Ausgabe 
13.12.1906 Drittes Blatt
 
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Nr. 293

Drittes Blatt

156. Jahrgang

Donnerstag 13. Dezember 1906

Erscheint E-N- mit Ausnahme bei Sonntag».

Die »Glebei?er gamUlenblättcr* werden dem e8nüctgcT viermal wöchentlich beigelegt. Der E^elstlche Landwirt" erscheint monaUich einmal.

Gießener Anzeiger

Rotanonlbtud tntb Verlag bet BrflblldW

UntDerfttätSbcuderet 9L Lange, Eietze»

Redaktion. Expedition a. Truderei: Schulfir D

Del. Nr. 6L Lelegr.-Ldr. r vnzeiga Gletze»

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.

verbreiteten politischen Jndifferentismus Unrettbar verfallen ist. Zum andern droht m. (S. die Gefahr, daß das freundnachbarschaft­liche Verhältnis der maßgebenden Gruppen der bürgerlichen Linken, wie es sich namentlich in Meßen seit langem bewahrt hat. kläg­lich in die Brüche geht. Es ist ein alter Wunsch von mir, daß Dessen nach preußischem Muster eine freikonservative Partei erhielte, denn die nationalliberale Landespartci des Groß- Herzogtums enthält manche ausgesprochen konservative und real tionäre Elemente, die die Bewegungsfreiheit der Partei be­engen. Durch eine reinliche und friedliche Scheidung würde, namentlich jetzt, wo der handelspolitische Kampf auSgetobt Hit, die Situation und Taktik klarer werden, als sie ist. Die letzten Parteitage der notioualliberalen Partei haben bewiesen, namcnt- sich durch das Auftreten der nationalliberalen Jugendvereine, in denen viel Intelligenz und Arbeitsfreude steckt, daß an allen Orten der Rus erschallt:Zurück zu Bennigsen!"

Ich weiß sehr wohl, daß ich mit diesen Vorschlägen hier und im Lande ziemlich allein stehe. Was ich also hier aw- deute, ist harmlose Zukunftsmusik, und für diese trage ich, wie für alles, was ich heute abend auSsührcn will, die alleinige persönliche Verantlvortung. Ich betone es ausdrücklich, daß ich nicht im Namen des einladenden Vereins spreche, sondern bei ihm nur eine Art von Gastsreundschast, für die ich herzlich dankbar bin, in Anspruch nehme. Ich will nicht reformieren, sondern anregen. Die heutige Versammlung soll mehr der freien Aussprache gewidmet sein, alS der Vorbereitung ernster taktischer Männer.

