Erstes Blatt
L 58. Jahrgang
Dienstag 30. Oktober 1906
Die Insignien
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Kaiser hat daS
vom
Er
Gchnlstratze 7.
Redaktion 113
Verlag u.Exped.^^51
Tldresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
„von
Herr v. Iswolski, der russische Minister des Aeußern, wurde empfangen und zur Frühstückstafel gezogen. Großkreuz des Noten Adlerordens erhalten.
BezngSpretS, monatlich 7bPf., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abholc- u. Zweigstellen moncitlicb G5 Pf.; durch diePost Alk. 2.—viertel- jührl. ausschl. Bestellg, Annahme von Anzeige« für die Tagesnuuuner bis vorinittägs 10 Uhr, ZeilenpreiS: lokal 12
auSwärtS 20 Pig. Verantwortlich tüt den polit. und aliflentt Teil: P. Wtttko- tüt »Stadt und Land' und »GerichtSsaal'r Ernst Heß; für den Anzeigenteil: HanS Beck,
die deutschen Volksvertreter den Aufenthalt in Tokio Höhepunkt ihrer Reise bezeichneten. Nun, es gibt der politischen Moral einen doppelten Boden.
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wurden ihm nach der Frühstückstafel vom Kaiser persönlich überreicht. Auch der Reichskanzler empfing den Minister und hatte eine längere Unterredung mit ihm. Bei dem Reichskanzler und seiner Gemahlin fand am Montag ein Diner statt, wozil u. a. Einladungen erhalten hatteii: Iswolski und Gemahlin, der russische Botschafter Graf Osten- Sacken und. Gemahlin, der russische Gesandte am dänischen Hof Fürst Kudaschew imb Gemahlin, der Botschafter in Petersburg v. Schön und Geniahlin, der Ntilitäcbevollmächtigte der russischen Botschaft Generalmajor v. Tatischew und Unter» staatssekretär v. Mühlberg.
Das alles erfährt man offiziös, nur darüber nichts, was Iswolski mit seiner Berliner Anwesenheit bezweckt, lieber den Inhalt der Minister-Unterredung verlautete noch nicht das geringste. UnS scheint, die hauptsächliche Frage ist für Rußland nicht einmal, wie es die revolutionäre Bewegung niederschlägt,
Tokio gegen Washington.
E. Berlin, 29. Olt.
Ein Schulstreit von San Franzisko, der die japanische ilnd amerikanische Diplomatie mobil macht, wird von einigen Blättern als kennzeichnend für die „unüberbrückbare Kluft' und „innere Gegnerschaft" zwischen Asiaten und Amerikanern bezeichnet. Man spricht sogar von der Möglichkeit des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen. In Berliner politischen Kreisen wird indessen dem Vorfall nicht entfernt solche Bedeutung beigemessen. Man ist hier im Gegenteil geneigt, die Beschwerden der Japaner darauf zurückzuführen, daß nach ihrer Auffassung die in San Franzisko erfolgte Ausschließung japanischer Kinder von den dortigen öffentlichen Schulen sich nicht verträgt mit den sehr freiindschaftlichen politischen Beziehungen zivischen der Union und Japan. Die Eile, mit de, die Washingtoner Regierung zur Untersuchung der Beschwerden geschritten ist, deutet allerdings darauf hin, daß man im Weißen Hause Wert legt auf die japanische Freundschaft, denn in der Regel geben sich die Geschäftspolitiker dort fremdländischen Klagen gegenüber ziemlich schwerhörig.
