konsequent ist: er will die Inhaftierung von Jugendlichen „möglichst ganz ausschließen". Der Grundsatz, einer Geld- strafe für den Fall, daß der Verurteilte nicht zahlen kann, eine Freiheitsstrafe zu substituieren, ist an sich schon sehr bedenklich. Er hat eine Menge von Freiheitsstrafen zur Folge, die man beklagen muß und die für das betreffende Vergehen eine allzu harte Ahndung darstellen. Und da die Handlung fe" rt nicht mit einer Freiheitsstrafe bedroht ist, so kommt der Be^effende eigentlich nur dafür ins Gefängnis, daß er kein Geld hat. In manchen Fällen würde sich dies dadurch verhüten lassen, daß an die Stelle der Geldstrafe eine Arbeitsleistung tritt; für die Meißen ilt dies freilich unmöglich, weil der Staat für ihre Arbeit keine Verwendung hat; hier wäre also nach anderen Ersatzmitteln zu forschen. Jedenfalls ist dieser Erlaß des vreuß. Ministers auch für die anderen Bundesstaaten vorbildlich, und für die noch dem KindeSalter angehörigen oder nahestehenden Personen hat er hoffentlich die Wirkung, daß sich ihrer der Reichsgesetzgeber im Sinne des Ministers u. Bethmann- Hollweg baldigst annimmt.
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Die verletzte Immunität.
Der Abg. Erzberger, der „Spezialist" in Kolonial- fragen, ist bekanntlich vom Untersuchungsrichter zeugenschaftlich vernommen worden. Darin liegt an sich nichts Besonderes, denn das kann unter Umständen jedem Abgeordneten passieren. Der Reiz der Untersuchungsrichterlichen Tätigkeit aber liegt darin, daß der Untersuchungsrichter seine Fragen auch auf die Abgeordnetentätigkeit Erzbergcrs ausgedehnt hat, ihn also über das vernehmen wollte, was Erzberger im Reichstag gesagt hatte, und daß der Untersuchungsrichter im Reichstagsgebäude selber die Sachen des „Zeugen" Erzberger einer genaueren Durchsicht unterziehen wollte. Der Direktor des Reichstags ist dem Untersuchungsrichter dann entgegengetreten und hat ihn auf die Verfassung (bezügl. der Immunität) aufmerksam gemacht, worauf der Untersuchungsrichrer bemerkte, ein Gesetz, das ihm den Eintritt in das Rcichstagsgebäude versage, gebe es nicht. Schließlich hat der Untersuchungsrichter doch noch seinen Willen durchgesetzt, dank der Liebenswürdigkeit Erz- bergers.
Tatsächlich also ist die Immunität durch das Vorgehen des Untersuchungsrichters verletzt worden, darüber besteht kein Zweifel. Die Verfassung verbietet, einen Abgeordneten zeugenschaftlich über das zu vernehmen, was er als Abgeordneter gesagt hat, und wenn es auch kein geschriebenes Gesetz gibt, das dem Untersuchungsrichter den Eintritt in das Reichstagsgebäude verwehrt, so liegt es auf der Hand, daß eine Durchsuchung der Erzbergcrschen Effekten im Reichstag eine Verletzung der Immunität des Abgeordneten bedeutet.
Der Direktor des Reichstags, der dem Untersuchungsrichter den Eintritt zur Durchsuchung der Effekten des Abg. Erzberger verwehren wollte, hat richtiger gehandelt als Erzberger selbst. Die Geschichte wird entsprechend publizistisch ausgebeutet und vielleicht kommt sie auch im Reichstag zur Sprache.
