Ausgabe 
27.10.1906 Erstes Blatt
 
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große Sache" mit Soldaten am leichtester: zu machen sei, daran habe er nie gezweifelt. Mit einer Uni­form ausgerüstet und auf eine Militär. Macht gestützt, mache er alles, auch noch mit ganz anderen Leuten als dem Bürger m ei st er und Haupt­lassenrendanten von Köpenick. Uebrigens habe er Köpenick nie vorher in seinem Leben gesehen.

Er habe sich nach nur ganz kurzem Aufenthalt auf dem Bahnhof auf freiem Fcldeumgezogen und sei schon um 10 Uhr abends wieder zu Hause gewesen. Die Uniform habe er sich auf dem Schießstande in der Jung­fernheide, ebenfalls unter freiem Himmel, ungezogen. Seinen Zivilanzug habe er dabei opfern müssen. Deshalb sei er auch gezwungen gewesen, sich gleich nach der Tat einen neuen zu kaufen.

Karpelcs drängte zunächst, daß er sich melden lassen sollte, Voigt wandte jedoch ein, daß er in Nixdorf noch ge­meldet sei. Sich noch einmal zu melden, sei auch deshalb überflüssig, weil er sich demnächst verheiraten wolle. Seine Geliebte Niemer stellte er dann auch als seine Braut vor, als sie ihn am Montag besuchte. Karpcles will seinen Mieter, der seine Stube mit einem gewissen Burckhardt teilte, nie in Uniform oder mit einzelnen Militärbekleidungs­stücken gesehen haben. Als der Handstreich bekannt wurde, las Karpeles abends die Zeitung vor und bemerkte, der Mann, dem das gelungen sei, müsse eine Prämie bekommen. Voigt hörte ganz gleichgültig zu, als ob ihn die ganze Ge­schichte nichts anginge. Auch später benahm sich derHaupt­mann" nie ausfallend und verdächtig. Darüber, das; er nicht arbeitete, verstand Voigt seine Wirtsleute durch allerlei Vorspiegelungen zu täuschen.

Seine Schwester erklärte: Es sei ihr ausgefallen, daß ihr Bruder sich etwa Mittwoch oder Donnerstag voriger Woche den grauen Bart, den er trug, abüehmcn ließ. Von Unisormeinkäufen oder dergleichen hatte sie keine Ahn­ung. Das Abnehmen des Bartes begründete er damit, daß er zu alt aussehe und er möchte doch etwas jünger erscheinen, zunial er sich verheiraten wolle.

Die Kunde von der Festnahme des falschen Hauptmanns rief großes Aufsehen hervor. Im Polizeipräsidium waren alle Flure von Leuten angefüllt, die den Hauptmann sehen wollten. Die Schutzmannschaft der Neservewache mußte her­angezogen werden, um Ordnung zu. schaffen. Nach dem ersten "Verhör wurde Voigt in Uniform und Zivil für das Verbrecher -Album photographiert.

In einer Sitzung der Stadtveroroneten-Ver- sammlung von Köpenick am Freitag nahm Bürger­meister Dr. LangerHans seine Amtsniederlegung wieder zurück und gab eine Darstellung der Vorgänge bei dem Kassenraube, wobei er betonte, er habe angenom­men, einen G e i st e s kr a n k e n vor sich zu haben. Tie Ver­sammlung nahm die Ausführungen des Bürgermeisters mit lautem Beisalle auf.

Daß auch die sozialdcm. Stadtverordneten Köpenicks ihrem Bürgermeister ein Vertrauens­votum erteilt haben, wird ihnen wahrscheinlich schlecht bekommen. Einer Volksversammlung wurde eine Erklärung vorgelegt, derzusolge die Versammlung mit der Haltung der sozialdemokratischen Stadtverordneten in der Angelegen­heit des Stadtkassenraubes einverstanden sei und ihnen ihr Vertrauen ausspreche. Dieser Llbsatz wurde bei der Ab­stimmung ab gelehnt. Der Führer der Fraktion der Stadtverordneten erklärte daraus, daß er und seine Freunde aus dieser Abstimmung die nötigen Konsequenzen ziehen würden. Man solle, wenn man Mißtrauen hege, sich bessere Vertreter wählen. (Siehe auch 2. Blatt.)