Es mag dahingestellt sein, ob die Annäherung dsr Union an Japan tatsächlich zu einer Geheim-Allianz geführt hat und damit zu dem, wennschon nicht formell proklamierten, maritimen Dreibund En gl and-Japan- Amerika. Jedenfalls würde der Union durch ein ihm feindlich gesinntes Japan die Zukunft verschoben werden, die es erwartet von der Inbetriebsetzung des Panamakanals. Die Monroedoktrin reklamiert den Pacific als amerikanische Vorherrschaftssphäre. Das Exempel ist jedoch nicht ohne Rest zil lösen, und dieser Rest heißt Japan. Es auf einen Waft'engang mit diesem seekriegsgeübten Volk ankommen zu lasten, muß den Pankees als tunlichst zu vermeidendes Ziel erscheinen, denn der Ausgang wäre weniger zweifellos, als bei dem Kriegsspiel mit Spanien vor Kuba und den Philippinen. Zudem sagen sich wohl die Amerikaner, daß sie aus erfolgreichen kommerziellen Wettbewerb mit den Nationen Europas auf dem asiatischen Markt nicht rechnen können, wenn sie mit der asiatischen Vormacht Japan in Zwist liegen. Alles das spricht für die Wahrscheinlichkeit der Fortdauer der amerikanisch-japanischen Freundschaft und auch für die Möglichkeit des Bestehens einer Vereinbarung zwischen den Regierungen in Washington und Tokio.
Es wäre ja nach der geltenden internationalen Maxime dergestalt die Welt aufs beste verteilt. Der Union den Großen Ozean, England das Indische Meer und den Atlantic, Frankreich und Italien das Mittelmeer, und Deutschland — nichts. Allenthalben dampfen in den Waffenfabriken die Schlote und regen sich die Hände, um die nationale Rüstung zu vervollkommnen. Von Deutschland aber fordern diese „Weltverbesserer", daß es nlit der Abrüstung den Anfang mache und zumal mit den Kriegsschiffen einhalte, denn seine Flotte sei ein Element der Bedrohung für den Weltfrieden. In dies Licht müssen heutzutage alle Meldungen gerückt werden, die von internationalen Zerwürfnissen ober Verstimmungen zu berichten wissen. Auch wenn es sich um bas Reich bes Mikado hanbelt, dessen Bewohner kürzlich der deutschen parlamentarischen Studienkommission einen so glänzenden Empfang bereitet haben, daß
politifd^e Lagesscharr.
Podbielski und die Fleischteuerung?
Der „Braunschw. Landesztg." wird aus Berlin wohlunterrichteter Seite" geschrieben:
Als Herr von Podbielski von Rominten nach Dalmin glückstrahlend zurückkehle uub {eine Bas-AUnprefse am nächsten Tage verkündete, daß er seine segensreiche Tätigkeit in vollem Umfange wieder aufnehmen werde, hatten wir in der Tat eine Kanzler- krise, benn es wäre unmöglich gewesen, daß Fürst v. Bülow und Herr v. Podbielski gleichzeitig vor dem Reichstage erschienen wären. Jetzt erst hat Bülow über Podbielski gesie g t. Er wird in wenigen Tagen Gttegenheit haben, auf seinem schönen Landgut Talmin sich vom Rheuma gründlich auszuheilcn. Nachfolger des fröhlichen Onkel Pod wird der Lberpräsident Freih. v. Schorlemer. Tas war schon beschlossene Sache, als der Käiser vor zehn Tagen im Auto nach Lieser getommen war. Podbielski wird, nachdem der Fall Fischer so glücklich verlaufen ist, sich zum Abschied noch mit dem ovangegelben Bande des Schwarzen Adlers schmücken, aber Minister ist er gewesen.
Derartige Weissagungen sind schon so häufig erfolgt, daß wir auch diesmal an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln, und zwar umsomehr, als die ganze Tonart darauf schließen läßt, daß der heiße Wunsch wieder einmal der Vater des Gerüchtes war.
Bemerkenswerter dünkt uns, daß sich die so häufig offiziös beniitzle „Köln. Zig." schon wieder an leitender Stelle über Folgen und Ursachen der anhaltenden Fleischteuerung verbreitet uni) vom Landwirtschastsminisier die Niederlegung seines Amtes fordert, da er selbst Interessent sei. Die ganze Politik der Negierung sei einseitig darauf gerichtet, den Großgrundbesitzern gefällig zu sein. Was auch die Beoölkerimg bewegt, eine maßgebende Aeußer- ung der leitenden Minister sei nicht zu erwirken. Es sei die höchste Zeit, daß der Reichstag zusammentrete, um mit diesem Zustande gründlich ab zu rechnen.
