Nr. 383 Sechstes Blatt.
156. Jahrgang
Samstag 1. Dezember 1906
Erscheint ILgttch mtt Ausnahme bei Sonntag».
Die „Siebener §omlliendlSNer" werd« dem .Anzeiger oiermai wöchentlich bctgrlegt Der „hessische Landwirt*' erscheuu monaUrch etrnnoL
Rotationsdruck und Verlag der Drü hl'ichen Unwersuälsdruckerei. ÖL Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Cchulstr.7.
Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.
Seneral'Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen.
«Hessische Zweite Kammer.
R.-B. Darmstadt, SO. November.
Am Ministertisch: Ministerialpräsident Braun, später Staatsminister Ewald.
Die vom Präsidenten Geh. Haas eröffnete Sitzung er. ledigte zunächst einige Wahlprüfungen und genehmigte ohne Debatte den Ausschußanträgen entsprechend die Wahl der Abgg. Dr. Schmitt (Mainz-Nieder-Olm) und Wolf (Wörrstadt). Die Wahl zweier Wahlmänner in Groß-Karben (1. Wahlbez. Oberhcssen) wurde für giltig erklärt.
Das Haus übcrroeift darauf 44 zur vorläufigen Beratung im Plenum gestellte Anträge und Vorstellungen den zu- ständigen Ausschüffen. Eine Vorstellung des Bürgecvereins Budenheim, bete, die Porüandcementwerke Mannheim-Heidelberg, Filiale Budenheim, wird vom Abg. Dr. Frenay als Antrag überreicht, der aus die Dringllchkeit der Angelegenheit hinioelst und Ausschuß und Negierung um möglichst schleunige Erledigung bittet.
llstmtsterialpräfident Braun sagt dieselbe zu.
Bei Ueberweisung eines dringenden Antrags Diehl, die Nebkrankheilen betr„ spricht der Antragsteller sein Bedauern darüber aus, daß die Regierung in dieser Frage noch nichts getan habe.
Abg. M o l t h a n weist auf die große Notlage des rhein- hesfischen Winzerstandes hin und wünscht eine möglichst sofortige Beantwortung der eingebrachten Interpellation.
Ministerialpräsident Braun führt aus, die Regierung erkenne die großen Schäden, die durch die verheerende Pero- nospora der» rhetnhessischen Winzerstande zugefügt wurden, durchaus an und habe sich auch bereits mit Ernst uud Gründ- lichlcU mst dieser Angelegenheit beschäftigt. Sie beabsichtigte, zunächst eine vorläufige Antwort zu erteilen, zu welcher auch der Entwurf fertig oorliegt. Da aber dabei auch verschiedene finanzielle Fragen in Betracht kommen, so mußte der Eni- wurj auch dem Finanzministerium unterbreitet werden. Er persönlich sei mit dem Abg. Molthan einverstanden und werde für die schleunigste Erledigung auch des Antrags Wolf besorgt fein.
Abg. v. Brentano meint, daß diese Erklärung der Regierung sehr zur Beruhigung der notleidenden Kreise beUragcu werde. ,
Avg. Lvols bemerkt, eS fehle der deutschen Sprache cm den richtigen Worten, um auszudrücken, wie groß das Elend bet den rheinhessischen Weinbauern sei. Infolge dec entsetzlichen Rebkrankheit sei die Entwickelung der Weinberge sehr zurückgeblieben, sodaß im Stöbernder fast alles erfroren ist. Es gebe kein Ortsgericht in Rheinhessen,
in bet Entwicklung oder beim Lernen zurückbteibende Kinder, sowie blutarme» sich mattfühlenbe und nervöse überarbeitete, leicht erregbare, frübjCitifl erschöpfte Erwachsene gebrauchen als KrästigungS- mtrtcl mit großem Erfolg Dr. Hommel'4 Haematogen.
Der Appetit erwacht, die geistigen nad körperliche« Kräfte werde« rasch gehoben, daS Gesamt-srerveusypem gestärkt.
Alan verlange jedoch ausdrücklich das echte „Dr. Hommel's" Haematogen und lasse sich keine bet vielen Nachahmungen aus- reben.
Der hessische Psarrverein wider Korell.
