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Drittes Blatt
Samstag 31. März 1906
156. Jahrgang
Nr. 77
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und AnzeigeblaLL für den Kreis Giehen
Rotation-druck wnb Verlag der Vrühl'fche» UnwersilätSdruckerei. 8L Sange. Greß«.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.?.
Tel. Nr. 5L Tetegr.»Adr.: Anzeiger ließen.
Erscheint «gNch mit Ausnahme de» Sonntags.
Die „Wietzener Zomilirnblätter" werden dem „Anzeige, viermal roöchenkltch beiqeleqt. Der Ehesstich« £anötoir*" erscheint monatlich einmal.
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Prospekte und Jahresbericht dar eh das Direktorat.
Besucher waren, rote u. a. der Altonaer Eisenbahndirektions-Vrä- tdent Jungnickel mit seinen Damen, aber im allgemeinen ist es einsam geworden in FriedrichSruh, während auf den herrlichen TerrainS nach Reinbek zu reizende Villenkolonien entstanden sind und sich in kurzer Zeil bevölkert haben.
Aber obgleich das frühere herzliche Verhältnis nicht mehr besieht, so genießt die fürstliche Schloßherrin doch überall froihndjtung. Fünf blühende Kinder umgeben sie in ihrem ruhigen Heim. Die ältesien von ihnen sind die am 22. November 1893, bezw. ain 4. März 1896 zn Schönhausen geborenen Eräsinnen Hannah Leo- poldine Lllice und Maria Goedela. Ter dritte Fürst von Bismarck, Otto Christian Archibald, geboren am 25. September 1897, Fidei- lommitzherr auf Schwarzenbek und Herr auf Schönhausen, vollendet in diesem Herbst sein neuntes Lebensjahr. Er, der den großen Namen trägt »nb auch den Zügen nach ein Bismarck ist, wird von einer deutschen und einer französischen Gouvernante unterrichtet; voraussichtlich wird von seinem nächsten Geburtstage ab ein Hauslehrer die weitere Unterweisung und Ausbildung übernehmen. Die jüngeren Brüder sind Eras Gottfried Alerander Georg Herbert, geboren am 29. März 1901 in der Reichshaliptstadt, und Graf Albrecht Edzard Heinrich Karl, geboren am 6. Juli 1903 zu FriedrichSruh.
Wenn es am 1. April in den Kroiien des SachseiiwaldeS von vergangenen und kommenden Tagen rauscht und raunt, dann wird auch der Wunsch sich regen, daß der junge Gutsherr von Fricd- richsruh einst nicht nur den Namen seines großen Ahnen tragen, sondern feiner würdig werden möge,.ein deuticher Mann und Fürst.
— Bismarck als Gott eines JndianerstammeS. Man schreibt dem ,B. B.-K/: „Tas „Chicagoer Journal" bringt folgendes Geschichtchen: Ein Missionar, der dieser Lage aus Südamerika zurückgekehrt ist, erzählte uns, daß er auf seinem Wege einen Stamm Nothäute angetroffen habe, welche Bismarck als Gott verehren. 9(i5 sie letztes Jahr ihre Ernte bedroht sahen, hatten sie zu allen ihren allen Göttern gebetet und Opfer dargebracht, aber ohne Erfolg. Zufälligerweise hatte derHäuptling m der Hülle eines deiitschen Farmers das Bild des eifern en Kanzlers entdeckt, das aus einer Zeitung heransgeschnitten und an die Wand geklebt worden roar. Er erbat sich das Bild unb erhielt es. Die Wilden brachten das Bild in feierlicher Pro ession in ihren Tempel und opferten ihm — und merkwürdig genug, es ergoß sich ein reichlicher Regen Seit jener Zeit ist die Gottheit des eisernen Kanzlers, den sie in Entstellung des Namens „Bitnbarko" nennen, fest begründet." ___________________________________________
Aus SsaOt uno Luno.
Gießen, den 31. März.^x
** Ordensverleihungen. S. K. H. der Groß? herzog haben dem Bürgermeister, Ortsgerichtsvorste'her und Standesbeamten Johann Leonh. Walter II. zu Schönau das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen und der Hebamme Margaretha Haußner zu Steinbach i. O. die Silberne Medaille des Ludewigs-Ordens mit der Inschrift „Für fünfzigjährige treue Dienste" verliehen.
*♦ Professor Dr. Albert Iesionek, bisher Privatdozent in München, übernimmt hier bekanntlich am 1. April die neuerrichtcte a. o. Professur für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Iesionek ist 1870 zu Lindau in Bayern geboren. Er studierte in München, Kiel und Tübingen. 1894 erlangte er in München die ärztliche Approbation und die Doktorwürde. Nachdem er eine Assistenzarztstelle int Münchener Krankenhause rechts der Isar inne gehabt, trat er mit 1. Juni 1894 bei Prof. I. Posselt an der dermaEogischen Klinik als Assistent ein, wo er bis jetzt tätig ist. Im März 1901 erhielt Iesionek in der Münchener medizinischen Fakultät die venia legendi für Dermatologie und Syphilodologie. In letzter Zeit veröffentlichte Prof. Iesionek einige lichttherapeutische Arbeiten, teilweise in Verbindung mit Prof. T-r. H. v. Tappeiner.
