Ausgabe 
24.10.1906 Viertes Blatt
 
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Nr. 850 Zweites Blatt

L 56. Jahrgang

Mittwoch 24. Oktober 1906

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.

DieSiehener LamilienblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich bcigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Universitätsdruckerei. N. Lange, Tießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7. Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen«

General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe».

Politische Cagesschatt.

Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen nahm kürzlich an dein UuterverbandStage ländlicher Ge­nossenschaften Naiffciscnschcr Organisation in Königsberg i. Pr. teil. Nachdem die Diskussion über den Vortrag des NegierungSrats Dr. Meydenbauer geschlossen worden war, ergriff der Prinz das Wort zu etiva folgenden Ausführungen:

Es ist mir im Laufe Ihrer Tagung mehr und mehr zuin Bewußtsein ßcfommcn, von ivclcher Wichtigkeit die Bestrebungen der Naifselsen-Organisation sind. Sie sind ziveijellos von einer Nützlichkeit, die nicht hoch finnig zu veranschlagen ist. Sie leisten dem Staate mit ihrer Arbeit einen guten Dienst. Tie Laud- f l u cht ist heiltziitage ganz rch t e r l i ch, und i m m er in ehr geht d i e L a n d iv i r t s ch a f t z n v ii cf. Tie Provinzen jedoch, in denen die Landwirtschaft blüht, sind diejenigen, die für alle st a a t § e r h a l t e n d c n Parteien, und für allo Parteien, die einem vernünsligen Fortschritte huldigen, von größter Wichtigkeit sind. Wir haben soeben das Gedächtnis an eine sehr trübe Zeit erneuert. Auch 1806 hatte der Staat zuviel getan. Man ivar damals im Volke nicht geneigt zu staatlicher Mitarbeit, weil man auch garnicht zu einer solchen angehalten wurde. Es war den Leuten alles egal. Inzwischen ist es anders geworden. Die Mittel, die der Staat heutzutage sür die verschiedensten Zwecke veraus­gaben muß, sind zu groß, als daß er überall helfen könne. Und er wolle es auch gar nicht. Durch die Raiffeisenorganisation sei die Sclbsthilie eingeleitet worden, von Leuten, die im praktischen Leben Bescheid wissen. Mögen Sie, /neine Herren, unverzagt weiter arbeiten und schaffen an den nicht hoch genug zu veranschlagenden Ausgaben, die Sie sich gesetzt haben. Ich scheide von Ihnen mit dein Eindruck, daß em schöner Teil der Arbeit hier von Ihnen geleistet wird, hoffentlich wird es möglich, die weitere Landflucht zu verhüten und den sehr unangenehmen Einwir­kungen der zu weit links stehenden Parteien ent­gegen z u w i r k e n.*

Gegen die Errichtung von sog. ,,Beamtenschlachtereien", die in Beamtcnkreisen erwogen wird, nimmt dieRundschau für Gemeinbebeamte*, das Organ deS ZentralverbandeS der Gemeindebeamten Preußens, Stellung. Die Wochenschrift schreibt:

