Ausgabe 
17.11.1906 Erstes Blatt
 
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die Eltern trafgeforbert werden, ihre Kinder zum Widerstande gegen die Lehrer aufzumuntern, zu 2 00 Mark Geld­strafe verurteilt. Der I^edakteur Switala ist wegen eines ähnlichen Artikels, da er überdies mehrfach vorbestraft ist, zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat ver- urteilt worden.______________

Zum Besuche des dänischen Königspaares.

D.-B. H." meldet au§ Berlin:

Sämtlicbe Schulen werden am nächsten Montag aus An­laß des Empicmges des dänischen Königspaares den Unterricht a n s f a l l e n lassen. Ein Teil dieser Schulen wird an der Spalierbildung teilnehmen.

Schon daraus geht hervor, daß dem am Montag aus London in der Neichshauptstadt eintreffenden dänischen Königs­paar ein höchst festlicher Empfang zugedacht ist. Der Ober­bürgermeister wird die Gäste am Brandenburger Tor be­grüßen, und eine schimmernde Spalierkelte wird sich die historischen .Linden" entlang bis zum Kaiserschloß hinziehen. Vor wenigen Jahren noch hätte man einen Besuch dänischer Herrschaften am Berliner Hofe kaum für möglich halten dürfen. Aber die Beziehungen zwischen Berlin und Kopen­hagen haben sich so gründlich geändert, daß der erste Aus­landsbesuch de? dänischen Königspaares auf deutschem Boden abgestattet wird, wenn man Stockholm nicht in diesem strengen Sinne als .Ausland" betrachtet. Es wäre verfehlt, die politische Bedeutung eine? deutsch-dänischen Einver­nehmens gering zu schätzen. Der Hof am Sund ist durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen nach England und Rußland hin auch heute noch von erheblichem Einfluß auf die internationale Politik. Ein aufrichtigerer Freund des Deutschtums als der gegenwärtige König hat aber schwerlich ije die Krone Dänemarks getragen._________________________

Ausstiches.

Infolge deS BefchlusieS des Senats zum Wahlgesetz, wodurch u. a. ganze Bauernkategorien von den Wahlen ausgeschlossen werden, sind unter der bäuer­lichen Bevölkerung Zentralrußlands erhebliche Unruhen ausgebrochen, die zu Beginn der Wahlen noch größere Dimensionen annehmcn dürften. Die Behörden haben Vor- beugungSmaßregeln getroffen. Die Polizei wurde vermehrt; die Negierung hat den Gouverneuren vorgcschrieben, gegen die revolutionären Bauern vorsichtig, jedoch mit aller Ent­schiedenheit vorzugchen, im Notfälle auch vor den äußersten Mitteln nicht zurückzuschrccken.

In TifliS sind wieder mehrere Naubanfälle vor­gekommen. Am 15. drangen fünf Männer in einen Juwelier- Ieiben ein, erzwangen die Oeffnung der Kaste und nahmen für 15000 Rubel Juwelen an sich, mit denen sie das Weite suchten. Am 16. wurden ferner aus einem Kleider­magazin Waren im Werte von 3000 Rubel geraubt, und ein weiterer Raub wurde in einem mit Passagieren dicht besetzten Straßenbahnwagen von einigen Bewaffneten ausgeführt. Als die Räuber in den Wagen sprangen, er­griffen die Jnsasten bis auf einen die Flucht. Dieser letztere, ein Oesterreicher namenS Lebeda wurde auSgeraubt. Im gurischen Kreise verschwanden kürzlich drei Polizisten. Jetzt ist festgestellt worden, daß sie von einer Räuber­bande gefangen genommen worden sind. Die Leiche eines Polizisten ist im Felde vergraben aiügefunben worden.

Der Kommandeur des Rostowschen Grenadierregiments Oberst Simanski wurde zu achtmonatigerFestungs- haft verurteilt, weil er unterlassen hatte, zur Unterdrückung einer Gärung in seinem Regiment geeignete Maßnahmen zu treffen.

Der Internationale israelitische Bund hat vom Oktober 1905 bis Oktober 1906 83 525 Fres. verausgabt, 100 000 Francs zur Unterstützung notleidender Juden nach Peters­burg, 31 000 Frcs. nach Odessa, 25 000 Fres. nach Wladi­wostok gesandt. __________________________

Pfarrer Korett überReligion nttb Politik".

