Ausgabe 
22.11.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 275

r| dj eint tafl(td) aufoer Sonntage.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechiel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Familien, blätter viermal m der Woche beigelegL

Rolattonsdruck u. Ver­lag der Brü h l'schen Unwers.-Buch-u.Slein- bruderet. 8t Lang«. Rehafhon, Ervedttio« und Druderet:

Echnlstraße 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exved.^Abl Adresse für Deoeschen:

Anzeiger Gießen.

Donnerstag 22. November 1906

156. Jahrgang

Erstes Blatt

Ve-ngspret»» nionathd)75'13i^Dtettel* iährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch diePost Tff.2.viertel- sährl. ansschl. Bestellg. Annahme von Anzeige, für bie Lage-nummer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpretS: total 12'CtN OuSroärta 20 Ptg.

Verantwortlich füt den poliL und aUgem. Teil: P. Witiko: tüe .Stadt und tianb" und .GerichtsiaalV Ernst Heb. für den An­zeigenteil: HanS Sei,

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen

Iie heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.

politische Tagesschau.

Die Anfrage der Abgg. Neinhart und Genossen betreffend die Bestätigung des Herrn Eißnert zum Bei­geordneten der Stadt Offenbach ist uns heute im Wortlaut zugegangen. Man lese:

Die Bestätigung des der sozialdemokratischen Partei ange­hörenden Herrn Eißnert zum Beigeordneten der Stadt Offenbach hat m weiten Kreisen deö Landes nicht allem Aussehen erregt, solidem auch zu den ernstesten Bedenken Veranlassung gegeben. Ter Verlaus der Versammlung am 4. November l. Js. in Darm­stadt hat hierfür einen untrüglichen Beweis geliefert ES ist das erste mal, daß eine Magistratsperson bestätigt wurde, die einer Partei angehört, welche offen die jeßige Staats- und Gesellschafts­ordnung betämpst und auf deren Beseitigung hinarbeuet So sehr die A u f f a s f u n g ber Regierung, daß bei der Bestätigung nicht die politische Parteiangehörigkeit von Einfluß sein kann, a n z u e r k e n n e n ist, so erregt doch die Anwendung dieses Grundsatzes die größten Bedenken bei einer Partei, die sich selbst außerhalb der gegebenen Staats- und Ge­sellschaftsordnung stellt. Wir können uns mit der getroffenen Ent­scheidung, welche in den weuesien Kreisen der Bevölkerung leb- Halles Bedauern erregt hat, nicht einverstanden erklären und stellen die Anfrage an die Großh. Regierung:

Welche Grunde haben Veranlassung gegeben, in dieser Frage eine prinzipielle Aenderung in der seitherigen Stellungnahme eimreten zu lassen?

Reinhart. Auler. Best Braun. Breimer. Diehl. Finger. Dr. Glässing. Haas. Tr. Hetdenreich. Lang. Dr. Osann. Pitt- han. Schönberger. Seelinger. Ullmann.

Von ausgesprochenen Nationalsiberalen fehlt, was zu­nächst auffällt, der Name des oberhess. Abg. S töpler. Die nat.-lib. Landtagsfraktion ist also nicht einmal vollzählig in ihrer Regierungs-Opposition. Auffallender aber ist doch im Vergleich mit der Darmstädter Versammlung, der es in ihrer Tonart radikalsten Agllationsmeetings gleichzükommen aufs vollkommenste gelang, die sehr gemäßigte Sprache der Anfrage, in der es sogar nicht an einer Verbeugung vor dem Ministerium fehlt. ES wird also auch im Lager der rechts abschwenkenden Opposition nichts mehr so heiß gegeffen, als es gekocht wurde. Daß die .ernstesten" und ,größten Be- denken" bei den Unterzeichnern der Anfrage immer noch vor» liegen, daran wollen wir durchaus nicht zweifeln. Von einer .Entrüstung" ist aber auch heute in diesen Kreisen keine Rede mehr. Und so wird denn wohl nach abermals einigen Tagen die Tonart in der Kammer noch um ein Er­hebliches gedämpfter und zurückhaltender werden. Wozu also am 4. jener blinde Lärm?

