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25.9.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Dienstag ZF. September 1006

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Aie Heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.

Pro

156. Jahrgang

französische Lebhaftigkeit und deutsche Gemütlichkeit sicht Vereinigen, dann gibt es einen guten Klang. (Beifall.) Söhlerberg -Stockholm bringt Grüße aus Schweden. Rotter von der polnischen sozialistischen Partei ist als erster Vertreter der polnischen Genossen auf dem Partei­tage erschienen. Er gedenkt des revolutionären Ringens im polnischen Rußland. Wir haben eine nach Tausenden zählende bewaffnete Organisation, die die Polizei von den schlimmsten Auswüchsen gereinigt hat. (Beifall.)

Genosse Balabanosf vertritt die russische Partei: Schon als man noch die russische Bewegung als romantisch und phantastisch erklärte, ließen Sie uns Ihre Hilfe an- gedeihen. In der tiefsten Erniedrigung der russischen Völker; stehen Sie uns mit Treue bei.

Genossin Biebus aus Holland bringt Grüße ihrer; Organisation.

Die organisierteJunge Garde" vertritt Genosse Wagner, der die Hoffnung ausspricht, daß der Parteitag der Jugend die nötigen Direktiven für ihre Arbeit geben werde. Erst sechs Monate besteht unser Berbandjunger Arbeiter. Zwar- können wir erst nur in Süddeutschland agitieren und uns ausbreiten. Wir hoffen aber, daß die Partei uns den Weg auch in Norddeutschland ebnen wird. In Karlsruhe traten wir vor einigen Monaten mit sechs Vereinen von 600 Mitgliedern zu dem Bunde zusammen, der heute 3000 Mitglieder zählt. Das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft. (Beifall.) Wenn der Alte mit der jungen Garde zusammenkämpft, dann müssen wir siegen. Dann wird es auch für die Jugend wieder eine freie goldene Jugendzeit geben. (Lebhafter Beifall.)

Es folgt

der Geschäftsbericht des Vorstandes, den der Parteisekretär Pfannkuch erstattete. PfannkuH betonte in seinen Darlegungen, die eine eingehende

Behandlung der Gewerkschaftssrage

brachten zunächst, daß das Lob der ausländischen Vertreter der Partei nicht zu Kopfe steigen werde. Ich meine, daß. die ganze Debatte über den Streit, wie sie geführt wordeu ist, ob der Partei oder der Gewerkschaft der Vorrang go bührt, ob sie gleichberechtigt sein sollen, unter Partei­genossen überhaupt gar nicht geführt werden sollte. Da müßte völlige Klarheit vorhanden sein. Man hat dem Vor-? stände Vorwürfe gemacht, daß er einen Fehl sch lag getan habe, indem er den Teil des Protokolls der Generalkom> mission veröffentlichte, der über die Partei und die Ge­werkschaft handelte, obgleich die Generalkommission sichs gegen diese Veröffentlichung ausgesprochen hatte. Ich er^ kenne an, daß die Generalkomnnssion der deutschen Ge­werkschaften formell völlig im Rechte war. Der Referent erklärte namens des Parteivorstandes'als Grundsatz, daß die Gewerkschaften seitens der Partei die größte Unterstützung erfahren müßten und sollten. Die Zersplitterung der Ge-i werkschaften in zentral- und lokalorganisierte sei zu be­dauern. Der Parteivorstand sei einmütig der Ansicht, daß die großen wirtschaftlichen Kämpfe der Gegenwart mit Erfolg nur durch eine einheitlich zentralisierte Ge-, Werkschaft geführt werden könnten. Der Referent! nimmt dann den Parteivorstand gegen Vor würfe, die ihnr von verschiedenen Seiten gemacht wurden, in Schutz. Im! Durschnitt entfalten auf jeden Wahlkreis 4686 Mark Zu­schuß zu den Wahlkosten. Wollten wir für 1908 alles be­willigen, was man fordert, bann würde die gesamte Partei­reserve für dieses Jahr draufgehen. Das schadet freilich nicht viel, die Partei ist kräftig genug, den Parteischatz bald wieder herzustellen. Wir haben eine sozialdemokratische Korrespondenz eingerichtet. Sie soll für die agitatorische Tätigkeit der Genossen eine wertvolle Fundgrube sein. Sie mag noch nicht allen Ansprüchen genügen. (Zuruf: Sehr richtig!) Bei der Wahlrechtsbewegung in Preußen hat man dem Parteivorstande vorgeworfen, daß er gebremst habe, er fei nicht kräftig genug dafür eingetreten, daß das allgemeine Wahlrecht nicht weiter bloß ein Sommer­nachtstraum bleibe. Der Vorstand mußte die realen Fak­toren in Betracht ziehen und gegenseitig abwiegen. Das führte ihn zu seiner Stellungnahme. Ein Auskunfts­buch für die Partei, das über alle einschlägigen Fragen berichten soll, wird Genosse Dav id - Mainz heraus- geben. Einen Bericht über die gesamte Tätigkeit der Reichst tagssraktion wird Genosse Katz en stein herausgeben.

