157. Jahrgang
Nr. aiJfi
Zweites Blatt
Erscheint ISgNch mit Ausnahme des SomMgS.
Die ..Gletzener ZamUienblälter" werden dem ^Anzeiger- viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisölatt für den Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion:^^N2. Tel.-Äldr.:AnzeigerGießen«
Dienstag 10. September 1007
yk AA Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen ^TlT /fw'y ▼ Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
B H 9 R. Lange, Gießen.
Kleine
und Kunstnachrichten.
daß Mascagni die „Festa del grano“ nicht in Rlusik setzen wird; er wird die Dichtung dem Herrn Salvatori zuriicksenden, wenn er das nicht bereits getan hat. „Ich kann keine Philosophie in Musik setzen", sagte Mascagni.
— D i e „Gewänder Karls des Großen" als T a p e t e n m u st e r. Die Tapetenfirma Winkelnmnn in Leipzig hat Tapeten ausgestellt, deren Motive von großem künstlerischen und historischen Interesse sind. Es sind Kopien von den zwei kostbaren Decken, in die man die Gebeine Kaiser Karls eingehüllt fand, als auf Veranlassung des Kaisers im vorigen Jahre in der Aachener Kaisergruft der Schrein Karls des Großen geöffnet wurde. Die eine Decke zeigt ein Elesanteninotiv und gilt als Arbeit byzantinischer Seidenweberei aus dem 10. Jahrhundert, während die andere mutmaßlich durch sarazenische Seidenwirker, die ihr Kunstgewerbe im 12. und 13. Jahrhundert zu Palermo ausübten, gefertigt wiirde.
0. ordentliche Vertreter-VersammLung des Reichs- verbaudcS der natiouattiberaLen Jugend.
(Nachdruck verboten.)
S. u. H. Kaiserslaut ern, 8. Sept.
Am Samstag abend fand eine öffentl. Versammlung statt. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Fischer-Köln sprach über die jung- liberale Bewegung und die politische Lage.
Der Redner faßt das Empfinden der im Reichsverband organisierten jungliberalen Vereine zusammen in folgende Sätze:
„Die Vertreterversammlung^des Reichsverbandes der Vereine der nationalliberalen Jugend betrachtet die Politik einer Sammlung der nationalliberalen Parteien, wie sie sich im Reichstage angebahnt hat, als die aus dem Reichstagswahlkampf sich ergebende unumgängliche Grundlage für eine weitere gedeihliche Entwickelung'der Wohlfahrt unseres Vaterlandes. Sie erkennt freudig die Tätigkeit der nationalliberalen Abgeordneten im Rahmen dieser Blockpolitik an und schöpft aus deren bisheriger Tätigkeit die feste Zuversicht, daß der liberale Gedanke auch in dem Gefüge des nationalen Blocks zum Siege kommen werde. Sie hofft aber vor allen Dingen, daß die gemeinsame realpolitische Arbeit der liberalen Parteien innerhalb des nationalen Blocks diese in gegenseitiger Rücksichtnahme aufeinander zu dem Einvernehmen führen werde, das die unerläßliche Voraussetzung jeder Machtgewinnung des Liberalismus ist.
Nur auf gutem Einvernehmen der liberalen Parteien kann die zielbewußte Fortführung der Sozialreform sich gründen, die als die Grundlage des sozialen Friedens die Voraussetzung ist für die Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte unseres Volkes." Dem Vortrag folgte lebhafter Beifall.
Landtagsabgeordneter Hübsch- Nürnberg besprach folgende Anträge des Vereins Nürnberg:
1. „Der Reichsverband wolle beschließen, mit dem National- vereiu für das liberale Deutschland in Unterhandlungen wegen seines (des Reichsverbandes) ■ ev. korporativen Beitritts einzutreten."
2. „Der Reichsverband wolle die nachstehende Einigungsresolution der bayerischen Jungliberalen vom 17. Februar 1907 unterstützen, an die Partei weitergeben und auf dem Parteitag in Wiesbaden energisch unterstützen: Als wichtigste Aufgabe des Gesamtliberalismus ergeben sich aus dem Ausfall der Neichs- tagswahlen: a) die Notwendigkeit eines gemeinsamen taktischen Borgehens der vier liberalen und demokratischen Fraktionen im Reichstag, b) die Erstrebung einer programmatischen Zusammenfassung aller derjenigen Punkte, die den liberalen und demokratischen Parteien des Landes gemeinsam sind. Selbstverständliche Voraussetzung dabei ist die Aufrechterhaltung der vollen Selbständigkeit aller Parteiorganisationen. Zur Erreichung dieses Zieles empfehlen wir die Bildung eines Ausschusses der vier Fraktionen und die Herbeiführung einer Aussprache der Parter- führer unter Zuziehung der Vorsitzenden der einzelnen Landesorganisationen. Wir bitten den Reichstagsabgeordneten Basser- mann als Führer der stärksten Organisation, die Initiative zur Durchführung dieser Anregungen zu ergreifen."
