Ausgabe 
1.12.1906 Fünftes Blatt
 
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Nr. 283

Erscheint täglich mit Ausnahme beS Sonntag-.

Die ,,-letzener Zamtltendlätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der wQe|fifdje Landwirt' erscheml monoUrch einmal.

156. Jahrgang Samstag, 1. Dezember 1906

'T *7* x a a >a a a a a a a a a a a Rotationsdruck und Vertag der Brühl'schen

UnwersULtsdruckerei. R. Lange. Gießen.

B EL wL, I H M, m ® B LE Ä, Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schukstr.7.

V V IJ VVWU | V Tel. Nr. 61. Lelegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für Len Kreis Eichen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestaltet.

Deutscher Reichstag.

ISO. Sitzung vom 80. November. 1 Uhr.

Um BundeSratStisch: Frhr. von Stengel, Dornburg, von Tschirschky u. a.

Die erste Veratung der NachtragS-Ttat - für Tüd - w e st a f r i! a wird fortgesetzt.

Lbg. Lattmann (wirtsch. Bgg.jr

Die hn letzten Sommer an unserer Äolonialverwalttmg ge­übte Kritik ist über das erlaubte Maß hinausgegangen. Eine Kritik, bte der Oeffentlichkeit das Gift löffelweise verabreicht und Trumpf. bis zuletzt zurückbehält, ist keine Kritik, die von Liebe «um Darerlande diktiert ist. Ich denke, so berechtigt eS an sich ist. an den Mißständen in der Kolonialverwaltung Kritik zu üben, fetzt wäre eS an der Zeit, über daS Vergangene einen Strich zu machen. Um so mehr bedauere ich eS, daß der Reichskanzler in seiner letzten Rede noch einen Spezialfall vorgebracht hat. Tie NachtragSeiatS bedürfen einer sorgfältigen Prüfung in der Kom­mission. Einzelne Positionen erscheinen als recht hoch, z. B. die für Verpackung und Versendung von Uniformstücken, wofür allein 1,4 Millionen eingestellt sind. Tann möchte ich die Regierung fragen, wie sie sich mil der Kapreyierung auSeinandergesetzt hat. Im Kapparlament hat man bekanntlich verlangt, daß wir Deutschen die Kosten zahlen sollten, die den Engländern auS der Internierung von 2000 Hottentotten entstanden sind. Ich würde empfehlen, diese Anforderung mit einem glatten Nein zu beantworten. Wenn die Engländer die Hottentotten als kriegführende Macht aner­kennen, dann mögen sie sich auch gefälligst wegen der Kosten an diese kriegführende Macht wenden, zumal die Engländer wegen der Verhältnisie an der Grenze selbst schuld daran sind, daß der Auf­stand so lange dauerte. Wegen der Grenzverletzungen, die dort vorgekommen sind, wäre eS itterhaupt an der Zeit, wenn endlich einmal von Berlin auS ein kalter Wasserstrahl nach London ge- schickt würde. Zu den Kosten deS jetzt geforderten DahnbaueS sollte man in stärkerem Umfange die großen Gesellschaften heranziehen, die Grundstücksspekulation treiben. Man müßte gegen diese Grund­stücksspekulation überhaupt einschreiten, und ich bebaute, daß ber Kolonialbirektor auf biese Frage bisher nicht eingegangen ist. An sich stehen wir dem Eisenbahnbau sympathisch gegenüber; bie Bahn ist auS militärischen und wirtschaftlichen Gründen nötig. Beson­ders gefreut hat es mich, baß ber neue Kolonialbirektor als klares Ziel unserer Kolonialpolitik die finanzielle Selbständigkeit unserer Kolonien hingestellt hat. Es müßte in der Tat Ehrensache für uns sein, diesem Ziele zuzustreben. ES geht aber aus der Denkschrift nicht hervor, ob eine Selbstverwaltung den Kolonien erst dann ge­geben werden soll, wenn diese finanzwirtschaftliche Selbständigkeit voll erreicht ist. Ich meine, eine Selbstverwaltung in begrenztem Maße müßte schon jetzt gewährt werden. Redner bekämpft sodann die kolonialpolitischen Anschauungen des Abg. Ledebour, der den Kolonien nicht das mindeste Verständnis entgegenbringe. Man sollte sich weniger auf papierne Berichte und mehr auf Tatsachen stützen, wenn man sich ein rechtes Urteil bilden will. Und ich muß sagen, ich hätte mich gefreut, wenn ich auch von dem Berichte des Kolonialbirektors, insoweit er sich auf die Rentabilitätsberechnung bezieht, nichts gesehen hätte. Ich bitte bei dieser Gelegenheit die Regierung, mit derselben Schnelligkeit, mit der sie die Verträge mit der Firma Tippelskirch und Konsorten aus der Welt geschafft hat, auch die Schnapskonzession der Firma Woermann zu beseitigen, die auf Grund dieser Konzession im vorigen Jahre volle 70 Prozent Dividende zahlen konnte. In die Berechnungen des Kolonial- direktors in Betreff des in den Kolonien intieftierten Kapitals hat sich ein bedenklicher Rechenfehler eingeschlichen. Es sind investiert 870 Millionen deutschen Kapitals, uno es mag zutreffen, daß davon 20 Millionen unrentabel sind. Dann sind aber nicht, wie der Kolonialdirektor meint, 250 Millionen rentabel und 100 Millionen in der Entwickelung begriffen, sondern aus allen sonsttgen Angaben ergibt sich, daß nur 191 Millionen als rentabel und 159 Mil­lionen als in der Entwickelung anzusehen sind. Wir mißbilligen die mehr als unsachliche Weise, in ber bteNationalzeitung" den Kolonialdirektor angegriffen hat. Sollte das etwa alte Feindschaft aus ber Vergangenheit sein? Wir hoffen, daß jetzt mit aller Kraft dem Ziel der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Kolonien zuge­strebt werden wird, und ich habe mich darum ganz besonders über das Auftreten des Reichskanzlers gefreut, der hier in voller körper­licher Rüstigkeit vor uns erschien und offen kundgab, daß die Neichs- regicrung von jetzt an ber ganzen Kolonialpolitik eine andere Be­deutung beimessen wird als bisher. Wir müßen nun sehen, auch im Volke das Verständnis für unsere Kolonien zu beleben, denn ohne Mitarbeit und Zustimmung des Volkes wird eine gesunde Kolonialpolitik nie getrieben werden können. (Beifall rechts.)