Das preußische Staatsministerium, so hieß es gestern, soll zur Fleischtcuerung Stellung genommen und über Maßregeln zur Milderung des herrschenden Notstandes beraten haben. Die Sitzung, so erfährt man heute, nahm fünf Stunden in Anspruch. Gründlich genug wäre darnach die Frage beraten worden — wenn nur nicht etwa das Ergebnis wieder lautet, daß es sich um eine „vorübergehende Erscheinung" handelt, um bedauerliche Unzuträglichkeiten, die im Interesse des Schutzes der heimischen Landwirtschaft gegen verseuchtes Vieh ertragen werden müssen. Die bünd- lerische „Tagesztg." mißt der Meldung von der Beschäftigung des preußischen Staatsnnnisteriums mit der Fleischteuerung überhaupt keinen Glauben bei; es könne sich, da die Sitzungen vollkommen vertraulich sind, nur um Vermutungen handeln. Vorläufig erhebt die „Tagesztg." Einspruch gegen jede Abschwächung des Grenzschutzes und im Besonderen gegen das Einverständnis des Vorstandes der LandwirtschastSkammer ür die Nhcinprovinz damit, daß, wie wir gestern meldeten, wöchentlich 1000 bis 1500 Schweine aus Holland cingeführt werden.
Zur Einigung der Liberalen.
Berlin, 29. Lltobev.
Der ZentralauSschuß der freisinnigen Volk-Partei hat 'sich hier gestern und vorgestern beraten und folgende Resolution gefaßt:
„Der ZentralauSschuß empfiehlt ein Zusammengehen der linksstehenden bürgerlichen Parteien bei den fontmenben Wahlen, erachtet aber unter Hinweis auf eine Erklärung vom 28. Mai 1905 als unabweisbare 'Äuaus- setzung für etwaige Vereinbarungen mir anderen liberalen Gruppen die Wahrung der eigenen politischen Selbständigkeit
nach Maßgabe der im Eisenacher Programm ausgesprochenen Grundsätze. Die jetzt von Frankfurt ans erfolgte Berufung einer größeren Versammlung, unter Zuziehung auch von Per^ sonen, die keiner der drei Parteien angehören, bietet keine Gewähr für einen Erfolg der auf ein Zusammengehen geriet teten Bestrebungen, zumal ohne vorherige Verständigung zwischen den Parteileitungen über die Vorbedingungen dec Beratung, die Tagesordnung und das Ziel der Vereinbarung. Der Zentralausschuß richtet deshalb an den Engeren Ausschuß der Deutschen Bolkspartei die dringende Bitte, von der Einberufung bitter Versammlung Abstand zu neunen und zunächst die zur Führung der Geschäfte berufenen Vertretungen der Parteien ober Delegierte der Frallchnen zu cuity vertraulichen Beratung zusammenzubcrnien wegen Her.», ^lu-r- ung eines gemeinsamen Vorgehens der drei linh (ibc. .u. u B.ir- teien bei den nächsten Wahlen."
Voigt gibt an, eine Urkundenfälschung Hege ganz und gar nicht vor. Seine Unterschrift, die man v. Alassam gelesen habe, stelle überhaupt keinen Namen dar. Sie sei zu lesen: „war niemals Hauptmann im 1. Garderegiment". Und ein solcher Hauptmann sei er damals gewesen.
