Erstes Blatt
156* Jahrgang
Freitag 31, August 1906
Sie Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten.
italienischen Politik würde dem widersprechen.
macht zu
hu n g L) rd -
drei Jahre, haben wir
Eine rusfische Attentatsliste.
Von den russischen Attentaten der letzten soweit sie hochgestellte Persönlichkeiten betreffen,
Gchulstrahe 7.
Redaktion 113
Verlag u.Exped.e-^51
Adresse für Teveschen: Anzeiger Gietzeu.
lieber den großen materiellen Nutzen und ethischen Wert übereinstimmenden Wirkens zu einem gemeinschaftlichen großen Ziele zum Wohl des Vaterlandes müssen wir sie aufklLren. Damit ifti der Kultursortschritt und die sittliche Gemeinschaft am sichersten^ gewährleistet. Lebendiges, geistiges Können soll mit den sittlichen Potenzen das Fundament des Charakters bilden, welches benj ganzen Menschen in allen Stürmen und Erschütterungen des! Lebens sicher trägt. Möge uns die Freiheit gewährt sein, solchen Zielen nachzustreben. Tann wird unsere alma mater auch fernerhin fest und aufrecht stehen gleich den Leuchttürmeni an unserer Küste, und das ihr entströmende ruhige und sichere! Licht wird weit hinaus leuchten und den Weg weisen in den sicheren. Hafen der Wahrheit, der Kultur und echter Religiosität."
Nr. 204
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dein hessischen Landwirt die Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brü h l'schen Unioers.-Buch-u.Stein- druckeret. 9L Lange.
Der neueste Botschafter.
Von der Wahl des Marchese di San Giuliano zum italienischen Botschafter in London werden die politischen Kreise an der Themse befriedigt sein, die es für ersprießlich halten,
verstandene Lehren zu sittlicher Vcrro und frevelhafter Mißachtung von Zucht und nung, Vaterland und LandeSvaler. Man hat für diese Auswüchse die Wissenschaften selbst verantwortlich gemacht. Sehr mit Unrecht. Kann der Waffenschmied dafür, daß das von ihm zu Ehr und Wehr wackerer Männer geschmiedete blanke Schwert von Buben mißbraucht wird?
daß Italien um die Erhaltung der englischen Freundschaft bemüht bleibt. Der Marchese hat aus feiner Sympathie fün das Jnselreich weniger ein Hehl gemacht, als aus seiner, Begeisterung für den Dreibund. Diese Neigung praktisch zu.! betätigen fehlte es ihm bisher allerdings an ausreichender! Gelegenheit. Er zählt zu den jüngeren Staatsmännern, be-' kleidete aber gleichwohl bereits das Amt eines Ministers dep auswärtigen Angelegenheiten, nämlich zurzeit der Marokko-, konferenz, freilich mit zweifelhaftem Erfolg. Ehe er sich, „entwickeln" konnte, beförderte ihn ein KabinetSwechsel in die! Versenkung. Es ist aber keineswegs auSgeschloffen, daß er- nochmals in die Regierung einzieht. Einstweilen dürfte ca auf der Durchreise nach London den Minister Boiwgeois ini Paris seines „herzlichen Einvernehmens" versichern, und im, übrigen sich an der Themse in der Wertschätzung des britischen Elements vervollkommnen. In Deutschland überrascht seins Berufung nicht, hier lebte man keineswegs der Erwartung,.
