Nr. 176
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u.Stein- druckerei. 9t Lange. Redaktion, Ervedttioa imb Druckerei:
Schul st raße 7.
Redaktion esta 113
Verlag it.(Sgprh. «^^51 Adresse für D^oeschen: Anzeiger Vließen.
Erstes Blatt
156. Jahrgang
Montag 30. Juli 1906
Gießener Anzeiger
w General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
VezugSpretKr monatlich7bPf., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für bie Tagesnuuuner bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Psg.
Verantwortlich für den polit. unb allgern. Teil: P. Wittko; für »Stadt und Land^ und .Gerichtssaal": Ernst p e ß; für den Anzeigenteil: HanS Beck.
Are heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, 30. Juli 1906.
Die Stichwahl im Wahlkreise Hagen-Schwelm hat den Sieg des freisinnigen Bürgermeisters Cuno gebracht. Diese Wahl war von großer Bedeutung einmal deshalb, weil es sich um das Erbe Eugen Richters handelte, dann aber auch, weil nach den Wahlzwistigkeiten in Altena- Iserlohn Zweifel entstanden waren, ob die bei der Haupt- wahl ausgefallenen Parteien des Zentrums, der Nationalliberalen und Deutschsozialen dem Freisinnigen zum Siege über seinen sozialdemokratischen Gegner verhelfen würden. Es waren in diesem Wahlkreise noch kurz vor der Hauptwahl von selten des christlichsozialen Kandidaten Lic. Mumm recht seltsame Machenschaften in Szene gesetzt worden, die auf einen Zusammenschluß der übrigen bürgerlichen Parteien abz-ielten, um gleich von vornherein den Freisinnigen aus der Stichwahl zu verdrängen. Diese Jntrigue war darauf abgesehen, eine Verwirrung sondergleichen in den Wahlkampf zu bringen, ist dann aber wieder wcttgemacht worden durch die an die Christlichsozialen ausgegebene Parole, bei der Stichwahl für Cuno einzutreten. Daß sie sich aber überhaupt zu betätigen versuchte, ist kennzeichnend dafür, wie in manchen Köpfen sich zuweilen die Welt malt. Politische Vernunft, im Bündnis mit einsichtsvollem Weitblick, wie sie der größere Teil der Zentrumswähler gegen die Absichten der Zentrumslcitung, bewiesen hat, — diese Mahnung, die sich an alle bürgerlichen Parteien wendet, lehrt vor allem diese Wahl. Daß Altena-Iserlohn den Freisinnigen verloren ging, verschuldete ihr Mangel daran und an genügender Organisation. Wenn sie jetzt Hagen-Schwelm sich erhielten, so verdanken sie das der taktvollen Zurückhaltung Cunos in religiösen Dingen, die selbst das Zen- trurn zu Beginn des Wahlkampfes anerkannte, um allerdings späterhin gelegentlich auch einmal, wenn es ihm so besser paßte, das Gegenteil zu behaupten; ferner der ausgezeichneten Organisation, die sich über den ganzen Wahlkreis erstreckt; daneben aber auch der von politischer Klugheit diktierten Parole der anderen Parteien. Hoffentlich zieht man nun allenthalben auch anderwärts, und namentlich bei uns in Hessen, aus diesen Lehren die rechte Nutzanwendung. Dann käme das Erbe Eugen Richters dem gesamten Liberalismus wie dem großen deutschen Staatsbürgertum überhaupt zugute.
Eine neue Reichstagsersatzwahl ist auch für den Wahlkreis Hadersleben-Sonderburg erforderlich geworden, nachdem Abg. Jessen aus dem Leben geschieden ist. Der Wahlkreis ist der einzige, der bisher noch durch einen dänischen Protestler im Reichstage vertreten wurde; es erscheint im Hinblick auf die Zusammensetzung der dortigen Wählerschaft vorläufig nicht recht wahrscheinlich, daß in dieser Hinsicht bald eine Aenderung eintritt. Immerhin verdient Beachtung, daß in Nordschleswig neuerdings seitens der Behörden ein anderer Kurs eingeschlagen zu sein scheint; wenigstens ist in den letzten Tagen nachdrücklich betof*r worden, daß dort nicht nur eine mildere Behandlung der Dünen, sondern vor allem auch eine Regelung der Optantenfrage im Gange ist. Es erweckt den Anschein, daß der seit kurzem an die Spitze der Provinz Sachsen berufene bisherige schleswig-holsteinische Oberpräsüient Freiherr von Wilmowski mehr Verständnis und Takt als Herr v. Köller bekundet hat.