In betreff des Veröandstages deutscher Pfarrervereine in Dresden, dessen Verhandlungen nicht verkannt werden sollten, sendet uns Dekan Schrimpf-Butzbach, Vorsitzender des Hess. Pfarrervereins, folgende Zeilen:
„Aus den Vorwurf, welchen Pfarrer Kvrcll in einer Rede zu Nauheim am 16. d. M. gegen Pfarrer Bern deck zu Okarben gerichtet,' daß er in Dresden gesagt habe: „Derartige schroffe Elemente, wie sic sich bei der L-ozicildcmokratie fänden, müßten auS der Kirche ausacstoßcn werden", hat Psr. Vernbeck im Gieß. Anz. erwidert, daß er gar nicht in Dresden geredet und datz eine derartige ungereimte Äeußeruna Dort nicht gefallen sei. Daraus erwiderte Psr. KvreU am 21. Nov.: „Nicht Pfr. Bernd eck, sondern Psr. Wahl-Langen habe in Dresden gesagt: „er wünsche, daß seine Rede von der Sozialdemokratie gegen Kirche und Psarrstand auSgcnützt werde. Man müsse die Sozialdemokratie zwingen, die Maske abzunehmen und den Satz: .Religion ist Privatsache' fallen zu lassen. Offene Feindschaft sei besser, als dis jetzigen unklaren Verhältnisse"."
Da Pfr. Kmrell aus dem ihm zugesandten genauen Protokoll von Dresden nicht den nötigen Anlaß genommen hat, seine zweite, wieder schiefe Darstellung von Pfarrer Wahls Rede, die übrigens gar kein Beweis für seinen Nauheimer un- Serechtscrtigicu Vorwurf ist, sehen wir unS gezwungen, im nteressc unftTrS Psarrvrreinsverbandcs und unfercs Voritands- mitglicdeS Wahl-Langen den genauen Inhalt von des Genannten Rede (das Protokoll liegt der Redaktion vor) zu veröffentlichen:
Wahl-Langen: bchüle und ich sind der Meinung, daß weder Weimar noch Deißmann die Sache treffen. Nach
das die Weinberge nach dem jetzigen Stund tarieren könnte. Die Weinberge seien auch früher viel zu hoch eingeschätzt worden. Redner befürwortet noch seinen diesbezüglichen Antrag, durch welchen den Weinbauern am besten geholfen werden könne und erklärt sich von den Ausführungen des Ministerialpräsidenten befriedigt.
Abg. Molthan spricht sich für eine staatlich organisierte Bekämpfung der Rebkrankheit aus und wendet sich gegen einzelne Bestimmungen im Antrag Wolf. Er befürchtet u. a., daß bei einer Reduzierung der Weinbergseinschätzungen eine massenhafte Kündigung der Weinbergshypotheken eintreten könnte.
Abg. Pitthan bespricht ebenfalls den Antrag Wolf, kann aber die vom Abg. Molthan dagegen geäußerten Bedenken nicht teilen. Damit ist die Aussprache erledigt.
Nach einer Frühstückspause wird die Ergänzungswahl für verschiedene Ausschüsse vorgenommen. Für den ersten Ausschuß wird Abg. Dr. Osann II., für den dritten Ausschuß Abg. B e st und für den sechsten Ausschuß Abg. Stöp- 1 er durch Akklamation gewählt.
Die Tagesordnung ist damit erledigt und der Präsident schließt die Sitzung mit den besten Wünschen für ein fröhliches Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!
drei Seiten haben wir Stellung zu nehmen: gegenüber den Kirchenbehörden gegenüber dem Pfarrerstandc und gegenüber den politischen Parteien, namentlich Parteien mit so völlig negativer Tendenz, wie c9 die heutige Sozialdemokratie — ich unterstreiche das Wort „heutige" ausdrücklich — nun einmal ist. Wir müssen aus der einen Seite dem Pfarrer seine volle staatsbürgerliche Freiheit wahren, müssen es aussprechen, daß wir als Pfarrer auf keinerlei politische oder soziale Programme verpflichtet, nicht zu Wächtern d:s geiv.be Bestehenden berufen sind. Andererseits ist unsere Stellungnahme zur Sozialdemokratie gerade heute besonders wichtig, wo selbst bei sonst Augen Leuten Begriffsverwirrungen sich einstellen. ES gelte, eine Form zu finden, in der sowohl das freundliche Entgeg^enkom- men der Kirche gegen den einzelnen Sozialdemokraten, der sich zur Kirche halten will, als auch die grundsätzliche Verurteilung der gegenwärtigen Sozialdemokratie als Partei zum Ausdruck kommt. In diesem Punkte müsse er dem Vorredner ganz entschieden widersprechen. Die Sozialdemokraten würden es als Mutlosig- feit, wenn nicht a.S Feigheit bezeichnen, wenn die evangelischen Pfarrer nicht entschieden in dieser Angelegenheit Stellung nehmen wollten. Es wäre grundfalsch, ja, die Oesfentlichkeit würde eS nicht verstehen, wenn die evangelischen Pfarrer nicht offen Farbe bekennen wollten. Bor den Folgen der Beschlußfassung dürfe man eben nicht zurückschrecken. Wenn die Sozialdemokratie aus unserer heutigen Beschlußfassung Anlaß nehme, den zwcid-eutigen und heuchlerischen Satz „Religion ist Privatsache" aus ii/.e:u Programm zu entfernen, ja, wenn sie selbst ofscneu Kum?-.s gegen die Kirche zur Partei- parole erhübe, so sei b..d im Interesse der Klärung nur zu begrüßen, sei jedenfalls weit besser als der gegenwärtige Zustand angeblicher, scheinbar.r Gleichgült.gleit uud wirklicher, tatsächlicher Feindschaft. Er erbitte daher die Zustimmung zu seinem in Gemeinschaft mit Schule eangebrachten Anträge."