Solche Vorkommnisse sind vom Uebel für das ganze Volk, das an seiner Rechtsauffafsung irre werden muß. Das ist die Folge blinden Eifers, der seinen Ausdruck in der skandalösesten Einrichtung unserer Zeit, im Zeugniszwang, findet. Es ist an der Zeit, daß hier endlich Remedur geschaffen wirt), ehe daS Recht von den Paragraphen erdrückt ift
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ZN den peinlichsten Affären
an dem schier unentwirrbaren Rattenkönig von „Kolo- nial-Unftimmigkeiten" zählt die Verhaftung des Majors Fischer, des Vorstehers der Bekleidungs- kommrssion beim Oberkommando der Schutztruppen, welcher unter dem Verdacht steht, Bestechungsgelder angenommen zu haben. (Bgl. die heutige „Polit. Wochenschau".) Das schimpfliche Vorgehen der Bestechlichkeit hat bei einem Mitglieds der bewaffneten Macht einen noch schlimmeren Charakter. Natürlich ist die Firma, die sich des unsauberen Mittels der Bestechung bediente, Tippelskirch u. Co., welche bereits Millionen an unseren Kolonien verdient hat. Und man muß noch dazu die Befürchtung hegen, daß mit der Verhaftung des Majors Fischer der Augiasstall der Ko lonial-Korruption noch nicht gereinigt erscheint, denn die im Reichstag gestellte Forderung nach sofortiger Lösung der Lieferungsverträge zwischen Tippelskirch u. Co. und dem Reichskolonialamte konnte merkwürdigerweise nicht erfüllt werden, angeblich, weil die Firma eine Entschädigungssumme von nicht weniger als ein eine viertel Million Mark pro Jahr verlangte, und ihir Kontrakt läuft noch bis Ende Mär§ 1911! Welche enormen Summen Tippelskirch u. Co. bisher aus Steuer- (eldern verdient haben müssen, geht allein daraus ervor, daß sie im Jahre 1905 für acht Millionen, im laufenden Jahre für sechs einhalb Millionen Mark Umsatz berechnete. Dabei wurde aber immer von der Budgetkommission über die schlechte Ausrüstung unserer braven Schutztruppen geklagt! Die Gerechtigkeit verlangt also, daß man auch gegen Fischers Duzfreund, Herrn v. Tippelskirch, vorgeht.
und Flotte.
Wie man aus Venedig meldet, hat dort eine Mobilisierungsprobe ftattgefunden. Das Manöverthema lautete: Die Stadt wird plötzlich auf der Seeseite von einer feindlichen Flotte angegriffen, die von Lido aus gesichtet wurde und muß augenblicklich in vollen Verteidigungszustand gebracht werden. Das interessante Experiment, das Vizeadmiral Bettolo leitete, wird als vollkommen gelungen bezeichnet.
13. Auder-Wegatta auf der Lahn.
th. Gießen, 29. Juli.
Trübe blickte der Himmel am Samstag auf unsere Stadt hernieder und fast schien eS, als sollte die Nuderregatte, die die Gießener Rudergesellschaft alle zwei Jahre veranstaltet, diesmal so recht eigentlich zu Waffer werden, denn es regnete ziemlich kräftig. Am Samstag abend sah man zahlreiche Vertreter der auswärtigen Vereine, die ihre Mannschaften zum friedlichen Wettkampf hierher entsandt hatten.
Heute in aller Frühe aber, da lachte der Himmel und die Ruderer, die vom Main, vom Rhein und von der Lahn sich in unserer Feststadt ein Stelldichein gegeben hatten, rüsteten sich mit vergnügten Gesichtern ob des prächtigen Wetters zum Start. Um 7.Uhr begannen die Vorrennen, die für 6 Rennen ausgefahren werden mußten. Sie dauerten
bis h'gll/Uhr und hatten ein sportlieb:.ides Publikum an» gezogen./ So heiß die Sonne brannte, so heiß waren auch die einzelnen Kämpfe, die sich auf dem Wasser abspieltcn, denn me Sieger hatten meistens mit ebenbürtigen Gegnern zu tu/ Der Besuch der Regatta selbst war am Nachmittag überaus gut zu nennen, alle Kreise unserer Bürgerschaft waren verbieten und auch das benachbarte sportfreundliche Wetzlar h-tte eine stattliche Zahl Zuschauer entsendet.
Von den Mitgliedern des Ehrenpräsidiums des Regatta- Ausschusses bemerkten wir Se. Magnifizenz Geh. Hofrat Prof. Dr. Bebaghel, Oberstleutnant v. Conta als Vertreter der Garnison, Oberbürgermeister Mecum und Landgerichtsdirektor Bücking.