Abg. Schrader (freif. Bgg.jk

Daß bie Kolonialpolitik bei uns bisher keine Erfolge aufzu- tveisen hatte, lag in ber Art, wie sie gehandhabt wurde. ES fehlte an den administrativen Kräften, daher kamen wir nicht weiter. Er­freulich ist. daß jetzt ein Umschwung sich borbereitet, und ein Kauf­mann an bie Spitze der Verwaltung gestellt wird. Einer ver­nünftigen Kolonialpolitik sind wir bereit, die Hand zu bieten. Dem neuen Kolonialdirektor steht eine große Aufgabe bevor. Es ist sehr schön, daß er pünktlich im Automobil vorfährt und die Be­amten zur Pünktlichkeit anhält. Aber er hat noch ganz andere Dinge zu tun. Er hat die großen, weiten Gesichtspunkte anzugeben und in der Kolonialpolitik zur Dltrchführung zu bringen. Seine Verantwortung ist nicht gering. An Unterstützung durch uns soll es >hm nicht fehlen, wenn er den richtigen Weg energisch geht. Vor allem müßen wir möglichst schnell dahin kommen, daß unsere Kolonien finanziell selbständig werden. So optimistisch, wie der Kolonialdirektor, denke ich nicht; gar so rasch, wie er meint, werden wir an jenes Ziel nickst kommen. Doch braucht uns das nickst zu kümmern. Ob etwas früher, ob etwas später, ist schließlich nicht so wichtig. Herr Dr. Semler verlangte ein großzügiges Eisenbahn- Programm. Das würbe gar nicht so großen Wert haben. Auch das muß sich erst nach und nach entwickeln. Sehr schwierig ist die Verwaltung, die in gewisser Hinsicht kompliziertere Probleme stellt, das Gebiet ist ja größer als das Deutsche Reich, und die Verhält­nisse sind vielgestaltiger. Das Eingeborenenrecht bedarf eines besonderen Studiums, darin stimme ich dem Kolonialdirektor zu; ob man dazu gerade einen Kolonialattache braucht, ist freilich zweifelhaft Hoffentlich können unsere Kolonien jetzt einer ge­deihlichen Entwickelung entgegensehen. (Beifall.)

