Ausgabe 
1.3.1906 Erstes Blatt
 
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An» Stadt uno Cand«

Gießen, benl. März.

* Vom LandeS-Lehrerverein. Von berProvi- dentia in Mainz haben LandeS-Lehrerverein und Ludnng- und 9((ice«»Stifhtng für baS Jahr 1905 eine Bonifikation von 1 23 4.82 Mk. empfangen, von welchem Betrag jedem der beiden Vereine die Hälfte mit 617.41 Mk. zugefallen ist. Die Summe der feit 1878 an beide Kaffen gezahlten Zu- schüffe steigt hiermit auf 34 318.69 Mk.

Ein wissenschaftlicher Fortbildungskursus für Volksschullehrer soll im bevorstehenden Sornrner- semester an der Universität Gießen wieder eingerichtet werden. Die Vorlesungen sollen wie in den Vorjahren wahrend der Monate Mai und Juni an den Mittwoch-Nachmittagen statt­finden. Es werden nach vorläufiger Vereinbarung lesen: Prio.-Doz. Dr. Groß:lieber Descendenztheorie und Darwinismus" (im zoologischen Institut). Prof. Dr. Kai ser: Allgemeine Geologie an Beispielen aus der weiteren Um­gegend von Gießen" (in der großen Aula der Universität, oder im großen Hörsaal des physikalischen Jnsiituts). Pro-

parlamentarifdtes»

Berlin, 28. Febr. Die Budgetkommission des Reichstags bewilligte den Etat für Samoa unter Ab­lehnung der beiden Forderungen von 20 000Mk. für die Ein­geborenenentfernung von den europ. Wohnsitzen und 151000 Mark für Wegebauten. Es werden 14 200 Mk. Teuerungs­zulagen bereinigt. Es folgt die Beratung des Etats für K iautschou. Auf eine Anfrage Bebels nach den Plänen der verbündeten Regierung betreffend die Be- f estigungen in Liautschou führte Staatssekretär von T i r p i tz aus, es sei nicht zutreffend, daß Tsingtau eine Festung er st en Ranges werden solle. Die Lage habe sich zreeifeUos durch den ostasiatischen Krieg geändert. Was jetzt gefordert werde, fei lediglich die Schlußrate für die Seebefestigung, die bereits im Vorjahre bereinigt wurde. Es sei notwendig für die wirtsch. Stellung von Tsingtau, daß es eine gewisse militärische Sicherheit biete. Es müsse nach der Seeseite stark sein zur Aufrechterhaltung der Neutralität, nad) der Landfeite wachsam.

Der heute im Reichstage eingebrachte Ge setzent- tourf betreffend Abänderung der Haftpflicht des Tierhalters bestimmt, daß die Ersatzpflicht des Tier­halters für die Tötung oder Verletzung eines Menschen oder für eine Sachbeschädigung toeg fällt, wenn der Schaden durd) ein Haustier verursacht wird, das dem Berufe, der Erwerbstätigkeit oder dem Unterhalte des Tierhalters zu dienen bestimmt ist, und wenn entweder der Tierhalter bei der Beaufsichtigung des Tieres die im Verkehr er­forderliche Sorgfalt beobachtet, oder der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt entstanden fein würde.

AmSmckury endlich die Taxe für den OrMverLehr eingefllyrt

Begründung dieses Antrags durch den Antragsteller ^Staatsnnnister Ewald, die Gemeinde Amöneburg mäffe von sich aus mit dem Wunsch heranstreten, eint selbständige Postanstatt zu erhalten und dabei anch mit dem entsprechenden Material kommen. Sei das der Fall und erweise sich ixe Nvt- wendiakeit der Errichtung einer Postanstalt, so werde die Re- qientito gern bereit fein, dafür beim Rcichspostamt etn^u treten; er glaube auch nickt, daß dasselbe die Anstalt, wenn sie zweck­mäßig und notwendig ist, verweigern werde. Man könne aber doch fein Interesse daran haben, zu Gunsten Kastels einzn- treten. _ ,

Nack einigen Bemerkungen des Abg. Ade l u n g zur \spacpe wird der Antrag Dr. Schmitt einstimmig angenom- "" Vizepräsident Köhler hat inzwischen zum ersten Mal die Leitung der Verhandlungen übernommen.