Ich sprach vorhin davon, daß wir in Hessen eine politische Krisis haben. M. E. war sie schon längere Zeit vorbereitet. Sie bedurfte nur eineS äußeren Anlasses, um akut, wie es tat­sächlich geschehen ist, auszubrechen. Den Anstoß gab bekanntlich die Bestätigung des sozialdemokratischen Beigeordneten in Offen­bach. Manche behaupten zwar, man habe den Fall zu schwer genommen und über Gebühr aufgebauscht. Ich will das nicht bestreiten. Aber wenn jemanden die Schuld trifft, daß diese Affäre wie eine Haupt- und Staatsaktion behandelt worden ist, so ist es vielmehr die Großherzogliche Staatsregierung, als die nationallibcrale Partei und die diesmal eigentümlicherweise mit ihr eng verbündete Zentrumspartei. Auf der Darmstädter Protestversammlung sind allerdings recht scharfe Worte gefallen, Morte, wie man sie von einer Partei, die sich so lange als Regierungspartei fühlte, seit Jahren nicht gehört hat. Die Tonart, die ich keineswegs in allen Punkten billigen kann, weist auf eine natürlidje und impulsive Erregung und nicht auf eine künstliche und gemachte hin. ES ist höchste Zeit, daß dagegen Verwahrung eingelegt wird, daß man dein denkfähigen hessischen Publikum immer wieder vorznreden sucht, daß hinter jeder scharfen Kritik von Maßnahmen des jetzigen Ministeriums allein Herr von Heyl und seine Freunde ständen. Das ist eine durch­sichtige Legende. Die Agitation gegen das direkte Wahlrecht geht, wie ich beweisen kann, nicht allein von Herrn von Heyl aus. Die Opposition gegen das Gemeindestenergesetz, das m. E. sehr wohl noch eine nochmalige Durcharbeitung vertragen konnte, und mit dem man sich nicht zu überrumpeln lassen brauchte, hatte zwar in Herrn von Heyl einen parlamentarisch geschickten Führer gefunden, aber auch andere Leute, die von der Sache was verstehen, haben 'ernste Bedenken gegen die überhastete Verab­schiedung eines so grundlegenden Gesetzes, das in, der Haupt­sache dem Kopse eines jungen Ministerialrates entsprungen ist, geäußert. Zu diesen unbequemen Kritikern gehöre bekanntlich auch ich. Ich kenne Herrn von Heyl gar nicht und habe ihn nie in meinem Leben gesprochen. Auch sonstige Verbindungen mit dem führenden Politiker der Nibelungenstadt habe ich nicht. Ich teile auch seine Nesormvorschläge nicht, und trotzdem bin ich froh, daß es der ersten Kammer gelungen ist, eine Legislative, die man vielleicht später sehr bereut hätte, zu vertagen. Es ist eine Beleidigung milder kann ich mich mit dem besten Willen nicht ausdrücken wenn man ernsten und unabhängigen Männern den Vorwurf macht, sie ließen sich, vielleicht ohne es zu wissen, von Herrn von Heyl am Gängelbande führen. Herr von Heyl wird Manns genug sein, sich gegen den unbewiesenen Vorwurf zu verteidigen, als lege er es auf Ministerstürzerei und ähnliche Jntriguen an. Als alter und geschulter Parla­mentarier wird er Menschen- und Sachkenntnis genug haben, um sich zu sagen, daß uns nicht damit geholfen ist, daß man mißliebige Minister von ihren schwierigen und verantwortungs­vollen Posten wegekelt. Man muß Ersatz haben. Die wirk­lichen Staatsmänner sind in Hessen dünn gesäet, sonst hätte man nicht nach Rothes Abgang auf ein angesehenes Mitglied des Reichsgerichts zurückgreifen müssen. Ministerkandidaten mag es ja in Hessen in Hülle und Fülle geben. Ich weiß aber aus meiner Examenstätigkeit, wieviele sichKandidaten" nennen, ohne den Befähigungsnachweis erbringen zu können. Nicht nur in Spanien, sondern auch in Hessen ist eS schwer, Minister zu fern.. Auch hieran ist die Staatsregierung mitschuldig. Das milde,' versöhnliche und, menschlich betrachtet, ungemein liebenswürdige Regime RotheS hat die zweite Kammer so verwöhnt, daß wir in Hessen ein ausgesprochen parlamentarisches System haben. Ich bezweifle sehr, ob das ein Glück ist.

Herr von Heyl war lange Zeit ein Gegner des Landwirt- schastskammergefetzcs. Er kannte seine Pappenheimer. Das Ge­setz, das jetzt in Kraft getreten tft eines der vielen Versuchs- gcsetze, mit denen man das Land beglückt, wird nach dem Er­gebnis der Wahlen wahrscheinlich nur eine agrarische Neben­regierung zeitigen. Die tüchtigen, rationell und deswegen erfolg­reich wirtschaftenden Landwirte hat man mundtot gemacht und durch Bauernbündler radikalster. Färbung ersetzt. Schon jetzt denken die besonnenen unb ruhigen Elemente daran, die freien Vereine, die man ohne Not opfern wollte, für den Notfall lebensfähig zu erhalten. Ich kenne die preußische Landwirtschasts- kammerorganisation ziemlich genau, und ich weiß, daß die frühere Vereinsorganisation ohne gesetzliche Grundlage viel mehr geleistet hat, als die neuen Kammern mit ihrem unglaublich teuren Apparat. Denken Sie mit an die westfälischen und rheinischen Bauernvereine und deren imposante Organisation. Herr v. Hehl ist bekanntlich selbst Agrarier, also über den Verdacht erhaben, alS wollte er den landwirtschaftlichen Interessenvertretungen Fesseln anlegen. Also auch in dieser Sache ist Heyl nicht der einzige Kritiker gewesen.

