Ausgabe 
19.2.1906 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Montag LS. Febrrmr lvO«

Zweites Blatt

166. Jahrgang

Nr. 42

Gießener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der BtflbHdw

Urnversttatsdruckeret. fft Lange, «teftau

Redaktion, Expedition u. Druckerei: EchuMr-U»

Lei. Nr. 6L Tetegr.-Adr.; Anzeiger Gietzea.

Hrlcheinl »gNch mit Ausnahme deS Sonntags.

Dir«innrer KamMenblättrr" werden dem ,An,e,qer viermal wöchentlich beigelegt. Der tonöwtrt** erfchevu monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amts- «nd Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.

politische Tagesschau.

Also doch!

Als die erste Nachricht auftanchte, das deutscheReich wolle den Bereinigten Staaten seinen Konven- tional-Tarif gewähren, ohne besondere handelspoli­tische Zugeständnisse dafür zu fordern, hat man all­gemein den Kopf geschüttelt. 9hm bestätigt sich die Mel­dung, und im Augenblick, da diese Zeilen in den Druck gehen, liegt dem Reichstag vermutlich die entsprechende Vorlage bereits vor. Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig! Wir treiben also die Freundschaft fast bis zur Selb st - entäußerung wie kommt das? DasBerl. Tagebl.", das sich in dieser Angelegenheit sehr gut unterrichtet zeigte, hat als Antwort auf diese Frage gesagt: politische Gründe seien für Deutschland mitbestimmcnd gewesen. Das ist eigentümlich. Man vergegenwärtige sich die Situation. Es ist nicht die mindeste Aussicht vorhanden, daß die ameri­kanische Regierung, der ihr Verhalten vom Senat vorge- schrieben wird, im Lause dieses und des nächsten Jahres zu einem Vertrag mit Deutschland gelangen wird. Herr v. Gottberg, der Newporter Korrespondent desVerl. Lok.-- ,Anz.", hat behauptet, ein Jahr deutschen Nach- gebens würde die Möglichkeit eines Handelsabkom­mens, das auch uns befriedigen könnte, auf mindestens zehn Jahre h i n a u s s ch i e b e n. Unser Botschafter, der sich der besonderen Freundschaft des Herrn Roosevelt erfreut, müßte das doch auch wissen, daß der Senat auch im nächsten Jahr noch der gleiche sein wird und keinen Finger breit vom Dingleytarif abweichen wird. Und trotzdem billigt man den Vereinigten Staaten den Kon­ventionaltarif zu in der vagen Hoffnung, daß inner­halb Jahresfrist ein Vertrag zustande kommt, bei dem auch wir unsere Rechnung finden. Politische Gründe befinden wir uns wirklich in einer so gefährlichen Situation, daß wir die amerikanische Freundschaft um jeden Preis erkaufen müssen? Wir sind gewiß keine Freunde von Zollkriegen, aber eine derartige Nach­giebigkeit geht uns wider den Strich. Es vnrr uns nicht recht, daß man turmhohe Zollmauern ums deutsche Reich baute, aber daß man in diese Mauern ohne-Gegen­leistung eine Bresche schlägt, das ist inkonsequent. Wir sind neugierig, was oer Reichstag dazu sagt!

Der Papst

hat an alle französischen Bischöfe, den Klerus und die Gläubigen Frankreichs eine Encyelica gerichtet, worin er zum Trennungsgesetz Stellung nimmt. Er bedauert darin den Bruch zwischen Frankreich und dem heiligen Stuhle und führt die einzelnen Zeichen an, welche Vorläufer der Trennung waren und die beweisen sollen, daß die ftanzösische Regierung fest entschlossen war, mit dem Vatikan zu brechen. Der Vatikan habe nichts un­versucht gelassen, um eine Trennung zu verhindern. Was diese betreffe, erklärte der Papst, so sei die Behauptung, die Trennung wäre notwendig gewesen, absolut falsch. Die Trennung sei vielmehr eine Beleidigung Gott gegen­über. Es sei Pflicht des Staates, sich nicht nur um das materielle, sondern auch um das geistliche Wohl des Volkes zu kümmern. Sodann spricht der Papst sein Bedauern aus, daß das Trennungsgesetz auch der Eintracht und dem inneren Frieden Frankreichs sehr schaden werde, das namentlich bei den gegenwärtigen Verhältnissen Europas der Einigung aller seiner Söhne bedürfe. Wegen all dieser Ofrünbe müsse er das Gesetz feierlichst mißbilligen und verurteilen. Schließlich richtet die Encyelica in warmen Worten die Mahnung an den Episkopat, die Geistlichkeit und die Bcvöllerung Frankreichs, sich in Eintracht und Mut zur Verteidigung der Religion zusammenzuschließen, welche man völlig aus Frankreich vertreiben möchte. Sie fordert die Katholiken auf, einig um die Geistlichen, die Bischöfe und den apostolischen Stuhl geschart zu bleiben, ihr öffentliches und privates Verhalten nach den Lehren des Glaubens und der christlichen Moral einzurichten, zu beten und auf Gott zu vertrauen, welcher auf die Fürbitte der unbefleckten Jungfrau Frankreich Ruhe und Frieden geben möchte.