Man schreibt uns aus Bad-Nauheim, 16. Nov.:

Eines außerordentlich zahlreichen Besuchs hatte sich heute abend der von dem neugegründeten frei­sinnigen Verein veranlaßte Vortrag des Pfarrers Korell aus Königstätten zu erfreuen. Kein Stuhl im Saale war unbesetzt und bis auf die Galerien des großen Saales vom Sprudelhotel drängte sich die Menge der Zuhörer. Der Redner hatte sich als Tyema gewählt:Religion und Politik". Stadtv. Fritz, der Vorsitzende des freis. Orts­vereins, begrüßte die Versammlung und gab dem Redner das Wort. Derselbe begann seine, was hervorzuheben ist, sachlichen Ausführungen mit dem Fall Eißnert. Eine so stürmische und in seinen Anschuldigungen so maßlose natronallib. Versammlung wie die in Darmstadt habe man lange nicht erlebt, und es spotte jeder Beschreibung, in welch harter Weise die Hanblungswerfe der Negierung mit­genommen wurde. Nationalliberale zogen sonst gewöhnlich nach heftigen Ausfällen auf feiten der So st aldemotraten oder der Linksliberalen am schärfsten ins Feld und nun seien Angehörige dieser Partei in ihren Erörterungen selbst so weit gegangen, wie noch keine andere politische Partei in Hessen. Und kaum war über Eißnert Ruhe eingetreten, da kam die Sitzung der Landessynode.Wir wollen nicht protestieren gegen das, was die Synode beschlossen, sondern wir wollen in ruhiger, sachlicher Weise klarstellen, was verhandelt wurde", sagte Korell. Wie bekannt, wurde das Vorgehen der Kirchenbehörde mit allen gegen acht Stimmen von der Synode gebilligt. Trotzdem hätten sich die Befürworter der zur Annahme gelangten Resolution in zwei Lager zerschlagen. Die eine Richtung war die der Herren v. Heyl-Worms und Dr. Vogt-Butzbach, die andere die von den Pfarrern Wahl-Langen und Bembeck- Großkarben. Heyl habe ganz besonders das Vorgehen Ko- rells verurteilt und betont, daß der Staat durch die Kirche ganz besonders unterstützt werden müsse, und Vern- beck hob hervor, daß die Kirche ihren festen Halt durch den Staat erhalten müsse. Vernbeck ist ein heftiger Feino der Sozialdemokratie und hat in Dresden behauptet, der­artige schroffe Elemente, wie sie in der Sozialdemokratie aufzuweisen seien, müßten aus der Kirche ausgestoßen werden.Wir", führt Korell aus,sind aber der Ansicht, daß wir stets bestrebt sein müssen, das Ganze im richtigen Fahrwasser zu halten. Wir müssen bedacht fein, die sozial- demokra tischen Elemente für unsere Kirche zu erhalten. Wir müssen bestrebt sein, die politischen Unebenheiten auszugleichen, wir dürfen uns aber auch nicht scheuen, gegen das allzu zielbewusste Vorgehen der Real- jionsparteien Front zu machen. Wir müssen kämpfen vor £llen Dingen für Gerechtigkeit und politische Freiheit. Wir

müssen vor allen Dingen Gegner sein, von der ostelbischen Kirchenpolitik und Kaplanenwirtschaft, die bestrebt ist, die Konsessionsschulen einzuführen." Vor allen Dingen müsse das Bestreben der liberalen Parteien in Zukunft dahin gerichtet sein, die große Macht, die sich der Freiherr v. Heyl angeeignet hat, zu brechen, und auftreten gegen den Grafen Oriola. Das Hauptaugenmerk sei nur auf die Schutzzölle, Steuern und ganz besonders die Fleisch­not zu "richten. Daß die Fleischpreise auf das Niveau zurückgehen, wie vielleicht vor 10 Jahren, sei ja nicht zu erwarten; man könne aber Linderung schaffen. Vor allen Dingen müsse man Sorge tragen, daß der B a u e r n st a n d Konsum vereine gründe, daß er die F u t t e r m i t t e l billiger beziehen könne, Sem Bauernstand zu helfen, sei ganz be sonders das Bestreben der Linksliberalen. Der Redner tadelt nicht nur das Vor­gehen der rechtsstehenden Parteien, sondern weist auch ver­schiedene ungehörige Auslassungen der Sozialdemokratie zurück. Bescheiden bat er seine Zuhörer, über seine Aus­führungen nachzudenken, und schloß mit einem dreimaligen Hoch auf das deutsche Vaterland, in welches die Versamm­lung begeistert einstimmte.

An der Diskussion beteiligten sich nur wenige. Rechts­anwalt Tr. Brücher machte am Schlüsse noch auf die Bestrebungen des neuen Vereins aufmerksam und setzte eine Liste in Umlauf, in welche sich ziemlich viele Mit­glieder einzeichneten. Hierauf dankte Stadtv. Fritz dem Redner stind schloß die Versammluwg.

