Nr. 206
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Anzeiger Gießen.
Erstes Blatt
156. Jahrgang
Montag 3. September 1906
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
DezugSvretSr monatlich 7b Vs., oiertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- n. Zweigstellen monatlich 6d Pf.; durch diePostMk.2.— uiertcl- jährl. ausschl. Bestellq. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenprcis: lokal 12Pf^ auSwärtS 20 Psg.
Verantwortlich tüt den polit. und allgem. Teil: P. Witt ko; für »Stadt und 2anb* und .GerichtSsaal*: Ernst Heß; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Aie heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.
politische Wochenschau.
G i e ß e n, 3. September.
Am Freitag hat in Berlin der seit langem angekündigte Minislerral stallgefunden, da die Hoffestlichkeiten die zum größten Teil beurlaubten Minister auf kurze Zeit in der Reichs Hauptstadt versammelt haben. Die eigentlichen und offiziellen Beschlüsse, welche in dieser Sitzung des Staatsministeriums gefaßt sind, dürsten nur von geringer Bedeutung gewesen sein, von weit größerer Wichtigkeit sind zweifellos die inoffiziellen Besprechungen gewesen, welche bei dieser Gelegenheit stattgefunden haben, um die verworrene Situation zu klären. Es wäre töricht, leugnen zu wollen, daß zwischen dem Reichskanzler und dem Landwirtschaf 1 s m i n i st c r es zu einem Konflikt gekommen ist, der allerdings wohl nur der Sache selbst gilt, da beide Minister einander persönlich bisher stets freundschaftlich gegenüber gestanden haben. Zwischen der Erklärung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", daß $)err v. Podbiclski sein Abschiedsgesuch cingereicht und der Gegenäußcrung Podbielskis, daß er dies nicht getan habe, besteht eine unüberbrückbare Kluft, und man kann sich diesen Gegensatz kaum anders erklären, als daß er aus menschlich begreiflichen Gründen die Einreichung eines Abschiedsgesuches in Abrede stellte. Es mag ja sein, daß Herr v. Podbiclski dieses Gesuch nicht ganz so ernst gemeint hat in der Hoffnung, daß der ihm wohlgesinnte Kaiser die Angelegenheit im milden Lichte ansehen und sich durch die zahlreichen Angriffe der öffentlichen Meinung nicht beeinflussen lassen werde. Indessen dürfte er sich diesmal doch wohl verrechnet haben, denn in gewissen Dingen versteht Kaiser Wilhelm keinen Spaß, selbst wenn es sich um eine Persönlichkeit aus seiner intimsten Umgebung handelt, und bisher ist die Meldung unwidersprochen geblieben, daß ein kaiserlicher Flügeladjutant dem Minister ans seinem Gute Talmin ausgesucht hat, indem ihm anscheinend die sonst von Herrn Lucanus ausgeübte Nolle eines ministeriellen Todcscngcls übertragen war. Herr v. Podbiclski mag ungern das ihm lieb gewordene Amt, in dem er für seine Bernfsgenossen auf das trefflichste gesorgt hat, aufgeben, aber das ganze Vorgehen des Kanzlers in dieser Affäre deutet darauf hin, daß er im Interesse der Staatsautorität ein weiteres Verbleiben des Landwirtschastsministers nicht für förderlich gehalten hat, wenn auch über dessen Rechtlichkeit keinerlei Zweifel obwalten können. Herr v. Podbielsti hat ja trotz seines schwebenden Demissionsgerüchts an der gemeinsamen Sitzung teilgenommen und dürfte sich bei dieser Gelegenheit gründlich mit diem Reichskanzler und seinen übrigen Kollegen ausgesprochen haben. Das wird aber nicht hindern, daß die Parzen seinen ministeriellen Lebenssadcn binnen kurzem durchschncidcn. Herr v. Podbiclski stürzt infolge begleitender Nebenumstände nicht aber wegen seiner Nessorrleistung, und darum ist es auch ziemlich gleichgültig, wer sein Nachfolger wird, da kaum ein anderer Kurs zu erwarten steht. Mag nun trotz der Dementis der Rheinische Oberpräsident Freiherr v. Schorlcmer, der namentlich dem Zentrum genehm sein, aber auch bei den übrigen Parteien nicht auf prinzipiellen Widerstand stoßen würde, auserkoren sein, oder Unterstaatssekrctär von Conrad, oder der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrates Graf Schwerin-Löwitz, lieber kurz oder lang wird ia die Entscheidung fallen und ein nicht allzu erfreuliches Kapitel aus der innerpolitischen Geschichte sein Ende finden. Wünschenswert wäre freilich, wenn das Ministerium in seiner Sitzung Gelegenheit genommen hätte, über die Beteiligung von Portefeuilleinhabern an geschäftliche Unternehmungen bestimmte Normen festzusetzen, um ähnlichen Vorfällen in Zukunft vorzubeugen.
