«urcht erregt Die altgläubigen Bauern gerieten unter den Em- Nutz eines Kirchenvoriefers, der ihnen wers machte, da,; dreie Registrierung ein Werk von „Dienern des Antichrist" sei. Tie abergläubischen Bauern beschlosseii daher, man sollte ihnen ihre .Handschriften' zurückgeben. Es kostete viele Mühe, die Emge- fchreckten eines Besseren zu belehren. Und auch nach der ihnen gewordenen Ausklärung gingen noch viele Bauern kopsschuttelnd nach Hause. _____
Ausland.
London, 5. April. „Daily Graphic" schreibt zur Abrüstungsfrage, es sei ganz unerträglich, daß so viel Zell verschwendet und so viel Erregung erzeugt werde über ein Projekt das durchaus keine Aussicht habe, verwirklicht *u werden, und das nur eiligst aufgeworfen sei, um taktischen tnnerpoliitschen Interessen zu dienen. Deutschlands Stellung sei aanz verständlich; es sollte eingeräumt werden, daß [eine Einwendungen nicht ohne Bedeutung sind. D e u t s ch l a n d sei überzeugt daß es nur wirksam seine Interessen wahren könne, wenn es eine möglichst starke Militärmacht unterhalte. Deutschland wünsche ferner nicht an den Pranger gestellt zu werden vor den Steuerzahlern von ganz Europa als einzige Macht, die durch ihre Hartnäckigkeit verantwortlich ist für Llie Lasten des bewaffneten Friedens, aumal andere Mächte, besonders Rußland und Frankreich, ebenso dachten Wie Deutschland. , ,
— Die wieder aufgenommenen Verhandlungen zwischen Deutschland und der Kap-Kolonie, für welche die Anwesenheit des Kap-Premierministers Jameson m London erwünscht war, beziehen sich auf die Verpflegu n a s k o st e n für die aus Deutsch-Südwestafrika wahrend des Aufstandes übergetretenen und dort internierten schwarz e n Rebellen. Die Kap-Kolonie verlangt eine ziemlich b e - deutende Summe an Verpflegungskosten, btt Deutschland aus völkerrechtlichen Gründen zu zahlen sich weigert, wogegen die Kap-Kolonie geltend macht, daß die Internierung auf besonderen Wunsch Deutschlands erfolgt sei. Es heißt, auch der Gouverneur von Südwestafrika, v. Lindequist, würde zu diesen Verhandlungen in London erwartet.
Paris, 5. April. Oberst Baron Stoffel ist hier im Alter von 84 Jahren gestorben. Sein Name wurde unmittelbar nach dem Kriege von 1870 in Frankreich sehr viel genannt. Er war als Oberstleutnant im Jahre 1866 vom Kaiser Napoleon IH. zum Militärattache bei der ftanzösifchen Botschaft in Berlin ernannt worden und lieferte in dieser Stellung feiner Regierung eine Reihe eingehender Berichte über das preußische und deutsche Heerwesen, dessen Ueberlegenheit er vollauf erkannte. Hätten diese Informationen die gebührende Beachtung gefunden, so mären die Staatsmänner Napoleons 1870 wohl Nicht so leichtfertig zum Kriege gegen Deutschland entschlossen gewesen; aber nach dem Sturze des Kaiserreichs wurden die Berichte Stössels zu einem großen Teile noch uneröffnet in den Tuilerien vorgefunden und erst unter der republikanischen Regierung durch den Druck bekannt gemacht. Stoffel nahm am Kriege 1870/71 tätigen Anteil, besonders an der Verteidigung von Paris, schied aber 1872 aus dem aktiven Dienst.
