Nr. 297 Drittes Blatt
156. Jahrgang Dienstag 18. Dezember 1906
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Gießener Sam Ul enb Ritter* werden dem »Anzeiger dermal wöchentlich beigelegt. Ter Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck anb vertag der Bcfl bfIdw UnwersilätSdruckeret. 8L Bange, Etetze»,
Redaktion, Expedition a. Druckerei: Vchutfir.A, Tel. Nr. 6L Lelegr.-Ädr.t Anzeiger AieM.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eießen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 18. Dezember 1906.
1 2.11. Landesuniversität. Dr» Oswald W e i - den b ach hält Mittwoch nachmittag 6 Uljr in der kleinen Aula des Universitätsgebäudes eine Probevorlesung über Das Verhältnis von Religion uud Wissenschaft, um sich für das Fach der Philosophie zu habilitieren.
** Ordensverleihung. Der König von Rumänien hat dem Pcivatdozenten für innere Medizin an der Landesuniversität Dr. Demeter Ritter von Tabora das Offizierskreuz des königlichen Ordens d« Krone von Rumänien verliehen.
•• U e b e c d i e z u n e h m e n b c Erkrankung schulpflichtiger Kinder in Hessen an Skoliose (seitliche Rückgralvcrkrünr- muiifl) geben die von Orthopäden rind Schnlärzten angestellten statistischen Erhebungen cm trauriges Bild. ES wurde bei Schul- unlersuchungen festgestellt, daß im 9. Lebensjahr 17 Proz. Knaben, 20,1 Proz. Mädchen, im 13. Lebensjahr 26 Proz. Knaben und 30 Proz. Mädchen skoliiisch waren. Allerdings handelt eS sich weift um leichtere Formen, die von den Eltern deshalb nicht beachtet werden, weil sich die Krankheit beim bekleideten Körper noch nicht bemerkbar macht. Zur Heilung der Skoliose haben größere Städte, darunter in erster Linie Mainz, Kurse für orthopädisches Schülerturnen eingerichtet.
** Der Brief einer Kindesmörderin. Man schreibt aus Darmstadt: Als Beitrab zur Ge- fangenen-Psychologie gewinnt der hier veröffentlichte Brief einer Neunzehnjährigen zweifellos Interesse. Die Briefschreiberin wurde in der vorigen Schwurgerichtsperiode wegen Kindesmord zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, sie hat sich aber vor kurzem im Frauengefängnis zu Mainz erhängt. Ihre Lebensgeschichte ist das alte Lied von junger Liebe. Ein Dorfkind, gesund, kräftig entwickelt und schön, kommt in die Stadt als Dienstmädchen. Der Sohn des Hauses, „der Herr Einjährige", verführt sie. Bald darauf tritt sie in einen anderen Dienst, in einem einsamen Forsthause im Ried. Hier gebar sie das Kind; hier brachte sie eS um. Der Brief ist aus der Untersuchungshaft geschrieben. Er lautet:
D a r m st a d t, am 8. April 1905. Geehrtester Herr Förster und Frau. Endlich nach langem Schwanken entschließe ich mich. Ihnen ein paar Zeilen zu senden. Zwar wird Ihnen mein Brief so reine große Freude bereiten, weil er von einer Verbrecherin ist; aber es drängt mich gewisserumßen, mein Gewissen sagt, du mußt es tun und deine liebe, gute Herrschaft um Verzeihung bitten. Ich habe nicht nur über meine eigene Famckie und Verwandten Schande und Unheil gebracht, sondern habe auch zwei liebe, gute reine Leute, dazu ein einsam alleinstehendes Haus mit meinen Sünden beflecket. O, wie viele Gedanken habe ich mir schon darüber gemacht, wie viele Tränen schon vergossen. Ach, ich kann fast nicht mehr meinen, mein Kops tut mir weh und meine Äugen schmerzen mich. Ich bin untröstlich; des Tages denke ich an Sie und was ich getan habe, des Nachts träume ich davon, wenn ich dann aus dem Schlaf erwache, muß ich immer schrecklich heulen. Ach, wenn ich. nur des Nachts davon verschont bliebe. So viel Kummer und Schmerzen hätte mir mein Kind nicht bereiten können, wenn ich es hätte leben lassen, wenn mich auch die Leute ganz verspottet und mein Vater mich zu Tode gegeißelt hätte. Wenn ich so recht daran denke, wie ich es lange betrachtete, ehe