Abg. Erzberger (Zentrum):

Namens meiner politischenFrrunde habe ich deren Stellung zur Kolonialpolitik bargelegt. Der Reickskanzler hat häufig schon ge­schickt gesprochen. Aber so ungeschickt, wie vorgestern, hat er noch nie gesprochen. Seine Rede gipfelte in zwei Punkten: in der Dar­legung dcö Falles Pöplau und in einer Generalanschuldigung ber Preße. Herr Pöplau hat weiter nichts getan, als auf die Ver­fehlungen anderer aufmerksam gemacht. Als er nichts erreichte, man ihn sogar als geisteskrank hinstellte, ging er zum Abg. Müller - Sagan sHört, Hörti), dem er daS Material überreichte, das dieser bann wieber dem Reichskanzler bortrug. Daraufhin wurde Pöplau diszipliniert. (Hört, hört!) Und der Reichskanzler hatte in seiner Reoe neulich nichts DesiereS zu tun, als sich auf diesen Fall Pöplau zurückzuziehen und ihn lang und breit vorzutragen. Dann die An- fdjulbigung der Presse wegenUcbertrcibungcn". Niemand anders bat sich einer UcbertreÜning schuldig gemacht, als ber Reichskanzler selber. Wo und wann sind die von ibm behaupteten Ueberlrcibungcn und Verallgemeinerungen geschehen? Ich freue mich meiner Zuge­hörigkeit zur Presie, und ich wünschte, baß man auch in Deamten- kreisen mehr von den Eigenschaften hätte, die die Vertreter der Prejse auSzeichnen. Es könnte manchen gar nichts schaden, wenn sie in bie Presse gingen. Freilich möchte ich von manck»em höheren Beamten bezweifeln, baß er eS in ber Pressekarriere bis zur Stel­lung einc5 Chefredakteurs bringen könnte. (Heiterkeit.) Zum Bei­spiel fehlte dem früheren Reichskanzler, dem Fürsten Hohenlohe, sicher bas Augenmaß für die richtige Beurteilung ber Dinge (Heiter, feit), wie sie bie Presse haben muß. Uni) es fehlte ihm auch an der Eigenscksaft, daS RebaktionsgeheimntS zu wahren. (Erneute große Heiterkeit.)

Gegen die deutsche Presse ist der Vorwurf deS Reichskanzlers ganz und gar» ungerechtfertigt. Und wenn hier und da in Sachen der Kolonialpolitik übers Ziel hinausgeschoßen würbe, so lag daS lebiglich an dem Verhalten ber Verwaltung selber, baS Mißtrauen erregen mußte. War es boch bem Reichstage schwer, über irgenb etwas eine klare Antwort zu erhalten! Die Aufdeckung der Miß- stände schadet dem Ansehen deS deutschen Volkes nicht; im Gegen­teil, sie zeigt nur, daß unser Volk die Kraft hat, sie zu überwinden. Hat die Erörterung der solbatenmißhandlungen ober ber Wein- pantschcreien geschadet? Sie hat nur genützt. Herr Schädler hat namens ber Fraktion erklärt, einem Abgeordneten, der mit scharfer Hand hier zupacke, gebühre Anerkennung. Damit bin ich sehr zu­frieden. Daß sich die Fraktion mit jedem meiner Anklagepunkte identifiziert, das will ich gar nicht. Herr Dr. Semler hat es mir verdacht, daß ich in Volksversammlungen Kritik an der Kolonial­verwaltung geübt habe. Aber er hat nichts dagegen, daß unsere Kolonialpolittk durch daS ganze Land über den grünen Klee gelobt wird. ®erbitten muh ich mir bie Insinuation des Abg. Lattmann, meine Kritik wäre nicht biftiert auS Liebe zum Vatcrlanbe. Sic war biftiert au8 Liebe zur Wahrheit und zum Zweck, Besierung zu schaffen. Man hat mich zum Kolonialgegner zu stempeln versucht. Ich bin eS aber ganz und gar nicht; ich stehe unbedingt auf dem Standpunkt meiner Fraktion, ich will Kolonien im Interesse der Kultur und beS Christentums. Der Vorwurf, ich bringe meine Kritik tropfenweise, zeugt von Unkenntnis der Verhältnisie. Solche Dinge erfährt man nur nach und nach. Und Gift soll meine .Kritik fein. Ja, Gift für die Kolonialschnorrer, bie patriotisch sinb, um Geschäfte zu machen! Für bte soll meine Kritik heute und stets Gift sein. Ist es nicht bezeichnenb, daß bie nationalliberale Jugend in Hannover in den Stoßseufzer ausbrach:Warum mußten wir unS diese Kritik entgehen lassen!" (Sehr gut! im Zentrum.)

