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18.5.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 116

Erscheint M-lich mit Ausnahme deS Sonntags.

EieGießener Lamilienblätter" werden dem ,en3CTneT viermal wöchentlich beigelegt. Der ^elßjch« raidwkt" erfchernt monatlich einmal.

Zweites Blatt 156. Jahrgang

Gießener Anzeiger

J-reitag 18. Mai 1906

Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'sch« UnwersitLtSdruckeret. R. Lange, Gtetzeo.

Redaktion. Expedition u. Druckerei: Tchulltr.U.

Tel. Nr. ÖL Lelegr.-Adr. i An-ttger Greve».

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giehen.

Deutsche» Reich.

Berlin, 17. Mai. Der Bundesrat stimmte in seiner heutigen Sitzung dem Gesetzentwurf betreffend die Aenderung der Artikel 28, 32 der Reichsverfassung, Ge­währung einer Entschädigung an die Mitglieder des Reichstages, nach den Beschlüssen des Reichstages zu.

Metz, 17. Mai. Der Kaiser sandle an den deutschen Botschafter in Washington nachstehendes Telegramm:

./Jch^bitte den Hinterbliebenen von Karl Schurz meine herzliche Teilnahme an dem Heimgang dieses hervorragenden Mannes zu übermitteln, der seiner neuen Heimat in Krieg und Frieden wertvolle Dienste geleistet und das deutsche Blut in seinen Adern nie verleugnet hat, Wilhelm."

Ausland.

London, 17. Mai. Der König hat für die deutsche Kunstausstellung, die in der nächsten Woche in London eröffnet >vird, eine Büste des deutschen Kaisers aus seiner Samm­lung geliehen.

Die zweite Lesung der Bill durch welche verhindert werden soll, daß Fremde nach England kommen, um die bri­tischen Arbeiter wahrend des A u s st a n d e s zu ersetzen, wird vom Oberhaus mit 296 gegen 24 Stimmen abge­lehnt. Tie Bill war im Unterhause von Keir Hardie ein- gebracht und dort ohne Einspruch in allen Lesungen angenommen worden. Wardale beantragt die zweite Lesung und wies au dre Bemerkung eines deutschen Blattes hin, daß es ein Skandal der englischen Arbeiter sei, den Hamburger Reedern wäh­rend des lebten Streikes Beistand zu leisten. Lord Lansdowne erklärt, wenn die Regierung die Vcrantivortung für die Bill übernehme, die einen neuen wichtigen Grundsatz darstelle, so werde die Opposition im gegenwärtigen Stadium die Bill an­nehmen, sonst aber werde sie für Ablehnung der Bill stimmen. Da jedoch von der Regierung die Verantwortung für die Bill abgelehnt wurde, so wurde sie auch vom Hause abgelehnt.

Aus Südafrika melden Drahtungen wachsende Un­ruhe unter allen Negerstämmen Natals, Basuto- und Swazi-Land, während die britischen Truppen infolge des rauhen Geländes geringe Fortschritte machen, die schwarzen Hilfs- truppen sich als unzuverlässig und feig erweisen und das Be­treten des Duschlandes verweigern. Bambatas Zuluneger ver­meiden Gefechte und nötigen die britischen Truppen, sich äu einen langen Feldzug gefaßt zu machen.

Konstantinopel, 17. Mai. Der montenegr. Ge­schäftsträger lenkte gestern die Aufmerksamkeit der Pforte auf die Kämpfe zwi chen Truppen und Christen im Bezirk Kolaschin, welche größere Dimensionen cmzunehmcn droh'n und die montenegrinischen Grenzbewohner beunruhigen. Tie Kämpfe entstanden angeblich tvegcn Befestigungsbauten auf pri­vatem Grundbesitz. Tie Pforte entsandte Schensi-Pascha dorthin. Griechischen Nachrichten zufolge sind bei dem Ueberfalle zwischen Grewena und Abdullah 8 türkische Soldaten und ein Offizier verwundet, 9 Soldaten, 1 Kützowallache und 2 Kinder getötet worden. Von griechischer Seite wird dieser Vorfall sehr be­dauert . und feder Einfluß auf die griechischen Banden bestritten, sowie jede Verantwortung seitens der Regierung abgelehnt. Der Gesamtverlust der Kützowallachen ist amtlich nodj- nicht festgestellt, da die Anzahl der Mitglieder der 10 Familien nicht bekannt ist.

