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L ZS. Jahrgang
Drittes Matt
Nr. 23
fcrfdjehrt tLgllch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siftzener LamttlenbliMer" werden dem e91nxeiqeT viermal wöchentlich beigelegt. Ter ^hessische Eanbrotr*** erscheint monatlich einmal.
Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulstr-A.
Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr.: Anzeiger Vtetz«,
Samstag 27. Januar 1906
Rotationsdruck und Verlag der Unioerstlälsdruckeret. R. Lange, Gieße».
General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen.
Keimarbeit.
Man schreibt uns aus Berlin:
Hier findet gegenwärtig eine Ausstellung die Beachtung des Publikums und erfreulicherweise auch die Beachtung hoch- gestellter Persönlichkeiten, die ein erschreckendes Bild von Jammer und Not, von Hunger und Elend im deutschen Reiche bietet. Eine Heimarbeit-Aus st ellung. Mit unendlicher Mühe ist hier zusammengetragen, was innerhalb der deutschen Grenzen an Heimarbeit geliefert wird; man findet Spitzen, Schnitzereien jeder Art, Konfektionßarbeilen, Stiefel, Weberein — was ,zu Hause* gemacht wird, ist hier aufgestapelt und jedes Stück ist mit einem amtlichen Ursprungszeugnis versehen, aus dem zu entnehmen ist, wo es angesertigt wurde, und wieviel der Anfertiger dabei pro Stunde verdient hat. Und diese Statistik spricht eine entsetzliche Sprache, die weit eindringlicher durch die Welt ha^en müßte, als das ge- svrochene und geschriebene Wort.
Wir finden hier Spitzen von geradezu künstlerischer Feinheit. Sie sind angefertigt im Erzgebirge und die Arbeiterin verdiente bei dieser Tätigkeit — V/2 Pfg. in der Stunde d. h. bei 13 stündiger Arbeit un Tag annähernd 20 Pfg. Diese Spitzen sind vielleicht dazu bestimmt, den Troussecm einer adligen Dame, einer Kommerzienratstochter zu zieren — wieviel Not, wieviel Hunger, wieviel Jammer klebt an dem zarten Gefüge! Denn man wird doch nicht annehmen wollen, daß ein Mensch mit 20 Pfg. Tagesverdienst sich satt essen kann. Ausgestellt sind ferner die Arbeiten von einer Konfektionsarbeiterin. Nachweislich verdienen diese Bedauernswerten pro Stunde durchschnittlich 6 Pfg., können also, wenn sie von früh fünf bis abends acht Uhr unausgesetzt arbeiten, 8 0 Pfg. verdienen. Davon sollen sie in Berlin leben, wohnen und sich kleiden! Ist es da nicht begreiflich, wenn diese Bedauernswerten, deren ganzes Leben doch nichts weiter ist, als ein fortgesetztes Hungern, dem Laster in die Arme fallen, nur um sich satt essen zu können?
Ein Oberammergauer Holzschnitzer verdient in der Stunde 7 bis 11 Pfg. Die Oberammergauer Schnitzereien sind weltberühmt, e§ gibt dort eigene Schnitzer- schulen, wie man weiß, in denen die Schnitzerei nach künstlerischen Gesichtspunkten gelehrt wird. Tagesverdienst unter günstigen Verhältnissen eine Mark. Da sind die Schuhmacher noch verhältnismäßig am besten daran, sie können bis zu 19 Pfg. in der Stunde verdienen, diese Glücklichen! Tie Statistik erstreckt sich hier natürlich nur auf den nachweislichen Arbeitsverdienst der Heimarbeiter; was Stickerinnen, Spitzenklöpplerinnnen asm. in jenen Orten verdienen, in denen die Arbeit nicht so geregelt ist wie in den eigentlichen Heimarbeitbezirken, daS kann man gar nicht schätzen. Jedenfalls nur ein klein wenig mehr als gar nichts. Das ist ein entsetzliches Kapitel aus dem Buche der Arbeit! Man wundert sich manchmal darüber, daß unter den Massen der unteren Volksschichten eine so furchtbare Verbitterung herrscht — ist das unter solchen Umständen nicht begreiflich? Es sind ja nicht einmal mehr Hungerlohne, die da gezahlt werden für angestrengteste Arbeit; es sind Verhungerlöhne! Und die Leute mit 60 Pfg. Tagesverdienst — bestenfalls! — sollen gute Patrioten sein, sollen die Institution des deutschen Reiches herrlich und liebenswert finden?
Es bedarf hier kaum der Worte, die Zahlen reden eine Sprache, die wahrhaftig laut genug ist! Hier muß elwas geschehen und zwar so bald als möglich. Hier hat der Staat die Pflicht einzugreifen, nicht nur das Recht, wenn er nicht selbst schuld daran sein will, daß das Wort von der Ver- elendung der Massen zur Wahrheit wird. Es muß ein Heimarbeitgesetz gefordert werden, und dazu ist es nötig, daß eine staatliche Enquete über die Heimarbeit sofort in Angriff genommen wird. Die private Ausstellung kann dafür vortreffliche Unterlagen geben, doch reichen diese kaum aus, um das
Elend in seinem ganzen Umfang erkennen zu lassen. Und wenn sich dann die Verhältnisse so Herausstellen, wie die Ausstellung das erkennen läßt, muß unverzüglich die gesetzgeberische Arbeit begonnen werden.