das verbündete Italien werde einen erklärten Srcibunbfreuntx' zum Vertreter in London bestellen. Die ganze Tendenz dep
Ernste Pflichten freilich erwachsen uns Hochschullehrern. Immer wieder müssen wir unfern jungen Kommilitonen einprägen, daß die Tochter der Freiheit nicht Zügellosigkeit, sondern das immer lebendige Gefühl ernster Verantwortlichkeit ist. Denn niemand ist frei, der sich nicht beherrschen kann. Geeint durch das Streben nach Wahrheit werden wir unsere Pflicht am besten tun, wenn wir in freier Forschung »nd freier Lehre unsere Kraft im Dienste der Wissenschaft sammelnd zum Forschen und Denken anregen. Bei jedem Schritte fühlt der selbständige Forscher die Anforderungen an sich wachsen und die Notwendigkeit allseitiger Erweiterung seiner Kenntnisse zur völligen Lösung einer Frage. Aber mit gesteigerter Arbeit wächst auch seine Kraft. Sein Blick erkennt den unlösbaren Zusammenhang der einzelnen wissenschaftl. Disziplinen. Das Streben nach abschließender Erkenntnis an irgendeiner Stelle der Wissenschaft zwingt zu selbständiger Stellungnahme zu allen Grundproblemen des Daseins. Nicht hoch genug kann dieser in dem Unterrichtssystem unserer Universitäten gelegene, auf die volle Befreiung des Geistes abzielende Anttieb cm- geschätzt werden. Ihm allein dankt unsere Nation in dem letzten Jahrhundert die großen Fortschritte auf allen Lebensgebieten. Mit der Leuchte fclbn erarbeiteter Kennt- n i ss e sollen sich u n s e r e S t u d i e r e n d e n i hr e n L e b e n s- weg suchen. Was der einzclne auch sein mag und welche Richtung er auch immer Anschlägen mag, das Wesentliche ist und bleibt, daß er das, was er ist, aus Ueberzeugung auf Grund kritischer Prüfung und s e 1 b it ä n d i g e r E n t s ch l i e ß - ung sei. Nur so wird er als tüchtiger Mann den Anforderungen aller Lebenslagen gerecht werden können. Nicht jedem ist die Kraft gegeben, ein eigenes Banner in starker Faust zu glänzenden Siegen zu entfalten. Aber jeder hat die Pflicht, der Fahne, zu der er sich aus freiem Entschlüsse gestellt hat, treu zu folgen und dafür zu kämpfen, daß sie nicht sinke.
Körperlich und geistig arbeitstKchtige und aröLits»LSvdige Mensches isüfses wi? erziehen.
bereits am Montag nach unserem Gedächtnis einige in die Erinnerung unserer Leser zurückgerufen, jetzt stellt die „Strana" in einer, wie die deutsche „Petersb. Ztg." bemerkt, vielleicht nicht einmal ganz vollständigen Uebersicht zusammen, die sich auf den Zeitraum 1901 bis 1906 erstreckt.
Ermordet wurden: im Jahre 1901: der Unterrichtsminister Bogolexow; im Jahre 1902: der Minister des Innern Ssipigjcm; im Jahre 1903: der Gouverneur von Ufa Bogdanowitsch; im Jahre 1904: der Generalgouverneur von Finnland Bobrikow, der Vizegouverneur von Jelissawet- pol Andrejew, der Minister des Innern Plehwe; im Jahres 1905: der Prokureur des Finnländischen Senats Johnson, der Gouverneur von Baku Fürst Nakaschidse, Großfürst Sergius Alexandrowitsch und der Stadthauptmann von Moskau Graf Schuwalow; im Jahre 1906: der Vizegouverneur von Tambow Bogdanowitsch, der stellvertretende Vizegouverneup von Tambow Lushenowski, der stellvertretende Vizegouverneur von Poltawa Filonow, der Gouverneur von Twer Slepzows der Generalgouverneur von Jekaterinoslaw Sheltonowski, der Kommandeur des Petersburger Hafens Admiral'Kusmitsch, der Oberkommandierende der Schwarzmeerflotte Admiral Tschuchnin, der Gehilfe des Warschauer Generalgouverneurs« General Markgraffski und der Gouverneur von Ssamarai Block.
Verwundet: im Jahre 1902: der Gouverneur von/ Charkow Fürst Obolenski; im Jahre 1903: bar Gouverneuv von Wilna v. Wahl; im Jahre 1904: der Statthalter des Kaukasus Fürst Golizyn; 1905: der Gouverneur von Wiborg. Miaffojedow, der Gehilfe des Finnländischen Generalgouver- neurs Deitrich, der Oberpolizeimeister von Warschau Nolcken, der Gouverneur von Ufa General M. Ssokolowski, beq Gouverneur von Mohilew Klingenberg, der Gouverneur vom Lomsha Baron Korff; 1906: der Vizegouverneur vom Tschernigow Chwostow und der Vizegouverneur von Irkutsk Mischin.
Kontusioniert: im Jahre 1906: der Generalgouverneur von Moskau Dubassow und der Generalgouverneur von Warschau Sealon.