W i e n , 5. April. Der Ministerpräsident und der Unterrichts- Minister empfingen heute eine Deputation ruthen. Professoren, die ein Memorandum betreffend die Errichtung einer selbständigen ruthenischen Universität in Lemberg überreichten. Der Unterrichtsminister erklärte, diese Frage nur im Zusammenhänge mit anderen Wünschen nach neuen Hochschulen regeln zu können. Der Ministerpräsident meinte, seiner Anschauung nach sei schon im Rahmen der bestehenden Einrichtungen die Möglichkeit gegeben, die kulturellen Anforderungen der Ru- thenen durch Errichtung von Dozentenstellen und Lehrstühlen Rechnung zu tragen.
Budapest, 5. April. Täglich mehren sich die Beweise, daß der Bauern-Aufstand von langer Hand aus den Kreisen der intelligenten Bevölkerung, von Beamten, Lehrern, Geistlichen und den Gemeindevorstehern vorbereitet worden ist. Gestern ist deshalb der Direktor des Gymnasiums in Slatina, Popescu, verhaftet «worden, da gegen ihn schwer belastende Momente vorliegen sollen.
Sofia, 5. April. Der Untersuchungsrichter beendete am 4. April die Untersuchung betreffend die Ermordung Pet- k o w s. Der Hauptbeschuldigte ist der Attentäter Petrow. Als Anstifter werden ferner angeklagt: Jkonomow, Herausgeber der „Balkanska Tribuna" und der Redakteur dieses Blattes Gerow, sowie die früheren Beamten der landwirtschafUichen Bank Cbranow und Bojadschiew. Das bulgarische Strafgesetz sieht für alle Angeklagten im Falle der Verurteilung Todesstrafe vor. Die Witwe Petkows erhob Zivilklage auf 100 000 Frcs. gegen die Mörder ihres Gemahls.
Aus Statt und Land.
Gießen, den 6. April.
** Zum Jubiläum der Landesuniversität. Dir haben gestern von der Versendung von Einladungen gesprochen, die indeß nur an die Ehrengäste gerichtet worden sind. Einladungen an weitere Kreise gelangen heute und am Montag zur Versendung. Das ihnen beizufugende Programm enthält übrigens ein paar andere Bestimmungen, wie z. B. eine gesellige Vereinigung im Philosophenwalde am Nachmittag des 1. August und eine am 3. August stattftndelide Wiederholung der Festvorstellung. — Es dürste ferner unsere Leser interessieren zu erfahren, daß die künstlerisch schöne Schrift mit der Hand geschrieben und dann durch Aetzung auf Metall zur Vervielfältigung hergerichtet worden ist, beides eine Leistung der Werkstatt von Klingspor in Offenbach.
** Das Konzert, das Herr Organist Otto Gör lach Morgen abend um 8 Uhr in der Stadtkirche mit seiner Ehorschule geben wird, wird vielen sehr willkommen sein, die schon einmal im Gottesdienst und bet den Aufführungen des Klrchengesangvereins mit Vergnügen dem frischen Gesang dieses so wohlgeschulteu Knabenchores gelauscht und gewünscht haben, einmal etwas mehr davon zu hören. Dazu ist denn morgen Gelegenheit geboten. Was sonst noch im Programm verheißen ist: öie Vorträge des Herrn Görlach auf der Orgel, der Konzertsängerin Frl. Mathilde Kempsf mit ihrer schönen Altstimme, des Cellisten Herrn Krauße, ist nicht minder geeignet, recht große Erwartungen rege zu machen. Da auch der Ertrag den Chorschülern, von denen nicht wenige jetzt fonfirmiert werden, was ihren Eltern doch recht große Ausgaben bringt, zu gute kommen soll, so darf man einen recht zahlreichen Besuch des Konzertes erhoffen.
* * Todesfall. Frau Siebert, die bei dem am 4. L Mts. vorgefallenen Zimmerbrand durch Brandwunden stark verletzt wurde, ist heute morgen in der Klinik infolge der Verletzungen gestorben.
