Ausgabe 
6.9.1907 Zweites Blatt
 
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Freita» 6. September 1907

Nr. LOS

157. Jahrgang

Zweites Blatt

Urscheln! tSgllch mit Ausnahme des SonnkügS.

I L

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

DieSlctzener LamNienblStter" werden dem ,Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Krdsblfitt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. TerHessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: en® 51. Redaktion.Tel.-Adr.:AnzeigerGießen-

Hauses an

Wien, 5. Sept, dem Landespräsidenten

Ansiand.

TieNeue Freie Presse" erfährt von von Kärnten, Baron von Hein, über Z w i s ch e n f a l l bei der 'Fahrt des

Die Lage in Antwerpen.

Antwerpen, 5. Sept., 2 Uhr nachmittags. Der Brand- an dessen Bekämpfung auch die heute morgen eingetroffenen Feuer­wehrabteilungen aus Brüssel und Gent sich beteiligten, ist beinahe bewältigt. Man erwartet zahlreiche Hafpflichtprozesse zwischen den Versicherungsgesellschaften und der Stadt Antwerpen. Der Reeder-Verband hat die vom Minister für Handel und Gewerbe und dem Bürgermeister vorgeschlagenen Bedingungen für die Wiederaufnahme der Arbeit im Hafen ab gelehnt; der Beschluß erfolgte einstimmig.

9 Männer, unter denen man die U r h e b e r der F e u e r s> b r u n st in dem Holzdepot vermutet, wurden gestern verhaftet, darunter ein holländischer Diamantschleifer Er nennt sich

Deutsches Reich.

Cuxhaven, 5. Sept. Wegen eines heftigen Sturmes und hohen Seeganges traf dieHohenzollern" mit dem Kaiser an Bord auf der hiesigen Reede von Helgoland her ein und ging vor Anker. Das Begleitboot Sleipner" blieb im neuen Hafen.

Berlin, 5. Sept. DerReichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung betr. Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche. Er veröffentlicht ferner eine Ver­ordnung betreffend die Einfuhr vonWiederkäuern, Schweinen und tierischen Erzeugnissen aus Belgien und den Niederlanden.

Die Frage der Mädchenschul-Reform dürfte, wie man derBoss. Ztg." von unterrichteter Seite schreibt, durch den Wechsel im Kultusministerium in ihrer endgültigen Lösung eine erhebliche Verzögerung erfahren.

München, 5. Sept. Wie denMünch. N. Nachr." aus Kiel gemeldet wird, wird dort mit größter Bestimmt­heit behauptet, daß die in der nächsten Reichstags-Session bevorstehende Flottengesetznovelle die Lebens­dauer der Linienschiffe von 25 auf 20 Jahre herabsetzen und die Zahl der Linienschiffe im Soll- bestande der Flotte von 38 auf 40 erhöhen wird.

Lörrach, 5. Sept. Der frühere freisinnige Landtags­und Reichstagsabgeordnete Pflüger, der lange Jahre den Wahlkreis Lörrach im Landtag und den Wahlkreis Karlsruhe während zweier Perioden im Reichstage vertrat, ist heute im Alter von 83 Jahren gestorben.

Leute und nahmen vergeblich eine Haussuchung vor-

Newyork, 5. Sept. Senator Stone, der von der Reist aus dem fernen Osten zurückgekehrt ist, erklärte, Japan übe eine vollständige Kontrolle über China und Korea aus- Mit dem europäischen und amerikanischen Ein­fluß sei es gänzlich vorbei- In ähnlicher Weise drückte sich der frühere Senawr Towire aus', der ebenfalls eine sehr nützliche Reise gemacht hatte- gebracht wird, wo er durch die Entwickelung seiner Gsae die

B r e s l a u, 5. Sept. Aus dem Kreise Militsch-Trachen- berg kommt die Nachricht von einem neuen polnischen G r u u d e r w e r b. Das 375 Hektar große Rittergut Guhre ist vom Besitzer Ratzay für 450 000 Mk. an den Polen Wilgoszyns verkauft worden. Ratzack hat das Rittergut nur einige Monate besessen.