Die einzelnen Rennen nahmen folgenden'Verlauf:
1. I n n i o r - E i n e r. Vorrennen : Germania-Frankfurt 7,35; Undine-Offenback 7,34'/,; Ruderverein Ems (ging allein über die Bahn) 8,27'/,. Es starrsten zum Hauvtrennen: Undine-Offenbach in 7,29\ gegen den Sieger bleibenden Emser Verein, der in 7,11'/, Sek. überlegen gewann.
2. Großer-Vierer (Sladtvreis). Auncitra-Manuhei m 6,29 gegen Frankfurt-Sachsenhausen 6,29’/,. Sieg mit halber Bootslänge nach heißem Ringen gewonnen. 300 Meter vor dem Ziel wechselte fortwährend die Führung unter den beiden Gegnern.
3. Vierer (Preis von der Lahn). Wetzlarer Ruderklub 6,41'/,; Limburger Ruderverein 6,48. Tie Gießener Rudergesellschaft gab das Rennen auf. Wetzlar gewann den. Preis mit drei Längen Vorsprung und hatte gegen Limburg fast auf der ganzen Strecke die Führung. Der von dem Ehrenvorsitzenden der Gießener Ruder- geseuschast gestiftete Preis (ein silberner Pokal) ist von Wetzlar nunmehr dreimal hintereinander gewonnen und geht daher endgültig in dessen Besitz über.
4. E i n e r (L a h n v o k a l). Vorrennen: Rudergesellschaft Ruhrort 7,37 gegen Undine-Offenbach 7,42; Frankfurter Germania 7,26 geaeri Ruderverein Ems 7,28'/,. Es starteten Otto Müller für die Germania 7,11 gegen Wilhelm Rörmmghoff-Ruhrort 7,20'/,. Müller siegte mit drei Längen über bei’ Gegner, der am vorigen Sonntag den Rheinvokal gewonnen hat. Beide Skuller -eigteii sich im steuern nicht als Meister, sie führten ihre Boote im Zick» zackkurs über die Bahn.
5. Zweiter Vierer (Preis des Regatta-Komitees). Vor- rennen: Heidelberger Ruderklub 7,1'/,; Würzburger Verein 1875 6,48; Wetzlarer Ruderklub 6,50. 2. Vorrennen: Oberrad-Frank- furt 7,12, Akadem. Ruderverein Münster ausgegeben; Nassovia- Höchst 7,2'/,. 3. Vorrennen: Rudergesellschaft Hanau aufgeaeben; Limburger Ruderverein 7,1’/,; Offenbacher Ruderoerein von 1874 6,55; Rassovia-Höchst, die eigentlich ins Hauptrennen kommen mußte, wurde, iveil sie kollidierte, ausgeschlossen. Es starteten: Offenbacher Verein 1874 in 6,33’/,. Ter Würzburger Ruderverein iviirde mit ’/, Sekunde Vorsprung Sieger. Dieses Rennen war hochinteresiant, hart stritten die Gegner und obgleich die Würzburger dicht unter Land an der Schürzschen Bleiche, also im toten Waffer fuhren, machten sie das Rennen.
6. I u n i o r - A ch t e r. Die Frankfurter Germania mußte allein über die Bahn geben, weil die Meldungen der Mannheimer Amicitia und die der Frankfurter Rudergesellschaft Sachsenhausen zurückgezogen wurden.
7. D o p v e l - Z w e i e r ohne Steuermann. Ruder- Gesellschaft Ruhrort siegte auf halber Endstrecke ohne Konkurrenz in 6,43, da die Frankfurter Germania btichstäblick in die Binsen gegangen war, d. h. an Land aufftihr. Ruhrort hatte in diesem Rennen die Führung gehabt.
8. I u n i o r - V i e r e r. Vorrennen Hanauer Rtldergesellschasl von 1879. 6,53*/, gegen Offenbacher Undine, 6,53'/„ und Frauk- furter-Sachsenhausen, 7,25, gegen Gießener Ruderges-, die das Rennen ausgab. Es hatten zll starteii Sachsenhaiisen, das in 7,19 allein über die Bahn ging, gegen Undine, die wegen eines Defektes am Boot das Rennen aufgab.
