Ausgabe 
3.2.1906 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

156. Jahrgang

Nr. 28 Drittes Matt

Grlcbetni tS-tt- mtt Ausnahme deS Tonntog».

Die6teflener FamMenblLtter" werden dem ,9Itueiqei viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hefstsch« Lanvwtt^' erichevu moncultch einmal.

Samstag 8. Februar 1906

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ichen UnwerNlälSdruckerei. R. Lange, Greben.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.?.

Tel. Nr. öl. Telegr.-Adr.: Anzeiger Greben.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Apolitische Tagesschau.

Das Duell unb die Beleidigungsstrafnr.

Anläßlich der Duelldebatie im Reichstage ist auch wieder auf die Strafandrohungen für Beleidigungen hingewiefen worden. Daß sie an sich zu milde seien, dagegen erhebt Justizrat Dr. Stranz Widerspruch, indem er schreibt:

Die einfache Beleidigung sowie die (nicht erweislich wahre) ehrenrührige Nachrede werden nach §§ 185 ff. des Strafgesetzbuches bestreut mit Geldstrafe bis zu 600 Mk. oder mit Hast oder Ge­fängnis bis zu einem Jahre. Wird die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen, oder geschieht die üble Nachrede öffentlich oder durch Verbreitung von Schrillen, Abbildungen oder Darstellungen, so tritt Geldstrafe bis zu 1500 Mk. oder Gefängnis bis zu zwei Jahren ein. Ter Verleumder, der Erbärmliche, der wider besseres Wissen beleidigt, wird mit Gefängnis bis zu zwei Jahren, und wenn die Verleumdung öffentlich oder durch Verbreitung von Schriften usw. begangen ist, mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestrast: bei mildernden Umständen kann die Strafe bis auf einen Tag Gefängnis ermäßigt oder aus Geldstrafe bis zu 900 Alk. erkannt werden. Beim Zusammentreffen mehrerer selbständiger Veleidigungen ist (nach § 74) gegebenenfalls eine Gesamtstrafe bis zu 10 Jahren Gefängnis möglich. Wir meinen, mit diesen Straf­maßen läßt sich durchaus auskommen. Ein anderes ist es, daß die Gerichte oft, infolge einer Mmdcrbewertung des Gutes der Ehre, nicht streng genug von den Strafmitteln Gebranch machen. Dies freilich nicht immer. Der Oberhäuptling King Akwa ist wegen zehn Vergehen gegen § 186 des Strafgesetzbuches (üble Nachrede) und gegen § 185 (einfache Beleidigung) zu eitler Gesamtstrafe von neun Jahren und Zwangsarbeit verurteilt worden. Die Be­stätigung dieses harten Urteils ist bis jetzt noch nicht erfolgt. Die Reform der in vielen sonstigen Punkten verbesserungsbedürftige« Gesetze über die Belerdigung braucht also nicht bei der Höhe der Strafandrohung einzusetzen.

Die Hauptsache wäre, daß irgend eine Instanz eingesetzt wird, welche den, der einen andern durch eine ehrlose Hand­lung verletzt, für ehrlos zu erklären berufen wäre. Dadurch würde leichtfertigen rote böswilligen Beleidigungen ein wohl wirksamer Damm entgegengestellt, manche heut etwas ver­worrene Begriffe über Zulässiges und Unzulässiges würden korrigiert, Duellen vorgcbeuqt und endlich empfindliche Be­leidigungen auch empfindlich gesühnt werden. Nach dieser Richtung liegt in der Tat da§ einzige Hilfsmittel. Eine praktisch brauchbare Formulierung wird allerdings recht schwer halten.

