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Smnstaq 3 Februar 1906
156. Jahrftang
Zweites Blatt
Nr. 29
Erscheint täglich nüt Ausnahme des Sonntag-.
Die „Eichener Zamilienblatter" werden dem ginteifler viermal wöchentlich beigelegt Der ^ejßjdje Landwirt" erscheint monatlich einmal.
J z\ *> a Rotationsdruck imd Verlag der Brühl'ich«
tMp zl IlivtAizr Unioe^tLtSdruckeret. «. San-.. Vtetz«.
Iv nlC pj ^Ctt lllvl U (CiL Nedattton. Expedition ..'Druckerei SchuM.7.
v v Del. Nr. bl. Leiegr.-Mr.r Anzeiger Greß«.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Die Ktrchenkämpfe in Frankreich nehmen ihren Fortgang trob der beruhigenden ministeriellen Versicherungen in der Kammer.
Zur Inventaraufnahme in der Kirche Saint Pierre du Gros-Caillon waren für Freitag nach den üblen Erfahrungen der letzten Tage umfassende Maßnahmen von der Polizei getroffen. Gegen Nachmittag erschien der Polizeipräfckt Läpine, der die Umstehenden dreimal auf- forberte, den äußeren Zugang zur Kirche freizugeben. Da dies erfolglos blieb, und der Zugang sich nur mit Gewalt erzwingen ließ, — in der Kirche hatten sich gegen 3000 Menschen hinter B arrikaden verschanzt —, kam es auch hier, wie Tags zuvor, zu einem heftigen Kampf. Steine und Trümmer von Stühlen wurden aus dem Innern der Kirche gcworicn. Als die F-euerwehr das Dach erklettert hatte und starke Wassermengen in das Innere leitete, wurden auch einige Nevolverschüsse abgegeben. Außerhalb der Kirche machten berittene Garden einen Angriff mit ae- zogenen Säbeln, wobei viele Manifestanten verwundet wurden. Gegen 3 Uhr hatten sich etwa 10000 Personen versammelt. Ms die Garden in das Innere der Kirche cindrangen, wurde der Kampf allgemein. Viele Manifestanten, deren Gesichter blutig und deren Kleider von Wasser durchnäßt waren,wurden an den Eingängen der Kirche verbaftet. Gegen 33/4 Uhr hatten die Garden die Kirche beseht. — Um diese Zeit erschien der Tomäneninspektor, der Pfarrer gebot Ruhe und erhob Einspruch gegen die Aufnahme des Inventars.
Zu den Tumulten vor und in der Pariser Elo- tild en-Kirche wird noch gemeldet: Nach der Räumung fand man in der Kirche viele aristokratischen Damen gehörige Kleidungsstücke, wie Pelze usw.
Ter Prokurator und der Untersuchungsrichter verhörten zirka 100 verhaftete Personen. Soweit bekannt, sind etwa 17 Personen in Hast behalten worden, darunter Vicomte de la Chevalier, der beschuldigt wird, freit Polizerpräfetten tätlich angegriffen zu haben.
Ein Metzaergehilfe, der auf eigene Faust die Sturmglocke der Clotilden-Kirche läutete, wirb eine im Wege .rrivater Sammlung zustande gekommene Ehrengabe erhalten.
Tas Zuchtpolizeigericht verurteilte zwei junge Leute, die sich an der Kundgebung in der St. Clotilden-Kirche beteiligten, zu einer achttägigen, bezw. zweimonatigen Gefängnisstrafe.
