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3.10.1906 Erstes Blatt
 
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Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dein hessischen Landwirt bie Siebener Familien, blätter uicrmal in der Woche beigelegt.

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Vtnzeiger Kietzen.

Erstes Blatt

156. Jahrgang

Mittwoch 3. Oktober 1906

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

VczngSpretSr monatlich7bPf., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Avhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Dik. 2.viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige» für die Tagesnuinmer bis vormittags 10 llhr< ZeilenpreiS: lokal 12Pf^ auSroärtS 20 Pfg.

Derantrvortlich tüe den poliL und allgern« Teil: P. Witt ko; für Stabt und fiaub4 und GerichtSsaat"; Ernst petz; für beu An- zeigenteil: HauS Beck.

Sie Heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Epilog zu Mannheim.

Was ist das Fazit des Mannheimer Parteitages? Jnbezug auf dieLiteratur" der sozialdemokratischen Partei bleibt wohl alles beim alten. DieNeue Gesell­schaft" Brauns, die Korrespondenzen Stampfers sind nicht boykottiert morden, urcd keinen von den vielbesehdeten Presseleuten der Partei hat man fliegen lassen, obwohl sie nicht besonders parieren wollen. Man ist gegen sie zu Felde gezogen, aber das Eliminieren der fortschrittlicheren Elemente innerhalb der Partei unterblieb, lieber dieVor- wcirts"-Redakteure, die seinerzeit aus der Redaktion des Zentralorgans hinausflogen, hat man sich nicht mehr auf­geregt. Man hatte auch nicht Zeit zu langen Debatten über das, was vorüber ist. Die Beschlüsse, die außerdem inbezug auf die sozialdemokrattsche Presse im Reiche ge­faßt wurden, sind für die Politik der Partei selbst nicht von Interesse.

Ueber die wichtige Frage des politischen Massen­streiks als Kampfmittel der Partei haben wir schon kurz gesprochen. Die Einigung, die man für unmöglich hielt, ist gelungen, .das Jenenser Programm und den Kölner Beschluß hat man als einander nicht widersprechend er­klärt und den Frieden zwischen Partei und Gewerkschaften proklamiert. Bebel hat, tapfer zurückweichend, gesiegt, und der Massenstreik ist als Kampfmittel ausgeschaltet, wenn inan ihn auch noch für besondere Fälle, z. B. für die eventuelle Antastung des Reichstagswahlrechtes, bestehen lassen will. Man hat erklärt: es gibt keinen Riß. So dekretierte man seinerzeit in Dresden: es gibt keine Revi­sionisten.

Diese Art von Taktik ist einfach, aber es gehört eine noch junge und im allgemeinen wohldisziplinierte Partei dazu, die das ris-kieren kann. Ob das Wegdekretieren des Zwistes aber einen wirklichen Erfolg bedeutet, das muß abgewartet werden, denn es sind derer, die den Massen­streik aus politischen Gründen propagieren, nicht wenige, obwohl von Parteiwegen der Massenstreik Unsürn ist. Die Spaltung innerhalb der gewerkschaftlichen Kreise selber, der Abfall der Anarchosozialisten von der Partei, das sind Beweise dafür. Aber vvm Standpunkt des gesunden Men- schenverstandes aus kann man sich freuen, daß dem General- sirekkunsinn offiziell ein Ende bereitet wurde, und wie es dabei zuging, das geht uns ja. im' Grunde nichts an. Wir haben nur mit beu Beschlüssen zu rechnen und hoffen, daß der, der den Generalstteik zurückstellt, recht dauer­haft ist. Für unsere Arbeiterschaft ist es entschieden besser, wenn man sie nicht der Fährlichkeit aussetzt, mit ihren Familien aus politischen Gründen hungern zu müssen. Für die rührige Entwicklung der Arbeiterbewegung ist in Mann­heim eine gewisse Gewahr geschaffen worden.

