Ausgabe 
25.1.1906 Erstes Blatt
 
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Mont, M -kn-ch bk DuatMt ber Mm baron !»ulb M. 6k feien nfabcntifcl), aber nicht nabnaogifch ausaebilbct. -ie -l aiterii bünbler beantragen eine Verkleinerung unb-t.e^ntrali|lc5l*np bt'[ eJZ erfüllen. Bei bem Kapitel Laudgeslul entspann sich eine lebhafte Debatte über einen Antrag Hänsel, die von König noch Stockheim »crifiite G c ft ü t § ft n 11 o n mieber nach König -nruckzimeilegen. Läläel^ kritisierte ^daö Vorgehen der Gesintödirektton Die neue Eta ion sei ganz unrentabel. Vanbftnfimeiftcr von Willnh recht- ftrllake"die Verlegung des Geftiits. S.e sei an'Kr.mb von Wünschen ans der Bevölkerung geschehen. Eine weitere Debatte emspmm sich über die Molkereiichnlen unb eZ wurde beschlossen, die Molkerei- schule in Lauterbach fallen zu lassen.

Nach der .Torrnft. Ztg.^ ist der zweiten Kammer soeben eine Gesetzesvorlage der Ministerien bc3 Innern unb Finanzen wegen Verlängerung der Gel tun qS bau er des am 1. April 1906 außer Kraft trelenbcn provisorischen Genie inbeum lagegesetz es zuqeaanaen.

Die Landwirtschaft vor dem pr eust. Abgeordnetenhaus.

Abg Dr. Sch der-Kassel (nl.) empsiehlt, daß die Land'S^ Versicherungen statten, wo sie Darleihen gewähren, m erster Linie HMwthek'en unb nicht Reallasten eintragen ließen. ^9kbg. Glatzel fn^L : Seines Erachtens genüge es, für die eMuiig einer Lerjchnld'.ingsgreuze, wenn die landwirtschastl. Genossenschaften unter Zuhilfenahme ber Preußaukasse genügend hohe Darlehen gewähren unb dafür Sichernngshypolheken eintragen lassen, zu­gleich mit der Abmachung, ba& eine weitere Verschuldung aus­geschlossen sei. Abg. v. <o e tm i g-Techlin (fonf.) hält eine Ver­ordnung über den Verkehr mit Milch bei einer Stallkontrolle für undurchführbar. Landwirlschaftsminister v. Podbielski wird dem Vorschläge, für die Arbeitenvohmmgen Mittel aus dem F-ondS ber Landesversicherungsanstalten zur Verfügung zu stellen Auf­merksamkeit schenken. Er werde sich mit bem Handelsminister in Verbindung sehen, um in gesetzlichem Wege eine andere Regelung der Marktn-oticrnngen zu erreichen. Ferner mache er darauf auf­merksam, das; ein Gesetz Über die Verschuldung geschaffen werden solle für den ganzen Staat, nur soll die Einführung des Ge­setzes ben Provinzen mit Genehmigung bes Staates überlassen bleiben. Eine Verbesserung ber Verkel)<sverhältnisse durch Wege- unb Bahnbauten sei im Interesse ber Landwirtschaft erforderlich. Abg. Engelsmann (nl.) verlangt eine Revision des Wein­gesetzes, Einführung der HellerfxmtroHe unb bekämpft den Vor­schlag ber Einführung einer Reick)sweinsteuer. Landwirtschafts- minister v. Podbielski: Beim Wein solle man nicht vev- gessen, daß die kleinen Winzer durch ben Prozeß Sartorius unb bie Temperenzlerlwwegung sehr gedrückt sind. Er sei bereit, bie Bestrebungen nach strengerer Kontrolle burch besondere besoldete Beamte zu unterstützen.