In Dijon kam eS zu Kundgebungen vor der St. Michael-Kirche. In Puy konnte die Polizei die Inventur nicht aufneymen, weil die .Haltung der Menge drohend war. Auch in Lille und in Ajaccio mußte die Jnventur- aufnahme unterbrochen werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Febr. Der Kaiser empfing gestern abend den Geh. Neg.-Nat Prof. Dr. Güßfeldt, der auch zur Abendtafel zugezogen wurde. Dazu waren u. a. ferner geladen: Prinz und Prinzessin Heinrich mit Gefolge, Prinzessin Heinrich VII. Neuß mit Tochter, Prinz Heinrich XXXIII. Neuß, Erbgraf Schlitz genannt v. Görtz mit Gemahlin und Gräfinnen Anna imb Elisabeth Schlitz gen. v. Görtz, Fürst Eulenburg-Hertefeld. Zum Tee waren geladen Prof. Kökul^ v. Stradonitz und Prof. Freiherr v. Willamowitz-Möllen- dorst. — Heute unternahm der Kaiser einen Spaziergang im Tiergarten, sprach beim NeichSkanzler vor und besuchte mit der Kaiserin das Kaiser-Friedrich-Museum und das Pergamon- Dluscum. Um 12 Uhr empfing der Kaiser den Bildhauer Prosesior Brütt.
OB
— Die Kaiseryacht „Hohenzotlern" wird einer längeren Kessel- und Grundreparatur unterzogen, sodaß für die F rü h- jahrSfahrt deS Kaisers höchst wahrscheinlich ein größerer Passagierdampfer gechartert werden muß.
— Dem Generalleutnant und Oberquartiernieister im Generalstabe, Reinhard von Scheffer, wurde die frei- herrliche Würde unter dem Namen Freih. von Scheffer- B oya di l verliehen.
— Der „Reichsanz." veröffentlicht die Ernennung bc5 Ministerialdirektors Mandel zu Straßburg zum Unterstaatssekretär und Vorstand der Abteilung des Innern im Ministerium für Elsaß-Lothringen.
Köln, 2. Febr. Gegenüber den mehrfach aufgetauchtcn Meldungen über angeblich sinkende Fleischpreise beschloßen die Kölner Metzgerinnungen, entsprechende Verösfent- äichungen zu machen, in denen nachgewicsen wird, daß die Viehp reise eine fortgesetzt steigende Tendenz äufweisen und ihr Höhepunkt noch nicht erreicht sei. Ueber zehn Kölner Metzgergeschäfte wurden im letzten Jahre geschlossen. Bei Fortdauer der gegenwärtigen Zustande stehen weitere Kreise deS Metzger st andes vor dem v o l l st ä n d i g e n Ruin.
Dresden, 2 Febr. Nach vertraulicher Besprechung der cingegangcneu Wa hlr cchtv orsch l äge setzte die zweite Kämmer zur Prüfung der Vorschläge eine neungliedrige Kommission aus allen Parteien ein. Dieser Kommission gehören auch an Abg. Goldstein (Soz.) und der freis. Abg. Günther. Uebereinstimmung herrscht bezüglich deS direkten, geheimen Wahlrechts.
Ausland.
Paris, 2. Februar. Die Kammer setzte die Beratung der Vorlage betr. die Handelsmarine fort. Nach Ablehnung verschiedener Abänderungsanträge wurden die vier ersten Artikel des Entwurfes angenommen, nach denen der Handelsmarine Prämien gewährt werden sollen. Im Laufe der Debatte wies Gernand darauf hin, während im Jahre 1870 in Deutschland 6000 Schiffsbaun!beiter vorhanden gewesen seien, seien es jetzt 35 000. Deutschland liefere Schiffe für alle Nationen. Die Verhandlung wurde darauf bis zum nächsten Freitag vertagt. — Der Ministerrat legte einen Gesetzentwurf fest, durch den ein KorpS von 3000 Mann mobiler Gendarmerie geschaffen wird, welches bei Aus st än den das Militär ersetzen soll. — Die Kammer nahm dann den Gesetzentwurf an, durch den die Bank von Frankreich ermächtigt wird, die Verausgabung von Bank- billetS auf 6 Milliarden und 800 Millionen zu erhöhen.
New-Pork, 2. Februar. Die New-Pock Times meldet au5 Galveston, daß die Zollbehörden das deutsche Schulschiff „ Groß herz og in Elisa beth" beschlagnahmten. Nach dieser Meldung beobachteten die Bundesbehörden das Fahrzeug längere Zeit und stellten fest, daß unverzollte Waren, namentlich Spirituosen, in solchen Mengen an Land geschmuggelt wurden, daß die Offiziere darum wissen mußten. Ehe gestern die einstweilige Beschlagnahme erfolgte, wurden 300 Flaschen Wein ausgeschmuggelt. Die Sache ist umso peinlicher, als das Schulschiff ungemein gastlich aufgenommen wurde.
