Ausgabe 
24.9.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 224

Zweites Blatt

156. Jahrgang

Montag 24. September 1906

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen«

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«. ^5®

DieGießener KamlNenblStter" werden dem ä By g lOd Jr £9

Anzeiger viermal wochenllich beigelegt. Der B KTO EC L P & öT ;

.hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. SB V V Ä v K V vH Sf

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen.

politische Tagesscharr.

Kaiser und 5tanzlcr.

DieHamb. Nachr." bringen ein aus Berlin datiertes Entre- fuet, das man als sensationell bezeichnen kann, das mindslens sen- s^wnell wirken soll. Es wird darin eine Kanzlerkrisis an ote SBanb gemalt. Und zwar soll des Fürsten Bülow Stellung^ erschüttert sein, weil er in letzter Zeit die B i s m ar ck s ch e n' Ueberlieferungen betone und pflege.Nur berLe- bende hat recht" dieses Wort aus der Breslauer Kaiser­rede soll in erster Linie bedeuten, daß die Berufung auf die Vergangenheit nicht tauge, besonders aber nicht die Berufung auf den Fürsten Bismarck. Schloarzseher könnten ihres Weges Rieben auch dieser Ausspruch werde auf einen Staatsmann als auf ein schlichtes Mitglied des allgemeinen Publikums be­zogen. NeuirdingS, so heißt es erläuternd, sei in der nächsten Umgebung des Kaisers das Bestreben stärker, den Fürsten Bismarck

dessen Politik als vorbildlich hiuzustellen und zu einer UiiiaEel^r zu den Bismarckschen Prinzipien im Staatsinteresse zu mal-nen. Anscheinend habe auch Fürst Bülow unter dem Einflüsse gewisier Erfahrungen und Erlebnisse ähnliche Anschauungen ver­treten, namentlich in Sachen der auswärtigen Politik. Jnsbe- fonbere wird auf die marokkanische Asfaire angespielt.

DioHamb. Nachr.", die immer wieder ihren Ruf als Organ derFronde" rechtfertigen, machen allerdings den Zusah, daß sie diese Auffassungenmit der erforderlichen Reserve" wieder­geben, wobei sich jeder über die Erforderlichkeit einer Reserve seine eigene Meinung bilden kann. Die Wiedergabe haben sie ledeufalls nicht unterlassen wollen trotz aller Reserve. Sollen durch diese Redereien dem Reichskanzler neue Schwierigkeiten be­reitet werden? Und sollte, wenn dies der Fall ist, die ganze Situation, die Bemühungen in Hoflreisen und demgegenüber die Stimmung des Kaisers, richtig aufgesatzt fein? Wir haben in dieser Hinsicht einige Zweifel. Bemerkenswert ist noch der Schluß der Korrespondenz. Er lautet:Von anderer Seite wie­derum hört man, das; die Stellung des Ministers von Pod- bielski gesicherter als je sei und daß diese ylngelcgen- beit den Grund zu einer gewissen Spannung bilde." Auch das noch! Und von dieser Seite! -stimmen aber dürste die Bemerkung über Podbielskis Stellung schon.

Ein Mahnruf.

DieRhein. Volksstimme* veröffentlicht folgenden Mahn­ruf an die Reservisten:

