Ausgabe 
26.10.1906 Erstes Blatt
 
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Lusrcht des Ausschusses geht dahin, daß die Stadtverord- netenversammlnng von vornherein eine Verteilung der Arbeit zwischen dem Bürgermeister und den Beigeordneten vornehmen solle und daß hiernach Bürgermeister und Beigeordnete dort, wo nicht direkt von der Einsetzung eines Magistrats Gebrauch gemacht wird, die städtischen Angelegenheiten in kollegialer Beratung zu behandeln hätten. Man ist weiter der Ansicht, daß das Amt des Beigeordneten im Gesetz zweckmäßigerweise nicht näher zu präzisieren sei, daß die Beigeordneten im Bereich ihres Ressorts selbständig und nicht in Vertretung des Bürgermeisters zu zeichnen haben und allenfalls ihre Funktionen im Gesetz durch eine Bestimmung näher be­zeichnet werden möchte, die zu besagen hätte:Die Bei­geordneten haben den Bürgermeister bei Erledigung der ihm zugewiesenen Amtsgcschäfte zu unterstützen". Dem Bürgermeister sei jedoch in allen Fällen das Recht vor­zubehalten, denen er persönlich eine besondere Wichtig­keit zumißt.

** Der neue Badekommissär von Bad-Nau- Heim, Major a. D. Freiherr v. Starck, ist der Sohn des in Darmstadt lebenden früheren Staatsministers Freiherrn v. Starck/ Er diente seinerzeit im Dragonerregiment Nr. 24 und ging als Rittmeister ab, um als Adjutant und Stall­meister bei dem Herzog von Sachsen-K'oburg-Gotha einzu­treten. Er ist 47 Jahre alt.

Eine schöne Theaterkritik lesen wir in den .Mainzer N. Nachr.":H. Stadttheater.Die Jungfrau von Orleans" wurde am 6. Januar 1412 im Dorfe Dom- remy geboren. Am 30. Mai 1431 wurde si» auf dem Markt­platze zu Rouen verbrannt, am 23. Oktober 1906 im Stadt­theater zu Mainz begraben. R. i. p.'

-s- Steinbach, 25. Okt. Bei der am Donnerstag hier abgehaltenen Treibjagd wurden 33 Hasen, 4 Rehe und ein Fuchs zur Strecke gebracht. Dieser Tage schloß sich der seitherigeSängerkranz" nach vorausgegangenen Verhandlungen definitiv dem GesangvereinGermania" an. Er erkennt die Statuten des letzteren an und übergibt ihm außerdem sein ganzes Inventar.

t Allendorf a. Lda., 25. Okt. Gastwirt Ranft ver­kaufte sein Anwesen, jedoch ohne Wirtschaft, an Otto Mali- neus aus Nordeck zum Preise von 16 700 Mk.

§ Rodheim a. d. Bieber, 24. Okt. Zu der Notiz aus Fellingshausen über die Grube Eleonore teilt uns die Gebrüder Stummsche Bergverwaltung mit: Die Grube ging im Anfang der 70cr Jahre (1873) in den Besitz der Firma Gebrüder Stumm in Neunkirchen über und ist seit dieser Zeit ununterbrochen und zwar heute mit einer Belegschaft von 160 Mann im Be­trieb. Was die Leistung anlangt, dürfte sic auch heute noch eine der ersten Gruben sein, die die höchste Leistung im Bergrevier Wetzlar auszuwcisen hat. Die Angabe der durchschnittlichen Leistung von 66182 Ztr. auf den Mann und das Jahr ist um mindestens das 1215 fache zu hoch angegeben.