Beim Kapitel landwirtschaftliche Lehranstalten führt LaNdwirtschastsrninister v. Podbielski cu§^ daß die Dinterschulen einer gesunden Fortbildung unseres Schulwesens sehr bienen würden, da bie Lehrer Berater ber älteren Landwirte würden. Die I-ortbildungsschnlen sollen dagegen nur allgemeine Bildung vermitteln, nicht Fachwissen. Lkbg. Tr. Lot ich ins (nl.) wünscht, das; die Summen für die Unterstützung der obligatorischen Fortbildungsschulen in Lessen-Nassau erhöht würden. Nach weiteren Bemerkungen verschiedener Llbgeordneter warnt Minister v. Podbielski bavor übereilt mit der Gründung von Winterschulen vorzugehen. Sein Wunsch sei, daß, wenn er einmal ans bem Leben scheide, bie Landwirtschaft ein pros­perierendes Gewerbe sei. Wg. Wolgast (Hosp. b. frf. Bp.l freut sich, baß bie Rechte nicht gegen bie obligat. Fortbildungsschule Front macht. Im Gegensatz zum Minister meine er, daß ber Unterricht in ben Fortbiidungsfchul"n sich ganz an den Lanb- wirtfckmftlicben Beruf ansckisiesten müsse.

Preußisches Herrenhaus.

Aus ber Tagesordnung steht ber Bericht über das Justiz- ministerialfchreiben betr. Ermächtigung zur Strafverfolgung des Schriftleiters derTribüne" in Erfurt, v. L o j e ws ki wegen Beleidigung des Herrenhauses. Oberbürgermeister M"rr (Düsseldorf) beantragt namens der Kommission die Ver­sagung dir Ermächtigung. Das Laus stimmt bei. TieLoiterie- vertrage mit den zur H e s s i s ch - T h ü r i n g i s ch e n Lotte­riegemeinschaft vereinigten Staaten unb Renß j. L. werden genehmigt. Es folgt der Äommissionsbericht über bie Vorlage betr. bie Befähigung zum höheren Verwaltungs­dienst. Die Herren Fuß unb Dr. Hamm beantragen die Neu­reglung zu verschieben bis zu einer gleichzeitigen Regelung des höheren Verwaltungsdienstes und des höheren Justizdienstes. Der Gesetzentwurf wird in ber Kvmmissionssas-sung angenommen, ebenso der Antrag Fuß und fromm.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Januar. Ter Kaiser wohnte gestern abend bem Friedrichsvortrage in ber Militärischen Gesellschaft im großen Saale ber Kriegsakademie bei, wo Major Baereeke über die Schlacht bei Liegnitz sprach.

Heute bestchtiate der Kaiser im Kunftserhaus Bilder des Malers Hans Bohrbt, hotte eine Unterredung mit bem Reichskanzler unb hörte ben Vortrag beS Chefs bes Militär- kabmetts Grafen von Hülsen-Haseler.

Am Slbenb hielten bie Majestäten im Rittersaale bes Schloßes Teftliereonr für die Herren vom Militär ab. An- niesend waren bie Prinzen unb Prinzessinnen, bie Hofstaaten, Umgebungen unb Gefolge. Zuerst befiherten bie Generale, bann bie Admirale unb dann bas Offizierskorps.

Der Kaiser sandte beute den Flugelabjntanten von Ehelius zu bem hiesigen Gesandten von Brasilien mit bem Auftrage, bem Gesanbten seine Teilnahme an ber Kata­strophe bes Linienschiffes .Aqnidaban* aus,zubrücken und ihn zu bitten, biese Kundgebung auch bem Präsidenten ber Republik Brasilien zu übermitteln.

Tas Kuratorium ber Lieqnitzer Rftterakabemie wirb in andere Hände übergehen. Graf KoSpoth, ber als Ge­neralbevollmächtigter ber Lanbrat von Bubdenbrockschen Erben, deren Güter an ben Polen Biebermann verkauft hatte, Hot gegen sich selbst Disziplinär Untersuchung beantragt.