Aus S.asr um Lurro.

Gießen, den 17. November 1906.

* * Der erste Schnee. Wie man uns aus dem Kreis Schotten mitteilt, fiel in der Nacht zum Freitag im Vogelsberg der erste Schnee. Im vergangenen Jahr hatte man dort schon Mitte Oktober Schneefall. Auch aus zahl­reichen anderen Gegenden liegen gleiche Nachrichten, z. R. aus Frankfurt, dem Taunus, der Rhön, dem Odenwald, Speffart, Schwarzwald, Oesterreich rc. vor.

* * Kunstverein. Die Ausstellung, die nach vier-' tägiger Pause von morgen, Sonntag, wieder geöffnet ist, hat, wie schon kurz erwähnt wurde, eine hervorragende Kollektion plastischer Kunst des Bildhauers M. Schauß aus Berlin aufzuweisen, der u. a. auch Schöpfer des Riegel- Denkmals ist. Die Kollektion N. Eschke aus Berlin, die aus 10 Gemälden besteht, wird ebenfalls große Anziehungs- kraft auf unsere Kunstfreunde ausüben, es werden wohl einige Werke der beiden Künstler durch Ankauf in Privat­besitz übergehen. Auch wird es von großen Interesse sein zu erfahren, daß die von H. Kob er stein in Berlin ent­worfene Skizze eines Theater Vorhanges für das hiesige Theater ausgestellt ist. Ferner ist ein aus hiesigem Privatbesitz auf kurze Zeit überlaffeues Portrait von N. Scholz-München ausgestellt.

* * Für bic Anlagemusik, bie Sonntag mittag 12 Uhr in der Sübanlage stattfindet, ist folgendes Programm vorgesehen: 1. Krönungsmarsch von Meyerbeer. 2. Mari- tana-Walzer von Dellinger. 3. Finale ans ,A'ida" von Verbi. 4. Armeemarsch Nr. 205 von Voigt.

* Aus dem Bureau des Stadttheaters. Für bas Gastspiel deS Herrn Büller, der seit ein paar Jahren nicht mehr in Gießen gewesen ist, macht sich regstes Interesse geltend und es sei deshalb auf die Voranzeige mit dem Auszug auS den Kritiken hingewiesen, die heute abend den Theaterinteressenten zugehen wird.

* EinVerein städtischer Beamten zu Gießen" wurde gestern abend im Caf6 Ebel ins Leben gerufen, der sich die Wahrung und Vertretung aller gemeinschaftlichen Jntereffen, Erzielung wirtschaftlicher Vorteile, Hebung des StandeSbewußtseins, Pflege der Kollegialität und der Ge­selligkeit, insbesondere Teilnahme an allen freudigen und traurigen Ereignissen der Mitglieder und ihrer Angehörigen, und die Schaffung von Kassen und Wohlfahrtseinrichtungen für seine Mitglieder zur Ausgabe gemacht hat. Die ans allen Schichten der Beamtenschaft außerordentlich stark besuchte Versammlung zeugte von dem dringenden Bedürfnis nach einem Zusammenschlüsse, noch mehr aber bie Tatsache, daß alle Anwesende alsbald ihren Beitritt erklärten.

* Evangelischer Arbeiterverein. Laut Inserat hält Sonntag abend 8 Uhr im Saale der Herberge Gewerk­schaftssekretär Scherer aus Offenbach einen Vortrag über Ziele und Aufgaben der christlichen Gewerkschaften. Gäste haben Zutritt.

* * Die Reklamation gegen bie Beigeorb- netenwahl zu Lich beschäftigte heute ben Prov inzial - Au 8schu ß. Ter gegen das Urteil des Kreisausschusses er­hobene Rekurs wurde verworfen und damit die Wahl des Rentners Jakob Heller als zu Recht bestehend erklärt.

sd. Darmstadt, 16. Nov. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen sind heute von Kiel in Begleituna des Adjutanten Kapitänleutnants v. Usedom, sowie der Hof­dame Frl. ö. Plänkner zu längerem Besuche, voraussichtlich bis über die Taufe des Erbgroßherzogs, h'er eingetroffen und am Bahnhofe von Sr. Kgl. Hoh. dem Groß Herzog em­pfangen worden. Ueber den Taufnamen sind genaue Be- stimmnngen noch nicht bekannt.