Hin Arenndfchaftsöesuch.
In nächster Zeit wird das s chwedi sch-dänisch eGe - schwader Kiel antaufen. Diese beiden unter sich und mit uns befreundeten Nationen erwidern damit den Besuch, den unsere aktive Schlachtflotte im vergangenen Jahre Dänemark und Schweden abgestattet hat. Selbstverständlich werden bet diesem Anlaß wieder wunderschöne Toaste aus-
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4.V.
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chtnb^ Köchin-
— Rembrandts Ruhmesjahre schildern in den Lieferungen 7/9 des vornehmen Lieferungsprachtwerkes „Rembrandt in Bild und Wort" die Herausgeber Dr. Wilhelm Bode und Dr. Wilhelm Valentiner (Rich. Bong, Kunstverlag, Berlin W. 57, Preis pro Lieferung 1.50 Mark' in feinsinniger Weise unter Benutzung ihrer umfassenden Studien Zur Unterstützung des Textes sind eine große Anzahl Abbildungen nach charakteristischen Radierungen und Handzeichnungen beigegeben, so das Selbstbildnis mit aufgelehntem Arm 1639 — Tie Landschaft mit den. drei Bäumen 1643 — Ter Prediger Anslo 1641 — Die kleine Auferweckung des Lazarus 1642; — von Handzeichnungen Titia van Uylenburch — Ter Kanal — Die Darstellung Christi im Tempel — Knabe in der Wiege usw. — Daneben bilden die in zwanglosen Folge erscheinenden Kupferdruck-Kunstblätter, von denen nur Flora (1634 St. Petersburg, Heilige Familie (1646 Kassest, Saskia il634 Kassel, Christus in Emmaus (1640 Paris), Titus (1656 Wien genannt seien, einen herrliWn, Sinn und Geist erhebenden schmuck; so recht geeignet in das künstlerische Treiben Rembrandts einen tiefen Blick zu schaffen, da das zur Wiedergabe gewählte Kupfcrdrnccv er fahren alle Feinheiten und Eigen- I>eiten der Originale aufs sicherste wiedergibt. So bilden auch diese Lieferungen ein hervorragendes Mittel, sich mit Rembrandts Leben, Rembrandts Kunstweise bekannt zu machen und Nutzen zu ziehen aus diesem gewaltigen Ringen des größten Genie» auf Dem Gebiete der Mal--ei.
Tcs Universitäts-Rektors Bonnet Greifswalder Jubiläums-Festrede
ist als eine der bedeutendsten Kundgebungen der jüngsten Zeit vom Katheder aus zu werten. Wir lassen sie hier auszugsweise folgen:
„In schwerem Kampfe, heißt es da, miifjte die Naturwissenschaft die phantasiereiche Natur-Philosophie überwinden und deren herrschende Stellung erobern. In glänzender und umfassender Weise wurde die Biologie inauguriert. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft wurde ergänzt durch den Ausbau der Energetik. In der Wandelbarkeit der Erscheinungsformen und Wirkungen der Naturkräfte wurde deren Einheit erkannt. Mit dem Spettrnm wird die Zusammensetzung der Weltkörper, mit dem Mikroslop der Bau der organischen Welt erschlossen. Winzige, das Leben bedrohende Feinde wurden entdeckt, auf ihre Lebensverhältnisse studiert und mit Erfolg bekämpft. Von tief eingreifenden Folgen erwies sich die Erkenntnis der einheitlichen Organisation und der einheitlichen Entwicklungsgesetze der I-bcnbigen Welt Im Werden wird das Gewordene zu verstehen gesucht Tie Entwicklungsgeschlchte und die histor. Betrachtungsweise beherr- schen die AufgWen aller Fakultäten. In allen Wissenszweigen erhebt >ich der -bna vom Emzelnen auf das große Ganz« Selbst in den Geisteswessenschasten gewinnt naturwissenschaftliche Betrachtung steigenden Einfluß. Rücksichtslose Kritik und iimrahenDc Induktion treten an die Stelle enthusiastischer Phan- tasre. ^vas streben, das Erkannte zu einer Weltanschauung zu verbinden, schützt die führenden Geister vor Verflachung. Mer Neubauten im Reiche des Geistes können nur ausgeführt werden, wo der Mm bestellt zum Niederreißen des Alten und .N or scheu. Mancher durch die Zeit ehrwürdig gewordene