Aleines Feuilleton.

fessor v. Behring über sein neues Tuber- Im i t 1 e l. Der berühmte Marburger Forscher machte

Sozialdemokrati scher JarLeilag.

IL

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

S. u. H. M a n n h e i m, 24. Sept.

Im Apollo-Theater trat heute früh der sozialdemokrat. Parteitag zu seiner ersten Sitzung zusammen. Kurz vor Beginn der Verhandlungen erschien, allseitig lebhaft be­grüßt, Rosa Luxemburg. Sie trägt einen Lodenmantel mit Kapuze und einen Strohhut. Singer drückte ihr fast zärtlich die Hand, als sie am Tische des Präsidiums erschien. Als Stadthagen ihrer ansichtig wurde, um­armte er sie und drückte ihr einen Kuß auf die Wange. Singer begrüßt die Vertreter der ausländischen Partei­organisationen. Ueberall weht, so führte S. aus, jetzt die Sturmfahne der Revolution. Das russische Volk ringt um die Freiheit, in Frankreich haben sich unsere Genossen ge­einigt, in Oesterreich ringen sie um das Wahlrecht. Sie alle haben uns ihre Vertreter gesendet, trotz der schlveren Stunden, die sie durchmachen müssen.

Huysmanns -Belgien: Das Ergebnis der letzten Wochen ist der Zusammenbruch des Zarismus. Das danken wir den russischen Genossen. Aber Sie, die deutschen Ge­nossen, haben auch dazu Beigetragen durch die reichlichen pekuniären Spenden, die Sie für die Opfer der russischen Reaktion gebracht haben.

Der Vertreter der österreichischen Organisation erinnert an die heimischen Wahlrechtskämpfe unb bankt den deut­schen Genossen für ihre moralische Unterstützung.

Askew-Londvn, mit lebhaftem Beifall empfangen, bringt Grüße aus England.

Rappaport-Paris: Tie sozialistischen 3been haben in Frankreich große Ausdehnung gewonnen, der Minister des Innern bekannte sich zu sozialistischen Ideen. Wenn

gegenüberstehen; die vermehrte Erfahrung, welche.die Jahre mit sich bringen, nütze dem Landarbeiter nicht, weil die Jahre ihm auch seine Kraft nähmen, auf die alles an- komme: der alternde Landarbeiter ende, wie er angefangen, als Hofgänger. Wolle der ländliche Arbeitgeber sich die Strebsamen erhalten, so müsse er sie rechtzeitig heraus­finden, ausbilden und anstellen. Er werde dann die Geeig­neten in die höheren Posten der Schiveizer, Brenner, Hof- Verwalter, Inspektoren vorrücken lassen und den Vor­arbeitern, Bor knechten, Biehsütterern einen möglichst hohen Grad der Verantwortlich teil und Selbständigkeit gewähren. Freilich gehöre dazu eine jahrelange geduldige Vorarbeit. Diese dürfte wesentlich erleichtert werden, wenn für die Landjugend die Fortbildungsschule obligatorisch ist. Selbst­verständlich müsse sie den dörflichen Verhältnissen sich an» passen, nicht rein geistig gehalten sein, sondern durch prak­tische Kurse in Handfertigkeiten, Gartenpflege usw., für die Mädchen durch Näh- und Kochschulen unmittelbar für den künftigen Beruf vorbereiten. Es winke auch noch ein anderes Ziel: die Besten der Fortbildungsschule gingen zur Volkshochschule über, wie z. B. in Schleswig-Holstein bis zum nächsten F-rühjahr zwei eröffnet werden sollen. Damit sei auf einmal der Jugend ein festes, greifbares Ziel ge­setzt, das sie von dem unruhigen Streben in die Ferne ablenke und zur Anspannung der Kräfte anspome. So werde die Ehrliebe erwachen, die den Landarbeiter für den Vertrauensposten seines Berufes erst recht befähige. Wenn bann aUs einer großen Familie auch nur einer unter den Augen der Semen so emporsteige, würden alle sich gehoben fühlen, würde die Liebe zmn Landarbeiterberufe neu belebt.