Hamburg, 24. Jan. Die interessantesten Momente in ber heutigen Bür gers cha ftßsitzung lieferte bie B.- sprechnng der Ereignisie vom vorigen Mittwoch. Tie Sena­toren O'Swald unb v. Melle machen bie sozialdemokrati.chen , Führer für die Exzesse des Pöbels verantwortlich, während ba-: sozialbemokratische Bürgerschastt Mitglied Stollen der Thatsache, baß bas Verkehrsviertel eine Stunde über von ber Polizei entblößt war, bie Ha.iptverantwortung zuschiebt. Von ben Mitgliedern ber Bürgerschaft bekämpfte außer ben Sozial­demokraten Stolten und Fischer auch das von den Rotabeln gewählte Mitglied ber Rechten Warburg die Wahlri chts- Vorlage. Er bekämpft bas Klasienwahlrecht und bas gan,., ungeeignete Proportional-Wahlrecht unb erwartet für die Zukunft die Lösung des Problems von Wahlen nach in Kammern organisierten Berufsständen. Stolten konstatiert, das; die Stimmung der bürgerlichen Bevölkerung der Vorlage ent­schieden feindlicher geworden fei.

Forst, 24. Jan. Ter verantw. Redakteur ber sozial- bemofr. ,Märk. Volksstimme', Perner, wurde heute auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen eines Aufrufes betreffend bie Wahlrechtsprotestversammlungen verhaftet.

Stuttgart, 24. Jan. In der St amm er ber Ab­geordneten erklärte bei der Beratung ber Verfassungsrevision

Ministerpräsident v. Breitling, daß die Regierung bem Anträge der Kommission, den vorgeschlagenen 75 durch bas eil. Wahlrecht zu wählenden Abgeordneten noch 17 nach bem Proporz zu wählende Abgeordnete hinzuzufügen, nicht zu stimme. Schließlich wurden 63 Oberamtsbezirks­abgeordnete, 6 Abgeordnete für Stuttgart, je ein Abgeord­neter für Tübingen, Ludwigsburg, Ellwangen, Ulm, Heil­bronn und Reutlingen genehmigt.

Straßburg, 24. Jan. Der frühere Polizei- kommifsar Step Hany veröffentlicht eine Erklärung, in welcher er behauptet, daß Geheimlisten beständen mit den Namen derjenigen, welche im Falle einer Mobilisation ausgewiesen werden unb derjenigen, welche in bomben» sicheren Kasematten untergebracht werden würben Auf biefen Profkriptionslisten stehen bie klerikalen elf äff. Reichstagsabg. Tr. Benderscher unb Delsor.

Kolonialpost.

Zum Rechte ber Herero, insbesonbere ihr Fa­milien- und Erbrecht, nennt sich ein soeben im Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) in Berlin erschienenes Werk des in Gießen lebenden Dr. jur. Eduard Dannert aus Omaruru (Deutsch-Südwestafrika), das bei dem Interesse, das der südafrikanische deutsche Besitz und seine Bewohner gerade in der jetzigen Zeit in allen Kreisen der Bevölkerung findet, manchem willkommen sein dürfte. Wir behalten uns eine eingehende Besprechung des Buches vor.

Rußland in Nöten.

Nachrichten aus Livland zufolge hat ein Teil ber dortigen Bevölkerung, eingeschüchtert burch bas energische Vorgehen der Truppen, die Waffen niedergelegt unb die Führer ausgeliefert; letztere wurden erschossen. Ein anderer Teil der Bevölkerung flüchtet in die Wälder. Am 22. Januar wurden in Fellin 45 im kriegsgerichtlichen Verfahren zum Tode verurteilte Personen erschaffen. Aufständische aus Liv­land überschrilteu die Düna und gelangten nach Tomsdorf, wo sie die Kaffe der Verwaltung beraubten und bie amt­lichen Schriftstücke verbrannten. Sie zerrissen die Bilder des Kaisers, die sie vorfanden, und nahmen die Vermaltungsstemvel mit.