Gcbetsdrill in der Schulstube.

Man sollte annehmen, daß Drill und Neglementiererei heute im Unterricht nicht mehr eine Rolle spielen, wie sie

z. B. Otto Ernst in seinem .FlachSmann als Er­ziehers so trefflich geißelt. ES scheint jedoch, als sollte man eines Befferen belehrt werden, wenn man die folgende Verfügung liest, die nach derTägl. Rdsch." kürzlich den Lehrern eines mittelschlesischen Kreises zu- gegangen ist:

Der höheren Orts gewünschte Gruß der Kinder lautet:Grüß Gott!" ,/Behüt' Gottl", nicht:Gott grüße Sie!"Gott behüte Sie!" Vielfach wird der Gruß:Behüt' Golt!" unmittelbar an das Schlußgebet angeschlossen, so daß die Kinder auf den Gedanken kommen muffen, der Gruß sei ein Teil des Gebetes. Um dieser irrigen Auffassung vorzubengen, ordne ich an, das; nach dem Schlußgebet der Lehrer zunächst die Schulsachen usiv. vornehmen läßt und dann in einem wohlwollenden Tone die Kinder zuerst begrüßt, vielleicht mit den einleitenden Worten:Und nun, liebe Kinder, behüt' Gott!" Bezüglich des GebetS bestimme ich, daß der Lehrer sagt, was gebetet werden soll. Auf diese Weise iverden Ver- sttünmelungeil des Gebets, wie:Segne Gott, unseren Eingang" usw. vermieden, die dadurch entstehen, daß der Lehrer, ohne gesagt zu haben, was gebetet werden soll, ein Gebet anhebt, und daß bie Kinder dann einfallen. TaS Gebet selbst wird in einem ernsten, ruhigen, nicht plappernden, hastenden Tone gesprochen. Beim Beten neigen bie Kinder sanft den Kops, ir i ch t den Oberkörper. Der Lehrer betet nur in der Unterstufe laut mit, um die Kinder zu führen; in der Ober- und 9)littelfln<e betet der Lehrer leise, damit er die Kinder beim Beten beobachten und etwaige Ungenauigkeiten und Verkehrtheiten hinterher aus- mcrzen kann. Die Herren Rektoren, Haupt lehre r und e r ft c n Lehrer mache ich dafür verantwortlich, daß diese Verfügung fortan ft r c n g st c Nachach 1 u n g siudet. Von der Verfügung ist eine Abschrift zu den Schulakten zu nehmen und jeder Lehrkraft, aiich der späterhin eintretenben, behufs Kenntnis­nahme zur Unterschrift vorzulegen."

Auf Grund dieser Verfügung eröffnen sich unS für die schlesische Schulzukunst ungeahnte Perspektiven. Man sieht schon die Rektoren, Hauptlehrer und ersten Lehrer ängstlich besorgt ihre Klassen revidieren, ob auch dasBehüt ©oft* be-3 Lehrers wohlwollend klingt, ob auch die Kinder beim Gebet den Kopf sanft genug neigen und den Oberkörper gerade genug dabei halten. Jedes ,®ott behüte Sie" und Sott grüße Sie" wird Lehrern und Schülern strenge Strafen eintragen. Und wehe dem Kinde, das vor dem Schulgebei seine Schulsachen ordnet! E§ wird schwer halten, alles reglementsmaßig auszuführen. Vtelleicht ließe die Durch­führung sich dadurch erleichtern, daß man für die einzelnen Phasen deS Schulschluffes und Schulanfanges Tempi nach Zählen einführt. Aber auch dann entstehen noch die Schwierig­keiten, daß des Lehrers Ton auch wohlwollend genug klingt, baß die Kinder ernst und ruhig, nicht zu plappernd und hastend mitbeten. Der Ausweg, dem Lehrer, der doch wohl selbst am besten weiß, wie er feine Schüler zu behandeln hat, das alles zu überlassen, ist natürlich ausgeschloffen. Es lebe der Generaldrill.