St. Blasien, 5. Sept. Das Befinden des Großherzogs von Luxemburg, der hier zur Kur weilt, ist so ungünstig, daß seines leidenden Zustandes wegen die ihm nahe verwandten Mitglieder der großherzog­lich badischen Familie bei ihrem jüngsten Besuch nur von der Großherzogin von Luxemburg empfangen werden konnten.

einen angeblichen , , , _ ,

Kaisers in Klagenfurt, der dadurch hervorgerufen worden sein soll, daß sich lein M a n n mit erhobenem Stocke dem Wagen des Kaisers genähert habe, daß bei dieser Rundfahrt keiner­lei Zwischenfall vorgefalleu und auch^n i e nt a u d verhaftet worden fei- Tie Gerüchte seien darauf zurückzuführen, daß im Manöverterrain ein italienischer Offizier - unter dem Verdachte der Spionage verhaftet wurde, und dadurch das Gerücht von der Festnahme eines italienischen Anarchisten entstanden sei-

Das Berl- Tgbl. meldet aus Prag: Der Stadtrat beschloß, die Teilnehmer an dem Freidenkerkongresse offi­ziell zu begrüßen und setzte gleichzeitig für den Kongreß eine Subvention von 1000 Kronen aus- Tie katholische

Organisation beschloß eine große Protest-Kundge­bung zu veranstalten- '

Verona, 5- Sept. Ter Russe N auino w, der in Venedig den Anschlag auf den Grafen Kamarowski verübte, ist auf dem hiesigen Bahnhof verhaftet worden-

Paris, 5- Sept. Ter König von Griechenland begibt sich heute nach Kopenhagen und beabsichtigt anfang Ok­tober auf der Rückfahrt sich in Berlin aufzuhalten, um, wie in seiner Umgebung verlautet, vom Kaiser empfangen zu werden und mit Bülow! eine Unterredung über "bie Balkan- fragc zu haben- Tann will er abermals in Paris Aufenthalt nehmen und wenn die Ereignisse es gestatten, bis zur Ver-

ferner nahm .. _____ __________

und die obligatorische militärische Ausbildung an- Das Unter­haus-Mitglied Thorne forderte, daß alle Männer militärisch aus­gebildet und bewaffnet würden, da dies in den Kämpfen der Arbeiterschaft von Nutzen tväre- '

Tas Berl- Tageblatt Meldet aus Odessa: Ungeachtet des! beruhigenden Aufrufes des 'Stadthauptmannes' von Odessa an die Bevölkerung kamen während einer Kirchenprozession abermals Gewalttätigkeiten gegen dieJuden vor- Viele Juden wurden durch Messerstiche uno Schüsse schwer verwundet- Krsaken und Polizei umringten die Teehalle des Verbandes echtrussischer

Fahrstühle vermittelt, und auf dem Dach wird ein Gartest eingerichtet, zu dem die Zuschauer während der Pausen hinauf­befördert werden, um frische Luft zu schöpfen.

Neue Opfer der Polarforschu n g. Aus Winnipeg in Kanada meldet ein Telegramm: Eine Nachricht aus Athabaska Landing meldet den Verlust des der anglo-amerik. Polarexpedition gehörigen SchiffesDucheß of Bedford" in der Nähe von Fori Anxious. M i k k e l s e n, der Führer der Expedition, Lisfinawell, ein amerik. Geologe, und ein dritter hätten das Schiff im Februar mit Vorräten für 60 Tage verlassen, um nach dem im Worben von ihnen vermuteten Land vvrzudringen. 70 Tage lang wären sie vorgerückt, als einer von ihren Hundeschlitten umkehrte. Wahr­scheinlich würde man von der übrigen Gesellschaft nie wieder etwas hören.