Landet und Verkehr, VoLkswirt?ehatt.

Zur Geldfrage. In einer längeren Abhandlung über Geldspannung und Geldumlauf kommt die F. Z. zu dem Schluß, daß in Deutschland inbezug auf geordnetes Geldwesen noch manches geschehen kann, um für den Geld­umlauf Verbesserungen herbeizuführen. Das ist von hoher Bedeutung für alle am Verkehr beteiligten Kreise: für den Handel, die Industrie und die Landwirtschaft, auf die jede Pressung im Geldmärkte belastend und belästigend wirkt; für bie Kreditbanken, die Hypothekeninsiitute und die Börse, denen solche Zeiten die Tätigkeit unterbinden; für die Reichsbank und für deren Ausgaben in der Regel­ung des ^Geldumlaufs und in der Kreditgewährung; nicht

am wenigsten auch für die Staatsfonds, die unter teurem und knappem Geldstaude besonders empfindlich leiden; sodaß darin alle diese Interessenten einmütig und ener­gisch zusammenwirken' sollten.

Preußische Konsols. Einer Berliner Meldung zufolge sind in den letzten Tagen größere Beträge Zh^proz. preußischer Konsols für englische Rechnung angebracht worden, die dort angeblich in festem Besitz bleiben sollen. Es dürfte sich bei diesem Ankauf um einige Millionen Mark handeln.

Amerikanische Ausfuhr von L e b e n s m i t- teln. Die Ausfuhr von Schlachtvieh, Fleisch und Molkerei- Waren hat in den ersten neun Monaten dieses Jahres beträchtlich zugenommen. Der Ausfuhrwert ist um 24i/2 Mill. Dollar gegen das Vorjahr gestiegen. Die Zunahme erstreckt sich auf alle Warengattungen, ausgenommen Büchsenfleisch, dessen Ausfuhrwert um 40 Proz. zurück­gegangen ist, natürlich infolge der bekannten Enthüllungen. Am größten ist die Zunahme für Schweinefleisch. Die Ausfuhr von geräuchertem Speck allein hat um rund 10 Millionen Dollar zugenommen.

Stahlwerk Hösch und die Bergarbeiter- bewegung. In der ordentlichen Jahresversammlung, in der der Abschluß seine Genehmigung fand, wurde vom Vorsitzenden betont, daß irgendwelche Anzeichen für eine Aenderuug der Lage des Eiscnmarktes sich nicht erkennen lassen. Ob die unter den Bergarbeitern gegenwärtig um­gehende Lohnbewegung in ihrem weiteren Verlauf das Jahresergebnis beeinflussen werde, bleibt abzuwarten. Nach dem Streik von 1905 haben die Arbeiter höhere Löhne erhalten und eine allmähliche erhebliche Steigerung wurde fortgesetzt. Sollte dennoch ein Ausstand eintreten, so würde allerdings der gesamte Belei h der Gesellschaft in hohem Maße beeinträchtigt werden, da eine Stillegung auch der Hüttenbetriebe für voraussichtlich lange Zett dann nicht zu vermeiden wäre.

Von der Berliner Börse. Die schwachen New- horkcr Schlußnotierungen wirkten deprimierend auf das Geschäft. Auch kamen Nachrichten von einer Lohnbewegung unter einem Teil der amerikanischen Eisenbahnarbeiter. Im weiteren Verlauf besserte sich die Tendenz etwas auf den leichteren Geldstand und den letzten guten Bericht des Jron Monger. Den Streikbefürchtungen wurde wieder weniger Gewicht beigelegt, sodaß sich schließlich Baltimore von 119 bis 120 erholen konnten. Von vornherein fest lagen Russen bei lebhaftem Geschäft. Banken waren still, Handelsanteile weiterhin kräftig erholt. Deutsch-Luxem­burger weiter etwas gebessert bis 196,50. Auch Kaliwerte haben sich wieder etwas erholt und so ist die Grundtendenz zwar matt, doch nicht schwach zu nennen. Privatdiskont 4% Prozent.