Börseu-Wocheubericht
von Baruch Strauß, Bankgeschäft.
Endlich kann man von einer Woche berichten, die ein recht flvtteS Geschäft brachte. Wenn auch die Umsätze nicht annähernd an die vergangener besserer Zeiten heranreichten, so genügten sie doch für bte in letzter Zett nicht gerade verwohnte Börse, unt eine hoffnungsvollere und gcbobencre Stimmung aufkommen zu lassen. Im Zusammenhang hiermit beobachtete man auch eine optimistischere Auffassung der politischen Situation unb mein fängt an ein zu sehen, daß die Lösung der Marokkofraga nicht unbedingt Schwierigkeiten mit sich bringen muß. Renten lagen im allgemeinen fest aber ruhig, wenn auch nicht äu verkennen ist, daß daS billige Geld und daS zu erwartende Sparkasscnaesetz ihre Wirkung noch ansüben werden. Banken tonnten auf günstigere Schälungen der Erträgnisse mehrere Prozente anziehen. Montan- und Hütten werte waren zuweilen in stürmischer Nachfrage zu rasch steigenden Kursen. Die Gründe braucht man nicht anzuführen, da sie in allen früheren Berichten Berücksichtigung fanden. Speziell wandte sich die Aufmerksamkeit den führenden Werten zu, wie: Gelsen, Harpen, Phönix, Rlieinstahl, Bochum usw. und blieb man weiter gut hierfür gestimmt. Schiffahrtswerte wurden zu besseres Kursen etwas lebhafter gehandelt, wenn auch das richtige Animo noch fehlt; möglich, da^ die bald abgehenden Dividenden dieses mitbriiraen. Amerikaner befanden sich trotz aller gegenteiligen Voraussagungen in andauernder Hausse, die durch Nowyorker Indikationen immer mehr Unterstützung findet. Dio Industrie soll bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit beschäftigt fein, was ja auch durch die enormen Gewinnziffern des Stahltrust bestätigt wird. DaS Interesse für Peru und CedulaS B. ließ elwaS nach, erstere auf Gewinnabgaben, letztere auf die zeitweilige Unterbrechung der Tkrrangement-Verlmndlungcn. In unterrichteten Kreisen betrachtet man nach wie vor die Chancen der Cedulabesitzer als günstig und glaubt an eine endlich? Lösung der Frage.
Geriehtssaal.
Breslau, 2. Febr. Im Prozeß gegen den Landgerich tSrat Blumenberg unb 63en. haben die Angeklagten und auch der Staatsanwalt gegen das Urteil Vernsnng eingelegt.
— Fürst K o t j di o u b e t) wiederum verurteilt! Tie Prügelaffäre des russischen Fürsten Leon Kolfchoubey, der durch seine Heirat mit der Herzogin Dorothea von Leuchkenburg in ver* iDonbtidiaftlidien Beziehungen zum russichen Kaiser und zu ver- ld)iebenen anderen europäischen Fürstenhäusern steht, ist durch eine zweite Verurteilung, die jetzt in Dresden erfolgt ist. in ein neues Stadium getreten. Der jetzige Fall ist um jo interefsatiter, als die derzeitige Bestrafung des russischen Fürsten am letzten Montag den Gegenstand einer Besprechung im sächsischen Landtage bildete. Von dem neuen „Fall Kotschoudey" wurde aber von maßgebender Stelle nichts mitaeteilt. Die Prügelaffäre (Fürst Kotschoubey hatte befanntlid) dem Hotelportier Möller, der ihm den eine Karrikatur auf die russischen Adligen enthaltenden „SiinplieissimuS" gebracht hatte, einen sehr heftigen Fußtritt versetzt) hatte seinerzeit die Ver- urieiltmg deS Fürsten meßen gefährlicher Körperverletzung