Wiederum läuft ein militärisches Kalenderjahr ab und die Kasernentore öffnen sich in wenig Tagen für Tausende von kräftigen jungen Leuten in der Vollkraft ihrer Jahre. Was soll nun aus ihnen werden? Zwei oder drei Jahre lang waren sie allen Exislenzsorgen enthoben. Ihr Tisch war gedeckt, wenn auch nicht mit Leckerbissen, aber doch mit kräftiger, gesunder Kost. Auch für Kleider, Schuhwerk und Wäsche brauchten sie nicht zu sorgen. Das hat nun aufgehört. Jetzt heißts selber siir deS Lebens Nahrung und Notdurjt sorgen. Die jungen Leute müssen sich schlüssig werden, was für einen Beruf sie ergreifen wollen. Wer bereits in einem Handwerk oder dergleichen tätig war und sich darin Fertigkeiten erworben hat, der wird danach trachten, wieder darin unterzu- kommen. Tie Mehrzahl macht sich fein Kopfzerbrechen, da heißt es einfach: ich suche Arbeit in einer Fabrik. Wenn daS nur bie- jenigen tun, die vor ihrer Einstellung in die Truppe bereits in einer solchen tätig waren, läßt sich nichts dagegen sagen, obwohl gerade sie während ihrer Dienstzeit Zeit und Gelegenheit genug hatten, darüber nachzudenken, daß die Beschäftigung im Freien ihrer Gesundheit zuträglicher war als der Aufenthalt in den nicht immer zum bestem ventilierten Fabrikräumen. Wie mancher bleiche, hohlivangige Bursch kommt jetzt mit straffen Muskeln und roten Backen heraus; istS nicht schade um solch junges Blut, daß es jetzt in den dumpfen Fabrikräumen seine durch den Militärdienst ge- krüstigte Gesundheit wieder Stück um Stück dareingeben soll? Gehl zu den Bauern, ihr jungen Reservisten, da ist noch keiner als Opfer seines Berufs an einer Krankheit gestorben, wie sie in unzähligen Jabrikdetrieben infolge der Eigenart derselben grassieren. Ta habt ihr gesunde, zuträgliche Beschäfti - g n n g und braucht euch um gute reichliche Mahlzeiten nicht zu bekümmern. Auch die Löhne sind heutzutage danach, daß der ländliche Arbeiter besser gestellt ist als der Industriearbeiter. Lasset euch nicht verlocken durch den trügerischen Glanz und Flimmer der Großstadt, den so mancher eurec Vorgänger hinterdrein, als es zu spät und seine Gesundheit ruiniert loar, in bitterer Reue als eitel Lug und Trug erkannt. Und ihr vor allem, die ihr aus dem kleinen Baucrnbörfchen hereinkommt zum Militär: höret nicht auf die Lockrufe der Versuchnna, die euch, Irrlichtern gleich, nur in den Sumpf ziehen wollen. Legt die Hände wieder an den Pflug, den ihr einstmals über die Fluren führtet. Eure rüstigen Arme sind den Bauern willkommen. Es wäre zu wünschen, daß die Herren Offiziere und Militärgeistlichen zum Abschied solche ähnliche Worte an die Reservisten richteten, um die jungen welt- unerfahrenen Herzen vor dem Untergang in der Großstadt zu retten." . ___________________________________________

Die goldeüe^öchzeit desbadifchcu GroßhcrzogspnareS.

Karlsruhe, 23. Sept.

Der Großherzog und die Großherzogin empfingen heute und gestern mehrere Abordnungen, darunter sechs Herren vom rheinischen Provinzausschuß, mit dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz an der Spitze. Gegen 2 Uhr fand ein Dejeuner im Schlöße statt, zu dem die Abordnungen geladen waren. Während der Tafel hielt der Groß Herzog eine Ansprache, in der er u. a. folgendes ausführte:

Unsere alten Beziehungen zur Rheinprovinz verbinden mich zn allerwärmstem Tanke. Sie ist die Hemmt der Großherwgin, über die wir dankerfüllt unsere Erinnerungen anstanscheii. Was i|t von Koblenz gnsgegangcn an Größe, Bedeutung und Kraft für das Deutsche Reich,' das damals noch nicht bestand! Ich darf Sie ver­sichern, daß Koblenz für einen jeden, der deutsch gesinnt war, eine wahre Schule des Lebens war, eine Schule des Lebens, in der man freudig die Größe erkennen konnte von dem, der bann später au bie Spitze des Reiches trat.

Er schloß mit einem Hoch auf Rheinprovinz und Kaiser.

Wie das Justizministerium hat auch, bas Ministerium des Innern eine größere Anzahl p olizeilicher Straf en im Wege der Klage teils vollständig nachgelassen, teils ermäßigt.

Die im Jahre 1903 vom Oberkriegsgencht in Karls­ruhe zu längeren Zuchthausstrafen verurteilten vier Heidel­berger Grenadiere sind gleichfalls begnadigt worben. Die Höhe bet Strafen von 67 Jahren Zuchthaus hat seinerzeit großes Aussehen hervorgerufen.

Schule.