Die Organisation der Landarbeiter ist der zweite Punkt, auf den Elisabeth v. Oertzen mit besonderem Nachdruck hin­weist. Hier gelte es, der Sozialdemokratie zuvorzukommen, ein Bollwerk der Vaterlands- unb Heimatsliebe, ber Seß­haftigkeit unb Zufriedenheit aufzurichten, bas sich als ebenso unüb ersteigbar bewährte, wie bie gleiche Gesinnung bei ben großen und kleinen ländlichen Besitzern. Dies wäre der entscheidende Schlag, der den Sieg des Zukunftsringens von vornherein unserer Seite sicherte.Es kann", schreibt E. v. Oertzen im Anschluß hieran wörtlich,auch anders kommen. Die Geschichte der baltischen Provinzen redet zu uns Landbesitzern eine tiefernste Sprache. Wir lauschen ihr ergriffen, und was uns darin zur Mahnung und Lehre dienen kann, das wollen wir beherzigen und in Taten umzusetzen suchen."

Humors, bie alles Sinnlose in einem hellen Gelächter vergessen machen können, sondern recht schwerfällig, ungeschickt und lang­weilig kriechen die Szenen in ewigem Einerlei dahin. Der Kunst- historiker Hugo Brandes, der sich mit seiner Schwerer Anni unb' seinem Freunde, dem Radierer Franz Krüger, aus dem lärmen­den Berlin in die Stille eines abgelegenen märkischen Dorfes gerettet hat, wird in seiner Gutherzigkeit und Naturschwärmerri von den Bauern ans das Schamloseste betrogen, erkennt aber! schließlich die niedrige Gesinnung der23ieberntänner", mit denen er sich eingelassen, und kehrt geheilt nach Berlin unb zu den Freuden der Großstadt zurück. Diese Umwandlung des Charakters geschieht ohne jede nähere Seelenschilderung, ganz plötzlich, nach- bem bie Verblendung unwahrscheinlich lange angedauert bat. Auch bie Liebesaffäre des rabierenben Freunbes mit einer stäbtisch verbilbeten Bäuerin, die bei der Aufführung noch am ehesten amüsierte, ist in ihren starken Uebertreibungen völlig unglaub­haft. Die Ausführung, bei der sich besonders der Darsteller des intriganten Bauers, Impekoven, und Felizitas Cerigioli als in Kottbus auf bie Höhe der Bildung emporgeklommene Bauern- birne auszeichneteu, tat alles, was in ihren Kräften staub, unb bie Regle suchte bie Stimmung bes Stückes baburch zu erhöhen, baß sie ein fettes rosiges Schweinchen vergnüglich quiefenb auf. ber Bühne herumlaufen ließ. * Dr. P. L.

Berlin, 24. Sept. Ein Wechsel in der Leitung des Thea- kers desWestens tritt mit dem heutigen Tage ein. Intendant Prasch, ber seit längerer Zeit leibenb ist, hat bie Direktion an Arthur Below, der seit mehreren Jahren als Teuorbufftz an seiner Bühne engagiert war, abgegeben.

politifcbe Lagesschau.

Die Landflucht.

wird von einer kundigen Frau, Elisabeth v. Oertzen, im Oktoberheft derDeutschen Monatsschrift" in beachtens­werter Weife erörtert. Da es meist die geistig regsamen Landarbeiter find, die nach der Stadt ziehen,, untersucht E. v. Oertzen vor aAemldie Frage, wie der ländliche Arbeitz- geber diese geistig Regen auf dem Lande festhalten könne. Ein Sichheraufarbeiten kraft der eigenen Intelligenz gebe es im Landarbeiterstanbe nicht, es fcchlten hier die ge­lernten Arbeiter, die auf höherer Stufe den ungelernten

