Ausgabe 
15.12.1906 Drittes Blatt
 
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Nr. 295 Drittes Blatt.

156. Jahrgang

Samstag 15. Dezember 1906

®r1d)etnt tlgltd} mtl Ausnahme befl Sonntag».

D,eGltfjentr Samlllenbliitter* werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegl. Der *Se1fMd)t tanöwlit" erlchem» monaUich einmal.

. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen

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m B S JjL A>vL 11 ß 'S -Ay R VLR >X-, 15L Redaktion.Expedition u.Druckerei: CchuMr.7. xr v <« J V V V V Leu Nr. 6L relegr.-2U>r. i Anzeiger Gießm.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.

KuUulLamps!

Mit eiserner Konsequenz hält die französische Re­gierung an dem Progcanlin fest, das Waldeck-Rousseau enlwvrjen, Combes ausgearbeitet und zum geringeren Lei! ausgcfährt hat, und das jeyt Clemcnceau mit Ariand bis zum lebten Nest ni die Tat umsetzen will. Das Gesetz gegen die HLoftec ist verwirklicht, drc Jnoenlurausnahmen sind zum legten Nest in die Tat umsetzen will. Tas Gesetz gegen Mil verschwinoenö geringeul ^werpand ।eilend der Bc- volkeruligi es bleibt also nur der letzte Nest zur Trennung des Staates von der Kirche, oder, wenn man will, zur Berslaaleichung der Kirche übrig. Dw Gottesdienste de- düisen laut Beschluß der gefetzgebetiden Faktoren der obrig­keitlichen Genehmigung, müssen angemeldet werden duvck) die Pfarrer, und dagegen protestiert Nom.

Verschiedene Btschöje haben, ohne We.sungen aus Rom, ihr Einverständnis i-arbwegs dokumentiert, und wollen nun dieses Einverständnis wieder zurücknehmen.

Die sranz. Negierung ist entschlossen, es zum äußersten kommen zu lassen. Sie läßt versichern, daß fie mit der ganzen Schärfe des Gesetzes gegen die Geistllchkeit vor- gehen wird. Es ist das auch vorauszusehen, denn wenn Elcmenceau sich vor den Konsequenzen sa-eucn würde, daun hätte er die Aktion nicht begonnen. Nun wird Einkerle- rang der Geistlichen erfolgen, nachdem Ordnungsstrafen sich als fruchtlos erweisen. Man wird die Pfarrer aus den staatlichen Gebäuden vertreiben und die hohen kirch­lichen Würdenträger gleichfalls, man wird sie einsperren.

Das Vorgehen dec französischen Regierung regt einen Vergleich mit dem Kulturkampf im Deutschen Reiche in den 70er Jahren an, und an den bevor­stehenden Kampf v c c deutschen Reichsregie - rung gegen b a 6 Zentrum! Als die Mai- gesetze erschienen, war bie Situation ähnlich. Die Ne- giecung, hinter der Bismarck stand, war des festen Willens, nicht nach zugeben, die katholische Geistlichkeit aber halte die>en Willcii gleichfalls, und am Valikaii zerschellte das Machtgebot des damals mächtigsten Mannes der Kultur­welt. Das einzige Resultat des Kultur­kampfes im Deutschen Reiche war eine kolossale Stärkung des Zentrums, das erst durch den Knltur- kainpf zu Größe und Einfluß gelangte. Die ganze Partei- konslcllation von heute ist noch beeinflußt durch jenen Feld, -ug des pceuß. Staates gegen die Kirche und gegen Rom. Bismarck schuf das Sozialistengesetz und begann und stützte den Kulturkampf. Das waren zwei seiner verhängnisvollsten Schritte. Und nun werden jene Zeiten neu herauf- beschworen, die konfessionelle Verärgerung, die im Schrvin- den begriffen war, tritt aufs neue ins öffentliche Leben!

Werden Frankreich und Deutschland, getrennt gegen den Vatikan marschierend, über die katholische Kirche und den Papst triumphieren? Die augenblicklich Regierenden Frankreichs haben einen großen Teil des französischen Volkes hinter sich. Aber das ganze französische Volk steht nicht hinter ihnen, und auch in dem Gefolge mag sich eine hübsche Schar von Leuten befinden, die über den Kirchenglauben nicht so weit hinaus sind, als sie vorgeben. Es ist augenblicklich in Frankreich modern, Atheist zu fein, aber wenn Voltaire sagte, nur aus einem Katholiken könne sich ein richtiger Atheist entwickeln, so muß man betonen, baß es gar keine richtigen Atheisten sind, die da heute gegen Weihwedel und Rauchfaß losdonnern. Man hat sich, wie das in Frankreich so häufig ist, berauscht an großen Phrasen, und stürmt jetzt los. Das Ende muß abgewartet werden. In Frankreich und in Deutschland. Hier bei uns hat die Negierung nur kleine Teile des Volkes für sich. Für uns handelt es sich auch keineswegs um einen Kampf gegen bie kathol. Kirche, als vielmehr um einen Kamps gegen die übertriebenen Machtgelüfte einer politischen Partei, die im Reichstage ein leuchtendes Beispiel der Zent r ums h err scha st in beut- schen Landen vor aller Welt gegeben Hal. Die klerikale Nebenregierung wollte die verantwortliche Regierung unter dem kaudinischen Joch sehen, das sie in kolonialen Ange­legenheiten aufzurichten sich gewöhnt hatte.

