156. Jahrgang
Erstes Blatt
Amts- Md Anzeigeblatt für den Ureis Gichen
FS
Pie heutige Kummer umfaßt 8 Leiten.
cmtbung. Um daher jede falsche dieser Wichtigkeit zu vermeiden.
In Aigtciras
wird die Situation Deutschlands immer unerfreulicher. Zu den teils spöttischen, teils direkt wahrheitswidrigen Auslassungen französischer, euglischer, italienischer Blätter, sowie zu der für die Sache Frankreichs entschieden eintretendcn englischen Note hat sich nun die russische Kundgebung gesellt, von unverkennbarer Spitze gegen Deutschland. So ist sie auch in Berlin an amtlicher Stelle aufgefaßt worden. Die „Nordd. Allg. Ztg." erörtert den höchst seltsamen Inhalt der Depesche des russischen Ministers des Auswärtigen Grasen Lambsdorff mit folgenden Worten:
Wir lesen hier zum ersten Male, cs sei ernsthaft behauptet worden, daß Rußland der franz. Regierung geraten haben soll, den früheren östtcickisch-ungarischen Vorschlag tel qucl anzunehmen.
Die KeichskoLoniaLamtssrage in der Schwebe.
Hohenlohe-Krisis?
Tre Budgetkommission des Reichstages hat am Mittwoch beschlossen, die Regierungsvorlage wegen Errichtung eines Staatssekretariates der Kolonial- verwaltung abzulehnen und nur den Posten eines zweiten Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt zu bewilligen. Gegen die Errichtung eines Kolonialamts stimmten das Zentrum und die gesamte Linke. Der Staatssekretär wurde mit 17 gegen 11 Stimmen abgelehnt, der Unterstaatssekretär gegen 4 Stimmen angenommen und ihm statt 20 000 Mk. ein Gehalt von 25 000 Mark bewilligt; gleichzeitig erhält er die Befugnis, den Staatssekretär des Auswärtigen Amts zu vertreten.
Dieser Beschluß bedeutet die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung des von den Verbündeten Regierungen geforderten C aatssekretärs für die Stolonicit auch im Plenum. Tas offiziöse W. T.-B. verbreitet die Meldung, verschiedene Blätter seien nun der Meinung, daß die Aufrechterhaltung zcnes Beschlusses den Rücktritt des Erbprinzen .Hohenlohe von der Führung der kolonialen Angelegenheiten zur Folge haben nrirb. Es liegen, wie versichert wird, „wichtige sachliche Gründe" vor, die cs für den Erbprinzen aussaftießen, auf den Vorschlag der Uebernahme eines als Abteilung des auswärtigen Amtes zu organisierenden Unterstaatssekcetariats einzugehen. Diese „wichtigen sachlichen Gründe" scheinen in erster Linie in der Rücksicht darauf zu liegen, daß der Kaffer in der Erwartung, der Reichstag werde so beschließen, den Erbprinzen für die Leitung eines selbständigen Kolonialamts in Aussicht genommen hat und auf dieser Grundlage die vorläufige Wahrnehmung der Geschäfte des Kolonialdirektors vom Erbprinzen übernommen wurde. Die Offiziösen wettern nun ob dieses parla- i entarischen Willensaktes und hoffen, dem Anschein nach, ,est auf ein Entgegenkommen des Reichstags.
überlasten sei.
Die Konferenzsitzung vom Mittwoch verlief ohne greifbares Ergebnis. Indessen hat man sich doch wieder an das Problem getraut. Die Franzosen zeigten Neigung, den ihnen von der Konferenz eingeräuinten Sonderrechten eine extensivere Interpretation zu geben, so daß man es auf deutscher Seite für zeitgemäß hielt, sehr entschieden darauf hinzuw eisen, daß die Konferenz nicht befugt oder gewillt ist, Frankreich und Spanien ein Mandat zur Organisation der Polizei zu erteilen, sondern nur dem Sultan gewisse Vorschläge zu machen habe.