Eine neue Pferdekrankheit. Im Tierhygien. Institut zu Freiburg i. B. gelangten, wie man uns schreibt, Untersuchungen über eine neue Pferdekraniheit zum Abschluß, die in Baden schon größere Verheerungen angerichtet hat und neuer* dings auch im württembergischen Oberamt Freudenstadt anzu- treften ist. Die Krankheit macht sich zunächst in einer Ver­minderung dem Empfindlichkeit am ganzen Hinterkörper des Tieres bemerkbar, der dann rasch eine vollständige Lähmung folgt. Sektionen, die Professor Dr. Vogel bei an der Krankheit ver­endeten Tieren vornahm, ergaben das Bild einer schweren Blut- erfranhr.ig, ähnlich der Hämoglobimänie. Als Erreger der Krank­heit wurde jetzt ein bisher nicht bekannt gewesener Diploeoccus (Spaltpilzart) festgestellt, der durch eine septische Zersetzung der Säftemasse, die sich durch ausgebreitete kleine Blutungen in fast allen Organen kennzeichnet, und durch eine Umwandlung des roten Farbstoffes der Blutzellen in schwarzes Pigment eine infektiöse Rückenmarksentzündung hervorruft. Wegen der Eigen­tümlichkeit der Verfärbung des Hämoglobins hat er den Namen Streptococcus melanogenes erhalten. Alle gegen die Krankheit bisher angewandten Heilmittel haben sich als erfolglos erwiesen, auch die Ursachen der Uebertragung sind noch nicht klar.

Tie erste Privatdozentin in Oe st er reich. Tas österr. Unterrichtsministerium hat den vom Professoren- kollegium der philosophischen Fakultät der Universität ge­faßten Beschluß ans Zulassung des Frl. Dr., phil. Elise Richter als Privatdozentin für romanische Philo­logie bestätigt. Dies ist der erste Zull der Zulassung einer Frau als Privatdozentill. Sie wird über englische Literatur lesen.

elsässische Dorfhäuser geplant sind. Um die Dörfer werden sich gärtnerische Anlagen im Dorfcharakter schließen. Das Ganze ist gedacht als eine ständige Einrichtung, die in erster Linie der Belehrung dient, im Uebrigen aber auch ein echt volks­tümliches Vergnügungsunternehmen sein soll mit alljährlichen Volksfesten und täglichen Konzerten im Sommer.

Die Witwe des verstorbenen Komponisten G r i e g erhielt vom deutschen Kaiser das folgende Telegramm:Ich spreche Ihnen anläßlich des Todes Ihres Gemahls die herzlichste Teil­nahme aus. Er und seine Kunst werden nie vergessen werden von mir, noch von feinen Landsleuten- oder von uns Deutschen. Gott tröste Sie in Ihrem Schmerze. Ich habe meinen Gesandten beauftragt, mich bei den Trauerfeierlichkeiten zu vertreten und in meinem Namen einen Kranz niederzulegen. Wilhelm."

Professor Robert Koch, der seine Studien über die Schlafkrankheit für wissenschaftlich abgeschlossen ansieht, wird, wie dieKöln. Ztg." meldet, in nächster Zeit seine Rück­reise aus Afrika antreten. Er wird für Anfang November in Berlin zurückerwartet.

Der Deutsche Verein für Knabenhandarb ei^ wird vom 28. bis 30. September seine Generalversammlung in Zwickau abhalten. Aus der Tagesordnung steht ein Vortrag des Schuldirektors Hertel über denUnterricht im Far­rn e n", der einen Teil des Handsertigkeitsunterrrchtö bildet; er ist ein Arbeiten in Pastilin, Ton oder einem anderen bild­samen Material und tritt alS darstellender Anschauungsunter­richt in engste Beziehung zu anderen Unterri chtsgegLnstäntni der Schule, besonders zu der Heimatkunde und der Naturkunde. Weiter wird Schulrat Scherer aus Büdingen über den Handfertigkeitsunterricht und feine Bedeutung für Schule und Leben" sprechen, und endlich soll die Frage der künstlerischen Erziehung durch den Handfertigkeitsunterricht besprochen werden.