Darmstadt, 16. Nov. Die Stadtverordneten-Ver- sammlung hat gestern als Beitrag der Stadt zu den Kosten der neuen Bahnhofsanlage 500000 Mk. be­willigt. Die gewünschte Zusage, die Schnellzüge in Darm­stadt-Süd halten zu lasten, erklärt die Eisenbahndirektion Mainz- nicht geben zu können. (Frkf. Ztg.)

R. B. Darmstadt, 16. Nov. Ein bekannter hiesiger Künstler hatte dieser Tage das Malheur, ein kleines Portemonnaie zu verlieren, indem sich u. a. auch ein sogenannterbrauner Lappen', d. h. ein Tausend­markschein, befand. Ein Kind armer Leute fand das wert­volle Portemonnaie und brachte eS seiner Mutter und da sich in demselben auch die Visitenkarte des Künstlers mit seiner Adresse vorfand, so eilte die ehrliche Frau schleunigst zu dem­selben, um ihm freudestrahlend das Verlorene wieder zu bringen. Der Künstler war natürlich sehr entzückt darüber und händigte der Frau als Belohnung den Betrag von 4 0 9)1 a rC ein. Der gesetzliche Finderlohn hätte sich erheblich hoher gestellt.

FC Mainz, 16. Nov. Der Schulknabe Beier, bei in einem Keller der Birnbaumsgasse einen alten M ü n z schätz im Werte von 5000 Mark fand, beanspruchte die Hälfte des Wertes. Der Hauseigentümer zablte dem

Vater des Beier auch 2500 Mark aus, nachdem er sich von der Rechtmäßigkeit deS Anspruchs überzeugt hatte.

Bad-Nauheim, 16. Nov. Weitere Anschlüsse an das staatliche Wasserwerk erfolgten dieser Tage seitens der Orte Ossenheim, Leidhecken, Reichels­heim, Staden, Ass en he im und Nied er-Florstadt. Mehrere Gemeinden zögern noch mit ihrem Beitritt. Die Leitung der genannten Orte wird in Berstadt vom Haupt, rohrstrang östlich abzweigen nach Reichelsheim. Im Januar soll bei günstigem Wetter mit den Arbeiten begonnen werden. In den Orten Dorheim, Schwalheim, Melbach, Södel und Berstadt, die sich bereits im Sommer an- geschlossen hatten, sind die Hochbehälter und die Nohrlegung auf den Straßen schon seit Wochen in Arbeit. Sie werden mit Eröffnung des Lauterer Werks im Frühjahr sofort an» geschlossen. Diese großen Gemeinden zahlen zusammen über 200 COO M., das Wasser steht sie auf 10 bis 16 Pfg. der Kubikmeter.

t Schadenbach bei Alsfeld, 16. Nov. Unsere Gemeinde hat die Erbauung einer neuen Kirche beschlossen und will noch dies Jahr damit beginnen. Die Pläne hat Kreisbauinspektor Fischer-Alsfeld entworfen. Das Gottes- haus wird ea. 15 000 Mk. kosten.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 16. Nov.

Diebstahl im Rückfalle.

Gegen den Taglöhner L. H. II. von Langd ist wegen Diebstahls im Rückfall Anklage erhoben. Er wohnt mit einem alten Schuhmacher zusammen im Armenhaus. Als dieser im Vergangenen Sommer abends sein Zimmer verlassen hatte, um Wasser zu holen, benutzte H. die Gv- legenheit, um ihm aus seiner Tischschublabe 9 Mk. zu nehmen. Als ihn der alte Mann bei feiner Rückkunft noch im Zimmer antraf und ihm wegen des Diebstahls Vorhalt machte, erwiderte der Angeklagte, wenn er nicht ruhig sei, werde er ihn totschmeißen, trotzdem der Bestohlene bei seinem Eintreten noch sah, wie der Angeklagte das Porte­monnaie, aus dem er das Geld genommen hatte, wieder in die Schublade gleiten ließ, bestritt er bis zum letzten Augenblick seine Schuld. Auch die Tatsache, daß er dem Bestohlenen einige Tage später das Geld wieder zurück- gab und ihm fünf Mark Schweigegeld anbot, vermochte ihn nicht zu einem Geständnis zu bewegen. Wenn auch einerseits die Rückgabe des Gestohlenen strafmildernd in Betracht kam, so würde doch auf der anderen Seite seine Dreistigkeit, Roheit und Unwahrhaftigkeit straferschwerend berücksichtigt und auf eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten, sowie fünfjährigen Ehrverlust erkannt.

Gefälschte Sier^elbquittungen.