Räuber und Mordbrcurrer in Rußland.

In Uff mein (Gouvernement Tambow) verschafften sich Räuber unter dem Vorgeben, Reoisionsbeamte zu fein, Ein­gang in das Staatskaffengebäude, töteten drei Beamte und raubten 2 00 000 Rubel. Hierauf suchten sie das Weite. In Riga wurde am hellen Tage in der Alexanderstraße der Laufbursche einer Fabrik von sieben be­waffneten Räubern angegriffen und ihm 11 000 Rubel geraubt, die der Fabrik gehörten. In Kiew drangen im Zentrum der Stadt acht bewaffnete Männer in die Wohnung einer Rentnerin ein, erbrachen ihren Geldschrank und raubten 8 0 0 Rubel und Schmucksachen. Es gelang ihnen, sich nnd ihren Raub in Sicherheit zu bringen. In Warschau wurde der Kassierer der staatlichen Branntwein­niederlage am hellen Tage von bewaffneten Leuten ange­fallen und einer Summe von 40 000 Rubeln beraubt In Odessa drangen zwei bewaffnete junge Leute in die staatliche Branntweinniederlage ein, raubten dort 200 Rubel und verschwanden damit

Jn Bielostok platzte in dem Laden eines Barbiers der Liptowajastraße eine Bombe, ohne jemanden zu verwunden. Der Barbier wurde verhaftet In Moskau wurde ein Hochschüler verhaftet, bei dem Bomben und Explosivstoffe entdeckt worden waren.

Revolutionäre sollen in Moskau Admiral Dubassow

Konzerlvercw.

Gießen, 19. Febr. 1906.

Die von Hektor Berlioz, brnt von ehrlicher Begeisterung er­füllten ftanzösischen Stomtroniftcn, wieder erweckte und zum Teil neu begründeteProgrammusik", beherrschte das gestrige Kon­zert des Kvnzertvereins.

Die Programmusik als' einen Fortschritt, als eine Weiter­entwicklung in unserer Musik zu betrachten, halte ich nicht für richtig. Ich stelle das, was ein Tondichter an eigenem Empfinden, an persönlichen, innerlichen Seelenerlebnissen in Tönen wieder- gibt, viel höher.

Eine Komposition kann in mir die größte F-reude, den größten Schmerz erwecken: dies in Worten auszudrücken, Worte, die nur annahrend den Gefühlen gleich kommen, vermag ich nicht Jedes Wort klingt mir dann banal, es kann in mir das heiligste Empfin­den stören. Nun soll ich mir hier bei derProgrammusik", da der Inhalt des Werkes gegeben, vorschreiben lassen: das hast du zu denken, wie i ch hast du Freude, Schmerz musikalisch aufzufassen. Daß diese Art eine gewisse Erleichterung für Kom­ponist und Zuhörer ist, kann wohl nicht bestritten lverden. Der Dürer, beeinslußt durch die dem Werke beigegebene Erläuterung, hört vielleicht manches hinein, was überhaupt nicht darin steckt.

Franz Liszt, mit dessen Nr. 3 der sinfonischen Dicht­ungenPrälud es", das gestrige nicht sehr stark besuchte Kvn- aerf eröffnet wurde, zeigt in diesem Werk, daß er den Weg, den Berlioz beschritten, weiterverfolgt, wenn auch nicht in so exttetner Weise als Richard Strauß. Die Pröludes haben unter allen den sinfonischen Dichtungen Liszt's die größte Popularität gefunden.

Prachtvolle Klangwirkungen erzielt Liszt durch seine Zu­sammenstellung der Holzbläser, welche ihre Aufgabe ganz vor­züglich lösten. Ferner wurde die schwere Hornstelle sehr gut wiedergegeben. Vertreter des Horns war ein Mitglied der hiesigen Kapelle. Auch der Teil, in dem sich Dorn, Oboe und Marmette mit der Melodie ablösen, war sehr gut gelungen;

wie überhaupt die Aufführung eine ganz hervorragende Leistung des Orchesters und des Leiters, Herrn Musildirekwr Traut- m a n n war, der wie immer sich keine Mühe verdrießen ließ, das beste zu leisten. Daß es ihm gelingt, das Orchester für so schwere Aufgaben zu begeistern, rechne ich ihm auch als eine besondere Leistung an, daß er aber darin durch Musikdirektor K r a u ß e eine tatkräftige Unterstützung erfährt, glaube ich an- nehmen zu dürfen, denn in dessen Hand liegt es doch besonders, durch Herairziehen tüchtiger Kräfte für sein Orchester, dasselbe auch auf die Höhe zu bringen. Die es befähigt, den hohen An- fordenmgen, welche an die Mitglieder gestellt werden, zu genügen.