Inzwischen ist eine Resolution von Lasaulsc-Frankfurt a. M. eingegangen: „Der Reichsverband stellt seinen Vereinen und deren Mitgliedern den Beitritt zum Nationalverein freu"
L ü tz e r t - Darinstadt: Der Nationalverein vertritt die liberale Weltanschauung, die von den Liberalen nicht immer genügend vertreten wurde. Der Nationalverein kann die liberale Welt- anschauung nicht getrennt durch wirtschaftliche Momente zur Geltung bringen. Der Liberalismus soll wieder eine Religion werden. Der Nationalverein ist ein wichtiger Kern der ganzen liberalen Bewegung. (Beifall.) ,
Nach weiterer Debatte wrrd ent Schlußantrag angenommen, ebenso die Leitsätze von Dr. Fischer und die Resolution von Lasaulsc.
Es wird dann ein Antrag Köln beraten, der eine würdigere Behandlung' des Publikums vor Gericht fordert. Nach langer Debatte, in der ausdrücklich hervorgehoben wurde, daß den Juristen im allgemeinen kein Vorwurf gemacht werden solle und daß auch bei anderen Behörden das Publikum nicht immer rücksichtsvoll genug behandelt werde, wurde der Antrag in folgender Fassung angenommen:
„Es sind in den letzten Jahren häufig Klagen über ungemeßene Behandlung des Publikums durch Richter und Beamte aller Art erhoben worden, insbesondere über unnötige Bloßstellung unb ehrverletzende Angriffe von feiten der Staats- und Rechtsanwälte, sowie über schroffe Behandlung durch Verhandlungsleiter vor Gericht. Auch werden dem Publikum Zeitopfer weit über Gebühr uud Notwendigkeit augemutetf und durchweg fehlen Warteräume, die jeden berechtigten hygienischen und ästhetischen Anforderungen entsprechen.
Der Reichsverband stellt an die Abgeordneten des Reichstages und der Einzellandtage Has Ersuchen, für die Abstellung der vorgenannten Mißstände einzutreten, und bei Beratung der Strafprozeßreform im Sinne dieser Resolution anregend und beschließend tätig zu sein." •
stück wurde von Klaus Tiele abgekauft. Bauherren waren: Wüftenhöser und sein Sohn Dietrich, Konrad Dilph und Landschultheis Johann Hungerckhausen, daneben, Pfarrer Gretzmüller, Seeretarius Daum und Landsehreiber Spricast. Das Amt Driedorf mußte zum Kirchbau den Kalk liefern. Der Turm der Kirche soll aber noch 'älteren Ursprungs sein- lieber die Beschaffung der Kirchenglocken fei folgendes mitgeteilt: Die „Feuerglocke" ließ Graf Georg in Emmerichenhein gießen, die zweite wurde vom Grafen Ernst zu Isenburg-Büdingen gegen 100 Hämmel eingetauscht, die dritte kam aus dem Kloster Thron- Da im Jahre 1620 dem Grafen Georg die Herrschaft Dillenburg zufiel, verlegte er seine Residenz nach Dillenburg. Die Herrschast Beilstein aber trat er an die Linien Dietz und Hadamar ab-
— In der norwegischen Stadt Bergen hat am 9- Septemoer die Einäscherung der Leiche des Komponisten G r i e g, stattgefunden. Beim Niederlegen des, Kranzes, gab der deutsche Gesandte der Teilnahme des deutschen Kaisers und des deutschen Volles an Griegs Tode Ausdruck und hob die Bedeutung hervor, welche Griegs Musik für Deutschland hat-
—- Man meldet aus Tromsoe, daß die norwegisch eNord- polexpedition unter Rittmeister I s a ch s e n vom nördlichen Eismeere am 8. b. Mts. dort eintraf. Sie berichtet, daß Well- m a n n am 26. August noch nicht a u f g e st i e ge n war Seitdem herrschten Nordwind, Nebel und Schnee, was den Aufstieg verhindert. Falls der Aufttieg bis zum 5. ds. unmöglich sei, wollte Wellmann den Plan für dieses Jahr aufgeben und die Versuche im nächsten Jahr fortsetzen; er wird dann Ende September mit dem Dampfer „Frithjof" in Tromsoe erwartet.