Die Fabrik ist gewiß nicht der Inbegriff alles Guten, aber in den Fabriken verdienen die Leute doch wenigstens ihren Lebensunterhalt bei vernünftiger Arbeitszeit, was bei der Heimarbeit nicht der Fall ist. Während die armen Heimarbeiterinnen im Tag 60 Pfg. und weniger verdienen, stellen die Konfektionäre in Berlin das größte Kontingent zu den Spielerkreisen, leben in Saus und Braus von dem, was ihre Arbeiterinnen ihnen erhungern. So züchtet man Sozialdemokraten, so treibt man die weibliche Jugend der Prostitution in die Arme. Da muß der Staat mit der Geißel kommen, wenn er nicht zusehen will, wie ein großer Teil der deutschen Bevölkerung dem Hungertod entgegengetrieben wird und dabei auch sittlich zu Grunde geht!
Ein Wort aber auch an unsere Frauen und Mädchen auS den Mittelständen! Es ist eine alt- eingebürgerte Gepflogenheit, daß die Frauen, die mit einem kleinen Budget zu rechnen haben, oder doch glauben, rechnen zu müssen, Stickereien und dergleichen für Kaufhäuser zu Spottpreisen liefern, um sich ein kleines Taschen- und Nadelgeld zu verdienen. „Bloß um die Zeit tot zu schlagen", wie man dann beschönigend sagt. Wissen diese Frauen, daß sie mit solcher Arbeit den Aermsten unter den Armen das trockene Brot wegnehrnen? Ist es ihnen bekannt, daß sie es auch zum großen Teile sind, die diese furchtbaren Zustände mit schaffen geholfen haben? -Daß jede Mark, die sie auf solche Weise verdienen, den hungernden und frieren» den Arbeiterinnen doppelt entzogen wird? An jedem Groschen, den der Händler den Frauen zahlt, klebt der Jammer jener, denen er entzogen wurde, jener, die sich die Finger blutig arbeiten, um nur Brot kaufen zu können. Die Frauen aus dem Mittelstand sind es, die zum guten Teil die Preise derart gedrückt haben — die Ziffern, die wir oben genannt haben, sind eine schwere Anklage auch für sie. Deutsche Frau, hast du wirklich das Herz, auch in Zukunft deinen beklagenswerten Schwestern das Brot zu nehmen?
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 27. Januar 1906.
** Feuerbestattung. Es gibt Streitpunkte des öffentlichen Lebens, die sofort auf ein objektives Gebiet treten, wenn sie einseitig unter kommunalpolitischem Gesichtswinkel betrachtet werden. Zu ihnen gehört die Frage der Feuerbestattung, die unter einem ganz neuen Lichte erscheint, wenn sie in ihren Beziehungen zu den Städten erörtert wird. Bekanntlich hat das Fnedhofswesen in Deutschland aus Gründen der öffentlichen Hygiene in den größeren Städten die Tendenz, sich zu kommunalisieren. In einzelnen außerdeutschen Städten, wie in Zürich, sind sogar sämtliche Bestattungskosten auf das Gemeindebudget übernommen. Tie Beschaffung geeigneten Friedhofgeländes für die Erdbestattung ist Sache der Gemeinde. Dieser fällt die Geländebeschaffung sehr schwer. Sie ist meistens mit ungeheuren Kosten verknüpft. Auch hier bei uns in Gießen legte man den neuen Friedhof weit vor die Stadt hinaus, ein Umstand, der für die Bürgerschaft die größten Unannehmlichkeiten und Kosten verursacht und das Trauergeleile zusammenschmelzen läßt. Auch Gräberbesuch und Gräberpflege leiden sehr unter der Friedhvfs- entfernung. Es ist begreiflich, daß sich da die Augen der Feuerbestattling zuwenden, die in Verbindung mit Urnenhallen und Urnenhainen tatsächlich geeignet erscheint, mir einem Schlage dem jetzigen BestattungSwesen seine Härten zu nehmen, ohne daß denjenigen, die an der Erdbestattung festhalten, zu nahe getreten wird. Zu erstreben wäre, auch bei uns, daß ein Krematorium mit Andachtsraum leicht erreichbar angelegt werde, und daß auch Urnenhaus und Urnen-
Hain möglichst in der Stadt bleiben, zumal dafür verhältnismäßig wenig Raum gebraucht wird. In Frankfurt a. M. errichtete man z. B. auf dem kommunalen Friedhöfe übet dem Raume von fünf Grabstellcn ein Denkmal zur Aufnahme von 100 Aschenurnen. Das bedeutet eine 20fach.' Raumersparnis. Dazu kommt die allgemeine Verbilligung des gesamten Bestattungswesens und die Vereinfachung der Begleitung der Leidtragenden. Es würde zu weit führen, eine genaue ziffernmäßige Aufrechnung hierüber zu geben, Die, allgemeinen Ausführungen reden für sich deutlich genug. Daher ist es vom kommunalen Standpunkte aus nur erwünscht, wenn den Bestrebilngen der Feuerbestattungsfreunde seitens der städtischen Körperschaften nichts in den Weg gelegt wird.