Wir haben den Satz gesperrt, auS dem hervorgeht, wie Pfr. Store 11 auch in seiner zwecken Erklärung vom 21. Nov. wieder eine unbegründete Verdächtigung, die auch seinem vorher gebrachten BewnSm serial logisch w.der,pricht, gebracht Hut, wenn er schreibt: „Die richtige Auffassung, daß einem Pfarrer die sozialdemokratischen (^Lieber selbstverständlich ebenso nahe stehen, wie die übrigen, widerspricht doch wohl ein wenig dem. Wunsch des Herrn Pfarrer Wahl".
Schrimpf, Dekan, Butzbach."
Gietzener Sta&tttyeater«
Emilia Galotti.
Unseres Lessing meisterhafte Tragödie „Emilia Ga- kotti" ist eine Tragödie eigentümlichster Art. Die Vernichtung zweier blühender Leben um der Leidenschaft emes Prinzen tollten und ohne innere tragische Nottoendigkeit ist von jeher angefochten worden und hinterläßt in der Tat bei der Aufführung insofern einen peinlichen Endruck, je weiter die Zustände von uns abliegen, aus denen heraus Lessing sein Trauerspiel dichtete. Trotzdem ist heute die dramatische Wirkung der „Emilia" unzweifelhaft großer als die manches Schillerschen Dramas. Gewiß, nichts als elende Jntrigue ist das bewegende Motto dieses Trauerspiels. Mit der „Emilia" wollte Lessing jedoch eine schwere, niemals leider ganz ihre Aktualität verlierende Anklage erheben gegen alle die, die da berufen sind und auserwählt, Weltgeschichte zu machen, und die hinter den Kulissen sich gegen die obersten Menschengesetze versündigen; er wollte heftigen Widerspruch erheben gegen Verhältnisse, wie sie an einem gewissen südosteuropäischen Hofe auch heute noch vorhanden sein sollen. Darum ist seine Tragödie als sittllche Tat noch heute nicht ohne Bedeutung, nicht ganz unmodern und ganz unrealistisch. Und wie unvergleichlich ist die Charakteristik! Dieser Reichtum an feinsten seelischen Zügen ist das Genie des echten Menschenschöpfers, dessen Erfindungen leben. Freilich tragische Helden in Odoardos Art kennt unsere Zeit der verschobenen — um nicht zu sahen verschrobenen Ehrbegriffe und der wunderlichen Sühnung der Verletzung dieser Art von Ehre nicht. Die knapp epi- grammatifche und doch den einzelnen Charakteren ange- sckmiegte Sprache des Dichters trägt endlich gleichfalls nicht zum wenigsten zu Lessings Bühnenerfolgen in unseren Tagen bei. Freilich, es ist kein Zweifel, daß es allezeit Leute geben wird, die über die Zynismen eines Marinelli lachen und Farcen wie den „Weg zur Hölle" und den „Helfer" für „schbnere Stücke" halten. Aber Gott sei Dank gehört Lessing zu den Geistern, die über dem Tag, seinen Erfolgen und Nichtersolgen stehen.