Sollte ein solches Unternehmen tatsächlich in's Leben ge­rufen werden, so kann ihm von vornherein ein schnelles Ende prophezeit werden, das nur durch finanzielle Beihilfen des Reiches aus etwas spätere Zeit hinauszuzögern wäre. Das aber wäre eine so ungesunde Wirtschaftspolitik, daß die Beamten es sich tausendmal ' überlegen sollten, bevor sie sich an eine derartige Gründung heranwagen. Tazu wird es auch nicht angehen, auf den angeblichen Luxus der Fleischerläden, der das Fleisch, wie man sagt, verteuern solle, zu verzichten. Denn die moderne Ausstattung unserer Fleischerläden nimmt doch in erster Reihe auf die hyfiie- mschen Anforderungen Rücksicht, und unsere Hausfrauen würden sich gewiß dafür bedanken, in Läden zu kaufen, die auch nur den gerinfisten Anschein von Itnfauberkeü erwecken. Zudem müssen auch sonst die Voraussetzungen dieses Projektes als völlig verfehlte bezeichnet werden. Tie Schlächter sind durchaus nichi als Ver- leurer deS Fleisches anzusprechen, vielmehr tritt zu Zeiten besonders hoher Fleischpreife sogar die Neigung auf, zeitweilig den eigenen Verdienst etwas herabzumindern, um einer allzugroßen Ein­schränkung des Konsums vorzubeugen. Glaubt man denn, daß die Hausbesitzer den Beamten die Läden billiger vermieten werden, als ben Schlächtern? Die Löhne für das Personal, die Miete für die Zlühlzellen, die Schlachtungs- und Transportkosten sind doch für die geplanten Beamtenfchlächtereien ebenfalls die gleichen. Dazu liegt es auf der Hand, daß alle Unkosten bei geringerem Umsätze nach mehr preisverteuernd wirken müssen, als bei Großbetrieben, und trotz dec großen Zahl der in Betracht kommenden Beamten wird der Umsatz der Beamtenschlächtereien sich immer in be­scheidenen Grenzen halten. Wir möchten daher eindringlichste vor dem Verwirklichen eines Projektes warnen, das die beteiligte Beamtenschaft immer in Mißhelligkeilen bringen muß."

11. Fartcitag der Icutschen Reformpartei.

S. u. H. Kassel, 22. Oktober.

(Zweiter Tag.)

Deute wurden die Beratungen des Parteitages zu Ende geführt. Bei Besprechung der Einzelforderungen der Reformpartei wurde Punkt 17 dahin abgeändert, daß er folgende Fassung erhält:

1. Reinhaltung des Blutes unseres Volkes durch Sch ließ una der Grenzen gegen Angehörige nichtger­manischer V olker, insbesondere Verbot der Einwan­derung von Juden und von slavischen wie italieni­schen Arbeitern.

2. Beförderung der inneren Kolonisation; durch Vermehr­ung des Bauern st andes und Seßbastmachung der L a n d- arbeitet unter Staatshilfe. Allmähliche Entschuldung des Grundbesitzes unter Zuhilfenahme des Staatskredits.

Der Punkt 18 wurde in folgender Fassung genehmigt: Kräftiger Schutz der Deutschen im Ausland: Verbesserung des Konsulat­

wesens, Erleichterung der Erhaltung und Wiedererwerbung des Staatsbürgerrechts.

Die übrigen Paragraphen des von der Kommission revi­dierten Parteiprogramms wurden in der vorgeschlagenen Fassung angenommen.

Der § 7, der Abschaffung kleiner Garnisonen forderte, wurde gestrichen. Eine Einschaltung bei § 8 sieht Erhöhung der Börsen- steuer und insbesondere Heranziehung ausländischer Werte vor. § 10 fordert schärfere staatliche Beaufsichtigung des Börsenwesens, strenge Durchführung des Verbots gewisser Spiel- (Differenz-) Geschäfte. Bei den Forderungen der Bauhandwcrker und der Be­kämpfung des Bauschwindels durch Sicherstellung wurde ein Zu­satzantrag genehmigt, der insbesondere bevorzugte Befriedigung der Bauhandwerker im Konkurse fordert.

Von der Sozialreform handelt § 15. Er wurde dahin er­weitert, daß eine Vereinfachung und Vereinbeitlichung der Zwangs­versicherungsgesetze gesordert wird.

Der Schlußparagraph 19, der die Stellung des Antisemitismus radikal präzisiert, wurde folgendermaßen formuliert:

Aufhebung der Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden: Fernhaltung der Juden von allen Berufen, in denen ihre Betätigung wegen ihrer Eigen­art für unsere Kulturentwicklung schädlich ist, insbesondere Aus­schluß von den gesetzgebenden Körperschaften, vom Richterstande, vom Offizierstande und vom Berufe eines Lehrers an öffentlichen Schulen, die von Kindern germanischen Stammes besucht werden, Fernhaltung jüdischer Kinder aus den öffentlichen Schulen sür Kinder germanischen StgrnrneS, Zulassung der Juden zu den Berufen des Rechtsanwalts oder Notars, deS Arztes nur nach der Kopfzahl ihrer in Deutschland ansässigen Nassegenosscn, Ver­hinderung der Acnderung jüdischer Familiennamen, Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Personen jüdischen Stammes, Erlaß eines Schüchtverbots, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Religionsvorschristen."

Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 23. Oktober.

Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, Beigeordnete Georgi und Heyligenslaedt; die Stadtverordneten: Dr. Ebel, Eichenauer, EmmeliuS, Euler, Faber, Gabriel, Heichelheim, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Jughardt, Keller, Kirch, Löber, Loos, Orbig, Petri, Schaffstaedt, Schmall, Wallenfels und Dr. Wimmenauer.

Einführung elektrischer Straßenbeleuchtung.

Der Vorsitzende führt aus, daß die Kommission in ihren Beratungen von dem Grundsatz ausgegangen sei, bei der Einführung der elektrischen Beleuchtung im Seltersweg könne es nicht ausbleiben, daß auch die an­deren Hauptstraßen elektrische Beleuchtung erhalten müßten und auch er persönlich stehe auf dem Standpunkt, daß die Beleuchtung der Hauptstraßen durch elektrisches Licht durchgefiMt werden solle. Es sei ein Projekt aufgestellt worden, nach dem der Straßenzug BahnhofBahnhofstraße MarktstraßeMarktplatzLindenplatzWalltorstraße bis zum Walltor, ferner der Straßenzug Selterstor-Selters- wegKreuzplatzMäusburgMarktplatz, die Neustadt von Oswalds Garten bis zur Marktstraße, der Straßenzug Markt CchulstraßeNeue Baue bis zur Bürgermeisterei, der Landgraf Philipp-Platz und der Brandplatz durch elektrische Bogenlampen erleuchtet werden sollten. Selbstverständlich sei bei der Kürze der Zeit eine genaue Berechnung der An­lage- und Betriebskosten für dies ganze Netz nicht möglich gewesen, für /b,cn Seltersweg liege sie jedoch vor. Zurzeit brennen dort vom Oktroihäus bis zum Vrückschen Haus am Kreuzplatz 14 Laternen mit 17 Flammen, während nach seinem in der letzten Sitzung gemachten Vorschlag die Zahl der Laternen 21 betragen werde. Die Kommission sei dabei der Ansicht, daß der Vorschlag des Gaswerks (eine neue Laterne und ein Kandelaber) überhaupt keine nennens­werte Verbesserung bedeute, und bei Beibehaltung der Gas­beleuchtung nur sein Vorschlag in Betracht kommen könne. Er würde 1500 Mk. erfordern. Die elektrische Beleuchtung koste einschließlich Kreuzplatz, also bei 500 Meter Straßen­länge, 3500 Mt. Wenn man dies umrechne auf die 3080 Meter Länge der obengenannten Straßen, so ergebe sich folgendes Bild. Die jetzt vorhandenen 71 Nacht- und 74 Abendlampen erfordern 7830 Mk. Ausgaben, die verbesserte Beleuchtung 500 Mk. sür Verzinsung und Amortisation, 9800 Mk. Betriebskosten, das elektrische Licht dagegen werde bei "5 Bogenlampen in 13 Stromkreisen zu 5 Lampen, von denen 7 die ganz^ Nacht, die 6 anderen nur abends brennen würden, 22000 Mk. Anlagekapital erfordern. Die Betriebskosten würden sür Strom, Stifte usw. 11900 Mk. betragen, die Verzinsung zu 4 Proz. und die Amortisation (1 Proz. und Zinsenersparnisse) 2100 Mk., sodaß das elek­trische Licht jährlich 13000 Mk. erfordern werde oder 5200