Und hohe, sehr hohe Anforderungen wurden gestern abend an alle gestellt: insbesondere in dem zweiten Orchesterwerk, Don Juan, sinfonische Dichtung von Richard Strauß. Hier wachsen die technischen Schwierigkeiten ins ungeheure. Geigen und Bratschen haben bis in die höchsten Lagen gehende Figuren zu bewältigen. Sehr schwierig ist es auch für die Bläser. Be­sonders hebe ich als wohlgelungen das schöne Oboen- und Klari- netten-Solo hervor ein Lichtpunkt im ganzen Don Juan. Rhythmisch präzis intb sauber wurde die unisono stelle der vier Hörner gebracht. Kürz, die Ausführung war ausgezeichnet Ob die Komposition, die sicherlich viel darauf verwandte Mühe wert ist, glaube ich verneinen zu dürfen. Ich habe denTon 3uan" am gestrigen Tage dreimal gehört in der Hauptprobe hatte ich das Glück ihn zweimal hören zu können aber gefallen hat er mir immer weniger. Das erste Mal packte mich der dämonische und leidenschaftliche Zug, der im ganzen liegt, fowie die außergewöhnlich blühende Instrumentation, welche unbedingte Anerkennung verdient. Das zweite Mal kam mir das Werk nur noch intereffant vor, aber gepackt hat es mich nicht mehr. Ich bestreite, daß es ein musikalischer Genuß ist, diesem Ton Juan zu lauschen. Man kann wohl von der Wucht der Töne berauscht werden, aber dem Herz wird nichts geboten, es bleibt kalt.

Erfreulich war mir, die Tüchtigkeit des Dirigenten und des Orchesters in so hervorragender Weise betätigt zu sehen. Es war eine Leistung ersten Ranges, welche von fetten des Publikums

am Jahrestage der Ermordung des Großfürsten SergmS zu ermorden beabsichtigen.

In Warschau wurden wiederum 17 Juden, die sich an der revolutionären Bewegung beteiligt hatten, kriegs­gerichtlich erschossen.

Die Explosion in einem von Wladiwostok hier einge­troffenen Eisenbahnzuge hat sich jetzt dahin aufgeklärt, daß 54 Kisten mit Munition insgeheim zurück nach Petersburg expediert wurden, um dort von Neuem an die Re­gierung verkauft zu werden.

In M o s k a n wurden Duma-Kandidaten, die der Regierung nicht genehm waren, sobald ihre Namen bekannt wurden, verhaftet und administrativ verschickt.

Tie komm. Generäle der ersten und dritten Mandschurei­armee, K u r o v a t k i n und B a t i a y o w sind a b b c r u f e n, ersterer unter Belassung seiner Würde eines Generaladjutanten. Admiral Birilew, der Marineminister, bat angeordnet, daß alle Offiziere, die an der Seeschlacht von T s u s ch i m a teil- genommen haben, vor ein Kriegsgericht gestellt werden, General Mattzew, Direktor der Schiffsbauten, wurde disziplinarisch bestraft. Tie ZeitungNeues Zeitalter" meldet von einer kolossalen Dekraudation im Transamurgebiet, dessen Befehlshaber G e n e r a l T s ch i t s ch o o w ist. Es soll em Defizit von drei Millionen Rubel festgestellt worden sein. Ter General wurde zur Verantwortung nach Petersburg be­rufen, meldete siel) aber krank und weilt gegenwärtig im Auslande.

Dentfcbes ReZeh.

Berlin, 18. Febr. Die Festlichkeiten zur silberne» Hochzeit des KatserpaareS und zur Hochzeit des Prinzen Eitel Friedrich mit der Herzogin Sophie Char­lotte werden sich wie folgt abspielen: 24. Februar: Gala- Oper, 25.: Empfang der Deputationen und Uebergabe der Ehrengaben an das Kaiserpaar; 26.: Einzug deS Braut­paares ; 27.: Hochzeit. Rach der Hochzeit Galatafel, hierauf Desilier-Cour vor dem Silberpaare und vor dem junger» Ehe­paar. Zu Schluß Fackelzug.

Der Kaiser charterte für sechs Wochen den Packrt- dampfer .Hamburg*, da die .Hohe nzollern* größeren Reparaturen unterzogen werden muß.