Die TaufedeserstenEnkelkindesnnseresKaiser- paares wurde von ganz Deutschland im Geiste mitgefeiert, und die vielen patriotischen brieflichen und telegraphischen Kundgebungen, die aus Anlaß der heiligen Handlung in den Potsdamer Kaiser-- schlossern eintrafen, sind ein neuer Beweis dafür, wie innig sich das deutsche Volk in Freud und Leid mit dem Hause Hohenzollern verwachsen suhlt. Bemerkenswert ist es, daß der kleine Prinz auch die Taufnamen Franz Joseph erhielt, ein seiner, liebenswürdiger Zug, der das herzliche Freundschaftsverhältnis zwischen Kaiser Wilhelm und dein Träger der Habsburgischen Krone beleuchtet.
Aus das fürchterliche Bombenattentat gegen Stolypin und die Ermordung des Generals Min ist eine mehrtägige unheimliche Ruhe gefolgt, die uns fast anmutet, wie die beängstigende Stille, welche bei einem Gewitter nach einem heftigen Donnerschlage zu kommen pflegt. Dieses entsetzliche Verbrechen hat uns einen schrecklichen Ausblick in die Zukunst Rußlands eröffnet, denn gegen den fanatischen Todestrotz der Revolutionäre, die kaltblütig ihr eigenes Leben opfern, nur um den verhaßten Gegner zu töten, hat der Staat ein einziges Mittel: den Scharfrichter! In dem moskowikischen Reiche ist eine Schreckensherrschaft angebrochen, die den Greueln der großen französischen Revolution nichts mehr nachgiebt. Ein entsetzliches Ringen ist zwischen der bewaffneten Macht des Zarismus/ und deii Mörder- und Verschwörerbanden der revoltierenden Voltsmassen entbrannt, ein Vernichtungskampf, der, wer auch immer siegen mag, zu einer weiteren moralischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verküminerung des russischeii Volkes führen muß. Dabei fehlls weder auf der einen, noch auf der anderen Seite an Heroismus, beim ebenso wie man über die Verachtung des eigenen Lebens staunt, welche die Bombenschleuderer zeigen, muß man die finstere Entschlossenheit bewundern, mit welcher alle Regierungsorgane aus ihrem Posten ausharren — bis ans Ende! Und für jeden, der im Dienste des »arischen Rußland fällt, tritt sofort em Ersatzmann in die Bresche. Ub aber bereits der Schlußakt des grausigen Dramas begonnen hat, oder ob alles, ivas sich während der letzten anderthalb Jahre im Osten Europas abgespielt hat, erst die Exposition war, wer kann das wissen!