Ein Riesentheater. Aus New York wird uns berichtet: Ein Theater von so riesigen Dimensionen, wie es heut in der Welt nicht seinesgleichen hat, wird jetzt in Newyork errichtet. Es nimmt ein ganzes Straßenviereck ein und wird sieben Etagen enthalten; ein Flügel des Gebäudes soll sogar elf Etagen hoch werden, so daß sich bei diesem Riesenbauwerk bereits die schöne Perspektive auf dasWolkenkratzer-Theater" eröffnet. Natürlich wird das Gebäiwe auch verschwenderisch aus­gestattet, und zwar im Stile der italienischen Renaissance. Die Kosten des Theaters werden denn auch auf etwa 7 Millionen Mark geschätzt. Außer den Logen wird der Zuschauerraum 2500 Plätze enthalten. Der Verkehr zwischen den Rängen wich durch

mählung des Prinzen Georg hier bleiben.

Bath, 5- Sept. Ter Trabes Union-Kongreß nahmt eine Resolution zugunsten der Abschaffung des Ober- unb protestierte gegen die Ernennung neuer Peers; er eine Resolution gegen bie Aushebung

Aleines Feuilleton.

Aus Frankfurt wird geschrieben: Als Isolde trat am Dienstag Frau Paula Dönges aus Leipzig ihr Frankfurter Engagement an, als Brcmgäne Frl. Schröter aus Zürich, außer­dem war neu Herr Braun als Kurwenal. Besonders Frau Dönges entsprach durch ihre Schönheit und die dramatische Kraft, ihres umfangreichen Organs allen Erwartungen; sie er­zielte durch bie Großzügigkeit ber Auffassung unb Darstellung mächtige Wirkungen, bie sich in herzlichen Ovationen kund- gaben. Die Frankfurter Oper besitzt in Frau Dönges wieder eine prädestinierte Wagnersängerin von außergewöhnlichen stimmlichen und gesanglichen Mitteln, wobei nur zu bedauern ist, daß bie Neigung zur Fülle den jugenblichen Eindruck in ber Gestalt ber Künstlerin zu benachteiligen broht. Frl. Schröter besitzt einen schön entwickelten Mezzosopran von großem Klangreis. Durch den Wohllaut seines metallisch klingenden Organs ist auch ber neue Bariton Braun ausgezeichnet. In Frl. Seeböck tritt außerdem noch eine neue Koloratur- und jugendlich-lyrische Sän­gerin in das Opernensemble.

Aus Groß -Alten st ädten (Kreis Wetzlar) wirb uns geschrieben: Von unseren brei Kirchenglocken stammen zwei aus de.n Jahre 1453. Sie haben also noch Sturm geläutet zur Zeit des 30jährigen Krieges. Außer ber genannten Jahreszahl lesen wir auf ihnen die Worte:Christus, Maria, Anthvnius." Offenbar war die damalige Kapelle dem hl. Antonius geweiht. Auf ber dritten Glocke steht:P. Rincker V. Leun Goß Mich V. Die Gemeinde Altenstädten Auf Befehl. D. Vohrstänbes 1789."