Aus Darmstadt wird uns heute geschrieben:

Sicherem Vernehmen nach wird die E r st e K a m m e r der L a n d st ä n d e am 26. November zu einer Plenarsitzung zusammen- ireten, deren einziger B e r a l u n g s g e g e n st a n d die An­gelegenheit Eißnert bilden wird. Tie Beratung über diesen Gegenstand wird jedoch wohl vertraulich sein, bei welcher die Oeffenttichkeit und auch die Presse ausgeschlossen werden kann. Tie Abhaltung einer öffentlichen Plenarsitzung der Kammer ist alsdann für einen späteren Tag derselben Woche in Aussicht genommen.

Eine Plenarsitzung der Ersten Kammer unter Ausschluß b e r O e f s e n t l i ch k e i t hat schon seit einer Reihe von Jahren in Hessen nicht mehr st a t t g e f u n d e n. Sie ist aber nach der landständischen Geschäftsordnung zulässig, denn Art. 88 derselben bestimmt: Ein Ausschluß der Zuhörer findet stall: 1. wenn dies von der Regierung wegen der von ihr der Kammer zu machenden Eröffnungen, sei es für diese Eröffnungen allein als auch für bie darüber stattfindende Beratung und Ab­stimmung verlangt wird, und 2. wenn bie Abhaltung einer ver­traulichen Sitzung von ber Regierung in anderen, als in den unter 1 bezeichneten Fallen, ober von wenigstens 10 Ranunennitgliebern ober von dem einschlägigen Ausschuffe beantragt wirb und bie Kammer den Antrag für begründet erkennt. Während ber Beratung über einen solchen Antrag sind bie Zuhörer vorläufig zu entfernen. -

Tie Organe ber Regierung sind von keiner vertrau­lichen Sitzung ausgeschlossen. Daß ein solcher Antrag auf Ausschluß ber Oeffentlichkeit Annahme finben wird, ist wohl zweifellos. Tie Kammer bürite sich bemnach auf eine allgemeinere Besprechung ber Angelegenheit beschränken uub von ber Stellung einer besonderen Interpellation Abstcmb nehmen.

Auch wir glauben gern, baß die Herren der Ersten Kammer die gesamte Oeffentlichkeit ausschließen werden, wenn, was nach dieser Zuschrift anzunehmen ist, der Antrag, wohl von Seiten deö Herrn Baron v. Heyl, gestellt werden wird. Daß aber diese Heimlichkeit im ganzen Lande den übelsten Eindruck machen wird, steht gleichfalls außer aller Frage.

Von der Bergarbeiterbewegung.

Essen (Ruhr), 21. November.

Heute traf hier die Revierkonferenz der Berg­arbeiterverbände zusammen, und zwar auS dem Nuhr- revier, einem Teile des Saarreviers, dem Braunkohlenreoier und dem Wurmrevier. Auf der Tagesordnung stand die Beratung über die aufzustellende Lohnsiatistlk seitens der Ver­bände und über das eventuelle Vorgehen ber vereinigten Verbände in der Lohnfrage. Nach stundenlanger Debatte wurde folgende von den Verbänden vorgeschlagene Resolu­tion mit allen gegen fünf Stimmen angenommen:

In Erwägung, daß die öffentliche Meinung durch die den Ausschüffen niitflfteiltcn falschen Lohnlisten der BergwerlSdesitzer zur Zett nregesührt worden ist, in weiterer Erwägung, daß durch Die bevorstehenden Weih- nachtstage viele Kameraden von einem etwaigen sofortigen Streike abgehaiten werden dürften, und ferner auch, daß durch Die für November und Dezember vielfach versprochenen Lohnaufbesser­ungen sehr viele sich irreführen lassen werden, raten wir, zuerst Die von Den Organisationen veranstalteten Lohnstatistiken für das letzte Halbjahr abzn warten, ehe eine folgenschwere Entscheidung ge­troffen wird. Nach Fertigstellung der Statnnkn haben Die Siebener- kommission und die BerbanDsvorstände sofort die nötigen Schritte zu tun. Die gestellten Forderungen werden voll und ganz aus- rechterhalten. Die Konferenz ist überzeugt, daß dieselben angesichts der von dem Kohlensyndikate deschloffenen Kohlenpreiserhöhung ad 1. April eher zu niedrig als zu hoch sind.