skulosehei.......... , - _

neuerdings interessante Mitteilungen über das neue, im vorigen Jahwe zu Paris angekündigte Tuberkuloseheilmittel und über sein zur Verhütung der Rindertuberkulose empfohlenes Mittel Bovo- vakzin. Der letztgenannte Impfstoff, der aus gettockneten, noch lebenden Tuberkelbazillen besteht, ist nach Behrings Angaben als unschädlich unb seine Wirksamkeit ' an mehr als 30 000 Tierimpfungen erprobt worben. Zur Bekämpfung ber mensch­lichen Tuberkulose hält Behring das Bovovakzin für unange­bracht, da der Verwendung von lebenden Bazillen zu Heilzwecken beim Menschen bie allerernstesten Bebenken entgegeuftehen. Für das neue Mittel, das zur Heilung menschlicher Tuberkulose be­stimmt ist, find die wissenschaftlichen Grundlagen noch zu schaffen. Eingehend verbreitet sich v. Bel,-ring über die bekämpfte Auf­fassung, wonach die Tuberkulose durch Aichusten übertragen werde, und beleuchtet die von ihm vertretene Theorie der Tuberkulose­übertragung durch Milchgenuß. Es handelt sich hierbei um be­kannte Tatsachen, bie in wissenschaftlichen Vereinen bereits mehr­fach besprochen worben sinb. Der bei Kinbern verwanbte Tuber- kuloseimpfstosf stellt nicht etwa ein zur Heilung der mensch­lichen Lungenschwindsucht geeignetes Mittel bar. ,Ah habe so sagt v Behringin Paris Nicht von einem Schwinbsuchts- mittel im Sinne eines Heilmittels für die schon vorhandene tuber­kulöse Zerstörimg im Lungengewebe gesprochen, sondern von emem Tubertulosemittel, welches durch frühzeitige Verwendung bei zu- gendlicheu Jnbividueu die Schlvindsucht verhüten und allenialls

auf bie schon bestehenben Tuberttiloseherbe so wirken soll, baß ihre Selbstheilung mit Hülfe ber natürlichen Kräfte des Organismus nicht gestört wird durch erneuerte tuberkulöse Infektion."

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Aus Berlin wird uns geschrieben: Das Thema von den bum men ©täbtern, die sich in ihrem Glauben an bie Einfalt unb Unschuld ländlicher Idyllen von geriebenen Bauern tüchtig ausbeuten lassen, ist ein seit langem beliebtes Lustspielmwtiv. Seitdem die idealisierte Unnatur der Anerbachschen Bauerntypen zum Widerspruch und zur Satire her­ausforderte, hat man ebensogern alle berechnende Gemeinheit in ihnen zum Ausdruck gebracht wie vorher alle Treuherzigkeit und Herzensgüte. Die in engem Kreise beschlossene, aber sich zu knorriger Größe auftichtende Bauernnatur hat zuerst Jeremias Gotthelf in seinen herrlichen Erzählungen ganz zu erfassen ge­wußt und im Drama haben so feine Kenner wie Ludwig Thoma und Josef Rüderer in ber Konttastierung bes Stäbters mit bem Lanbmann echt komische Wirkungen zu sinben vermocht. Von einer Vertiefung bes Problems unb einer lebensechten Darstellung, wie wir sie heute in ber Schilberung dieser Motive verlangen müssen, ist nun aber der Schwank von dem in Frankfurt a. M. lebenden Hessen C a r l o t G o 11 f r i e d R e u l i n gD a s F ri e- densdorf", der im Lustspielhaus am Freitag zum enten Mal in Szene ging, weit entfernt. Neuling, dem wir m feinen früheren Dramen auf den Wegen eines ernsteren Sttebeus begegnet find, hat durch derbe Schwankwirkungen alles Psychologische unb Not­wendige seiner Erfindung geopfert, sodaß eine völlig unglaub­würdige Verzerrung entftanb. Er besitzt aber nun nicht ben tollen Leichtsinn und bad schnelle Tempo eines unbekümmerten