p. Hof Altenberg bei Wetzlar, 25. Okt. Die hier von der Landwirtschaftskammer errichtete Zuchtstat io n für das Vogelsberger Rind ist, wie bereits mitgeteilt wurde, eingegangen. So weit wir unterrichtet sind, hat die Raffenfrage mit dieser Auflösung absolut nichts zu tun. Denn durch Beitritt zu den von der Kammer gegründeten Sticrhaltungsgenoffenschaften für schweres Fleckvieh kann ja jeder Landwirt auch Siinmentaler Vieh züchten. Der größte Teil unserer Bauersleute im Kreise Wetzlar stimmt aber für das Vogelsberger Vieh, weil der Futtervcrbrauch desselben geringer ist, als bei dem Fleckvieh. Die gen. Zuchtstation soll lediglich aus dem Grunde zur Aufhebung gelaugt sein, weil zwischen der Landwirtschaftskammer und dem derzeitigen Inhaber der Station verschiedenartige nicht auszuglcichcndc Meinungen über die Auslegung des HaltungsvcrtrageS sich ergeben hätten.

cf. Butzbach, 25. Okt. Die Stadt richtet auf der Kugel­hauswiese auf der Alböhn ein Klärbecken für die städti­schen Abwässer ein.

t Lauterbach, 25. Okt. Die Freiherren Riedesel vom 1. Oktober d. I. ab die Gehälter 1 y.r e r B e a m t e n erhöht. Außerdem erhalten die Beamten, die nicht In­haber von Dienstwohnungen sind, Wohnungsgeldzu­schüsse in angemessener Höhe.

(?) Burkhards, 25. Okt. Unser Dorf hat Dele- phonanschluß nach Gedern erhalten.

X. Gonterskirchen, 25. Okt. Hier wurde die 2. Schulstelle errichtet, nachdem die Schülerzahl auf 116 gestiegen war. Die neue Stelle erhielt Lehrer Lenz aus Klein-Linden.

R. B. Darmstaet, 25. Okt. Die Vermählung des Grafen Wilhelm v. Schlitz, gen. v. Görtz, mit der Frciin Eateau Riedesel zu Eisenbach erfolgte heute mittag in der hiesigen Johanniskirchc; auch S. K. H. der Großherzog und der Fürst zu Erbach-Schönberg wohnten dem Trauakt bei. Pfarrer Dingeldey vollzog die kirchliche Einsegnung und legte seiner Predigt dem Text unter: Lasset uns handeln im Lichte des Herrn." Die fünf Braut­jungfern trugen weiße Taffetkteider mit weißen Chiffonhüten rmd rosa Rosen. , Die anmutige junge Braut hatte ein weiß- seidenes weiche? Schleppkleid angelegt. Nach der Einsegnung deS jungen Paares sang Kammersänger Fahr das geist­liche Lied:O Herr der Gnade, steig hernieder". An der Hochzeitstafel, die in den Festräumen des alten Palais statt­fand, nahmen auch S. K. H. der Großherzog und etwa 80 Gäste teil. Folgendes Menu wrkrde serviert: Con- ßomme ä la Begence Barqnettes älarusse Filets de soles ä, la Cond6 Aloyau de boeuf brais6 Supreme de fole gras Ponche ä. la romaine Fai- sans rötis Salade Cardons ä lEspagnole Bombe glace Eclairs au Parmasan Dessert. Im Ver­lauf der Tafel erhob sich der Vater der Braut, Oberstall- tneister Freiherr v. Riedesel Exz., dankte allen Gästen, namentlich S. K. H. dem Großherzog, der durch sein Er­scheinen dem Feste die größte Weihe verliehen und dem Hause dadurch außerordentliche Ehre erwiesen habe, und brachte ein Hoch auf S. K. H. den Großherzog aus. Alsbald er­griff S. K. H. der Großherzog das Wort, führte aus, wie wohl alle Anwesende, habe namentlich er von der Nachricht der Verlobung deS jungen Paares, das hercke fürs Leben vereint wurde, mit großer Freude Kenntnis genommen. Sei e? doch der jungen Gräfin wie auch deren Gemahl ge­rungen, diwch edle Herzensgüte und hohe Charaktereigen­schaften alle für sich zu gewinnen. Ec fühle sich eins mit allen Anwesenden, wenn er der Hoffnung Ausdruck verleihen