In der Kolonialverwaltung wird das „große Reinemachen" weiter fortgesetzt. In den letzten Tagen wurde wieder eine Reihe bedeutsamer Personalveränder-- ungen auf diesem Gebiete gemeldet. Geheimeräte gehen dahin und Offiziere. Soeben kommt aus Berlin die Meldung, daß gegen den Major Fischer ä la suite der Schutztruppe für Ostafrika und beim Oberkommando der Schutztruppe, Vorstand bei der Bekleidungsabteilung, wegen des Verdachts der Bestechung das amtliche Verfahren eingeleitet und er in Untersuchungshaft genommen worden ist. Fischer gehörte ehedem der alten Wißmann- Truppe an, nachdem er in sächsischen Diensten gestanden hatte, dazwischen auch einige Zeit inaktiv war. Die Beschuldigungen dürften sich in erster Reihe auf seine Beziehungen zu einer großen Berliner Lieferungs- s i r m a gründen. Der an die Spitze des Ober-Kommandos berufene Oberstleutnant Quao e scheint der große Reiniger zu werden.
Meldungen von neuen schweren Kümpfen in unserem Südwestafrika beweisen leider wieder einmal, daß wir von einer Pazifikation der Kolonie noch viel weiter entfernt sind, als man es offiziell ziigeben will. Dabei hat man keine Uebersicht über die gegenwärtige Kriegslage, da die amtlichen Stellen mit Mitteilungen über die Stärke und den Aufenthalt der noch kämpfenden Negerhaufen auffallend zurückhaltend sind. Dieser endlose Ausstand ist natürlich nicht dazu angetan, das Interesse des deutschen Volkes für seine Kolonien zu erhöhen, ebensowenig wie die hochnotpeinlichen Untersuchungen im Kolonialamt. Aber der Heldenmut und die Pflichttreue unserer Schutzttuppe in Deutsch-Südwestafrika, sonne die Energie, mit der man neuerdings bemüht ist, Mißstände auszurotten, müssen uns über die bedauerlichen Kinderkrankheiten der deutschen Kolonialpolitik hinwegtrösten.
Große und folgenschwere Dinge haben sich mit Beginn der vergangenen Woche in Rußland ereignet. Durch Ukas vom 21. Juli verfügte der besonders über die letzten Dumabeschlüsfe in der Agrarfrage arg verstimmte Zar die .Auslösung der Duma -und ordnete die Einberufung einer neuen Duma für den 5. März n. I. an. Der Auflösungsbeschluß kam der Duma und sogar dem bisherigen Ministerpräsidenten Goremykin überraschend. Goremykin tourde seines Postens enthoben und durch den bisherigen Minister
des Innern ersetzt. Um Unruhen niederzuhalten, hat man Truppen in großer Zahl in den am meisten gefährdet erscheinenden Städten zusammengezogen, Blätter Warden massenhaft unterdrückt und polttifch verdächtig scheinende Männer täglich in großer Zahl verhaftet; die Untersuchungen schreiten dabei weiter fort und fördern fortgesetzt neues Material zutage, aus dem der große Umfang der revolutionären Bewegung sich ergibt. Bis jetzt allerdings merkt man dabei noch nicht viel von der Tätigkeit der „Riesen des Gedankens und der Tat", die Zar Nikolaus' in bemerkenswerter Selbstentäußerung für erforderlich hält, um das große Werk der Gesundung des russischen Staatskörpers zu vollbringen, die nun einmal die Vorbedingung für eine glücklichere Zukunft des Reiches bildet. Die Duma beging ohne allen Ztoeifel gar sehr viele schwere Fehler dadurch, daß sie die Dinge allzu häufig geradezu aus den Kopf stellte, die Regierung über die Maßen beschimpfte und mit einem Radikalismus vorging, der in