Nachdein nun das internationale Generalinspektorat über die marokkanische Polizei von Frankreich im Grundsatz ausdrücklich angenommen worden ist, wird, so verkündet heute offenbar offiziös die „Köln. Ztg.", zur Zeit znwchen Deutschland und Frankreich darüber verhau elt, wie dieses Amt ausgestaltet werden soll. Für Deutschland ist es von besonderer Wichtigkeit, daß die Macht-
Donnerstag 33. März 1906 vczugspret», monatlich 7i>Pi., viertel-
Nr. 69
Erscheint tägttch aus?er Sonntags.
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Zu den deutsch-englischen Haudelsbeziehnngen.
Der deutsche Botschafter Graf Wolff-Mettcrnich hielt am Dienstagabend in der Bradforder Handelskammer eine Rede, in der er zunächst für den freundlichen Empfang dankte und dann ausführtc:
Als ich die Einladung der Handelskammer erhielt, empfand ich für de.'. Augenblick das Gefühl mltzenbhn'.- l lleberoaschuüg, daß ick von einer der bedeutendsten englischen Handclsstädte eingeladcn wurde, ihr Gast zu fein, an einem Ort, wo eine große und zahlreiche deutsche Kolon je lebt und wo daher anzunehmen nxtr, daß eine starke d e u t; ch e K o n für- renz Platz greifen werde. Weit davon entfernt, als Konkurrenz betrachtet zu werden, sind die Deutschen, wie meine heutigen Wirte versichern, in Bradford nicht nur^gclicbte und geachtete Gäste, sondern sie bilden eine wertvolle Triebkraft der Bradforder Industrie, indem durch ihre Mitwirkung die besten fremden Märkte für die Bradforder Garne gewonnen werden. Die Erzeugnisse der Bradforder Textilindustrie erhalten durch die deutsche Industrie eine Werterhöhung, wo der eine Teil mit der Arbeit aufhört, fängt der andere an und vollendet das Werk zu beiderseitigem Vorteil. Blickt man tiefer in die Handelsbeziehungen der verschiedenen Nationen, so wird man oft finden, daß die viel gefürchtete Konkurrenz nur eine verschleierte Wohltat ist, daß das eine Land gibt, was das andere Land braucht, daß der Warenaustausch den Industrien zur Anregung dient, daß je mehr ein Land erzeugt, es des» mehr auch vom anderen' kaufen kann, da die Welt zu groß ist, als daß ein Land alle Bedürfnisse erfüllen könnte.
Wenn die Handelswelt in England und Deutschland nicht überzeugt wäre, daß die beiden Nationen einander sehr nützlich sind, ließe es sich schwer erklären, woher die spontane allgemein wohltuende Bewegung entstanden ist, welche auf fteundliche Beziehungen abzielt und die Unterstützung der Handelskammern in beiden. Ländern genießt. Es hat im Gegenteil den Anschein, als ob die viel bespräche ne Konkurrenz auf dem Gebiet des Handels ein mächtiges Band mehr bilden würde zwischen unseren beiden Ländern und auch zwischen anderen Nationen, die eine ähnliche Befähigung für den Handel zeigen wie wir. Die Kassandrarufe können wir daher getrott den Pessimisten überlassen, die sich zwar vermindern, aber tvahrsck)einlich niemals ganz verschwinden, diesen Pessimisten oder vielmehr Spezialisten, die anscheinend eine Vorliebe dafür haben, die Zukunft unserer Länder am dunkelsten darzustellen. Das Z u s a inme n w i r ke n auf dem Gebiete des Handels und der Wettbewerb um die Güter der Knltur werden zukünftig England und Deutschland in den gleichen Beziehungen finden wie in der Vergangenl-eit.
Ter Handelskammerpräsident Mitchell erwiderte:
„Unser Gast sagte, datz durchaus kein Grund besteht, aus dem "wir nicht eine beständige und dauernde Freundschaft mit dem deutschen Volke unterhalten könnten. Wenn in vergangener Zeit irgeudwelckie Mißverständnisse Vorgelegen haben, so hatten diese ihren Ursprung in der Tatsache, daß wir nickt genug voneinander gewußt haben. Wir haben niemals auf die Zukunft Teutschlands mit Gefühlen der Eifersucht gesehen."
Ter Bürgerrnetfter von Whitehead sprach die Hoffnung aus, daß diese Gelegenheit dazu beitragen möge, die Beziehungen zwischen beiden Völkern herzlicher zu gestalten.
