Nr. 155
Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr. T. Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr.: Anzeiger Gieß«,
Erscheint tlgNch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gic&eiter Zamilienblatler" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Reifliche Landwirt* erscheint monatlich einmal.
Zweites Blatt L5G. Jahrgang Donnerstag 5. Juli 1806
yjS®w X zfX Kav. A a. aa aa a a I a A jsa Rotationsdruck und Verlag bet Vrühl'sch«
fW*"? WM WW Universitätsdruckerei. R. Lange, Gieße«.
UJIVyVIivl olljviyil
General-Anzeiger. Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
politische Lagesschar».
Ein ander Bild.
In führenden italienischen Blättern ist der Wind nach der D reib und ecke nmgesprungen. Die Mailänder Presse richtete die herzliche Bitte an Kaiser Wilhelm, zum Besuch dec Ausstellung nach Mailand zu kommen und durch eine Zusammenkunft mit König Viktor Emanuel die beste Antwort auf die Stimmen des Neides und der Bosheit zu geben, welche die Harmonie des Dreibundes zu stören versucht hätten. Wobei freilich unerwähnt bleibt, daß auch Mailänder Blätter an dieser Störung beteiligt waren. Gleichzeitig markieren Pariser Preßorgane, darunter der offizöse „Temps", Unzufriedenheit mit dem .italienischen Minister Litton i, weil er angeblich beim Abessynienvertrag mit Frankreich und England Schwierigkeiten macht, und überhaupt auf den Dreibund viel größere Rücksicht nimmt, als seine Amtsvorgänger. Dieses Ränkcspiel der guten Freunde Italiens ist zu durchsichtig, um nicht vom Minister Tittoni nach Gebühr gewürdigt zu werden. Man macht Italien den Vorwurf „übermäßiger Bundestreue", um zu rechtfertigen, daß man ihm ein vergleichsweise nur geringes Maß von Nutznießung am Abesiynienvertrag einzuräumen willens ist. Es wird abzuwarten sein, ob Tittoni sich verblüffen läßt.
Verdächtige Höflichkeit.
R Berlin, 4. Juli.
Die Berliner Geschäftsstelle der kaiserlich russischen Finanz- und Handelsagentur wird zum Herbst d. I. aus dem Westen, dem „Geheimratsviertel", ms Zentrum der Stadt verlegt werden. Der neue Leiter der Agentur, Staatsrat von Miller, beabsichtigt, in rege persönliche Beziehungen zu den führenden Männern der hiesigen Kaufmannschaft zu treten, um sich über die Wünsche und Bedürfnisse der maßgebenden Kreise im deutsch-russischen Handelsverkehr bestens zu informieren. Im Zentrum Berlins liegt aber auch die Börse, und es sei dahingestellt, ob der Staatsrat nicht auch den Auftrag hat, mit der Hochfinanz Fühlung zu gewinnen, um für eine neue russische Anleihe, deren Notwendigkeit in nicht ferner Zeit unnachweisbar werden dürfte, Stimmung zu machen. Die Geflifientlichkeit, mit der der Vertreter des russischen Finanzministeriums den Wünschen der Berliner Kommerzkreise entgegenzukommen trachtet, erscheint nicht ganz unverdächtig. Wenn der Russe höflich wird, zumal 'm Handelsverkehr, dann ist Vorsicht geboten.
Frhr. v. Tschirschky.
Es ist wohl als eine Folge der Erkrankung des Fürsten Bülow anzusehen, daß bet Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Tschirschky, stündig in der Begleitung des Kaisers sich befindet. Er ist seit der Vertagung des Reichstages nur vorübergehend in Berlin gewesen. Die gleiche Art der Repräsentation war bei dem früheren Staatssekretär Frhrn. v. Richthofen nicht zu bemerken. Es tritt darnach jetzt mehr die diplomatische, als die reine Verwaltungsseite dieses Staatssekretariats in Geltung, und Frhr. v. Tschirschky wird in der nächsten Parlamentssession in der Lage sein, in Sachen der hohen Politik die Regierung rednerisch zu vertreten, was Frhr. v. Richthofen während seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal getan hat. Aus dem Umstand, daß Frhr. v. Tschirschky den eigentlichen Verwaltungsdienst in Berlin weniger regelmäßig versteht, erhellt auch der unveränderte Wille der Regierung, die kolonialen Angelegenheiten vom Auswärtigen Amt ressortmäßig zu trennen.