zu 1000 Mark Geldstrafe zur Folge. Der bedauernswerte Portier Deller aber kränkelte fortab unb hat wohl feine frühere Gefund- heit für feine Lebenszeit eingebüßt. Er erfudite den Fürsten, ihn durch eine Rente schadlos zu halten, und als der Russe sich weigerte, strengte der so scknver Geschädigte einen Prozeß gegen ihn an, der jetzt vor der 4. Zivilkammer des Dresdener Landgerichts unter dem Vorsitz des Landgeriditsdirektors Dr. Hähnickien zitgunsten des Portiers Möller, der inzwisdzen, da er infolge der erlittenen Verletzungen durch den Fußtritt des Fürsten Kotsdioubep fdiroerere Arbeiten nicht mehr verrichten kann, Stellung als Kirchendiener bei der anglo-amerikanifchen Kirche gewnden hat, enlschieden worden ist. Möller, der noch bis in die jüngste Zeit beständig auf Veranlassung des Gerichts ärztlich untersiicht worden ist, hat iiad) An- fidit des letzteren dauernden Schaden an seiner Gesundheit erlitten, und deshalb hat das Dresdener Landgericht für Recht erkannt, daß Fürst Leon Kotschoubey an den Portier Moller fortab eine jährliche Rente i n H ö h e v o n 2 0 0 M k. zu zahlen hat I Tiefer UrteilSfpruch wird jedenfalls allgemeine Zustimmung erwecken.
Kunstausstellung.
Gießest, 3. Februar.
Die Ausstellung der Freien Vereinigung Darmstädter Künstler, die gegenwärtig, aber nicht mehr lange, unfern Ausstellnugsfaal ziert, scheint nicht ganz die Beachtiing zu finden, die sie verdient. ES ist fteilich nur ein Teil von dem, was dem Darmstädter Verein einen ganzen Monat geboten war, und es fehlen leider einige charakteristische Vertreter der Truppe wie Bader. Cissarz, Hoelscher, Löfstz, Ubbelohde und leider auch alle Plastiker, aber man bekommt doch einen erfreulichen Eindrucl vor der Regsamkeit und Eigenart dieser teils im Vaterland, teils in der F-remde wirkenden Hessen. Als bedeutendste Leistungen heben wir Eugen B r a ch t's Herbstbild aus dem K'ranichsteiner Parke und die prächtige Schwälmer Bauernhochzeit von Earl Bantzer hervor: im übrigen verdienen die gemütvollen Gestalten, von Melchior Kern und Mexander Bertrand, die bald biedermeierischen bald hochmodnAren Szenen von P. Meyer- Mainz, die in verschiedenem Sinne effektvollen Landschaften von W. VreetoriuS und C. K'üstner und die flotten Agua- relle von M. St eg mayer besonderes Lob. Ganz für sich steht ein Wohlbekannter, E. Harburger, der zum Münchener gewordene Mainzer, der uns nicht nur mit einer Serie von L? riginalzeichnungen für die „Fliegenden Blätter", sondern auch mit Oelgemälden von ähnlicher Stimmung und sehr gewühltem Kolorit überrascht. Außerhalb dieser hessischen Kollektiv-Ausstellung bemerken wir eine sehr schöne Jsarlaudschaft von P. von Ravenstein-KarlSruhe, einen Königstiger von dem bekannten Tiermaler W. Kuhnert und ein feines Aquarellporträt von H. Leitzen: aucb sei auf die gediegenen Landschaftsstudien des einheimischen Künstlers W. Barthel hingewicsen. Die Plastik ist durch einige gute Büsten und eine Porträtstatuette von St. Schwarz-Darmstadt erfreulich vertreten. Liebhaber Bantzerscher Kunst seien darauf aufmerfiam gemacht, daß die Bauernhochzeit" nur noch bis Dienstag, 6. Februar, ausgestellt bleibt. B. S.