Ausland.

London, 24. Jannar. Ter Berichterstatter desDaily Telegr." in Biarritz will wissen, Kaiser Wilhelm werde der Trauung deS Königs von Spanien beiwohnen, um die Gerüchte zu entkräften, daß er diese Heirat wegen ber mecklcnburgi'chen Prinzessin nicht gern sehe.

London, 24. Januar General Sir Frederick Maurice wurde von einem französischen Offizier über die Stärke der englischen 9(rmee befragt. Dabei äußerte er, im Falle eines ungerechten Angriffs Deutschlands auf Frankreich würde England nicht ruhig zu sehen. (Rach einem französ. Blatte sollte der englische Generalmajor auch gesagt haben, es könnte keinem Ziveisel unterliegen, daß auch Däne­mark beim Ausbruch eines Krieges mit Deutschland sofort gegen dieses ins Feld rücke. England selbst könne binnen 24 Stunden 80 000 vorzüglich emgeiibte Soldaten konzen­trieren. Die englische Artillerie verfüge über eine neue Kanone, die sich als eine vorzügliche Waffe erwiesen habe; 600 Ge­schütze dieser 9lrt ständen schon bereit.) Einer Blätter­meldung zufolge ist der Erfolg der Arbeiterpartei bei den Wa h len zum größten Teile ben Geld unter st ütz- ungen bes amerikanischen Milliardärs Carnegie zu danken.

,Paris, 24. Januar. AuS der französi'chen Kolonie Tonking wird gemeldet, baß zahlreiche Banden regulärer chinesischer Truppen in bas Land gedrungen sind unb mehrere Dörfer geplündert haben. Zahlreiche Frauen unb ftinber würben niedergemetzelt. Eine französische Abteilung von 400 Wann überraschte die Bande, als sie gerade bei ber Zerstörung eines Dorfes war. Tic Chinesen waren mit Mausergewehren bewaffnet unb leisteten hartnäckigen Widerstand. Ter Kampf dauerte drei Stunden. Die Chi­nesen hatten 3 00 Tote nnb zahlreiche Verwundete. Aus französischer Seite fielen 45 2)1 ann. Ter Führer der Franzosen, Major Lecointre, wurde schwer verwundet.

Montreal, 24. Januar. England beabsichtigt im Frühjahr 10000 Mann Truppen von England nach ben Charl otten-Jnseln (im Pacific, nahe der kanadischen Westküste) zu entsenden, lediglich über die kanadische Pacific- bahn, um für den Kriegsfall die genaue Dauer des Trans­ports zu kennen.

Sonn agsrnöe

Wir haben am Freitag eine Eingabe der Gesellschaft für soziale Reform an Reichstag und Bundestag kurz erwähnt. Heute lassen wir Folgendes aus der beigegebenen , Begründung" folgen:

Tie bestehenden gesetzlichen Bestimmungen über die Einschränk ung der handelsgewerblick>en W,chäftigung an den Sonn- und Feiertagen sind der Ert^nntnis entsprungen, daß den kauftnä.mi­schen Gehilfen ein Tag der Ruhe in ber Wockie ebenso not tue wie den Angestellten und Arbeitern in Industrie und Handwerk. T<r Wille des Gesetzgebers, ber in ber Novelle zur Gewerbeord­nung von 1891 jene Schntzbeslimmu ngen für die Handlungs gehilsen schuf, war grundsätzlich auf des große Ziel gerichtet, auch dieser Bernfsgruppe die volle 36 stündige Sonntagsruhe zu sichern, die für die Industrie angeordnet wurde. Nur Rücksichten auf hergebrachte Gewohnheiten, auf gewisse vermeintliche wirt­schaftliche Bedürfnisse des Geschäftslebens und des großen Publi­kums haben ihn damals daran gehindert, sogleich aufs Ganze zu gehen und fürt den Handel die Sonntagsarbeit in vollem Ums'nge zu verbieten, wie er es prinzipiell für richtig hielt. Beschieß sich also der Gesetzgeber vorerst mit gemilderten Ein- scl'ränkungsvorsckwiften gegenüber der kaufmännischen Sonntags­arbeit, so verriet doch die Fassung des Gesetzes, die den aus- ftihrcnden Gemeindebehörden eine weitgehende Verschärfung des Vescljöftigungsoerbotes durch statutarisck)e BesMüffe nahelegte, deut­lich die Erwartung der Regierungen und des Reichstages, daß nach Ueberwindung der ersten Uebergangsschwierigkeiten die For dcrung vollldmmener Sonntagsruhe sich in fast allen Zweigen des Handelsgewerbes siegreich durchsetzen werbe. Das Gesetz von 1891 erschien dem Gesetzgeber nur als eine Wschlagszahlung auf jene Forderung