Nichts rechtfertigt mehr die geringe Erwartung, mit der dem hau delspolitischen Entgegenkommen der Ver­einigten Staaten entgegengesehen werden darf, als die Art der Abfertigung einer T eputation deutscher Fa­brikanten durch den Vertreter des amerikanischen Schatz- amts (vgl. unsere gestrige Depesche). Präsident Roosevelt hotte vorgezogen, fich fürnicht zuständig" zu erklären und bie Peten­ten an bas Schatzamt zu verweisen, bas bequemste Verfahren, Be- schwerbesührer, deren Wünschen man nicht entsprechen kann oder luiU, loszuwerden. Nun ist ja richtig, baß der Präsident sich überhaupt für handelspolitische Fragen wenig interessiert, was aus allen seinen Botschaften hervorgeht. Wer den deutschen Fa­brikanten gegenüber mag wohl die E enutnis des Unvermögens dem Präsidenten, dessen Amtszeit sich ohnehin dem Ende zu­neigt, den Mund verschlossen haben, nämlich des Unvermögens gegen die amerikanischen H o ch s ch u tz z ö l l n e r, die von zollpolitischen Zugeständnissen an Deutschland nichts wissen wollen. Der Vertreter des Schatzamts stand den deutschen Fabrikanten Rede und Antwort, mit der Wirkung allerdings, daß die Petenten am Schluß der Besprechung gerade so klug waren, wie am Beginn.

Die Deputation hatte sich die bescheidene Anftage erlaubt, wann endlich die Washingtoner Regierung die ungerechten Zoll- beftimmungen beseitigen werde, deren Abschaffung bie Voraus­setzung war, unter der Deutschland den ^Bereinigten Staaten den vollen Konventionaltarif vorläufig cinräumte. Derzuständige" amerikanische Staatsmann Mr. Keep ist sein Name schob ein­fach die Verantwortung dem Senat zu, ber bie betreffenbe Re­gierungsvorlage vor der Vertagung bes Parlaments nicht habe verabschieben können. Der Sprecher der deutschen Fabrikanten soll sich mit bem Inhalt ber Vorlage an sich jufrieben erklärt unb nur um möglichste Beschleunigung ber Angelegenheit ersucht haben. Was seinerzeit von bieser Vorlage bekannt geworben ist, zeigt, baß cs sich um sehr magere Z ug e stänbnisse an D e n t s ch l a n b handelt. Doch immerhin, es sind Zugeständnisse. Leider dürsten sie, bei der ganzen 2Urt der Behandlung der Sache durch den Senat, erst so spät praktisch werden, daß die deutschen Interessen eine empfindliche Schädig­ung erleiden.

Die Trustmänner vom Senat sind eben nicht nur gute, sondern auch rücksichtslose Rechner; sie verstehen sich auf das Bluffen", dieses Hauptkunststück der amerikanischen Gcschäfts- biplomatie. Unseres Erachtens wirb ber gegenwärtige Kongreß sich zu einem Gegenseitigkeitsvertrag mit Deutsch­land keinenfalls bereit sinben lassen, selbst wenn bie Washingtoner Regierung zu Verhanblungen auf dieser Grundlage bereit sein sollte, woran einstweilen auch noch gezweifelt werden muß. Die Herren drüben sind einfach der Meinung, baß Deutschland sich ihnen wirtschaftlich auf Gnade oder Ungnade ergeben muß, well es zu dem letzten Mittel eines Zollkriegs nicht greifen kann im Interesse seiner Ausfuhr. Mit anderen Worten: die Amerikaner spe­kulieren auf die unentwegte Gutmütigkeit des­selben Deutschland, dem sie beim Wlauf des Handels- adkommens am 1. März d. I. die Pistole auf die Brust setzten unb dessen Waren sie, entgegen der damals gegebenen Zusicherung, nach wie vor zollpolitisch ungerecht behandeln. Ein Zollkrieg wäre sicherlich unheilvoll, aber er wäre es für beide Länder, und es kann deutscherseits ben Amerikanern nicht nach- brücklich genug entgegengehalten werben, baß auch sie mit ihrem Jahresexport von runb 2 Milliarben Doll, allen Anlaß haben, einem Zollkrieg aus bem Wege zu gehen. Namenttich sollten sich bies bie polit.Pokerspieler" im Senat, die am Außenhandel stark interessiert sind, vor Augen halten.

Eino Verkennung wäre die Annahme ber Amerikaner, daß nur bie deutschen Agrarier einer weniger rücksichtsvollen Halt­ung gegenüber der Union das Wort reden. Auch die ja in der Hauptsache betroffenen Industriellen und Großhändler sind unmutig über die Zollchikanen unb über bas ausweichenbe Verhalten der Washingtoner Regierung, bie allem Anschein nach das Ergebnis der Präsideittenneuwahl abtoarten will, ehe sie überhaupt der Frage des Handelsvertrags mit Deutschland näbertnit.

Nr. 225

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