Wir wußten bisher nur, und zwar aus französischen Preßmeldungen ebenso wie aus deutschen Mitteilungen aus Algeciras, daß der Vorschlag des Grasen Welfershümb als Swundlage für weitere Verhanolungen günstig ausgenommen nmrde und oats Schritte unternommen seien, Frankreich zu gleichem Entgegen- lommen zu veranlaffen. Auch ist uns nichts davon bekannt, das; der deutschen Delegation in Algeciras die am --ochlutz der Depesche behauptete Mitteilung zugekommen leu Aus soll rg ist aber auch sowohl der Jitt>alt der russischen Jnstntttwn als die Talsackie ihrer Veröffentlichung im „Temps^. Nach der vorn. „TcmpS" in den letzten Wochen geführten Sprache, die nur dazu beitragen konnte, den Gang der Verhandlungen in Algeciras zu stören, kann der Zweck auch dieser letzten Veröffentlichung nut der sein, der Verständigung weitere H i n b e r n i \ i e i n den Weg zu legen. Die deutsche Politik ward iich dadurch nicht abhalten lassen, auf dem ficheren Boden des internationalen Rechts nach den von ihr von Anfang an gezogenen grundsätzlichen Linien die deutschen Interessen und Rechte zu wahren. „
Ter Ton dieser Erörterung kennzeichnet zur Genüge die Neberra schung in Berlin. Daß gtußland das verbündete Frankreich seiner unerschütterlichen Treue versichert, mag hingehen. Was tut man nicht alles, wenn man zwei Milliarden bekommen kann, und wenn man das Geld so bitter nötig braucht wie das Zarenreich! Die finanzielle Verlegenheit Rußlands läßt vieles verstehen und entschuldigen. Dergleichen Beteuerungen der Bundestreuo tonnen bestellte Arbeit sein, können von Paris aus dring-, lieh gewünscht worden sein, um jeden Zweifel an der Hilfeleistung Rußlands in Algeciras zu zerstreuen. Es wäre auch kaum etwas dagegen zu sagen gewesen, wenn btc russische „Bundestreue"-Ecklärung auf dem vertraulichen und vor der Kenntnis der Oeffentlichkeit geschützten Wege; einer Note an die Mächte weitergegeben worden wäre. Aber das ist das äußerst Befremdliche, für Deutsch-- land geradezu Verletzende, daß gerade der „Temps", eben das Organ der französischen Regierrmg, das bis in die- iteueste Zeit sich durch Angriffe auf die Haltung Deutsche lands hervorgetan hat, diese russische Depesche der Welt bekannt geben durste. Darum legte die „Mrdd. Allg. <>tg." das Schwergewicht auf diese demonstrative Kundgebung. Und gleichzeitig macht sie Andeutungen, welche die russ. Politik noch, in eine besonders eigenartige Beleuchtung setzen. Hat Rußland die Veröffentlichung der Tepesche veranlaßt, so war es sich bewußt, dadurch neue Hindernisse auszutürmen gegen eine Einigung,
in Algeciras. „
Dem wird nun freilich sofort von Rußland widersprochen . Ter r u s s i s ch e B o t s ch a f t c r Graf v. d. Osten- Sacken übermittelte am Mittwoch nachm. dem Reichskanzler eine Instruktion seiner Regierung und wies dabei auf die unrichtige Wiedergabe ihres Textes im „Te m ps" hin. Tie Instruktion lautet in deutscher Uebersetzung:
Telegramm S. Exz. des Grafen Lambsdorff an L. Exz. den Giraten Eassini: St. Petersburg, 6. (19.) Marz 1906. ^^kcufer- liche Regierung hält es für notwendig, den verbreiteten Nachrichten entschieden entgegenzutreten, als ob sie sich im Widerspruch zu dem Standpunkt Frankreichs zu Gunsten der eschafsung einer besonderen Polizei-Ordnung in C a f a b l a n e a , ausgesprochen hatte. Diese Nachricht entbehrt der Begründung. Um daher jebc falsche Am-legung in einer Frage von dieser Wichtigkeit zu vermeiden, werden Sie den ftanzösischen Bevollmächtigten zu versichern haben, daß Sie bereit sind, iljn in der Frage der Polizei in dem genannten Hafen zu unterstützen. Zur gleichen Zett werden die auf der Konferenz vertretenen Mächte von dieser ^nstruttion unterrichtet werden, um den möglicherweise entstehenden Ver-, -dacht einesDoppelspiels Rußlands zu zerstreuen, während außer dem Wunsche seinen Verbündeten rn reinen berechtigten Forderungen zu unterstützen, seme Anstrengungen einzig auf ern hohes v e r i o h n l i ch e S Zielgerichtet sind, nämlich eine Lösung der eingetretenen Schwierigkeiten zu finden, die der Wurde beider Parteien entspricht.