* • Ein Jubiläum, und zwar seltener Art, feiern heute Ratsdiener Ochs und Friseur Stier. Ratsdiener Ochs ist heute seit 25 Jahren, vom 6. April 1882 an, ständiger Kunde bei Herrn Friseur Stier. Herr Ochs hat während dieser Zelt kein anderes Friseurgeschäst in Anspruch genommen.
Zu der gestrigen Selbstmordnotiz sei mit- geteilt, daß der Student Zorn nicht mehr Student niet), vet. war und bereits im vorigen Semester ans der Liste der Studentenschaft gestrichen wurde.
• • Die Erlaubnis zur Führung des Grotzh. Staatswappens in den Fahnen erhielten die Kriegeroer eine Zitzenhain, Schadenbach, Bernsburg, Seibelsdorf, Merkenfritz, Gettenau, Hainchen, Petterweil, Ober-Wöllstadt, Stammheim (Germania), Saasen, Höckersdorf und Breunges-
Landwirtschaftliches Fest. In Ober-WidderS- heim findet am Sonntag, 26. Mai ein großes oberhes s. Volks- und Bauernfest statt. Die Festrede hält der Rcichstagsabg. Liebermann v. Sonnenberg. Außerdem halten noch Ansprachen die Slbgg. Köhler, Böhme, Raab, Lattmann nsw.
** Zur Verlegung der Bahnstrecke Frankfurt- Bebra bei Elm. Seit den letzten großen Dammrutschungen, die voriges Jahr bei Elm stattfandcn, traut man dem Eimer Bahn- hos nicht mehr recht. Die Eisenbahnverwaltung plant deshalb die Verlegung der Strecke zwischen Schlüchtern und Flieden. Dieser Tage hat Eisenbahnminifter Breidenbach die Bahnhofsver- hältnisse und das Verlegungsprojekt einer Besichtigung unterzogen. Tie Bahnstrecke soll, wie schon früher mitgeteilt wurde, von Schlüchtern nordwestlich durch einen langen Tunnel den Distelrasen, der Rhön und Vogelsberg verbindet, durchstechen und zwischen Wallroth und Flieder in das Tal der Fliede treten. Da hierdurch die großen Windungen der jetzigen Strecke zwischen Schlüchtern, Elm unD Flieden in Wegfall kommen, so wird die Strecke erheblich abgekürzt. Außerdem kommen erhöhte Betriebssicherheit und Materialersparnis in Betracht. Das neue Projekt sieht für Flieden einen großen Bahnhof vor. Allerdings wird das ganze Projekt viele Millionen erfordern, sodaß bis zu seiner Verwirklichung noch einige Jahre verstreichen dürften, der Bahnhof Elm würde bann nur noch für die Strecke nach Bayern dienen. ,
** Sprachliche und orthographische Schnitzer. Ein geschätzter Leser unseres Blattes schreibt uns:
„Die gestrige Nummer Ihres geschätzten Blattes brachte über das diesjährige Aushebungsgeschäft eine Notiz, in der der Einsender besonders auf die „meTruben aus. . ." hinwies. Er gab im Anschluß daran der Hoffnung Ausdruck, die jungen Vater- mndsverteidiger möchten später mit der Waffe besser umzugehen verstehen, als mit der Orthographie. Zum Glück schließt ja auch eine schlechte Rechtschreibung gute Soldateneigenschuften nicht aus, und die jungen Stieger können tu der Tat kaum ein leuchtenderes Soldateiworbild finden, als den Verfasser des köstlichen Brieses an sein „libes malchen", den alten Marschall Vorwärts. — Ich .möchte nun die Aufmerksamkeit der Leser Ihres Blattes auf zwei Sprachdenkmäler lenken, die in trefflicher Weife zeigen, daß wir Gießener uns von den „Rekruden