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Ter Wettbewerb auf See.
Den Bemühungen der argentinischen Regierung um Begründung einer neuen Schnelldampfer Verbindung mit Europa ist Erfolg beschieden. Englische Rhedereien haben sich bereit finden lassen, unter den von der Regierung in Buenos-Ayres gestellten Bedingungen eine Anzahl schnell- fahrender Dampfer unter argentinischer Flagge für den regelmäßigen Verkehr zwischen London imd Bnenos-Ayres in Dienst zu stellen. Es handelt sich bei dem Unternehmen in der Hauptsache um den Massentransport von Fleisch und Fleischivaren, worüber mit zwei argentinischen Schlachlhausfirnden langfristige Kontrakte abgeschlossen sind — eine Folge der Abweisung des amerikanischen Büchsenfleisches von den europäischen Märkten. Den deutschen, den Verkehr mit Argentinien vermittelnden Rhedereien erwächst aus der Gründung dec englisch-argentinischen Schiffahrtsgesellschaft eine Konkurrenz, andrerseits aber aus dec rapid steigenden Warenausfuhr Argentiniens neue Verdienstgelegenheit, die mit erstklassigem Schiffsmaterial wahczunehmen sich verlohnt. Wohl zu diesem Zweck erhöht jetzt die Hamburg- Südamecikanische Dampfschiffahrtsgesellschaft ihr Betriebskapital auf dem Anleihewege um 10 Millionen All.
Zur Geburt des deutschen Thronerben.
Unser Berliner R.-Mitarbeiter schreibt uns unter dem 4. b. 2R.: c. _
Ein nationaler Festtag — das war die Signatur m den sonnendurchglühten Straßen der ReichslMUptstadtam heutigen Vormittag. Offiziere in Gala eilten durchs die . Straßen, von allen Seiten wogte der Menschenstrom den historffchen „unben zu — kurz, es herrschte eine Bewegung, eine unruhige '^tunm- nng, daß über die säwrenweise in der Friedrichstadt lisitwandelnden heimflüchtigen-yiu s s en eine bange Erinnerung an die Borgange an der Newa, Moskwa usw. gekommen sein mag. -out erdenklichen Zei n ist die Nachfrage nach dem „NeidManz. Nicht w ungestüm gewesen, wie die nach der heutigen Sonderausgabe. Telephonanschluß zu erhalten, hielt um die Mittagszeit überaus schwer. An den öffentlichen Ferusprechstellen, m Zigarr^n- aeschäften, Restaurationen — überall standen froh gestiMNite Leute, das noch druckfeuchte Zeituugsblatt in der Hand, um mc ö-renbci:- botfchast weiterzugeben. Am Nachmittag, wurde rüstig, vand angelegt zu Vorbereitungen für eine festliche Illumination,
zu patriotischen Feierii, wie die rege Nachfrage nach Büsten des Kronprinzenpaares erkennen ließ. Und die politischen Bemerkungen, die aus den Straßengesprächen herausklangen? Nun, sie spiegelten das nationale Empfinden in einer Stärke wieder, daß über die unveränderte Festigkeit des Bandes der Treue, das sich um die Nation und das Haus Hohenzollern schlingt, kein Zweifel sein kann. Die „Voss. Ztg." trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie schreibt: „Die Anhänglichkeit an irie Dhnastie wurzelt so tief im Volte, paß auch bei Irrungen der Politik der republikanische Gedanke bei der überwältigenden Mehrheit keinen Boden gewinnen kann." So ist es in der Tat. Der Ausdruck freudiger Teilnahme des Volkes an dem Ereignis, durch das die Thronfolge des Hauses Hohenzollern wiederum in der dritten Generation gesichert ist, trägt das Gepräge der Wahrhaftigkeit.