Aus Algeciras liegen heute mehrere langatmige offt- ziöje Meldungen vor. Danach erklärte in der am Mittwoch dort abgehaltenen Kommissionssitzung u. a. der französische Vertreter Regnault: Das Polizei-Inspektorat sei für Frankreich annehmbar. Nachdem hierdurch der Weg zur weiteren Besprechung der Polizeisrage eröffnet war, erfolgte ein Gedankenaustausch über eine Reihe prinzipieller Punkte, wobei von deutscher Seite Anlaß genommen wurde, zu betonen, daß es sich nicht um Erteilung eines Mandates der Polizei an Frankreich oder an Spanien handle, sondern nur darum, ob die Konferenz dem Sultan empfehlen solle, die Instrukteure aus bestimmten Nationen zu wählen. Auch die Verteilung der Instrukteure werde deutscherseits unter diesem Gesichtspunkte betrachtet gegenüber der französ. Auffassung, nach welcher die Verteilung ausschließlich Frankreich, bezw. Spanien und dem Sultan zu
politische Lagesscharr.
Individualität oder Trifl?
Von einem Offizier wird uns aefrfir ieben:
Der kommandierende General des 1. Armeekorps, Frhr. v. d. Goltz, hat vor einigen Tagen in Königsberg eine Rede gehalten von bedeutendem Interesse. Sie gibt in großen Zügen eine Darstellung des Fortschrittes in de^r Erziehung der Armee zum Kriege. pUnter -streben", sagte dieser hochbegabte Heerführer, „geht aus Entwicklung von Individualitäten hinaus. Mcbt nur den Offizier, sondern auch den einfachen Soldaten in Reih und Glied wollen wir zum denkenden, selbständigen Kämpfer erziehen, damit er in sich selbst den vollen kriegerischen Manneswert entwickelt. Nur damit besteht man die heutigen S ckla cht e n aUf Si t g c r."
Ganz unsere Meinung, beim die Richtigkeit dieser Ansicht ist durck die Kriege 1866, 1870/71, und nicht zuletzt durch den Waffengang zwischen Japan und Rußland zur Genüge erwiesen worden. Man wird gut tun, sich diese Worte zu merken, um bei geeigneter Gelegenheit darauf zurückzukommen. Denn in unserem Heerwesen spielt der Drill noch immer eine hervorragende Rolle, sowohl bei der Ausbildung der Mannschaften, wie.bei der Stellung zwar äußerlich schöner, aber innerlich gäitglichun- wahrer M anö v er b i l d er. So wenig man den einfachen Soldaten durch Parademarsch und Eindrillung überflüssiger Gewehr griffe zu einer Individualität erzieht, ebenso wenig werden unsere Offiziere durch die teilweise ganz nach alter Schablone durch geführten Friedens- Übungen zu selbständigem Handeln erzogen. Man tarnt also nur wünschen, daß Frhr. v. d. Goltz in seiner Rede nicht seine spezielle Anschauung, sondern die der gesamten Heeresoberleitung [imbgegcbcu ljat. Allerdings fällt es daher auf, bah er die Ursachen unserer Niederlagen bei Jena in einem wesentlich anderem Lickte als kürzlich der Kaiser bci seiner Ansprcvchc an die Marinerekruten in Wilhelmshaven barftcllte, indem er das religiöse Moment ganz aus dem Spiele ließ und nur das rem militärische berücksichtigte. Aber hosfentlich ist dieser Wider- spruck nur scheinbar, und denken alle unsere Heersührer so richtig wie der Kommandierende des 1. Armeekorps, dann können wir ruhig der unsicheren Zukunft ins Auge
Recht beachtenswert ist, was unser wohlunterrichteter berliner R.-Kvrrespondent dazu schreibt:
Das Festmahl beim Grafen Ballestrem.