möchte, daß dies immer so bleiben möge, daß Glück und Zufriedenheit dem jungen Paare auch dann treu bleiben mögen, wenn schwere Zeiten kommen, die ihm sicher nicht erspart, bleiben, denn <?§ gibt kein Menschenleben, dem immer nur die Sonne scheint. Der kurze herzliche Toast endete mit einem Hoch auf das Brautpaar. Graf zu Schlitz feierte das alte edle Geschlecht der Riedcscl und forderte die anwesenden Mitglieder des Hauses Schlitz-Görtz auf, auf das Wohl de§ Geschlechts der Riedesel zu trinken, das Gott auch in Zu­kunft segnen und erhalten möge. Oberst v. Bernuth, Kommandeur des Gardedrogoner-Regiments, hieß im Namen des Offizicrkorps des Regiments die junge Gräfin in dessen Kreis herzlichst willkommen und toastete auf die jüngste Offiziersgattin des Regiments. Kurz nach 4 Uhr war das Festmahl beendet.

R. B. Darmstadt, 25. Okt. Die Stadtverordneten­versammlung beschloß heute nachmittag mit allen gegen drei Stimmen ein st ä d t i s ch e s H a l l e n s ch w i m m b a d auf dem ehemaligen Mcrckscbcn Fabrikterrain in der Alt­stadt zu errichten. Der. dafür genehmigte Kostenaufwand ist auf 900 000 Mk. berechnet, doch dürsten sich die Ge- samtkosten auf eine Million belaufen. Die Anstalt wird zwei große Schwimmhallen für männliche und weib­liche Schwimmer und eine größere Anzahl Zellen- und Brausebäder enthalten, auch ein H u n d e b a d soll mit vor­gesehen sein. Da die Stadt in nächster Zeit noch ver­schiedene andere kostspielige Projekte durcnzuführen hat, so darf eine Steu er er d ö llun a als bevorstehend be­trachtet werden.

Mainz, 25. Okt. Zu der Affäre im S t a d t t Heater schrieb demM. T." Stadtv. Geb ür sch folgenden Brief:

In der gestrigen Nummer Ihres Blattes finde ich mein Renkonter mit dem allgemein bekannten Herrn Max Weller in sehr einseitiger Weise dargestcllt. Wel­ler verfolgt mich seit zwei Jahren mit seinem Hohn und sucht mich fortgesetzt dem Spotte meiner Mit­bürger preiszugeben. In der letzten Zeit nahmen seine Verhöhnungen derartige Dimensionen an, daß ich die Achtung vor mir selbst verloren hätte, wenn ich nicht dem Unfug, den er mit großem Behagen trieb, endlich ein Ziel gesetzt hätte. ES stand mir kein anderes Mittel, als Selbsthülse, zur Verfügung. Wäre ich zum Kadi gelaufen, so hätte ich mich dem Fluche der Lächer­lichkeit ausgesetzt. Nun aber hat mein Gegner Gelegen­heit, die er, wie Sie selbst schreiben, auch ergreifen wird, mich vor Gericht zu zitieren, wo die Angelegenheit in breitester Oesfentlichkeit ihre Aufklärung finden soll. Es wird sich Herausstellen, daß er mich systematisch in unerträglichster Weise verfolgte, ein Schicksal, das ich übrigens mit zahlreichen ehrenwertesten Persönlichkeiten von Mainz teile. SeinenMehreren Theaterbesuchern, darunter auch zwei Damen", die sich ihm als Zeugen offe­rierten, stelle ich eine Zeugenschar aus allen Kreisen dec hiesigen Bevölkerung gegenüber, die dokumentieren wird und am eigenen Leibe erfahren Ijat, daß Herr Weller keineswegs an dem Vorfall unschuldig ist. Mein Mandat als Stadtverordneter kann nicht Ursache sein, daß ich Beleidigungen und Bosheiten ungestraft ein­stecken muß. Nach dieser Ausfassung wäre jeter Stadt­verordnete vogelfrei und gut genug, Verlästeruugeü und böswilligen Witzen als Zielscheibe zu dienen. Indem ich Sie um umgekürzte Ausnahme dieser Zeilen bitte, zeichne hochachtungsvoll Jakov G e b ü r s ch.

