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27.7.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 174 Zweites Blatt

156. Jahrgang

Erscheint Eßlich mit Ausnahme des Sonntags.

Die Lietzener fiamilienblätter werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^Yesstkch« Landwirt*' erscheint monatlich einmal.

Giehemr Anzeiger

Freitag 27. Juli 1906

Rotationsdruck und Verlag Der Brühl'scba, Unioersitätsdruckeret. R. Lange, Dietz««.

Redaktion, Exvedition u.Druckerei: Schulstr.U, Tel. Nr. 61. Telegr^-Adr.: Anzeiger Ließ«.

General-Anzeiger, Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.

Politische Lagesscharr.

Die Vernehmungen in der Disziplinarsache des Gouverneurs v. Puttkamer

nehmen einen ziemlich schnellen Fortgang. So hatten, wie die ,Hamb. Nachr.- mitteilen, dieser Lage verschiedene Offi­ziere, die sogen. Freiin v. Eckard st ein, der Kameruner Oberrichter Meyer, sowie Dr. jnr. Esser und Direktor van de Loo als Vertreter der Viktoria-Pflanzung vor dem die Untersuchung führenden Richter Kammergerichtsrat Strähler unter ihrem Eid Bekundungen abzugcben. Eine große Zahl weiterer Zeugen ist geladen. Zwei Offiziere haben, wie privatim über den Inhalt der Aussagen verlautet, erklärt, daß sie die später in Kamerun aufgetauchte Dame dem Gouverneur in Berlin als Freifrau v. Eckardtstein vor- gestcllt haben. Eine erhebliche Rolle in der Untersuchung spielt das von der Baseler Mission gelieferte Anklagematerial. Bon dieser geht die Behauptung aus, Puttkamer habe in unzulässiger Beziehung zu den Esser'schen Ge­sellschaften gestanden und diese daraufhin begünstigt. So sollte er u. a. bei sämtlichen Esser'schen Faktoreien unbe­schränkten Kredit gehabt und benutzt, sowie einen baren Rabatt von 10 Proz. auf die ihm kreditierten Einkäufe bezogen haben. Die Vertreter der Viktoria-Pflanzung haben demgegenüber erklärt, daß Puttkamer keinerlei Vorteile, Kredit, Zuwend­ungen, Provisionen usw. erhalten und auch in keinerlei Form jemals irgend etwas derartiges verlangt oder angeregt habe.

Deutsch-Afrikanisches.

Nach einem telegraphischen Bericht de^ Gouvernements in Dar-es-Salaam meldet Hauptmann Hirsch, der Chef der 6. Kompagnie, unterm 11. und 14. d. Mts. aus Jraku die Wiederaufnahme der Operationen durch zwei Demonstrationsabteilungen, da die Aufständischen die Be­dingung: Auslieferung der Führer und Waffen unerfüllt ließen. Die Führer flohen infolgedessen. Im Uebrigen hat die Erfüllung der Unterwerfungsbedingungen be­gonnen. Hauptmann Schönberg meldet aus Liwale die Ergreifung des Rebellen-Führers Abdalah S ch i m a n i.

Am 21. Juli auf Patrouille bei Garunarub gefallen: Reiter Dauve-Voß, geb. in Eniden, früher Jnfant.-Regt. 78 (Kopf-, Hals- und Brustschuß). Schwer verwundet: Leutnant Helmuth-Block, geb. Königsberg i. P., früher Jnf.-Regt. 173 (Bauchschuß). Am 8. Juli bei Tses leicht verwundet: Gefreiter Otto Grossik. Ferner: Reiter Wilhelm Stensel nach Lungenentzündung verstorben.

Nach den letzten Nachrichten waren die Hottentotten nach ihrem Vorstoße auf Warmbad und Gabis und den sich hieran anschließenden Gefechten vom 20. und 21. Juli vor den verfolgenden deutschen Truppen in die Oranjeberge östlich von Außenkehr, zurückgewichen. Die Abteilung des Majors Freyhold griff am 23. Juli bei Uhabis die feindlichen Haupt- kräste an. Diese bestanden aus den vereinigten Banden von Morris und Johannes Christian. Nach hartnäckigem Gefecht floh abends der Feind nach allen Richtungen aus­einander. Bei dem Kampf fiel der Oberleutnant Barlach, früher im Füsilier-Regiment Nr. 86, zwei Reiter wurden schwer, Leutnant Schmink und ein Reiter leicht verwundet. Die Verfolgung der Hotten­totten wird fortgesetzt.