Ein Antrag der ?lbgg. Dr. Frenap, Dr. Schmitt nnd | Gen. bezweckt, an die Regierung das Ersuchen zu richten, tm Bundesrat dahin zu wirken, daß 1. die den Gemeinden zu ge­währende Vergütung für die

Verpflegung ciuguartterter Truppenteile entsprechend erhöht wird und 2. bis dies geschehen ist, den Ge­meinden aus der Staatskasse diejenigen Beträge ersetzt werden, die sie für QuartierverPflegung über die derzeitigen Verpfleg­ungssätze aufbringen müssen.

Abg Stöpler erstattet mündlich Bericht darüber und be­antragt namenS des Ausschusses,, den ersten Teil des Antrags anzunehmen, den zweiten Teil jetwch abzulehnen.

Abg. Dr. Frenap erläutert seinen Antrag deS Näheren und bittet, denselben vorläufig zurückzustellen, da gegen­wärtig dieselbe Materie im Reichstag zur Verhandlung steht.

Das Haus beschließt demgemäß.

lieber den weiteren Antrag der Abgg. Dr. SchMrtt und

Gen., betreffend die

Rahoubeschränkuugeu itt den Gemeinde« Kastel und Kostheim entstnnnt sich eine längere Debatte. Der Antrag geht dahin, Die Regierung zu ersuchen, die Bestrebungen der Ge­meinden Kastel und Kostheim, die noch unter den Rayonbeschränk- ungen befindlichen Teile ihrer Gemarkungen von diesen Be­schränkungen M befreien, im weitgehendsten Maße zu unter- stützen."

Abg. Pitt Han erstattet Bericht darüber und beantragt, dem Antrag Dr. Schmitt znzustimmen.

Abg. Dr. Schmitt begrünbet seinen Antrag.

Dbg. Dr. David befürwortet gleichfalls den Antrag und wirst dem Reichsssiskus vor, er wolle bei den Terrain­veräußerungen Bodenwucher treiben. Das Reich wolle aus dem alten Festungsgelande so viel herausschlagen, daß davon gleich die Kvsten für die neuen Befestigungsanlagen gedeckt wer­den könnten. Die Gerneinden sollten also, weil die alten Be­festigungen unbrauchbar sind, dem Militärsiskus helfen, neue zu bauen. Redner stellt an die Regierung das Ersuchen, die Interessen der Gemeinden mit größter Energie zu wahren. Der Staat sei der rechtliche Eigentümer des Festungsgeländes und habe auch als foldjer ein Recht, in erster Linie mitzusprechen.

Nach einigen richtigstellenden Erläuterungen des Ministerial- präsidenten Braun wird der Antrag einstimmig an- g e n o mm c n.

lieber die Vorstellung einer Anzahl

Oberlehrer, die Regelung ihres Besolduugs-DteustalterS

betreffend, referiert

Abg. Uebel, der mimens des Ausschusses warm für die Erfüllung der Wünsche eintritt

Abg. Dr. Gutfleisch spricht sich gleichfakV in zustimmen­dem Sinne aus, 6eantragt aber die Zurückverweisung der Sache an den Ausschuß, Zusammenfassung der verschiedenen Petitionen in derselben Sache mtb alsdann eingehende schriftliche Bericht­erstattung.

Nachdem Präsident Braun diesen Antrag zur Annahme empfohlen, wird derselbe einstimmig angenommen.

Es folgt mm die Beratung über zwei Anträge inbetreff der

Geschworene» und Schöffen, bezw. Vergütung an dieselben.

Der Antrag Dr. Schmitt und Gen. lautet:

Die Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten, durch ihren 23ertretet beim Bundesrat dahin zu wirken und dahin zu stimmen, daß den Geschworenen und Schöffen voller Ersatz für ihre Zeitversäumnis gewährt wirb."