«AerZchtsscrcrk.

Gießen, 26. Okt. Wir erhalten folgende Zuschrift:

Zu Ihrem Bericht über die Strafkammerverhandlung vom 23. Isd. Mts. gegen den Architekten I. St. in Gießen, wegen Steuerhinterziehung ersuche ich Sie als Verteidiger des An­geklagten in der nächsten Nummer Ihres Blattes gefälligst ergänzend bemerken zu wollen, das; eine ganze Reihe mit Gcländc- svekulation befaßter Zeugen bekundet haben, daß auch ihnen von einer Cteuervflicht hinsichtlich des Spekulationsgewinnes als eines unsixierten Einkommenbetrags nichts bekannt war und sie diesen Gewinn nicht oder mir auf besondere Anforderung ent­sprechend deklariert haben. Herr I. St. verneint nach wie vor, daß er einer vorsätzlichen Htcuerhinterzichung sich schuldig gemacht habe.

Hochachtungsvoll und ergebenstl

für die Rechtsanwälte Grünewald, Leun und Fischer: Fische r, Rechtsanwalt.

£anOwirtfcbaft.

X Aus dem Vogelsberg, 26. Okt. Das wundervolle Herbstwetter hat die Feldbe st eil ungsar beiten außer­ordentlich gefordert, die Wintersaat ist unter den günstigsten Be­dingungen bewerkstelligt worden. Gute Aussaat ist aber die ur­sächliche Forderung einer guten nächstjährigen Ernte. Tie letzten Feldsrücbte, cs sind Kohl, Wirsing und Kohlrabi, haben ein ungleich besseres Ergebis geliefert, als die Kartoffeln. Namentlich ist der Weißkohl vortrefflich gediehen. Tie reichen Futtervorräte, die treffliche Getreideernte, die reichlich gediehenen übrigen landwirt­schaftlichen Erzeugnisse im Verein mit einer ungewöhnlichen Zwctschcn- ernte stempeln unfern jetzigen Jahrgang zu einem reich gesegneten.

Märkte.

§Rlipvertenrod, 25. Okt. Nuferen heutigen Herbst« markt begleitete weniger gutes Wetter als man nach dem seit­herigen Verlauf des Herbstes erwarten durfte, ein recht herbstliches Wetter hatte sich eingestellt und beeinträchtigte immerhin den Ver­lauf des Marktes. Ter Viehmarkt zeigte eine starke Auffahrt an Jungschweinen in der Zahl von 705 Stück. Ter Handel ging indessen weniger flott, da das Angebot die Nachfrage so stark übertraf, daß nicht sämtliche Stücke verkauft wurden. Wiewohl die Preise noch als hoch angesehen iverdeii müssen, machte sich doch eine Rückwärtsbcivegnng der seither abnorm hohen Preise bemerkbar. Bezahlt wurde für das Paar Jungfcbweine erster Güte 5558 GO Mark, zweiter 455054 Mark, dritter 354042 Mark. Im Durchschnitt darf der Preisabschlag mit 10 Mark pro Paar be­rechnet iverden. Tie Ueberzücht an Ferkeln im Vereine mit dem minder guten Ausfall der Kartoffelernte sind hier die treibenden Faktoren, nicht der inzwischen erfolgte Rückgang der Preise sür die '-'u Schweine.

Avefng m den Ktsvkrgkmsgrmstkru drr Gleisen.

Aufgebote.

Okt. 20. Ludwig Kattrein, Rentner, mit Hermine Gerndt, beide dahier. 22. Natanael Ngoso, Laborant im Braunslein- bergwerk, mit Katharine Amalie Klappert dahier. Wilhelm Wagner, Vahnarbeiter in Leihgestern, mit Marie Cchmciudt in Steinberg. 23. Ludwig Becker, Schlosser dahier, mit Mathilde Senn in Haarbnu'en. Karl Kircher, Stalionsgehilie in Rödel­heim, mit Elisa bet he Jung dahier. 25. Artur Münch, Bureau- voistcher dahier, mit Katharine Thiel Hierselbst. 26. Ludwig Rosenbaum, Schreiner dahier, mit Anna Wagner Hierselbst. Ludwig KäS, Installateur dahier, mit Luise Schneider hierselbst.