Am 21. ds. überschritt eine Bande von etwa 30 Hotten­totten, von Norden aus dem Bethanierlande kommend, Bayweg bei Garunarub, südwestlich von Keetmanshoop, und traf hier mit einer Patrouille zusammen, von der ein Reiter getötet und Leutnant Block schwer verwundet wurde. Es handelt sich anscheinend bei dieser Hottentotten­bande um den Rest von Bethamerlcuten, die sich Johannes Christian anschließcn wollen. Die Verfolgung des Gegners wurde gleichfalls sofort eingeleitct. Nach einer Meldung der englischen Regierung hatten am 2. u. 16. April 400 Weiber, Kinder, kranke Männer und Schwerverwundete, die zur Bande Morengas gehörten, mit einigen Wagen unter Führung von Dirk Witbot die Grenze überschritten und ivurden unter nülitäcischer Bedeckung nach Geelbroschdrai in der Gegend von Rietfontein S. O. gebracht, nachdem ihnen alle Waffen abgenommen waren._________________

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Juli. Man meldet aus Hellesylt, 26. Juli: Der Kaiser unternahm gestern einen Spaziergang. Heute geht er nach Odde in See, wo sein Eintreffen wahr­scheinlich morgen abend erfolgt. An Bord ist alles wohl.

Prinz Viktor zu Erbach-Schönberg, der seit 1902 beim 1. Garde-Regiment z. F. steht, ist vom 1. Sept, ab als Militärattache zur Gesandtschaft nach Brüssel kom­mandiert.

Wie derLokalem;." hört, sind die Vorarbeiten für den neuen Zivil-Pensionsgesetzentwurf auf der Grundlage begonnen morden, daß die Reichsbeamten mit den Militär-Pensionen bis zuin 30. Dienstjahre gleichgestellt werden, mit diesem Zeitpunkt also zwei Drittel ihres Gehalts als Pension bekommen sollen. Vom 30. Dienstjahre ab aber soll der Pensionssatz sich nicht um ein Sechzigstel, sondern um ein Hundertstel aufwärts bewegen, sodaß die Reichsbeamten den Höchstsatz der Pension (*/4 des Gehalts) erst mit dem 40. Dienstjahre wie bisher erreichen würden, während die Militär-Personen den Höchstsatz schon mit 35 Dienstjahren erreichen.

Fahrkarten-Stempel marken werden von der Reichsdruckerei hergestellt und gelangen mit der Inkraftsetzung der Fahrkartensteucr zur Einführung. Es werden achtzehn verschiedene Sorten ausgegcbcu. Sie lauten auf die Beträge von 5, 10, 20, 40, 60, 80, 90 Pfg., 1.20 Mk., 1.40 Mk., 1.60 M., 1,80 M., 2 Mk., 2.40 Mk., 2.70 Mk., 3.60 Mk.,

Aus StnSL und LEd.

Gießen, den 27. Juli 1906.

** Personalien. S. K. H. der Gr o ß her zo g haben dem Pfarrer Heinrich Muhl zu Babenhausen II die zweite evangelische Pfarrstelle zu Schotten, und dem Pfarrassistenten Robert Staubach zu Vilbel die evangelische Pfarrstelle zu Groß-Eichen, Dekanat Grünberg, übertragen; ferner den Kulturtechnikeraspiranten Ernst Merlau aus Gießen zum Kulturtechniker ernannt. Am 21. Juli wurden dem iscael. Religionslehrer Hirsch Sulzbacher zu Groß-Bieberau die Rechte eines desinitiv angestellten VolksschullchrerS erteilt. Am 24. Juli wurde der Hochbauaufseher Michael Frick zu Alsfeld als Hochbauaufsehcr nach Darmstadt versetzt.

** Militärp ersonalien. Befördert zu Leutnants d. Res. die Vizefeldwebel bezw. Vizewachtweister: Berter- mann (I Essen), des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh« Hess.) Nr. 116, V o ß k ü h l e r (I Essen), K uhlmann (Hagen), des 2. Großh. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 61, Eich hoff (Wetzlar), des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116. Der Abschied bewilligt: Fleck (I Darmstadt), Oberlt. d. Landw.-Jnf. 2. Aufgeb. Befördert zum Stabs­arzt: Oberarzt der Landw. 1. Aufgeb. Dr. Rullmann (Friedberg) zum Assistenzarzt, der Unterarzt d. Res. Dr. Gefe (II Darmstadt). Der Abschied bewilligt: dem Stabsarzt der Landw. 2. Aufg. Dr. Oßwald (II Darmstadt).