— Der 60. GeburtSta g von Wilhelm Steinhaufen wurde am 2. Februar an so manchen Stätten der bildenden Kunst gefeiert, in Frankfurt a. M. ganz besonders, nycit der Meister feit 30 Jahren in dieser Stadt lebt und wirkt. Zur Feier dieses Tages hat der Kunst verein ein? Steinya u s en-AusstellunF veranstaltet, die über 200 Werke des Meisters enthält. Steinhaufen ist verhältnis- mäßig spät zur Anerkennung gekommen, da er in der,Kunst eine eigene Richtung eingeschlagen hat, mit der die Kuitik und der Geschmack des Publikums erst allmählicki sich befreundeten. Hingabe an das protestantische Christentum und gefühlvolle Auffassung der Natur kennzeichnen ihn und seine Bilder: Porträts, Landschaften, biblische und historische Darstettuilgen. Mit Vorliebe hat Steinhaufen seine Frau und feine Kinder in verfchie- ^cncm Mtcr unb ,in wechselnder Zusammenstellung gemalt. Die
Wandmalereien im Haufe des Architekten Ravenstein gabcn^den Anlaß, daß Steinhaufen nach F-rankfurt zog, 1891—92 entstand bcS Wandgemälde für das Sankt Thcobaldtstift in Wernigerode, 1895—96 malte er die sieben Werke der Barmherzigkeit, für die Erabkirche zu St. Veit bei Wien und 1899 begann er im Auftrage des preußischen Kültusministeriums die Aula des Kaiser Friedrich-Gymnasiums in Frankfurt mit 2 Reihen von Bildern auszusckmücken. Steinhaufen ist Übrigens auch in der Plastik mit Erfolg tätig gewesen. Wilhelm Steinhaufen wurde als der jüngste von fünf Brüdern 1846 in Sorau in der Niederlausitz geboren, wo der Vater als Regimentsarzt in Garnison stand. Er verließ mit siebzehn Jahren das Gymnasium und bezog die Berliner s?kkaocmie. 186u bis 1870 besuchte er die Akademie in Karlsruhe. Nach einer Jtalienfahrt, die er 1871 antrat, lebte er mehrere Jahre teils bei seinem Bruder auf der ländlichen Pfarre, teils in München. Wie er darauf nach Frankfurt kam, haben wir oben angedeutet: hier gründete er sich 1880 seinen Hausstand und kaufte sich vier Jahre später ein kleines Haus, in dem er seitdem ein musterhaft glückliches Familienleben führt.
R. B. Darmstadt, 2. Febr. Frau Selma Erdmann-Jes- nitzers Komödie „Auf roter Erde" erlebte heute am Hoftheater ihre U r a n s f ü h r u n g. Die Verfasserin ist hier bekannt seit der Aufstihrung ihres Schauspiels „Um Seinet- Wille n", daS man ja auch bei Ihnen in Gießen kennt und mißachtet. Auch „Auf roter Erde" erzielte kaum einen Achtungserfolg. Ter erste Akt ließ das Publikum ziemlich gleich- giltig, der Applaus nach dem zweiten und dritten Akt galt fast mir den Schauspielern, und nach dem letzten Akt erllang nur wenig, aber sehr ostentatives Klatschen, das Publikum brachte dem Stuck offenbar kein weiteres Interesse entgegen. Das Stück spielt in Els ß-Lothringen und ist in der dortigen Mundart geschrieben, die für die meisten Zuhörer schwer zu verstehen war. Die Handlung führt uns in eine sehr wenig sympathische Schmuggleraesellschaft. Vater Berwn und sein Sohn Mathis smd alte abgefeimte Gauner, die nichts anderes als if/r Schmuggeln kennen unb sich am liebsten gegenseitig betrügen würden. Seine Tochter Jwanette hatte den jungen Pierre geliebt, der beim preußischen Militär desertierte und nun schon acht Jahre im Ausland verschwunden ist. 2luf einem K<ahn, auf dem der alte Cellet auf dem Rhein-Rhone-K'anal Schmugglerwarcn herangefchafft hat, um sie mit Bertons Hilfe über die Grenze zu bringen, kommt er wieder, weil ihm das Heimweih zurücktreibt: er ivill sich freiwillig beim Militär stellen. Anfangs scheint cs, als erwidere er die Liebe Jwanettes; doch stellt sich heraus, daß sich Scanne, bie ahnungslose Tochter des alten Sellet, in ihn verliebt hat, und er ihre Liebe zu envibem scheint. Dieser Schlag trifft die unglückliche Jwanette doppelt: sie hat als einzige den Fluch des Schmugalerh.mdirerks empfunden und durch Bitten und Drohungen die anderen davon abzuhalten gesucht. Der alte Sellet hat ihr versprochen» diesmal soll es das letzte Mal fein. Er