ich eS tötete, ach da will mir mein Herz zerspringen, ich könnte schier vergehen. Ich könnte manchmal verzweifeln, weiß manchmal nicht, wo mir meine Sinne fielen. Ach Gott der Herr wird sich meinet erbarmen, meiner annehmen, meine Sünden vergeben. Es soll und ist mir nicht zu viel, was ich dafür tragen muß. Ter spricht, wen ich lieb habe, den züchtige ich. An meinen Konfirmationsspruch will ich immer denken, der heißt: Erbauet euch auf euren allerheitigsten Glauben durch den heiligen Geisr und betet und behaltet euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit un- sers Herrn Jesu Ehristi zum ewigen Leden. Und ail mein Unglück, aus was kam es, was war der Grund und die Ursache des Uebels, daß ich der eitlen Lust der Welt Licht habe widerstehen können? Ich war aus die Bahn öes Lasters gekommen. Mein Kind war trotz allem mein Alück. Nicht nur, daß ich mich von der Zeit der Geburt viel gesünder und wohler fühl wie je einmal, sondern habe auch Gott und Jesum seinen Sohu besser kennen gelernt. O liebste Herrschaft habt Ihr ein Herz, so verzeiht auch mir armen Sünderin. Ich kann es gar nicht in Worten aussprechen, wie sehr ich bereue, was ich getan habe. Daß ich Sie nicht minder geschändet habe, weiß ich, daß Sie auch in den letzten Tagen an meine Unschuld glaubten, wo ich das alles wußte und Sie dennoch hinter- gangen habe. O wie muß ich jetzt dafür büßen. Aber eine Gewißheit habe ich, Gott nimmt auch die Sünder gnädig an, wenn sie um Vergebung der Sünden bitten, jie herzlich bereuen und auf ihn bertrauen. Ich will von nun an ein anderer Ndensch werden; ich will ewig darum und über mein Kind trauern. Ich entsage ganz meinem eignen Willen auf daß GotteS Wtlle in mir allein herrsche. Wenn ich meine Strafe ganz habe, komme ich zu Ihnen, um noch einmal mündlich um Verzeihung zu bitten. Bis qUni bin ich, soviel ich weiß, in Darmstadt, hernach Werbe ich nach Mainz ins Frauengefängnis fommen. Sind Sie so gut und schreiben Sie mir, aber bald, sehr bald, ob Sie nckr verziehen haben oder verzeihen wollten; ich warte mit Schmerzen; ich kann mich wenigstens nach einer Seite hin trösten. In der Hoffnung, daß Sie meinen heißen Wunsch erfüllen, bin ich Ihre betrüge Marie Melchior. Adresse: Großh. Provinzialarrefthaus Darmstadt. Rundturmstraße 8.
Mainz, 16. Dez. Eine hiesige Dame hat dein Heil- stattenverein für das Grobherzogtum 32 000 Mk. testamentarisch zum Geschenk gemacht. — Mit Erlöschung des Kurfürstentums und Erzbistums Mainz wurden auch die hier ansässig gewesenen uralten deutschen Adelsgeschlechter in alle Wmde zerstreut. Die meisten gingen nach Wien, andere auf ihre Güter im Rheingau und einige sandeü an den Höfen der Kleinstaaten Unterkunft. Nur die Namen der Häuser und
alten Paläste in Mainz sind Zeugen der entschwundenen Pracht. Tie Höfe von Dalberg, Stadion, Schönborn, Bassen- heim Elz, Erbach n. s. w., sind heute in Pcivatbcsitz und dienen den mannigfachsten Zwecken. Von einem alten Mainzer Adelsgeschlechtc brachten nun Mannheimer Zeitungen eine Notiz, die geeignet ist, schmerzliches Bedauern hervor- zurufcn. Ein Bettler namens Karl Merz au§ Mertesheim wurde in besinnungslosem Zustande auf der Straße aufgefundcn und starb auf dem Transporte nach dein Krankcnhause an Alkoholvergiftung. , Merz soll ein Nachkomme der Edlen von Merz sein, die im 18. Jahrhundert eine der begütertsten Adelsfamilien waren, welche den Sonuncr auf ihrem Schloß in Quirnheim bei Grünstadt zubrachten, im Winter aber einen glänzenden Hof in Mainz hielten. Bei der Medicckisicruug vor hundert Jahren kam das Quirnheimer Gut in die Hände der Mennoniten. Ende vorigen Jahres verübten Nachkommen der Ritter von Merz aus dem Gute ihrer Vorfahren einen Einbruch und nun endet ein Sprößling als Bettler auf der Straße. Sic transit ....