Neben Rußland ist es der B a l k a n, der die volle Aufmerksamkeit der europäischen Kabinette seit mehreren Wochen beansprucht. Die Griechenschlächtereien in Bulgarien haben ein lebhaftes Echo in Griechenland hervorgerufen, und die Bevölkerung zeigt sich dort so erregt, daß die Regierung die Garnison von Athen verstärkt und Kronprinz Konstantin während der Abwesenheit des Königs die Regentschaft übernommen hat. Uebrigens weilt mich Fürst Ferdinand meit ab vom Schuß, denn er liegt in Marienbild, an Angina erkrankt, zu Bette! Tie Türkei trifft ihrerseits alle militärischen Vorkehrungeii, uin angesichts der hochgradigen politischen Spannung zwischen Bulgarien und Griechenland vor unliebsamen Ueberraschungen gesichert zu fein, und konzentriert Truppenmassen in ihren westlichen Provinzen, wohin sie aiich den neuen Artilleriepark, aus Kruppschen Schnellseuergeschützen bestehend, überführen läßt. So zieht sich denn über dem Orient ein Ungeiuüter zusammen, ohne daß man recht weiß, welche direkten Ursachen zu dieser politischen Wetterbildung geführt haben. Unbestreitbar aber ist es, daß England seine Hand dabei im Spiele hat, und es klingt gar
nicht unwahrscheinlich, daß König Eduard bei seiner Aussprache mit Kaiser Wilhelm in Eroiiberg auch die orientalische Frage m Verhandlung zog. So behauptet wenigstens ein Wiener Blatt, die eiiglische Regiermig habe den Großmächten Mitteilen lassen, daß ihrer Ansicht nach auf der Balkanhalbinsel nur dann wieder geordnete Verhältnisse eintreten können, wenn Mazedonien und Alt- serbien eine autonome Verwaltung unter einem christlichen Gouverneur eingeräumt werde und daß die geeignetfte Persönlichkeit für diesen Posten der zweite Sohn des Fürsten von Montenegro, Prinz Mirko, sei. Es ist ohne weiteres klar, daß ein solcher Ausweg aus den 93a (f amu irren auf den heftigsten Widerstand seitens Oesterreichs stoßen mußte, da es daiin zu seinen beiden „angenehmen Nachbarn" an der Südgrenze Serbien und Montenegro noch einen dritten, nämlich Mazedonien, unter montenegrinischem Szepter bekäme unb dazu das Bewußtsein hätte, daß hinter btefen drei Staaten der „liebe" Bundesbruder Italien stecken würde. Echt englisch in feiner Hinterhältigkeit ist dieser Plan entschieden, aber er dürfte nicht in London, sondern in Rom ausgebrütet worden sein. Daß ihn die englische Regierung gerne verwirklichen möchte, versteht sich von selbst, denn durch seine Realisierung würde die Position Oesterreich-Ungarns im Oriente erheblich erschwert werden, und eine jede politische und militärische Schwächung der habs- biirgischeii Monarchie reduziert natürlich aiich ihren Bimdeswcrt für Deutschland l Man sieht also auch daraus wieder, wohin Italien mit feinen Extratouren tanzt.
Recht trübe hat sich auch die Situation in Persien gestaltet, wo geradem anarchische Zustände eingerissen zu sein scheinen, wenn man den Nachrichten der englischen Blätter — andere liegen leider nicht vor — trauen darf. Tie Perser sind ebenfalls des absolutistischen Regimes satt geworden und Haden sich eine Art Verfassung erzwungen, ohne daß es darnach zur Ruhe gekommen wäre. Auch hier wirken unverkennbar englische Jntriguen, unb es erinnert an den Gauner, der, das gestohlene Gut in der Tasche, schreit, hallet den Dieb, wenn Londoner Journale behauvten, Deutschland wolle die Zerrüttung Persiens zu seinem Vorteil auSbeutcii! Daß uns selbst die allerbejcheibenste militärische Basis 511 einem solchen Unternehmen fehlt, verschweigen natürlich „Times" und „Daily Mail"!
Are Kolitik der kleinen Mittel.
