Ausgabe 
15.12.1906 Fünftes Blatt
 
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Nr. 295

Fünftes Blatt. 156. Jahrgang SamStag 15. Dezember 1906

Qrfchelnl >§Nch mtt ITutnobme bei Sonntag«.

Die ^Wietzener gomlllcnblätter** werden dem eflni|CifleT Dtermal wöchentlich beigelegt. Der Landwirt- erjchelni monotltd) einmal.

Gießener Anzeiger

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Redaktion, Expedition u. Druderei: GchuMr.D

Tel. Nr. 61. Telegr^Adr. l Knzeiga

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.

politische Lngerscharr.

Dernburg all Redner.

Man hat sich vielfach über die rednerische Schlagfertig­keit gewundert, die der Kolonialdirektor Dernburg während der RelchStagßdebatten an den Tag legte und die ihn be­fähigte, als Neuling gegen die erprobtesten Parlamentsredner feinen Mann zu stehen. Es dürfte das auf einen leicht nach, weisbaren Atavismus zurückzuführen sein. Die mütterlichen Vorfahren Dernburgs zeigen nämlich von der Re- foemation an eine in ununterbrochener Reihe fortgesetzte Dynastie von Pfarrern, deren Sitze ursprünglich in Schweinfurt am Main, dann im Odenwald waren. Der mütterliche Großvater deö Kolonialdirektors war der als Kanzelredner und Volksmann hochgeschätzte Pfarrer Stahl in Fränkisch.Crumbach, dessen Gestalt, Gesichtsfarbe und Züge sich in auffallender Weise in seinem Enkel wieder- holen. Der mütterliche Oheim DernburgS ist der Profesior Hermann von Stahl in Tübingen, der eine Tochter des berühmten Philosophen Trendelenburg zur Frau hat. Sein väterlich erGroßvater galt als der beredtste Rechts- an walt in Mainz. Auch der Vater dcS Kolonialdirektors, Friedrich Dernburg, hat sich ja als Parlamentarier und VollSredncr betätigt. Bernhard Dernburg ist in einem von Parlamentariern als Hausfreunden vielfach besuchten Familien­kreise, gleichsam auf den Knien von Parlamentariern auf. geivachsen. Dahin gehören u. a. Stausfcnberg, Lasker und Bamberger. So hat er sich im Parlament gleich wie in einem ihm natürlichen Element fühlen mögen.

Au» Siaot uno luito»

Sprechstunden der Red alt-an 111 Uhr oorur., V_>7Vr8 Uhr abds.

Gießen, den 16. Dezember 1906.

Feuerwerkskörper. Im heutigen Amtsblatt ist eine Bekanntmachung des Großh. Polizeiamtes wegen des Verkaufs von Feuerwerkslörpern sowie der gesetzlichen Be­stimmungen über daS Abbrennen derselben enthalten, worauf im Hinblick auf das kommende Neujahrsfest besonders hin. gewiesen sei.

* Eine beherzigenswerte Mahnung für Pferdebesitzer und Lenker, die dazu dienen soll, ge. dankenlose Tierquälereien im Winter zu verhüten, veröffent- licht daS Großh. Polizeiamt im heutigen amtlichen Teil. Gegen Pferdebesitzer und Lenker, die bei kalter Witterung ihre Pferde ohne gehörige Bedeckung im Freien stehen lasten oder die bei Wmterglätte Pferde zum Ziehen verwenden, deren Hufeisen nicht gehörig geschärft sind, wird strafweise vorgegangcn werden.

Die Kleebachtalbahn. Man schreibt uns ans dem Kleedachtal: Bereits im Frühjahr 1904 wurde in einer stark besuchten Versammlung zu Gießen baS Bahnprojekt Gießen. Brandobern darf lebhaft besprochen. Die da- mals erschienenen Interestenten erklärten einstimmig, daß diese Linie nicht allein dem südlichen Teil deS Kreises Wetzlar die dringend erforderliche wirtschaftliche Erschließung bringe.

sondern auch eine zweckmäßige Ergänzung zu der von Wetzlar auS geplanten tiinie durch das SolmSbachtal nach Braud- oberndorf-Usingen bilden würde. Ueber beide Projekte herrscht jetzt ticseS Schweigen und der südliche Teil des Kreises Wetzlar kann sonach noch immer nicht auf eine geeignete Bahnverbindung rechnen.