Alsdann trat bie Versammlung in bie Besprechung bes morgen tm Reichstage zur Beratung kommenben Gesetzes über bie Rechtsfähigkeit ber Berufsvereine ein. ReichstagSabg. Sachse referierte hierüber, worauf sich bie Versammelten bahin erklärten, baß sie sich mit bem Gesetz in ber vorliegenben Gestalt nicht bef reunb en könnten.

Aus S.aot uno x.ano»

Sprechstunden ber ü .w.. : 1 . *Vs 8 Uhr abbs.

Gießen, ben 22. November 1906.

** Bom Großh. Hose. Die Fürstin zu Solms- Hohe nsolms-Lich ist am Dienstag abend zu Besuch im Weuen Palais zu Darmstadt eingetroffen.

** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben die Ministierialsekretäre bei dem Ministerium des Innern Paul Hechler, Gust. Spam er und Dr. Paul Wörner zu ständigen Hilfsarbeitern bei dem genannten Ministerium, unter Verleihung des Charakters als Regierungs­rat", den Ministerialreoisor bei der Buchhaltung der Ministerien des Innern und der Justiz G. Metzger unter Belassung seines Titels zum Assistenten bei dem Sekretariat des Ministeriums des Innern -ernannt, den von den Freiherren v. Gemmingen auf die evang. Pfarrstelle zu Fränkisch-Crumbach präsentierten Pfarrvermalter Theod. Mei sing er zu Nieder-Modau bestätigt, und den Ne- gierungSassessor Ferd. Kirnberger aus Mainz zum Feld­bereinigungskommissär mit dem AmtstitelKreiSamtmann" ernannt.

* I n Audienz empfangen wurde von S. K. H. dem Großherzog am Dienstag der Gründer des Insel-Verlags und Herausgeber der Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe deutscher Klassiker, Alfred Walter Heymel aus Bremen, am Mittwoch u. a. der Maler und Schrift­steller Stoß köpf von Straßburg, Hofjunker Freiherr Löw von und zu Steinfurth und der Forstmeister Landtagsabg. Dr. Weber von KonradSdorf.

Folgende Aenderungen in der Postordnung treten am 1. Dez. in Kraft. Briefsendungen mit Nach- nähme ausgenommen solche mit dem Vermerke ,Durch Eilboten" oder .Postlagernd" werden an Sonntagen und allgemeinen Feiertagen nicht zur Einlösung vorgezeigt. Bei der Abtragung nach dem Landbestellbezirke werden für Postanweisungen nebst ben Geldbeträgen und für Briefe mit Wertangabe 5 Pfg., für gewöhnliche Pakete, Einschreib, pakete und Pakete mit Wertangabe bis zum Gewichte von 21/, Kgr. einschließlich 10 Pfg. und für Pakete von höherem Gewichte 20 Pfg. für das Stück erhoben. Die Bestellgebühr für Postanweisungen kommt auch bann zur Erhebung, wenn Die Geldbeträge auf ein Girokonto ber Reichsbank überwiesen werden.

* Die genauen Ergebnisse ber letzten Volks­zählung. Die Volkszählung vom 1. Dez. 1905 hat nach ben soeben erschienenen Mitteilungen ber Großh. Zentrale für die LandeSItalistik für daS Großherzogtum eine Bevölkerung von 1 209176 Einwohnern und eine Zunahme von 90196 Bewohnern ergeben, das sind 8,2 Proz. Die größte Zu- nähme hat der Kreis Offenbach mit 20187 E., das sind nahe 14 Proz., bie geringste ber KreiS Oppenheim mit 600 E., das sind 1,3 Proz., gehabt; ber größte KreiS Hessens ist natürlich Mainz mit 161877 E., ber kleinste Schotten mit 27 043 E. In Oberhessen sind die Kreise nach Einwohner­zahl geordnet: 1. Gießen 88476; 2. Friedberg 77 426; 3. Büdingen 40 587 ; 4. Alsfeid 86 908; 6. Lauterbach 29186; 6. Schotten 27 043. Der Zunahme nach folgen bie Kreise: 1. Gießen 6560; 2. Friedberg 4752; 3. Bübingen 1665; 4. Schotten 705; 5. AlSfelb 628; 6. Lauterbach 608. Nach Prozenten georbnet: Gießen 8 Proz., Frieoberg 6,7 Proz., Bübingen 4 Proz., Schotten 2,7 Proz., AlSfelb 1,7 Proz., Lauterbach 1,6 Proz. In ber Provinz Oberheffen beträgt bie Gesamtzahl ber Bewohner 296 566, die Zunahme seit 1900 14 708 ober 6,2 Proz. Der räumlich größte KreiS beL Großherzogtums Hessen ist ber Kreis AlSfelb.