__ Air sämtliche Lehrer der Münchener Volks- schulen erging eine Verfügung darauf hinzuwirken, daß in den Buchhandlungen und Zeitungs-Verkaufsstellen, die sich in der Rühe der Schulhäuser beftnden, nicht Bilder

ausgestellt werden, die das sittliche Gefühl der Kinder verletzen könnten.

Heer und Llottr.

Stuttgart, 22. Sept. Der Thronfolger Herzog Albrecht von Württemberg, bisher Kommandeur der 26. Division, ist zum General der Kavallerie befördert worden. Man nimmt an, daß die Ernennung des Herzogs an Stelle des Generals v. Hiigo zum kommandierenben General des württembergifchen Armeekorps in nächster Zeit bevorsteht.

Die letzten Manövertage der hessischen Division.

(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.)

Am Donnerstag fanben nach einem Ruhetag bie DivisionS- manöver um beit Otzberg, Hering unb Semd ihre Fortsetzung. Die rote Partei stand nördlich bei Semd, die blaue süblia; bei Hassenroth und Brensbach. Die rote Partei hatte bie lieber« gange über bie Gersprenz zu sichern, sie nahm gegen 1 Uhr mittags Aufstellung auf bcr Linie Semb-Groß-Umstabt mit bcr Front nach Otzberg-Lengseib, wo bie blaue Partei (117 er unb 118 er) stauben. Gegen abend begann 7.20 Uhr daS Gefecht. Das Biwack bes Vorpostengros bcr 117 er nörblich von Lengfelb würbe von Teilen bcr 116 er unb 168 er gestürmt. Dann begann auf bem Gesechtsgeläube baS Aushebcn von Schützengräben. Die Truppen richteten sich für bas Nachtgesecht ein. Die 50. In­fanterie-Brigade hatte ihre Stellung süblich von Lengfelb auf ber Linie HeibenmüHlc-Nicberklingeu Zipfen Station WiebelSbach- Heubach, bie 49. Juf.-Brigabe staub nördlich von Lengfelb mit ber Front nach Süden. Die Truppen bezogen in dieser Nacht kein Biwack oder Notquartier, sie blieben mit dem Gewehr im Arm in den Schützengräben unb erwarteten stündlich den Angriff des Feindes. Die ganze Nacht über herrschten Borpos'engeplünkel und Artillerieseuer. Das Arlillerie-Negt. Nr. 61 Blau stand am Otzberg, bie 25 er Artillerie Rot auf einer Anhöhe norböstlich Lengfelb. Die 115 er hatten ben rechten Flügel am Klingenbach, bie 168 er ben linken an der Bahnstrecke Höchst- GroA-Umstadt, bie 116 er bildeten das Zentrum. Freitag früh 5.30 Uhr rückten die Infanterie-Regimenter bei Tagesgrauen vor; während die Artillerie unaufhörlich feuerte, griffen die Jnfan- teriemassen den Feind an. Rot überschritt die Bahnlinie Wiebels­bach-Reinheim und drang bis Lengfeld vor. Doch bet linke Flügel von Rot würbe zurückgebrängt. Ein nachmaliger Fortangriff wurde wiederum von den 117 ent und 118 em zurückgeschlagen. Blau hatte seine Stellung durch Draht- und Astverhau befestigt. So ging das letzte Gefecht in ber Division zu Ungunftcn ber roten Partei aus. Um 7 Uhr ertönte bas SignalDas Ganze halt!" unb halb baraufRückt ab in bie Quartiere!" Um ö/i Uhr trafen bie Regimenter auf den Viwacksplätzen um Semb ein, unb schon um 9 Uhr erhielten sie Befehl zum Weitermarsch. Die Darmstädter Regimenter marschierten mit Ausnahme einiger Abteilungen nach Darmstadt, die 117 er unb 118 er bezogen Massenquartiere