Die Sonderausgabe des „Reichsauz." bringt folgende Bekanntmachung:
Ihre K. H. die Frau Kronprinzessin des deutschen Reiches und von Preußen ist heute vormittag 9 Uhr 15 Min. im Marmor- Palais zu Potsdam zur Freude S. M. des Kaisers und Königs, I. M. der Kaiserin und Königin und des ganzen königl. Hauses von einem Prinzen glücklich entbunden worden. Dieses freudige Ereignis wurde der hiesigen Einwohnerschaft durch die üblichen Kanonenschüsse bekannt gegeben. Die hohe Wöchnerin sowie der neugeborene Prinz erfreuen sich des besten Wohlseins. Berlin, 4. Juli 1906. Der Minister des königl. Hauses v. Wedel.
Die „N o r d d. A l l g. Z t g." schreibt u. a.:
Die Thronfolge des ganzen Hauses Hohenzollern ist wiederum in der dritten Generation gesichert, Unser erlauchtes Kaiserpaar nennt seinen ersten Enkel sein Eigen. Wir danken dem Allmächtigen für das Glück, das dem Herrsck-erpaar beschieden war, und teilen bewegt die hohe Freude, die das frohe Ereignis für die Majestäten bedeutet, und wir bringen unsere ehrfurchtsvollsten Glück- und Segenswünsche dem Kaiser und Könige, der Kaiserin und Königin. Möge der junge <->proß der Hohenzollern- Dhnastie, unter deren kaiserlichen .Herrschaft das deutsche Reich zu bedeutender Macht und neuer Blüte gelangt ist, heranwachsen, seinen allerhöchsten Großeltern und erlauchten Eltern zur Freude und zum Segen der Nation zu einer glücklichen Zukunft. Golt schütze und erhalte den Kaiser und die Kaiserin, das kronprinzliche Paar und den neugeborenen Prinzen.
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Ferner liegen uns folgende Meldungen aus Berlin vor: Die Geburt nahm einen völlig normalen Verlauf. Der kleine Prinz soll sehr gut entwickelt und sehr gewichtig sein. Die Kronprinzessin hat die Geburt gut überstanden und fühlst sich ungemein wohl. Zwei Berliner Spezialärzte, Geheimrat Professor Burnrn von der Berliner Unwersilät, und Dc. Keller, wurden telegraphisch herbeigecufen und trafen kurz nach 6 Uhr ein.
Das über die Entbindung dec Kronprinzessin ausgegebene Bulletin lautet: Die Kronprinzessin wurde früh 9.15 Uhr von einem kräftigen, gesunden Knaben entbunden. Ihr Befinden ist den Umständen nach befriedigend. gez. Burnrn. Keller.
In der ersten Stunde zogen viele Hunderte, festlich gekleidet, und Kinder, zum Teil mit Fähnchen, nach den Linden, um dem Lösen des Saluts beizuwohnen. In vielen großen Geschäften waren die Büsten des Kaiserpaares und der fron» prinzlichen Herrschaften ausgestellt. In den Kasinos nahm dec älteste Offizier Gelegenheit, den ersten Toast auf den zukünftigen deutschen Kaiser auszubringen. Die öffentlichen Gebäude und zahlreiche Prioatgebäude haben geflaggt.
Der Kaiser, der bekanntlich nm Dienstag die Nor d- lan d reise angetreten hat, ist durch Funkentetegraphie von der Geburt seines ersten Enkels benachrichtigt worden.