*' In Amerika v e rst or b e ne H e sse n. John South aus Laubach, 69 Jahre alt, zu Brooklyn, N.-P. Georg Bier aus Großseelheim, 49 Jahre alt, zu Meservy, Iowa. Johann Wingert auS Partenheim, 74 Jahre alt, zu Northfield, III. Georg Wilh. Marquardt aus Elmshausen, 75 Jahre alt, bei Rochester, Minn.

** Warum nicht mit Eva gleichzeitig ein Dienstmädchen geschaffen wurde, erzählte kürzlich eine Frau in Ziegenhain. Die Frau wurde von emem Jung- gesellen etwaS malitiöS gefragt, weshalb wohl, als Eoa ans AdamS Rippe erschaffen wurde, nicht gleich ein Dienstmädchen nuterschaffen wurde. Darauf antwortete die nicht auf den Kopf Gefallene: .Weil Adam nie mit Strümpfen Heimkain, die gestopft werden mußten, weil ihm keine Hemdlnöpfe an­genäht und keine Oberhemden gebügelt zu werden brauchten. Weil er ferner niemals biS nachts zwölf Uhr im Wirtshause blieb und nicht schalt, wenn er nach Hause kam, wenn Eva noch nicht zu Bett war und bittere Tränen meinte. Weil er endlich leinen Branntwein und fein Bier trank, weder Karten noch Billard spielte, auch nicht Kegel schob, nicht Tabak rauchte, schmipfte oder kaute, überhaupt viele« nicht trieb, wo. durch seine entarteten Nachkommen heutigen Tages der armen Frau Verdruß und Kummer machen."

----- Friedberg, 13. Dez. Das hessische Wander. Tuberkulose-Museum soll auch in unserer Stadt zur Ausstellung gelangen. Tie Stadt wird die erforderlichen Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Ein Sanitäts» verein soll hier ins Leben gerufen werden, im Laufe des Winters sollen mehrere Kurse slattsinden.

Börscn-Wochcnbcricht

= Frankfurt a. M., 14. Dez.

Hat die Auflösung des deutschen Reichstags aus die Börse auch gerade nicht eine tiefergehende Wirkung ausgeübt, so hiuterckeß sie doch eine gewisse Verstimmung, weil dadurch zunächst ein weiteres Moment der Unsicherheit in die Erscheinung tritt, unter der Handel und Industrie möglicherweise nachteilig beein- slußt werden Eönnten. Aber mehr noch als dieses Ereignis hat die Unsicherheit wegen der Entwicklung der Dinge am Geld­markt auf ihr gelastet. Schon seit geraumer Zeit wird die Unternehmuitgs.ust dadurch gciäljmt, wenignens aus den Esselten- märtten, und so lange der Ausblick auf dem internationalen Geidmarkt nicht freier ist, dürste sich an diesem Zustand auch nichts ändern. In Newyork erwartet man eine weitere Unter­stützung durch die Negierung, angeblich will der Schatzselretär dem Markte neuerdings 37 Millionen Dollars zur Verfügung stellen, aber vorläufig sind die Leibraten in Wall Street noch recht hoch, in London hält sich der Privatdiskont auf 55/8 Proz., bei uns auf 53/s Proz. und dabei muß man in diesem Monat noch auf ein weiteres Anztehen rechnen, denn der zuletzt ver­öffentlichte Ausweis der Reichsbank war wieder recht ungünstig, dazu kommen jetzt die starken Ansprüche, die der Jahreswechsel mit sich zu bringen pflegt. Ultimogeld wird aus 7^ Prozent