aus. . ." nichts „zu gefallen zu gelassen brauchen", und daß sie uns mit ihrer Rechtschreibung nicht in den Schatten stellen können. — Wenn man durch die Wiesen nach dem Philosophenwald geht, findet man am Waldrande eine Tafel mit der Aufschrift: „Das Befahren und Reiten auf den Spazierwegen im Philosophenwald ist verboten". Dieselbe Bekanntmachung findet man auch an der Triebseite des Philosophenwaides. — Betritt man aber von der Grün- berger Straße aus an der Kirschenallee den Trieb, so kann man folgende Warnung lesen: „Das Fahren und Reiten von Zivilpersonen sowie das Viehtreiben auf dem Regiments- Exer cier platz ist verboten. — Das Radfahren auf dem Exer- e i r platz ist Civilpersonen nur in der Zell gestattet in welcher keinerlei mili t a i rasche Hebungen auf demselben abgehalten werden. — Zuwiderhandlungen werden nach Ma s gäbe der Lokal-Reglements vom 12. August 1887 bestraft." Hoffentlich versäumen die Berfas,er des demnächst erscheinenden Jiibiläumsführers nicht, die zahlreichen Fremden, die zur Universitätsfeier nach Giepen kommen werden, auf diese sprachlichen Sehenswürdigkeiten allerersten Ranges aufmerijam zu machen. Tun diese doch durch ihre Klarheit, Quellenmäßig leit (mUit a i risch) und Vielseitigkeit (Exer- e i e r - und Exer c i r platz) jedem zur Evitens dahr das roier hir in Giessen in der liechtStatt Hessens Wonnen!"
Aus einer Zuschrift der Rekruten, die in dem „Rekruden"- Wagen hierherkamen, fei,übrigens mitgeteilt, daß der orthographische Fehler nicht ihnen zur Last fällt, fondern einem Malermeister, der ,ür sie das Schild anfertigte.
** Die Frühjahrs-Aussa atim Bollsbrauch. Der Landmann rüut feinen Pflug zurecht, und die Frühjahrsbestellung nimmt ihren Anfang. Das Erntewerk beginnt. Volkssitte und Boiksbrauch haben auch hierbei ihre Eigenart noch nicht eingebüßt. Der erste Pftugstrich wird in vielen Gegenden mit einem „In Gottes Warnen" eingeleitet. In der Oberpfalz, im Egerland und in Franken stellt man eine Schüssel mit Milch oder Brot mit Ei zwischen den Rädern auf bie Erde und fuhrt darüber hinweg, damit der Acker gute Frucht trage. Brot und Ei, „das Pflugbrot", wird den Armen geschenkt. In Westfalen ichneidet bie Hausmutter ein Brot auf der Mitte des Pfluges mitten durch und gibt eine Hälfte den Knechten, die andere den Zugtieren. Dem Thüringer Bauern werden beim ersten Ackergang die Taschen mit Krachen vollgepfropft, und heimgekehrt wird er samt seinem Pfluge von »er Bäuerin mit Waiier begossen. Der Donnerstag, als der Tag des Frühlings- und Erntegottes Donar, gilt noch heute als der beste Säetag. Mancherlei Bolksglauoe, d^r zweifellos aus der altgermanischen Zell stammt, findet sich bei der Aussaat selbst vor. Beim Säen bannt der Landmann, wie er meint, die Vögel dadurch von seinem Getreidefeld, daß er still,chweigend den Samen auspreut. Daher nimmt er wohl ein Stückchen Holz, einen Stein oder etwas Brot in den Mund. Sollen aber die Aehren nicht vom Brande heimgesucht werden, so raucht der abergläubische Säe- mann seine Tabakspfeife beim Ausstreuen des Samens.