Die Zahl der Glückwünsche und . Glückwünschenden wächst von Stunde zu Stunde. Au der Stelle, wo das Buch zum Einträgen ausliegt, ist ein andauerndes Kommen und Gehen. Die Zahl der Telegramme, die dem künftigen Erben der deutschen Kaiserkrone begriißt, ist enorm. Als einer der ersten traf der Draht grüß des Kaisers ein. Den ersten persönlichen Glückwunsch gab der Oberhofmarfchall Gras zu Eulenburg ab. Es folgten alsbald die Prinzen August Wilhelm, Friedrich Heinrich, sowie Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold. Gegen 12 Uhr fuhr die "Prinzessin Viktoria Luise mit ihrer Begleiterin vor. Um 41/2 Uhr erschien die kaiserliche Großmutter.
Die Kaiserin blieb den ganzen Tag über im Marmorpalais und teilte sich mit den Schwestern dec Kronprinzessin in die Pflege dec hohen Wöchnecin. Erst mit Einbruch dec Dunkelheit kehrte die Kaiserin in das Neue Palais zurück.
Wie die , Zentc.-Kocr." wissen will, hat dec Kaiser schon vor seiner Nordlandreise den Termin für die Taufe seines neugeborenen Enkels auf den 12. August festgesetzt. Ferner soll der Monarch bestimmt haben, daß der Prinz den Rufnamen Wilhelm führen soll. Hofprediger Dryander werde auf Anordnung des Kaisers die Taufpredigt halten.
Aus gut unterrichteten Londoner Kreisen verlautet, daß König Eduard die Stelle des Taufpaten bei dem Sohne des deutschen Kronprinzen übernehmen wird und deshalb zu mehrtägigem Aufenthalt nach Potsdam kommt.
Das königliche Haus Hohenzollern ist durch eine so stattliche Anzahl männlicher Glieder ausgezeichnet, wie sic wohl kaum eine andere regierende Familie aufzuweisen hat. ^cr Kaiser und seine Familie zählen jetzt 8 männliche Mitglieder, nämlich den Kaiser, seine sechs Söhne und der jetzt geborene Enkel. Der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich, hat zwei Söhne (ein dritter ist bekanntlich gestorben); Prinz Friedrich Leopold be)itzt drei Söhne und Prinz Albrectst, Regent des Herzogtums Braunschweig, gleichfalls drei. Zusammen weist das königliche Haus Hohenzollern letzt also 19 männliche Mit- a lieber auf. Der Senior deS Hauses ist Prinz Albrecht, Regent von Braunschweig, der im 69. Lebensjahre steht (geb. 1837). Im besten MauucSalteh stehen der Kaffer (geb.
Prinz Heinrich (geb. 1862) und Prinz Diedrich Leopold (geb. 1865). Die Söhne deS Prinzen Albrecht, Prinz Friedrich Heinrich, Joachim Albrecht und Friedrich.Wilhelm zahlen 32, 30 und 26 Jahre. Alle übrigen 12 männlichen Mitglieder des Ranies sind nod) jungen Alters: der Kronprinz ist 24, Prinz Eitel 23, und Prinz Adalbert 22 Jahre. Prinz August Willxlm steht im 20. Lebensjahre, Prinz Ovlar vft 18 Satyrc alt, Xrinj Waldemar ältester Sohn des,Prinzen Heinrich, 17 Jahre und Prinz Joachim, der jüngste Sohn des Kaiser paar es, 16 Jahre.
brH Sölmc des Prinzen Friedrich Leopold: p-ncdrich ^igiS- munb (aeb 1891), Friedrich Karl (geb. 1893) und Friedrich Leo- S> (geb 1895) fteTen im 15., 13. und 1L Lebensjahre, Prinz
Sigismund endlich, der zweite Sohn des Prinzen Heinrich, ist noch nicht 10 Jahre.