Maskiert wurde diese Absicht mit der Sorge für den Geldbeutel des Steuerzahlers. Was? Das deutsche Volk hat es dazu", in einem einzigen Jahre 31/2 Milliarden Mark zu vertrinken und annähernd bie Hälfte dieser Summe

zu verrauchen; aber 14 Millionen Mark der Unterschied zwischen Regierungsforberung und Zentrumsangebot find für 60 Mill. Deutsche unerschwinglich, wenn es gilt, mit schwersten Opfern an Blut und Gut erkauften Besitz, Ansehen und Ehre zu wahren? Dabei mußte das Zentrum selbst zügelten, daß es im höchsten Grade unsicher ist, ob jene kleine Summe wirtlich erspart werden kann, insofern als mit der Möglichkeit neuer Erhebungen infolge der Truppen- verminderung gerechnet werden müsse. And auf eine solche Grundlage stutzt das Zentrum das Unterfangen, die ver­bündeten Regierungen seinem Willen g.'fagig zu machen: Nein, bte wahren Antriebe der Pvliiik oes deutscl-en Zen­trums liegen auf dem Gebiet seines Strebens nach Aufrichtung einer Partei Herrschaft über den nationalen Staat. Hiergegen den Kampf aufzuneh- men, war eine Staa.snotwenoigieit, und Fürst Bülow ver­diente sich den Dank aller Batertandsfreu»1 de dafür, daß er entschlossen das ernste Mittel einer Auflösung des Reichs- tags zur ''Abwehr derartiger Parteistrebungen anwandte.

Mit der Sozialdemokratie, die jede Kvlonial- politif verwirft, mit den Polen, die aus ihrer ossenen Feindschajt gegen den deutschen Staat teilt Hehl machen, mit seinen Ani-ängseln aus dem Reichs lan de und aus Hannover stand das Zentrum den Konservativen, Frei- kon,ervaliven, Rationallibcralen und der bürgerlichen Demo- (ratie gegenüber. Daß die bürgerliche Demokratie aus Seiten der Reichsregierung fle^t, wie die Linksliberalen Hessens auf Setten des Hess. Ministeriums, das macht die politische Ge,amilage, wie |ie durch die Reichstagsau j los ung geschaffen wurde, für das Zentrum ungünstiger, als sie es itach der Auflösung des Jahres 1693 war. Dnrch diesen Umstand ivird Die Ta.,a^-e reichlich aufgewogen, daß jetzt nicht, wie damals, der Antrag eines dtuentierendcn Mit­gliedes der Zen.rumspartei zur Wahlparole gemacht miib. Deswegen bieibt die Hoffnung wv^berechligt, daß viele ZeiArumswcchler die Haliloflgleit des Sia.wpunlies er- kennen, auf den die klerikcue ReichStagssraliion sich ge- ftellt hat. Leicht freilich wird der gegenwärtigen Minderheit des Reichstages der Kampf gegen Zentrum und Soziatdemo' traue, gegen Polen und Welfen nicüt sein. Aber das Ver­trauen aus das deutsche Volk, von oen verbündeten Regie­rungen angeiufeit, wird sich auch dieses Mal bewähren, wo die Losung erschallt: Au s d i e ch a nze n z u r Wa h- rung deutschen Besitzes und deutscher Ehre, zur Abwehr der Parteiherrschajt des Zen- t r u m s 1"

Sitzung des Provinzial-Ausschufjes.

Wieben, 12. Dezember.

Zur Verhandlung stand heute zunächst der Antrag aus Entziehung der dem Wirt Peter Waterkamp zu Gießen für daS Haus Steinstraße 9lr. 76 erteilten Kon- jeffion. Nachdem der Prooinzial-AuSschuß am 13. Oktober d. I. auf vorläufige Schließung des Lokals erkannt hatte, gab er heute dem Antrag auf KonzejfionSentznhung statt, unter Verurteilung des W. in die Stollen des Verfahrens.

Hieraus stand die Heranziehiing der Gemeinden zu den Kosten deS Geländeerwerbs für die Rebenbahn Butzbach-Lich auf der Tagesordnung. Für diesen Bahn- ban halte sich ein Konsortium gebildet, das zur Deckung der St oft en des Geländeerwerbs eine Berechnung ausstellte, in der die verschiedenen Gemeinden nach Maßgabe ihres Interesses herangezogen wurden. Hiernach sollten: Butzbach 19, Gam- bach 14, Griedel 12, Münzenberg 10, Trais-Münzcnberg 3, Dorf-Gill 3, Eberstadt 7, Muschenheim 6, OberHörgern 6, Lich 14, Hof-Güll 3, ArnSburg 2, Kolnhäuser-Hos 1 Prozent der Gesamtkosten des Geländeerwerbs entrichten. Tie Ge­meinden Eberstadt und Lich sowie die Gräfl. Solms-Lanbach- sche Nentkammer namens der Gemarkung Arnsburg fanden den ihnen angesonnenen Beitrag zu hoch und schlugen eine Herabsetzung desselben vor. Das Konsortium hielt jedoch an dem Verteilnngsmaßstab fest und beschloß weiter, auch noch die Gemeinde Rockenberg mit 1 Proz. und die Gemeinde! Birklar mit V, Prozent heranzuztehen. Beide Gemeinden i lehnten aber eine Beteiligung an den Kosten ab. Da Ge-' meinden zweier Streife in Betracht kommen, hatte ber Provinzial-Ausschuß in erster Instanz über die erhobenen Einsprüche zu entscheiden, nachdem er gemäß Artikel 49 der.

