Nr. 47
Erstes Blatt
1S6. Jahrgang
Samstag 24. Februar 1906
Erschein« »ügttch miiiet SonniaaS.
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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^ie yentize Kummer umfatzt 13 ScLtcn.
Jht östcrreiHijche Wah refocm.
Wien, 23. Febr.
Tie Regierung brachte heute fi'mf Gesetzentwürfe bett, bie Parlamentsresorm ein. Tie Entwürfe bestimmen im wesentlichen folgendes: Tie Mitglieder des Herrenhauses können inS Abgeordnetenhaus gewählt werden. Tie Mitgliedschaft des Herrenhauses ruht aber während des Abgeordnetenmandates. Tie Zahl der Abgeordneten beträgt 455. Tas aktive Wahlrecht steht jedem über 24 Jahre alten Staatsbürger ru, der seit mindestens einem Jahre seinen Wohnor^ m einer österreichischen Gemeinde hat, das Massive Wahlrecht hat jeder, der 30 Jahre alt ist und seit Mindestens drei Jahren österreichischer Staatsbürger ist.
Die Wahlreform wird künftig voraussichtlich folgendes ergeben: 205 deutsche Abgeordnete, 230 Slawen, 16 Italiener, 4 Rumänen. Im Abgeordneten Hause wurde die «Ankündigung der Gesetzentwürfe betr. den Schutz der Wahlfreiheit mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Ter Ministerpräsident erklärte: Selbst, wenn die eine oder die andere Parrei geringfügige, frafvf-’nmäfitge Verluste erlitte, würden diese Verluste reichlich aufaewogen durch die Kräftigung, die darin liege, daß die Parieren zukünftig nicht durch Rechtsschranken von der großen Masse getrennt und dass ihre Mandate insgesamt auf dem Bvoen des gleichen Recht- ersrritten und gewissermaßen vom ganzen Volke erteilt fein würden. (Stürmische Unterbrechungen. Beifall. Händeklatschen.) Ter Ministerpräsident führt die Gründe ftir die hierfür durchgeführte Trennung zwischen Stadt und Land an, wodurch die sozialen Gegensätze für die Reichsratswahl wesentlich gemildert werden sollen. Angesichts der Möglichkeit einer größeren Agitation infolge des allgemeinen Stimmrechts und der beträchtlichen Vermehrung der Wahlbezirke, wodurch auch die Agitationszentren vermehrt werden, sowie angesichts des zu erwartenden Hervortreteus von scharfen sozialen Gegensätzen bei den Wahlen entschloß sich die Regierung, scharfe gesetzliche Maßregeln behufs Vermeidung jeder Form von illoyalem und terroristischem Einwirken auf die Wählerschaft vorzuschlngen. Tie Regierung wird feiner in den Bahnen des Gesetzes sich vollziehenden Varteiagitation hindernd in den Weg treten, toul aber, daß die Wahlen nicht allein allgemein sind, sondern, daß sie auch frei bleiben. (Lebhafter Beifall.) D^r Mlnisterpräsioent glaubt besnmmt, behaupten zu können, daß die Wahlreform nicht im Interesse irgend einer Partei unternommen sei, am allerwenigsten im Interesse der sozialdemokrat. Partei. Sie entsprang der Notwendigkeit, das Parlament auf festere Grundlagen zu stellen, als bisher. (Lebhafter Beifalb) Wenn aber stets vorgebracht wird, den eigentlichen Vorteil werde doch die Sozialdemokratie davontragen, so erwidere er: Wenn man die Sozialdemokratie ernstlich bekampien will, mußmanihrdie wir ksam ft e W a f f e entwinden, nämlich die Anklage gegen den Staat, daß die minderbemittelten Klassen in -ihren wirtschaftlichen Rechten verkürzt iverden. Hat die Sozialdemokratie diese wirksame Waffe nicht mehr, dann kann oct Kampf gegen sie, wenn die Pfl'cht uns ihn auferlegen sollte, vom Boden des gleichen Rechts aus viel erfolgreicher geführt werden. (Lebhafter Beifall.) Wenn die jetzigen politischen Klassen für Reform stimmen, dann werden sie das Bewußtsein haben, beigetragen zu haben zu einem großen politischen Fortschritt, aber auch zum sozialen Frieden. (Lebhafter Beifall.) Der Ministerpräsident erwarte von der Refoirn des österreichischen Parlaments auf dem Boden des gleichen Rechts für alle nur gutes. (Beifall.) Wenn ich unterliege, werde ich mit dem Bewußtsein fallen, kein nutzloses Opfer gebracht zu haben. (Beifall.) Personen gehen, Ideen bleiben. Mein Sturz ist nicht der Sturz der Wahlreform. (Anhaltender, lebhafter Beifall. Händeklatschen. Höhnische Zurufe der Alldeutschen.) Ter Ministerpräsident wird beglückwünscht..
