Ausgabe 
27.10.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

ISS. Jahrgang

Samstag 27. Oktober 1906

Nr. *853

anher Sonn lag».

Dem «LietzenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter mermal in der

Woche beigelegl.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein» bruderet. R. Lange, Redaktion, Ervedttttm und Druckerei:

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Verlag u.Exped.^Köl Adresse für Dcoejchen:

Anzeiger Wietzen.

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Amts- und Anzetgeblatt für den Kreis Gießen MWZ

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vle tzeutige Mumurer umfaßt LL Serien.^

ALe ß greisung des falschen Kauptmanns.

Aus Berlin, 26. Okt., wird uns geschrieben:

Berlin ist heute zum zweitenmal von einem Sturm beS Ergötzens erfaßt worden, obschon die Heiterkeit dieS- r.ral mit etwas Enttäuschung gemischt war. Extrablätter verkündeten die Ergreifung des falschen Hauptmanns von Köpenick, und jeder, der die Botschaft las, war starr vor Staunen. Erstens darüber, daß einem alten Zuchthäusler, einem Manne, der niemals Soldat gewesen, dieser geniale Einschlag genial ersonnen und ausgesührt bleibt der Anschlag trotz alledem so vollkommen glücken konnte. Zlveitens darüber, daß auch dieser Täter wieder dem Scharfblick der Polizei zum Trotz seelenruhig inBer- lin geblieben ist und ohne die Mitteilung eines früheren Sträflings vielleicht nie entdeckt worden wäre. Drittens darüber, daß eine ganze Reihe von Zeu­gen, von gebildeten Leuten, die sich gewiß aus ihre Be­obachtungsgabe etwas zugute tun, in besten: Glauben An­gaben machen konnte, die in grellem Kontrast zur Wirklich­keit stehen. Der letzte Punkt fordert zu ernsten Betracht­ungen heraus. Was wurde nicht alles an dem falschen Hauptmann bemerkt! Elegantes, sicheres Auftreten, Bild­ung, Beherrschung der gesellsch. Formen, durchdringend sckarser Blick usw. Besonoers aber waren darin die Zu­schauer dieses grotesken Spieles ein:g, daß der Haupt­mann ungewöhnlich seine, zarte Hände gehabt habe. Und nun? Die Kriminalbeamten sind, so heißt es in einer Schilderung, aus dem Lachen nicht hcrausgckom- men, daß eine solche Jammergestalt nicht sofort ent­larvt wurde.Der scstgenommene Gauner hat ein verwitter­tes Gesicht mit einer Hautfarbe, die darauf schließen läßt, daß ec mit einem Bade nie in Berührung ge­kommen ist. Geradezu verunstaltet sind die ge­sprungenen Hände mit klobigen Finger­spitzen". . .

Da hat man ein klassisches Beispiel davon, welche Ver­heerung des Urteils die Selbsttäuschung bewirken kann. Weil es dem Gauner geglückt war, Soldaten mitzunehmen, umgab ihn sofort der Nimbus eines Offiziers; weil er gesprächs­weise ein paar Worte über Fritz Reuter fallen ließ, galt er für belesen und gebildet; weil er mit einer ziemlich flüssigen .Handschrift die berühmte Q-irtung über den Rau > ausscyrieb wir sind neugierig, welche Charakter- und Geisreseigenschasten die Handschristendeuter aus dieser durch Photographie bekannt gewordenenSchriftprobe" heraus­gelesen haben! wurde alsbald eine seine, zarte Hand an ihm entdeckt. Wer weiß, an welche Besonderheiten noch die Gewährsmänner sich erinnert haben würden, wenn die Nachforschungen sich weiter hingezogen hätten. Diese neuen Ersahrungen sind wohl geeignet, zum Nachdenken über den Wert vonpräzisen" Bekundungen zu stimmen, Beiund- ungcn, von denen in vielen Fällen im Strafprozeß Men- schenschicksale abhängen. Wenn 'man jetzt das Bild des falschen Hauptmanns sieht, saßt man sich an den Kopf, wie es möglich war, daß auf diese Physiognomie Bürger­meister, Rendant, Polizei und Gendarmen der guten Stadt Köpenick hercinfielen. Der Gauner muß in all diesen Tagen Tränen gelacht haben beim Lesen der Zeitungsberichte, beim