Wir müssen es uns versagen, aus die übrigen, nur für die Partei belangreichen Beschlüsse des Mannheimer Tages einzugehen; auf Eines aber wollen wir nicht ver­fehlen hinzuweisen: Es hat den Anschein, als ob Bebel, obwohl er zu den radikalsten Genossen gehört, augenblicklich mit der inneren Politik des deutschen Reiches gar nicht

so unzufrieden wäre, als er im Reichstag immer grollend behauptet. Und das ist auch nicht unbegreiflich. Denn wenn es auch bei uns noch recht viel zu bessern gäbe, so muß doch anerkannt werden, daß gerade für die arbeitende Be­völkerung sehr viel geschehen ist. Daß man leider mit der anderen Hand wieder zu nehmen sucht, was man erst ge­geben hat, und daß durch eine unvernünftige Steuerpolitik auch die unteren Volksschichten unverhältnismäßig hoch belastet sind, das sei zugegeben. Aber im allgemeinen: es geht an.

Der Mannheimer Parteitag zeigte die Sozialdemokratie auf dem Wege der Wandlung zur milderen Sinnesart, und das ist erfreulich. Hoffentlich hält diese mildere Sinnesart an.

poütifctye Lagesschau.

Neber die Haltung der Sozialdemokraten

für den Fall, daß Deutschland in einen Krieg verwickelt würde, hat sich Bebel wiederholt im Reichstag ausgesprochen. Das eine inal, unerwartet patriotisch, dahin, daß bei einem Angriff auf Deutschland die Sozialdemokraten nicht zu Hause bleiben würden. Das andere mal aber in der Etatsrede des vorigen Jahres drohte Bebel geradezu mit einem Wehrstreik der unzufriedenen Sozialdemokratie. Die Ankün­digung veranlaßte den Fürsten Bülow zu einer sehr scharfen Entgegnung, unter lebhafter Zustimmung von allctt Ver­tretern der bürgerlichen Parteien. Wiederum berührte Bebel auf dem Mannheitner Parteitag das Thema. Er habe etivas läuten hören, daß die deutschen sozialdetnakratischen Führer im Kriegsfall in sicheren Gewahrsam ge­bracht würden. Herrn Bebel ist von seinem Gewährsmann ein Märchen erzählt worden. Im deutschen Reich wird nicht, wie etwa in Rußland, nach Willkür, sondern nach Gesetz und Recht verfahren. Die Einsperrung der sozialdemokratischen Führer bei einem deutschen Kriege, und sei es auch nur während der Mobilmachung, würde gesetzlich nicht zulässig sein. Dann allerdings wäre die Verhaftung möglich, wenn der Verdacht des Landesverrates, gegen diese Führer vor­liegen sollte. Der Verdacht bedarf der Begründung durch Tatsachen und in dieser Beziehung hat doch hoffentlich die Leitung der sozialdemokratischer. Partei ein sehr gutes Gewissen. Heute nun ergeht sich einmilitärischer Mit- arbeiter* desVorwärts* in Betrachtungen darüber, wie die mindestens eine Million Sozialdemokraten unter den Reservisten und Landwehrleuten die Kunde, daß Bebel, Singer, Kautsky usw. verhaftet worden seien, auf­nehmen würde. Sehr übel, deutet der militärische Mitarbeiter an. DerDonnerwetterkurs* könnte, wenn er im Kriege nur einiges Mißgeschick habe, vielleicht sehr unliebsam überrascht werden. Hier wird also mit unverhüllter Deut­lichkeit gesagt, daß deutsche Niederlagen nicht nur Befriedigung Hervorrufen, sondern and) noch den über die Verhaftung der Parteiführer Ergrimmten Anlaß gu Ueber- raschungen, das heißt wohl Fahnenflucht-Versuchen,

geben würden. Wir glauben, die Ueberraschten werden auf der anderen Seite zu finden sein, im Krieg wird kurzer Prozeß gemacht. Es darf aber nicht verwundern, wenn solche Auslassungen, wie die imVorwärts", die Heeres­verwaltung zu befonberer Beachtung der Sozialdemokratie im Heere, und schon in Friedenszeiten, veranlassen.