In der Unterprima eines köntgl. Gymnasiums in Breslau ist, wie die „Schics. Ztg. erzählt, folgende Aufgabe zum Uebersetzen ins Lateinische gestellt worden:
„Sollten wir meinen, daß man denen mit dem Vorwurf der Unachtsamkeit zusetzen müsse, die, durch den Anschein des dienstlichen Befehls getäuscht, sich dem zur Verfügung gestellt haben, den sie, wenn sie den Dienstanzug genauer angesehen hätten, festnehmen und in Gewahrsam abllesern hätten müssen? Durchaus nicht, wenn wir den Fall unbefangen beurteilen; denn wie, kommt eS nicht häufig vor, daß wir, wo uns plötzlich eine neue imb zwar sehr ernsthafte Begebenheit gegcnübertritt, auf das Ganze schauen, aber gerade das Kleinste unbeachtet lassen. Ferner hütet Euch, die Strenge bet kriegerischen Zucht zu unterschätzen. Jener Schlaukopf konnte boch sicher ein richtiger Cenlurio fein. Was aber würde, glaubt Ihr, eingetreten sein, wenn die Soldaten nach Erledigung ihres Wachtdienstes einem Vorgesetzten aufs Wort zu gehorchen, sich geweigert hätten? Wer möchte zweifeln, daß sie aufs strengste würden bestraft worden sein? Aber willst Du auch den Dekurionen von Tuskulum, der in seiner Stadt sich des größten Ansehens erfreute, von Schuld frei wissen? Daß er schuldiger ist als die Bauernjungen von Soldaten, will ich durchaus nicht leugnen. Aber auch ihn möchte ich mit dem Vorwurf der Feigheit nicht drucken. Wenn ich auch glaube, daß seine Frau sich des Mannesnamens würdiger gezeigt hat. Aber da es einmal nach den Gesetzen nicht angeht, daß eine Frau das Amt eines Dekurionen verwaltet, so wollen wir ihren Gatten an der Spitze seiner Stadt lassen, zumal da, wie es im Sprichwort heißt, wer den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht."
Wer möchte zweifeln, daß es den Unterprimanern eine Freude war, dieses aktuelle Thema zu bearbeiten? Aber willst Du den, der solches Lateinisch-Deutsch verbrach, ganz von Schuld freisprechen?
Nr. 255
Erscheint tflgltd) außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brü h l'schen Untvers.-Bucb-u.Stein- b ruderet. R. Lange. Redaktion, Expedition
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen
Are heutige Dummer umfaßt 8 Seilen.
Aie eiserne Kugel.
Den Bagnosträflingen des alten Frankreich, das wir heute nur noch aus den Romanen des Alexander Dumas und anderer kennen, wurde bei Beginn ihrer meist lebens- länalichen Strafzeit eine eiserne Kugel an schwerer Kette an baä linke Bein geschmiedet; besonders gefährlichen Verbrechern bedachte man beide Füße mit diesem Zierrat. Darüber sind heute mehr als hundert Jahre vergangen, und wir sind human geworden. Wir behandeln unsere Strafgefangenen von Gesetzes wegen mit ziemlicher Milde, bauen Gefängnisse nach sanitären Gutachten, sorgen für ihre Gesundheit und Diät. Aber ein barbarisches Stück Mittelalter, eine Art eiserner Kugel ist geblleben, und diese wird von den Sträflingen nicht abgenommen, wenn sie das Gefängnis oder das HuchthauS*verlaffen, sondern gerade an diesem Zeitpuntt hängt man sie ihnen an beide Füße. Wir meinen die Polizeiaussjicht.
Der Verbrecher von Köpenick hat seinen Häschern erzählt, warum er sich zu dem kühnen Handstreich auf die Stadtkasse von Köpenick entschloß. Als er, der nur staatlichen und gemeindlichen Kassen sein Räuberinteresse zuwandte, im Februar d. I. aus dem Zuchthaus entlassen worden war, da sand er als tüchtiger Arbeiter gute und einträgliche Beschäftigung bei einem Hofschuhmacher. Er hätte ruhig weiter leben, sich auch manchen Genuß gönnen können bei einem Wochcnverdienst von 35 Mk. Aber er stand unter Polizeiaufsicht. Soin Arbeitgeber war ein humaner Mann, der ihn gern behalten hätte, aber es ging nicht. Es ereignete sich eben, was sich in tausenden Fällen ereignet hatte und was Sudermann in seinem Drama „Stein unter Steinen" lebendig veranschaulicht hat: die anderen Arbeiter rollten auf, daß sie mit einem alten Zuchthäusler zusammenarbeiten sollten, und brachten es schließlicd dahin, daß der Mann entlassen werden mußte. Der Hofschuhmacher wurde gezwungen, den Mann hinaus- Än. Der fand keine lohnende Arbeit mehr und faßte tschluß, durch einen Kapitalstreich seine unglückliche Laae zu verbessern. Der Streich glückte, aber der Verüber sitzt fest, nun wohl für immer zum Zuchthaus verdammt.