— Mascagni ist seit geraumer Zeit vom Unglück verfolgt. Mit allen seinen nach ber „Cavalleria rasticana“ eiitftnubeiicu Opern hat er keine Erfolge erzielen fönnen, und mit seiner längsten Arbeit hat er ein ganz bejonbercS Pech gehabt. Der Mailänder Verleger Sonzogno hatte ihn mit ber Komposition einer Oper „La Festa del grano“ beauftragt, aber Mascagni machte von vornherein fein Hehl baraus, das; ihm ber Text biejev Oper nicht liege, und erstellte es als möglich hin, das; ev auf feine Bearbeitung werbe verzichten müssen. Davon wollte der Verfasser dieses Textes, Salvatori, der für sein Libretto bereits von Sonzogno 2d 000 Lire erhalten hat, nichts hören. 9lun ist aber endgültig entschieden,
Aleines Feuilleton.
— Das Albert Schumann-Theater in Krank- furt a. M. übt, wie man uns von dort schreibt, eine Anziehungskraft nicht nur auf die Frankfurter selbst, sondern auch auf die zahlreichen auswärtigen Besucher der alten Mainstadt aus. Und mit Recht: Das große, vornehm ausgestattete £>au§ bildet an sich eine Sehenswürdigkeit- Doch was an Artistischem! geboten wirb, ist durchaus ungewöhnlich. Da ist zunächst die Trapez- und Vertikalseilkünstlerin Elvira Schwarz, deren Kunststücke eine außerordentliche Körperkraft, gepaart mit vollendeter Grazie zeigen- Die Sistcrs Allison betragen sich wie — Gummü- b litte- Sie führen die schwierigster^ akrobatischen Tänze mit einer Leichtigkeit, Schnelligkeit und Eleganz aus, wie man sie Geschöpfen von Fleisch und Blut und Knochen nicht zutrauen möchte- Freunden der Tierdressur bietet, Ernst Perzina mit Affen, Katzen, Kaninchen und Papageien viel Vergnügen- Die sehr jugendliche Violinvirtuosin Paula Theißen verfügt über einen warmen vollen Ton und über sehr gute Technik- Dann kommen die vier Roeders mit halsbrecherischen, kaum zu überbietenden Pistungen am fünffachen Reck, und er, der Humorist der Humoristen, Otto Mutter! Er ist noch immer der nämliche, nud überwältigende seiner Komik- Unsere Politik und die, die sie machen, glossiert er nach wie vor so zündend als treffend- Das Publikum will ihn nie von der Bühne lassen- Die^ Toma- Truppe mit ihren schwierigen Akrobaten-Leistungen, ein Hof- hunde-Schauspiel-Ensemble und ein amerikanischer Biograph bilden den Schluß. -k.
— Aus Beilstein wird uns geschrieben: Ebenso interessant wie die Geschichte der Ruine und Kirche zu Greisen-; stein ist die Geschichte der Nachbarburg und Kirche Beilstein, die z- 3t. von Grund auf renoviert wird. Im Jahre 1607 erhielt Graf Georg die Herrschaft Beilstein und residierte von 1612 an auf Burg Beilstein. Er erbaute von 1614 bis 1616 die hiesige Kirche, die vom Jahre 1617 ab als Pfarrkirche in Gebrauch genommen wurde, während bis dahin (1616) die Kirche im nahen Wallendorf als solche gedient hatte- Noch_ bis heute wohnt der Pfarrer von Beilstein in Wallendorf- Meister Dietrich Wüsten Höfer, Wundarzt und Barbier zu Beilstein, schenkte seine unbebaute Hofstatt zmN hiesigen Kirchbau, ein anstoßendes Grunt»-
2llldeutscher Verbaudstag.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
S- u. H. Wiesbaden, 7. Sept.