taxiert. Daß selbst im Januar dar Zinsfuß samell. und ItarB zurückgehen wird, ist kaum anzunehmcn, trotzdem die haute Banque bestrebt sein dürfte, im Interesse neuer Geschäfte den Markt in gute Stimmung zu verletzen. Handel und In­dustrie stehen noch in Fwr, wenn auch vereinzelte SituatwnS- bcriujte eine Nuance gedämpfter klingen. 3m großen Ganzen hat das Kursniveau trotz der Geldsorgen sich auch diese Woche ziemlich gut behauptet. Anlage werte blieben fest, Serben eine Nuance master; es ist noch unentschieden, ob die neue Anlcih: nach Deutschland kommen wird. Banken ohne nennenswerte Veränderung, Aietallbank 3'/s Proz. besser. Von Bahnen waren Orientalische, Anatolier und Henri begünstigt und hoher. Mon- tanpapiere auf Realisationen etwas schwächer, einzelne Neben, werte wie Buderus und Friedrichshülte befestigt, auch Kaliaktien besser. Von anderen I n d u st r i e p a p i c r e n waren Elcktrizi. tätswerle etwas matter, chemische Werte noch fest, Brauereien meist abgeschwächt, nur Herkulesbrauerei 7 Proz. scster. Ma­schinenfabriken niedriger, Baumwollspinnerei LampertLMühle 6 Proz. und Zeitstoss Waldhosf 8 Proz. höher.

Landwsrtschaft.

Die Ernte in Preußen. Tie Ausgabe der .Statist. Rorr." teilt die Ergebnisse der Ernteberechnungeu Preußens für das Jahr 1906 nach den Schätzungen der von der Landwirischasts- kanuner ansgewählien Vernauensmanner mit. Danach übertrifft die diesjährige Ernte fänulicher Frnchlarten das zehnjährige Dlittel; besonders lohnend sind die Heu- und Haierernten ausgefallen. An JUee und Luzerneheu wurden 38,7, an Wiesenheu 25,3 und an Haier 25,1 für hundert Teile mehr gewonnen als durchschnittlich m den Jabren 1696 bis 1905. Weuer beträgt das Mehr an Sonimer- loggcn 18,3, an Sommerweizen 15,1, an Wimerweizen 10,6, an Sominergerste 10,2, an Kartoffeln 8,7, an Winterroggen 6,9, vom Hundert. Auch bei Vergleichung mit dem Vorjahre, in denen gleichfalls durchschnittlich mehr geerntet wurde als in dem letzten Zehnjahresdurchschuitt ergaben sämtliche Fruchtarten lohnende Er­träge, bis auf Kartoffeln, deren Ernte im Jahre 1905 allerdings ganz außergewöhnlich gewesen ist. Tie Gejarnternte an Getreide im Berechnungsjahre bcuug : 17 271 000 Tonnen wegen 15 629 000 nn Berichtsjahre 1905. Tie Heuernte ergab insgesamt: 22 819 000 Tonnen gegen 20 402 000 Tonnen nn Vorjahre. Tie Erntemengen in Tonnen betrugen im Berichtsjahre an Winteriveizen: 2 237 736 gegen 2 129 401 ; an Sommerweizen 68 264 gegen 62 988; an Sommer­gerste 1 793 357 gegen 1 660 822; an Haier 5 695 392 gegen 4 532 252 ; an Kartoffeln 30 893 252 gegen 31020 443; an Kleehen 7 503 099 geg«i 6 004 396; an Luzerneheu 634 007 gegen 587 372; an Wiesen­heu 14 712 308 gegen 13 810156 int Vorjahr.

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Gietzener Stadttheater.

Der Erstgeborene.

Drama in 4 Auszügen von T h. B i r i

Dm Freitag gab es in unserem Stadttheater wieder einmal nach langer Zeit eine regelrechte Uraufführung. Es wurde das vieraktige SchauspielDer Erstgeborene" ge­geben. Der Verfasser ist Th. Birt, ortentl. Professor der klassischen Philologie an unserer Nachbaruniversität, dessen tönende, redseligeAnna von Hessen" hier, in Marburg und in Kassel gelegentlich der 400jähr. Geburtstagsfeier Philipps des Großmutigen um die Wende der Jahre 1904/5 wiederholt zur Ausführung gebracht wurde und vielleicht Lei diesem oder jenem noch in matter, verblassender Er­innerung ist. Dem Verfasser hat ohne Zweifel seine an­gesehene amtliche und wissenschaftliche Stellung die Ein­führung auf den Bühnen der Städte Hessens erleichtert. Der recht tüchtige, aus dem oberhessischen Volksleben nicht ohne urwüchsige Kraft entnommene EinakterWeltunter­gang" eines hessischen Gerichtsassessors fand vor Jahr und Tag bei unserem Stadttheater-Direktor keine Gnade. Und doch schätze ich ihn literarisch höher als denErstgeborenen" Th. Birts. . r