_SSerm in dem ft'amtfc gegen die Säuglingssterblichkeit die von Säuglings-Milchküchen empfohlen wird als Mittel die Säuglingssterblichkeit herabzusetzen, so lu-crben regelmäßig zwei Einwände gemacht. Der erste Einwand ist der: Wenn es richtig ist, (und daran ist kein Zweifel angesichts der Statistik und der Erfahrungen der Kinderärzte), daß die Säuglingssterblichkeit am erfolgreichsten bekämpft wird, wenn alle Mütter ihre Kinder selbst stillen, so ist der richtige Weg bet, alle Mütter zum Selbststillen zu bringen, nicht durch Gründung von Milchküchen die fünft» Itcnc Ernährung zu_ fördern. Der zweite Einwand gründet sich auf mc Ansicht, daß eine große SäuglingSsterblichkett auch ihre gute Seite habe, nämlich nach dem Darwinschen Gesetz der natür­lichen Auslese bewirke eine hohe Säuglingssterblichkeit eine Aus­merzung aller Schwächlinge und Mmmerer und trage dadurch dazu bei, die Kraft der Nation zu erhöhen.

Diese, Einwände klingen so einfach und überzeugend, daß es gar nicht nötig scheint, ihre Richtigkit zu beweisen. Es gilt daher sn zeigen, daß sie doch nicht zutreffen.

. Noch auf dem 2. Internationalen Milchkongreß zu Paris Ende Oktober 1905 entbrannte eine lebhafte Diskussion zwischen den Vertreterm derConsultationS des nonrissons" d. s. An­stalten, welche zur Beratung selbststillender Mütter eingerichtet sind und den Vertretern derGouttes de lait" Anstalten, welche künstliche Säuglingsnahrung abgeben, also den Säuglings­milchlüchen entsprechen, wobei den Milchküchen vorgeworsen wurde, daß sie die Verbreitung der natürlichen Ermährung schädi­gen. Die deutschen Kinderärzte befürworten ein gemein-- fnmeS Arbeiten beider Richtungen in den von ihnen gegrün­deten Anstalten, hier sehen wir eine Säuglings m i l cb k ü ch e mit ^"^?P^imgsheim vereinigt, die Säuglingsmilchküche gibt nur Milch ob auf ärztliche Verordnung, also wenn auch für den Sachkundigen ein Grund gegen das Selbststillen vorliegt, und tn das Säuglingsheim werden die Mütter der Säuglinge mit aufgenommen, damit sie ihr und ein oder mehr fremde Saugsinge füllen können. Der Propaganda für das Selbststillen bcr Mütter sind danach die SäuglingSmilchküchen ganz und gar mcht Wege. Aber der Vorwurf: die Milchlüchen schädigen ote Ausoreitung der natürlichen Ernährung ist auch in anderer Beziehung nicht berechtigt. Vor allem haben wir nun doch mit der Tatsache zu rechnen, daß ein Teil der Mütter tatsächlich aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage ist, zu stillen, und für diese muß gesorgt werden. Wenn ferner die Einrichtung eurer Mrlchküche da und dort nicht imstande war, die Sterblich­keit der von ihnen mit Nahrung versorgten Kinder so zu ver- mmdern, wie wir sie bei natürlicher Ernährung beobachten, so ist die Schuld daran nicht den Milchküchen zur Last zu legen, denn unter den Säuglingen, welche nicht von der Mutter gestillt werden und deshalb künstlich ernährt werden müssen, finden wir gerade auch von kranken und elenden Müttern die Kinder, welche auch durch gesunde natürliche Nahrung nicht zu retten sind. Deshalb ist es unmöglich, bei künstlich genährten Säug­lingen eine gleich geringe Sterblichkeit zu erzielen, tote bei natür­licher Ernährung. Segensreich ertoeift sich aber das Bestehen «einer Mftchküche bei Säuglingen, die selbst gesund und von ge- fsunder Mutter geboren sind, die aber doch die Mutter nicht stillen llann und deren Zahl ist nicht gering. Selbst aber wenn alle Länder von ihren Müttern gestillt werden könnten, ob kurze oder »e Zeit lassen wir außer Betracht, so wären die Milchküchen

noch nicht übcrfl rissig. Auch für die Brustkinder gibt es eine Zeit, die Zeit des Entwöhnens von der Brust, welche ihnen Gefahren bringt, die durch die Aenderung der Nahrung bedingt

*). Der Artikel ging gleichzeitig mit der Antwort auf bas Eingesandt des Dr. X. bei uns ein und ist die in dieser Antwort versprochene Beantwortung bei von Dr. X. gestellten Fragen.