Tas nach Tripolis entsandte Ausnahmegericht ver­urteilte die Urheber her Ermordung Redwan Paschas, A l i Schamil Pascha und Abdul Rczak, sowie einen ihrer Verwandten zum Tode.

Tokio, 17. Mai. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß Vicomte H a y a s ch i das Portefeuille des Auswärtigen Am­tes angenommen hat. Die amtliche Bekanntgabe soll in kurzem erfolgen. Es ist noch nicht entschieden, wer der Nachfolger Havaschi s aus dem Bvtschofterposten in London werden wird.

Eine MinisterkrifiS in Italien?

Tas Ministerium Sonnino, das ohnedies in der letzten Zeit sehr an Ansehen gelitten hatte, hat gestern in der Kammer eine Niederlage erlitten, die wahr­scheinlich zum Rücktritt des Kabinetts führen wird. Die Entscheidung hierüber ist für heute nachmittag zu er­warten. Ueber den Verlauf der Sitzung liegt uns folgender Bericht vor:

Nom, 17. Mai. Zur Beratung steht die Reihenfolge der vorzunchmcnden Arbeiten. Ministerpräsident o n n i n o schlägt vor, am Dienstag mit der Beratung der Maßnahmen für die Süd Provinz en zu beginne:,. (Lebhafter Beifall.) Man müsse diese Beratungen vertagen, um den Gesetzentwurf bctr. die M er i d i o nalb a hn en zu berate:,, über welchen der Kvm- mifsionsbericht am 28. d. M. vorgelcgt werden wird. Tic Ma­rinevorlage soll nach Erledigung der Vorlage des Ent­wurfs bezüglich der Mcridionalbahncn zur Beratung kommen, während die Budgets' in den Vornittagssitzungcn erledigt werden sollen. (Beifall.! Gegen diesen Vorschlag spricht Deputierter Gallo. Hierauf erklärt der M in i st e r pr ä s i d e n t eine Ab - stimmung für notwendig, damit jede Zweideutigkeit hin­sichtlich der politischen Lage vermieden und das' Ergebnis offen fcstgestelft werde (Beifall links, Lärm rechts.'» Ange lo Ma­jore no empfiehlt dem MinisterpräsideMcn, keinen Termin für die Beendigung der Arbeiten der mit der Prüfung des Entwurfes betr. die Südbahnen beauftragten Kommission festzusetzen, damit deren Arbeiten sich in völliger Ungestörthcit abwickeln können. Es sei notwendig, so fügt er hinzu, daß Sonnino diesem Rate folge, wenn er nicht eine Tringlichkeitsfrage schaffen wolle. (Läihaftcr Beifall links, Lärm.) Auf diese Frage sei die Oppo­sition geneigt, in loyaler Weise in die Verhandlungen einzu- treteu. -Beifall links.) Ter Minister der öffcntl. Arbeiten Car- min o führt aus: Tic Regierung könne der Aufforderung Majo- ranos nicht nachkomincn. Tie Feststellung der Beziehungen zwi­schen dem Staate und der Meridivnalbahn sei seit zu langer Zeit binausgeschoüen «oorden. T-as sei, aber nicht die Schuld des gegenwärtigen Kabinetts, und es sei notwendig, daß diese Frage erledigt werde. Infolgedessen sei es unumgänglich not­wendig, daß die Beratung hierüber in der Kammer am 26. Juni beendigt sei, damit auch der Senat vor dem 1. Juli sich dazu äußern könne. Wenn die Kammer sich dahin entscheid-:n sollte, die Beratungen über die Meridivnalbahn über den Termin hinaus zu verschieben, so werde das Ministerium seine Pflicht zu tun wissen. Im Na­men der Minderheit der mit der Prüfung deF Gesetzentwurfs betr. die Eisenbahnen beauftragten Kommission ersucht ein Vertreter derselben darauf die Kämmer um Zurückiveisung der Festsetzung eines Termins, an dem der Bericht der Regierung vorzulegen sei, da es sich um eine Frage von hoher Wichtigkeit handle, die mit der nötigen Sorgfalt geprüft werden müsse. Darzilai erllärt, daß sich die Republikaner der Abstimmung im Falle einer politischen Abstimmung enthalten würden. Ministerpräsi­dent Sonnino erwidert auf die Aeußerungen der verschiedenen Redner und sagt, die Regierung habe nicht gesucht, eine politische