Der alldeutsche Vcrbandstag, der heut hier in der „Wartburg" zusammcngetreteu ist, ist äußerordentlich gut besucht- Zahlreiche Korporationen haben Abgeordnete entsendet, so der deutsche Flottenverein, der AllMmeinc Schulverein, der Reichs- verband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, der Evangelische Hauptverein der deutschen Auswanderer, die nationalliberale Partei, der Bund der Deutschen in Böhmen, der Verein Deutscher Studenten usw- Den Verbandstag leitete eine Vorstandssitzung ein- Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten berichtete Landrichter Dr- Hahn-Flensburg über die Lage in Nordschleswig- Er schilderte die Geschichte des Grenzlandes Schleswig, das schließlich zur preußischen Mo-- narchi^kam^NeuerdingshatdasÄestrebcn^Deuts^lands^u
Rudolf Presbers Neubearbeitung von Calderons „Arzt seiner Ehre" fand am Residenztheater zu München beifällige Aufnahme. Schließlich bleibt aber das große Dichterwerk des Spaniers einem deutschen Publikum durch die starre Auffassung des Ehrbegriffs fremd- — Wilhelm Holzamers, deS soeben verstorbenen feinsinnigen Novellisten letztes Werk ist betitelt „Vor Jahr und Tag". Dieser der Zeitschrift „Daheim" zum Eritabdruck überlassene Roman spielt in der rheinhessischen Heimat Holzamers- — Der Dogenpalast zu Venedig soll teilweise in ein Museum verwandelt werden- Die Mafien- sammlung des städtischen und des Llrsenal-Museums, alle Kriegstrophäen, die Münäensammlung, kur^ alles was sich auf die venezianische Geschichte bezieht, sott im Togenpalast ein würdiges Unterkommen finden- — In Wiener Künstlerkreisen verlautet, daß der Tenor Caruso für jedes Auftreten bei seinem! Gasti'piel im Operntheater 12 000 Kronen, im ganzen 48 000 Kronen erhält- Er tritt -auf in „Aida", „Rigoletto", „Bohöme" und „Lucia di Lammerrnoor." — Die Meldung der Magd. Ztg., der Großherzog habe das Entlassungsgesuch des Prof. Olbrich abgelehnt, ist nach den „N. Hess. Volksbl." aus der Luft gegriffen. Der Großherzog habe bis jetzt in der fraglichen Angelegenheit weder eine Entscheidung getroffen, noch habe Prof. Olbrich eine Audienz nachgesucht.
merkte, daß er das Berg- und Jagdgesetz für einen Fehler halte unb begegen gestimmt habe, für die Interessen ber Beamten (Teuerungszulage) warm cingetreten sei- lieber bie preußische Landtagswahlrechtsvorlage äußerte ftch der Aogeord- ncte dahin: Ich halte das jetzige preußische Wahlrecht zum Landtage für unnivbern, es muß mehr sozial, mehr liberal wcrden-i Die Landtagsabgeordneten Bähr und Köhler ließen sich über Vorkommnisse im hessischen Landtage aus, wobei u- a. Abgeordneter Köhler folgendes sagte: „Geheimerregierungsrat Haas, dem "bekannten Reichsänwalt der landwirtschaftlichen Genossenschaften, diesem bedeutenden Manu, dem seine eigenen Parteigenossen, die Nationallibcralen, fallen lassen wollten, haben wir aus gewiß anzuerkennender politischer Einsicht und Selbstlosigkeit das Mandat und das Kammerpräsidium erhalten-" Tie Stadtverordneten Kraus-Münster i- W., L a a ß-Frankfurt a- M. und Götz-Darmstadt berichteten über ihre Tätigkeit in den Gemeindevertretungen- Es folgte der Bericht des Gmeral- sckretärs H e nn in g sen-Hamburg über den Reichsverband der deutschsozialen Partei- Aus demselben geht hervor, daß die Kosten! während der letzten Reichstagswahl sich für die Partei auf 25 582 Mark stellten, daß Einnahme und Ausgabe vom 1- Jan. 1907 bis 1- Sept. 1907 mit 38 214 Mk. balancierten (im Jahre 1905 balancierten dieselben mit 27 322 Mk-). Die Aufklärungsschriften werden an 11000 Abonnenten versandt, der Reichs- verband zählt bis zum 1- Sept. d. I. 10 064 Mitglieder. Die meisten Mitglieder weist der Reichstagswahlkreis Gießen- Nidda-Büdingen auf, der auch der am besten organisierte sei- Hieran anschließend berichteten Rechtsanwalt Jacobsen- Hamburg über die „Deutsche Vereinigung" und Abgeordneter Raab über den Verein „Aufwärts".