Der Erstgeborene" rst zwar eine anspruchsvolle, aber im innersten Wesen kärgliche Variation des Vibelmotivs von Kain und Abel. Birt glaubt den alten Bruderzwist mit neuen Augen zu erleben, indem er die Eifersucht auf das Weib als Ursache einfübrt. Ich sehe darin eher, und zwar namentlich angesichts desversöhnlichen" Schlusses, eine Banalisierung der elementaren Primitivität jener wilden Urlegende. Ohne Grund versetzt Birt eine verbrauchte Be- gebenheit, die sich etwa in Magdeburg oder Stettin oder jeder anderen nüchternen deutschen Handelsstadt täglich zutragen könnte und wohl auch zuträgt, in italienisches Klima, ohne indes den unter der Flagge melodisch klingender Namen im vielerfahrenen, untiefen Kulissen- und Romanfahrwasser segelnden Figuren seines Dramas etwas von südländisch heißblütiger Wesensart einzuslößen. Im Gegenteil, eine seiner Hauptfiguren, feinRoberto" genannter Abel, ist ein höchst nüchterner Handelsstadtmensch, ein Pfeffersack ganz ä la Stettin ober Magdeburg, der seinen als poetisch veranlagt gerühmten Bruder Andrea auf seine wortkarg geschäftsmäßige Art lieb hat. Dieser, an dessen Talent wir nicht recht glauben nach den lyrischen Proben, die er uns liefert und die darauf zu deuten scheinen, daß der Verfasser sie einem in seinen Tagen der Jugendrosen mit heißem Bemühen niebergeschriebenen VersdramaKain und Sulamith" entlehnt hat, birgt in sich den tödlichen Bruderhaß. Auch seine angeblich hoi)e Begabung bezwetfeln wir stark, denn er ist von unvernünftiger Kurzsichtigkeit und beseelt vom tümchtesten Mißtrauen. Wenn noch em

Jago die Eifersucht in ihm nährte. So erscheinen uns alle seine Verdächteleien und Widersetzlichkeiten, fein Trotzen auf das Erst geb urtsrecht und Verweigern des Wemkellcrschlüssels dem, der der Ernährer der Familie ist, kindisch, abge­schmackt, einfältig, ebenso wie andererseits die nachsichtige Willfährigkeit des jüngeren Bruders, wie ferner dessen und der Mutter engherzige, unverständige Abneigung gegen die Bologneser Universität und das literarische Streben Andreas. Gewiß begegnet man solcher Einfalt häufig im Leben. Aber alltägliche Banalitäten zu dramatisieren und ihnen ein gewisses ostensiöses Gepräge zu geben, wirkt verstimmend. Roberto erwirbt sich schließlich gar die Liebe der von Andrea umschwärmten Cousine, die ohne jegliche Enthüllung ihrer Gefühle zwischen den Brüdern in stiller Reinheit und opferstarker Hingabe bisher durchs Stück wandelte. Diese gleichmäßige Wärme Sabinens beiden Brüdern gegenüber führt uns Birt in zarten Farben fein und sicher vor. Um so überraschter aber sind wir über Robertos Mitteilung von seiner Verlobung, denn uns muhten die Eifersüchteleien Andreas absolut grundlos er­scheinen. Hier klingt dasGaleotto"-Motiv leicht an. Als Andrea Dann seinKain"-Drama zu rezitieren beginnt, da warten wir auf eine Explosion seines leidenschaftlichen Bruderhasses. Als Darsteller der Hauptperson seines Dra­mas schwingt er die Keule gegen Roberto, stolpert aber hinaus, oerietzt sich schwer, erhebt noch einmal im letzten Akte als Siecher den Revolver gegen den Bruder, aber, ein schwachmütiger, phrasenreicher Zauderer, stirbt er, mit dem Bruder versöhnt.

An zwei Stellen wird ganz flüchtig angedeutet, daß der Stolz einer eitlen Mutter, dieser neuen Aus­lage der Schillerschen Isabella von Messina, den Bruder­haß und den jähen Untergang des einen Sohnes ver­schuldete. Hier hätte der Verfasser mit kräftiger Hand einsetzeii sollen. So schuf er ein äußerlich meist ge- schiates, bewegtes Schaustück von starken Kontrasten; Psycho­logisch läßt es in seiner im wesentlichen mit nackten Tat­sachen und meist blassen Figuren wirtschaftenden Art ziem­lich gleichgiltig.