Red. d.Gieß. Anz."

beiden Sterblichkeitsziffern sich nicht gleichmäßig ändert:. Es fand sich, daß auf ein Jahr mit hoher Sterblichkeit unter d"n 0 bis 1 jährigen regelmäßig ein Jahr folgte, in dem die Sterblich­keit der 1 bis 2 jährigen auch eine l>ohe toar und umgekehrt auf ein Jahr mit niedriger Sterblichkeit der 0 bis 1 jährigen folgte regelmäßig eilt Jahr mit niedriger Sterblichkeit der 1 bis! 2 jährigen. Man sollte doch erwarten, haß, nachdem in dem Jahre mit ungünstigen Gesundheitsverhältnissen eine scharfe Aus-- lese gehalten wurde, demnach viel Säuglinge weggerafft wurden^ nun int nächsten Jahre unter günstigen Verhältnissen nach diesev scharfen Auslese die Sterblichkeit unter den Übriagebliebeneni eine sehr viel geringere sein müßte, statt dessen finden wir die. Sterblichkeit der 1 bis 2 jährigen viel höher, als in den Jahren bei den 1 bis 2 jährigen sich feststellen läßt, wenn ein günstiges Jahr mit geringer Säuglingssterblichkeit, also mit milder Aus­lese vorausging.

In den schlechten Jahren wird allerdings eine schärfere Aus­lese gehalten und mehr Säuglinge sterben; die Uebeickebenden, waren allerdings die Kräftigeren, aber am Ende des Jahres sind sie es nicht mehr; überfknben haben sie das schlechte Jahr, aber ihre Gesundheit ist geschädigt worden, sie erliegen nun int folgenden Jahre selbst geringeren Anforderungen. Umgekehrt, kräftigen die guten. Jahre auch die voll Geburt Schwächlichen, sodaß sie im zweiten Lebensjahre sogar schlechtere Verhältnisse besser ertragen können. So wirkte auch das kalte Bad, ba^ die Skythen ihren Neugeborenen zu teil werden ließen, es tötete, nicht bloß die Schwächlichen, sondern machte auch die Starken- krank. Eine schon früh im ersten Lebensjahre einsetzende Für­sorge macht sich noch in späteren Jabren segensreich bemerkbar unb trägt reiche Zinsen an fernerer Gesundheit, erspart Lstrank- heitstage und Kurkosten bei Leiden in späteren Jahren, deren. Entstehung im Säuglingsalter nicht verhütet wurde. Wir sind durchaus berechtigt zu der Behauptung, daß Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit gleichbedeutend ist mit Hebung de s Ge s u n d he i t s z u st an de s, derKrasV des Volkes.

Auch denen, die ztoeifelsüchtig statistischen Zahlen kein Ver­trauen schenken ivvllen, mag entgegengehalten werden, daß das Darwinsche Gesetz bestehen bleibt und auch für Kulturvölker Geltung hat und wir trotzdem die Säuglingssterblichkeit energifd> bekämpfen müssen, gerade weil das Darwinsche Gesetz Herrscht^ nämlich die wohlwollende Zuneigung der Artgenossen zu einander, welche uns die Säuglingsfürsorge gebietet, sie selbst ist ein Er­zeugnis der Naturzüchtung, und sie ist der Grundstein jeder höheren G fittung, der wir folgen müssen. Schließlich wäre noch hinzuweisen aufSorgenkinder"', wie es Spinoza, Kant, Moltke, Helmholtz, stiousseau, -3d)Hier, Heine und andere waren, bereit Leben an einem seidenen Jaden hing.Für die Verbesserung der Rasse haben sie wohl kaum etwas beigetragen, für die Ent­wickelung der Menschheit aber Unsterbliches geleistet, und wenn linier allen Geschöpfen, die wir heute kalten Blutes sterben sehens während wir sie am Leben erhalten konnten, nur ein einziges wäre von jener Art, ans der eine höhere Fügung ihre bevor­zugten Sendboten und Werkzeuge formt, hätte dann nicht unsere Mühe tausendfältige und köstliche Frucht getragen?"