** Evangelischer Bunb. Das Winterprogramm der hiesigen Ortsgruppe wird zwei Familien-Abende umfassen. Der erste soll am 9. Dez. stattfinden. Als Redner ist der bestens bekannte und beliebte Pfarrer D. Dr. Diehl-Hirsch­horn gewonnen. Sein Thema lautet: ,Joh. Balthasar SchuppiuS von Gießen in seiner Bedeutung für die hessische evangelische Kirche." Der zweite Familien-Abend wirb am 13. Januar gehalten werben. Rebner unb Thema werden später bekannt gegeben.

Lau da ch, 21. Nov. Durch ben Wahlkommiffär Herrn Cloos aus Nidda wurde gestern nachmittag bie Neu­wahl zur Han bels kämm er der Kreise Jriebberg-Büdingen- Schotten auf bem hiesigen Rathause abgehalten. Es be­teiligten sich etwa 75 Proz. bet hiesigen Wahlberechtigten. Der bisherige Vertreter Kaufmann Rubvlf Rittet wurde einstimmig wieder gewählt.

8 Herborn, 20. Nov. Unserem Städtchen steht eine schöne Weihnachtsgabe bevor, indem das neue Bahn­hofsgebäude am 2 4. Dezember seiner Bestimmung übergeben werden soll. Seine Betriebnahme war schon für

Gieszeuer Stadttheater.

CharleYS Taute.

Seit 15 Jahren etwa ist Englands neuzeitliche Bühnen» litteratur den deutschen Theatern nicht mehr fremd, unb Oskar Wildes wie Vernarb Shaws geistreiche dramatische Werke gehören heute zu den auf deutschen Bühnen am meisten ge­zielten Stücken. Das unbestreitbare Verdienst, daß die deutschen Bühnenleiter ihre Augen recht aufmerksam nach dem Jnselreiche jenseits beS Kanals zu richten begannen, hat ein Mann, von dem man sichs am wenigsten versehen hätte, Adolf Ernst, deffen Theaterchen im tiefsten und dunkelsten Südosten Berlins lag. Er war es, der .Charleys Tante", diese Londoner Burleske, nach Deutschland importierte. Sie machte ihn zu einem reichen Manne, so baß er, ber einstige Theologe, schon nach wenigen Jahren einer ungewöhnlich be- beutenben klingenden Gewinn bringenden Theateriinternehrner- Laufbahn vor einem Jahrzehnt nach der 450. Aufführung dieser Burleske von ber Bühne scheiben konnte. Der Kaiser hat in der ersten Hälfte ber 90er Jahre wiederholt die Schauspieler- truppe des Adolf Ernst-Theater aus Berlin nach bem Neuen Palais bei Potsdam rufen lassen, um sich an »Charleys Dante" zu ergötzen. Sie hat dann ihre Runde über fast alle deutschen Bühnen gemacht, dis sie dann wieder in ben Theaterarchiven verdientermaßen entschlummerte. Jetzt hat sie Büller, ber reisende Bühnenhumorist, für Deutschlands Bühnen zu neuem kurzen Leben erweckt.

Da sie heute wohl von allen längst vergessen ist, so wirkt sie fast wieder wie eine Novität.