Mart mehr als die jetzige Beleuchtung und 2700 Mk. mehr als die verbesserte Beleuchtung. Es sei ferner in Betracht zu ziehen, daß das Gaswerk an der Grenze seiner Leist­ungsfähigkeit angelangt sei und cs erforderlich sei, wenn eS seine Leistungsfähigkeit in der nächsten Zeit beibchalten solle, Verbesserungen und Neueinrichtungen zu treffen, die 6070000 Mk. erfordern würden. Deshalb werde die Ein­führung der elektrischen Beleuchtung in den Hauptstraßen dazu beitragen, das Gaswerk erheblich zu entlasten, und zwar betrage diese Entlastung täglich 180 Kubikmeter und 225 Kubikmeter, wenn man die Gasbeleuchtung in der vor- geschlagenen Weise verbessere. Die Deputation bean­trage aus allen diesen Erwägungen heraus, zunächst im Selterswcg elektrische Beleuchtung ein- zuführen und demnächst in den übrigen (vor­stehend, genannten) Hauptstraßen und zwar nach dem , Fortgang der Wiederherstellungsarbeiten an den Bürger­steigen.

Stadtv. Löber führt aus, daß er nach den Darleg­ungen des Vorsitzenden kein Bedenken mehr trage, der elektr. Beleuchtung des Seltersweges zuzustimmen. Auch die Stimmen in der gestrigen Versammlung des Bürger­vereins, die sich gegen die Beleuchtung des Seltersweges ausgesprochen Hütten, würden wohl nicht laut geworden sein, wenn man gewußt hätte, daß allen Hauptstraßen der Stadt gleiches Recht werden solle. Erfreulich sei es, daß die Kosten nicht so bedeutend seien und die der Gasbeleuch­tung nicht wesentlich übersteigen.

Stadtv. Wallenfels war"ebenfalls der Meinung, daß man den Selterswcg allein nicht elektrisch beleuchten dürfe und zunächst die öffentlichen Plätze hierfür in Be­tracht zu ziehen seien. Nach den Darlegungen des Vor­sitzenden aber stimme er der Vorlage zu, zumal damit das Gaswerk entlastet werde.

Beig. Georgi erklärt, daß ihm die Anregung, den Seltersweg zu beleuchten, anfänglich nicht sympathisch ge­wesen sei. Nachdem aber die Kommission die Sache genau geprüft habe, sei er zu der Ansicht gekommen, daß die Ein­führung elektrischer Beleuchtung das gichtige sei. Es fei klargelegt worden, daß das Gaswerk an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt sei, namentlich, wenn die Zahl der Gaslaternen vermehrt würde. Mit der durch die Vorlage zu erwartenden Ersparnis an Gasverbrauch für die Straßenbeleuchtung werde der Neubau des Gaswerks, der auf etwa IV2 Millionen kommen werde, sicher um 56 Jahre hinausgeschoben. Das bedeute eine außerordent­lich große Ersparnis von Zinsen und Amortisation, die die Mehrkosten' der elektrischen Beleuchtung bei weitem übersteige.

Stadtv. Dr. Wimm en au er will angesichts der Aus-? führungen des Vorsitzenden und des Beig. Georgi der Vorlage zustimmen, wenn sein Bedenken beseitigt werde, daß die Amortisationsquote zu gering sei.

Der Vorsitzende erklärt, diese sei so angesetzt, tote7 nach einer Mitteilung des Ministeriums die städtischen Anlehen zu tilgen seien. Nach dem bisherigen Modus habe, die Tilgung 50 Jahre erfordert, nach dem neuen nur 45.

Stadtv. Schaffstüdt war Mit deM Vorsatz hierher gekommen, gegen die elektrische Beleuchtung zu stimmen, aber die Darlegungen des Vorsitzenden hätten auch ihn von der Zweckmäßigkeit der Neuerung überzeugt. Er habe nur noch den Wunsch, daß die Umwandlung der Beleuch­tung in den vorgesehenen Straßen möglichst rasch und gleichzeitig erfolge, da mehrere dieser Straßen schlechtes beleuchtet seien als der Seltersweg. So beleuchte z. B. im Seltersweg eine Laterne durchschnittlich 370 Qm., da-, gegen in der Bahnhofstraße 430 Qm.