Frankfurt, 18. Dez. In einer unter dem Vorsitz des Kommerzienrats Eollenbusch-Dresden hier abgehaltenen Versammlung von Zigarrenfabrikanten der maßgebendsten Produktionsgeoiete Deutschlanbs würbe bic aus ber Mitte ber Versammlung gegebene Anregung, nach bem Muster ber int baoischeu Ober- unb llnfcerlanb, sowie in Westfalen bereits bestehenben Zigarrenfabrikantenver- bänbe in allen übrigen ProbuktionSgeoieten bes Deutschen Reiches Verbänbe ins Leben zu rufen, einstimmig angenommen. Die Zusammeuschließung dieser lola.en Verbänbe soll alsbann unter Führung des Deutschen TabakvereinS erfolgen unb zu biesem Zweck eine Hauptversammlung Mitte Januar in Berlin stattfinben.
Hessischer Fericrwchrtag.
(Original-Artikel dcs Eießencr Anzeigers.)' (fc.) Frankfurt c. M., 16. Dez.
Der LandeSverbanb Hess i) cher freiw illig er Feuerwehren hielt heute nachmittag hckr seine Abgeord- u etenvers ammlung ab, zu der sich zirka 280 Teilnehmer eingesunbcn hatten. Ter Vorsitzende des Landesausschusses Karl Keller-Mainz eröffnete bic Versammlung mit einem Hoch auf den Protektor ber freiwilligen Feuerwehren, S. K. D. den Groß- Herzog unb bankte für bas zahlreiche Ericheincm. Insbesondere begrüßte ec den Vorsitzenden ber Brandversicherungskammcc Geheimrat Dr. Melior, den er bat, ber Jeuerwehrsachc dasselbe warme Interesse cutgegenzubringcu, wie sein Amtsvorgänger, der verstorbene Geheimrat Wolf, ferner die 12 anwesenden Urersseuer- wehrinspcktorcu unb ben Branddirektor Schenker-Fraulsurt, her als Vertreter des Dezernenten des Franistucker Feuerlöschwesens, Stadtrats Dr. Lautenschläger, erschienen war. Geheimrat Dr. Melior versprach, dem Wunsch des Vorsitzenden entsprechen zu wollen. Branddirektor Schenker will gute Beziehungen zu der srciwilligen Feuerwehr pflegen. Gestorben ist int letzten Jahre ber Vorsitzende des oberhessifchen Verbandes, AuSschußmit- glied Feller-Lollar. An feine Stelle ist Felsberger- Nidda in den Ausschuß berufen worden. Neu ui den Verband ausgenommen wurden bic Fabrikfeuerwehren Opel-Rüsselsheim unb ber amerikanischen Lederwerke in Bürgel, bie Feuerwehren zu Sponsheim und Gmibheim. Aus den „Mitteilungen" bes Vorsitzenden Keller ist zu erwähnen, baß sich bezüglich des Feuer- wehrehrenzcichens für 2ö jährige T-.ligkeit bie Regierung auf ben Standpunkt gestellt hak, beit in die ^öjährige Tätigkeit fallenbcn Militärdienst bis zu drei Jahren anzurechnen, ebenso die Tätigkeit in verschiedenen hessischen Wehren (nicht aber außer- hessrschcn). Das Handbuch, von dem 4000 Exemplare hergestcllt waren, ist fast vergriffen. Zu Punkt 4 ber Tagesordnung: Aachen-Münchener Feuerwehrunterstützungskasse teilte Mülle.r- Ossenbach mit, daß noch eilte Menge Wehren nicht Mitglieder ber Kasse sind, obwohl die Mitgliedschaft leinen Beitrag kostet. Die Namen dieser Wehren sollten in der Feuer.oel-rzeitung bekannt- gegeben werden. — Die Feuerwehr Friedberg hatte folgende Anfrage gestellt: Werden für Pferde und Wagen, bie auf’ öiuiiü ber Kreis- ober Ortsimer.chu ordnung zum Feuerwehr- bienit von bent Besitzer unentge.tlich zur Verfügung gesteckt werden müssen uad hierbei Schaden erleiden, Vergütungen ge- ivübit und io er ist zur Schadlosi-alttmg des Besitzers verpachtet? Allgemein war man sich darüber klar, daß Vcegütungen gewährt werden müssen, sogar wenn der Besitzer