Der altenglische, gelenke Clown erscheint, wirbelt im Rad ^erum. macht allerlei Ulf von mutwilligster Sorte und anspruchs­

los, wie er gefoimneh, verabschiedet sich der Spaßmacher. Das war seinerzeit etwas Neues in Deutschland, wo man des damaligen, aus Anno Toback übernommenen Bühnenspaß­machers mit seinen faden Couplets, seiner Verherrlichung aller herrschenden Philistrosität in Staat und Stadt nach­gerade überdrüssig geworden war. .Charleys Tante" be­deutete immerhin für die deutsche Bühne ein Sichlossagen von dem Possen-Unsinn, der osl unverschämt genug war, etwas gelten zu wollen. .Charleys Tante" gleicht dem Pickel- Häring, der nichts anderes sein will als eben ber Pickelhärmg.

Hanblung ist nicht viel vorhanden, und es gibt ein paar Stellen, in denen Erzählung langweilt. Das hindert aber mcht, baß ein großer Teil der drei Akte von höchst spaßhaften Vorgängen ausgefüllt wird, bie mit zwingender Gewalt auf das Zwerchfell wirken.

Alle Figuren gruppieren sich um die Hauptrolle der falschen Tante. Diese Rolle stellt aber auch besonders große Anforderungen an die Gewandtheit unb Sicherheit bes Dar­stellers. Der gestrige Darsteller, Herr Büller, entfesselte dröhnende Lachsalven. Was der größte Vorzug ist seiner geradezu überwältigend komischen Darstellung von Charleys Tante aus dem Lande, ,roo die Affen her- und hinkommen", daS ist das aus erlesenem Taktgefühl heraus gebildete rechte Maßhalten. Aiis ber niederen Kunstform der dem Panto­mimischen kaum entwachsenen Burleske hob Herr Büller Charleys Tante" zu einer Komödie von ungeheurer Drollig­keit. Weit entfernt, in groteske HanSwurstmanieren zu ver­fallen, beiuegte er sich in dem würdigen schwarzen AtlaSkleide nut dem weißen Spitzenbehang ganz wie eine liebenswürdige Matrone im intimen Salon zu unserer lieben alten Groß­mütter seligen Zeiten. Eine nette und honnette alte Dame

von äußerst sympathischem und gewinnendem, ja geradezu bestrickendem Aeußeren, so stolzierte Herr Büller auf unserer Bühne umher, als wandelte er stets mnknistert von seidenen Gewändern. Der breite Haarscheitel nebst Haube steht ihm ganz unwiderstehlich gut zu Gesicht. Und dazu sein geradezu horrend komisches Mienenspiel! Sein holder Augenaufschlag, fein zimperliches Schmollen und alle seine anderen weiblichen Toilettekunststückchen! Aufs getreueste ist es abgelauscht unseren lieben guten alten Tanten, die mit wohlerzogener Gefallsüchtigkeit ihre zarten und weichen Gefühlchen so hübsch zu verzieren verstanden, daß ihre leicht affektierte, aber an­mutige Förmlichkeit doch immer etwas LiebeS behielt. Ihr ganzes Wesen hatte etwas von der Art und Tonart deS sanft säuselnden Spinetts, dem sie ihre Herzbeschwerdelein anver- trauten. Und Spinett spielte gestern mimisch mit unvergleich. barer und schier unerreichbarer Virtuosität Herr Büller. Und wenn er dann als Unbeobachteter in sein Männliches hinüber- griff, oder wenn er z. B. gar als Zigarrenraucher ertappt seine Taschenspielerkünste zeigte und die brennende Zigarre ver­schwinden ließ, bann prusteten die Leute im Parkett unb in Den Logen aus vollem Halse und vergaßen alle Sorge, die sie am Tage gedrückt hatte. Auch so toll maskiert erfüllt die Kunst ihr Trösteramt, unb ihre Scherze, bie wie Knallerbsen explodieren, werden in Büllers Darreichung vielen unvergeßlich bleiben.

In ihrer brav bürgerlichen Ehrsamkeit mißlang eS leibet den meisten unserer heimischen Darsteller, mit Herrn Büller in den Gefilden des Pickelhärings das Heil zu finden. Her, Reimer meinte z. B., ein Baron müsse so steif wie ein Besenstiel, em ehemaliger indischer Offizier mit Wachtmeister- sicher Bramarbasene gespielt werden. Ich habe Herrn