** Religiöse Vorträge. Zur großen Freude der hie- sigen Katholiken ist es gelungen, einen Ordens priest er zu gewinnen, der vom 1. bis 15. April täglich abends nm SVj Uhr
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dem Teutoburger Walde und die Htrschgruppe dem Fremden ms Auge, aber sic find verwittert und ungepflegt, wie die Wege und Heaen, die des Gärtners sorgende Hand vermiffen taffen. Auch das Schloß, zu dem man vom Garten des Vanbbaufed hinüber- fdiant, ist das alte nicht mehr. Ter rechte Seitenflügel, in dem zu des Allreichslanzlers Zeiten das Speifezimmer lag, das all den zahllosen Deputationen gastlich sich öffnete, ist durch einen umfangreichen Anbau erweitert worden. Ihm fiel der Altan ztun Opfer, auf dem Fürst Otto von Bismarck, von den Mitgliedern feiner Familie, Prof. Schweninger, Tr. Lhrysander usw. umgeben, die Huldigungen entgegennahm und unvergeßliche Worte an die deutschen Stämme richtete, die jedesmal zu Hunderten, ja Tausenden sich versammelt hatten und in bereit Reihen er sich hin und wieder selbst begab, bis bei gewissenhafte ärztliche Berater ihn mit sanfter Gewalt ins Haus zurückzudrängen suchte. Der frühere bescheidene
7. ' ' stattlichen Neubau gewichen, den Fürst Herbert noch in Angriff nehmen ließ, heften Vollendung^ er jedoch nicht mehr erleben sollte. Durch den Neubau, an den sich ein Hühnerhof schließt, ist auch ba§ frühere Seitenpsörtchen gegenüber dem Landhaus in Wegfall gekommen, von dem aus Otto von Bismarck schöne Dankworlc an seine Nachbarschaft richtete, die am Geburtstage seiner Gattin, am 11. April 1893, dem fürstlichen Paare einen
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Ein ErinnernngSblatt 3um 1. April.
Wenn der Geburtstag dc-Z Altreichskanzlers sich jährt, bann Achten sich die Gedanken des Volkes nach dem bncheuumrauschten Herrenhaus im Sachsenwald, wo Bismarck cu6rubte von dem Niekenwerke seines Lebens. FriedrichSruh ward zur Pllgerstätte von Tausenden und Abertausenden. Unb als er in das neunte Terennimn seines Heben? trat, da bereitete bem „treuen deutschen Diener Kaiser DiihelmS I." der neue Träger der Hoheuzolleru- kröne eine ungewöhnliche Ehrung. Mit dem Herrscher aber war eine begeisterte Menge von Verehrern gekommen, um des Reiches er ft cm Ränder zu huldigen, und in fonnenfdieinglängenben Stunden erfüllte unverg-ßlicheS Leben Park und Wald.
Noch dreimal sah Bismarck darnach ben Frühling in? Land rieben unb seine Bäume, die er so liebte, mit frischem Grün sich schmücken; dann ging er dahin. Am 301 Juli 1898 schloß er die Auaen für immer, folgte er der treuen Gefährtin seines Lebens (| 27. November 1894). Die Trauer um den Heimgegangenen liefe noch einmal Tausende nach dem Sachsenmalde ziehen; dann ward eS in FriedrichSruh still und stiller.
Wohl hatte in des großen Namens Erben das Landgut einen neuen Herrn erhalten, und häufige Gedächtnisfeiern gemahnten an die Zeit, da des alten Kanzlers Äugen auf die Menge schauten, die immer wieder huldigend ihm nahte. Mit ihm war aber auch sein Geist geschieden.
Trumen freilich, im Herrenhaus, umgab den Fürsten Herbert, den Hüter beS Andenkens seines Vaters, still ein glückliches Familienleben an der Seite der anmutsvollen Fürstin Marguerite, die ihm zwei Dochte« und drei Söhne schenkte. Tte Verbindungen des Schlosses mit der Außenwelt wurden allerdings in recht spärlichem Umfange aufrecht erhalten, und bas freundnachbarliche Verhältnis, wie es zwischen dem alten Fürsten unb seiner Umgebung bestand, stellte sich nicht mehr em. Nach seinem Tode gab eS feinen Einlaß mehr zum Herrenhaus unb zu dem baS Gebanbe umgebenden Pari. Wo die regelmäßigen Gäste Friedrichsruhs gewohnt waren, bem alten Fürsten auf seinen Spaziergängen zu bestimmter Stunde zu begegnen, wo sie Blick unb Gruß von ihm erhaschten, da ward der Zutritt bei Strafe verboten. Unb wie Fürst Herbert es gehalten, so ist es, nachdem am 18. September 1904 auch er babingegangen, jetzt geblieben. Wer am L April bem Gedenken Bismarcks huldigen will, der findet im Sachsen- walde kaum etwas, das por bem geistigen Auge jene Zeit (ebenbig werben ließe.