Die in Deutschland gehandelten chilenischen Staatsanleihen haben sich von dem durch die Erdbeben-Katastrophe hervor- gerufenen Kursrückgänge noch immer nicht voll erholt. Die Nachfrage nach diesen Fonds bleibt gering, man fürchtet wohl eine Wiederholung der elementaren Ereignisse. Es ist natürlich nicht möglich, hierüber ein zutreffendes Urteil ab­zugeben, aber der beruhigende Hinweis soll den Besitzern chilenischer Papiere nicht vorenthalten bleiben, daß Chile in dem neuen Präsidenten Pedro Moutt einen Mann an die Spitze der Regierung gestellt hat, der die Fähigkeit besitzt, Ordnung in das Staatsbudget zu bringen, die Ausgaben auf das unbedingt Notwendige zu beschränken und die Beamten zur Wahrnehmung der Staatsinteressen anzuhalten. In diesem Sinne ist eine innerpolitische Gesundung Chiles mit Sicherheit zu erwarten und damit eine Kräftigung des Staatskredits. Der innere Wert der Ausländsanleihen Chiles würde also wohl einen höheren Kurs als den gegenwärtigen rechtfertigen, immer abgesehen von elementaren Vorgängen, die sich jeder Berechnung entziehen.

Nationalliberales aus Darmstadt.

Man schreibt uns aus der hessischen Residenz:

Am Montag abend sand hier eine vereinigte Sitzung de? nationalliberalen Vereins und des national* liberalen JugendoereinS statt, in welcher zunächst der Vorsitzende des Jugendvereins, Finanzamtmann Bangel, über die Delegierten-Versammlnng der Jngendvereine Deutschlands in Hannover referierte. Er hob hervor, daß dort gegen die Hal­tung der n a t i o n a 11 i b e r a 1 e n Fraktion im Reichstage, wie un preußischen Abgeordnetenhause lebhafter Wider­spruch sich gezeigt habe. Insbesondere sei die Haltung der preußischen Landlagsfraktion in der Schnllrage einer scharfen Kritik unterworfen worden. Ter Referent betonte, daß in ganz Deutschland die Simultanschule die richtigste Einrichtung sei und an deren Einführung und Ausbau überall gewirkt werden solle. Er konnte dabei auf die günstige Entwicklung des Schulwesens in Hessen exemplifizieren, welches ja seit langen Jahren die Siniultanschnle habe und ein Urteil dahin ab­geben, daß dieselbe sich trefflich bewährt habe. Ter Referent kenn­zeichnete weiter, daß sich in Hannover eine entschiedene Stimmung gegen die Fahr karten st en er und Erhöhung des Ortsportos gezeigt habe. Schließlich verweilte der Referent ausführlich auf der Frage des direkten Wahlrechts zu den einzelnen Landtagen und sprach bezüglich des letzteren den Wunsch und die Erwartung aus, daß auch bet uns durch die Ueberein- ftimmung der beiden Kammern die Frage des direkten Wahl­rechtes baldigst geregelt werden müsse.

In der Diskussion, bei welcher man sich allerseits offen au§- sprach und bet welcher auch die verschiedenen Meinungen freimütig zur Kenntnis der Versammlung gebracht wurden, rvurde ins­besondere die R e i ch s f i n a n z r e f o r in, wie sie nunmehr im

Gietzener Stadttheater.

Die Braut von Messina.