Eheschließuuiren.

Okt. 20. Wilhelm Rink, Schneider dahier, mit Luise Laval hierselbst. Johann Reinhardt, Kaufmann dahier, mit Minna Valentin hierselbst. Otto Feldner, vrakt. Arzt in Göttingen, mit Elisabethe Schmidt dahier. 23. Karl Quast, Telegraphist in Bruche, mit Margarete Grämlich dahier. 24. Christian Pfaff, Oberpostschassner dahier, mit Marie Elisabeth Wagner, geb. Tietzel in Frankfurt a. M.

Geborene.

Okt. 15. Tcm Kaufmann Jakob Maternus ein Sohn Karl Hermann. 16. Tein Taglohuer Otto Rausch eme Tochter Elise. 17. Tcm Fuhrmann Konrad Balser eine Tochter Anna. 19. Tcm Kaufmann Wilhelm Eidmann ein Cohn Otto Karl Heinrich. Tcm Chemiker Tr. Wilhelm Orch eilte Tochter Emilie. 21. Tem Lokomotivflihrer Johann Liidwig Wilhelm Pohl eine Tochter Paula Ida. 22. Tem Rolationsmaschiuenmeister Eduard Josef Müller ein Sohn Friedrich Wilhelm Jose?.

Gestorbene.

Okt. 19. Friedrich Simon, 7 Tage, Ludwigstr. 30. 20. Karoline Weber, 59 Jahre, Wäscherin, Caiidgasse 23. 22. Marie Karoline Heppert, geb. Bratm, 55 Jahre, Friedrirhstr. 6. Otto Schreiber, 82 Jabre, ReclmnngSrat i. P., Astyrweg 40. 23. Christine Henkel, geb. Fink, 69 Jahre, Tammstr. 4. Peter Minke, 41 Jahre, Wirt, Walltorstr. 28. 25. Margarete Funk, geb. Bechtold, 30 Jahre, Bahnhofstr. 24.

FamUrett-Ncrchrrchten.

Der m ä h l t c. Herr Wilhelm Persch, mit Fran Paula Persch, geb. Weltersbach, Mainz.

Geborene. Herrn Alex Lewy und Fran, geb. Mayer, Friedberg, eine Tochter. Herrn Willy Stern und Frau, Friedberg, einen Sohn. Herrn Maxim. Wicdling und Frau Rosa, geb. Gotthardt, Weylar, eine Tochter.

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vorbrechen. Und dann wäre auch noch manche? Eckige und Steife zu überwinden. Aber immerhin alle Achtung vor dieser sehr respektabeln, klug und energisch ausgestaltetcn Bühnenleistung!

In der Nolle der Gräfin Rutland bot Frl. Donccker recht Schönes. Für die rührende Zartheit, die in dieser Bühnengestalt wohnt, zeigte Frl. D. volles Gefühl. Ihr Organ freilich besitzt ja ein weniges an Herbheit und, man könnte wohl sagen: Altllugheit, das zu solchem kindlich- knospenhaftcn Wesen nicht durchaus passen will. Dafür aber brachte sie andere wertvolle Einsätze für das Gelingen dieser Nolle, einen feinen und klugen Sinn, und so kamen denn voll die leidenschaftlichen Momente zur Wirkung, und das Empfinden des Glückes wie der Verzweiflung schien der Künstlerin nicht nur auf den Lippen zu liegen; man hatte das Gefühl, als durch- bebte es ihr ganzes Wesen. Der Wahsinnszene wohnte ich nicht mehr bei.