** Die Presse in Hessen. Unser Großherzogtum besitzt in der Stadt Mainz die Mutter alles Zeitungswesens, denn ohne die Erfindung Gutenbergs gäbe es auch keine Zeitungen. Auch bei uns hat sich das Zeitungswesen recht kräftig entwickelt, denn in Hessen erscheinen heute neben 121 politischen Blättern 86 Zeitschriften der Fachliteratur. Von den enteren entfallen auf die Provinz Oberhessen 28, auf Starkenburg 61 und auf Rheinhessen 32 Zeitungen. Ihrer politischen Richtung nach sind 62 regierungsfreundlich. Davon 22 in Oberhessen, 29 in Starkenburg und 11 m Rheinhessen. Wildliberal sind 9 (Oberhessen 1, Starkenburg 3, Rheinhessen 5), nationalliberal 8 (Oberhessen 1, Starkenburg 3, Rheinhessen 4), freisinnig 4 (Starkenburg 2, Rheinhessen 2), Zentrum 9 (Starkenburg 3, Rheinhessen 6), sozialdemokratisch 3 (in jeder Provinz ein Blatt), em Organ des Bauernbundes erscheint in Oberhessen. Ihre Parteirichtung nicht angegeben haben m dem von uns als Quelle benutzten neuesten Zeitungs- latalog 28 (Oberhessen 2, Starkenburg 17, Rheinhessen 9) Wöchentlich einmal erscheinen von den mitgezählten Zeitungen 4 (Oberhessen und Rheinhessen 1, Starkenburg 2), 2 mal 38 (Oberhessen 10, Starkenburg 24, Rheinhessen 4), 3 mal 32 (Oberhessen 8, Starkepdurg 17, Rheinhessen 7), 4 mal 4 ije em in Oberhessen und Rheinhessen, 2 in Starkenburg), 6 mal 29 (7 in Oberhessen, 8 in Starkenburg, 14 in Rheinhessen), 13 mal wöchentlich erscheint nur eine Zeitung in Rheinhessen. Die Fachzeitschriften vertreten folgende Branchen: Baufach 3, Schulfach 3, ferner 3 Frauenzeltungen, Handel und Verkehr 11, Maschinenbau 2, Landwirtschaft und Viehzucht 9, Tekorationskunsl 6, Rechtspflege 7, Weinbau 5, konfessionellen Interessen dienen 6, je eine Zeitung besteht für Geschichte, Belletristik, Forstsach, Medizrn, Elsenbranche, Holz- handel, Kriegsivlssenschaft, Musik und Waisenschutz.
X Münchholzhausen, 6. April. Nächsten Sonntag m 8 Tagen feiert der Landwirt Peter Kinzenbach von hier mit seiner Frau geb. Kern das goldene Hochzeits
feft. Der Goldbräurigam steht tm 73. uno feine ®affin tm 71. Lebensjahre. Beide erfreuen sich noch geistiger Frische und der vollen Gesundest.
kp Friedberg, 5. April. Der 22. hessische Oberlehrertag nahm heute unter äußerst zahlreicher Beteiligung seinen Anfang. Aus allen Teilen Hessens waren die akademisch gebildeten Oberlehrer hier zusammcngeströmt. Um 4 Uhr trafen die Teilnehmer in Bad-Nauheim am neuen Verwaltunas- aebäude zusammen, und von hier aus begann unter Leitung des Assessors Sprengel die Besichtigung der Quellen, Knr- und Badeanlagen, der neuen Waschanstalt und der Maschinengetriebe. Besonderes Interesse bot der Durchgang durch den 500 Meter langen F<.rnheizkc.nal. Abends fand im K.isinosaal in Friedberg eine Begrüßungsfeier statt, die zahlreich besucht war. Oberlehrer Prätorius hieß die Gäste, besonders auch die Herren aus den anderen Bundesstaaten, wlllkommen. Professor Beck-Mainz dankte der Ortsgruppe Friedberg für den freundlichen Empfang. Bei deklamatorischen und humoristischen Darbietungen nahm die Feier einen schönen Verlauf. Morgen mittag ist die Hauptver- fammlung. (Ausführlicher Bericht folgt.)