in Schaafheim, Kleestabt, Schlierbach, Langstabt, Groß- unb Klein-Umstadt, die 116 er marschierten nach Baben­hausen, wo bas Regiment e-nquartiert tourbc. Die 168 er be­zogen Vorposten-Biwack zwischen Semd und Richen. So nalM die gesamte 25. Division allmählich Aufstellung zn dein letzten Gefechte gegen den markierten Feind. Dieser wurde vom Regi­ment 115 und kleinen Abteilungen Artillerie unb Kavallerie ge­stellt unb hatte feine Aufstellung auf bcr Linie Gunbernhausen, Groß-Zimmern, Georgenhausen, Spachbrücken. Die 25. Division stand jenseits ber Gersprenz auf ber Linie Babenhausen, Klee- stabt, Grost-Nmstabt-Heubach. Am Samstag früh 4.50 Uhr ver­ließen bie Truppen bcr 25. Division ihre Quartiere und rückten nach dem Gersprenztal bis Klein-Zimmern. Die 116 er hatten bis dahin einen weiten Marsch von Babenhausen zurückzulegen. Bei Klein-Zimmern entwickelte sich bald ein heftiges Fener- gefecht. Der Gegner hielt bie Höhen südwestlich von Groß Zimmern atf der Schneemühle besetzt und verteidigte die Gersprenzübergänge, seine Hauptstellung war auf dem Roßberg und ans ber Höhe 298 zwischen Zeilharbt unb Itoßborf. Die Pioniere hatten ben Berg mit Drahtverhauen befestigt. Gegen 9 Uhr erzwangen die Regi­menter ber 25. Division die Uebergänge über die Gersprenz, die 168 er hatten den rechten, 117 et und 118 er ben linken Flüael. Die Regimenter waren in zwei Treffen formiert. Um 10 Ui;<r begann ber Angriff auf bcr ganzen Linie, bcr markierte Feinb zog sich, ohne ben Sturm abznwarten, auf bie befestigte Stellung am Roßberg zurück. Unterbetten war bie Artillerie auf bem Gänseberg bei Schneemühle ausgefahren unb eröffnete eine heftige Kanonade nach dem o.bzichenden Gegner unb bem Roßberg. Als bie Truppen im Begriffe standen zum Sturm vorzugehen, er­tönte um 101/3 Uhr bas SignalHalt!" Um IVA Uhr rückten bie Regimenter ab, bie 115 er in bie Kaserne nach Darmstabt, bie 118 er nach ben Baracken auf bem Truppenübungsplatz Darm­stabt, bie 117 er ins Quartier nach Reinheim, Brensbach, bie 25 er unb 61 er Artillerie unb bie beiben Dragoner-Regimenter 23 unb 24 in ihre Garnison, bie 116 er unb 1. unb 3. Bat. 168 er nach Bahnhvf Dieburg, 2. Bat. 168 er ins Quartier nach Dieburg. In Dieburg war zur Speisung ber Regimenter eine große Felbküche errichtet. Hie/ hulbigten bie Reservisten in ausgiebiger Weise bem schönen Brauch besLöffelbegrabens", wozu ihnen bie Offiziere bie Regimcntskapellen zur Verfügung stellten. So hat denn bas Divisionsmanöver ber 25. Division am Samstag sein Enbe erreicht. Die Truppen haben bie An­strengungen bes Manövers alle gut überstanben, man hatte fast keine Maroden. Besonders wacker hat sich auch bas 3. Bataillon von Reservisten bei dem Regiment 168 gehalten. Die Soldaten aber werden gerne an die guten Quartiere in Starkenburg denken. Die neue Felddienstorbiiung, bie bies Jahr zum ersten Male an- gewanbt würbe, hat sich nach bem Urteil Sachverständiger aufs beste bewährt. Montag unb Dienstag werben bie Reservisten entlassen.Es ruft aus tausend Kehlen: Ijod) lebe bcr 816^106» mann!"