Die bedauerlichen Ereignis sein Nürnberg haben in dieser stillen, sommerlichen Zeit einigen Stoss zum Nachdenken gegeben. Seitens der sozialdemokratischen Presse ist die Behauptung ausgestellt worden, die Nürnberger Polizei sei brutal, rücksichtslos, gemein, mörderisch vorgegangen, ein Teil der bürgerlichen Presse, soweit er mit großkapitalistischen Interessen liiert ist, schimpft weidlich auf das Pack der Ausständigen, die sich so verbrecherisch benommen und dadurch ein scharfes Vorgehen des Militärs notwendig gemacht hätten. Diesem Teil der öffentlichen Meinung stach der Säbel noch nicht scharf genug. Tatsache ist: die Nürnberger Polizei ist sehr schroff vorgegangen und hat eine Menge von unbeteiligten Personen verletzt, Tatsache ist aber auch, daß die Nürnberger Polizei selbst mit Steinwürfen angegriffen wurde, daß ein halbes Dutzend Leute mit total zerfetzten Uniformen einrückte. Wir glauben aber weder an die gewollte Brutalität der Polizei, noch aber auch an ein verbrecherisches Treiben der streikenden Arbeiter. Der Vorgang an sich ist sehr gut erklärlich ohne einen wütend gewordenen Mob, ohne vom Blutkoller befallene Polizisten und das ganze Szenarium blutrünstiger Räuberromantik. Es darf wohl als festgestellt betrachtet werden, daß die Nürnberger Polizei nicht von streikenden Arbeitern, sondern von anderem Gesindel seit langen Tagen provoziert worden ist. Nürnberg ist augenblicklich anläßlich der Landesausstellung und des Volksfestes von Gesindel aller 'Art überflutet, und ganz bestimmt muß man annehmen, daß die Hauptradaumacher sicb aus diesen Strolchen rekrutierten. Daß die Arbeiterschaft sich hinreißen ließ, eine demonstrative Haltung gegen die Unionwerke einzunehmen, ist in hohem SNaße bedauerlich; cs scheint da eben auch ein reichlicher Alkoholgenuß und der Einfluß gewissenloser Hetzer ein übriges getan zu haben. Die Polizei war verbittert, als sie ausrückte, sie verlor, als sie von den Rowdies mit Steinen bombardiert wurde, die Haltung und ging blind vor. Das war ein Fehler, denn dieses Vorgehen hat, wenn es auch lange nicht so schlimm war, als sozialdemokratische Blätter es schilderten, unter der Bevöllerung Nürnbergs und darüber hinaus böses Blut gemacht, und nicht nur- unter der Arbeiterbevölkerung. Der ganze Vorgang hat aber zur Evidenz gezeigt, daß solchen Exzessen gegenüber die Polizei der allerungeeignetste Friedensstifter ist. Wer die Ruhe wiederherstellen kann, ohne Blut zu vergießen, das ist das Militär. In Bayreuth wurde bekanntlich der Versuch gemacht, ähnliche Exzesse herborzurufen, wie in Nürnberg, aber sie waren gleich zu Ende. Das zufällig in Bayreuth liegende Militär rückte aus — ob die Infanteristen wirklich je sechs scharfe Patronen erhalten hatten, können wir nicht kontrollieren — und die Radaumacher waren sehr rasch um die jenseitige Ecke verschwunden. Es kam zu keinem Zusammenstoß, es kam zu keinem Steinwerfen, die Demonstration war mit dem Augenblick beendet, als das Militär vorrückte.
Nun wird allerdings von sozialdemokratischer Seite wohl auch dagegen verschiedeires gesagt werden, z. B., daß man dem murrenden „Volk" gleich mit dem Kleinkalibrigen und mit den Bayonetten komme usw. Gewiß sieht es sich auch nicht besonders gut an, aber hier entscheidet das Resultat. Auf der einen Seite eine lange. Zeit hindurch langmütige Polizei, die dann, wenn chr die ^>ache zu bunt wird, dreinhaut und dreinschießt mit dem Resultat von einigen Dutzend schweren Verletzungen. 'Ans der anderen Militär, das straßenbreit aufnrarschiert mit gefälltem Bayonett, mit dem Resultat, daß der Spektakel im Keime erstickt wird. Wir glauben/ daß der letzteren Methode unbedingt auch im Sinne der Arbeiter der Vorzug gegeben werden muß. Ordnung muß sein, und das .Einwerfen von Fenstern oarf unter keinen Umständen geduldet werden. Ist es dd nicht besser, gleich mit dem großen Ettel vorzugehen, wenn die kleinen weiter' nichts nützen, als daß ein paar Dutzend womöglich unbeteiligter Personen zu schaden kommen?