" Vesitzwechsel. Weißbindermeister Nicolaus ver­kaufte sein Anwesen Ebelstraße 11 für 30 000 Mk. an den Oberpostassistentcn Michel.

" V e r b a n d D e u t s ch e r H a n d l u n g s a e h ü l f e n. Am 5. August veranstaltet der Rhem-Main-Gau aus Anlaß des 25jähr, Bestehen des Verbandes Deutscher Handlungsgehülsen eine 3u- biläums-Rheinsahrt von Mainz nach St. Goar und zurück. Vormittags um 9.30 Uhr wird der eigens hierzu ge­mietete und festlich geschmückte Salondampier der Köln-Düsseldorfer Gesellschaft unter den Klängen der Kapelle des 88. Jnf.-Regtrnents Mainz verlassen. Das Mittagessen wird in Oberwesel eingenommen, bei welcher Gelegenheit ein Festakt stattfindet. Herr Joses Reis, Vorstandsmitglied des Verbandes aus Leipzig, hält die Festrede, auch der zweite Vorsteher des Verbandes, Georg Bernhard aus Leipzig, wird an der Feier teilnehmen. Teilnehmerkarten sind beim Vcrlrauensmaune oder in Frankfurt a. 2)!., Große Eschenheimer- straße 6, zu lösen. Dort wird auch jede Auskunft erteilt. Den Anschluß an den Dampser vermittelt ein Extrazug von Frankfurt aus, Abfahrlzcit vormittags 8.30 Uhr vom Hauptbahnhoi. Teil­nehmer mii unserer Gegend erreichen den Extraztlg nt Frankfurt mit dem Zuge früh ß.Ol Uhr von Gießen.

Neues zur Dienstbotenfrage. Ein in Strom­berg (Hunsrück) bedienstetes Mädchen, das vom Hinteren HunSrück stammt, wurde von der Frau des Hauses beim Mittagsschläfchen angctroffen. Die Frau weckte die Küchenfee und stellte sie zur Rede, warum sie Siesta halte.Dau (du) schläfst jo aach", erwiderte in echt Hunsrücker Mundart der moderne Dienstbote.

hl. Lang-Göns, 26. Juli. Am nächsten Sonntag soll hier ein Missionsfest sowie das erste Ver- bandsfest dec obrrhessischeu Posaunenchörc gefeiert werden. Es haben sich ca. 200 Bläser dazu gemeldet, welche unter Leitung des Posaunengencrals Pastors Kühlo aus Bethel Mitwirken werden. Festredner sind außer Pastor Kühlo noch Direktor Dr. Wurster aus Friedberg und Missionar Gehring. Der Veranstaltung wird großes Interesse entgegen­gebracht und kann bei gutem Wetter auf eme zahlreiche Be­teiligung rechnen.

)( Al len darf a. d. Lda., 25. Juli. Am nächsten Sonntag wird der Gießener Kirchen-Gesangverein

von Warschau 20 Personen einen Zug mittelst der Notbremse auf. Sie bemächtigten sich der Lokomotive und des Packivagens und töteten einen Gendarmen, der einen Transport von Geld listen begleitete. Die Räuber fuhren darauf unter Zurücklassung der Personen­wagen einige Kilometer weiter, wo sie mit einer anderen größeren Bande zusammentrafen, mit der sie die Geldkisten erbrachen und iynen 15 0 00 R u b e l en tn ahm e n. Sie entkamen mit dem Raube int Walde. r

Ein Dragonervffizier wurde am Mittwoch mittag, als er am Postgebäude in Czenstochau (in Russische Polen) vorüber ritt, von zwei Sozialisten überfallen unds durch sieben Revolverschüsse getötet.

Im Kreise Wolokolamsk im Gouvernements Moskau sind Agraruuruhen ausgebrochen, worunter auch das Landgut Schipows gelitten hat. In Moskau entdeckte die Polizei eine Bomb en fabrik metallischer Hohlkugeln, eine große Menge Sprengstoffe und viele Waffen. Sechs Personen, die sich in der Wohnung aufhielten, wurden verhaftet. Eine weitere liberale Zeit­ung wurde beschlagnahmt. Sämtliche Petersburger Blätter, darunter bisweilen sogar dieNowoje Wremja", werden beim Eintreffen auf dem Nikolai-Bahnhose sofort beschlag­nahmt.