Der Antrag Ulrich und Gen. will L daß zu Schöffen und Geschworenen auch Manner aus der lohnarbeitenden Be­völkerung bestellt» werden, 2. daß reichsgesetzlich bestimmt werde, insbesondere anläßlich, der bevorstehenden Revision der Straf­prozeßordnung, das; die Schöffen und Geschworenen außer Ver­gütung der Reisekosten entsprechende Tagegelder erhalten, 3. daß den Schöffen und Geschworenen schon jetzt Vergütung ihrer lin­dsten und Auslagen aus Landesmitteln gewährt wird.

Abg. Dr. Frenap empfiehlt als Ausschußberichterstatter die Annahme des Anttags Dr. Schmitt und beantragt, den Antrag Ulrich für erledigt zu erklären, soweit er sich nicht auf die Gewährung von Tagegeldern bezieht.

Nachdem Abg. Ulrich seinen Antrag begründet und Nagen gegen die herrschendeKlaffenjustiz" vorgebracht, erwidert

StaatSmnnster Ewald: Es sei schon bei früheren Gelegen­heiten ausgesprochen worden, daß die Teilnahme von Arbeit- nehmern an der Rechtsprechung durchaus erwünscht erscheinen müsse. Es sei das auch sozialpolitisch von größter Wichtig­keit und es müsse in der arbeitenden Bevölkerung bitter em­pfunden werden, »nenn sie sich sage, daß sie wegen Mangel an Mitteln nicht an der Rechtsprechung teilnehmen könne. Deshalb sei der Antrag auf vsewährung von Vergütung an Schöffen und Geschworenen sehr berechtigt. Ganz verkehrt aber sei es, von Klassenjustiz" zn sprechen und zu beraubten, daß grundsätzlich keine Arbeiter zur Rechtsprechung herangezogen würden. Nach der ihm vorgelegten Zusammenstellung geschehe das in Hessen in den verschiedensten Landesteilen. Es seien von jeher nicht nur J)ie kleinen Gewerbetreibenden, sondern auch Lohnarbeiter als Schöffen mit herangezogen worden. Dieselben würden auch regelmäßig in die Listen eingetragen, aber von der Kommission I später vielfad» aus rein äußerlichen Gründen wieder ausgeschieden. Bescheidene Mittel bildeten zwar feinen Behinderungsgrund zur Zulassung für das Schöffenamt, aber für den Betreffenden einen dlblehnuirgsgrund und um viele Ablehnungkur zu ersparen, »würde vielfach von der Nominierung solcher Schöffen abgesehen. Der StaatSmimster erklärt sich schließlich mit einem ANttag auf Rückverweisung beider Anträge an den Ausschuß einverstanden, worauf dieselbe einstimmig beschlossen wird.

Die Sitzung wird darauf um ^2 Uhr abgebrochen. Nächste Sitzung morgen früh 9 Uhr. Nach Erledigung des Restes der heutigen Tagesordnung soll morgen sofort mit der General­debatte über den Etat begonnen werden, um ihn so schnell wie möglich wr Ett-'digung ru bringen.

feffor Dr. Kaffer gedenkt an seine Vorlesungen anch Ex­kursionen (Lahn, Wetterau, Vogelsberg) anzuschließen.

Ein ehrenvolles Fe st. Heute, am 1. Marz, sind eS 2b Jahre, daß die in weiten Kreisen bekannte Ober­schwester der Frauenklinik, Margarethe Hafter, in den Alice- Verein zu Darmstadt als Pflegerin eintrat. Nach beendeter Ausbildung im Alieehospital blieb sie noch kurze Zeit in Darmstadt, fam dann nach Bonn, wo sie mehrere Jahre in der chirurgischen Universitätsklinik arbeitete, wurde hierauf für einige Jahre als Leiterin deS Siechenhanfes nach Alzey berufen, und kam im November 1892 als Oberschwester in die Frauenklinik. Seit dieser Zeit hat sie ununterbrochen hier in treuester Pflichterfüllung zum Wohle unzähliger Kranken gewirkt. Allen, die Gelegenheit hatten, sie in ihrem Berufe kennen zu lernen, ist sie eine liebevolle, nie ermüdende und versagende Hülfe und Trostspenderin gewesen. Ihre opfer­willige Tätigkeit fand durch die Verleihung der Roten Kreuz- Medaille am letzten Geburtstag des Kaisers verdiente An­erkennung.