einem so kulturfernen und bildungsarmen Riesenreiche, das in einer konstttutionellen Versammlung überhaupt schwer unter einen Hut zu bringen ist, aller Staatsvernunft Hohn sprach. Sie versammelte sich nach chrer Auflösung als Rumpfparlament in Wiborg auf finnländischem Boden und ließ em in zahlreichen Extrablättern unter der Hand verbreitetes scharfes Manifest los, in dem in Kürze nochmals ihre hauptsächlichsten Forderungen aufgezähtt und die schiversten Anklagen gegen die Regierung erhoben werden. Das Manifest fordert das Volk auf, bis zur Berufung der Volksvertretung der Krone keine Kopeke und der Armee keinen Soldaten zu geben. Das Manifest geht von etwa zwei Dritteln der Dumamitglieder aus, die es fast einstimmig beschlossen, und ist ein schlagender Beweis dafür, daß Rußland noch lange nicht reis für ein parlamentarisches Regiment ist. Vorläufig herrscht eine verhältnismäßige Ruhe in Rußland: der Generalstreik ist bisher nicht ansgebrochen, da die Führer entweder verhaftet sind oder direkt abmahnen. Die Bauern aber stecken augenblicklich zumeist in der Ernte und müssen diese erst vorübergehen lassen, ehe sie sich lebhafter Polittsch betätigen, beginnen aber bereits Kampforganisationen zu gründen. Der augenblicklichen äußeren Ruhe ist aber keinesfalls zu trauen. Verschiedene weitere Meutereien unter den Land- und Seetruppen geben in dieser Hinsicht besonders zu denken. Zumal die Kosakenregimenter, sonst die gefügigsten WerHeuge in den Stäuben der ruff. Machthaber, erscheinen immer unzuverlässiger und erklären kategorisch, sich bei Unterdrücknngsmaßnahmen gegen das Volk nicht mehr beteiligen zu wollen. In Kronstadt, Pokrowskoje u. a. O. ist deswegen die Lage besonders bedrohlich, und in Vrest-Litowsk meuterten Artilleristen, töteten und verwundeten Offiziere und konnten schließlich erst mit Hilfe von Insanterietruppen bewältigt werden. In Verbindung damit steht die Verhaftung des Grodnoer Abg. Kondraschuk. Es sind bereits drei Abgeordnete verhaftet. Einem Ausfrager erklärte General Kaulbars in Odessa, daß die Polizei sich über den Ernst der Lage sowie über ihre Pflichten leider nicht genügend Rechenschaft ab- lege. Die Tunia habe gelogen, als sie die Behörden beschuldigte, die Pogrome angezettelt und unterstützt zu haben. Nun sei glücklicherweise die Quelle der Lüge und Verleumdung verstopft. Die Armee sei neutral und parteilos, der Wille des Zaren heilig. — Hoffentlich stimmt's!
In London tagte im Laufe der verwichenen Woche die interparlamentarische Ftiedenstonferenz. Der Realist wird wohlklingende Deklamationen vom ewigen Frieden nicht sehr gewichtig nehmen, ganz besonders nicht vom schlauen Briten, dem stets und ständig im Trüben Fischenden. Ebensowenig wie die deutsch-englische Journalistenverbrüderung hat diese Konferenz irgendwelchen praktischen Wert. Das am meisten hervortretende Moment war die Rede, mit der der englische Premierminister Campbell - Bannerman bie Konferenz begrüßte und in der er der russischen Ereignisse in einer Weise gedachte, die allenthalben geradezu Sensation hervorrief, nicht zum wenigsten aber in Rußland peinliche Erfindungen geweckt haben muß. Die Worte „Die Duma ist tot, es lebe die Duma!" verblüfften in der ganzen Welt und klangen weder staats- noch weltklug.