§ Großen-Buseck, 25. Jan. DaS gemeinschaftliche Sänger fest der Gesangvereine Sängerkranz und Eintracht, das in der gestrigen Nummer angekündigt wurde, findet am 1. und 2. Juli statt.
T a r m st a d t, 26. Jan. Den P r u f un q s t o m m i s s - o n c it far die Prüfung der Aspiranten zum Staaisdienst i m ..'c c b i - 31 n a 11 a d) u n b im Beteri närfach in Tarmstabt gehören iür das Jahr 1906 an als Borsitzenber: Ministerialrat Wel'.r, Vorsitzender der 9)hnifterialabtciüinq für öffentliche Gesundhei' pflege; als Mitglieder: a) für die Prüfung un Medizinal'acb: i.-:e Geh. Obermebizmalraie Tr. Neibhardt und Dr. Hauser, £)U :• mebizinalrat Prost Dr. Heyl, Mebizinalrat Tr. Bieberbach, Tilgst, r ber ^andesirrenanstalt bei Heppenheim, und Kreisarzt Medizinal- rat Tr. 2ehr in Darmstadt; b) für die Prü'ung im Beterinäriach : Geh. Obermedizinalrat Dr. Hauser, Lbermedizinalrat und Land gestütoveterinararzt Professor Tr. Lorenz, Lbermedizinalrat Professor Dr. Heyl, Cchlachthoidiretior Tr. Garth in Darmstadt und Kreisveterinärarzt Peterinärarzt Tr. Schneider in Lsfcnbach.
d. Akainz, 26. Jan. Nächsten Montag feiert Landgerichtsdirektor Tr. Bocken he im er, der auch Ehrenpräsident des Mainzer Journalisten- und Schriftstellervereinl ist, das Fest des 40jährigen Dienstjubiläums. Der Jubilar hat gebeten, von jeder offiziellen Feier Abstand zn nehmen und man hat sich seinem Wunsche gefügt, jumai das am 2. Dezember 1906 stattfindende 50jährige Doktor - jubiläum Gelegenheit gegeben wird, dem hochverdienten Manne den Ausdruck der Wertschätzung weitester Kreise zu übermitteln. Nur an dieser Stelle fei seiner mit herzlichen Worten der Anerkennung auch heute schon gedacht. Wenn Direktor Bockenheimer jede Feier seinerseits ablehnte, so hat er selbst seiner Vaterstadt ein Geschenk gebracht, indem gerade am Jubiläumstage eine der Stadt Mainz gewidmete Schrift über .Mainz in den Jahren 1848 und 1849" erscheinen wird, die als eine der wertvollsten Bereicherungen unserer historischen ßifteratur bezeichnet werden kann.
L'e i p z i g , 25. Jan. In dem P o in in c r n b a n k p r o z e ß ernannte bas Reichsgericht auf Verwerfung der Revision der Angcllagicn soivie des Staaisanwalts. Tas Reichsgericht sd)loß sich im allgemeinen der Begründung des Reichsanmalls an.
Paris, 25. Jan. Der Zucker-Industrielle I a 1 u 5 o t wurde zu einer.r Jahr Gefängnis verurteilt.
Brüssel, 25. Jan. Heute itrurbc das Urteil des Zivil- Gerichtshofes im Prozeß ro-egen der, Erbschaft der Königin Henriette gesprochen. Des erste Urteil, welches die Kläger, also die Kinder des Königs, mit ihren Ansprüchen ab weist, wurde bestätigt.
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Stimmung.
Wird irgendwo ein Fest begangen, sei es welcher Art es wolle, so soll auch die nötige Stimmung nicht fehlen. Dem leichtlebigen Südländer ist sie sozusagen angeboren, der ernsthafte Deutsche muss sie sich in der Regel erst erzeugen. Hierin ist wohl — äusser dem Bestreben, den Gästen etwas Exquisites zu bieten — hauptsächlich der Grund zu suchen, dass wir bei Verlobungen, Hochzeiten, Jubiläen etc. dem unentbehrlichen Sect begegnen. Ihm ist nun einmal die Eigenschaft, Stimmung hervorzurufen, besonders eigen. Selbstverständlich: Je besser der Sect, desto besser die Stimmung. Als die vortrefflichste Marke ist jederzeit „Kupferberg Gold“ angesehen worden und muss auch heute dafür gelten. Die gediegene Qualität, der herrliche Geschmack und die hei vorragende Bekömmlichkeit haben ,Kupierteig Gold“ den ersten Platz unter den bekannteren Sectmarken angewiesen. M’/1