Unter Herrn Bal'oss Leitung ging am Freitag in unserem Stadttheater die Tragödie in Szene, für die ihm mancher Schmarren geschenkt sein mag. Im allgemeinen trafen Regie und Darsteller, so weit es in deren Kräften stand, wohl das Rechte. So war besonders der Marinelli des Herrn .Herrscher eine fein durchdachte Charakterleistung. Hofschranze, doch keineswegs zu sehr, um sich nicht mit starkem Schein von Recht einen Freund des Prinzen nennen ^u können. Kaum Mephisto, nicht die allerleise,ten blutig verbrecherischen Nüaneierungen. Seine Maske entbehrte sehr verständigerweise alles Diabolischen. Also äußerlich kein Sck)urke, aber doch ein wenig „Asse". Und, ein Hauptvorzug, dem ich bei Marinelli-Darstellern in dem Maße noch nicht begegnet bin, der aber, ein wenig gedämpft, sehr wohl am Pratze ist: recht starke Accente von Humor. Zuweilen überraschte mich, in ganz unbedeutenden ftieüüg- feiten, Handbcwegungen oder dergl., feine ferne Auffassung. Altes in allem: eine sorgsam ausgearbeitete, verständnisvolle und interessante Leistung.
Herr Kober dagegen war für den Prinzen nicht der rechte. Lieber hätte ich Herrn Goll an seiner Stelle ge
legen, der übrigens auch in „Charleys Tante" an Herrn Reimers Stelle well geeigneter gewesen wäre. Herr Kober ist allzu jung, und nichts weniger als ein Despot. Er gab sich fahrig und knabenhaft. Nach Len'ingsscher Farbenmischung ist der Prinz halb Tyrann und halb gutmütiger Kerl, Schürzenjäger und Mäcen. Es war ja ganz richtig, daß er seinem vertrauten Kammerherrn gegenüber keine übertriebene Zurückhaltung und Würde zeigte, die ihm übrigens auch sehr wenig zu Gesichte gestanden hätte. Aber er war doch eigentlich immer nur ein guter lieber treuherziger Junge, ohne die geringsten Spuren eines Wüstlings, ohne alles Bestechende und Verführerische, das doch den Untergrund der ganzen Tragödie bildet. Darum war's ein Fehler der Regie, ihm diese Wie zu übertragen. Herrn Kobers Fehler war's, daß er nicht sowohl seinen Ton (ihn behandelle er anerkennenswerterweise mit Geschick), als vielmehr die Redeweise nicht meisterte. Er überhastete sich mit der Sprache, ein Fehler, den et bisher säst immer zeigte. Die spitzfindige Sprache Lessings verlangt ganz besonders gewissenhafte Ausprägung.
Frau v. Jage mann gab mit ehrlichem Bemühen und recht gutem Gelingen die Claudia. In der großen Szene des 3. Aktes mit Marinelli zeigte sie imponierende Wucht, wenn auch ihrer Mutterliebe die blühende Zartheit und ge- winnende Würde fehlten.
Die Titelheldin war Frl. Donecker. Da ich nur dem 3. und 4. Akte beiwohnte, so vermag ich über ihre Emilia nicht viel zu sagen, zumal fie im 3. Akte gar nichts, im 4. nicht viel zu tun hat. Immerhin bemerkte ich sinniges Spiel, richtiges und geschmackvolles Abtönen des tragischen Tones, wenn mir auch die Angst und Not und später die seelische Bellemmung und zugleich das innerlich revoltierende, dein Prinzen trotz allem entgegenwallende Blut mehr nur gedacht als lebendig empfunden schien und so der über- zeugenden Kraft ermangelte.
Die .rauhe Tugend' Galotti'S kam durch die Darstellung des Herrn Bakof zu starker Geltung. Er betonte neben der derb-militärischen Seite de§ alten Brausekopfs die menschlich-bürgerliche im Gegensätze zum Hofe und Hof- schranzentum. Aber es haftete ihm doch, besonders in der Gestikulation, etwas Gewaltsames an.