Die bedauerliche Erkrankung der Königin Wilhelmine von Holland zum dritten Male regte in Deutschland dazu an, die Frage gu erörtern, was da werden soll, wenn in absehbarer Zeit ein deutscher Fürst den holländischen Thron besteigt. Denn daß England ruhig zusehen würde, daß daS blühende niederländische Kolonialreich vollständig unter die wirtschaftliche und später vielleicht sogar politische Oberhoheit Deutschlands fomnit, ist kaum anzunehmen. Aber das ist ein Eventualität, die in weiter Ferne liegt. Die nächsten Thronerben sind z. Zt. in erster Reihe der verwittwete und kinderlose Großherzog von Weimar und dessen etwaige Nachkommen, weiterhin Prinz Albrecht von Preußen und dessen Söhne. Ob e§ angeht, diese als Thronerben durch Gesetz zu beseitigen und etwa den mecklenburgischen Prinzen Hendrik, den Gemahl der Königin, als Thronfolger auszurufen, steht dahin. Auf direkte Anfrage auf Schloß WilhelmStal wird mitgeteilt, daß am Hofe des Großherzogs von Sachsen- Weimar von einer in Verbindung mit der Thronfolge in Holland stattfindenden Reise des Großherzogs nach dem Haag nichts bekannt ist.
Die österreichisch-ungarische Monarchie hat mit der Eröffnung der Karawankenbahn seinem einzigen großen Seehandelshafen Triest sowie ganz Istrien mit den industriösen Orten Görz (von wo selbst wir Gießener vielfach unsere Kartoffeln erhalten), Pola und Rovigno eine neue Lebensader luactührL deren Bedeutung auch Deutsch
land berührt. Denn durch den zweiten Schienenstrang, welcher Istrien mit Mitteleuropa verbindet, wird nach und nach sicher ein Teil de§ überseeischen Exports nach Süddeutsch la n d von Genua n a ch Triest abgelenkt werden, da die neue österreichische Bahnlinie eine erhebliche Verkürzung der Entfernung zwischen Süddeutschland und dem mittelländischen Meere bedeutet. Den deutschen Hafenplätzcn wird Triest natürlich keine ernste wirtschaftliche Konkurrenz bereiten, sondern der deutsche Unternehmungsgeist wird von einem neuen Aufblühen des österreichischen Seehandelsemporiums nur profitieren können.
Durch den Tod des Dichters Ferdinand v. Saar wurde deffen Sitz im österreichischen Reichsrat erledigt. Als fein Nachfolger in dieser Würde wird der Volksschrifsteller Nosegger, der ehemalige Waldbauernbub und Schneidergeselle, dessen Werke, bei Staackmann in Leipzig erschienen, und unter ihnen namentlich den prächtigen Bauernroman „ Erdsegen", lüir unseren Lesern gar nicht warm genug zur Lektüre empfehlen können. In Baden wurde der treffliche Maler Hans Thomä Mitglied der Ersten Kammer; Hessen hat leider noch keinen Künstler oder Dichter im Parlament, Preußen natürlich erst recht nicht. Dort wäre etivas Aehnliches, zumal in der Aera Studt, ganz undenkbar, da verbietet man lieber die Lektüre moderner heimischer Schriftsteller, wie Hauptmann und Sudermann, den zukünftigen Lehrern.
politische Tagesschan.
Kaiser, Kanzler und Baltin.