Frage aufzuwerfen. ES sei nicht der Fehler dcs gegenwärtigen Ministeriums, wenn so zahlreiche und so bedeutende Fragen der dringenden Lösung harrten. (Beifall.) Ter Ministerpräsident bleibt bei seinem Antrag bezüglich der Reihenfolge der par- lamentarisclxm Arbeftcn und betont, daß das Ministerium seine Vfticht getan habe. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum und Lärm auf der Rechten.) Es wird alsdann zur Abstimmung über die Tagesordnung Maggiorino Ferraris ,die von der Regierung nicht angenommen wird, geschritten. Sie besagt, die Kanrmer lehnt die Festsetzung der Zeit für die Vor­legung des Berichts der Kvmmission, die mit der Prüfung des Meridionalbahncntwurfs beauftragt ist, ab. Diese T a g e s o r d - n u n g wird hierauf mit 179 gegen 152 Stimmen bei 40 Stimm­enthaltungen angenommen.

Der M in i ster prä siden t erklärt, das Ministerium be­halte sich die Entscheidung vor, die er morgen nach^ mittag der Kammer mitteilen werde. Er bitte die Sitzung auf morgen vormittag zu vertagen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen.

Auhlarrd.

Petersburg, 16. Mai. Duma. Nachdem die Adresse in erster Lesung einstimmig angenommen worden war, stellte der Abg. Noditschew den Antrag, nunmehr in die Beratung der einzelnen Artikel einzutreteu. Der Präsi­dent erklärte, dies verstoße gegen die v^eschäftsordnung. Auch Gras Heyden bekämpfte den Antrag Noditschew und wics darauf hin, daß man niemanden der Möglichkeit berauben dürfe, die Prüfung artikelweisc vorzunehmeu. Sodann wurde die Berat­ung dcs ersten Teiles der Mrcsse begonnen, wozu zwei Ab- ändcrungs.rnträge gestellt sind. Abg. Z o b e l e t n n beantragte, den Mortenauf der Grundlage dcs allgemeinen Stimmrechts" hinzuzufügenohne Unterschied und geheim". Die Kvmmission beantragt, falls der Antrag Zvbeletny angenommen wird, weiter hinzuzusügen:auf der Grundlage deS direften, gleichen und geheimen Stimmrechts ohne Unterschied der Nationalität und Religion". Abg. Anikin unterstützt einen Antrag, der die Morteauf der Grundlage dcs allgemeinen unbegrenzten Stimm­rechts" ein fügen will. Nabokow erllärt, die Kommission beab­sichtigte, sich keineswegs gegen dieses Stimmrecht auszusprechen, sondern sie wollte bloß einen Ausdruck finden, der die Zustimmung des ganzen Hauses finden würde. Zobclctny erllärt, als er seinen Antrag einbrachte, sah er nicht voraus, daß das Volk sich in solcher Gefahr befinde, wie er sie jetzt erkennt angesichts der Tatsache, daß die Duma, die selbst nicht aus dem direkten Wahlrecht hervorgegangen sei, in ihrer Mehrheit eine Owgnerin des allgemeinen und unbegrenzten Wahlrechts sei. Redner cr- llärt, er spreche im Namen von Millionen von Bauern, die alle dieses Stimmrecht verlangen. Was die Frauen betrifft, die mit 70 Millionen die Hälfte der russischen Bevölkerung ausmachen, so sind sie zweifellos für die Verleihung politischer Rechte an die Frauen. Fügt man die Zahl der Männer hinzu, die für die nämlichen Rechte eintreten, so ergibt sich eine ungeheure Mehr­heit zu Gunsten der Aufhebung der Dienstbarkeit der Frau. Fürst S ch a ch o w s k o i erklärt, die Debatten über das Wahl­recht seien jetzt nickt angebrackü: man müsse einzig und allein die Adresse beraten. Großes Aussehen erregten die Ausführungen dcs Abg. Kruglikow, der erllärt, er als Dauer sei der Ansicht, daß die Frau ihre Wirksamkeit auf die Familie be­schränken müsse: die Bäuerinnen selbst wünschten keine politischen Rechte. Fürst Wolkonski sagt, er habe kein Vertrauen zu dem unbeschränkten allgemeinen Stimmrecht, er werde daher für die Kommissionsfassung stimmen. Aladyn spricht sich in ähnlichem Sinne aus. Hierauf werden die beiden Abändcr- ungsanträge abgelehnt, und der erste Teil der Adresse wird nahezu einstimmig in der Fassung der Kommission ange- nommen. Tie Punkte 2 bis 5 des Entwurfes werden ohne er­hebliche Debatte angenommen. Dagegen ruft Punkt 6, der die Willkür der Verwaltung behandelt, eine längere Debatte hervor. Stach owitsck meint, die Verantwortlichkeit der Mi­nister gegenüber dem Kaiser werde wenigstens zunächst viel wirksamer fein, als' eine solche der Duma gegenüber. Wiuawor greift Stachowitsch an und erllärt, es müsse damit aufge­räumt werden, daß alle Macht dem Kaiser allein gehöre. Solange die Minister nicht der Duma verantwortlich seien, sei keine ersprießliche Arbeft möglich. Hierauf wird der Antrag, die Sitzung zu schließen, angenommen.