Tie Erwartungen des Gesetzgebers auf ein Vordringen des Gedankens der Sonntagsruhe aus eigener Kraft haben sich leider nicht erfüllt. Ter Weg der ortsstatutarischen Regelung versagte gegenüber der Beharrlick-keft alt eingewurzelter Amsck-auungen und Gewohnheiten

Auch an einem und demselben Orte herrscht bisweilen eine ungesunde Ungleichheit in der sonntaglich.n Beschäftigung der Angestellten verschiedener Firmen desselben Geschäftszweiges, in­dem die emen Sonntags dre Arbeüslraft ihrer Gehllfen nur aus­

nahmsweise, die andern in ausgedehntestem Maße in Anspruch nehmen. Daß nicht selten da, wo die zulässigen fünf Beschäftig- ungsstunben durch den Gottesdienst unterbrochen werden, mit diesen gesetzlichen Feierstunden heimlich, Mißbrauch zu ArbeitS-, zwecken getrieben wird, ist bei der schwierigen Ueberwachung der Gesei'esbefolgung nicht zu verwundern.

Tie bisherige gesetzliche Ordnung der Sonntagsruhe end- sprickit also weder den Erwartungen des Gesetzgebers,^ noch sichert sie dem .Handlungsgehilfen bas befdjdbene Mindestmaß feier­täglicher Erholung, einen vollen freien Nackmiittag in der Woche, noch trägt sie dazu bei, dem Gedanken der vollkommenen Sonn­tagsruhe im frandelSgewerbe den Weg zu bahnen und ibn dem Rechtsbewusttsein des ganzen Volkes als eine soziale Notwendig­keit, als eine sittliche und kulturelle Selb-stverständlichkeft ein* jnprägen. ...

Tie damit verknüpfte Unterbrndung des Selbstintereffes unb die fortschreitende Arbeitsteilung führen zu stets engerer Speziali­sierung ber Beschäftigung des Gehilfen unb machen seine Tätig­keit monoton, verleiten zu geistiger und sittlickser Stumpfheit. Ein Gegengewicht zur Neubelebung der Persönlichkeit tut not, um ben Hanblungsgehilsenstand, der bisher ein stattliches Teil von Intelligenz und Kulturstrebens im deutschen Volke verkörperte und bei der wachsenden Kommerziellen Verflechtung Deutschlands im Innern sotvvhl wie mit bem Welthandel schneller als die übrigen VernfsschLebten zunimmt, nicht sinken zu lassen.

Ter Einwand, daß die fr^ndlungSgehilfen mit reichlich zu­gemessener freier Zeit eher Mißbrauch und Unfug treiben, als sie zu ihrer kulturlichen Förderung verwenden würden, ist haltlos und beleidigt den ganzen Berufsstand, der doch wohl ebenso gut wie die össentlick?en Beamten und die gewerblick^en Arbeiter seinen Feier- unb Ruhetag würbig zu begehen imstande sein wird. . . .