Dies vorangeschickt. Nun zum Eigentlichen! An der Spitze der Verwaltung steht jetzt ein neuer Herr, und er ist, abgesehen von einer einzigen Säule, die von entschwundener Pracht zeugt, mit einem ganz neuen Personal ins Haus gekommen. Dazu beglück­wünsche ich ihn. Er hat all die Verträge sofort gelöst. Das be­weist, daß unsere Kritik berechtigt war. Der neue Kolonial- direkior hat sich sehr gut eingeführt. Es hat mich gefreut, daß wir an der Spitze unserer Kolonialverwaltung auch endlich einmal eine intelligente Kraft besitzen. (Stürmische Heiterkeit.) Ich teile keine Vorschußlorbeeren aus. Aber Anerkennung hat der neue Herr be­reits verdient. Zwei Monate ist er im Amt, zwei Tage hier im Reichstag, und wenn er uns jeden weiteren Tag so viel Erfreu­liches bringt, wie an den beiden ersten (Heiterkeit), so können wir, denke ich, zufrieden sein.

Ganz besonders lieb war es mir, zu sehen, daß der neue Ko­lonialleiter zwei urechte Zentrumsrappen vor den Kolonialwagen gespannt hat. Der erste ist die Beseitigung oder Eindämmung des Verordnungswesens. Das ist eine alte Forderung unserer Partei: die Rechte des R-ichStages müssen in dieser Beziehung sehr wesent­lich erweitert werden. Wir brauchen eine koloniale Gesetzgebung, an ber der Reichstag mitwirkt; in zwei Punkten ist uns diese Mit­wirkung schon versprochen: bei ber Neuregelung bes Beamtenrechts und beim Rechnungswesen. Das muß nun weiter ausgedehnt, ein Eingeborenenrecht muß geschaffen werden usw. Das leidige Ver­ordnungswesen hat zu sehr vielen, sehr schweren Mißständen ge­führt. Es hat in unerhörter Weise überhand genommen. Für die Selbstverwaltung der Kolonien läßt sich eine allgemeine Norm nicht finden. Wer der Einfluß der in der Kolonie Wohnenden muß wesentlich erweitert werden. Ein besonders wichtiger Punkt ist, wie der Kolomalrat zusammengesetzt ist, und wie er amtiert. Er sollte der Bureaukratie in der Verwaltung entgegenwirken. Aber es scheint umgekehrt, als ob er noch mehr Bureaukratie in bk Ver­waltung hineingebracht hat. Die geschäftliche Tüchtigkeit, bie von ihm ausgehen sollte, hat jedenfalls niemand an ihm wahr­genommen. Der neue Kolonialdirektor hot in Kvei Monaten mehr praktische Fähigkeit bewiesen, als der Kolonialrat in fünfzehn Jahren. (Sehr wahr!) Dann aber führt die Tätigkeit des Kolo­nialrates auch dirett zu schweren Mißständen. Im Kolonialrat sitzen Leute, die das allergrößte Jnteresie an großen Ausgaben in den Kolonien haben. (Hört, hörtl Unruhe.) Ja, das ist doch ganz einfach. Die Herren erhalten zuerst Einsicht in den geplanten Etat, und wenn nun einige darunter sind, die fetter Lieferungen übernehmen wollen, so melden sie sich auch zuerst, und man braucht sich nicht zu wundern, wenn sie zuerst den Zuschlag erhalten. (Hört, hört!) Ganz ähnlich liegen die Dinge bei der Verleihung von Kon- .dr.dncn. (Hört I hört!) Man könnte mit Recht die Frage.auf­werfen, ob der ganze Kolonialrat überhaupt noch notwendig ist.

Nun von der Politik zur Volkswirtschaft. Die Denkschrift des neuen Kolonialdirektors erinnert mich an den Goetheschcn Spruch:

93om Vater hab' ich die Statur, DeS Lebens ernstes Führen;

Dom Mütterchen die froh' Natur, Die Lust, zu fabulieren."

(Große Heiterkeit.)

Der Kolonialdirektor hat ja seine Denkschriften sck'ou ;' -.icm» lich preisgegeben. Bei der Zusammenzählung der Kapitalanlagen des Reichsfiskus vermisse ich die Summen, für die das Reich die

Zinsgarantie übernommen hat. Bei der Rentabilitätsberechnung müßte neben den Ntibriken werbende und unrentable Anlagen noch eine Rubrik eingeführt werden, nämlich die Rubrikfrefienbe An­lagen". (Große Heiterkeit.) Dazu gehört zweifellos bie Mole in Swakopmunb. (Sehr richtig! im Zentrum und links.) Wenn auch auf die Statistik des Kolonialamtes nicht viel zu geben ist. so ist doch immerhin ein solcher Versuch mit Freuden zu begrüßen, denn nun kann die Kritik einsetzen.