Nächst dem Kaiser nimmt Prinz Albrecht den höchsten mili- tärijd^eii Rang unter den Prinzen des Hohenzollern-Hauscs ein, er ist Generalseldmarschatl und General-Jnsvelleur der 1. Armee- Inspektion ; Prinz Heinrich ist Admiral und General der Infanterie, Prinz Friedrich Leopold General der Kavallerie, Prinz Friedrich Heinrich Oberstleutnant und Kommandeur des 1. Brandenburg. Dragoner-Regiments Nr. 2, Prinz Joachim Albrecht Major und Bataillonstommandeur im Kaiser Alexander Garde- Grenadier-Regiment dir. 1, Hauptleute bezw. Rittmeister sind der Kronprinz, Prinz Eitel Friedrich und Prinz Friedrich Wilhelm; Prinz Adalbert ist Oberleutnant zur See, alle übrigen Prinzen sind Leutnants, mit Ausnahme des Prinzen Sigismund und des jüngsten Sprossen des Hauses, welche beide noch keinen militärischen Rang in der Armee einnehmen.
Die Meutereien von Mel'ostok.
Die zur Prüfung der Vorgänge nach Bjelostok aus Anlaß der dortigen Judenmetzeleien entsandte Ko mm isst on von Dumamitgliedern hat einen Bericht veröffentlicht, der im Auszüge folgendermaßen lautet:
Seit der Ermor d un g des dortigen Polizeimeifters Derkatschew waren Gerüchte über einen bevorstehenden Pogrom im Umläufe. Die Polizeimannschaften waren durch die Ermordung mehrerer Mitglieder ihrer Truppe, die sie den Juden zusck)rieben, mngebractyt und Agitatoren reizten die niederen Volksschichten gegen d i e Juden auf und versuchten auck- die Truppen burd) Flugschriften aufzureizen, wobei Juden und Revolutionäre als identisch hin- gestellt wurden. Bereits vor dem 14. Juni erhielten die Feldwebel eines Regimentes den Befehl, den Mannschaften mitzuteilen, daß am 14. Juni eine orthodoxe und eine katholische Prozession siattsinden würde. Juden würden eine Bombe werfen und ein Pogrom würde folgen. Als am 14. Juni die orthodoxe Prozession in die Jnstitutsstraße cinbog, wurde sie aus einem Hause beschossen und einige Teilnehmer bemerkten, daß etwas Zischendes geworfen wurde. Sofort erschienen Truppen, die bereit gehalten worden waren, und feuerten auf die Häuser. Dieselbe Szene wiederholte sich auf dem Bazar, wo die zweite Bombe geworfen wurde. Es folgte bann ein Ueberfall von Vagabunden auf eine Apotheke, und der Pogrom begann. Vagabunden und Polizei plünderten die Läden und raubten Waren, und die Soldaten folgten ihrem Beispiele. Es entwickelte sich eine Hetzjagd auf die Juden, die man aus ihren Hausern trieb, um sie draußen zu erschießen. Auch auf dem Bahnhofe sammelten sich Haufen von Vagabunden, um flüchtende oder entkommende Juden abzufangen, trotzdem der Bahnhof von Dragonern und Infanterie besetzt war und Offiziere der in Bielostot stehenden 3 Regimenter im Bahnhofsrestaurant saßen. Ain 14. Juni traf auch der Gouverneur von Grodno ein, ohne daß sich jedoch Polizei, Soldaten und Vagabunden durch seine Anwesenheit stören ließen. Auch am 15. dauerte das Morden fort. So würden beispielsweise von zehn mit einem Zuge eintreffenden Juden acht sofort getötet. Auch der auf dem Bahnhof anwesende S t a a t s a n w a l t s ch a f t s g e h i l f c und die übrigen dort anwesenden AIntspcrs onen rührten feinen Finger, nm den Gewalttaten gegen die Inden ein Ende zu machen.