* Mainz, 25. Okt. Die Stadtverordneten be­schlossen die Schaffung der Stelle eines dritten besolde­ten Beigeordneten mit einem Gehalt von 7400 Mk., steigend von drei zu drei Jahren um 500 Mk. bi? zum Höchstgehalt von 9400 Mk. Der Bewerber muß den Be­fähigungsnachweis für den höheren Justiz-oder Verwaltungs­dienst besitzen. Die Stelle soll sofort zur Ausschreibrmg gelangen.

W. Bingerbrück, 25. Okt. Bei der Einfahrt in den Bahnhof Bingerbrück fuhr Schnellzug Nr. 104 heute vormittag bei ganz mäßiger Geschwindigkeit auf eine Ran gierabteilun g. Der Betrieb ist nicht gestört. Der Materialschaden ist unbedeutend; zwei Reisende rind ein Post­schaffner erlitten leichte Verletzringen.

h. Frankfurt a. M., 25. Okt. Bei Ausschachtungs- arbeiten in der 9iähe des Gutleuthofes wrrrden Teile eines menschlichen Skeletts gefunden, welche etwa 30 Jahre in der Erde liegen dürften. Ob hier ein Verbrechen vor­liegt, dürfte die Untersirchung zu ergeben haben. Der 38jährige Kaufmann Otto Schütz, Mainzer Landstraße 68, schoß sich vergangene Nacht zwei Kugeln in den Kopf und starb kurz nach seiner Einlieferrrng in das städt. Kranken­haus. Ein langjähriges Leiden ~foH ihn in den Tod ge- tricbejj haben.

fj Marburg, 25. Olt. Gestern abend beschäftigte sich eine Bürgerversammlung mit der Umwandlung der Pferdebahn zu einer elektrischen Straßenbahn. Man beschloß, den Magistrat zu ersuchen, das Projekt im Auge zu behalten, vorläufig jedoch den Betrieb der Pferde­bahn besser ans^ugestatten. In Schönstabt wurden zwei jugendliche Ausreißer aus Hamm in West­falen festgenommen, die angeblich nach Italien wollten.

** Kleine M i tt e i I " n a c n aus .dessen und den N a ch b a r st a a t e u. Dem Direktor des Saalburgmuseums, Geh. Baurat, Professor Jacobi zu Homburg v. d. H. wurden vom Kaiser die Brillanten zum Kronenorden 2. Klasse verlieben. In Reiskirchen hält nm nächsten Sonntag nachmütag der Flotten- verein eine Versammlung ab, in der Lehrer B u ß aus Großen» Buseck einen Vorlrag über die Erstürmung der Takickorts halten wird. In Eich en rod wurde der seitherige Bürgermeister G v e b mit 15 Stimmen wiedergewähtt. Karl Pevvler I. von Flensungen wurde als Beigeordneter der Geineinde Flen­sungen wiedergewählt und kreisamtlich bestätigt. Mit den Ar­beiten zur Erweiterung des Bahnhoss L a u t e r b a ch - A l t wird demnächst begonnen werden. Der 19jährige Sohn des Gemeinderechners H o r n u n g in D o r n h e i in bat sich infolge fortgesetzter Neckereien, die er von seinen Kameraden wegen eines Liebesverhältnisses zu erdulden hatte, erschossen. -JnErbes- büdesheim stürzte der etwa 80 Jahre alte Privatmann Zimmer die Kellertreppe hinunter und war sofort tot.