Byron beläßt voll Dichterweisheit das aus viel brei­terem menschlichem Boden aussteigende biblische Motiv von der ursprünglichen Seelengegensä^iichkeit beck>er Brüder, die den einen vor Gott und Menschen angenehm, den anderen als den von der Natur und GottEnterbten" erscheinen läßt. Er vermag einen ganzen Titanentrotz, einen drohen­den Anklagegrimm, der weit, weit, auf alle letzten Fragen, auf die Urzweisel aller Weltanschauungen hmwcist, in feinen Bruderfeind hineinzugießen. Birt bringt zweier Duodez- menschlein ärgeriidjes Gezwitscher, großsprecherischen, durch sinnliche Asfektionen sich steigernden Wortschwall eines angeblich verkanntenGenies" einerseits und leioenschasts- loje banausische .Dröselei unteren eii£. Mit ehrlicher

Schaffenslust wollte er uns wohl ein Drama höheren Stils geoen, beging aber in feiner Theaterfremdheit schon Un*j geschicklichleiten in der Exposition, intern er miteinander täglich verkehrende Personen sich Tatsachen erzählen läßt,) die ihnen so bekannt sind wie ihre Wohnstube. Die Sprache ist im ganzen einfach und klar, zuweilen schwungvoll, oft) gedanken- und bilderreich, manche der eingefügten Bilder' aber haben etwas stark Gesuchtes. Am besten gelungen) ist Birt die Charakterisierung des eifersüchtigen Andrem

Bei befferer Darstellung und Inszenierung auf größerer^ leistungsfähigerer Bühne würde sich das Stück wohl von, kräftigerer Färbung und malerischer erweisen, packender und bühnenwirksamer. Leider wurde es von unseren sonst s», tüchtigen Darstellern keineswegs tadellos gespielt. Sie hätten sich hier ganz besonders um Menschendarstellung im besten Sinne bemühen müssen, gaben aber fast sämtlich nur Schemen. Besonders mangelhaft war Herr Kober in der wichtigsten und schwierigsten Rolle als der Poet Andrea. Statt die leidenschaftsoollsten, begeisterungsstärksten, statt Himmeln stürmende und später die erschütterndsten Töne zu suchen für den inneren Zwiespalt und das psychische und physische Leid des jungen Stürmers und Drängers, blieb er den Abend über matt und blaß und teilnahmlos, ließ sich z. B. 'ohne baS leiseste Zeichen innerer Teil­nahme seine Verse von feiner geliebten Sabine deklamieren, hörte mit größter Gleichgültigkeit die Mahnungen und Klagen feiner Mutter an und zeigte namentlich einen höchst be­klagenswerten Mangel an Fertigkeit im stummen Spiel. Einem solchen schwachen, schwankenden und kindisch rabulistischen Jüngelchen konnte wahrlich niemand solche Wildblütigkeit zu- tlauen wie das Zerschießen des neuen Firmenschildes und dergleichen mehr. Daß der zum .Krüppel* Gewordene nn letzten Akte noch ganz munter im Garten herumhüpfte, ist wohl eine besondere Eigentümlichkeit Lioorneser Rückenmärler. Erheblich bester gelang Herrn Goll der nüchterne Verstandesmensch Roberto. Hätte er doch von seiner Leidenschaftlichkeit Herrn Kober etwas ab­geben könnenl Frl. Tonecker in der sympathischen Rolle der treuen Sabina fesselte durch sichere und charalteristische Verinnerlichung ihrer Rolle. Frau v. Jagemann nahm die blinde Alntter zu pathetisch ihr alter Fehler im modernen Drama. Die Herren Reimer und Herrscher hatten gute Masken gemacht; weiter könnte ich von ihren Rollen schlechterdings nichts sagen, denn zu Individualitäten erheben sich die von ihnen zu verkörpernden Figuren nichts

Das Piiblikum folgte allen Szenen des Schauspieles mit lebhafter Anteilnahme, und die Darsteller konnten für den reichen Beifall danken. F. W*