Petersburg, 17. Mai. Die Adreßdebatte wird fort­gesetzt. Nachdem die Anträge, nach welchen in der Adresse mit besonderem Nachdruck auf die Willkür der Polizei und die Not­wendigkeit der Aufhebung des verstärkten Schutzes hingewiesen werden sollte, abgelehnt worden waren, wurden Punkt 6 und 7, von denen der letztere über die Eigenmächtigkeit der Beamten handelt, angenommen.

Ein Antrag zu Punkt 8 verlangt die Streichung dieses Punktes, der gleichbedeutend fei mit der Forderung, den R e i ch s r a t ganz zu beseitigen. Der Antrag sagt, daß der Reichsrat nicht eine Ccheidcmand darstelle, sondern ein Kollege der Reichsduina und, wie verlaute, bereit sei, dieser entgegenzukommen. Die Duma habe keinen Grund, die erste Kammer zu beseitigen. Ein Redner erklärt, er wolle dem Adreßentwuri zustimmen, wenn es sich nur um den gegenwärtigen Bestand deS Reichsrats bandle und nicht um die Beseitigung des Zweikammersystems überhaupt. Fürst Scha- chowskoi bestreitet letzteres. Die Entscheidung der Frage des Zweikammersystems müsse der zukünftigen Duma Vorbehalten bleiben, ivelche nach dem neuen Wahlgesetz gewählt wird. Jetzt handle es sich nur um den gegenwärtigen Bestand des Reichsrats, daher Halle er es nicht für angezeigt, in die Adresse einen Hinweis aut die Mängel der Institution des Reichsrats auszunehmen. Die unklare Fassung dieses Punktes des Entwurfs könne in der Tat Mißverständnisse Hervorrufen, daher stimme er für seine Streichung. Demgegenüber empsichlt ein anderer Redner, den Punkt auizu- nehmcn. Die Duma beschließt hieraus einstimmig, die Debatte ohne Unterbrechung sortzusetzen, bis der (Sntrourf ganz durch- beraten ist.