Jrr- tum füllt und an seine Stelle treten neue Ideen. In diesem pLsanoel der Anschauungen gilt es namentlich für den Hochschullehrer, alte icjnc Kräfte zur Bewältigung des immer wachsen- Den Stoffe^ emzusetzen und kühlen Kopf zu bewahren, eingedenk i^mer großen Verantwortung und der leichten Begeisterungs- fahigkeit der Jugend für das Neue. Denn nicht alles, was als solches angeboten wird, ist lauteres Gold, und manches Unkraut wuchert zwischen dem Weizen. Manche angeblich fertige Tatsache steckt bet genauerer Betrachtung noch tief in ihren Einbryonal- flnfangen oder erweist sich von vornherein als nicht lebeits- Mig. Danchen führen absichtlich jnißilfl
gebracht, Kaiser Wilhelm wird, wenn er nicht selber anwesend ist, telegraphisch begrüßt werden, und sicher wird Prinz Heinrich, der Erstkommandierende der deutschen Schlachtflotte, es sich nicht nehmen lassen, dem Geschwader der beiden Königreiche eine Anzahl von Aufmerksamkeiten zu sagen. Das ist auch ganz in Ordnung. Wird man sich aber in der deutschen Presse nicht bei diesem Anlaß die eine Frage vorlegen dürfen, ob in weltpolitischer Beziehung für uns bei oen drei nordischen Königreichen nichts zu holen wäre? Wenn das Paradepserd der Hohen Politik in unseren „Weltblättern" vorgeritten wird, hört man nur von England, von Frankreich und von Rußland sprechen, als ob andere Staaten nur so nebenbei auf der Welt wären und nicht vielmehr als gar nichts zu bedeuten hätten. Kaum daß man von Oesterreich-Ungarn, von Italien gelegentlich einmal Notiz nimmt. Die drei nordischen Königreiche aber liegen gänz-lich außerhalb des Betrachtungskreises der deutschen Oeffentlichkeit, und hätte Norwegen nicht den alten König Oskar von Schweden nach Hause geschickt und sich selbständig gemacht, wäre nich: der greise König von Dänemark gestorben, von den drei Reichen wäre seit Jähr und Tag nicht mehr die Rede gewesen, wenigstens im polittschen Teil der Zeitungen nicht. Tas ist sehr merkwürdig. Gewiß sind die treibenden Kräfte der Weltpolitik in London, in Paris und in Petersburg zu suchen — wenn wir schon als bescheidene Leute Berlin ausnehmen wollen —, aber es ist durch gar nichts gerechtfertigt, daß man die drei nordischen Reiche für die Weltpolitir als gar nicht existte- rende unbekannte Größen einschätzt. Dänemark, Schweden und No"'—— *—“— ----- " *" - * "
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m über eine ganz ansehnliche Waffen- zur See, uno wenn auch die besten schwedischen und dänischen Schiffe an unsere neuen Typs nicht herankönnen, zum Küstenschutz und zur Bewachung verschiedener Wasserstraßen, die in Zukunft recht sehr in Betracht kommen können, wären sie sehr tauglich. Nun ist allerdings das Band zwischen Schweden und Norwegen zerrissen, aber das läßt sich wieder anknüpfen, und wir zweifeln gar nicht daran, daß dieser nordische Dreibund eines schönen Tages perfekt ist. Wäre es für uns nicht sehr angenehm, diesen Dreibund dann zum Freund und zum Bundesgenossen zu haben, wenn einmal der Tanz zwischen Teutschlanü und England, oder zwischen Deutschland und Rußland beginnt? Man wird auf diese Frage kaum mit einem unbedingten Nein antworten können. — Unsere Stellung innerhalb der Weltpolitik ist augenblicklich eine ziemlich angenehme. Man bringt uns nirgends wärmere Gefühle entgegen, aber man scheint uns wieder einmal eine Zeitlang achten zu wollen und läßt uns vor allem in Ruhe. Mit England stehen wir auf ziemlich gutem Fuße, seit das neue Kabinett am Ruder ist, und gar, seit König Eduard seinem kaiserlichen Neffen wieder einmal einen Besuch abgestattet hat. Aber wer weiß denn bei den heutigen Kursschwankungen in der hohen Politik, wie lange dieser erträgliche Zustand dauert? Eines schönen Morgens können wir wieder dastehen ohne einen anderen Freund, als das treue, aber leider flügellahme Oesterreich-Ungarn, und wenn sich in der Habsburgischen Doppelmonarchie einmal eine Aenderung ergibt, dann wird auch dieser Zwei- bimd sehr in Frage gestellt erscheinen. Die absolute Iso-