teilt seinen Entschluß Verton mit und als er gehen will, gestattet Jwanette dem kleinen Dodo, Älathis Sohn, der ihr einziger« Trost in der langen ßeiben&eit gewesen war, mitzugehen, um auf dem Kvhn zu spielen. Doch ihre Prophezeiung, daß noch einmal Unglück über daS Schmuggler Haus kommen werde, geht in Erfüllung; in einem unbewachten Augenblick stürzt der kleine Dodo in den Kanal und ertrinkt. Das ist, abgesehen von einigen Liebesepisoden, in denen noch einige andere Personen auf der Bühne erscheinen, der Inhalt dieser „Komödie". Wenn diese Bezeichnung nicht Ironie fein soll, fo ist sie nur durch einige drastische Mendnngen gerechtfertigt, die aber auch ihre Wirkung verfehlten. Die Aufführung war recht gut. Ihr ist, wie bemerkt, allein der ettoaS’ lebhaftere Beifall nach dem 2. und 3. Akt zuzuschreiben. Hier zeigte sich besonders F-räulein Eichelsheim, die die Rolle der Jwanette verkörperte, als eine vortrefftickie Schauspielerin. Herr Loehr machte aus der Figur des Pierre, soviel sich daraus machen ließ. Den Verton spielte Herr Wagner mit dem nötigen drastischen Anflug, während Herr Lehrmann in der Darstellung deS rohen Mathis, einen vollkommenen Gauner schuf, dem so ziemlich alles feinere Empfinden fehlt. Auch die übrigen Rollen, die zum. Teil für die Handlung sehr belanglos sind, wurden gut dargestellt: erwähnt fei noch, daß auch der kleine Dodo durch Trudi Piefke eine sehr gute Wiedergabe erfuhr.
— Rudolf Baumbach-Ehrung. Die deutsche Student e n s ch a s t plant eine Ehrung des Dichters dcr „Linden- wärtin". Aber man darf wobl eine Ditte und Erwartung aus- sprcchen: Nur kein Denkmal!. Unser Vaterland ist nachgerade derartig mit mehr ober weniger schönen Denkmälern versehen, daß man da, wo eine Ehrung wirklich von Herzen kommt, schon aus eine andere Art der Betätigung sinnen muß. Zudem würde es weder Rudolf Baumbach noch dcr deutschen Sttidenten- schaft etwas nutzen, wenn irgendivv im Vaterlande ein Denkstein mit der Büste oder dem Stanfrbilde deS Dichters stände. Ter Sänger der SpielmannSlieder und der Lieder von der Landstraße war ein fröhlicher Spielnmnn, der fang, sowie der Bogel singt. Er singt von den Freuden deS Wanderns und des harmlosen, genügsamen LebensgenufseS, von Becherklang und Schlägerllirren, von Liebessrühling und F-rauenschönheit. Wäre cs nicht eine Geschmacklosigkeit und ein Widersinn, oiesem Manne rin prunkendes Denkmal »u setzen? Viel eher würde cs im Sinne des Dichters sein, und ungleich frischer wurde es sein Gedächtnis erfriltcn, wenn eine Rudolf Baumback>-S tistung errichtet wurde, errichtet von und für deutsche Studenten £u Ehren des Verherr- lichers überschäumender Burschenlust. Wie diese Stiftung em- zurichten ist, wem sie zugute tonimen soll, welche Vorbedingungen von den Bewerbern zu erfüllen sind, und was dergleichen Fragen mehr sind, darüber enthalten wir uns der Vorschläge: findet der Gedanke einen guten Boden, fo mag seine Ausführung und Ausgestaltung durch Vorschläge und Gegenvorschläge, am besten aus der Studentenschaft heraus, in die Wege geleitet werden.