Slceis- und Provinzialotdnung zunächst von den beteiligten Kreisausschüssen Gutachten eingeholt hatte. Die Verhandlung wurde jedoch bis zum nächsten Monat vertagt.______________

Vcrnujd?

* Das Reueste vomHauptmann von Köpe - ntef". Dem durch seinen Geniestreich alsHauptmann von Köpenick" in der ganzen Welt bekannt gewordenen Schuh­macher Wilhelm Voigt sind bekanntlich die verlocfenbften Angebote gemacht worden. Auch ein W.rt in Sangerhausen (Herr Burghardt imPrinz von Preußen") halte vor einiger Zeit an denHaup.maun" daS Anerbieten gestellt, ihm nach (rntlajung aus dem Gcsänguisfe Beschäftigung zu ge­währen. Darauf traf nun heute beim Absender [olgenber Bries vomHauptmann von Köpenick" ein, der wieder durch seinen brillanten Stil beweist, welch gute Geistes gab en der unglückliche Mann besitzt:

Mein werter Herr Burghardt!

Ihr loerter Brief hat mich |el;r gefreut; als lch den Ortsnamen Sangerhausen las, mürben schöne Erinne­rungen aus meiner Fugendzeit in mir wach, ich will Sie Ihnen in kurzem erklären. Mein Vater hatte den Feldzug unter dem damaligen Prinzen Wilhelm, unserem späteren allverehrten Kaiser Wilhelm, mitgemacht und zu seinen Arresen an meine Mutter vom Marsche aus pflegte er Bogen zu benutzen, an deren Kopse das Panorama der­jenigen Stadt, aus welcher er eben schrieb, vorhanden mar. Die Briefe mürben nachher von meiner Mutter gesammelt und unter Glas fo eingerahmt, daß sie zum Schmuck der Wände un,erer Wohnung dienten. Unter diesen Pano­ramen befand sich auch das von Sangerhausen, und es machte ans mciu kindliches Gemüt einen so gesälligen Ein­druck, daß ich gar oft, wenn ich mit meiner lieben Mutter die Bilder be.ichtigte, und fie mich liebreich fragte: ,s.)iun, Wilhelm, welcher von all diesen Orten ist wohl ber schönste", ich in meiner Kindlichkeit gar oft sagte: ,0, Mutter, schön sind sie alle, aber Sangerhausen ist doch am schönsten, da möchte ich leben", bann strich fie mir wohl liebko.end übers Haupt und sagte:Ra, du kannst es ja später einmal besuchen." Segen Sie, mein Herr, das waren schöne Tage, und heule? Um nun aber aus den Jn^aA Ihres werten Schreibens zu lommen, werden Sie wohl einsehen, daß heute eine definitive Ab­machung darüber nicht möglich ist. Vier Jai)re sind eben eine lange Zeit, und weder Sie, noch ich können wissen, ob mir in vier Jahren noch am Leben sind; sollten Sie in späteren Jahren noch denselben Gedanken hoben, so können Sie ja meinem Rechtsanwalt schreiben, der ist unter allen Umständen besser in der Lage, Ihr freundliches Anerbieten anzunehmen, als ich, weil ich doch augen­blicklich nur Strafgefangener bin. Aus diesem Grunde ist es mir auch nicht mögAch, von dem zweittm Teile Ihres in so liebenswürdiger Weise gemachten Anerbietens Ge­brauch zu machen, weil ich Extraausgaben aus für mich eingezahlten Geldern während meiner Strafzeit nicht machen darf, auch hierfür müssen Sie sich an meinen Recbtsanwalt wenden. Sie sehen also wohl ein, daß ich mich Ihrem freundlichen Ansinnen nicht ablehnend gegen­überstelle, sondern daß ich Ihnen nur den Weg zeige, welcher unter den gegebenen Verhältnissen für utis beide ber einzig mögliche und dienliche ift Wiq aber auch Ihre ferneren Entschließungen ausfallen, so feien Sw versichert, daß ich mich Ihrer stets dankbar und freundlich erinnern werde. Genehmigen Sie darum die Versicherung meiner beftündigen Wertschätzung.

Wilhelm Voigt..

Tiefer Brief ist am 6. Dezember d. I. im Untersuchungs­gefängnis Alt-Moabit geschrieben und befindet sich im Be­sitze des Herrn Burghardt, GasthofZum Prinz von Preußen" in Sangerhausen.

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