Die Arbeitergruppe hat ein Manifest an die Armee ausgearbeitet, in welchem fie die Soldaten auf­fordert, im Falle eines Zusammenstoßes des Bolles mit den Organen der Regierung sich zu weigern, auf ihre Brüder zu schießen. Heute erschien von sechs Mitgliedern des Reichsrates, die ihr Mandat niederlegten, ein heftiger Protest in der ZeitungRetsch", worin die Re­gierung eines Staatsstreiches beschuldigt wird.

Wie derRetsch" berichtet, erklärten die Soldaten des Seebataillons und des 20. Infanterieregiments, sie würden jeden unbarmherzig nieder metzeln, der sich an Po­groms beteilige. Auch das Regiment Lublin erklärte, es werde die Kosaken niederschießen, wenn sie einen Pogrom veranstalten wollten. 400 Matrosen und Arbeiter haben sich den Hooligans angeschlossen.

Die russischen Offiziere, welche zum Kurgebrauch int Ausland weilen, wurden von der Petersburger Militär- Kanzlei telegraphisch abberusen und chnen die Rückkehr auf dem kürzesten Wege nach Rußland befohlen.

verwundet sowie viele Verhaftungen vorgeno»men.

Nach Privatmeldungen aus Ismails sind dort revo­lutionäre Unruhen ausgevrochen, Aus Odessa treffen tu Bessarabien zahlreiche russische Flüchtlinge ein.

-Auf der Weichsekbatzn gelten am L-. ...--------

den hiesigen besuchen und von 3 bis 4 Uhr in der Kirche verschiedene Gesänge vortragen. Auch der Allendorfer Kirchen-

26."in der Nähechor singt zwei Lieder. Beide Vereine begeben sich darauf

4 Mk., 5.40 Mk. und 8 Mk. Die Fahrkartenstempelmarken sind ausschließlich zur Entrichtung der Steuer auf Dampf- schiffahrtSkarten bestimmt, die im Ausland ausgegebcn werden, aber zu Fahrkarten im Inland berechtigen. 9hir bei diesen kann die Entrichtung der Stempelabgabe statt durch Ab­stempelung durch die Marken erfolgen. Diese werden auf die Rückseite der Fahrkarten aufgeklebt und entwertet.

München, 26. Juli. Die Abgeordnetenkammer hat in zwei Sitzungen vor leeren Bänken das neue Wasser- gesetz, welches aus das gesamte wirtschaftliche Leben in Bayern eine tiefgreifende Wirkung ausüben muß, durchberaten. Von den Sozialdemokraten wurde »gegen die unwürdige Art der Beratung einer Vorlage, welche sonst Monate beanspruchen würbe*, heftiger Widerspruch erhoben. Der Protest blieb jedoch wirkungslos, das Gesetz wurde mit 124 gegen neun Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Sozial- demokraten.

ICivdje rrnd Schule.

Bonn, 26. Juli. Heute fand in der Gymnasialkirche die Konsekration des alt katholisch en Bischofs Demmel durch den Erzbischof Gul-Utrecht statt.

Rußland am Scheidewege.

DieHamb. Nachr." hatten eine neue russische An­leihe von 500 Millionen Mark signalisiert. Das Berliner Bankhaus Mendelssohn, die bekannte Russenbanl, wurde damit in Verbindung gebracht. Die Nachricht er­schien auf den ersten Blick unglaubwürdig, Deutschland kann in absehbarer Zeit nicht für eine weitere Russen anleihe in Frage kommen. Vollends erhielt die Meldung den Cha­rakter der Sensation durch die Hinzufügung,a ufWunsch Kais er W i l h e.l m s" sei die Anleihe bewilligt worden. DieNationalztg." konstatiert auf Grund von Erkundig­ungen an den maßgebenden Stellen, daß weder der Kaiser noch das Haus Mendelssohn sich mit einer Angelegenheit der erwähnten Art befaßt haben. Die gleiche Auskunft wurde, wie man uns aus Berlin heute meldet, an der Berliner Börse erteilt, die beiläufig sich überraschend schnell zu der Auffassung bekehrt hat, die Dumaauflösung sei daseinzig Richtige" gewesen! Am Montag war die Börse über diesenkopflosen Staatsstreich" außer sich. Aber der Erfola, der vorläufige Erfolg, hat auch in diesem Falle wieder recht. Eine neue Enttäuschung des enthusiasti­schen Vertrauens zu der Stärke der russischen Regierung würde sicherlich mit doppelter Wucht auf die Börse wirken. Jedenfalls ist die Berliner Börse wie umgewandelt. Sie glaubt an Rußland, hofft aus die Weisheit der russischen Regierung und liebt die russischen Anlagewerte.