Wohl erhebt sich auf bem Hügel jenseits deS Schienenstranges der Eisenbahn das Mausoleum, wohl sehen mir die Bismarck- Säule und den Bismarck-Turm, wohl fallen bA: Steinkoloß aus
Fackelzug barbrachte.
Tie Gemahlin des Fürsten Herbert halte in jenem Jahre zum ersten Male als Mitglied des Hauses Bismarck der Feier des 1. April in Friedrichsrich beigewohnt. Unter ben Gasten befanden sich neben Hans 0. Bülow unb Professor n. Sen bad) der damalige Chef der ,Hamburger Nachrichten", Tr. Emil Hart- m e i) e r, unb Franz AnbreaS Meyer, der geniale Hamburger Oberingenieur. Sie alle sind nicht mehr. Wohl treffen auch jetzt hin unb wieder Gäste aus der näheren und weiteren Umgebung Friedrichsruhs im Herrenhause ein, die schon früher gern gesehene
unb außerdem an Soim- unb Feiertagen auch vormittags um 9’ Uhr iu her katholischen Strebe religiöse Vorträge über die wichtigsten Glaubens- und Sittenlehren halten wird. Die Bar- träge sollen einen Ersatz bieten für die fo beliebten VolkÄnissionen und erfreuen sich großer Beliebtheit unb cd ist sicher, daß der weitgereiste, erfahrene unb tüchtige Redner ein zahlreiches, aufmerksames und dankbares Auditorium finden wird, zumal, ba die Vorträge in der für ernste Erwägung^ so geeigneten Passion-- zeit und zu sehr gelegenen Stunden ftattfinben. Der erste Vortrag »~t am Pa'üonssonntag, den 1. ?lpril, vormittags 9Vs Uhr, der zweite am Sonntag abend um 8V1 Uhr, die folgenden bann jeden Abend 8V< Uhr. — In unserer Zeit, wo religiöse Fragen nicht selten auf dem Standpunkte der „freien" und „freiesten" Forschung beantwortet werden, dürfte eS nicht iirintcrreffant sein, eine Reihe von Vorträgen zu hären, in welchen religiöse Fragen auf dem positivsten Standpunkte ihre Beantwortung finden.
** Straßenverkehr. Wiederholt ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß Last- sowie Personenfuhrwcrke an den Straßenstellen, an denen Arbeiter mit flkmatarbeiten, Röhrenlegen usw. beschäftigt sind, allzuschnell vorbeigefahren sind, sodaß die in ben K'analschächten beschäftigten Arbeiter gefährdet Werbern Um eine Hemmung des Verkehrs nicht ein treten zu lassen, wurden feiltet Straßen, in welchen nur an einzelnen Stellen solche Kvnalarbciten vorgenommen wurden, seitens der zuständigen Behörde nicht gesperrt, sondern das Vorbeifahren geduldet. Wenn sich aber die Klagen über ba# allzu rasche Fahren seitens der Angestellten der FuhrwerkSbesitzer wiederholen sollten, mußte eine häufigere Straßensperrung eintreten. Die Fuhrwerksbesitzer werden deshalb in ihrem eigenen Interesse, sonne im Interesse ihrer Angestellten bandeln, ivenn sie Vorsorge keifen, daß an Kanalbaustellen im Schritt gefahren wird, unb die Vorschriften über daS Ausloeichen der Fuhrwerke strengstens beachtet werden.
** Den Bau einer normalspurigen Bahn von Bod-Nanheim nach Usingen erstrebt eine her 2. Hess. Kammer zugegcmgene Vorstellung von Vertretern der preußischen Gemeinden Anspach, Cransberg-Friedrichs- thal, Eschbach, Hausen-Arnsbach, Merzhausen, Michelbach, Obernhaiu-Pfafsenlviesbach, Usingen, Wehrheim, Wernborn, Westerfeld und der hessischen Gemeinden Bad-Nauheim, Langenhain-Ziegenberg, Nieder-Mörlen und Ober-Mörlen.
"z. Frankfurt, 29. März. Eine der größten existierenden Marderarten, die Htzrare, wurde für den Zoologischen Garten angekauft und befindet sich in der Galerie kleiner Naubtiere. Zwischen ben. Hirschgehegen und dem Nestaurationsgebäude wird ein neues Tierhaus errichtet, das im April besetzt werden soll. Etwa 40 bis 50 australische Tiere sind dafür zusammengebracht. TaS neue Haus soll über 20 Behälter bergen.
Markte.
0 Butzbach, 29. März. Der heutige Schweine markt war außergewöhnlich stark befahren. Tas AngebM in Ferkel und Springer war wesentlich größer ^als die Nachfrage. Die Verkäufer beharrten anfangs auf den seitherigen hohen Preisen, um dann gegen Ende des Marktes etwas wohlfeiler loszusÄagen. Tic in Anbetracht des! Rückganges der Preise für schlachtreife Schweine immer noch hohen Jungviehpreise veranlaßten, daß sehr wenig angekanft wurde.
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