Und nun zum Fall Eißnert. Auch hier soll der Wormser Politiker den Regisseur gespielt haben. Als ob sich Männer wie Reinhart, Osann, Glässing und im Parlament Brentano, von Heyl Direktiven geben ließen?! Die das behauptens glauben es selbst nicht. Sie brauchen aber solche Schreckschüsse, um bei der Twtorischen Unpopularität des etwas gewaltsamen und selbst­herrlichen, dabei ober mächtigen und vielbeneideten Gegners, den |ie am liebsten in die Verbannung nach Preußen schickten, der Regierung, auch wenn sie taktische Fehler begeht, zu Hülfe kommen zu können. Wer als Politiker die geraden Wege liebt, der macht so etwas nicht mit. Man kann den Eißnertschen Fall prinzipiell und nicht prinzipiell auffassen. Beide Auffassungen lassen sich vertreten. Die Darmstädter Protestversammlung hat einmütig das erstere ge­tan. Das Zentrum hat dagegen durch seinen Wortführer, der ja aus Offenbach stammt und die dortigen Verhältnisse genau kennt, den Fall mehr lokal aufgefaßt. Ich schließe mich dieser Auf­fassung durchaus an und kann fast jedes Wort, was Herr v. Brentano in der Kammer vor zwei 2Bodjen gesagt hat, unter­schreiben. Wenn i m Gegensatz hierzu der Abgeordnete von Gießen atxn*bii bild hessische Volk werde dem Großherzog für die

Die Ileischteuerung im Aeichstag. ii.

R. Berlin, 12. Dez.

Denn der Regierung an demnötigen Verständnis" für die Wichtigkeit der heimischen Viehzucht und der entsprechenden Schutzmos regeln noch etwas fehlen sollte, dann bot ihr der Wortführer der Nationalliberalen, Abg. Dr. P a a sch e, in seinem heutigen Vortrag über die Fleisch­teuerung Gelegenheit, sich belehren zu lassen. Die agrari­schen Neigungen Dr. Paasches sind zwar bekannt, besonders vom Zolltarif her, aber nach der kritischen Stellungnahme des Zentralvorstandes der nationalliberalen Partei zur Fleischnotfrage überraschte es doch, daß Prof. Paasche sich heute mit der Vollkraft seines Temperaments für die Inter­essen der Viehzüchter ins Zeug legte. Ob der Vorstoß des Redners gegen die Stadtverwaltungensie sollten im Interesse der Volksernährung bei ihren Schlachthäusern auch einmal mit Unter­bilanz arbeiten" taktisch klug war, will zweifel­haft erscheinen, entfällt doch ein wesentlicher Teil des polit. Einflusses der Nationalliberalen auf die Städte. Die Frak­tionen der Linken gerieten über Dr. Paaschcs Darlegungen in so heftigen Zorn, daß Graf Ballestrem sich zu dem Ersuchen veranlaßt sah, die Herren möchten sichendlich" beruhigen. Die Beruhigung trat jedoch erst ein während der Rede des Abg. Grafen Schwerin-Löwitz (kons.). Nicht als ob dieser Repräsentant des Großgrundbesitzes voller Sanftmut gewesen wäre. Im Gegenteil. Er trat als agrarischer Scharfmacher auf. Aber seine dünne Stimme, die eintönige Art seines Vortrags wirkten beinahe einschläfernd, sodaß selbst b:i|s Parteifreunde sich aufraffen mußten, damit hin und wieder das obligateBravo!" zu hören war.