Die Sonntagsarbeit im Handelsgewerbe eutsprickft keines­wegs einer Naturnotwendigkeit, sondern in den meisten Fällen einzig nnb allein einem gedankenlosen Herkommen. Der Kauf­mann hält sein Geschäft offen, weil das Publikum auch Sonn­tags zu kaufen pflegt, das Publikum aber macht seine Käufe und Bestellungen, die ebenso gut an einem Wochentage erledigt werden kömien, des Sonntags, weil die Kaufleute auch an diesem Tage ihr Geschäft offen zu halten pflegen. Es kommt ,nur auf eine Erziehung des Publikums an. Diese kann, wie die Dinge liegen, nur durch ein Gebot grnndsätzlick>er Sonntagsruhe be­wirkt werben. Zumal im Großhandel und im Bankwesen bat sich die Erkenn in s V^hn gebrochen. Rücksichten auf die ausländische Konkurrenz kamen hierbei nicht in Frage, da die bfbeutenbfben Interessenten am deutschen Handel, England und Amerika, be- ftuntlich seit jeher sich völlige Sonntagsruhe gönnen. In einet Reihe deutscher Städte, wie Dresden, Offenbach, Stuttgart, Mann­heim, hat die übereinstimmende Anregung der Engroshändler unb Bankiers, sich und ihren Angestellten den Genuß eines wirllich freien Tages zu verschaffen, bereits in ortsstatutarischen Verboten jeglicher Sonntagsarbeit entschiedenen Ausdruck gefunden. Noch deutlicher sprechen die amtlichen Erhebungen des Beirats für Arbeiterstatistik. Danach besteht in den Kvntoren der deutschen Handels- unb Bankhäuser schon heut für zwei Drittel aCW Angestellten die völlige Sonntagsruhe.

Im Kleinhandel hat das Vorgehen der Warenhäuser, unb Konsumvereins' äd.'n, sowie zahlreiche Spezialgeschäfte bewiesen, b ß Gesck>äfte selbst mit starker Arbeiterftindschaft, die Wochentags über wenig freie Zeit verfügt, bei völliger Sonntagsruhe sehr gut gedeihen können. Grundsätzliche Billigung findet, denn auch der Ged'nke vollkommener Sonntagsruhe in den weitesten Kreisen der Handelstreibenden, bei den Prinzipalen des Engros- wie des Kleinhandels beinahe ebenso stark wie bei den Gehilfen. Die von der Gesellschaft für Soziale Reform im letzten Jahre, er­betenen Gutachten ber acht bedeutendsten kaufmännischen Vereinig­ungen, bie utiter 350 000 Mitgliedern über 40 000 Prinzipale zählen, lauteten noch entschiedener zu gunften der völligen Sonn­tagsruhe. Einmütig fordern sämtliche acht Verbände das Verbot jcglick'er Sonntagsarbeit.

Und eine so ausgesprochene Handelsstadt wie Frankfurt, am Main ist im letzten Jahre auf fast einmütigen Vorschlag der Stadtverordneten zum vollkommenen Geschiftsschluß am Sonntag» übergegangen. Selbst für die mit dem SchiffahrtSgewerbe zu­sammenhängenden kaufmännischen Arbeiter ist keine Ausnahme von dem Sonntagsruhegebot zugelassen worden. Zeugnisse penug für die Entbehrlichkeit der Sonntagsarbeit. Eimpe speziellere Einwendungen schließlich gegen die vollkommene Sonntagsruhe, wie der drohende Verlust der Fremden kundschaft, die Belästig­ung der läudlickden Kundschaft, die Förderung des Hausierertums erweisen sich ebens'lls als keineswegs unüberwindliche Bedenken. München und Innsbruck, Fremdenstädte par exeellenee, und, wie gesagt, auch Frankfurt a. M. haben sich nach mannigfachen Ver- snckirn zu voller Sonntagsruhe gerade in den Monaten der Sommersaison entschloßen. Die bäuerliche Kundschaft aus dem Lande hat sich mehr und mehr daran gewöhnt, statt Sonntags nach d e m K i r ch g a n g e , nunmehr an den Markt- und Gerichtstagen der Woche ihre Einkäufe in der Stadt zy besorgen.