** Trinkgeld für die Landgestütsdiener. Von Beginn der Deckperiode 1906 ist das bisher von den Land­gestütsdienern für jede zur Bedeckung kommende Stute eines hessischen Besitzers, bezogene Trinkgeld von 70 Pfennig auf eine Mark erhöht worden. Das Trinkgeld wird für die Folge von den Bezirkskaffen mit dem Sprunggeld zusarnmen erhoben. Das von nichthessischen Pferdebesitzern erhobene Trinkgeld erhöht sich von 1,40 auf 2 Mark und ist mit dem Sprunggeld an die Landgestütsdiener zu entrichten.

In Amerika verstorbene Hessen. Konrad Hofmann aus Birklar, 82 Jahre alt, zu Buffalo, N. P. Jakob Mühl aus Mommenheim, 67 Jahre alt, zu New- Pork, Philipp Schlosser aus Mainz, 71 Jahre alt, z« Milwaukee.

88 Aus demOhmtal, 28. Febr. Eine solche lieber» schtvemmurrg tote gestern und heute hat das OhmtaL lange nick)t gehabt. Bis zu dem Fuße der das Tal be­grenzenden Höhenzüge gingen die gewaltigen Wassermassen. Die Mühlen hatten so starkes Uebertoasser, daß sie durch Wehren das Wasser von den Mühlen fernhalten mußten. In den im Tale gelegenen Ortschaften drang das Wasser in die Keller und Ställe.

?Vom Vogelsberg, 28. Febr. Die außergewöhn­liche Verteuerung der Schweine hat diesem Zweigs der Viehzucht einen Aufschwung gegeben, wie er vordem niemals vorhanden gewesen. Selbst kleinere Landwirte, die ehemals kaum ein Mutterschwein hielten, halten jetzt deren zwei. Infolgedessen ist die Aufzucht von Jungschweinen fast um das Doppelte gestiegen. In manchen Ortschaften erreicht die Zahl der Ferkel die Summe von nahezu 1000. Man bezahlt zurzeit für sieben Wochen alte Ferkel 55 bis 58 Mark.

Arbeiterbewegung.

Berlin, 28. Febr. Der Drosch kenkutscherstrelk fffc heute nach zweitägiger Dauer beendet worden.

Zwickau, 28. Febr. Im Kohlenrevier auf Altgemeinde Bockwa ist ein Bergarbeiterstreik auSgebrochen. Die Situation ist febr gespannt. Wie das Zw. VolkSbl. meldet, ist eS nicht ausgeschlossen, daß ein allgemeiner Streik ausbricht.

Mannheim, 28. Febr. In der hiesigen Zuckerfabrik ist heute ein Streik auSgebrochen Die gesamte Arbeiterschaft Hai die Arbeit niedergelegt. Der ganz« Betrieb ruht. ES handelt sich um Lohnforderungen.

London, 28. Febr. In der großen Spinnerei in Dun d e e streiken 23 000 Arbeiter. Sie verlangen höhere Lohne nnd füv$ere Arbeitszeit. Die Streikenden marschirten durch die Straßen und verübten große Exzesse, sodaß die Polizei einschreiten mußte. Am Abend fände heftigeStraßenkämpse zwischen Polizei und Arbeitern statt.

d. h. die kleinen Leiden des Ge-

-OlflirOg MlllOPi lindes,Erfrierungen,Frostballen O*** dichte Wunden u. Verbrennun­

gen, Geschwüre, aufgesprungene rissige Hände, böse Finger, bietet die kosmetisch-hygienische Eröme Lansnafalan, Rezept: fllatalan 50, Lanolin 15, Zinkweiß 20, Paraffin 15, ä 50 und 100 Psg. vorzüglichen Schutz. Als Deckmittel benutze man mir Nafalan-Hestpflaster, Rezept: Rafalan 50, Kautschukmasse 35, Zinkweiß 15, L 15 und 25 Pig. Nur echt und rein mit Rctorteu-Marke und Namens­zug Dr. Adolph List. hv83/,

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vereinte Würde unb traf diese historische

ihr lautes Schluchzen ihn erschrecken und zu ganzen Szene aber ist

Worte sicherlich nicht mächtig. Erst macht ihn auf sie aufmerksam, läßt halbem Bewußtsein kommen. In der sein Geist verstört.