Ter wirkliche Arbeiter, auai der sozialdemokratische, ist in der Regel so wohl diszipliniert, daß er aus eigenem Antrieb sich nicht zum Skandalmachen und zum Beschimpfen der Polizei zusammenrottet. Er wirst auch nicht zum Vergnügen Fenster anderer Leute ein, und wirst nicht auf kommandierte Angestellte, die Frieden schassen sollen, mit Steinen. Alle Vorkehrungen, die also gegen die Radau- und Spektakelmacher getroffen werden, richten sich nicht gegen die Arbeiterschaft, sondern eben gegen die Radau- und Spektakelmacher, und das sind in der Regel Leute, denen der ehrliche Arbeiter seine schwielige Hand nicht reichen würde. Es ist deshalb leerer Lärm, wenn von sozialdemokratischer Seite auch gegen die entschiedeneren Mittel zur Niederhaltung von Exzefsen Stellung genommen und diese Mittel als arbeiterfeindlich verschrien werden. Nicht gegen die 'Arbeiter wandten sich die Bayonettspitzen in Bayreuth, sondern gegen betrunkene Exzedenten.
Die Polizeipolitik, wie sie in Nürnberg betrieben wurde, ist die Politik der kleinen Mittel, die niemals nützen, aber sehr viel schaden kann. Hätte man auch in Nürnberg, hätte man seinerzeit in Breslau und an anderen Orten, an denen Zusammenstöße stattsanden, sofort Militär ausrücken lassen, es wäre viel Unglück erspart geblieben. Und viel Anlaß zu erneuter Bitterkeit gegen die Polizei, die doch nun einmal existieren muß. Großen Aufläufen gegenüber kann nur eine wohldisziplinierte Abteilung Infanterie unter ruhiger aber energischer Führung die nötige Ruhe bewahren, und darum muß unbedingt gefordert werden, oaß man die Polizei bei solchen Aüläften, die sich hosfentlich nicht zu oft wiederholen, ganz aus dem Spiele läßt, und das Militär vorschiebt. Tann gibt es keine abgehauene Hände und keine Säbelwunden !
politische Tagesschau.
Bleibt Podluelski?
Mit der Möglichkeit, bat; der preußische Landwirtschafts- niiniiter in Amt und Würden bleibt, muß jetzt doch nolcns volens gerechnet werden, denn übereinstimmende Meldungen der gefirigen Berliner Sonntagsblätter aller Parteirichtungen deuten darauf hin, indem sie die Tatsache verzeichnen, daß Frau v. Podbiclski in den nächsten Tagen aus der Firma Tippelskirch u. Co. ausscheiden wird. Hierzu läge doch kein Grunb vor, wenn ihr Gemahl die Absicht hätte, zu demissionieren, denn dieser smarte Geschäftsmann weiß seinen Vorteil stets ausgezeichnet wahrzunehmen und verzichtet gewiß nicht ohne weiteres auf die vortreffliche Verzinsung seines Einlagekapitals. Allerdings dürften für Tippelskirch u. Co. die fetten Jahre vorbei sein: da der Firma die Staatslieferungen jedenfalls entzogen werden. Die interessan- teftenJBorgänge bei der ganzen Affäre spielen sich natürlich hinter den Kulissen ab, aber es wird dadurch doch die Autorität und Machtsphäre des jetzigen Reichskanzlers in einem sehr unklaren Lichte gezeigt. Denn der Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts, Dr. v. Lucanus kam zu Herrn v. Podbiclski, um sich im Auftrage der Krone eine Darstellung der geschäftlichen Engagements bei Tippelskirch u. Co. aus dem Munde des beteiligten Ministers selbst geben zu lassen, und hieraus geht klipp und klar hervor, daß das Material, welches Fürst Bülow seinem kaiserlichen Herrn unterbreitete, nicht genügend überzeugend gewirkt hat, um Pod- bielski zur Demission zu veranlassen. Es entspricht ganz dem offenen Charakter unseres Monarchen, daß er dem angeschuldigten Minister Gelegenheit zur Rechtfertigung bieten wollte, aber dann hätte doch um Gottcswillen der Reichskanzler in seinem Organ nicht jene bekannte erste Mitteilung veröffentlichen dürfen, die einer offiziellen Abschlachtung Podbielskis auf ein Haar ähnlich sieht! Sollte sich etwa aus diesen Gegensätzen zwischen Krone und Kanzler bod). nodj eine interessante Perspektive eröffnen für die ....