für feinen Dienst bezahlt wird. Geheimrat Dr. Melior hält bie Gemeinde zur Schabloshaltung verpflichtet, da sie nach § 1 ber Feuerlöschordnung für bie Kosten bes Feuerlöschwesens auskommen müsse. Vielfach loar man aber der Ansicht, baß die Lanbesvranbkasse vergutuiigspjrichtig sei, denn bas rasche Fortkommen der Feuerwehr liege in ihrem Interesse. Man solle nicht einfach sagen, ber von einem Unfall üctroijene Besitzer müsse ben Prozeßweg beschreiten. Dazu fehle manchem bas Gelb. Man solle vielmehr auf eine gesetzliche Regelung heiligen. Es wurde dem Ausschuß überlassen, bei der Landesörandkafie und deniliächst beim Ministerium die geeigneten Schritte zu tun. Eine Aussprache über bie von der freiwilligen Feuerwehr Nidba angeregte Frage, ob cs angebracht fei, in Orten, wo Wasserleitungen mit Hochdruck vorhanden seien, die Spritzen teils oder allesamt zu verkaufen, ergab, daß davon Tein vemünstiger Feuerwehrmann etwas wissen will. Schon der Hinweis auf bie oft verkommenden Schäden au den Leitnngs- roirren usw. genügte, um das Unsinnige einer solchen Handlungsweise vor Augen zu führen. Auch Saugspritzen seien noch erforderlich. Drei Vorträge ber Ausscr-ußmilgckeder Damm- Fried- berg über „Feuerwehr und Reichsstrafaesetzbuch", Müller- Offenbach über bic „Einführung von Führ erkür, en" (wie im Kreise Offenbach schon mehrere zu allseitiger Befriedigung abgehackten würben) unb Keller-Mainz über: „Was ist bei Anlage von Wasserleitungen für Feuerlöschzwecke hauptsächlich zu beachten?" bildeten ben Schluß der SScrijanblungcn, bic bei reger Diskussion beinahe fünf Stunden gedauert hatten. Der alt= gemeinen Sitzung war eine Sitzung d:ö Ai ssch'.'.ßcZ vorangegaugen.
Statistisches vom Tabak.
Da? 4. Vierteljahrsheft zur Statistik des Teulscheu Reiches, Jahrgang 1906, enlhcul u. a. eine Statistik der Tavakerute und Tabakbesteuerung tm deutschen Zollgebiet für das Erntejahr 1905; außerdem einen vorläufigen Nachweis über den Tabakanbau im Jahre 1906.
Ter Tabakanbau im Jahre 1905 war nicht unerheblich geringer als m den drei letzten Eintejahren. Tie Ernlefläche betrug un ganzen 14111 ha gegen 1904: 15 883 ha, 1903: 16 552 ha, 1902: 17 325 ha. Tie Einte an trockenen, dach- reiten Blättern ergab 31 860 t, 1904: 34 381 t, 1903: 33 072 t, 1902: 37 698 t. Die abgeerntete Fläche war also um 1772 ha, die geerntete Tabakmenge um 2521 t geringer als im Jahre 1904. Bon 1 ha wurden durchschnittlich, für das ganze Zollgebiet gerechnet, 22,6 dz dachreijen Tabaks geerntet gegen 21,7 dz im Vor
jahre, 20 dz im Jahre 19u3 und 21,8 dz un Jahre 1902. Hessen- Nassau mit 28,7 dz unb Rheinland mit 27,2 dz hatten die hö ch st en D u r ch s ch n i t t S e r t rä g e.
lieber den AuSiall der Tabakernte des Jahres 1905 lauteten die Berichte im allgemeinen günstig. Wenn die Ernte auch der Menge nach im Gcsamlburchschnitlöertrage feumt über eine gute Miuclerute hmausging, io blieb sie anderseits auch nur in wenigen Verwaltungsbezirken dahinter zurück. In der Güte de§ Blattes befriedigte die Ernte fast überall; sie übertraf darin die vorjährige Ernte erheblich und erzielte dementsprechend höhere Verkaufspreise. Tcr mittlere Preis für 1 dz oachrei'en Tabaks betrug einschließlich der Steiler tm Gesaintdurchschnitt deS Zollgebiets 86,4 Mk. gegen 1904: 77,5 Alk., 1903 und 1902: 82,6 Alk.