9. Akadem ischerVierer. Es siegte die Ruder-Abteilung des Akademischen Sportklubs Heidelberg elegant in 6,47, trotzdem er int toten Wasser fuhr, geqen den Heidelberger Ruderklub 6,48. Ter Akademische Ruderklub RhenuS-Bonn hatte das Rennen unterwegs aufgegeben.
10. GroßerAchter. (Großherzogspreis.) Vorrennen: Offenbacher Ruder-Verein von 1874, der unterwegs absioppte, gegen Frankfurter Sachsenhausen 6,18. Mannheimer Amicitia ging in 6,40 allein über die Bahn.
In der Entscheidung siegte Manuheint, das brillant fuhr und sicher steuerte, in 5,59 gegen Sachsenhaiisen, das für die Strecke 6,02 Zeit brauchte. Das Renneit um den Großherzogspreis >var unstreitig das Interessanteste des Tages.
11. E r m u n t e r u n g s - V i e r e r. Vorrennen : Offenbacher Undine iii 7,13 gegen Weilburger Verein 7,37 '/,, und Frankfurter Oberrad 7,08 gegen Gießener Ruder-Gesellschaft 6,58. Es hatten zil starten Undine, die mit 6,58 gegen Gießen Sieger wurde, welches in 7,04 die Strecke machte, obgleich es im Vorrennen die beste Zeit gefahren hatte und die zweitbeste Zeit überhaupt, die bei der Regatta die Vierer gefahren sind.
Nach der Regatta fand die Verteilung der Preise an die Sieger auf dem Bootsplatz statt. Ten Schluß der Festlichkeit bildete ein geselliges Zusammensein und Konzert der Mitglieder und deren Damen mit den fremden Gästen im Garten des Hotel Großherzog von Hessen.__
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 30. Juli 1906.
** Das Tuberkulose -Museum der hessischen Landesversicherungsanstalt ist gestern vormittag zu Darmstadt in dem neu errichteten Aitsstellitngssaale der Großh. Zentralstelle für die Gewerbe eröffnet worden. Unter den Anwesenden bemerkten wir Ministerialpräsident SBrann, Geh. Staatsrat Krug v. Nidda und die Vertreter der Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege im Ministeriitm des Innern, ferner Geh. Kabinettsrat Römheld, Bürgermeister Dr. Glässing, mehrere Kreisräte, Aerzte u. a. m. Der Vorsitzende der Landesversicherimgsansialt, Geh. RegierungSrat Dr. Dietz, legte kurz die Beweggründe für die Veranstaltung dieser Ausstellung dar. Der Redner sprach zum Schluffe allen, die das Zustandekommen der Ausstellung unterstützt und gefördert haben, namentlich den anwesenden Vertretern des Ministeriums, dem Reichsamt des Innern, dem Kaiserl. Gesundheitsamt 2C., herzlichen Dank aus. Als Vertreter der Minifterialabteilung für öffentliche Gesundheitspflege sprach Geh. Obermedizinalrat Dr. Hauser seine Freude über das Gelingen der Ausstellung aus, die von der Behörde als ein vorzügliches Mittel zur Belehrung über die gefährliche Krankheit und über die Maßnahmen ztt ihrer Verhütitng betrachtet werde. Es sei deshalb auch eine Verfügung erlassen worden, daß alle beamteten Aerzte sich mit an der Aufklärung und Erläuterung beteiligen möchten, und so dürfe man hoffen, daß alle Wünsche und Erwartungen, die sich an diese Ausstellung knüpfen, in Erfüllung gehen werden. Unter Führung mehrerer sachkundiger Herren fand darauf eine Besichtigung der Ausstellung statt. Es sei hierbei noch bemerkt, daß die Ausstellung werktäglich von 11 —12% Uhr und Sonntags von 11—i Uhr für Jedermann geöffnet ist. Wenn von Vereinen ober Gesellschaften besondere Führungen gewünscht werden, so ist dies acht Tage vorher dem Vorstand der Landesversicherungsanstalt zu Darmstadt, Wilhelminenstr. 34, mitzuteilen. (Wir verweisen auf den Artikel in den heutigen „ Gieß. Familienblättern4.)