Las Valrrrprojckt Giesren°Steinbach-Laubach.

Wir erhielten zu diesem in Nr. 20 desG. 91." besprochenen: Bahnvrojekt nachstehende Zuschrift, die wir roiedergeben, ohne uns die darin enthaltenen Ansichten zu eigen zu machen. Vielleicht gibt sie noch anderen Interessenten Veranlassung, sich zu dem Pro­jekt zu äußern.

Gestatten Sie gütigst einem Laien zu obigem Projekt einige Worte zu sagen, welche nur dazu dienen sollen, ausklärend zu wirken.

Der in dem Aufsatz be5 Zivilingenieurs Mord angeführte Be^, schluß des Gemeinderats in Grimberg beeinflußt den vrojektierten Bahnbau Lich-Grünberg durchaus nicht, denn es ist allgemein be­kannt, daß eine einzelne Gemeinde einen Bahnbau n i cf) t auf-» schiebt, wenn die übrigen Gemeinden demselben zugestimmt und die Großh. Regierung die Genehmigung hierzu erteilt und sogar- ihre sinanzielle Unterstützung zugesichert hat, wie dies bei beut' Projekt Lich-Grün berg tatsächlich der Fall ist. Der Beschluß des förünberger Gemeinderats ist m. E. nur ein Schlag ins Wasser. Nun zu dem Projekt Gießen-Laubach. Es ist vollständig ausge­schloffen, daß die Preuß.-Hess. Eisenbahn-Gemeinschaft bezw. der Staat diese Bahn baut, darüber sind die Gelehrten und Wißenden einig, und daß man einer Privatgesellschaft gestattet, das Gleise der Oberhessischen Bahnen vom Bahnhof Gießen aus zu benutzen, daran ist gar nicht zu denken und für ein zweites Gleis ist inner­halb Gießens weder Platz vorhanden noch zu beschaffen.

Es stünde also nur der Platz zwischen Hevligenstaedts Fabrik und der Innenstadt zur Verfügung für den Bahnhof Ost.

lieber die Linienführung Aunerod-Steinbach-Albach mit dem spitzen Winkel nach Oppenrod-Burkhardsfelden will ich kein Wort verlieren, es könnte sonst scheinen, man aönute den Gießener Ans-, flugbedürftigen nicht die Benützung der Abendzüge Annerod-Gießen.' Daß diese Fahrkarten eine bte Rentabilität der Bahn in hohe ms Maße findende Einnahme erwarleu läßt, bezweifle ich sehr. Der Gedanke, daß durch das Projekt Gießen-Laubach diedirekte Er­schließung des Vogelsbergs" herbeige'uhrt werden soll, ist mir un-< faßbar. Wer von den Gießener Erholungsbedürftigen den Vogels^ berg besuchen will, fährt nach wie vor'nach ©rünberg unb geht durch den schönen Stadtwald den markierten Wegen entlang über} Freienseen nach dem Hoherodskopf ober Ulrichstein ober fährt bie' Linie Gießen-Hungen-Laubach, Gießen-Nidda-Schotten oder Gießen- Stockheim-Hartmanushain. Kein Mensch ivirb die Natur durch eine Fahrt von ea. 30 Kilom. mit einer Bimmelbahn (alle Züge haben Güterverkehr) erlangen wollen, wenn ihm Schnellzüge auf beiden Ederh, Linien zur Verfügung stehen (das stimmt nicht. Red.), die ihn in der Hälfte der Zeit an Ort und Stelle bringen wie die Bahn Gießen-Laubach.