In festem Sattel saß, wie stets, auch gestern Herr Goll als Raleigh. Er verstand es in der berühmten Mustern nachgebildeten Erzählung des Straßenkampfes seine im ganzen wenig dankbare Partie aufs beste zu verwerten. In der kleinen, aber bedentsamen Nolle des Southampton entwickelte Herr Kober viel jugendliches Feuer. Die ebenfalls wenig bedeutsame Nolle der Lady Nottingham gab Frau Bayr- Hammer geschickt, wenn auch, was bei der geringen Hilfe des Autors äußerst schwierig ist, ohne besonders feste Um- risie und ohne rechte Eigenart. In der Nolle deS alten Haus­hofmeisters zeigte Herr Neimer wieder seine vollwertige komische Kraft.

Was die szenischen Bilder anbetrifft, so müssen wir unsere Hoffnung unentwegt auf das neue Haus setzen. Das ästhetische Spartanertum, das unsere Bühne uns zeigte, ent­sprach weit weniger dem Charakter der jungfräulichen Königin, als dem Heinrich Laube's, der bekanntich sehr geringen Wert auf die rein szenischen Künste legte. Tie kostümette Aus­stattung ließ nichts zu wünschen übrig. P. W.

Drama und Weltanschauung. In einer nuten Vorrede zu seinem soeben im Verlage der Concordia VorlagS- anstatt (Hermann Ehbock in Berlin W. 50) erschienenen Shake­speare-Brevier, dem er dcn Ti:cl gegeben hatAlso sprach Shakespeare", schreibt Rudolf P res der:Also sprach Shakespeare" man wird mir mit überlegenem Hohn

entgcgcnhalten: Weißt du nicbt, daß ein echter Dramatiker sich selten oder nie mit seinen Personen identifiziert? Daß cs seine höchste Tugend erfordert, objektiv zu bleiben, die Rede des Schufts und des Dümmlings, des Ehrgeizigen und des Schwächlings mit gleicher Treue wicdcrzugebeu und nicht anders Partei zu nehmen als durch das tragische Schicksal? Ahnst du nicht, daß es eine sinnlose Torheit oder ein listiger Betrug ist, als Wort und Meinung eines Tramendichters zu zitieren, was er doch nur einer seiner Gestalten, die er weder liebt noch haßt, die er mir mit seines Geistes Auge sieht, in den lebendigen Mund legt? Weißt du nicht, daß e? eine Lächerlichkeit ist, zu behaupten, Shakespeare selbst habe über die Ehre wie seine Volumia gedacht, über den Weg zur Größe wie seine Lady Macbeth geurteilt, über die Freund­schaft, wie sein dritter Ricbard, über die Dankbarkeit wie sein Timon von Athen? . . . Ich weiß, ich weiß. Aber ganz ab­gesehen davon, daß der Dichter in seltenen Fällen (wie im Hamlet) doch einmal eine besonders geliebte Figur zum heimlichen Träger eigener Tugenden, zum gewandten Sprecher eigener Gedanken seines Bittners macht, blitzt durch die Weisheit und Rede vieler seiner Gestalten immer wieder, versteckt und doch sindbar, ein Wescnszug ihres Schöpfers durch. Auch ift ein Bösewicht nicht zu allen Zeiten ein finsterer Präger böser, tückischer Worte, ein Fant nicht immer frivoler Künder des Leichtsinns und der Lüstern­heit. Seine spürende List kann den einen zwingen, gütige Klugheit zu heucheln; und so bringt er im unreinen Gefäß doch wieder den edlen Trank aus unvergifteter Ouefle der Güte, der Weisheit und der Menschenliebe. Eine Stunde der Einkehr kann den anderen zwingen, just weil ihm seine Begierden so lange durch Sumpf und Niedrigkeit gezogen, uns ein wunderreiches Wort über das Er- babcndste nnd Reinste zu schenken. Und so redet doch ans Fant Bösewicht der Dichter, der, um ein Goethesches Wort zu wenden, ein Svürehen von ihnen oflen in der eigenen Brust finden muß, um bilden zu können, was er bildet . . ."