Sudermanns „Stein unter Steinen" hat seinerzeit eine lebhafte Debatte gegen die Polizeiaufsicht veranlaßt. Man ist sich ja auch lange darüber einig, daß die Polizeiaufsicht ein barbarisches Mittel der Ueberwachung von Menschen bildet, die einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Ihnen ist das Brarrdmal aufgedrückt, das sie nicht mehr los werden können, sie finb stigmatisiert vor den Menschen; es ist staatlich gesorgt dafür, daß sie eines anftändigeti Lebens nicht mehr froh werden können. Wer unter Polizeiaufsicht steht, findet selten mehr dauernde Beschäftigung. Wer auch möchte einen Menschen in feinem Unternehmen dulden, hinter dem fortgesetzt die Polizei her ist? Bei aller Humanttät, die gottlob in Arbeitgeberkreisen anzutteffen ist ,kann man es tefinem zumuten, daß er sich über die öffentliche Meinung hinwegsetzt, die nun einmal gegen den Zuchthäusler ist.
Und wollte wirklich ein Arbeitgeber vorurteilslos einen Mann nicht nach feinen Vorsttafen beurteilen, sondern nach dem, was er in Wirklichkeit zu leisten imstande ist, dann gehen die Arbeiter nicht mit. Sie wollen mit Zucht- stiuslern nichts zu tun haben, obgleich mancher unter ihnen chlimmer fein mag als der Ausgestoßene — das gerade childert Sudermann ja so packend in feinem Stück — und -rängen ihn hinaus. Da hat man Hllfsvereine für entlassene Sträflinge gegründet, aber auf der anderen Seite weist man durch die Polizeiaufsicht die entlassenen Sträflinge immer wieder auf Die Bahn des Verbrechens. Was soll denn so ein armer Teufel tun, dem einmal das Brandmal der Polizeiaufsicht aufgedrückt ist, und der keine Arbeit und kein Unterkommen sindet? Er stiehlt, raubt eben weiter, denn leben will er doch?
Es wäre an der Zeit, daß diese eiserne Kugel, die jeder unter Polizeiaufsicht gestellte entlassene Sträfling für jeden ersichtlich hinter sich her schleift, abgefchafft würde. Man muß im Interesse der Mcnjchlichkeit fordern, daß entlassene Sträflinge, die sich wieder in Arbeit be- sinden, von der Polizei unbehelligt bleiben — es braucht nicht jeder Mensch zu wissen, daß sie einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen finb! Die vom Gericht verhängten Strafen sollten doch vor allem auch bessernd aus die liebet» täter einwirken. Wie aber ist eine Besserung möglich, wenn plan einen Menschen ausstößt aus der Gemeinschaft? Wie sollen sich diese Unglücklichen wieder zu tauglichen und brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft entwickeln können, loenn die Polizei alles tut, um das zu verhindern? Hier sollte im Reichstag einmal ein ernstes Wort gesprochen loerden: barbarische Zustände, wie sie sich hier offenbaren, gehören nicht in unsere Zett. Hier muß die Losung fein: Schutz dem Unglücklichen vor der Polizei!
Das Strafverfahren gegen Voig t erfolgt wegen schwerer Urkundenfälschung, Hausfriedensbruchs, Freiheitsberaubung, Erpressung und Vergehens aus §137 deS Strafgesetzbuchs:
„Wer unbefugter Weife einen bewaffneten Hausen bildet oder befehligt, oder eine Mannschaft, von der er weiß, daß sie ohne gesetzliche Befugnis gesammelt ist, mit Massen oder Ktiegsbedürf- nilfen versieht, wird mit Gefängnis bi» ju zwei Jahren bestraft. Ber sich einem bewaffneten Hansen anschließt, wird mit Ge- jangnW bis zu einem Jahre bcsttast."
Auch der § 114 des Str.-^>.-B. kommt in Betracht: „Wer es unternimmt, durch Gewalt ober Drohung eine ! Behörde oder einen Beamten zur Annahme oder Unterlassung etiner Amtshandlung zu nötigen, wird mit Gefängnis nicht unter tirei Monaten bejtart. Sind mildernde Umstände vorhanden, tie tritt GefängnMrafe bis zu zwei Jahren ein,"