Studium der gänzlich in die Irre gehenden fieberhaften Nachforschungen! Ein beträchtliches Aufspürungstalent hat die Berliner Kriminalpolizei auch in diesem Falle nicht be­wiesen. Oder kommt es daher, weil man so eifrig politi­schenVerbrechern" rmchspürt, oder wachsamen Blickes auf Verletzungen des sittlichen Normalgesühls fahndet im öffentlichen Leben, in der Kunst und Literatur? Genug, man sieht eine Dtenge von kleinen Sündern vom Arin der Gerechtigkeit ergcifsen, beim Greifen der großen Sünder muß schon der Zufall zur Hülfe kommen. Für die Stadt Köpenick, für die deputierten Herren wird die Entdeckung des Täters noch um vieles peinlicher sein, als die Tat selbst.

Auf der Suche nach demHauptmann" studierte die Berliner Kriminalpolizei auch alle Akten der schweren Ver­brecher. Hierbei stieß man aus mehrere Personen, denen die Tat wohl zuzutrauen war. Zu diesen gerate auch Voigt. Da man von ihm kein Bild besaß, so bemühte man sich, seinen Aufenthalt zu ermitteln, um auf andere Weife Material zu erhalten. Unterdessen kam unter den tausen­den von Anzeigen auch, wie gesagt, eine Mitteilung eines früheren Sträflings, die mit dem Inhalt der Akten übereinstimmte und die Spur noch mehr als die richtige erscheinen ließ. Voigt ist ein am 13. Februar 1849 in Tilsit geborener Schuhmacher, der wegen Dieb­stahls in den Jahren 1863 und 1864 einmal mit sechs und einmal mit drei Monaten Gefängnis bestraft wurde. Dann beging er unter dem Namen August v. Zander in Angermunde, Magdeburg und Prenzlau schwere Fälsch­ungen mit Posturlunden und verschaffte sich dadurch größere Geldsummen. 1867 wurde er dafür in Prenzlau mit 10 Jahren ZZuchthaus und 1000 Talern Geldstrafe belegt. Zuletzt wurde er wegen Einbruchs in die Gerichtskasse zu Wongrowitz vom Schwurgericht zu Gncsen mit 15 Jahren Zuchthaus bestraft. Am 1. Februar d. I. wurde ec aus der Straf­anstalt entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt.

Nach Verbüßung seiner letzten Strafe war er nach Wismar gegangen. Dort sand er bei einem mecklenb. Hos- schuhmachermeifter Beschäftigung und trotz der Polizeiauf­sicht eine Art Vertrauensstellung, da er ein sehr geschickter Arbeiter sein soll. Nach seinenGrundsätzen" brachte er cs, wie er sagte, auch nicht über das Herz, einer Privatperson auch nur einen Piennig sortzunehmen. Voigt wäre in Wismar geblieben, wenn' ihn die mecklenburgische Laudesverwaltung nicht ausgewiesen hätte. So kam er im Juni nach Rixdvrf, wo feine verheiratete Schwester, eine Frau Menz, in der Kopsstraße eine kleine Seifenhand­lung betreibt. Mit der Schwester ließ er sich einmal photo­graphieren und sandte ein Bildin dankbarer Verehrung" feinem früheren Arbeitgeber in Wismar. Hierdurch erhielt es im Laufe ihrer Nachforschungen auch die Kriminal­polizei, die cs den Hauptzeugen in Berlin vorlegte; alle erkannten in dem Porträtierten sofort denHauptmann". Er trug auf dem Bilde noch den Vollbart und denselben Anzug, in dem er in Potsdam seine Einkäufe gemacht hatte. Als man so am Donnerstag wußte, wo derHauptmann" war, beschloß man, ihn Freitag früh zu fassen. Nun wurde die Kppfstraße von ausgesuchten Beamten Tag und Nacht unauffällig beobachtet, besonders das Haus, in dem die Geliebte Voigts, die Arbeiterin Riemer, wohnte. Es ge­lang, die Beobachtungen durchzuführen, ohne daß jemand