Bei dem Reichskanzler Fürsten Bülow fand gestern abend eine vertrauliche Besprechung statt, zu der zahlreiche Parlamentarier, baruntec die Führer der Konservativen, Nationalliberalen, des Zentrums, sowie der wirtschaftlichen Vereinigung eingeladen waren. Man wird m der Annahme nicht fehlgehen, daß es sich um die schwebenden wirtschaft­lichen und zollpolitischen Fragen gehandett hat.

Der Reichskanzler hat den Abg. Büsing zu seiner Rede vom letzten Mittwoch, in der er gegenüber B e b e l an die Begründung des neuen Deutschen Reiche- und den Idealismus des Bürgertums erinnerte, in warmen Worten beglückwünscht.

Bei dem Tode des Staatssekretärs Frhrn. v. Richt- Hofen sollen aus dessen Geheim-Schubfach wichtige politische Schriftstücke gestohlen und zur Kenntnis der französischen Negierung gebracht worden sein. Hierzu be­richtet der .Lok.-Anz.: Tatsache sei lediglich, daß um die Zeit des Todes des Freiherrn eine in feinem Haushalt an- gestellte Person Schmuckstücke gestohlen hat. Der geständige Täter ist bereits entlassen. Die politischen Schriftstücke, die der verstorbene Staatssekretär in Verwahrung hatte, befanden sich in so sicherem Verschluß, daß kein Unberufener dazu ge­langen konnte.

Dresden, 18. Febr. Die Deputation der Ersten Kammer zur Beratung des RegierungSentwurfS zur Re­form der Ersten Kammer beantragt, den Entwurf dahin abzuändern, daß die vereinigten Handelskammern für vier lebenslängliche Sitze je drei Personen dem Könige vorge­schlagen und die vereinigten Gewerbekammern für einen Sitz. Nach dem Negierungsentwurf war dieses Vorschlagsrecht nicht gewährt. Industrie und Handel verlangen mindestens zwölf Vertreter nach freier Wahl, wie die Landwirtschaft sie besitzt. Die Deputation hält auch die Reform des Wahlrecht- für die Zweite Kammer für dringend notwendig, verwirft aber durchaus das allgemeine gleiche, ge-

durch ganz besonders starken Beifall auch besondere Anerkennung fand.

Als dritte Orchestcrnurnrner ivurde das Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg, von Richard Wag­ner gegeben. Auch hier zeigte sich das Orchesterinsbesondere die Bläser seiner Ausgabe völlig gewachsen. In den Geigen hätte ich den Gang von dem hohen a herunter etwas tempera­mentvoller gewünscht, er hätte glanzvoller wirken müssen. Auch über die Auffassung des Zeitmaßes war ich manchmal anderer Meinung, jedoch hängt dies ganz von individuellem Empfinden des Dirigenten ab und ist überhaupt bei Abmessung der Gesamt­leistung ohne Belang. Mit diesenr Werke schloß das Konzert sehr wirkungsvoll ab.

Zwischen den einzelnen Orchefterwerken waren Lieder ein­gereiht, welche uns F-räulein K'atie von Rocrdansz mit echt zum Herzen gehenden Vortrag darbot. In den beiden mit Orchefterbegleitung gesungenen Arien aus Samson und Dalila von Saint-Saöns undträume" von Wagner war die Orchesterbegleitung für die nicht sehr große, aber recht sympathische Stimme der Dame mitunter zu stark, was "besonders bei den tieferen Tönen der Fall mar; in der Höhe drang die Stimme, ohne im geringsten unschön zu werden, klar und rein durch. Schöner kam die Stimme in den von Herrn Traut­mann geschmackvoll am Klavier begleiteten Liedern zur Geltung. Zurest Schumann. Ihm gebührt als Lieder - Komponist wvhl eine der schönsten Stellen. Die schönsten seiner Lieder sind in dem ersten Jahre seiner Che entstanden. DemLiederjahr", so nannte man das erste Jahr seines schwer erkämpften Glückes, ist auch op. 25 entstanden. Fräulein von Rocrdansz fang es mit künstlerischem Vortrag und i ebener Auffassung. Von den B rahm Aschen Liedern gefiel mir am besten das die lauterste Liebesseligkeit atmendeMeine Liebe ist grün". Brahms verlangt ein geistiges, inniges seelisches Empfinden, welchem die Dame gerecht wurde, wenn auch die Stimme etwas mehr Ruhe und Festigkeit besitzen dürste. Reicher Beifall zwang die Dame zu einer Zugabe.