Es scheint, daß von London aus der Versuch gemacht wird, einen Druck auf die russische Regierung auszuüben. So ging dieTimes" in einem Artikel davon aus, baß die neue Anleihe von dem Ausland nur unter der Voraus­setzung der Schaffung einer Institution in Rußland über­nommen worden fei und daß jede wesentliche Aenberung in dieser Richtung das Ausland von den weiteren Einzahl-, ungen auf die Anleihe entbinden werde. Dazu ist zu be­merken, daß der Zar in seinem Ukas erklärt hat, daß er die Institution einer Duma beizubehalten wünsche, nur müsse eine andere Duma gewählt werden, deren , Arbeit Fruchtbringenderes verspreche. Das Disagio auf die neue Anleihe Beträgt in London noch immer 10 Proz. Am |25. dieses Monats betrug es 10i/4 Proz. In Berliner Blättern, speziell intB. B.-C.", aber auch feit gestern in vielen anderen Zeitungen, tut man, als ob überhaupt nichts wäre, und der Anbruch eines goldenen Zeitalters für Ruß­land unmittelbar bevorstände. Es wird von Anlagekäufen in russischen Werten geschrieben und diese in allen Tonarten empfohlen. Auch wird der Ansicht Ausdruck verliehen, daß es der starken Hand des gegenwärtigen Ministerpräsidenten gelingen wird, die Ruhe in den Hauptstädten aufrecht zu erhalten und das Land vor neuen schweren Erschütterungen zu bewahren. Man denkt nicht mehr daran, welche großartige Versprechungen Rußland schon oft gemacht hat, als es am Rande des Abgrundes stand, und glaubt, die Regierung werde den Forderungen der Reformpartei jetzt sicher ent­gegenkommen. Es soll uns sehr freuen, wenn dies alles zutrisft wir aber glauben noch nicht daran.

Stolypin hat in einem Vortrag beim Zaren betont, daß die Auflösung der Duma nach den chm aus allen Teilen des Reiches zugegangenen Nachrrchten keinerlei besondere Awfregung hervorgerufen hat und daß er hoffe, die Ordnung auch ferner aufrecht (erhalten zu können DerVerband der Verbände" beschloß, vorläufig eine ab wartende Saftil zu befolgen und zu sehen, wie die Auflösung der Duma auf das Land wirkt, denn unter den Eisenbahnern und Postb eam ten herrscht völlige Unlust zum Streik. Zudem sind der Regierung durch die letzten Massenverhaftungen in Petersburg und Moskau in Verbindung mit Haussuchungen wichtige und äußerst lompromittierends Dokumente in die Hände gefallen, bie ermöglichen, eine Reihe von Anschlägen gegen die öffent­liche Sicherheit zu durchkreuzen. Unter den in Moskau auf- gefangenen Dokumenten befindet sich beispielsweise ein höchst interessantes Papier, das Aufschluß darüber gibt, roie seiner­zeit die in der Gesellschaft für gegenseitigen Kredit ge­raubte Million unter den Revolutionären verteilt worden ist Die Kadetten hielten in Terrioki in Finnland ein Meeting ab, auf dem sie sich von jeder revolutio­nären Tätigkeit lossagten und allein an den Wiborger Beschlüssen festzuhalten und schon jetzt mit der Wahlpropaganda zu beginnen beschlossen. Dw revo­lutionären und sozialistischen Organe mahnen, nach osp- ziSser Versicherung, überall zur Ruhe, da der Zeitpunkt für einen Generalstreik der denkbar ungünstigste sei, weck Die Bauern mit der Ernte beschäftigt seien.

Die Hochburg der Revolutionäre, Odessa, ist ruhig. Es wurden dort am 25. d. M. sechs Leute getötet oder