Mit feierlich gemessenen Schritten begann die Muse Thalia ihren setzten Wintergang int alten Hause. Die neue Spielzeit hob an mit einer Aufführung derBraut von Messina". Vorauf ging Schuberts Ouvertüre zu Rosamunde, nicht Schumanns Ouvertüre zur Schiller- schen Tragödie. Das mar nicht die rechte Wahl. Die Schu- bertsche Musik ist von bestrickender Anmut, durchflutet von der ganzen Pracht einer üppigen Romantik und hätte darum ein in der Renaissance spielendes Lustspiel wunder­voll eingeleitet. Aber zu der furchtbar erschütternden Tragik derBraut von Messina" stimmte sie etwa wie die Dekla­mation eines munteren Morikcschen Gedichtes als Borschmack zu Beethovens neunter Symphonie. Dann aber kam HändelsLargo", und' damit war der rechte Ton getroffen. Schiller betont selber in dem ästhetisch wertvollen, der bloßen Phantastik tote der absoluten Naturälistikoffen und ehrlich den Krieg erklärenden" Vorwort zurBraut van Messina" die Mitwirkung der Musik.9hit die Worte", so sagt er,gibt der Dichter, Musik und Tanz müssen hinzurommen, sie zu beleben." Er mochte dabei vielleicht an eine Art Schwertertanz gedacht haben beim ersten Auf­tritt der Chöre, und auch bei uns ward ja so etwas ver­sucht. Jedenfalls aber sollte wohl das Orchester das Er­scheinen und den Abgang des das Gemüt des Zuschauers von den ttagischen Ereignissen beruhigend ablenkenden Chores, für den er sich im Vorwort mit so viel Geistes­schärfe und Geistesschönheit ins Zeug legt, jedesmal mit einem kräftigen Marsch begleiten, woran man bei uns nicht gedacht hatte.

Zwischen Schubert und Händel gab's, wie alljährlich, einen Prolog des Direktors. Er sprach recht hübsch von dem alten und dem neuen Hause, der Larve, die sich in einen schönen Falter verwandelt; er pries die Schöpfer", d. h. die gebefrohen Spender, die Erbauer des Hauses; und ließ dieBergführer" zu den Höhen künstlerischer Genüsse, die Darsteller, fljrer Kräfte Bestes verheißen. Frl. Schuster, der etwas unruhigen Sprecherin des Pro­logs, ein charakterisierendes Beiwort zu geben, wäre ver­früht. Aeußerst kritisch hat sich der Vorhang gezeigt. Beim Niedergehen ist er ihr au jben Kopf gefallen. Doch sollen die letzten vier Worte bei Leibe nicht doppelsinnig aufzu­fassen sein.

Und dann hatte Schiller das Wort.

Der nüchterne Verstandesmensch unserer Tage könnte wohl von dieser Schuld- und Schicksalsttagödie behaupten,

daß sie den Aberglauben, den Glauben an Träume, be­kämpft denn ohne diesen Glauben wäre das Brüder­paar mit der Schwester friedlich ausgewachsen und die Schuld der Väter hätte sich nicht gerächt. Doch fern liegt es mir, mich in theoretisch-ästhetische Erörterungen über diese Dichtung zu ergehen, die zu den erhabensten der Welt­literatur gehört. 9hir erinnern möchte ich an des Dichters eigene Worte, die er zehn Tage nach der am 19. März 1803 in Weimar erfolgten Erstaufführung an Körner schrieb:

fSem jüngern Teil des Publikums imponierte die Tragödie so sehr, daß man mir am Schluffe ein Vivat brachte, welches man sich sonst in Weimar noch niemals herausnahm. Ueber den Chor und das vorwaltend Lyrische sind die Stimmen natürlich sehr- geteilt. Was mich selbst betrifft, so kann ich wohl sagen, daß ich in der Vorstellung derBraut von Messina" zum erstenmal den Eindruck einer wahren Tragödie bekam. Ter Chor hielt das Ganze trefflich zusammen, und ein hoher, furchtbarer Ernst waltete durck) die ganze Handlung. Goethen ist es auch so ergangen, er meint, der theatralische Boden sei durch diese Erscheinung 311 etwas Höherem eingeweiht worden."

Settdem ist diese hoheitsvollste Tragödie von der Macht der ewigen sittlichen Weltordnung unzählige Male zur Auf­führung gelangt, zuweilen auch, vor 60 Jahren und darüber, auf Kirmessen und bei ähnlichen Anlässen menschlicher Rührung, unter gar seltsamlichen Titeln, wieDie ©rabeSbraut, ein phantastisches Zauberdrama". Immer aber machte das Drama einen tiefernsten Eindruck. Am tiefsten mag der Eindruck gewesen sein am 100. Todestage des Dichters im vorigen Jahre, als auf den Terrassen am Halensee bei Berlin die Dichtung mit einem mehrhundertstimmigen Sprechchor unter Mitwirkung erster Künstler in Szene ging.