Ans SLaöL nnd Land.

Sprechstunden der Redaltion 111 Uhr vorm., Vs?V28 Uhr abds. Gießen, 24. Sept. 1906.

** Reserve hat Ruh! Von diesem Sang und Rus hallen heute die Straßen und Gassen unserer Garnisonstädte wieder. Die Manöver sind beendet und die alte Mannschaft wird heute entlassen. Stolz schwingt der junge Reservist seinen Reservestock mit der Kompagnie-Troddel und seine Feldflasche unv singt fleudig:Wer treu gedient hat feine Zeit, dem sei ein volles Glas geweiht." Auf dem Kasernen- hose wird in alter Frühe zum letztenmale Aufstellung ge­nommen. Der Hauptmann wünscht den Scheidenden in ihrem Zivilberuf das beste Fortkommen und gibt ihnen die ernste Mahnung zur Vaterlandsliebe mit auf den Weg. Dann geht es abteilungsweise nach dem Bahnhofe, vielfach mit Begleitung der Regimentsmufik. Die Achselklappen sind ge­rollt, bunte Bänder umflattern den Reservestock, keck und verwegen fitzt die Mütze auf dem Ohr. Mancher, der an dem langsamen SHrflL.u^> dem GM'ekloppew wenig Freude

sand, final:Sie haben uns gezwiebelt, sie zwiebeln uns nicht mehr, sie lernen uns den langsamen Schritt nicht mehr." Der andere stimmt leichthin an:So lebt denn wohl, Ihr Gießener Mädchen, und schafft Euch einen andern an." Doch gibt cs auch ernste Naturen, die das Vor- lassen der lieben Kameraden und wohlaesinntcn Vorgesetzten etwas wehmutsvoll stimmt, einem anderen wird cs schwer, Mschied zu nehmen von einem holden Lieb, in dem Liede: Muß ich denn zum Stüdllein hinaus" macht er seinem Herzen Luft. Vorherrschend sind aber die freudigen Sol­datenlieder, eines derselben sagt mit Recht:Soldaten das sind lust'gc Bruder, haben frohen Mmt, singen lauter luftige Lieder, sind den Mädchen gut." Die alten Soldatenlieder, die sich die jungen Burschen schon in den Spinnstuben «hres Heimatsortes aneignetcn, florieren heute. Aber auch eines wird gedacht, und so stimmt der Reservist an:Auch eins, das halt' ich bald vergessen, mein Vater Philipp, lebe wohl, bei dir hab ich so o|t gesessen bei Wasser und, bei trocknem Brot." Die Reservisten behaupten übrigens, daß jeder rechte Soldat einmal bei Vater Philipp ein« quartiert gewesen sein müsse. Nun ist der Zug bestiegen, Abfahrt! Winken! Me! Nun denkt der Reservist schon an das veränderte Leben in der Heimat, und etwas mclan- cholisch singt er:In der Heimat angckommen, sangt ein neues Leben an." Da halt der Zug, es heißt Abschied« nehmen von den weitersahrenden Kameraden und zu Fuß, gehtö nach dem Heimatsdorf. Ta greift der Reservist zum Liederschatz und singt:Was glänzt so freundlich in der Ferne, es ist mein teures Vaterhaus, ich war Soldat und wars auch gerne, doch jetzt ist meine Dienstzeit aus."Dia erst Patrouille, die wir machen, ins Wirtshaus gehts bei Bier und Wein." Hier sammeln sich dann auch bald die jüngeren Burschen, um dieKricgserlebnisse" der Reser^ visten zu hören, diese können sich am Erzählen von Schaueri geschichten und Älbenteuern nicht genug tun und werden! von den jungen Burschen als wahre Heloen chalb ehrfurchts­voll, halb neidisch angesehen. Wenn wir erst einmal dabei sind! denkt Wilhelm, der in der Ecke mit offenem Munde zuhört. Doch plötzlich wird er in seinen Betrachtungen ge­stört durch die ihm von Jugend auf bekannten .Verse: Drum Brüder stoßt die Glaser an, es lebe der Reserve- mann, der treu gedient hat seine Zeit, zwei Jahr ist keine Ewigkeit", bezw. Kleinigkeit. Naht nun der Abend, so stellen sich auch die Dorfschönen ein, ist doch-der Liese ihr Heinrich wieder heimgckonnnen. Bald ertönt das Lied:Den ersten Posten, den wir stehen, den stehen wir vor Liebchens Tür."^ Ja, es ist ein schöner Tag, der Tag der Entlassung zur: Reserve, und wir gönnen den Reservisten von Herzen ihre! Freude. Doch wenn sie nun in ihren alltäglichen Beruf zurückgekehrt sind, wo es heißt arbeiten ums tägliche Brot und später für Weib und Kind, dann denkt der ehemalige^ Reservist gerne noch an seine Soldatenzeit zurück unb sagt: Es war doch die sorgloseste, schönste Zeit meines Lebens/1