Der Vorsitzende bemerkt, daß der Seltersweg zu­erst in Angriff genommen werde, sei Zufall, da hier die Fußsteigherstellung zuerst in Angriff genommen werde. Es Jet aber anzunehmen, daß im Lauf des nächsten Jahresj die elektr. Beleuchtung der in Aussicht genommenen Straßen und Plätze durchgeführt sei.

Stadtv. Petri war derselben Meinung wie Stadtv^ Schaffstüdt. Er halte an und sür sich unser Gasglühlicht sür besser wie elektrisches Lichr. Weiter, wolle er anfragen, ob durch Anbringung geeigneter Verbesserungen im jetzigen Gaswerk, z. B. oer Einführung der neuen stehenden Re­torten an Stelle der jetzigen liegenden, es nicht möglich sei, mehr zu produzieren. Wenn man ein neues Werk baue, würden Gaswerk und Elektrizitätswerk sich in gewisser: Beziehung Konkurrenz machen.

Direktor Bergen hat sich hauptsächlich aus dem

Achtes Feuilleton.

Agrarier". In Elberfeld erlebte seine Urauf­führung das DramaAgrarier von Fritz Stoffel, mit voll­ständigem, ehrlichem Erfolg. Die Agrarier sind Großbau ern auf dem Hunsrück, die so lesen wir in derRhein.-Westf. Ztg." infolge der hohen Fleisch preise schöne Summen ein­nehmen, aber bei der Regierung wegen Staatshilfe vorstellig werden, ^cr Boden wirft keine Rente mehr ab", lautet ihre Phrase, die ihnen vom Vorsitzenden ihres Vereins, vom Pfarrer, vorgesprochen wurde. Die kleinen Leute dagegen, die Tage­löhner, leiden unter den erhöhten Preisen; sie sind nicht mehr so hilflos wie ihre Väter, die rücksichtslos ausgebeutet wurden. Einer von ihnen rafft sich auf und schreibt einen schlich­ten, wahrheitsgemäßen Bericht an, ein großes liberales Blatt. Alles spricht von dem Artikel. Die Bauern wüten gegen den Sixel, dessen Urheberschaft durch die Honorarsendung verraten wurde. Sie suchen ihn zu vernichten, und der Pfarrer, der eine Beleidigungsklage anstrengt, hilft ihnen,' bis ihm die Augen aufgehen und er seine bisherigen Bundesgenossen verachten lernt. Er bietet seine pekuniäre Hilfe dem um seine Existenz Gebrachten <nt; sie wird stolz zurückgewiescn. Unbeugsamer, starrer Bauern­trotz ist in dem Sixel, der erst in Tränen ausbricht, als die boshaften Gegner ihm in der Nacht die geliebten Obstbäumchen niederschlagen. Ein charakteristischer psychologischer Zug. Er be­gegnet bis dahin jedem Ansturm von Freund und Feind, im stolzen Vertrauen auf die große Zeitung. Als die aber seinen zweiten Bericht mit großem Bedauern zurückschickt, bricht er zusammen. Im Kampf mit den höhnenden Feinden wird er niedergeschlagen. Aber int Tode triumphiert er: der Pfarrer bittet ihn reuig um Vergebung und der Großbauer Reinhardt sieht sich durch seinen Sohn genötigt, diesem die Heirat mit Sixels Tochter zu gestatten. Der Verfasser schrieb dieses sehr aktuelle Stück schon vor acht oder neun Jahren; er ist Lehrer in Elberfeld

und kennt als Bauernsohn aus dem Hunsrück die Verhältnisse sehr genau. Für ein Erstlingswerk ist das Drama sehr geschickt aufgebaut.