Ein Freilicht-Museum ist in Charlottenburg in Vorbereitung. Wie Stockholm in seinem sog. Skansen bie Sanbfdjaft der Heimat, ihre Völker und Gebräuche zeigt, so wird im Berliner Freilicht-Museum deutsches Wesen zu sehen fein: Das deutsche Dorf vor allem, das auch dem Ganzen voraussichtlich den Namen geben wird. Das Museum soll in feinen alten und neuen Bauernhausern die verlchiedenen Baustile der Stämme zur Anschauung bringen, im Innern genau die Einrichtungen und den Hausrat der Bevölkerung mit leoenben Modellen zeigen, die bie Pracht ihrer Heimat und die Industrie des Landes vorführen werden. Ein ganzes märkisches Dorf wird vorläufig den Hauptanziehungspunkt des neuen Frei- licht-Museuins bilden; ihm schließen sich nach dem zurzeit vor­liegenden Entwürfe ein Spreewaldhaus, cm thüringisch-frank. Hans, ein Uiedersächiisches, ein rheinisches Schifferhaus, em Schwarzwaldhaus und ein Tirolerhaus an. Während für spätere Seiten noch eine schweizer Landschaft, friesische, tvestfalische und

Gapon lebt!

Eine recht seltsam klingende Nachricht wird demBerl. Lok.-Anz." aus Budapest gemeldet. Der ehemalige russische Geistliche Gapon, von dem man bisher nur das Eine wußte, daß er in Finnland ermordet worden sei, soll in Wirk­lichkeit bisher unter einem falschen Namen in Fiume ge le b t haben. Die Meldung des Berliner Blattes lautet:

Der Redakteur Wasiliewsky von denBirshewija Wje- domosti" reiste über Budapest nach Fiume, um den dort weilenden Expriester Gapon im Auftrage der russischen Regierung nach Rußland zurückzuführen. Wasi- liewsky soll Jzlstruktionen von dem russischen Minister des Auswärtigen Iswolski erhalten haben, wonach Gapon ungehindert nach Rußland kommen könne. Er müsse jedoch in Finnland bleiben, wo er monatlich 300 Rubel als staatliche Unterstützung erhalten solle. Ferner müsse er ohne Aufsehen zurückkehren und den jetzt geführten falschen Namen Grigorow auch dort beibehalten. Auch dürfe er Journalisten nicht Rede stehen."

Die Meldung klingt so seltsam, daß man sie zunächst gar nicht glauben möchte, aber es sei daran erinnert, daß die Leiche jenes Mannes, die vor etwa einem Jahre in einem fiunländischen Landhause aufgefunden unb für die Gapons gehalten wurde, eigentlich gar nicht mit voller Sicherheit hat identifiziert werden können. Und diejenigen, die Gapon genau kannten, haben wohl gute Gründe gehabt, zu schweigen. Ist Gapon wirklich noch am Leben, dann kann aufs neue die Frage erörtert werden, ob dieser Mann der Freiheitsheld ist, für den er anfänglich gehalten wurde, oder ob er der Polizeispitzel ist, für den man ihn zuletzt ausgegeben hat? War jener Priester, der in den Peters­burger Revolutionstagen die Massen zum Zarenpalast fiihrte, ein Schwärmer oder Verräter?

Die Lage in Marokko»

Tie letzten Meldungen aus Marokko bringen nichts wesentlich neues. Admiral Philibert berichtet nur, daß in Mazagan und Casablanca Ruhe herrsche. R aisu li s Lager ist augenblicklich 15 Kilometer von Tanger entfernt, er scheint jedoch keine Vorbereitungen für einen feindlichen Angriff aus die Stadt zu treffen. Die Lagern Tanger selbst wird als befriedigend bezeichnet.

Bemerkenswerter sind die Nachrichten über die beiden Sultane. Ter für abgesetzt erklärte Sultan Abdul Asis beruft sich neuerdings auf seine Stellung als Oberhaupt des Islams und erklärt seinen Bruder Mulav Hasid für einen Rebell. Abdul Asis hofft anscheinend darauf, daß die Europäer ihn gegen seinen Bruder schützen werden. Die sranzösische Regierung hat indessen den Konsul von Mazagan angewiesen, sich in die inneren politischen Wirren nicht einzumischen, mit den von Muley Hasid ernannten Gouverneuren nur solche Angelegenheiten zu besprechen, die sich auf Europa beziehen und sich namentlich jeder Aenßerung zu enthalten, die als Anerkennung einer derbeidenSnltanegedeutet werden könnte. Auch die übrigen französischen Konsuln sollen von diesem Auftrage der Regierung in Kenntnis gefetzt werden.