Gerhart Hauptmanns neueS Drama. Vor Wochen konnte gemeldet werden, daß anfangs 1907 im Berliner Lessingthcatcr ein neues Stück Gerhart Hauptmanns nusgeführt werde, dessen Titelöl ab viel S ch i l l i n g s F l u ch t" lautete. Nunmehr hat der Dichter diese? Stück, da? in Hiddensee spielt, zurückgezogen undDie Jungfrauen von B i f ch o f s b c r g" zur Aufführung bestimmt, eine Dichtung, die nach seinen eigenen Worten nur mehr für seine Sehreibtiichselmblade bestimmt sein sollte.Tie Jungfrauen von Viscbofsbcrg" sind ein modernes Gesellschaftslustspiel, das aus einem Schloß Bischofsberg spielt.

Im April nächsten Jahres wird das gesamle aus etwa 200 Personen bestehende O p e r n - P c r s o n a l d e s T h e a t c r s von M o n t e Earlo im königl. Opernhanse zu Berlin an sieben Abenden auftreten. Tie etwa 400 000 Francs betragenden ?l il s g a b e n ivird der Fürst von Monaco tragen. Tagcgcn sind die Einnahmen dem Kaiser, der die VorsteÜnngen besuchen wird, für deutsche Wohltätigkeits-Anstalten zur Versügilng gestellt.

. Leopold v. Sacher-MasochsPolnische Geschichte n" erschienen unlängst in der Schles. Verlags- anstatt zu Breslau in neuer Auflage. . Es ist dies eine Sammlung harmloserer Novellen, zumeist auf historischer Grundlage ruhend, des bekannten, zu sinnlicher Ausschweif­ung geneigten galizischen Novellisten, der einst als Lem­berger Universitäts-Dozent, glänzend bcanlagt, einer be­deutenden Zukunft entgegenzugchen schien, aber bald seinen perversen Gelüsten derartig verfiel, daß er sich seine wissen­schaftliche Laufbahn völlig verdarb und auf einem wüsten Seitenpfade der Literalllr in die Irre geriet. Er ist be­kanntlich im Jahre 1895 in Lindheim bei Büdingen gestorben, wo seine zweite Frau noch heute lebt. Seine erste Frau, die später den üblen Germano- phoben Nosenchal-St. Ehr heiratete, um sich bald auch von diesem zu trennen, hat in ihrer kürzlich herausgegebenen Lebensbeichte ihm noch im Tode viel Unreines nachgesagt. Während in den meisten seiner sonstigen Schriften Sachcr- Masoch seiner üppigen, für das grausam Wollüstige ge­stimmten Phantasie die Zügel schießen laßt, sodaß der berühmte Psychiater v. Krafft-Ebing eine bestimmte per­verse Veranlagung nach ihm alsMasochismus" bezeichnen konnte, ist er in diesen mehr kulturhistorischen Novellen erheblich zahmer, aber doch auch farbenreich und aben­teuerlich. Sein Talent sür phantasievolle Stimmungs- macherei, z. B. für Nacht- und Mondstücke, die in ihren besten Szenen von weitem Ehopinsche Töne in uns wohl erklingen lassen, ^eigt sick) hier weit weniger pikant als sonst, aber auch weniger absonderlich, weniger abstoßend, und ihre warmatmende Atmosphäre wirkt nicht unan­genehm auf unsere Nerven, wenn auch manche Unwahrschein- lichkeiten, manches Ungleiche in der .Haltung, manches Flüchtige allzu schnelles Schaffen verrät.o.

Märchen aus Ostpreußen von Karl Friedr. Baltus. (Kommissionsverlag von L. Eloos in Nidda.) In dem uns vorliegenden Bändchen erzählt der Verfasser, von dem uns der Verleger mitteilt, cs sei cm in Gießen lebender Gelehrter, der lange Jahre in Ostpreußen tätig war und sich unter einem Pseudonym verbirgt, eine Anzahl recht netter kurzer Märchen. Kinder und Erwachsene werden sich daran erfreuen. Tie Sprache ist schlicht nnd ungekünstelt, die den Märchen zi'.grunde liegenden Ideen nicht ohne erzieherische Tendenz.

Dzierzon f. Der Altmeist er der B i e n c tu zücht, Dr. Johannes Dzierzon, ist im Alter von 953/4' Jahren in Lowkowitz (Kreis Kreuzburg) gestorben.