** Nebernahme derVolkSschullasten durch den Staat. Die Abgg. Schönberger, Brauer, Breidenbach, Breimer, Erk, Häusel, Hauck, Joutz, Köhler, Korell, Lang, Pitthan, Schmalbach, Seelinger, Senßfelder, Ullmann und Wolf haben bei der 2. heff. Kammer folgenden Antrag eingebracht:
Tie Kammer wolle Großh. Regierung ersuchen, alsbald dem Landtage ein Gesetz vorzulegen, das die Uebernähme der V o l k s s ch n l l a st e n auf den Staat anordnet, auf der Grundlage, daß sänttliche persönliche Volksschnllasten durch progressiv a b g e st u s t e Zuschläge zur st a a t l i ch e n Einkommen- ft e u e r für das ganze Land gleichmäßig aufgebracht werden.
Mit anderen Worten also: Die Städte sollen für das Land die Volksschnllasten tragen!
X Hart man ns Hain, 27. Juli. Nach vorheriger Besichtigung von Meliorationsausführungen in den Gemarkungen Schotten, Grebenhain, Bermuthshain, Hartmannshain und Volkartshain fand am 26. Juli hier unter Anwesenheit des Ministerialpräsidenten Braun und des Ober- regiernngsrats Holzinger eine Sitzung der landwirtschaftlichen Pr o vi n z i a l v er ein sko m m issio n f ür die Verbesserung der Hutrveiden und Oedländereien im Vogelsberg statt. Anwesend waren die Kommissionsmitglieder: Regierungsrat Schönfeld-Schotten, Kreisrat von Bechtold-Lauterbach, Vaurat Wißmann-Gießen, Oekonomie- rat Leithiger-Alsfeld, Kulturtechniker, Kunz-Lauterbach, Oekonomierat Backhaus-Lauterbach, Bürgermeister und Land- togsabg. Schmalbach-Crainfeld und Bürgermeister Winnecker- Volkartshain. Der bauleitende Techniker, Kulturtechniker Kunz erstattete Bericht über die diesjährigen Ausführungen und gab eine Uebersicht über die von 1896 bis 1905 ausgeführten Meliorationen. Hiernach sind in diesen 10 Jahren in 39 Gemarkungen der Kreise Lauterbach und Schotten 436,29 Hektar oder 1745 Normalmorgen Gemeinde-Hut- weidegelände mit einem Gesamtkostenaufwand von zirka 158 000 Mk. meloriert worden; von dieser Summe haben der landw. Provinzialverein Oberheffen bezw. der Staat ca. 90 800 Mk. und die beteiligten Gemeinden 67 200 Mk. getragen. Sämtliche Herren sprachen sich sehr anerkennend über die Erfolge dieser MeliorationSunternehmllngen und deren hohen Nutzen für die Viehzucht im Vogelsberg auS. Auch wurde einstimmig von den Vertretern der besichtigten Gemarkungen die großen Vorteile der seinerzeit durch die Initiative des früheren verdienstvollen und weitschauenden Präsidenten des landw. Vereins für Oberhessen, S.E. Graf Frdr. zu Solms-Laubach, in Angriff genommenen Meliorationen anerkannt und betont, daß die Vogelsberger Bevölkerung der Slaatsregienmg und dem Landtag für die zu diesem Zweck bewilligten Staatsunterstützungen dankbar sei. Weiter wurde allgemein gewünscht, daß auch für später diese Staatsmittel für die Fortsetzung der Hutweidenmeliorationen erhalten bleiben, damit in nicht allzu ferner Zeit sämtliche, jetzt noch Tausende Morgen umfaffenden, unrentablen Hutweiden und Oedländereien einer rationellen Bodenkultur zum Segen der Landwirtschaft im Vogelsberg unterzogen werden. Für das Rechnungsjahr 1906 wurden weitere MeliorationSauSführ- itngen vorgesehen im Kreise Schotten in den Gemarkungen Hartmannsham, Volkartshain, Sichenhausen, Feldkrücken und Herchenhain; im Kreise Lauterbach in den Gemarkungen Bermuthshain, Grebenhain, Eichelhain, Engelrod, ObermooS und Salz.