Zum Schlüsse wurde die Wahl des ParteivorsitzenRen sowitz die von Mitgliedern der Parteileitung vorgeiwmmen. Liebermann v- Sonnenberg wurde wiedergewählt als Parteivorsitzender (13 Stimmen fielen auf den Abgeordneten Köhler), ebenso bie seitherigen Mitglieder der Parteileitung: Kaufmann Richard Döring, Hamburg; Kaufmann Carl Falkenroth, Essen a- d. Ruhr; Oberlehrer Dr- Stöcker, Wandsbek; Z ckmarzt Strumpf-Berlin und Kaufmann H. Thams, Hamburg. Um 4 Uhr fand gemeinsames Mittagessen in den Alemannia-Sälen statt, worauf um 8J/2 Uhr abends der Festkommers ebenda begann.
4. Generalversammlung der deutschen Mittelstands- Vereinigung.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
S u. H. Straßburg i. Els., 7. Sept.
Ink Sängerhause zu Straßburg i- Els. trat die Delegierten- Versammlung der deutschen Mittelstands-Bereinigung unter zahlreicher Beteiligung zusammen- Zunächst beschäftigte man sich mit der Frage der Stellung der Mittelstands-Bereinigung und nahm folgendes Programm an: „Die deutsche Mittclstandsvercinigung ist eine rein wirtschaftlich berufene Organisation zur Förderung der Standesinteressen des gefilmten. Mittelstandes, eine Organisation zur Durchführung der Selbsthilfe und zur Anregung der Staatshilfe. 2.Parteipolitische und konfessionelle Bestrebungen sind grundsätzlich ausgeschlossen-, Die Mittelstands-Vereinigung erwartet bestimmt, daß die bürgerlichen Parteien ihre Interessen vertreten. 3. Dies schließe jedoch nicht aus, daß die Vereinigung durch ihre den verschiedenen Parteien angehörigen Mitglieder systematisch und ständig auf die Parteien einwirkt, um so letztere zu einer energischen; Vertretung der Mittelstands-Interessen zu veranlassen. 4. Die Vereinigung steht auf dem Standpunkt, daß ihre nächste Ausgabe! darin bestehen muß, sämtliche Glieder des Mittelstandes bist auf den letzten Mann für die Vereinigung zu gewinnen- Nur auf der Grundlage einer lückenlosen Organisation läßt sich etwas-Ersprießliches für den Mittelstand erzielen- 5. Zur Durchführung ihrer Aufgaben hält die Mittelstands-Vereinigung einen, engen Zusammenschluß aller auf dem Boden der vorstehenden! Leitsätze stehenden Mittelstandsvereinigungen zu einem Gesamt-, verbände für unerläßlich-" 1
In später Abendstunde kam dann noch ein Antrag Köln zur Besprechung, der auf die M i ß st ä n d e der Eisenbahn- t a r i f r e f o r m hinweist und folgende Forderungen aufstellt:
„Die Vertreterversammlung des Rcichsverbandes der Vereine . der nationalliberalen Jugend begrüßt es fteudig, daß durch die Eisenbahntarifreforni vom 1. Mai 1907 eine Vereinheitlichung des Tarifwesens geschaffen wurde, die als ein erster Schritt auf dem Wege zur deutschen Einheit auch auf dem Gebiete des Verkehrs gelten darf. Sie weist aber mit Nachdruck darauf hin, daß durch diese Tarifteform, namentlich in Verbindung mit der Fahrkartensteuer, der Personen- unb auch der Gepäckverkehr auf den deutschen Eisenbahnen eine Verteuerung erfahren hat, die nur vom Standpunkte kurzsichtiger Fiskalität zu rechtfertigen ist. Zur Abstellung dieses Atißstandes, der ernste Konsequenzen nicht nur privat- sondern auch volkswirtschaftlicher Natur haben muß, hält sie es für nötig, daß 1. bie Erhebung von Schnellzugszuschlägcn auf große und internationale Züge (D- und L-Züge) beschränkt werbe, wie das ursprünglich von der Negierung als Tendenz der Reform bezeichnet wurde, 2. auf allen Bahnstationen des deutschen Reiches Fahrscheine für Personen- und Gepäckbeförderung nach allen deutschen Bahnstationen ausgegeben werden, 3. bei Uebergang in eine höhere Wagenklasse nicht wie jetzt die Hälfte des Fahrpreises dieser, sondern nur die Differenz zwischen dem gezahlten und dem Fahrpreis der höheren Klasse nacherhoben werde, 4. die gegenwärtige Berechnung der Gepäckgebühr reformiert werde. im Sinne eines nach Dekaden abgestuften Gewichts- und Zonentarifs. Die Vertreterversammlung ersucht die nationalliberale Fraktion des Reichstags in diesem Sinne auf die Neichsregierung einzuwirken."