Der Kurfürst des Herrn Goll Mensck)lichkeit in rechtem Maße und

Kolossalgestalt nicht mir in der Maske, sondern auch im Ton ganz glücklich. Eine kleine Indisposition bezwang er mit vollem Erfolge. Frl. Donecker sprach die schönen prophe­tischen Worte von der großen Zukunft des deutschen Vater­landes nut Schwung und Wärme. So hübsch in Einzel­heiten ihre Leistung und namentlich ihre Rede auch sonst war, so oft auch Funken ihres Talents durchblitzen, so überraschte sie doch zuweilen durch widersinnige Betonung sowie durch eine gewisse Farblosigkeit, ein llebennaß an Kühle und gleich­mäßiger, mimisch unberedter Ruhe selbst in Momenten, da die tapfere Prinzessin der Weichheit ihres einfach zarten Mädchenherzens erliegt. Und das Weinen gar ist eine Kunst, die heiße Mühen erfordert. Herr Wittman n als greiser Oberst v. Kottwitz bot ein glaubhaftes Bild dieser bärbeißig rauhen Prachtnatur auS der Priegnitz, das Bild eine? wetter­harten Kriegsmannes. Frau Maurice »var eine stattliche Kurfürstin, die sie mit einem Hauch von Wärme gab, und die Herren Stein goetter, Mendel, Reimer und Lippert nahmen sich mit Eifer ihrer mehr oder minder effektvollen Episodenrollen an.

sammeltenHeil Dir tnt Siegerkranz" stehend gesungen wurde. Dann folgte das Schauspiel.

Der Träger der Titelrolle war Herr Lüttjohann. Der Dichter hat die Gestalt in so vielen feinen Zügen aus- gemalt, mit so großer Kunst eine krankhafte Anlage poetisch verwertet und zu einem tragischen Motiv erhoben, daß ein außergewöhnlich darstellerisches Talent erforderlich ist, die Nolle, in der Todesfurcht und kriegerischer Heldenmut so seltsam zusammenpassen und zusammenstimmen müffen, ganz zu erfaßen und auszufüllen. Unser Herr L. ist jedenfalls mit feinem Bedacht an das Studium der komplizierten Seele bieses träumerischen Jünglings herangetreten, und er hat die Gestalt dem Empfinden des Zuschauers verständlich zu machen verstanden. Selbst in den wildbewegten, oft beinahe patho­logischen Exaltationszuständen ließ er nie ein schönes künstlerisches Maß vermiffen, und in der Rede wie in der Haltung zeigte er ein edles Feingefühl, zeigte er einen wenn auch ungestümen, so doch in lauterster Reinheit erstrahlenden, zum Höchsten gerichteten Feuergeist. Sehr schön brachte er's heraus, wie's in dem Prinzen zu­gleich jubelt und gährt, wie zugleich ein Glücksahnen ihn erfüllt imb fiebernde Unruhe au§ innerer Unklarheit. DaS Goldechte in der von heißem Seelenfeuer durchglühten Sprache, das volle Jnsrchanfnehmen der reichen dichterischen Gaben wars, was wieder einmal bet Herrn L. recht sym­pathisch berührte und erfreute. Jedenfalls steht Herr L. mit feinem Prinzen von Homburg über dem Durchschnitt. Herr L. hält sich nicht immer an die Tradition, sondern gibt manches aus Eigenem. Traditionell aber ist es, daß der Prinz in da? Boudoir der Kurfürstin eilenden Fußes stürmt und eine helle Bravourarie unergriffen anstimmt. Dabei hat er nicht erwogen, daß der Prinz »mterwegs sein Grab gesehen hat. Tiefe, fassungslose Resignation aber drückt sich mcht in stürmender Hast, sondern in todesmatter Ruhe aus; erst allmählich reißt das Wort ihn mit sich fort. Ueberhaupt war in diesem viel angefochtenen Auftritt (III, 5) eine an- dere Aufstellung der Damen notwendig. Der Prinz »vill nur feine Tante sprechen; die von ihm im Augenblick der Ver-