Vcrini schter.
• Von der Bism arcksäule in Göttingen wurden in einer der letzten Nächte die drei Feuerbecken gestohlen, von denen alljährlich zu Bismarcks Geburtstag unb am Tage der Sonnenwende die Flammen emporlodern. Am 27. Juli wurden die Becken bei einem Produktenhändler entdeckt, dem sic die inzwischen ermittelten Diebe als „altes Eisen " verkauft hatten.
• Der Mann mit zwei Herzen gestorben. Georg Lippert, einer der merkwürdigsten anormalen Menschen, die die Medizin kennt, der zwei völlig getrennte Herzen und drei Beine hatte und als eine Hauptanziehungskrast mit dem Zirkus von Barnum und Bailey durch Amerika reiste, ist gestorben. Sein „rechtes" Herz stand schon vor vierzehn Tagen still, aber das „linke" fuhr fort zu schlagen, bis es schließlich am 24. Juli auch seinen Dienst einstellte. Lippert starb an Lungenschwindsucht.
• Das unanständige Baby. Vor einem Hause am Hafen zu Bremerhaven stand ein Kinderwagen mit einem 9 Wochen alten Baby. Die Mutter hatte ihr Kleines vor die HarlStür gebracht, damit es Licht, Lust und Sonnenschein erhalte, und war dann wieder ihrer Hantierung nachgegangen. Plötzlich erscheint ein Vertreter der Hermandad auf der Bildfläche und fordert die Mtltter auf, den Kinderwagen sofort fortzunehmen, da das Kind darin sich in einem das Schamgefühl verletzenden Zustande befinde. Beim Nachschauen ergab sich etwas Schreckliches. Das Kind hatte das Kiffen abgeworfen — und man verhülle sein Antlitz — strampelte nun mit seinen bloßen Beinchen vergnügt in der Luft herum I — Man kann auch den guten Willen übertreiben!
Briefkasten der Redaktion.
(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt).
34 jähriger Abonnent. Nack Artikel 11 der „Verfassung des Deutscken Reichs" vom 16. April 1870 steht das Präsidium des „zum Schutze des deutschen Bundesgebietes" zwischen den deutschen Fürsten geschlossenen „ewigen Bundes", dem Könige von Preußen zu, der den Namen Deutscher Kaiser führt. Die Bezeichnung „Kaiser von Deutschland" wurde vermieden, weil allen deutschen Staaten eine Sphäre eigener Herrschermacht, insbesondere ein Stück autonomer Gesetzgebung und Verwaltung verblieb. Auch hinsichtlich der staatlichen Aufgaben der Reichsgewalt beschränkt sich diese auf die Funktion der Beaufsichtigung und der Reichsgesetzgebung und überläßt die Verwaltung nach Maßgabe des Landesrechts den Einzelstaaten. Zur Trägerschast der Reichsgewalt ist nicht ein einzelner Fürst berufen. Das Deutsche Reich ist keine Monarchie, der deutsche Kaiser ist nicht Träger der Reichsgewalt, sondern diese Trägerschast besitzen sämtliche verbundenen deutschen Staaten, und der aus den Vertretern der deutschen Einzelstaaten gebildete Bundesrat ist das Organ, durch das die Reichsgewalt an und für sich ihren Willen äußert. Die kleine Schrift von Pros. E. Hubrick „Deutsches Fürstentum und deutsches Verfaffungsmesen" (bei B. G. Teubner in Leipzig) orientiert Sie am besten über diese Dinge. Wo die Wurzeln der neudeutschen Kaiserkraft liegen, darüber spricht erschöpfend D. Friedr. Naumann in seinem vortrefflichen Buche „Demokratie und Kaisertum" (3. Auflage 1904, Verlag der Hilfe in Schöneberg) im 3. Kapitel des 3. Abschnittes. — Eine frühere Anfrage ist uns nicht zugegangen. Sie hatten wohl auch das erste Mal falsch adressirt?
Hotel-Restaurant Kronprinz, Bad-Salzhauseu.
Billigster, bester Kur- und Sommeraufenthalt. Prosp. Gratis. 3924