Oskar Wi Ides Ballade vom Zuchthause zu Reading. Uebersctzt und aus dem Zusammenhänge seines Le­bens erklärt von O. A. Schröder. Mit einem Bildnis des Dichters. Leipzig, Max Hesses Verlag. In Leinenband 1.20 Mk. Wildes berühmte Zuchthaus-Ballade hat als ein erschüttern­des dichterisches Bekenntnis weithin Beachtung gefunden. Es ist in einer Zeit des tiefsten Leidens des Dichters und feiner Demütigung entstanden, und der in ihm aufgewühlten selbst­quälerischen und niederdrückenden Empfindungen hat er sich hierin entäußert. Die Dichtung wird auch solchen Lesern einen starken Eindruck hinterlassen, die für Wilde im übrige/: nicht viel übrig haben.Wir haben", sagt der Herausgeber in seiner Wildes Leben und Schaffen darstellenden Einleitung,bte Zuchthaus- Ballade als das"Werk anzusehen, in dem die schrillen Dissonanzen seines Lebens und seiner Dichtung in sehr ernsten, aber doch reinen Akkorden ausklingen." Die vorliegende Uebcrsetzung sucht das Original nach Inhalt und Form sinngemäß und würdig wiedcr- zugeben; das ist ihr durchaus gelungen, der düstere und zu Herzen gehende Ton der Ballade gut getroffen. Ein Bildnis des Dichters, dessenIdealer Gatte" das Gießener Stadttheater mit Bauer aus Frankfurt zur Ausführung zu brinaen gedenkt, ist dem Bändchen vorangestellt.

DasDeutscheKunstgewerbe 1906. Dritte Deutsche Kunstgewerbe-Ansstellung Dresden 1906. Mit Beiträgen von Fritz Schumacher, Hans Poelzig, Cornelius Gurlitt, Erich Haenel, Hermann Muthcsius, Karl Groß, Friedrich Naumann und Ernst Kühn herausgcgeben vom Direktorium der Ausstellung. 304 Seiten mit 463 Abbildungen. Verlagsanstalt F. Vruckmann A.-G., München 1906. In Leinen gebunden 15 Mk. Das offizielle Dresdener Ausstellungswerk ist erschienen, ein stattlicher Band, dessen reicher Inhalt seinen Titel rechtfertigt. Die Aufsätze, in1

denen von den beruf ernten Autoren die Aufgaben und Ziele der Bewegung klargelegt werden und auch gezeigt wird, was aus den einzelnen Gebieten bisher erreicht wurde, repräsentieren im Verein mit den von einer Kommission der AnSstellungsleitung ausgewählten Abbildungen tatsächlich das deutsche Kunstgewerbe: im Jahre 1906, wie es sich in der Architektur und Gartenkunst, in kirchlicher und profaner Raumkunst, in Handwerk und In­dustrie, in den sozialen Wohlfahrtsbestrebungen, ja selbst in den neuen Zielen nachgehenden Arbeiten der kunstgewerblichen Lehr­anstalten zeigt. Aus der ungeheuren Fülle des Stoffes ist die Auswahl so getroffen, daß das Bild der Ausstellung, wie esl dieses ErinnerungSwerk festhält, deutlich erkennen läßt, wie sich die Bewegung im ganzen deutschen Lande entwickelt hat. Dies verlieh der Dresdener Ausstellung ihre große kulturelle Bedeut­ung, und darin liegt auch der Wert dieses Buches, das laut von der nationalen Bedeutung der kunstgewerblichen Bewegung zeugt, auf die MuthesiuS in feinem auf dem diesjährigen Kunstgewerbe- tag gehaltenen Vortrag überzeugend hingewiesen hat. Auf dem Weltmarkt wird das deutsche Kunstgewerbe nicht nach seinen Nach­ahmungen englischer und französ. Möbel oder dänischen Por­zellans, sondern nach seinen Eigenleistungen eingeschätzt, die Zeugnis davon oblegen, daß cs nicht gesonnen ist, länger willen­los den Geschmacksrichtungen anderer Völker zu folgen. Ein Künder dieses deutschen Geistes im mobenten Künstgewerbe wird, so darf man hoffen, dies Buch sein.

München, 23. Okt. Im Wettbewerb für Entwürfe zum Neubau des deutschen Museums erkannte das Preis­gericht einstimmig den ersten Preis Professor Gabriel von Seidl-München zu. Ferner wurden unter Fortfall des dritten Preises zwei zweite Preise den Entwürfen der Architekten Trost und Jaeger hi München, sowie dem Architekten Regierungsbau­meister. Buchert in München zuerkannt.