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Die Deutschen werden also nach dem sonst so vortresf- kichen Wahlgesetzentwurfe des einsichtsvollen und wahrhaft liberalen Herrn v. Gautsch 205 Sitze haben, die Nicht- d eutschen um 50 mehr. Freilich, Herr v. Gautsch hat manchen Entschuldigungsgrund, wenn er sich in Zukunft lieber auf die nichtdeutschen Parteien stützen will — die .Deutschen haben es manchmal gar zu bunt getrieben. Was sich z. B. Schönerer in der letzten Zeit geleistet bat, geht über alle Begriffe. Und auch sonst fanden die oeutscben Parteien leider ihren Hauptzweck in der gegenseitigen Befehdung und nicht im Zusammenschluß gegen die tschechische Gefahr. Die wirklichen Deutschen Oesterreichs haben es längst aufgegeben, im Parlament etwas durch)etzen zu wollen; sie halten sich an die Schule und wirken im Stillen für das Deutschtum.__________
In Algeciras
sind jetzt Italien und die Vereinigten Staaten an der Vei> mittlungSarbeit. Nach der Meinung Berliner politischer Kreise wird am ersten von der Vermittlung der Vereinigten Staaten ein Erfolg zu erwarten sein, da die amerikanische Negierung dec Bank- und Polizeifrage unabhängiger gegenübersteht, als Italien, das durch die Rücksichten auf die französische Freundschaft unwillkürlich beeinflußt wird. Die Vereinigten Staaten können das Problem resoluter und praktischer anfassen, ohne zu behutsame Schonung der französischen Empfindlichkeit.
Der Ministerpräsident Nouvier gab am Freitag in der französischen Kammer die Erklärung ab, daß die Regierung jederzeit zur Diskussion bereit sei, sobald die.Konferenz in Algeciras ihre Arbeiten beendet habe. Heute könne
er ohne schwere Unzulräglichkeiten an einer Debatte nicht teilnehmen. Die Regierung habe ihre Ansicht über die Interessen Frankreichs in Marokko nicht geändert. Die Kammer dürfe überzeugt sein, daß die Negierung die Jnte- resien Frankreichs wahren werde. Auf einen Zwischenruf von Iauräs bemerkte Rouvier: Sie wißen, daß die französischen Zeitungen unabhängig sind. Jauräs erwidert: Sie sagen damit, daß, wenn der .Ternps" einen Artikel mit der Ueberschrift „L’accord impossible“ veröffentlicht, die Regierung dabei in keiner Weise ihre Hand im Spiel hat. Ich danke Ihnen. (Bewegung.) Jaurßs fährt fort: Warum in der Tat können wir nicht auf eine glückliche Lösung durch die Konferenz hoffen, wenn wir versichern, daß wir entschlossen sind, unter Wahrung unserer Ehre an der Auf- reckier Haltung d"s Friedens zu cn-beicen. Ich sage nicht, daß uns Deutschland unser Vorhaben erleichtert hat, d das offizielle Deutschland unsere Bemühungen zu ein . Verständigung zu gelangen, unterstützt Hal, daß es nicht ein Anrecht gehabt bat, feinen Standpunkt nicht genau darzulegeu, aber wenn es beabsichtigte, uns durch diese Unversöhnlichkeit von der englischen Freundschaft abzu- bringen, würden w>r es anssp-rechen, daß wir die englische Freundschaft cus ein Mittel ansehen, d?n Frieden zu erhalten, uni) daß wir davon nicht ab* gehen. Es wäce ein Wahnsinn, ein Verbrechen, wenn sieh zwei große Länder aufeinander stürzen würden um diese elende Marokko frage. Er könne daran nicht glauben. (Befall auf der Linken. Bewegung.)
Deutsches Nerch.
Berlin, 23. Febr. Wie verlautet, soll auf Wunsch deS Kaisers im Grünewald am Jagdschloß ein Terrain von etwa 500 Morgen von dem übrigen Waldgebiet getrennt und eingezäunt werden. Dieser Teil des Grunewaldes soll einen Erholungspark für die kaiserliche Familie bilden. Es ist mit Landoermesiungsarbeiten begonnen worden.