Auch verstehe ich nicht, was Gießen von der neuen Bahn noch mehr au erwarten hätte als es bisher schon besaß, gravitiert dach der Verkehr der Orte ?(nnerob, Steinbach, Aldach, Oppenrod und Burkhardsfelden sowieso nach Gießen und die paar zwischen Grün- berg, Laubach und Lich liegenden Dörfer werden zur Genüge von den Gewerbtreibeftden dieser Landstädtchen bedient, auch sollte man diesen kleinen Plätzen noch etwas geschäftlichen Verkehr gönnen, denen der Staat bekanntermaßen zu Gunsten Gießens manche Wunden geschlagen, die niemals verharschen noch weniger heilen dürften.

17 Zum Schluffe nach einige Warte über die Weiterfuhrung ihrer Lime von Ettingshausen nach Laubach. Soll die Bahn die Kohlen- lagen bei Münster berücksichtigen, ist an Queckbarn uud Lauter nicht zu denken, ebensowenig umgekehrt an Munster.

Des weitern ist die Mitbeniitzung des Schienenstranges der Bahn Hungen-Aii.cke von Westerfeld nach Laubach nach den im Anfang angeführten Gründen vollständig ausgeschlossen.

Daß die Gemeinden Wetterfeld und Laubach nach den im Vor­jahr ge'aßten Beschlüssen bei einer zweiten Bahn nicht mittun werden, sei hier nebenbei auch noch angeführt.

Qu eckborn. <&. <>

[mb. Es besteht gar kein Zweifel, daß in dieser Zeit auch den alteren Säuglingen, wenn sie auch etwas widerstandsfähiger sind, als tn den ersten Lebenstoocben. doch die gleichen Gefahren drohen tote den ganz jungen, und daß' sie sehr häufig diesen Gefahren i erliegen. Gar manche Mutter, die ihr erstes Kind selbst mehrere , Monate stillte und es bann beim Entwöhnen doch noch verlor, Grnährimg nicht zweckmäßig war, fängt beim nächsten künstliche Ernährung schon viel fri'iher an unb hat 1 mMeßlich nach ben angeblich schlechten Erfahrungen mit ber 1 Ernährung an der Vrikst für die künstliche Ernährung von Anfang - an viel übrig unb ihr Beispiel und Rat nnrft weiter.

' , eine von Anfang an eingeleitete künstliche Ernährung des^ Säuglings der ärztlichen Uederwachung bedarf, so ist es ^uch beim Entwöhnen. Diese Kltzvpe, an der beim Großziehen

1 c>er Kinder so monche scheitern, ist wohlbekannt und die Aerzte 1 bekommen sehr häufig ilyre Schutzbefohlenen bei dieser Gelegen- 1 Art zum ersten Mole zu Gesicht, toenn die Mütter sich Rat holen.

Leider erfolgt diese Befragung des Arztes febr häufig (um urcht zu sagen regelmäßig) zu spät, d. h. erst dann, toenn die Kinder erkranken. Richtig wäre es, wie bei der Frage der lünstlichen Ernährung, so auch beim Entwöhnen vorher den Arzt zu fragen, wie es zu machen ist, und so nach Möglichkeit eme Erkrankung z-u vermeideii, anstatt erst Hilfe zu suchen, wenn schon Mißerfolge bei den ErnahrnngSv-ersuchen zu verzeichnen sind. Sowohl bei dem noch gesundeii wie beim erkrankten Kinde ist es beim Entwöhnen des ^Säuglings dem Arzte tote der Mutter eine große Wohltat, tvemi aus einer Säuglingsmilch- küche die Nahrung in cintomidfreier Fortn bezogen werden kann.

Die Nottoenb'gkeit der Säuglingsmilchküchm ergibt sich also einfach aus der Tatsache, to-r brauchen sie für diejenigen Säug­linge, welche nicht von der Mutter gestillt werden können und wir brauchen sie für die Säuglinge, welche entwöhnt worden.