Kin setlsttmer Vorgang

beschäftigt die Kriminalpolizei zu Berlin. Die 12 Jahre alte Tochter Frida deS Putzers Gottfried Wagner hat einen etwas gekrümmten Rücken. Sie geht deshalb regelmäßig nach einem Krankenhause, um unter Aufsicht einer Pflege­schwester zu turnen und durch geeignete Hebungen den Fehler zu beseitigen. Bei dem Titrnen oder nachher wird von den Kindern auch gesungen. Als das Mätzchen am Dienstag nachmittag das Krankenhaus verließ, trat eine junge Dame an es heran, sagte ihm, daß es st schön finge, und versprach,

am nächsten Tage um 3 Uhr nachmittags seine Eltern be­suchen zu wollen. Statt dessen erschien die Dame schon am Mittwoch vormittag um 11 Uhr bei Frau Wagner, als ihre Tochter sieh noch in der Schule befand. Sie nannte sich Opernsängerin v. Sassen, zeigte sich entzückt von der Stimme ihrer Tochter und erklärte sich bereit, sie auf ihre eigenen Kosten ausbilden zu lassen. Frau Wagner bedeutete ihr, daß sie erst mit ihrem Manne sprechen müsse. Die Dame entfernte sich und ging ohne Wissen der Frau Wagner nach der 81. Gemeindeschule, die Frieda besucht. Hier stellte sie sich dem Rektor Nürnberg als Tante der Schülerin vor, erzählte, daß sie das Kind seit acht Jahren nicht mehr ge­sehen habe, und bat um die Erlaubnis, es zu sprechen. Auch hier gab sie an, daß sie daS Mädchen im Gesang wolle aus­bilden lassen. Ter Rektor sprach mit dem Gesanglehrer, der ihm bestätigte, daß Frida Wagner eine gute Stimme habe. Der Rektor ließ Frida Wagner rufen. Die Dame reichte dem Mädchen die Hand und beide begrüßten sich, als ob sie sich schon gekannt hätten. Nachdem der Rektor in sein Amts­zimmer zurückgekehrt war, erhielt die Dame von der Lehrerin die Erlaubnis, das Mädchen mitzunehmen, da? sei auch der Wunsch der Mutter. Die Dame fuhr nun mit der Schülerin in einem Straßenbahnwagen bis in die Nähe des Schlosses. Dort stiegen beide aus, gingen um das Schloß herum und begaben sich dann zu einem Zahnarzte, der dem Kinde mit einer süßlich schmeckenden Flüssigkeit das Zahnfleisch unem- findlich machte und ihm dann zwei Vorderzähne zog. Als der Zahnarzt noch drei weitere Zähne ziehen wollte, widersetzte sich das Mädchen und stand auf. Tie Dame meinte, dann sei es auch so gut, und ging mit dem Kinde weg, ohne für die Operation etwas bezahlt zu haben. Beide fuhren jetzt nach dem Kreuzberg und be­suchten einen Friedhof. Dort führte die Dame Frida Wagner an ein Grab, das sie als das Grab ihres Großvaters be­zeichnete. Das Mädchen las auf dem Grabstein auch den Namen Hermann v. Sassen. Vom Friedhöfe begab man sich nach der Lindenstraße. Hier blieb die Dame vor einem Wäschegeschäft stehen, zeigte ihrer Begleiterin schöne Bein­kleider und sagte ihr, daß sie nun auch solche tragen und in einer Equipage fahren werde. Dem Mädchen kamen nun Gedanken, ob das alles wohl mit Einverständnis seiner Eltern geschehe, und wollte nach Hause. Es verabschiedete sich von der Dame und fuhr mit einem Straßenbahnwagen heim. Die Mutter hatte unterdessen vergeblich auf die Rückkehr ihrer Tochter aus der Schule gewartet. Um 1 Uhr war sie hin- gegnngen, um sich zn erkundigen, und hatte erfahren, daß die Dame mit dem Kinde weggegangen war. Sie machte darauf Anzeige. Das Mädchen ist auch heute noch so erschöpft und verwirrt, daß seine Vernehmung schwierig ist. Das Zahn­ziehen soll im Südwelten der Stadt vor sich gegangen sein. Die Straße kann die Kleine nicht angeben. Die Rechnung für die Operation ließ die Dame auf den Namen des Mäd­chens schreiben, ohne zu bezahlen.

Vermachtes.