Tie T a b a t ft e n e r hat im Erntejahr 1906 einen Ertrag von 12,4 Millionen Mark, ber EmgangSzoll vorn Tabak 70,1 Millionen Maik ergeben. Rach 'Abzug der gezahlten Ausstthroergülungen (125 730 Mk. Steuervergülung, 239 254 Alk. Zollvergütung) verblieben als Reinertrag der Tabakabgaben 82,2 Millionen Mark, b. i. 1,35 Mk. auf ben Kopf ber Bevölkerung.
Ter Verbrauch au fabrikationsreisern Nohtabak berechnet sich unter Berücksichtigung der Em- und Aussuhc auf 1,68 kg füo, ben Kopf.
Ter vorläufige Nachweis über den Tabakanbau im Jahre 1906 ergibt als Gesamtflächeninhalt ber im deutschen Zollgebiet mit Tabak bepflanzten Grundstücke 14 681 ha gegen, 14 111 ha int Jahre 1905.
Eingesandt»
(Für Form und Inhalt oder unter bicier Rubrik stehenden Artikel«, übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber leinerlci, Verantwortung.)
Gießen, 17. Dezember. , Nicht Wenige tverbeit mit mir ben Kops geschüttelt haben über das „tfmgejmibi", worin vor einigen Wochen .Einer vom Dürer» biind" eine tkanze für bie Erhaltung der acht Tor« Häuschen brach.
Diese geschinacklofeir, wie steingewordene Zuckerbüchsen auS- Großmutterzelt die Grenzen des ehemaligen Weichbildes der Stabt verunzierenden Schilderhäuser sollten nach dem Vorschläge des Eiitsenders unter Denkmalschutz gestellt werden, nachdem sie vor« her obenbrem noch eine Verzierung durch .Ecklürmchen" zu er- biilbcn bauen.
Die Torhäiiser stammen, wie ihre nüchterne, jeder Originalität entbehrende Bauart zeigt, aus einer öden Zeit des Niederganges von Styl unb Geschmack der heimischen Baukunst, einer Zeit, die gar maus darin sand, uralte, wirklich schöne Holzfassaven mit Mörtel zu verschmieren und sich, anderer Bandalismen nicht zu gedenken, nicht entblöbete, bas alle Kollegiengebäube, unftrcitig ben, schönsten Holzbau weit unb breit, nieberzureißen und an seine -stelle bie Riescnzigarrenkisle, bie heute noch unseren originellen Brand« platz schänbet, zu setzen. Freilich soll man alte, ehrwürdige Denkmäler ber Baukunst mit allen Mitteln unb Opfern erhalten, wenn sie originell ober bedeutend sind, den Denkmalschutz aber auf bie banalen Torhäuser aus,zudehnen, ist ein weit über das Ziel hinaus- schießcnber Vorschlag, es müßte beim sein, daß seine Verfechter nach bem Prinzip ber Äbschreckungslheorie auch ausgesprochene Bau- sünben unserer Vorväter erhallen wissen wollen, damit beit Nachkommen immer vor Augen stehe, wie man nicht bauen soll.
Im strikten Gegensätze zu bem Türerbünbler bin ich ber 2ln< sicht, baß die Torhäuser, mit Ausnahme vielleicht derer am Neu- ftäbter Tor, entfernt werben müssen, das Ottroihaus am Neuenweg aber sofort. Tenn sie haben keinen Ampruch auf Senf- mälschutz, wenn sie auch „Wahrzeichen der Schleifung der Festung"! sind (wohlgemertt nicht Teile derselben, die alten Stadttore lagen:' nachweislich weiter zurück). Sie haben in ihren diminutiven Ab» mefjungen (10 Schritt im Quadrat) und ihrer unpraktischen innereit Anordnung keinen Gebäudewert, sie beengen den Zugang zu unseren schönsten Anlagen uub hindern den Blick auf dieselben, sie bilden am Walltor ein ganz gefährliches Verkehrshindernis, sie sind süp bie darin untorgebrac()ten '21 entler em durchaus unwürdiger Aufenthalt und sind ans hygleuifchen Gründen völlig ungeeignet für menschliche Wohnungen. (Wohnungs- gesctz.)