Tas bevorstehende Fcsttnahl beim Reichslagspräsioenken Grafen Ballestrem, zu dem der Kttiser erscheinen wird, bedeutet den Höhepunkt der parlamentarischen Abende dieser Reichstagssession. Der Kaisertommst hieran mittelbar mit der Volksvertretung in Berührung. Er liebt es, wenn er beim Oberhaupt des Reichstags zu trefft ist, mit hervorragenden Parlamentariern sich über dte im Vordergrund stehenden politischen Fragen zu unter» halten. Zweifellos gehört der auswärtigen Politik das össentliche Interesse ui sehr erheblickfem Maße. Ta aber die Tinge in Algeciras noch in der Schwebe sind und aus diesem Grunde die Anberaumung der Reichslagsdebatte über die hohe Politik in die letzten Tage vvr Beginn der Osterferien hinausgeschoben ist, dürste beim Fest des Reichstagspräsidenten über Marokko nicht viel geredet werden. Allenfalls daß die internationalen Beziehungen Teutschlands im allgemeinen in Anlehnung an tue Flvttenvorlage, der ja eine große Mehrheit im Reichstag sicher ist, berührt werden. Aeynlich wie um die auswärtiae Politik steht cs um die Steuervorlagen und die Finanz- reform, deren Schicksal erst zwischen der zweiten und dritten Lesung, also geraume Zeit uach Ostern, sich wird absehen lassen.
Dagegen ist ein Meinungsaustausch beim Grafen Ballestrem über das von der Kommission abgelehnte Reichs- £o Ion i ft laut t in hohem Grade wahrscheinlich. Tie Gerüchte, wonach Fürst Bülow aus der Bewilligung dieses Amtes eine Kabinettsfrage zu machen entschlossen sein soll, treffen wohl insofern das Richtige, als mau an höchster Stelle unbedingt den größten Wert legt auf die Uebertragung des Kolonialstaatssekretariats an den Erbprinzen zu Hohenlohe. Ter Abg. Tr. Paasche soll fich sich ja hinter den Kulissen immer noch bemühen, das widerstrebende Zentrum in letzter Stunde umzustimnien, doch sein Einfluß fällt am Ende um deswillen nicht schwer in die Wagschale, weil er selbst als in Aussicht genommen gilt für ein höheres Amt im Kolonialstaatssekretariat. Bülow hat sich in zwei auffallend" ausführlichen Reden für den Ausbau der Kolouialverwaltung engagiert, und es ist immerhin möglich, daß er jetzt, wo sich der auswärtigen Politik Teutschlands ungeahnte Schwierigkeiten cntgegenstellen, dieses sein Engagement für das Reichs- kolonialamt in den Vordergrund schiebt, um hier eine Art Vertrauensfrage zu konstruieren. Hat auch die Budgetkommission das Reichskolonialamt abgelehnt, so ist damit noch nicht die Entscheidung für das Plenum gefallen. ES ist aber beinerkeuswert, daß sogar ein k o n s e r v a t i v c s B e r l i n e r B l a t t e i n e n s ch a r s e n A n g r i f f a u f d e n Fürsten Bülow richtet, indem es schreibt, die jetzige Lage Teutschlands sei die Folge einer fünfjährigen Politik der fröhlichen Selbsttäuschungen und Täu schun g en üb er andere. Eine derartige Zensur von regierungsfreundlicher Seite ist vielleicht geeignet, den Fürsten Bülow nervös zu machen und das Verlangen uach einem „guten Abgang" in ihm aufkeimen zu lassen.
Jedenfalls scheint das Reichskolouialamt eine über seine tatsächliche Bedeuttnig hinausgehcndc Rolle spielen zu sollen. Inwieweit diese Annahme durch den Verlauf des Festes beim RcichStagspräsidenten unterstützt wird, bleibt abzuwarten.
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