Der Antrag wurde angenommen und hierauf die Sitzung geschlossen.
Teutsch-sozialer Parteitag.
F. C. Franks n r t a. M., 8. Sept.
Gestern abend fand im „Kölner Hof" ein „Begrüßungsabend" statt- Zahlreiche Delegierte waren ievschicnen, besonders' aus Nvrd- und Mitteldeutschland- Fcrner^waren anwesend die Reichstagsabgeordneten Liebermann v- Sonnenberg, Raab, Schack, Gräf, Herzog und Böhme, die Landtagsabgeordneten Bähr, Frhr- von Richthofeu, Hirschel- £ „„ .. _
Stadtverordneter L a a ß-Frankmrt begrüßte die Erschienenen, worauf Zieichstagsabgeordneter Böhme-Marburg daS Kaiserhoch ausbrachte. Pfarrer B e r n b e ck -Okarben überbrachte die Grüße der christlichsozialen Partei. Er bedauerte, daß der christlichsoziale Parteitag in Elberfeld zugleich mit dem deutschsozialen Parteitags stattfinde. Zu seiner Freude könne er kcnstatiercn, daß die Beziehungen zwischen D e u 11 ch s o z i a l e n, und Christ- l i ch s o z i a l e n immer enger wurden. „Am deutsch-^ und christlich- sozialen Wesen wird dereinst die Welt genesen." Sein Hoch galt den Reichstagsabgeordnctcn. L i e b e r m an n v. Sonnenberg tjedachte in warmen Worten des Hofpredigevs Stöcker, der leider durch Krankheit verhindert sei, am christlichsozialen Parteitage in Elberfeld teilzunehmen. Herr v. Liebermann trank auf die Damen, die Nachkommen der blauäugigen Germanenfrauen^ die schon bei Aquä Sextiä den Ruhm' der deutschen Frau begründeten- Hierauf nahm Redakteur Obersteiner-Frankfurt das Wort und überbrachte die Grüße des Bundes der Landwirte- Der Bund werde int Verein mit den Deutschsozialen im Stande sein, bei der nächsten Reichstagswahl in der hiesigen Gegend eine Anzahl Wahlkreise zu erorbern und die jetzigen „Waschlappen" hinwegzufegen. Wir sind stark in der Liebe, aber auch stark im Hassen. Wir hassen alles, was undeutsch ist unb lieben allesl, was national ist. In beredten Worten feierte auch Amtsrichter Mahr -Darmstadt deutsches Volkstum'. Es sprachen noch Reichstagsabgeordneter Herzog Obernkirchen, Oberamtsrichter Gräf-Weimar uno Lehrer Sonntag-Frankfurt- Dann folgten patriotische Gesänge. _
Heute vormittag 10 Uhr eröffnete in den Alemannia-Sälen der Parteivorsitzende, Reichstagsabgeordneter Lieber mann von Sonnenberg den Parteitag. Der Redner forderte zu einer strammen Organisation innerhalb der einzelnen Wahlkreise auf, damit für die Zukunft Iveitere Erfolge nicht ausbleiben- Erst das Vaterland, dann die Partei, das fei ber Leitstern, bie Richtschnur der Deutschsozialen. Dieser Grundsatz hätte es zu Wege gebracht, daß man in Frankfurt a. M. bei der letzten Reichstagswahl für den Denwkratcn Oeser ein getreten fei-
Reichstagsabgeordneter Raab- Hamburg berichtete über bie Tätigkeit im Reichstage unb brachte zum Schlüsse folgende Resolution ein, (bfie einstimmig angenommen wurde: „Der deutschsoziale Parteitag erklärt die Mitarbeit natfonalgesinnter Arbeitnehmer, bie das Vertrauen ihrer Verufsgenossen besitzen, in den Volksvertretungen für bringend wünschenswert- Den Partü- gevossen wird daher empfohlen, überall, wo sich geeignete Bewerber finden unb bie Umstünbe einen Erfolg erwarten lassen, für bie Ausstellung von Arbeiterkanbibaturen einzutreten." Lanbtagsabg. ,Oberlanbgerichtsrat Freiherr von Richt Hofen gab hierauf einen kurzen Ueberblick seiner Tätigkeit im Weimarschen Landtage, Abgeordneter, Amtsgerichtsrat £a.tt = mann einen solchen im preußischen Abgeordnetenhause. Er be-