Tie Adreßdebatte wendet sich der Agrarfrage zu. Ein Amendement schlägt vor, die BezeichnungBauer" in die Bezeich- nungLandwirt" umzuändern, um den Zustand zu beseitigen, der aus den Bauern eine besondere Klasse macht. Ein anderes Amende­ment bezweckt, daß die Bauern befriedigt werden, deren Land zweifellos ungeuügenb sei. Ein drittes Amendement will in die Adresse mitgenommen wißen, daß die dringenden Bedüriniß'e der Bevölkerung es erfordern, daß die Bezahlung der rückständigen Steuern im laufenden Jahre nicht gefordert werde. Die Redner der Rechten, an ihrer Spitze Gras Heyden, erklären, der Ent­eignung der Ländereien, die ein bevorrechtetes Eigentum bilden, zuzustimmen, denn Privatinteresse müsse öffentlichem Interesse nach- tehen.

Petersburg, 17. Mai. Eine dumpfe Stimmung hat sich der hiesigen Intelligenz bemächtigt. Allgemein befürchtet man den AuSbruch großer Unruhen für den Fall, daß die A m n e st i e nicht gewährt werden sollte. Das Land wartet bis Samstag, dem Geburtstag des Zaren. Erfolgt auch an diesem Tage die heißersehnte Amnestie nicht, so ist es mit der Ruhe vorbei. Die Regierung kennt diese Lage und trifft bereits Vorberestungen, tun eventuelle Unruhen gewaltsam zu unterdrücken. In Odessa fmb die öffentlichen Gebäude bereits mit Truppen

besetzt. Große Anstrengungen werden gemacht, um einen aus­gedehnten Streik der Eisenbahner in S ü d - R u ß l a n d als Protest gegen die Nichtgewährunq der Amnestie zu organisieren.

Der Verweser des Handelsministeriums F e d o r o w hat die nachgesuchte Entlassung erhalten. Zum zeitweiligen Verweser dieses Ministeriums wurde der Gehilfe dcs Verwesers Stoff ernannt.

Odessa, 17. Mai. Das Kriegsgericht verurteilte eine Frau, die auf einen Polizeibeamten, der bei ihr eine Haussuchung vornahm, geschossen hatte, ohne zu treffen, zum Tode durch den Strang.

Tambow, 17. Mai. Ter Polizeibeamte Schdanow, der an der Mißhandlung der Marie S v i r i d o n o w n a teil­genommen hatte und deswegen entlassen wurde, ist heute, aui der Straße das Opfer eines R e v o l v e r a n s ch l a g s geworden. Der Mörder wurde verhaftet.

Frankreich.

Paris, 17. Mai. Der Marineminister Thomson, der gegenwärtig die algerischen .Hafenposten besichtigt, hielt in Philippevillc bei einem Bankett zu Ehren des Ge­schwaders eine Rede, in der er unter Hinweis auf die Abrüstungsideen von d'EstournellcS de Constant unter anderem folgendes sagte: Ich las in einer Zeitung, daß im Senate eine Anfrage an midi gerichtet werden solle, die den Zweck habe, uns eine Mäßigung in den 9tüft«r ungen zu empfehlen. Daß England, das sich in einer besonderen Stellung befindet, seinen Rüstungen Einlxckt tut, ist möglich. Wir für unser Teil würden eine große Un­klugheit begehen, wenn wir dies gleichfalls täten. Alle Mächte der Welt haben in der letzten Zeit unaufhörlich ihr Kriegsmaterial verbessert und vermehrt. Wir müssen dies ebenfalls tun, um unseren zweiten Rang als See­macht zu behaupten. Mir dürfen nicht Gefahr laufen, diesen Rang auch nur fiir einige Stunden zu verlieren. Dies ist unsere unmittelbare, dringende Pflicht. Später werden wir dann sehen, ob noch andere Pslick)ten zu erfüllen sind., DemMatin" wird aus Philippeville gerüchtweise gemeldet, daß die zweite Llbteiluna des Mittelmeergeschwa­ders anläßlich der Hochzeit des Königs Alfonso sich an die spanische Küste begeben iverde.