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lierung aber ist keineswegs ein Zustand, nach dem wir uns besonders sehnen könnten, zumal wir nur zu genau wissen, öafi man uns auf verschiedenen Seiten gerne in diesem Zustand sähe, um ungestört und leicht mit dem verhaßten Emporkömmling abrechnen zu können. Tritt angesichts dieser Tatsachen da nicht die Möglichkeit an uns heran, nach neuen Freunden suchen zu müssen? Und wären nicht gerade unsere germanischen Stammesgenossen im Norden die Ersten, mit denen wir uns vertragen und verbinden könnten? Man schätzt sie nicht hoch ein — zu Unrecht! — aber das ist sicher, wenn heute ein Bündnis zwischen Deutschland und den drei Königreichen besteht, dann find Nordsee und Ostsee wirklich deutsches Gebiet und die Grenze kann sogar noch viel weiter gesteckt werden. Ein derartiger Vierbund hätte in der Welt viel zu bedeuten, zumal 9tußland, der natürliche Feind dieses Vierbundes, sich heute und wer weiß, wie lange Zeit noch, nicht rühren kann. Der Vorteil, den ein solches Bündnis auch für die drei Königreiche in sich bergen müßte, liegt auf der Hand. Unbeachtet heute rückten sie morgen zu einem recht wesentlichen Faktor in der Meltpolitik auf und brauchten nicht stets den gehorsamen Diener zu machen, luenn England oder RuUand mit dem Finger winkt. Für uns läge ein großer Vorteil auch auf wirtschaftlichem Gebiet in einer engeren Verbindung mit den drei twrdischen Königreichen. Wir suchen nach Msatzgebieten für die Ueberproduktion unserer Industrie — in nächster Nähe wären sie zu finden! Freilich dürften wir dann nicht eine engherzige Handelspolitik betreiben, wie das bisher leider der Fall gewesen ist, und fein preuß. Landwirtschaftsminister dürste die Macht haben, die Einfuhr dänischer Milch zu verhindern. Aber fteilich — wir sind ja so weitsichtig in der Politik, daß wir das Nächstliegende gar nicht beachten. Wir müssen über den Kanal schielen, wir müssen über die große Heeringspfütze schielen, wir müssen sogar nach Petersburg schielen, wer kann es uns verdenken, wenn wir auch bei dem bevorstehenden Freundschaftsbesuch nur schöne Worte haben!
politische Lagesschan.
Perfischer Zauber.
Keine Meldung, sofern sie nur Deutschland verunglimpft, ist so albern, daß sic nicht von Blättern, wie die „Daily Mail^, in der gehörigen „Aufmachung" präsentiert würde. Jn den letzten Telegrammen dieses Journals aus Persien werden wieder einmal ungewöhnlich starke Zumutungen an die Naivität der Leser gestellt. Es heißt da beispielsweise zur Kennzeichnung der „deutschen Gefahr", Persien habe ein Darlehen aus Deutschland erhalten durch Vermütlung belgischer Finanxleute. In Deutschland ist davon nichts bekannt, und cs liegt ja auch auf dcr Hand, daß Deutschland einer Vermittlung zu solchem Zwecke wahrlich nicht bedürfte, wenn es wirklich den bedeutenden Einfluß in maßgebenden persischen Kreisen erlangt hat, den dieselben englischen Blätter ihm sorgenvollen Tones nachsagen. Weiter ist in der „Daily Mail" zu lesen, Deutschland baue, um in Persien „recht seßhaft" zu werden, ein prächtiges Gesandtschaftspalais in Teheran. Jn Wirklichkeit handelt es sich um einen aus hygienischen Gründen längst nötig gewordenen Neubau eines Domizils für die diplomatische Vertretung Deutschlands, über den im Reichstag wiederholt in aller Oeffentlichkeit verhandelt worden ist