Ten Einwand, daß die Torhäuser zur Kontrolle des Oktroi- cingangeS notwendig seien, wird im Ernste heute Slieniaiib mehr erheben, nachdem bic Zentralisation ber Ottroierhebung anderswo längstens überall zur Vereinfachung der Geschalte geführt hat. Ter jetzige Znsland der Oklroikonirolle ist fchwerfällig und rückständig. Wenn z. B. ein Bewohner des südlichen Stadtteils ein paar Flaschen. Wein von atiswärts bekommt, jo muß er, um seine Ottroip'enntge los zu werden, ans Neustädler Tor laufen, und wenn em Metzger aoeubs spät am Torhaus den müden Gaul anljält, um seure Oktroi- gebühr abzuliefern, bann entwickelt sich em Bild, würdig der „Fliegenden Blätter". Brtimmend steigt der Niann vom Wagen und klopft mit bem Peitschenstiel an bas Fenster des „Zöllners", ber Gaul stampft und zerrt unb will in ben ersehnten «tall, der Nietzger flucht, weil er warten muß, der Oklroierheber räsoniert,- lucil er ans bem warmen Belt mnß, unb bie „Häinill’ auf bent1 Wagen blöden herzzerreißenb über ben alten Gießener Schleiibrian.,
Leider hat bic Slabtverorbnetenversammlung grabe jetzt, wo ein zwingenber Grund uorliegt, mit der (riweruung ber Tor häuf er-, ben Anfang zu machen, sich, wie mit scheint, aus übertriebenem. Respekt von wohlseilet Gelehrsamkeit abhacken lassen, bas einzig Richtige zu tun und so wird die unglaubliche Tatsache perfekt, daß rmser schönes Theatergebäube nach der Oslseite hin durch eine häßliche, nüchterne Hinte oerbedt und verunziert bleiben soll unb zwar — wenn es den Leiikmalsschützern gelingt durchzudriugei^ — für alle Zeilen!
Hat die Biirgerschatt deßhalb in anerkennerswertem Opfermute 400000 Äkark amgebrad), um sich wesentlich bie Freude an ihrem Werte durch fUtangel an Verständnis veroaller zu lassend
Haben sich die Teirkmalsschützer ihr trauriges Kampfobjekt überhaupt einmal genau angesehen? Auch von hinten? Glauben sie wirklich, daß durch Anbrnigen von Edtürmchen da noch was zu retten ist? Wie denken bie Herren Slabträte über den sofort nolwenbigen Kanalansd)luß bieses Palastes? Tenn der Bewohner beSseiden, der sich nicht wenig gereut haben mag, endlich aus diesem nicht unterkellerten, kalten nussigen und dnnkelen Verließe herans-- zukoinmeu, ist ja nun verurteilt als Trogloiyde darin weiter zu hausen.
In anderen Stadien kaust man Häuser, ja ganze Straßenzüge an, um schöne Bauwerke freizulegen, uub in Gießen will man es erni'llid) wagen, aus „ ^parjamkeusrüdsichleu" burd) eine wertlose Bube emen Schmudvlatz zu verschulden, um den uns, wenn er nach ästhetischen Gesichtspunkten angelegt wird, größere Gemeinwesen beneiden müssen?
Wenn das Tor haus trotz alledem stehen bleibt, so mache ich den Vorsd;lag, statt ber gewünschten Edtürmchen an seine Front mit golbenen Lettern zu schreiben: .GießeuerSchildbürger- o a u . X.
Aircl^e und Schule.
— Der Fall Cäsar hat auch für bie Kirche in der Provinz Hessen-Nassau Folgen gezeitigt. Es konstituierte sich in Marburg ein AussctMß, um den Zun sammenschluß liberaler Elemente in einem liberalen Kirchenverband in die Wege zu. leiten. /