* Unregelmäßigkeiten in der städtischen Ver­waltung zu Vallendar erfuhren dort in deS Stadtver- ordnetensitzuiig amtliche Bestätigung. Auf Antrag des Stadt­verordneten Bender mürbe ein auf Anordnung der Regier­ungspräsidenten aufgenommenes Protokoll verlesen, das die unglaublichen Vorgänge vollinhaltlich bestätigt, und das auf Verfügung des Regierungspräsidenten bereits 1904 auszugsweise dem damaligen Bürgermeister Kohls geheim mitgeteilt wurde, lieber das Jahr 1900 .wird bereits be­richtet, daß sämtliche Kassenbücher im höchsten Grade unordentlich und nicht lassen mäßig ge­führt werden. Bei vielen Posten fehlen die Einnahme- quittungen, sodaß die wirkliche Jsteinnahme mir sehr schwierig festzustellen ist. Reste aus den Vorjahren wurden nie vor­getragen, weil angeblich daS ResteverzeiHnis verloren ge­gangen sei. Der Steuerempfänger änderte einfach die Kon­trollen ab, der Finalabschluß wurde nie vorschrifts­mäßig gemacht, sodaß der Stadt Vallendar eine Menge Geld verloren geht. In den folgenden Jahren werden die Unregelmäßigkeiten noch schlimmer. Trotz aller dieser Zustände erfolgte 1902 die Wiederwahl des V ärger Meisters Kohls und dessen Bestätigung durch die Koblenzer Regierung. Kohls wurde dann 1904 vom Amt suspendiert. Die Stadtverordneten behielten sich über die zu ergreifenden Schritte die Entscheidung vor.

* D i e neuesten Eisenbahnunfälle. Zwischen der Marchbrücke und der Station Marchegg (Oesterr.) streß ein Gütereilzug mit einem Güte r z u g infolge vor­zeitiger F-reigabe des Semaphors zusammen. Ein Brem­ser wurde getötet, ein Postkondukteur wurde leicht ver- letzt. Die Geleise sind durch die umgestürzten Guterwagen gesperrt, so daß der Orientexpreßzug die Strecke nicht passie­ren konnte. Zwischen den Stationen Tschelhas und Beisong der Noworossijsker Zweiglinie der Wladikaw­kaser Eisenbahn stieß ein Personenzug mit einem Güterzug zusammen. Ein Reisender und ein Va hüben in ter sind getötet, zwei Reisende und meh­rere Bahnbeamte verletzt, ein Gepäckwagen, 2 Wagen dritter Klasse und 27 Güterwagen zertrümmert. Der Zusammen­stoß erfolgte infolge unregelmäßiger Llbfertigung des Gü­terzuges. -

Ein Duell zwischen Anwalt und Richter. In einem Prozeß zwischen dem Allgemeinen Bürgervereiu und dem Städtischen Verein in Greiz, der Hauptstadt von Neuß ä. L., der vor einiger Zeit daS Gericht beschäftigt?, hatte der Rechtsanwalt der einen Partei einen Assessor als Vorsitzenden abgelehnt mit der Begründung, daß der jüngste Assessor gegenüber dem mitangeklagten Kom­missionsrat Jahn, der einen großen Einfluß auf die Landes­regierung ausübe, seiner Ansicht nach nicht ganz unpar­teiisch werde sein können. DaS Gericht hatte damals den Antrag des Anwalts abgelehnt. Jetzt scheint die Angelegen­heit noch ein persönliches Nachspiel gehabt zn haben, do zwischen dem Rechtsanwalt und dem seinerzeit als Richter fungierenden Assessor ein Säbelduell in Leipzig stattgefunden hat, bei dem der Assessor einen Gesichtshieb erhielt, der Rechtsanwalt unverletzt blieb.

* Kleine Taaeschronik In Dortmund wurden bei den Materialienliesenmaen auf dem Eisen- und Stahlwerk Hosch U n t e r s ch l e i f e in Höhe von etwa 6 0 0 00 M k. ermittelt. Tie Behörden nahmen bereits bei einem Dortmunder Lieferanten Haussuchungen vor und beschlagnahmten sämtliche Bücher. In M ü n ch e n wurden die beiden Töchter der Glockengießersmitwe

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