. Der Vorlvurs, die Säuglingsmitchkuchen schädigen die Aus­breitung der natürlichen Entährung ist aber auch unberechtigt an sich, denn wenn die lei ch t e Beschaffung künstlicher guter Läuglingsnahrung auch manchmal eme Mutter veranlassen kann, ihr Kirrd nicht zu stillen, so ist umgekehrt die Möglichkeit, jederzeit und ohne Mühe eine bekömmliche künstliche Nahrung für den Säugling zu , bekommen, dies für manche Mutter gerade die Veranlassung ihr Kind zu stillen und noch öfter die Veranlassung, ihr fi'inb länger zu stillen unb der Grund, daß sie ihr Kind überhaupt und langer stillen konnte. In dieser Beziehung er­möglichen es die Säuglmgsmilchküchen dem Arzte das Selbststillen der Mutter durchzusetzen, die Milchküchen wirken demnach im entgegengesetzten Sinne als ihnen vorgeworsen wird. Dies mag ungereimt klingen, wenn man sagt, je besser für die künstliche Ernährung gesorgt ist, desto mehr wird die tiatürliche Ernährung gepflegt. Und doch ist es Q>.

Bei Müttern, die nicht stillen wollen, hilft alle Mahn­ung des Arztes nichts. Die meisten Mutter aber wollen von vorn­herein und sind in ständiger Aufregung, daß ihr Wunsch nicht in Er­füllung geht. Nähren sie daun mit bestem Erfolg die erste Zeit, so sorgen sie sich wieder, daß es nicht dauern oder nicht reichen wird. Dies trifft durchaus nicht nur fürnervöse" Frauen zu, sondern auch sonst ganz gemütsruhige Frauen leiden unter oieser Sorge, können körperlich heruntcrkommen, und Beschwerden, jetzt natürlich infolge des Stillens, oder Mmahme der Milch­absonderung treten in Wirklichkeit auf. Wie benihigend wirkt in solchen Fällen die Gewißheit, jederzeit und ohne Mühe künstliche Nahrung zur Stelle zu haben, wann sie verlangt wird, ohne daß Ar ganze umständliche Lkpparat der Nahrungsbereit­ung in Tätigkeit gesetzt werden muß. Dieses stete zur .Hand haben künstlicher Nahrung erleichtert ferner die Durchführung des Allaitment mixte, das teilweise Stillen. Zwei Mahlzeiten für dm Säugling. täglich aus der Milchküche bezogen neben ber Brust verabreicht, verschaffen der Mutter zweimal des Tages je sechs Stunden freie Zeit, die sie für andere Verpflichtungen gewinnt ohne ihr Kind darben zu lassen oder ihm Schaden zu­zufügen. Sollen diese beiden Mahlzeiten in der Familie täglich frisch bereitet werden, so steht der Auswand au Mühe und Kpflen ganz und gar nicht im Verhältnis zu dem Bedarf, ebenso leicht lassen sich sechs oder acht Mahlzeiten Herrichten und die Ver­suchung, sehr bald das Stillen ganz aufzugeben, ist sehr groß, ihr wird selten lange Zeit widerstanden. Auch an vorüber­gehenden Ersatz der Brustnahrung muß gedacht werden, vom Bezug der Nahrung aus der Milchküche kehrt die Mutter eher zum Stillen zurück, als daß im Hause die Zubereitung ber Nahrung, nachdem sie glücklich erlernt wurde, wieder für einige Zeit aufgegeben wird. Ist weiterhin eine tadellofe künstliche Nahrung zu jeder Jahreszeit zu haben, so braucht eine Mutter nicht in Sorge zu sein, wann sie ihr Kind entwöhnen soll. Wie- viele Kinder werden jetzt nicht schon im Frühjahr entwöhnt, damit sie im Sommer schon an die veränderte Nahrung gewöhnt sind, unb das geschieht meist aus Furcht, die natürliche Nahrung wird nicht so lange anhalten bis die sogen, gefährliche Zeit vorbei ist. Ans diesem durchaus rationellen Grunde bekommen alle diese Kinder die ihnen zukommende Nahrung zu kurze Zeit, und, das ist das Schlimme, obgleich noch reichlich diese Quelle fließt.