Bleibt noch die Orsina. Frau BayrbammerS Leistung war ivieder großen Beifalls wert. Zumal in der Szene mit Odoardo bewältigte sie ihre schwierige Aufgabe mit großer Energie und rechtem Bersländnis. Sie nahm ja wohl schon den Anfang ihrer großen Szene allzu stürmisch, aber für die Flut rachsi'iüwger Eifersucht, für die Empört- heit über die furchtbare Beleidigung, die ihr als Wcib angetan, die rechten Laute zu finden, gelang Frau B. so gut, daß man darüber wohl hätte vergessen können, daß sie cm tffiicr sinnlicher Leidenschack zu entfachen har, das Menschen- seelen verzehrt; aber auch dieses entlöderte ihr in wilder Glut. Jedenfalls war die Orsina der Frau B. em packendes Bühnenbild, das freilich noch vortrefflicher, ja, das vollendet gewesen wäre, wenn ebenso wie im Zorn in bee Schärfe des Witzes und m schmelzenden Lauten
der Klage ihre beflügelte Rede unbedingte erschütternde Wahrheit beseffen hatte. Die Rachewut einer Krimhild bringt Frau B. aus der Seele, aber bet philosophische Witz und der hilfsbedürftige Klagelaut haben beide einen Nebenklang in ihrem Munde, der nicht auf Echtheit der Empfindung schließen läßt. Es war ihr aber sehr ernst mit ihrer Leistung, die nicht allein alle billigen Anforderungen erfüllte, sondern übertraf. Es steht außer Zweifel, daß nur eine eminente Künstlerin, wie etwa Franziska Ellinenreich in Hamburg, Charaktere so eigentümlicher Mischung von unbezähmter wilder Glut und rcflcfticrenber Kälte restlos zu gestalten vermögen. Es gehört dazu eine ganz besondere Amalgamierung des reifsten Kunsiverstandes mit kraftvollster Leidenschaftsäußerung, der Fähigkeit, mitten in dem fesselloscn GefühlsauSbruche gleich wieder zur kühl verständigen Ironie einzulenken und alles auS dem Innern des tief beleidigten, bis zum Wahnsinn gequälten Weibes als unmittelbare Notwendigkeit heroor- gehen zu lassen. DaS ist eine der schwierigsten Aufgaben der gesamten Schauspielkunst, die in so flüchtigem Schaffen, zu dem unsere viel beschäftigte kleine Künstlerschar verdammt ist, schlechterdings sich nicht ohne Saldo lösen läßt.
Den Darstellern wurde lebhafteste Anerkennung zu teil.
P. W.
— Im oberhessischen Geschichtsverein machte, tote wir nritteilten, Professor D aller Mitteilungen über eine von ihm in der Hospital-Bibliothek zu Eucs entdeckte Urkundensammlung, einen Teil der Anträge, die dem Konzilvorsitzenden (Kardinal Eesarini) Vorgelegen haben. Besonders wichtig sind die Anträge des Bischofs von Lübeck, des Vertreters Kaiser Siais- munds. Sie fordern u. a. bas Schmollistrinken^soll bet Strafe der Reichsacht verboten werden. Kaiser Sigismund scheint demnach ein radikaler Temperenzler gewesen zu sein.
— In dem „Lerpz. Tagcbl." lesen wir: „Das Nikisch- stipendium, das alljährlich dem Schüler des kgl. Konsev- vatoriums in Leipzig verliehen wird, welcher die reifste Arbeit auf dem Gebiet der Komposition im Lause des Schuljahres geliefert hat, rouibe diesmal Herrn Kürt Moog aus Gedern (Hessen) zugesprochen. Kurt Moog hat bereits eine ganze Anzahl Werke auf dem Gebiete der Kamm.rmusil verfaßt, so zwei Vivlinsonaten, ein Streichquartett. Letzteres Werk, welches in der diesjährigen Kvnservawriumsrrüfuug gespielt wurde. Gelangte im Dezember in Frankfurt a. M. zur öffentlichen Älussührung. Außerdem schrieb Moog auch ein Heft Klavierstücke „Nooelletteu", welche fich sehr gut für den Konzertvortrag eignen und, tote alles, was der junge Künstler reproduziert, sich durch Ernst und eine gewisse originale Ausdruckswei.se, durch Modernität im besten Sinne des Wortes auszeichuen." — Soviel das Leipziger Blatt. Die ev- wäh.cke Ausführung bS Quintetts in Frankfurt a. M. findet am 12. Dezember |t; tt (K. mmcrmusikabend, vermaltet durch Konzertmeister Hock). Kurt Wtoog wurde, wie man uns iveiter aus Leipzig meldet, gelegentiid) der Uebcrweifung deS Nitlfchpreises im Leipziger Hessenverein (u. a. waren dabei auch der Rektor der Universitär und mehrere ReichsgerichtSräte anwesend) sehr herzlich von den hefsifcheu Landsüutcn gefeiert.
— Eine kühne Forscherin likamens £) t lanana trifft bei Alasla die letzten Voraereckungen, um nach dem Nordpol aufzubrechen. Ihre Expedition feyt sich nur aus Eslimos zusammen, da^ sie der Meinung ist, daß nur diese imyande seien, das große Wen baira)zui(ihren, da sie die notwLudigen Eigew» schäften und Energie besäßen.