Die der Maschineninduftrie angehörendeu Fabrikanten, welche 17 Syndikate umfassen, hielten eine gemeinsame Versammlung ab, in welcher sie unter Hinweis darauf, daß die gegenwärtige Ausstandsbewegungi keine wirtschaftliche, sondern eine re-volutionäre sei, ihre Beschlüsse erneuert, die Arbeit nur unter den früheren Bedingungen aufzunehmen, den 8- und den 9-Stundentag sowie die sogenannteenglische Woche" abzulehnen. Ueber- dies wurde beschlossen, einen Arbeitgeberverband und eine Kasse zur Bekämpfung der Ausstände zu gründen, zu welcher von dem Verbände jährlich 6 Millionen Francs Beigetragen werden sollen. Aus Hennebont (Dep. Morbihan) wird berichtet: Ausständige Metallarbeiter zündeten einen Schuppen des Fabrikoirektors Giband an, in welchem sich die Pferde der wegen der Streikunruhen nach Hennebont entsandten berittenen Jäger befanden. Das Feuer konnte rechtzeitig gelöscht werden.

Tie Diebstahlsaffäre int Hotel Kontinental) wo dem Großfürsten Cyrill angeblich Juwelen im Wert von 100 000 Francs gestohlen worden sein sollen, wird gleichzeitig von mehreren Blättern angedeutet, daß dieser Einbruchsdiebstahl von russischen Nihilisten verübt worden sei, die auch einen Bombenanschlag gegen den Großfürsten versucht hätten. Im Hotel Kontinental wurde erklärt, daß keinerlei Einbruchsdicbstahl vorliege und daß dem Großfürsten lediglich eine goldene Zigaretten­tasche abhanden gekommen fei; die Geschichte von einem angeblichen Bombenattentat fei vollständig erfunden.

Brest, 17. Mai. Ein Soldat des 2. Kolonialregi­ments, bei welchem an timilit aristisch e Fln g schr if- ten gefunden worden waren, imtrBc mit 60 Tagen Arrest bestraft. Bei dieser Gelegenheit wurde ferner fest- gestellt, daß die Patronen der Wachtposten und der Pulver­depots nicht die vorschriftsmäßige Pulvermenge enthielten. Ter Platzoffizier ordnete eine strenge Untersuchung der Angelegenheit an. Der Kriegsminister Etienne begibt sich heute in Begleitung des Generalstabschefs General Brun nach Belfort, um die feit einem Jahre an der Ostgrenze durchgeführten Befestigungsarbei­ten zu besichtigen.

Nancy, 17. Mai. Unter großem Andrang des Pu­blikums begann heute die Gerichtsverhandlung in der Angelegenheit der Zwischenfälle, die sich gelegentlich der Kircheninventur in Saint Nicolas du Port (T-ep. Meurthe et Moselle) am 18. Mär; ereigneten, wobei ein Arbeiter von zwei auf die Menge schießenden Vikaren tödliche Verletzungen erhalten hat, denen er in der Folge erlegen ist. Die beiden Angeklagten, 90)66 Claude und! Abb6 Lacour, die in Amtstracht erschienen sind, räumen ein, auf die das Pfarrhaus belagernde Menge geschossen zu haben, behaupten jedoch, im Zustand berechtigter wehr gehandelt zu haben.

Ans SfaOt Lano.

Gießen, den 18. Mai.

** Personalien. S. K >? der Größherzog haben den Landrichter bei dem Landgericht der Provinz Nheinhesicn Dr. Ernst Jungk 3um Landgcrichtsrat und den Gerichts- assessor Dr. Karl Werner aus Darmstadt zum Amtsrichter bei dem Llmtsgericht Wald-Michelbach ernannt.

*Z Erledigt ist die Stelle des Revifionsinspektor s bei dem Hauptsleueramt Offenbach und des Bezirks- kassiers der Bezirkskasse Altenstadt.

** Parlamentarisches aus Hessen. Die Vor­stellung der an den Staatsanstalten angestellten seminaristisch gebildeten Lehrer, die ein Anfangs- gehalt von 2000 Mark und ein nach 27 Dienstjahren zu erreichendes Höchstgehalt von 4000 Mark erstrebt, wurde vom Finanzausschuß zur Berücksichtigung empfahlen.

* Der Kreisvercin Gießen der Gemeinde- re chner hielt am Mittwoch hier seine Frühjahrs-Ver- sammlung ab im Beisein des Vorsitzenden vom Landes­verband der Gemeinderechner, Rendant Wolsschmidt-Schotten.