Wende ich mich nun zur Finanzwirtfchast, so ist eS charakter­istisch, daß unsere Politik unbedingt zur Schulden- und Pumpwirtschoft führen muh. So kann eS unmöglich weiter gehen. Einer Uebernahme der militärischen Kosten auf den Reichs- Haushaltsetat fetzen meine Freunde den denkbar größten Widerstand entgegen. (Sehr richtig! im Zentrum.) DaS würbe nur eine Ver­schleierung und Trübung zur Folge haben. DaS Volk hat aber ein Recht, in jedem Jahre klipp und klar zu erfahren, hw5 unS die« Kolonien kosten. Tie zweite Denkschrift bedeutet den Anfang, um zu festen Grundsätzen für bie Zuschüsse an bie einzelnen .Kolonien zu kommen. Von biesem Stanbpunkt auS begrüße ich die Denk­schrift. Schon früher habe ich darauf hingewiesen, daß uns seit zehn Jahren keine Rechnung mehr über die Kolonien gelegt ist. (Hört, hört! im Zentrum und links.) Ick will nicht untersuchen, wer Schuld ist, Kvlonialverwaltung oder Rechnungshof, ich wünsche aber, daß hier Wandel geschaffen wird. Der Reichstag kann sich das, wenn anders er sein Budgetrecht wahren will, unmöglich ge­fallen lasten. Wo ist z. V. die Kontrolle über die Kvmmunaloer- waltung in Ostafrika?

Die Bildung schwarzer Fonds und schwarzer Kassen in den Schutzgebieten ist ein Hohn auf daS Budget­recht. (Hört, hört! links und im Zentrum.) Ein Teil der amt­lichen Einnahmen wirb in einer befonberen Kaste festgelegt, bie teils schwarze Kaste, teils schwarzer Fonds heißt. ES handelt sich also zunächst um eine falsche Buchung. (Hört, hört!) WaS geschieht mit dem Geld? Es werden allerhand Bedürfnisse daraus be­stritten, von denen man nicht sagen kann, daß sie unbedingt amt­lichen Charakters sind (Hört, hört!), z. B. Pilsener Bier (Heiter­keit), Selterswaster (Heiterkeit), schwarze Lacksttefel für einen Be­amten. (Lebhaftes Hört, hört!) Ich habe die Belege für bie Rich­tigkeit biefer Behauptungen bereits vor 34 Wochen bem Kolonial­birektor gegeben. Ich hätte bie Sache nicht vorgebracht, wenn si« nicktt wahr wäre, unb wenn nicht bet Reichskanzler geradezu pro­vozierend auf diejenigen Abgeordneten eingewirkt hätte, die sich an der Aufdeckung der Mißstände beteiligten. (Sehr wahr! links.) Die Sacke ist umso bedenklicher, als im letzten Jahre bereits ein ähnlicher Fall, ber beS LanbeShauptmannS VranbeiS, hier be­sprochen worben ist, wo selbst ber Abg. Dastermann mit aller Energie erklärt hat, daß die Kolanialverwaltung mehr auf Ord­nung halten müsse.

Angesichts solcher Jnstittttionen und Kasten ist daS Budgetrecht deS Reichstags ebenso auSgehöhlt, wie eine Kontrolle deS Rech­nungshofes über fluffig. (Seht richtig!) Der Fall hat sich abgespielt in einer Kolonie, die bisher als die beste gegolten. (Togo! links.) Ich mochte den Kolonialdirektor bringend ersuchen, mit den schärfsten Mitteln gegen eine solche Art der Verschleierung bet Ein­nahmen unb gegen eine solche Art ber Ausgaben einzuschreiten. Geschieht bas nicht, so kann, glaube ich, Herr Dr. Paasche bad Lob, bas er im vorigen Jahr« hier ausgesprochen hat, nicht mehr aufrecht erhalten.