Nachdem nod) eine Anzahl von Aussagen von Augenzeugen über jene blutigen Vorgänge angeführt sind, geht der Bericht zu folgenden Schlußfolgerungen über: Vor allem ist^bic Planmäßig keit bes Pogroms hervorzuheben, bie an Strafexpebi- tionen erinnert. Wer war ber Organisator? Der G ou - o er n c ur von Grodno Küster. Er war vor dem Pogrom um Entfernung des Pristaw Scheremetjew ans Bjelostok als den Haupthetzer von einer jüdischen Abordnung gebeten, verweigerte dies aber. Entweder wußte er von dem Pogrom und ließ ihm seinen Lauf oder er stand den Vorgängen infolge einer geheimen C&nuaÜ ohnmächtig gegenüber. .
Als die Dumaabgg. Jakobson und Schcftel am 15. Juni sich an den Minister des Innern mit ber Bitte um Ergreifung von Maßregeln, um dem Morden Einhalt zu tun, wandten, wurde dieses z u g e s a g t. Ein Erfolg ist aber, wenn solche Maßnahmen überhaupt angeorbnet worden sind, nicht zutage getreten. Die Polizei unterließ von Anbeginn an nicht nur lebe Maßnahme zur Unterdrückung bes Pogroms, sondern entfesselte nod) obendrein durch ihre niederen Organe wilde Leidenschaften. Die Polizei ordnete die Erichieß- ung von Personen an, bie sie zu Revolutionären gestempelt hatte. Sie führte Vagabunden an^als‘ biete plünderten und Juden ermordeten. odnieBltm ist zu bemerken, daß die Militärobrigkeiten die Gewalt in der Stadt vor der Verhängung des Kriegszustandes an sich genommen und bie Stabt Schutzleuten nnb bewaffneten Soldaten ausgeliestrt haben, bie auf Weisung von Schutzleuten und Vagabunden oder nach eigenem Ermessen unbewaffnete Juden, die keinen Widerstand leisteten, erschossen. Von wem ist dem Gouverneur am 14. und 15. Juni die ihm zustehende Gewalt entzogen und diese den Militärbehörden übergeben worden? Diese Frage must das Kriegs- Ministerium aufkläreu. Dem Bericht der Abgeordneten liegt eine Reihe von Dokumenten als Beweismaterial bei.
Ein Petersburger Berichterstatter meldet, daß eine allgemeine Panik unter den Juden in allen Teilen Rußlands Platz greift, weit die schwarze Hundert überall antisemitische Unruhen anstifte.
Die russische Revolution dauert jetzt anderthalb Jahre. Fast 18 Monate sind verflossen, seit man wehrlose Arbeiter unter Anführung des Popen Gapon niedergeschoffen hat, seit der Schnee am Rewsky-Prospekt vom Blute Unschuldiger gerötet ward. Welch eine Summe von Entsetzlichem hat sich in diesen 18 Monaten int „heiligen, schweigenden Rußland" zugetragen! Wer dereinst die Geschichte dieser latenten russischen Revolution schreiben wird, der wird so Entsetzliches zu berichten müssen, wie dec Geschichtsschreiber der französischen Revolution. Vielleicht noch Schlimmeres. Und noch immer ist kein Ende abzusehen.
' Die Reichsduma ist in ihrer Mehrheit demokratisch und macht daraus kein Hehl. Und was vermag sie? Sie stellt, wie oben berichtet wird, barbarische Greueln fest, vceübk unter den Augen ber Obrigkeit, sie beschließt einstimmig die Vorlegung von Gesetzentwürfen bett, bie Abschaffung der Todesstrafe oder die Agrarfrage, aber die Regierung schweigt dazu, wenn sie sich nicht direkt ablehnend- verhält. Goremykin hält sich passiv, und die schioersten Anklagen gegen sein Kabinett und gegen die Machthaber prallen ab an feiner eisernen Stirn.
Man kann aber längst nicht mehr von Fr er h eit v- kämpsem sprechen — es sind vielfach Mörder, die heute der Regierung mit dem Dolch und mit dem Revolver gegen« Überstehen. Und so liegt die große Gefahr vor, daß ein Volk sich an das nackte Verbrechen gewöhnt, an den Mord, an den Raub. Und je länger der gegenwärtige Zustand