— König Oskar von Schweden empfing heute nachmittag den Besuch deS Reichskanzlers Fürsten Bülow uA erwiderte ihn später. Zu Ehren des Königs fand heute abend im Schloße Tafel statt. Anwesend waren die Prinzen, der Reichskanzler, der schwedische Gesandte und das Gefolge des Königs. <
— Der BundeSrat nahm gestern einen 5. Nachtragsetat zum NeichShaushaltsetat für 1906 an. Er enthält 188 000 Mark zur Erhöhung deS kaiserlichen Dispositionsfonds für Gnadenbewilligungen aller Art. Es handelt sich um eine weitere Entlastung deS In- validenfondS. Die Mittel sollen durch Matrikular- b ei träge ausgebracht werden.
Dresden, 23. Febr. Die Regierungsvorlage zur Reform der Ersten Kammer, die vorsieht, diese Kammer um fünf Mitglieder aus Industrie, Handel und Gewerbe zu vermehren, wurde heute von der Ersten Kammer angenommen. Abgelehnt wurde dec Antrag der Deputation der Ersten Kammer, den Entwurf dahin abzuandern, daß die vereinigten Handelskammern für vier lebenslängliche Sitze je drei Personen dem Könige Vorschlägen und die vereinigten Gewerbekammern für einen Sitz.
— Die parlamentarische Wahlrechts kommission erklärte sich in ihrer letzten Sitzung griindsätzlich für die allgemeine Wahl und geheime Stimmabgabe.
Gotha, 23. Febr. Der gemeinschaftliche Landtag lehnte gegen die 6 Stimmen der Sozialdemokraten deren Antrag ab, das Ministerium wegen der Richtbestä- tigung sozialdemokr. Gemeindebeamten unter die Anklage der VerfassimgSverletzung zu stellen.
München, 23. Febr. Die Kammer der ReichSräte nahm heute das Landtagsmahlgesetz ohne Diskussion in zweiter Lesung einstimmig an.
Heer rrsrd Flotte.
— Generaloberst v. Wittich, früher Kommandeur des 11. Armeekorps, ist in Würzburg gestorben.
Ausland.
London, 23. Febr. Nach einer Meldung auS Peking ist der chinesische Hof ernstlich beunruhigt über die Möglichkeit eines großen fremdenfeindlichen Aufstandes. Gestern abend hat die deutsche Gesandtschaft in Peking alle militärische Wachen verdoppeln lassen. Andere Gesandtschaften haben ähnliche Vorsichtsmaßregeln getroffen. In allen Straßen der chinesischen Hauptstadt wurden groß? Plakate angeschlagen, in welchen die Bevölkerung ausgefordert wird, alle Ausländer in China zn ermorden.
Amsterdam, 23. Febr. Eine eigentümliche Broschüre ist hier erschienen. Der unbekannte Autor schlägt vor, bei der demnächst vorzunehmenden VersaffungSrevision Holland in eine Republik zu verwandeln, bei der vorläufig die Königin Präsidentin werden, spater aber kein Fürst zu diesem Amte zugelaffen werden soll. Ferner wird gleiches und allgemeines Wahlrecht für Männer und Frauen gefordert. Die Broschüre ist als Symptom für die Befürchtungen, die sich an die Kinderlosigkeit der Königin und die eventuelle einstige Ueberfragung des Thrones an einen fremden kleinen Fürsten knüpfen, bemerkenswert.
Paris, 23. Febr. Der Ministerrat nahm ein Amendement zum Kriegsbudget an, durch den die UebungS- zeit der Reserve und der Territorialarmee auf 21- und
achttägige Hebungen herabgesetzt wird. Der Marine- miniftcr teilte mit, daß er im Parlament um die Ermächtigung zum Bau von drei neuen Panzern zu 18000 Sa nachsuchen werde.
Rom, 23. Febr. Der König hat bestimmt, daß die sich auf jährlich 300 000 Lire belaufenden Einkünfte der Domänen Tombolo und Zoltano, die von ihm dem internationalen Ackerbauinstitut überwiesen worden sind, vom 1. Juli 1905 ab an die königliche Kommission für dieses Institut verabfolgt werden. Die Kommission beschloß, diese Summe zur Erbauung eines A cke r ba u insti tu t- Pa la steS zu verwenden, der 1907 beendet sein soll.
Konstantinopel, 23. Febr. Die Geheimpolizei entdeckte in der Vorstadt Synatri in einem armenischen Hause eine Anzahl fertige Bomben und große Mengen Dynamit sowie einen ausführlichen Plan für ein Attentat auf den Sultan.
Chikago, 23. Febr. Kriegssckretär Taft hielt gestern eine Ansprache, in der er die Bildung einer starken Arm t e, insbesondere zur Aufrechterhaltung der Monroedoktrin empfahl, da diese die Grenzen der Vereinigten Staaten weit über ihre tatsächlichen Grenzen hinaus bis zu den Inseln Zentral- aiuecikaS, dem Golf von Mexiko und sogar bis zur Sierra del Fnlgo hinauSschicbe.