das geringste bemerkte. Am Morgen brachen die oben go nannten Kriminalkommissare mit ihrem Stabe von Be» amten schon um 4 Uhr auf und besetzten die beiden Häuser. Zur Stunde, in der das Gesetz daS Betreten erlaubt, fielen sie überraschend ein, fanden aber das Nest leer. Voigt war seit vierzehn Tagen nach Berlin verzogen, wo er in der Langesrraße im vierten Stock eines Hauses als Schlaf­bursche wohnen sollte. Eine Durchsuchung aller Räume der Menzschen Wohnung förderte keinen Anhalt zutage; ebensowenig hatte Voigt der Riemer etwas miigeteilt.

Mit dem Automobil fuhren nun die Beamten nach Berlin, um die Wohnung Voigts zu suchen. Gemeldet war er nicht. Es wurden alle Leute feftgestellt, die im vierten Stock wohnen und Schlafburschen halten. Kurz vor 8 Uhr hatte man Voigt gefunden, wo er bei dem Zeitungsaus­träger Karpelesschcn Ehepaar wohnte. Die Kriminalbeamten besetzten sofort jeden Ausgang unb auch das Dach des Hanfes und betraten dann die Wohnung. Dort saß Voigt beim Morgenkaffee. Er wußte sofort, worum es sich handelte, und bat nur noch seinen Kaffee zu Ende trinken zu dürfen. Auf die erhaltene Erlaubnis früh­stückte er in aller Ruhe und legte dann ein Geständnis ab. Die Durchsuchung feines Raumes förderte dann Dinge zutage, die ohnehin genügt hätten, ihn zu überführen.

Während einige Beamte denHauptmann" zum Verhör nach dem Polizeipräsidium brachen, durchsuchten andere seine Wohnrüume. Bald sanden fie alle die neuen Kleid­ungsstücke, die sich derHauptmann" gleich nach der Aus» sührung des Hauostreichs bei Hermann Hoffmann in der Friedrichstraße getauft hatte. Auch ein Kavallerie^ Offiziers fabel tarn zum Vor schein. Ihn hatte Voigt zuerst gekauft, er konnte ihn aber nicht gebrauchen, weil er für einen Hauptmann nicht papte. In einem Behälter lag der Beutel, in dem der Hauptmann seinen Raub babon^ getragen hatte. Ein Teil des Stopenüier Siegels befindet sich noch daran. In dem Beutel befanden sich noch acht Ein Hundertmarkscheine, 500 Mark Gold in einer Rolle mit den: Siegel der Stadt Köpenick und 2350 M art lose in Gold- und Silber münzen.

Nach dem Morgenkaffee wäre Voigt auch heute wieder aus gegangen, wie jeden Tag. Er pflegte stets erst abends wieoerzukommen. Soldat konnte er nicht werden, weil er schon mit, 18 Jphren ins Zuchthaus kam. Seine ganze Ge­stalt ist krumm unb gebückt.

"Del der Vernehmung auf dem Polizeipräsi­dium war derHauptmann" zunächst sehr schweigsam, aber die milde Behandlung, die ihm die Kommissare zuteil wer­den ließen, und eine halbe Flasche Portwein, die sie ihm spendierten, machten ihn gesprächiger. Auf die Frage, wie er auf den Gedanken gekommen sei, die Köpenickcr Stadtkasse zu berauben, antwortete er folgendes: Er habe die Absicht gehabt, in Wismar redlich weiter zu arbeiten und dann vielleicht einmal in Bernau ein Zweig­geschäft des Wismarer Hoflieferanten einzurichten. Durch diese Rechnung habe ihm die mecklenb. Landesverwaltung mit der Ausweisung einen Strich gemacht. Er sei nun mit den besten Absichten nach Berlin gekommen, um mit Unter» f'tühung seiner Verwandten einen ehrlichen Erwerb zu fucnen. Es sei ihm aber nicht gelungen, festen Fuß zu fassen, unb da habe er bann einen altenPlan, sich auf anbere Weise Geld zu verschaffen, wieder ausgenommen. Daß eine

Gießener Weaterverein.

Graf Essex.