Abg. Korfanth (Pole), der alsdann zu Wort kam, ist auch nicht der Mann, das Interesse festzuhalten. Er nahm zudem eine gewisse Sonderstellung in der Fleisch­notfrage ein. Die Polen, die chren wirtschaftlichen und politischen Rückhalt am platten Lande haben, sind im Grunde agrarisch gesinnt. Korfanth aber, der Vertrauensmann der oberschlesifchen Industriearbeiter, denen an unbesck)ränkter Schweineeinfuhr aus Oesterreich gelegen ist, muß den Kon­sumentenstandpunkt vertreten. Er versäumte nicht, den Widersinn der veterinären Grenzpolitik zu kennzeichnen, wie er in derKontingentierung" der Schweinezufuhr aus dem Auslände zum Ausdruck kommt.

Ueber die Arbeiterbudgets, die in Oberschlesien erbärm­liche sind, stellte Abg. Gamp (Rp.) eine Behauptung auf, die mit großem Halloh begrüßt wurde. Er meinte nämlich, manche Lohnarbeiter, speziell im Westen Deutsch­lands,'seien wirtschaftlich bessergestellt als die königlich preußischen Amtsrich ter. Ein scherz­hafter Herr, dieser ehemalige Geheimrat aus dem prcuß. Handelsministerium. Früher teilte er einmal mit, daß er sich zumeist in seinem hinterpommerschen Walde aufhalte. Heuteenthüllte" er, daß auch er Schweinezucht betreibe aber eigentlich nuraus Anstand". Als darob Heiter­keit entstand, rief Gamp ingrimmig zur Linken hin:Sie scheinen nicht zu wissen, was Anstand ist!" An unfrei­willigem Humor leistete der weißbärtige Reichsparteiler auch weiterhin Erkleckliches, sodaß ihm die Linke die Behauptung nachsah, die Fleischnot-Jnterpellationen seien nicht aus sachlichen Gründen, sondern zu politischen Zwecken einge­bracht worden, beiläufig die bequemste Art, den Gegner zuentwaffnen".

Der freisinnige Abgeordnete, den sich Gamp besonders aufs Korn genommen hatte, Abg. Goth ein (fr. Vg.), blieb die Antwort nicht schuldig, und man muß sagen, daß er die Polemik Vecht wirkungsvoll führte. Er prägte das Wort von der Agrarischen Gefahr", die er für bedrohlicher er­achtet als die sozialdemokratische. Mit ironischer Verbeu- nung quittierte Abg. v. Oldenburg, ein Provinzialdorsitzen­der des Bundes der Landwirte, über dieses Kompliment.

Der Landwirtschaftsminister v. Arnim sah sich wieder­holt apostrophiert. Es soll ihm u. a. eine kleine Ver­wechslung Luxemburgs und der Niederlande unterlaufen sein. Ein scharfer Angriff Gotheins gegen die preußischen Landwirtschaftskammern, die der Täuschung der Marktlage bezichtigt wurden, erregte lärmenden Protest auf der Rechten, tue Diskreditierung der Reichs­statistik starres Staunen am Regierungstisch. Als der Abend hereinbrach, ermattete das Interesse. Ein Reichsbote nach dem andern erllärte sich insgeheim fürhinreichend infor­miert und verließ den Kampfplatz, ohne den Schluß der interessanten Sitzung abzuwarten. An der Tatsache der an­haltenden Fleischteuerung ist leider auch durch die schönste Rede nichts geändert worden.

Die gegenwärtige politische Lage in Kessen. Rede gehalten am 11. Dezember im Nationalliberalen Verein Gießen von Dr. jur. et. phil. ÜRagnuS Biermer ordentlichem Professor der Staatßwissenschasten.