Es gereicht mir zur Genugtuung, daß ich unmittelbar an diesen bedenklichen Punkt eine Anerkennung knüpfen kann, bie meine ganze Fraktion teilt: bie Anerkennung für die Kündigung ber Monopol­verträge. (Lebhafte Zustimmung.) Besonders bedenklich sinb bei biesen Verträgen einige Nebenerscheinungen. Ein Staatssekretär antichambriert bei einem Lieferanten für bie Kolonien, um dort eine Stelle für einen Kolonialgeheimrat zu erhalten (Hört! Hört!), der ben Freunden bes bekannten Dt. Peters geopfert werden sollte und deshalb einen neuen Verdienst brauchte. (Hört!) Ein anderer Lieferant stellt einem Beamten seine flacht zur Verfügung, im Automobil eines Lieferanten fährt ein anderer Beamter am Sonn­tag nachmittag aufs Land hinaus. (Hört, hört!) Von anderer Seite wird erzählt, daß bei gewisten Anlästen Sekt in Strömen fließe, damit die Schiffe bester vom Hafen laufen. (Heiterkeit.) Eine solche enge Verbindung zwischen einer Behörde deS Reichs und Lieferanten widersttebt der politischen Moral. (Seht richtig!) Absolut notwendig wird ein näherer Aufschluß darüber fein, unter welchen Umständen unb Bedingungen der Vertrag mit Tippelskirch gelost ist. Wenn bas ohne Schaden des Reichs erfolgt ist, bann muß ber neue Kolonialdirektor ja geradezü ein Raubetfünftler sein. (Heiterkeit.) Im Mai d. I. hat die Firma Tippelskirch noch sehr scharfe Bedingungen gestellt. Durch die Lösung des Vertrages ifb, doch tatsächlich bekundet worden, daß die Kolonialverwaltung selbst! der Ansicht ist, daß bie bisherigen Verträge nicht mehr aufrecht er­halten werden konnten (Sehr wahr!), und damit haben Sie offen anerkannt, daß die Krftik des letzten Winters berechtigt war. Die Mitteilungen des Kolonialdirektors sind auf der rechten Seite mit großem Beifall ausgenommen worden. Da hat sich inzwischen also eine Wendung vollzogen. (Sehr richtig! im Zenttum unb links.) Als wir im letzten Frühjahr die Lösung der Verträge beantragten, da stimmten die Heren von der Reckten unb die Nationalliberalen gegen diesen Antrag, mit Hilfe der Linken unb des Zentrums wurde er angenommen. Dadurch wurde der erforderliche moralische Druck ausgeübt, um eine Lösung der odiösen Verttäge berbeizu- führen. Der Reichskanzler meint, man könne von ihm nicht ver­langen, daß er sich darum kümmere, welcher Art die Stiefel sind, hx-Ttt? die Firma liefert. Mir ist noch kein so unvernünftiger Mensch begegnet, ber das gewollt hätte. Was man verlangt hat, ist. daß überhaupt eine Kontrolle buTcbaefübrt wird. ES gibt doch neben dem Reichskanzler noch eine große Reibe von Beamten, für die im Etat bas Gehalt ausgeworfen ist. Man bat meine Be­hauptungen über die horrenden Verdienste der Firma Tippelskirch in Wrede gestellt. Ich muß sie auf­recht erhalten. Erst jetzt fabe ich erfahren, daß die Firma an Stiefeln, die sie fertig be->og und nur wicksen ließ, 12 Mk. pro Paar verdiente. (Hört! hört!) Die Auslagen betrugen 25 Pf. (Erneutes Hört! Hört!) Man siebt an diesem Beispiel, daß Stiefelwichsen unter Umständen ein ganz rentables Geschäft sein kann (Heiterkeit), namentlich wenn die Frau mitwickst. (Sttirmische Heiterkeit.) Ich habe bis­her an die Worte ber Herren vom Bundesrats so fest geglaubt, wie an bie der heiligen Schrift. Inzwischen aber habe ich meinen Glauben einer Revision unterzogen. Denn die Mitteilung, daß die Firma Tivvelskirck die einür-e ki. bie Kakhistoffe Herstellr. bat sich als unrichtig erwiesen Dieses Moment eriftiert nur in der Mne des betreffenden Geheimrats, nickt aber in Wirklichkeit. sHort I <>örf 1) Ick bin fest überzeugt, baß der neue Kolonialdirektor einen solcken Vertrag nie unb nimmer duldet, aber das Haus hat ein Reckt, diese höchst bedauerlichen Vorgänge noch nackttaalich zu krittsieren. Auf den Apothekenverttag will ich nicht einaeßen. ich weise nut darauf hin, daß die Apotheker nicht nur Medikamente