Die Regie des &crm Dir. Steingoetter bot viel Lobeustvertes. Namentlich vollzog sick> mtmeber Szenen-- wechsel überraschend schnell, und die Gesamtaitostattung war im ganzen gesdimadvull, das Kabinett des Kurfürsten z. B. recht würdig. In einzelnen Svenen jedoch vermißte man das rechte Zusarnmenspiel, so im ersten 9CFte in der Kriegs­ratsszene, in der der Kurfürst und seine Damen zeitweise wortloslebende Bilder" saßen, und die Herren Gerrerale ihrerseits tvußten sich nicht zu helfen, toenn der Kurfürst zu seinen Damen sprad». J»l der Szene, in der die Kur- fürftüi die falsche Nachricht von dem Tode ihres Gemahls erhält, standen alle rat» und beinahe and) regungslos da, anstatt vielleicht der ohnmächtigen Kurfürstin allerlei

Kweiflung verlelignete Natalie sieht er anfangs gar nicht, barf i «pcmbreidying zu tun, mit einem l ffe Wasser itnb anderem « gar nicht gesehen haben; sähe er sie, so wäre er dieser'cms- und <rbzugeheu us»v. Beredteres Mienenspiel unb |

regere Anteilnahme an den Vorgängen um fie fyerüm ist überhaupt selbst manchem unserer ersten Darsteller dringend zu wünschen.

Ein feiner Ausspruch, den eine geistvolle Dame einmal über die zärtliche und rührende Bühnengestalt der Natalie tat, fällt mir, zum Schluß, ein; er sei hier wiederholt: Hatte dock) Hamlet eine solche Natalie gehabt!"

Die altbrandenburgischen Armeemärsche in beit Zwischenakten, so wacker sie auch gespielt wurden, konnten leiber umnöglid) bie Einheitlichkeit ber poetischen Stimme ung aufrecht erhEen. P. W.

E in e interessante Theater-Erinnerung. AIS im Königl. Schauspielhanse zu Berlin Heinrich von Kleists Prinz Friedrich v o »r Homburg" zum ersten Mal auf­geführt wurde, dichtete Robert Prutz,der damals trotz seiner denrokratischen ©cfinmmg mit der preuß. Hofbühne in engster Be- uehnng stand, zu dieser klassischen Premiöre einen Proloa Dies- Dichtung ist ganz politisch gehalten und doppelt bemerkenswettl weil sie im RevolutionSjabre 1848 entstand und am Geburts­tage des regierenden Königs von der Bühne des konigl theater- gesprochen wurde. Der Prolog beginnt mit den Worten:

Die ernste Zeit verlangt ein ernstes Wort;

Wo halb in Waffen scho»^ die Erde dröbnt, Zientt auch der Kunst ein kriegerisches Kleid.

Nachdem der Dichter auf die Handlung des folaenden Stücke- h»ngew»esen, wird er zum Schluß zum Propheten:

Beglückend Schauspiel, das mein Äug' erblickt!

Vorangeeilt dem trägen Laus der Zeit, Vollendet seh' ich unsrer Freiheit Bau; Ich seh' den B»rnd errichtet und beschworen Der Volk und Fürst zn gleichem Dienst peremktt Dem heil'gen Dienst der Freiheit und des Rechts- Fch sehe Deirtschland groß und frei und stark ' In lebensvoller Mannigfaltigkeit

Und einig doch drrrch seiner Brüder Herz-

Ich sehe Preußen, neidlos, unbeneibet

ihm gebührt, das Banner Deutschlands tragen, Glorreich und kühn, tm Wetter der Gefahr Und millionenstimmig, nah und fern '

Vom Strand der Ossiee bis zum schönen Rhein, De»t Iubelruf gen Hnnmel hör' ich steigen.

Der heut' prophetisch diesen Tag begrüßt- £em ersten Bürger des erneuten Staats ' Tent freien König eines freien Volkes ' '

. M't diesem Freiheitsrufe schloß der Prolog mm Vrirnen nn» gmhur aui ber Bühn- d-s kömgttch-n LLpU-B