sd. Darmstadt, 5. April. Erne lebhafte Auseinander- setzung entstand in der gestrigen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung zwischen dem Oberbürgermeister und einigen Stadtverordneten einerseits und dem Stadtv. Rodnagel andererseits, der als Geh. Oberschulrat Referent im Ministerium m der Abteilung für Schulangelegenhesten tft. Als der Stadtv. Säng sich darüber beschwerte, daß noch allzuviel Lehrer st eilen noch nicht definitiv besetzt seien, während schon im vorigen Jahre die definitive Besetzung zugesagt wurde, erbat sich der Stadtv. Rodnagel den Schutz des Oberbürgermeisters in dieser Angelegenheit, mußte aber erfahren, daß auch der Oberbürgermeister mit der dermaligen Behandlung der Anstellungssrage durch die Regierung nicht zufrieden sei, zudem die Stadt Darmstadt besonders große Opfer bringe. Von verschiedenen Seiten wurde eine Aende- rung der betr. Bestimmungen deS Schulgesetzes angeregt und Stadtv. Rodnagel gab diese Notwendigkeit zu.
k. Wiesbaden, b. April. Der bekannte Inhaber der Champagnerfirma Matthäus Müller, Müller-Gottschalk, ist heute früh das Opfer eines RevolverattentatS geworden. Er ist von einem Angestellten des Hauses namens Bouffier durch mehrere Reoolverschüsse schwer verwundet worden. Bouffier war über 22 Jahre bei der Firma als Buchhalter beschäftigt und hatte sich großer Beliebtheit bei seinen Chefs erfreut. Aus bisher nicht aufgeklärten Ursachen erhielt er jedoch plötzlich seine Entlassung. Aus Verzweiflung un d Ver b i t t er im g hierüber hat er das Attentat begangen.
Zur Kauaisteuerfrage
sind uns eine ganze Reihe Einsendungen auS unserem Leserkreise zugegangen, von denen die nachstehenden hier wiedergegeben seien:
Erwiderung.
In dem gestrigen „Zur K a n a l ft e u e r- betitelten Artikel, der offenbar in gewaltigem Zorn gefchrieben worden ist, sind einige Irrtümer, die eine Widerlegung geradezu herausfo^dern.
Nicht der Hausbesitzerstandpunkt hat die Herren Stadtverordneten veranlaßt, die Erhebung eines einmaligen Beitrages zu den Kanalkoslen abzulehnen, ebenso auch die Erhebung der laufenden ilanalgebüliren von dem Hausbesitzer allem, sondern die Ansicht, daß die Kosten für allgemeine Vorteile einer städtischen Einrichtung auch von allen, die einen Genuß davon haben, zu tragen sind und die Erwägung, daß die innere Einrichtung im Haüse dem Hausbesitzer schon Ausgaben auferlegt, die wahrlich hoch genug sind. In vielen Häusern betragen die Kosten für den Hausanschluß an bie Kanalisation 1000 All. und darüber. Wäre hierzu bie einmalige Erhebung eines Beitrages von ivieber gegen lOuu Mk. gekommen, so würbe es manchem Hausbesitzer schwer fallen, das Gelb aufzubringen, namentlich wenn auch noch ein anderer Poften „Straßenbaukoften" in der Luft schwebt. Tas hätte für viele gegen 3000 Alk. und mehr ausgeniacht.