Wie aus Fez gemeldet wird, hat die vom Sultan be­fragte Versammlung der Illemas erklärt, daß kein Anlaß bor liege, denheiligen Krie g" zu erklären, da die Franzosen nicht in ein unverletzliches Gebiet des Islams eingedrungen seien und Udschoa und Casablanca auf Grund eines absoluten Rechts besetzt hielten. Diese Entscheidung der Ulemas widerspricht derjenigen Mulay 5^afids, nach welcher der heilige Krieg erklärt werden müsse wegen des Eindringens in islamitisches Gebiet. Ein Bote Muiay Ha- sids hat den Ulemas in Langer den Befehl überbracht, daß sie nur noch mit seinem Finanzminister in Marrakesch Be­ziehungen unterhalten dürfen. Ter Bote bringt denselben Befehl auch nach Tetnan.

Allem Anschein nach ivird es bald zu einem entschei­denden Zusammenstoß zwischen Abdul Asis und Mulay Hasid kommen, denn derTemps" meldet auö Tanger: Aus Fez gelangte bisher die Bestätigung des Gerüchtes, daß Abdul Asis sich nach Rabat begeben wird, um seine Autorität gegen Mulay Hasid zu behaupten. Dieser scheint gleich­falls entschlossen zu sein, nach Rabat zu marschieren.

Inzwischen scheint man jetzt ernstlich an die Bildung der Polizeitruppe gehen zu wollen.

Der f r a n z ö s i s ch e M i n i st er des Auswärtigen erklärt, daß er beim marokkanischen Kriegsminister Gehbas angefragt habe, ob er das Leben der als Polizei-Instruk­teure nach Marokko'abzuordnenden französischen und spa­nischen Offiziere gewährleisten könne. Gebbas habe verneinend geantwortet, worauf das französische aus­wärtige Amt die Signatarmächte von Algeciras benach­richtigt hat, daß unter solchen Umständen die Bildung de r Polizei nichtaus marokkanisch en,sondern aus französischen und spanischen Mannschaf­ten nötig werde. Daher ist zu erwarten, daß alsbald die entsprechenden Truppen in die marokkanischen Häsen als ^e^ satzung gelegt werden.

Das ettglisch-rusftsche Ablommen.

Petersburg, 6. Sept. Entgegen anders lautenden Be­richten enthält bas englisch-russische Abkommen, wie aus guter Quelle verlautet, keinen Geheim-Artikel. Es wirb nach Ratifizierung in vollem Umfange veröffentlicht wer­den. Tie soeben abgeschlossenen biplomatischen Verhaublungen verliefen nicht ganz glatt. Es gab vielmehr nicht unerhebliche MeinungSunterschicbe zwischen beiden Mächten. Ter Zar selbst soll gegen Zugeftänbnisse an England gewesen fein unb erst bann nachgegeben haben, als ihm nachgewiesen würbe, baß Rußlanb ohne Unterstützung Englanbs keinen Einfluß in Ostasien haben kann.

Wien, 6. Sept. In einem gestern in Marienbab ge­währten Interview erklärte Sir Ebuarb Goschen, bas Ab­kommen zwischen England unb Rußland fei fertig abgeschlossen unb nur noch nicht veröffentlicht. Iswolski sei zum König von Eiigland berufen, nicht um neue Punkte zu berühren, sondern um einige kleine Mißverständnisse aufzuklären. Das Ab­kommen sei gegen keine Macht gerichtet. Es müsse von allen Säubern im Lichte eines den Weltftieben förbemben Ereig­nisses betrachtet werden.