Trauerspiel in 5 Akten von H. Laube.

Den: Gedächtnisse Heinrich Laubes, des int September 1806 geborenen knorrigen und knurrigen Theatermannes, glaubte der Gießener Theaterverein, nach dem Muster vieler anderer der deutschen Bühnenkunst dienenden Gesellschaften, auch seinerseits eine Huldigung schuldig zu sein. Er ver­anstaltete darum am ersten seiner Spielabende dieser Saison eine Aufführung desGrasen Essex", das dec Burgtheater­direktor 1856 dem Wiener Publikum vorführte/) Es war also der gestrige Gießener Theaterabend so etwas wie eine Säkular- und eine Semisäkularfeier zugleich.

.Graf Essex", aus wiederholten Aufführungen, auch in den letzten Jahren, den Gießenern wohlbekannt, ist ein ge- schickt zusammengefügtes Theaterstück. Es hat einen klaren Grundriß, die Szenen bauen sich nach bewährtem Schema auf, die Effekte und Effektchen sind mit kluger Berechnung angebracht, alles ist solide, saubere Arbeit und das Ganze gewissermaßen ein Meisterstück des theatralischen Kunsthand- werks. Laube selbst pflegte Dramen dieser Art, falls sie von anderen herrührten, mit einem sauer-süßen Kompliment als Architekturstücke zu bezeichnen, und wir werden diesen treffen­den Ausdruck ohne Bedenken auch auf den »Grafen Essex" anwenden dürfen. Der Stoff dieser Günstlingstragödie ge­hört der dramatischen Weltliteratur an, und Laube hatte mit Nutzen die Erzählung gelesen, die Lessing in der Hamburgi­schen ^Draniaturgie von dem Effexdrama des Engländers John Banks gegeben hatte; er fand also nicht nur die Charaktere und die Handlung durch die Tradition fcstgelegt, sondern er fand zugleich auch bei dem englischen Dramatiker eine so klare, theatralisch klug berechnete Disposition, daß er diese ohne weiteres seiner Bearbeitung zu Grunde legen konnte: es fain also nur noch darauf an, aus dem gegebenen Ma­terial einen Neubau aufzuführen, eine Aufgabe, deren der alte Theaterpraktiler sich mit seiner oft bewährten Routine entledigte.

Doch e8 fanden sich Leute, denen als reinste Freude die

*) So erzählt H. H. Houben in seinem kürzlich in Max Hesses Verlag in Leipzig erschienenen neuen GedenkbucheHeim. Laubes Leben und Schaffen(1.60 Mi.)

Schadenfreude gilt, es wird wohl immer solche Käuze geben die Laube des Plagiats ziehen. Und nicht allein deswegen. Der Berliner Stadtgerichtsrat Weither trat mit der Beschuldigung auf, Laube habe ihm die Behandlung des Stoffes gestohlen; er hatte, so erzählt Dr. Houben, kurz vor- her an den Burgtheaterdirektor ein denselben Konflikt behan­delndes Drama gesandt. Und in der Elsenbergschen Sonnen­thal-Biographie*) fand ich die Bemerkung, daß Adolf Sonnenthal bereits im Jahre 1855 in verschiedenen ostpreußischen Städten Werthers DramaGraf Essex", wie Eisenberg sagt, vtrug und rettete". Doch Laube so erzählt Alexander v. Weilen in seiner Einleitung zu Laubes soeben von der Berliner Gesellschaft für Theatergeschichte herausgegebenen ^Theater­kritiken". ' erwehrte sich dec Beschuldigung, wacker sekundiert von ein paar Wiener Schriftstellern. Und sein ehrlicher 9lamc hat dadurch für feine und unsere Zeit wahrlich keinen Schaden gelitten. Oder wird ein Verständiger je auf Molare und gar auf Shakespeare mit Steinen werfen, weil sie ihre Stoffe und selbst seitenlange Gespräche mitunter wortgetreu fremden Werken entlehnten?