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Hessische Landtags Korrespondenz.
Mit der hcrannahenden Landtagssession wird auch die Frage über die von der Kammer-Majorität letzthin beschlossenen „Landtags-Korrespondenz" wieder brennend. Zwar haben zahlreiche maßgebende Preßorgane, darunter auch die amtliche Tarmst. Zeitung in rückhaltloser Weise gegen die beabsichtigte Neuerung Stellung genommen, doch wurden bei den meisten dieser Erörter- iingen in erster Linie die parteipolitischen Stellungen der einzelnen Abgeordneten, sowie die den Herren bei der Korrektur mögliche Beeinflussung in Betracht gezogen, dabei aber manche viel näher liegende Frage übersehen, oder nicht erörtert. Zunächst die Schwierigkeit einer sofortigen Korrektur durch die Abgeordneten, welche in ihrer großen Mehrheit alsbald nach der Sitzung wieder abreisen und ohne Korrektur kann man doch diese auszugsweise, wenn auch von Stenographen hcrgcstellte Berichte, welche doch als amtlich gelten sollen, nicht in Truck geben und versenden. Nur ein kleiner Teil der Herren wird in der Lage sein, das Manuskript so zeitig zu lesen, daß die Korrespondenz abends um 6 Uhr, wie beabsichtigt, zum Versand fertig gestellt fein kann.
Ein Kardinalpunkt ist aber der, daß alle größeren hessischen und benachbarten 1 Frankfurter ufw.) Zeitungen nach wie vor Gewicht darauf legen werden, schon für ihre am gleichen Tage erscheinenden Blätter den hauptsächlichsten Inhalt der Kam- merverhandlungen zu haben und deshalb, auch weiterhin ihre besonderen Kammerberichterstatter nötig haben. Ob ein Abonnent der übrigen Provinz nun einen nennenswerten Teil der auf mindestens 25 000 Mark veranschlagten Kosten der beabsichtigten Neuerung deckt, scheint demnach mehr wie fraglich. Sonach ist es nicht gerechtfertigt, dem Lande noch weitere Kosten aufzubürden, zudem wie in den schon jetzt vorhandenen amtlichen stenographischen Protokollen für die, die sich für die Verhandlungen interessieren, ein vorzügliches Jnformationsorgan haben. Diese erscheinen zwar erst, und zwar gerade wegen der von vielen Abgeordneten sehr verzögerten Ablieferung der Korrektur, lange nach den Sitzungen, doch sind sie, was Vielen nicht bekannt ein dürfte, für jedermann zu einem sehr mäßigen Abonnements- preise zu haben.
Wenn es möglich wäre, darauf hinzuwirken, daß diese Protokolle innerhalb 2—3 Tac^n nach der Sitzung erschienen, so wäre damit allen billigen Wünschen Rechnung getragen. Weiter wäre vielleicht noch empfehlenswert, diese Protokolle an allen öffentlichen ^stellen auf dem Lande, in den Lesehallen usw. aufzulegen, damit würde wohl den meisten Interessenten, wie auch weiteren Kreisen gedient fein, denn nicht alle Zeitungsleser werden nach den manchmal wirttich nicht sehr interessanten (ausführlichen) Ausführungen unserer Landboten Sehnsucht haben.