Auch die gestrige Darstellung hinterließ einen vollen und wie gleich hinzu gefügt sei reinen Eindruck. In im ganzen recht würdiger Weise kam die Tragödie höchsten Stiles zu Worte ja zu Worte, denn auf ihm liegt in diesem Drama voll wunderherrlicher Rhetorik und Rhythmik der erste und stärkste Nachdruck. Der Glanz der Sprache stellt die anderen Ausdrucksmittel der Bühne in den Schatten und drückt sie 311 begleitenden Erscheinungen der in gleicher breiter Welle Gedanken wie Empfindungen au§tönenben Rede herab. Selbst die handelnden Personen im Gegensatz zu der nur betrachtenden Person des in dem Chore verkörperten idealen Zuschauers" stehen in diesem im höchsten Sinne rezitierenden Drama" unter dem Banne des mächtigen Wortes. Dem pathetisch gehobenen Ausdruck des Wortes will die Geberde vorgeschaffen sein; der Fülle, dem Wohllaut

und der Erhabenheit der Sprache soll die Plastik, Schönheit und edle Größe der Aktion es nachtun.

Die überservile Naturnachahmung" weit sich hinweg- bebende, in eine ideale Welt uns versetzende Dichtung stellt Anforderungen an die Schauspieler, die nur in Ausnahme­fällen in so hohem Grade an sie herantreten. Umsomehr muß es anerkannt werden, wenn unser erneuertes Schauspiel­ensemble feiner großen Aufgabe nehmt alles nur in allem sich gewachsen zeigte. Die unter der zielbewußten Leitung des Direktors St ei ngoetter wohlgeübte und wohldnrch- gebildete Vorführung verdient reiches Lob. Herr St. hatte eS verstanden, das Gesamte auf einen richtigen Grundton zu stimmen. Die Süifgabe der Darsteller besteht zunächst darin, die pathetische, gedanken- und bilderreiche Sprache so zu be­handeln, doß sie natürlich Hingt und doch nichts von ihrem Adel einbüßt. Das ist auch allen wichtigen Darstellern fast überraschend gut gelungen.

Die gewaltige Partie der Fürstin lag in den Händen deS Frl. v. Jagemann. Es ist ein Eigenes um die er­lesene Kunst, die vom ersten Worte an, mit dem bloßen Ton der Stimme, ob sie leise den Schmerz oder mit metallenem Klange die Verzweiflung kündet, aus der innersten Seele ihren Ausdruck zu nehmen scheint und da§ Gefühl des Zuhörers wie mit Schrauben an sich zieht^ Solches ober doch Aehn- liches hat man über die große Schröder gelesen, die in der Nolle der messinischen Fürstin die Zeitgenossen fortriß. Heute findet man wohl auf unseren Bühnen keine der Schröder kongeniale Isabella. Am ebenbürtigsten mag ihr noch die Kathi Frank in Frankfurt a. M. gewesen fein. Ueber die Art, wie die Fürstin in aller Beredtsamkeit der Freude und des Herze­leides ihre Hoheit wahrt, um eine reine und tiefe Wirkung zu erzielen, würde Frl. v. I. von der früheren Frankfurter Heldenmutter, die ja jetzt Lehrerin der Schauspielkunst ist, noch heute mancherlei Neues erfahren. Doch wenn des Frl. v. I. Darstellung auch gerade keine Trümpfe besaß, wenn sie z. B. auch das weniger Bedeutende in der Rede stets mit gleich großer Bedeutung aufnahm und auSgab, so darf man wohl sagen: sie bewegte sich in ihrem Witwenschleier mit der von Schiller selber gefordertenfrei und edel gehaltenen Würde und hohen Ruhe wie in einem weitgefalteten Purpur­gewand". Jedenfalls gelang es Frl. v. I. recht gut, Schillers Niobegestalt der Fürstin von Messina durch alle Fährnisse und Anstrengungen eines Theaterabends zu trauern ihre Größe