Der gewiegte Theaterpraktiker hat hier für seine Schau­spieler fast lauter dankbare Rollen geschrieben. Die GesichtS- schlagsszene im 8. Akte mit ihrem Knalleffekt das Wort ganz buchstäblich genommen, ist das beste Zeichen für LaubeS eminenten Blick für das Theatralische. Heldendarsteller haben für den Titelhelden eine leicht erklärliche Vorliebe: dieser ins Laubesche übersetzte, d. h. vergröberte Egmont gibt ihnen Gelegenheit, alle Register zu ziehen von den süßen Flöten­tönen des girrenden Liebhabers bis zu dem dröhnenden PathoS des den Staat au§ den Fugen reißenden Empörers, von dem leichten flotten Ton des sorglosen Epikureers bis zu dem furchtbaren Wutschrei des aufs tödlichste beleidigten Offiziers und Edelmanns. Herr Rich. Kirch aus Frankfurt gab den Grafen Essex mit seinen glänzenden äußeren Mitteln mit vollkommenem ritterlichen Anstand, mit elastischem Schwünge und loderndem Feuer, und so blieb denn in den berühmten Effektszenen deS 8. und 4. Aktes die starke Wirkung nicht ans. Was mich bei Herrn Kirch in modernen Stücken früher öfter störte, war ein Etwas von theatralischer Pose. In Suder­mannsBlumenboot", das bekanntlich in Frankfurt kürzlich zur

) 2. verm. Aufl. 1900. (Dresden, Pierson.)

ersten Aufführung kam, überraschte er mich bereits durch die schöne Echtheit, mit der ec den abgewiesenen Freier der wild- blütigen jugendlichen Heldin des wurmstichigen, schwülen, von heißen Wollüsten durchtränkten Stückes, den kernigen Grafen Spernec, darslellte. Schien er mir doch in dieser kleinen Partie unter Larven die einzig fühlende Brust. Dec Graf Essex dagegen kann ja theatralischer Pose schlechterdings nicht ganz entraten. Herrn K.S Organ hat nun einmal etwas Messerscharfes, ist nicht sonderlich klangschön, aber er ver­steht es, gleich einem Instrumente es zu gebrauchen, auf dem jede Taste einer wohlerwogenen Bestimmung zu folgen hat. Die ganze Leistung bekundete ein ungewöhnliches Maß schau­spielerischer Routine und nicht alltägliche schauspielerische In­telligenz. Sie würde absolut unanfechtbar sein, wenn Herr K. nicht auch diesmal, wie es so seine Art ist, gerade in einer sehr wesentlichen Szene, am Schluffe des 4. Aktes, angesichts der Ohnmacht seiner Gattin, bei äußerstem Affekt also, jäh in eine Art konventionellen, leicht blasierten Gesprächstones verfallen wäre, der wie ein kalter Wasserstrahl berühren mußte unb die ganze Szene um jede tiefere Wirkung brachte.

Die an Spannkraft und Deklamationskunst sehr große Anforderungen stellende Rolle der Eisabeth bewältigte Frl. v. Jcrgemann mit außerordentlicher Energie und schönem Erfolge. In einigen seiner unter dem Sarnmeltitel Der Weg zur Form" *) zu einem nachdenklichen Essai;buche zusarnmengefaßteii ästhetischen Abhandlungen sagt Paul Ernst, dessen neueste DramenDer Hulla", ,Ta§ Gold" rc. ich der Beachtung des Herrn Direktor Steingötter empfehle, daß Frauengestalten der Dramendichter häufig wie verkleidete Jünglinge wirken. Auch Laubes Königin Elisabeth offen­bart ein mannweibliches Wesen. Dieses betonte Frl. v. I. mit aller Schärfe, und kaum weniger den lauernden, intriganten Grundzug in diesem einer, freilich ab­stoßenden Größe nicht entbehrenden Charakter. Und zuweilen huschte wohl so etwas wie ein Strahl leidenschaftlicher Liebe zum Grafen Essex vorüber, ohne freilich die kühle Selbst­beherrschung abzulenken; eine feinere Nuancierung hätte hier freilich zu größerem Vorteil gereicht. Auch wünscht man diese innere, mühsam unterdrückte Leidenschaft bei einer Elisabeth in Momenten des Selbstvergessens zuweilen orkanartig her-

* Verlag von Julius Bard in Berlin.