Kandidaten für die höchsten Staatsämter, so lesen wir in einer Plauderei in der letzten Nummer der „Zukunft", werden in Deutschland nur auf einer dünnen Schicht gesucht. Wenn nicht der Zufall nachhilft; die Gnade, die ein Privat- mann vor dem Auge des Kaisers findet. Die Herren Ballin und Wiegand konntens erreichen. (Hubertusstock. Kaiser unb Kanzler haben Ballin von der Bahn abgeholt und, nach einem Spaziergang, in sein Junkerzimmer geleitet, wo nur ein Stuhl steht. Der Kaiser schwingt fich auf die Kommode. Der Kanzler setzt sich auf den Bettrand. Zwischen beiden Ballin auf dem Stuhl. Lebhaftes Gespräch. Nach einer Weile sagte der Kanzler: „Wenn uns Einer von der Presse so sähe, würde es gewiß heißen, Herr Ballin solle Minister werden.* Der Kaiser: „Oder Kanzler, lieber Bülow!) Wiegand konnte Buddes Nachfolger werden; wollte aber nicht. Sicher nicht nur, weil er in der Wilhelmstraße ohne die wichtige Mitarbeit des Herrn Plate auskommen müßte. Weil er als Leiter des Norddeutschen Lloyd freier ist, interessantere Arbeit und größere Gewinnmöglichkeit hat. Minister werden schlecht bezahlt und ihr Amt hat langst den Nimbus verloren. Merkwürdig, daß sich Männer, die übers Durch- schnittsmaß hinausragen, überhaupt noch dazu hergeben. Ein Manu von der Fähigkeit, dem praktischen Sinn und dem Fleiß RheinbabcnS hätte als Bankdirektor breiteren Raum zum Wirken und wäre nach ein paar Jahren Millionär. Was auch nicht zu verachten ist; weil es die Unabhängigkeit der Lebensführung verbürgt.
Kinder im Gefängnis.
Die amtliche „Berl. Korresp." gibt Kenntnis von einem nachahmenswerten Erlaß des preußischen Ministers des Innern von Beth mann-Hollweg, wodurch manche Schädigung der seelischen Entwickelung der Kinder verhütet wird. Sie schreibt:
„Nach § 1 des Gesetzes vom 33. April 1883 sind polizeiliche ©traiuetfügmigeu wegen Uebertretungen auch gegen Beschuldigte im Alter von 12 bis 18 Jahren zulässig. Bei Festsetzung der Geldstrafe hat die Polizeibehörde zugleich für den Fall des Unvermögens an ihre Stelle tretende Hast zu bestimmen. Jirsolgebessen ereignet es sich, das; jugendliche, noch dem Kindesalter angehörige Personen bei Unbeitreiblichkeit (sürchtettiches Wort! D. R.) der Geldstrafe selbst wegen geringfügiger Uebertretungen mit Haft bestraft und dadurch einer schweren moralischen Gefährdung auSgeseht werden. Um diesem Ucbelstande vorzubeugen, werden die Polizeibehörden in einem Erlaß des Ministers des Innern darauf hin- geiuiefcn, gegen jugendliche Uebertreter bei dem Fehlen erschwerender Umftänbe das Strafmaß so zu wählen, daß die Geldstrafe bezahlt und die Umwandlung in Haft vermieden werden kann. Zu dem gleichen Zweck werde, auch bei der Festsetzung höherer Geldstrafen, begründeten Anträgen jugendlicher Personen auf Gestattung ratenweiser Zahlung möglichst entgegenzukommen oder ihnen nahezu legen sein, solche Ratenzahlungen zu wählen."
Ferner sollen die Polizeibehörden erwägen, ob die Umstände eS gestatten, den Erlaß der Strafe im Gnadenwege vorzuschlagen. Und am Schluffe heißt eS:
„Der Minister spricht das Vertrauen aus, daß eS auf dem angegebenen Wege zu erreichen fein werde, diejenigen Fälle, in welchen jugendliche Personen unb insbesondere Schulkinder auf Grund polizeilicher Strafverfügungen den Gefängnissen zugeführt werden, für die Zuttmft möglichst ganz auszuschließen/
Dieser Erlaß ist gewiß sehr erfreulich. Er fällt aber noch dadurch auf, daß er am Gesetze eine sehr scharfe Kritik übt. Die Worte: „Die Jugendlichen werden mit Haft bestraft unb badurch einer schweren moralischen Gefährdung ausgesetzt", stellen es als etwas Selbstverständliches gar nicht mehr de§ Beweises Bedürftiges hin, daß die Verbüßung einer Freiheitsstrafe jugendliche Personen sittlich sehr gefährdet. Uns ist kein Fall bekannt, in welchem ein preuß. Minister ein bestehendes Gesetz so unerbittlich scharf kritisiert hätte. Und der Schlußsatz zeigt, daß der Minffter