Nutzland.
Betreffs des gestern von der PeterSb. Tel.-Ag. verbreiteten Artikels wird heute von autorisierter Stelle mitgeteilt, daß die extremen Mittel, von denen der Artikel spricht, und zu denen behufs Deckung des Budgetdefizits gegriffen werden wird, nur in einer Kreditoperation bestehen können. Die Finanzlage Rußlands habe sich merklich gebessert und fahre in der Befferung fort in dem Maße, wie die Beruhigung deS Landes fortschreite, wie daS auch der Artikel konstatiert, aber trotzdem sei es leicht zu verstehen, daß die Bedingungen der neuen Kredit- overation nicht vorteilhaft sein könnten und jedenfalls drückender sein werden, als die vor dem Kriege gestellten.
Die Regierung ist, trotz dieser ofsiziösen Versicherung, gegenüber den in einer ganzen Anzahl Gouvernements drohenden Ba u ern u n ru hen völlig ratlos. Es liegt auf der Hand, daß die Truppen einem so gewaltigen Bauern- aufruhr in keiner Weise beizukommen vermögen. Der Finanz-- Minister ließ deshalb durch Steuer-Inspektoren den Gutsbesitzern in den bedrohten Gegenden mitteilen, sie möchten ihre Ländereien an die Bauern verkaufen und selbst fort ziehen. DaS wäre das einzige Mittel, um ihr Leben und ihr Hab und Gut zu retten sowie einen Teil des Reiche» vor völliger Verwüstung zu bewahren.
In Petersburg steht ein großer Sensations-Prozeß bevor. Es handelt sich um Fälschung von Dokumenten über Frachten, die während des Krieges als KnegS- fendungen befördert wurden. Auch daS Rote Kreuz wird sich deswegen verantworten müffen, da unter seiner Flagge angeb, lich ebenfalls Pcivatfrachten befördert wurden.
In Warschau wurde auf der Straße der Kapellmeister des 2. Kosakenregiments, Adam Rubinstein, erschossen. Er ist wahrscheinlich von Terroristen, die sich in der Person irrten und gegen einen anderen ein Attentat bcahsichtigten, erschollen worden.
Aus Siadt und Land.
Gießen, 24. Februar 1906.
** Das Regiment Kaiser Wilhelm wird die silberne Hochzeitseines Chefs, S. M. des Kaisers,, in besonders feierlicher Weise begehen. Ter Regiments-, kommandeur, Herr Oberst v. L i n d e n au, ist zur Teilnahme cm der silbernen Hochzeitsfeier von S. M. dem Kaiser nach Berlin befohlen worden. Am Montag, 26. d. M., finden im Cafö Leib für dcrs Regiment zwei Theateraufführungen durch das hiesige Stabttheater statt. Gegeben wird das patriotische Schauspiel „Colberg". Um 3.30 nachmittags findet die Vorstellung für das halbe 1. und das 3. Bataillon, um 8 Uhr abends für die andere Hälfte des 1. und das 2. Bataillon statt. Es nehmen sämtliche Offiziere, Sanitätsoffiziere, Beamte, Unteroffiziere und Mannschaften daran teil. Am 27. Februar findet um 11 Uhr vormittags eine Parade des Regiments auf dem Hofe der neuen Kaserne statt. Sie wird von Oberstleutnant v. Conta abgenommen. Tie Mannschaften erhalten eine bessere Mittagskost und begehen den Abend gemeinsam durch Kompagnie-Feiern. Tie Kasernen werden festlich geschmückt und geflaggt. Tos Offizierkorps versammelt ftch abends mit jeinen Tomen zu einem Festmahl inx Osfizierkasino.
’• Dürerbund-Abend. Der große Saal im röote! zum Kroßherzog von Hessen* vereinigte am Freitag abend die Gießener Angehörigen und Freunde deS Durerbundes. Es war ein Unterhaltungsabend veranstaltet worden, an deffen Ausführung eine kleine Anzahl talentvoller Kräfte beteiligt war. Der Besuch war sehr rege und die Zuhörerschaft aufmerksam und so dankbar, wie es sonst nur bei Veranstalungen von Berufskünstlern zu sein pflegt. Es muß für alle, die mit ihrem mehr oder weniger entfalteten Talent mitgewirkt haben, ein befriedigendes Bewußtsein sein, sich sagen zu können, daß sie mit ihrem Spielen und Singen und Sagen viele erfreut haben. Sollte da Kritik berechtigt sein, ein so schönes Gefühl mit ihren Bemerkungen oder etwaigen Ausstellungen zu ver-