Wie in der Stadtverordneten - Versammlung richtig bemerkt wurde, ist der Kanalbau eine Anlage für bie Gegenwart und die Zukunft. ES ist darum finanzwirtichaitlich durchaus richtig, die hohen Kosten nicht allein der durch die bieiigen besonderen Verhältnisse schon stark genug l elafteten Gegenwart auiznerlegen. Durch Erhebung der Kanalgebuhren, ivie beschlossen, werden die Kosten von den uns nachfolgenden Generationen mit aufgebracht. Ter Herr Einsender schreibt: .Nach dem Emkonimen eures leben soll man bie Kanalsteuer bemessen, nicht nach bem Wert semer Wohnung." Er scheint babei als Gegner immer nur an bie Hausbesitzer zu denken. Wie viele ober besser gesagt, wie wenige Häuser sinb beim remes Eigentum bes Inhabers? Dennoch soll ber Inhaber zahlen. Daun fragt er: »Soll nun ber Mieter, ber infolge- dessen (b. h. weil er eine größere Wohnung mietet, als er sie für sich braucht) Aftermieter halten muß ober aus anberen Gründen Pensionäre zu sich nimmt, deren Teil Kanalsteuern auf bie Miet« schlagen?" Sonderbare Frage! Soll beim ber Hausbesitzer die Kanalsteuer für bie Afterrnieter bezahlen, bie seinem Hause keinen Vorteil, solidem durch stärkere Abnutzung ber Wohnung, größere Unruhe im Haus, stärkeren Wasserverbrauch nur Lasten bringen? Es zieht hier mancher Bieter burch Aftervermietung größeren Gewinn aus einem einzigen Stockwerk als ber Besitzer aus seinem mehrstöckigen Hanse. Auch hat er kein so großes Risiko als der Hausbesitzer und sogar weniger — Aerger.
Ter Herr Einsender möge sich nur einmal genau unterrichten über bie Lasten unb Unannehmlichkeiten eines Hausbesitzers; bann mag er ruhig ben Mieteroerein gründen, vielleicht nimmt er bann in das Statut einen Paragraphen mit auf zum Schutze — der ivemg benetbensroerten Hausbesitzer. -1-
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In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde der meines Erachtens unüberlegte Beschluß gefaßt. Die Kanalgebühren einfach von den Mietern zu erheben, indem man 5 Proz. Der Wohnungsmiete zuschlägt und dies als besondere Kanalgebühr-Steuer ein* * treiben will. Sollte dieser Beschluß Gesetz werden, so werden, das glaube ich ganz bestimmt, die Herren Hausbesitzer am allerwenigsten Freude daran erleben! Es werden eine ganze Menge pensionierter Beamten, Offiziere rc. einfach von Gießen fort« ziehen. Kleine Beamte, Arbeiter, Gewerbetreibende, die keine Häuser besitzen, werden einfach in die umliegenden Orte ziehen und die Herren St^dtrclle können an den vielen leeren Wohnungen in Gießen das Rcsuftat ihres famosen Gesetzes erkennen!
Wie gerecht diese Steuer wirken wird, haben sich die Herren wahrscheinlich gar nicht klar gemacht, denn sonst hätten sicher viele nicht dafür geftimmt*! Nur einige Beispiele will ich anführen :
Eine arme Witwe, die keine Unterstützung annimmt und sich kümmerlich mit Zimmervermieten ernährt, soll jetzt 30—50 Mk. Kanalsteuer bezahlen. Der Geschäftsmann, der gezwungen ist, einen Laden zu mieten und hierfür 1000—2000 Mk. Miete bezahlt. Denen Geschäft vielleicht aber auch erst ebensoviel Reinertrag^ abwirft, soll von Diesem bescheidenen Einkommen noch extra 50, 100 und wehr Mark Kanalgebühren entrichten — das ist einfach unmöglich. Ich möchte Den Herren deshalb dringend ans Herz legen, ihren Beschluß zu reoiDieren, damit untere Stadt, und nicht zuietzt die Hausbesitzer, vor großem Schaden bewahrt bleiben. A
Mit Staunen las ich gestern abend den Bericht über die Stadtverordnetenversammlung. Mit Ausnahme von drei Herren, Die ihre Ausführungen im Sinne der Allgemeinheit machten, han- Deiten die meisten andern nur als Hausbesitzer. Herr Gabriel moajte sich überlegen, ob die von ihm vorgeichlagene Skala, Die alles bis jetzt D^gcwesene übertrumpft, wirtlich luert war, Überhaupt in Erwägung gebracht zu werden. Weicher Arbeiter zahlt eben iwch bis 250 Alk. DJiiete, keine 10 Prvz.: sie zahlen alle resp.