Der Fahrbursche H. M. von Einartshausen war bei einem hiesigen B i e r fre r I c,g c r in Diensten. Er hatte auf Grund von Quittungen, die ihm von seinem Dienst­herrn übergeben waren, von ben Kunden Gelder einzu­kassieren. Es gelang ihm, in den Besitz von Rechnungs­formularen zu kommen, die er nach den Originalquittimgen ausfüllte. Die gefälschten Quittungen gab er an die Kunden ab und erhob das Geld, während er die Original- quittungen seinem Auftraggeber mit dem Bemerken zurück- gab, das Geld sei nicht eingegangen. Es stellte sich weiter heraus, daß er eine Reihe von Geldbeträgen, die er ein­genommen hatte, zu seinem Vorteil verwendet hat. Er gibt die Unterschlagungen zu, er will sie aber begangen haben, um in den Besitz des ihm vorenthattenen Lohnes zu kommen und bestreitet die ihm zur Last gelegten Ur­kundenfälschungen. Soviel steht aber nur richtig, daß, als feine Unterschlagungen festgestellt waren, er einen Teil des veruntreuten Geldes an seinem Lohn in Abzug gebracht bekam. Das Gericht hielt chtt der Urkundenfälschung in einheitlichem Zusammentreffen mit Betrug in drei. Fällen und der fortgesetzten Un tr euc und Unter­schlagung für überführt und diktierte ihm 6 Monate Gefängnis zu, wobei seine Jugend und das Geständnis strafmildernd berücksichtigt wurde. Ein Monat der er­standenen Untersuchungshaft ist auf die Strafe in An­rechnung zu bringen.

ßiimeSftreiL

Gelegentlich des Kirchweihbesuchs zii Eschenrod kam es zwischen jungen Leuten von Schotten, die sich zuerst gegenteilig hänselten, zu einem Wortstreit, in dessen Verlauf der in Laubach geborene Zigarrenmacher K. St. einem Fabrikbediensteten versprach, auf dem Heimweg mit ihm abzurechnen. Als die Neckereien bei bett stark an­getrunkenen Leuten nicht aufhörten, schlug St. ben Fabrik- bediensteten mit seinem Regenschirm auf den Kopf, sodaß der Hut fortflog. Dieser Schlag wurde von dem ge­griffen en mit einem derben Schlag auf den Mund des Angreifers erwidert, sodaß Blut floß. St. geriet in Zorn und verfolgte seinen Gegner, indem er mehrfach mit seinem Revolver nach ihm schoß, jedoch ohne zu treffen. Es ge­lang ihm, den Burschen einzuholen, und nun bearbeitete er ihn mit einem Messer, sodaß er infolge des Blutver­lustes zusammenbrach. Er hatte außer einer Anzahl kleinerer Verletzungen fünf größere Wunden an sich, die jedoch ver- hältnismaßig bald heilten, aber doch eine dreiwöchige Arbeitsunfähigkeit nach sich zogen. Das Gericht nahm zu gunsten des ÄngeKagten an, daß 'er nicht bie Absicht Ijatte, mit ben abgegebenen Schüssen ben Verletzten zu töten, sondern nur Furcht in ihm zu erwecken. Es erkannte wegen gefährlich erKörperverletzung und Bedrohuna auf eine Gesamtstrafe von 2 Jahren Gefängnis und zog den Revolver ein.

Mindergewichtige Brode.

Der Bäckereibesitzer F. K. Witwe in Alsfeld ging ein Strafbefehl zu, wen bei dep. Gewichtsrevision bei Zweipfundbroten ein Mindergewicht bis zu 210 Gramm festgestellt wurde. Sie gab an, diese Brote würden von ihr als Anderthalbpfundbrote verkauft, wes­halb diese sogar noch Uebergewicht hätten. Die mit der Revision beauftragten Beamten stellten fest, baß das Pu­blikum sowohl, als auch die anderen Bäcker glaubten, es handle sich um Zweipfundbrote, da sie nur einen Pfennig weniger dafür nahm, als die übrigen Bäcker für ihre Zwei­pfundbrote. Es erging ein weiterer Strafbefehl an sie, weil sie das Gewicht und den Preis des Brotes nicht bei der Verwaltungsbehörde anaemeldet hat. Sie erhob gegen beide Strafbefehle Einspruch unb machte geltend, baß utrrd) Herkommen in ihrer Bäckerei Auderthalbpfnubbrote hergestellt werden. Nach der bestehenben Polizeiverorbnung, bie sich allsrbings zwischen der Revision und der Ver­handlung geändert bat, ist das Herstellen von Broten dieses Gewichts zulässig. Das Schöffengericht kam aus ben von ber Angeklagten geführten Gründen zum Fr ei sprach; auch die Strafkammer schloß sich diesem an und verwarf bie von der Staatsanwaltschaft erhobene .Berufung.