Wir sehen also, daß, wenn die Mütter wollen und wenn ärztlicher Rat uut) Hilfe, eine erfolgreiche natürliche Ernährung zu bieten und durchzuführm, zur Stelle ist, die Säuglings- Milchküchen der Durchführung der naffirlichen Ernährung durch­aus nicht hinderlich sind, sondern im Gegenteil wohl sich eignen zur Unterstützung derselben.

Wir kommen dann zum zweften Einwaird, der eine Be­kämpfung der Säuglingssterblichkeit als eine Bekämpfung eines Naturgesetzes anspricht unb damit diesen Kampf von vornherein zu einem erfolglosen stempelt ober wenn ein Erfolg zu erzielen i't, dieser Erfolg schädlich wirken müsse. Tie hohe SäuglinaS- sterblichkeit übe, so sagt man, eine günstige Wirkung im Sinne Darwinscher Auslese, da die schwachen Säuglinge häufiger sterben alS die kräftigeren. Je mehr schwächere sterben, befto kräftigere im Durchschnitt bleiben übrig. Diese Naturzüchtung sorge im freien Walten ber Natur für die Aaismerzung der Schwächlinge und Kümmerer. Das klingt theoretisch sehr bestechend und ol-ne Zweifel ist es auch richtig, daß im Kampf ums Dasein nur die von vornherein Kichstigen den Schädlichkeiten deS Kaurpfts nicht unterliegen. Fraglich ist nur, ob die Uebcrlebenden, die aus einer scharfen Auslese übrig bleiben, auch kräftiger sind, als die, welche einer milden Auslese unterworfen waren. Zn>ei sta­tistisch^ Arbeiten schienen zu beweisen, daß in Ländern mit l>oher Kindersterblichkeit die Sterblichkeit der ertoachsenen Personen ge­ringer ist, daß die stärksten Vcrheenmgen unter Erwachsenen die Tuberkulose in den Bezirken anrichtet, wo besonders viele der neugeborenen Kinder dem Leben erhalten bleiben. Auch die Mili- tärtauglichkeit soll dort höher sein, wo tyofc Säuglingssterblich­keit sich Nachweisen läßt. Eine kritische Sichtung dieser Statistik 1 widerlegte diese Schlüsse um> Anschauungen und eine Aufstellung - der gleichen Statistik für andere G.genden ergab andere entgegen­gesetzte Resultate. Besonders toenn man die Säuglinassterblich- i leit zur Sterblichkeit der KinAr im 1. bis 5. Jahre unb noch , mehr, toenn man die Sterblichkeit im ersten Lebensjahre mit der int ziveiten Lebensjahre vergleicht, ergeben sich unerwartete Resultate, welche die obwaltenden Verhältnisse klar stellen. Zählt man für eine Reihe von 10 oder 20 Jahren für einen bestimmten Bezirk die Toten nach dem Lebensalter und vergleicht die Sterb­lichkeit im ersten Lebensjahre mit der Sterblichkeit im zweiten i Lebensjahre, so sicht man, daß in den einzelnen Jahren die '

!n d* riebt gen Schriftart unv Katton»

VlIuHHnlä Lorle-' !orolc mU S-rttln aßet studentischen I Dcreinigungtn, liefert zu mäßigen pccften

UmverWLs-vcLmrei, SchrüstrM-. ?

Karlanrentarisehes.

Berlin, 2. Febr. Tie 13. Kommission de§ Reichs­tags zur Vorbereitung des HilfSkaffengefetzes hat zum Vorsitzenden den Abg. Trimborn, zum Stellvertreter Dr. Becker-Sprendlingen geroätzlt.

Säuglrrrgs-MilchLüÄr'n und Saugüngs- KterbliHLeU. *) von Dr. med. H. Koeppe.

(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)