X Von ber Sa benburg, 23. Sept. Der Lahn-, Dänsberg-Turnerbnnd hielt heute nachmittag auf ber Badenburg seine erste Bundes-Turnfahrt, verbunden mit volkstümlichem Wetturnen, ab. Punkt 2 Uhr trat das Kampfgericht unter dem Vorsitz des Turnwarts^ Schmidt-LannSbach zusammen, um die Einteilung der vor-! gesehenen Hebungen, Stabhochsprung, Weithochsprung, Frei-! weitjprung unb Gewichtheben zweiarmig, vorzunehmen. Die zuvor beabsichtigten Stabübungen konnten wegen des her- niedergehenden Negenwetters vorerst nicht stattsinden und, würben daher erst am Schluß bes WetturnenS ausgeführt. Die unbeständige Witterung mag auch manchen Freund ber edlen Turnsache von einem Besuch der Badenburg abgehalten haben, aber dennoch hatten sich viele Zuschauer, vor allem aus Wieseck, cingefunben. Mit großem Eifer gaben sich die angemeldeten 48 Wetturner den Hebungen hin, die durch den schlüpferigen, aufgeweichten Boden sehr beeinträchtigt wurden. Punkt 6 Uhr hatte daS Kampfgericht seine Auf­gabe erledigt und es konnten die geschmackvoll ausgeführten Ehrenurkunden an die Sieger überreicht werden. Der Bundes-- vorsitzende Daubert-Wieseck wies bei der Preisoerteilimg darauf hin, daß der Lahn-Dünsberg-Turnerbund vor allem den Bestrebungen bcr deutschen Turnerschaft nachleben will^ Die Preisverteilung ergab folgende Sieger:

1. Preis M. Greiner, Wieseck, 37 Punkte, 2. Ad. Hassetbach, Rodheim, und PH. Schnabel, Wieseck, 34, 3. Bernhard, Bieber, 331/*, 4. K. Weller, Wieseck, 33, ö. H. Hoimann, Wieseck, 82, 6. A. Lotz, Wieseck, 31'/,, 7. O. Picisfer, Launsbach, unb W. Schreiner, Wieseck, 3O'/ 8. W. Psaff, Launsbach, 30, 9. K. Schlicht, Bieber, und W. Lang, Robheim, 29, 10. W. Willershäuser, W. Tauberts- Häuser unb L. Hofmann, Robheim, 28'/,, 11. W. Hildebrand, Wieseck, 28, 12. W. Platt, Robheim, unb Fr. Knhnholz-Fellings- Hansen, 27l/ 13. H. Biltendork, Wißmar, 26%, 14. K. Drommers­hausen, Wißmar, 266/?, 35. W. Feiling, Rodheini, 26, 16. H. Schmidt, Launsbach, 25'/,, 17. H. Bender, Rodheim, 25, 18. K. Winter, Launsbach, 25°/«, 19. K. Lang, Rodheim, 24*/a, 20. K. Muhr, Wieseck, 24 Punkte.

Die Kapelle Becker-Wieseck trug durch ihre munteren Konzertweisen viel zur Unterhaltung des Publikums bei.

t. Reiskirchen, 24. Sept. Hier hat man allenthalben mit ber Kartoffelernte begonnen. Doch lassen bie Kar­toffeln in Bezug auf Quantität sowie auf Qualität sehr viel zu wünschen übrig. Die roten sog. Zwiebelkartoffeln geben eine einigermaßen befaebigenbe Ernte. Alle übrigen Sorten liefern dieses Jahr noch nicht das halbe Quantum gegen das Vorjahr. Was das Obst anbelangt, so sind Zwetschen unb Birnen sehr gut, Aepfel dagegen nur genügend vor­handen. Auch hier plant man den Ban einer Wasser- leitung.

X Lauterbach, 23. Sept. Gestern nachmittag 5 Uhr versammelte sich der hiesige Turnverein in stattlicher An­zahl, um bcr feierlichen Grundsteinlegung der neuen Turnhalle beizuwohnen. Der Ban hat bereits Stockwerk­höhe erreicht und wirb noch in diesem Herbste unter Dach kommen, sodaß die Tilrnstunben schon im kommenden Winter in der neuen Halle abgehalten werden können, wenn auch die inneren Einrichtungen noch nicht fertiggestellt sind. Seither stand dem Turnverein ivährend des Winters überhaupt leint