

Der Oberbürgermeister macht darauf aufmerksam, daß man für den Oktroierheber wegen der Nachterhebung Wohnung und Amtslokal zusammen haben müsse.

Stadtv. Emmelius steht aus finanziellen Gründen auf dem Standpunkt des vor wenigen Wochen gefaßten Beschlusses und erhebt Widerspruch gegen eine erneute Beschlußfassung, da die Angelegenheit nicht auf der Tagesordnung stehe. Stadtv. Kirch halt den Widerspruch angesichts der vorhandenen Mehr­heit für die Entfernung für unangebracht, während Beig. Hey- l i g e n st a e d t sich dem erhobenen Widerspruch anschließt.

Nachdem sich noch Stadtv. H a u b a ch für die Entfernung des Häuschens ausgesprochen hat, wird auf Antrag des Beig. Georgi die Sache für die nächste Sitzung vorgesehen und ber vereinigten Finanz- und Baudeputation zur Vorbereitung über­wiesen.

Das Wappen von Gießen.

Stadtv. Dr. Ebel teilt mit, daß er von Mainz aus ein Er­suchen um Mitteilung des hiesigen Wappens erhalten habe, das dort an einem Postneubau zusammen mit den Wappen der anderen wichtigeren Städte Hessens angebracht werden solle. Nun sei dos jetzige Wappen unschön und verrate deutlich seine Herkunft aus der Zeit des Niederganges der Heraldik. Schöner und heraldisch richtiger fei das alte Stadtwappen, das den hessischen Löwen im dreieckigen Schild unb als Schilbhalter einen Reiter aufweise. Er frage an, ob die Versammlung zu einer Aeitderung des Wappens geneigt sei.

Auf Vorschlag des Vorsitzenden wird Stadtv. Dr. Ebel zunächst Zeichnungen nach den alten Neitersiegeln unfertigen lassen, da int allgemeinen Geneigtheit für die Aenderung vorhanden ist.

2hid SraSt unO Land.

Sprechstunden der Nedattion 111 Uhr Dornt., i l>71/28 Uhr abdS. Gießen, den 8. März 1907.

* Tie Aufnahme einer neutn städtislhen Anleihe im Ge­samtbetrag von 3 Nicllionen Mk. wurde in der gestrigen nicht­öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten-Versamm- lung beschlossen. Sie ist in der Hauptsache für folgende Unternehmungen und Aufwendungen bestimmt: für Gelände­erwerb rund 375 000 9Nk., für Straßenbauten 360 000 Mk., für Kanalisation und HauSanschlusie 600 000 Mk., für Schul­bauten 400000 Mk., für die Erweiterung des Schlacht- und Viehhofes 230 000 Mk., für Verbesserungen und Erweiter« ungen des Gas-, des Wasser- unb des Elektrizitätswerks 1000 000 Mk.

** Ordensverleihungen. S. K. H. der Gro ß^ Herzog haben dem Adolf Reinhard Koch, Chef der neuen Ailtomobilgesetlschaft Frankfurt a. M., in Gießen die Erlaub­nis zur Annahme und zum Tragen des ihm vom König der Hellenen verliehenen Silbernen Kreuzes der Ritter des Königlichen Erlöserordens erteilt.

**DerStreitumdieBraut. Ein hiesiger Fenster­putzer begleitete gestern abend seine Braut an den Bahnhof, dort machte auch ein Hausbursche Ansprüche auf die Braut. Die Folge war, daß beide sich prügelten und der Fensterputzer zog blutendem Kopfe ab. Nicht weniger als 10 M e s s e r st i ch e will er in den Kopf erhalten haben, jedoch sind die Verletzungen von so leichter Art, daß er seiner Arbeit weiter nachgchen kann.

Steinbach, 7. 2)!ärz. (Bahnbau Gießen- Laubach). Gestern weilte der Vertreter einer Berliner Bau­firma hier, um Erkundigungen über die demnächst zur Aussuhriing kommenden Vermesiungsarbeiten der Bahn­st recke Gießen-Steinbach-Laubach einzuzichen. Es wird also doch nach und nach das Projekt seiner Verwirklichung entgegengeführt werden.

? Alb ach, 7. Rlärz. Eine merkwürdige Abnormität ist hier bei Wagnermeister Wilh. Brück zu sehen, närnlich ein Schaslamm mit vier Augen. Das Tierchen ist sonst normal und gesund, wie auch das zweite von demselben 'Muttertier geworfene Läminchen. Der Besitzer gestattet die Besichtigung der Kuriosität.

g. Bad-Nauheim, 7. März. Mit dem heutigen haben nun die seit längerer Zeit schon schwebenden Unterhaitdlunge» betreffs des V e r k a u f S desSprudel-Hotels" ihren Ab­schluß gefunden und ging das Objekt zum Preise von 670 000 Mart in ben Besitz der Herren El au und Wucher, Jnhaber^ des Restaurants,Zum Haserkasten" in Frankfurt über. Der bis­herige Besitzer Richard Langsdorf, der dieses schöne Restaurant über 20 Jahre führte, hat auf Sonntag, 10. März, anläßlich seines Austritts aus dem Geschäfte ein Abschiedskonzert arran­giert, bei dem die Kapelle des Hanauer Ulanen-Regimenls konzer­tieren wird.

Friedberg, 7. März. Am Montag abend findet eine öffentliche Versammlung des Vürgervereins statt, bie sich mit der Errichtung eines Volks- und Schwimm^