Nach allem vorstehend Ausgeführten muß der Boden für eine vollkommene Durchführung der Sonntagsruhe im Handels­gewerbe als reif erscheinen. Nach der Ansicht ber Gesellschaft für Soziale Reform sollte denn auch die endgiltige gesetzliche Regelung der Frage diesen Verhältnissen ohne Einsck^ränkung ent­sprechen. Aber die Gesellschaft für Soziale Reform verkennt auch nicht, b^n einige elementare Lebensbebürfnisse des konsumieren­den Publikums auch an den Sonn- und Festtagen ihre Beftiedig- mtg unabweislich erheischen. Die Versorgung der Bevölkerung mit Milch, bie Lieferung von frischem Fleisch imb andern. leicht verderblichen Waren an die eng wohnenden Stadtbewohner während der heißen Sommermonate mufa wohl oder übel auch an den Sonntagen erfolgen können; selbst in England, bem Lande der strengen Sonntagsruhe, fetzt sich dies Bedürfnis mit innerer Notwendigkeit durch. Werter liegt für die in don Fabrikvorortew der Städte arbeitende Bevölkerung solange der SamÄagnachmittag ihr nicht freigegeben ist, wie vielfach in England, dar Zwang vor, ihre Gänge zu größerem Einkauf Sonntags früh zu besorgen, da der von den Handlungsgehilfen geforderte und bringend zu befürwortende frühe Ladenschluß an Abenden der Wochen­tage ihnen die Möglichkeit nimmt ihre Wege noch nach Feierabend am Werktage zn erlebigen. Für die großen Ausslngs- und Wallfahrtsorte, bie an den arbeitsfreien Festtagen Tausende von Menseln oft aus größerer Ferne heranlocken, kommt ferner in Frage, daß bei völligem Verbot des Kleinhandels mit Lebens­mitteln die crqukhing5-bct)ürftigcn Massen ausschließlich aus den Besuch der Sckwnkstätten angewiesen sein würden. Auch die gute Volksgewohnheit, daß der Arbeiter und Kleinoürger an einem Sonntage vor Weihnachten mit Frau und Kind gemeinsam in freudiger Muße die WeihnachtSeinkäufe zu besorgen pflegt, ver­dient Berücksichtigung.

Allenthalben handelt es sich hier um natürliche, unent­behrliche Lebensbedürfnisse des Volkes, bereit Befriedigung mit der mißbräuchlichen Beanspruchung der K'anfmaiinsarbeit an den Sonntagen nichts gemein hat und deren fünftiiebe Unterdrückung nur Verletzungen und Umgehungen des Ruheverbotes zur Folge haben würde. Solck>en nachweislickien Notwendigkeiten muß bei der gesetzlichen Einführung der vollen Sonntagsrulw im HandelS- gewerbe ebenso Rechnung getragen werden wie in der Industrie. Tie Ausnchmen von der Sonntagsruhe müssen jedoch auf daZ allergeringste Maß beschränkt werden und durch ioechselude Ab­lösung^ der besckwftigten Personen wenigstens an jedem zweiten Sonntage den Handlungsgehilfen ein voller Ruhetag von 36 Stunden sicher gestellt werden. Tobei halten wir schließlich an der Erwartung fest, daß in Tetail-Verkaussstellen die gänzliche Sonn- tapsruhe mehr und mehr Eingang finden kann, sobald der Ar- bettssckfluß an den Tagen vor Sonn- und Festtagen in früher Nachinittagsstunde erfolgt, so daß die Konsumenten ans dem Arbeiterstande an diesen Nachmittagen ihre Einkäufe besorgen können.

Aus und Land.

(ließen, 25. Januar 1906.

Die Neichsbank ist am SamStaq aus Anlaß von Kaisers Geburtstag von mittags 12 Uhr ab geschloffen.