Meine sehr geehrten Herren! *

Gestatten Sie mir, daß ich meinem Vorträge einige Vor­bemerkungen mehr persönlicher Art voranschicke. Ich bin seit fast sieben Jahren an der hiesigen Hochschule tätig und habe tn dieser verhältnismäßig langen Zeit stets der Versuchung wider­standen, in den politischen Parteikampf einzugreifen. Meine heutige politische Rede ist die erste öffentliche, die ich mir leiste. Meine Zurückhaltung, die ich mir schuldig zu sein glaubte be­sonders auch im Hinblick auf meine Stellung als Universitäts­lehrer, ist mir nicht besonders schwer gefallen, denn bei der hessischen Parteikonstellation ist für einen Nationalökonomen, der <mf dem linken Flügel der nationalliberalen Partei steht und seine eigenen Wege alsEinspänner" geht, nur wenig Raum. Für einen Gelehrten, der sich tagtäglich mit Wirtschafts- und sozialpolitischen Dingen berufsmäßig zu befassen hat, verbietet es sich außerdem ganz von selbst, daß er sich der FraktionA- disziplin und einem fest umrisseneu Parteiprogramm rückhaltslos unterwirft. Ich habe aber bisher nicht nur geschwiegen, sondern ich bin jahrelang dem Parteileben fetnpeblie6en, ja ich bin sogar aus der Partei, aus deren Schoße mir zweimal in aller Form Neichstagsmandate angeboten worden sind, ausgetreten. Wenn ick heute meinem bisherigen Verhalten untreu werde, so be- stimmt mich dazu zweierlei: Einmal befindet sich nach meiner Ueberzeugung das politische Leben in Hessen in einer Krisis, die w derjenige füx unbedenklich .hallen kann, der dem leider so

Bestätigung Dank wissen, ?r fei seinem Volke dadurch viel näher gekommen, so h<rbe ich dagegen zweierlei zu erwidern: Einmal widerstreitet eS mir, gerade weil ich konstitutionelle Grundsätze habe, die Person des Monarchen ohne Not in die politische Debatte zu ziehen. Sie gehört »licht dahin. Zum andern be- iweille ich mit guten Gründen, daß die bürgerlichen Parteien des Landes und die gebildete Minorität es wirklich mit Freuden begrüßt haben, daß man der nichtsoualdemokmtischen Vevölke- rung OssenbachS, auf der der Terrorismus eines Ulrichs fast imerträglidj lastetl und die bei der letzten NeichStagswahl, wo sie einig war, unter einer maßlosen Verhetzung seitens der Gegner gelitten hat, mit der Bestätigung eines sozialistischen Agitators als Beigeordneten eine schwere Enttäuschung bereitet hat. Ich habe grundsätzlich gar nichts dagegen, daß man die Arbeiterpartei, bie aber doch nicht identisch ist mit bet Soziadlemokratie, gesellschaftlich rezipiert und zur ernsten Mitarbeit auch in her kommunalen Selbst­verwaltung heranzieht. Diesen Standpunkt vertrete ich seit zwei Dezennien in Wort und Schrift. Lesen Sie nur meine sozial- volitischen Aufsätze, die auch int sozialistischen Parteilager und in der demokratischen Presse Anerkennung gefunden haben, nach! Aber da, wo die politische Erregung, »nie in Offenbach, dm Siede­grad erreicht hat, wo die Herrschsucht der sozialdemokratischen Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung nicht , davor zurückschreckt, einen verdienten Oberbürgermeister ohne zwingende sachliche Gründe von seinem Posten zu verdrängen, und wo jetzt die Führer der Mehrheit, wie ich höre, auf der Suche nach einem Stadtoberhaupt sind, dem die preußische Regierung bereits die Bestätigung versagt hat, da handle ich, wenn ich als be­stätigende Zentralbehörde was zu sagen hätte, nach dem Grund­sätze:Haust du meinen Juden, hau' ich deinen Juden." Die Bestätigung Eißnerts, der einen Laden hat, dessen Betreten dem Militär verboten ist, war ein bedauerlicher politisch-taktischer Fehler, und die bürgerlichen Parteien haben, solange sie das Heft noch in der Hand haben und das ist vorläufig glücklicherweise noch der Fall ein gutes Recht, sich dagegen zu wehren. Hoffentlich werden sie das auch in ähnlichen Fällen wiederum tun. Ich glaube aber, sie werden sich nicht sobald wiederholen. Wo die Sozialdemokratie bisher am Ruder gewesen ist, hat sie stets rücksichtslose Parteiherrschaft getrieben. Denken Sie nur an unsere Krankenkassen, wo man versucht, einen ehrenwerten unb hochangesehenen Staub, ber, weiß Gott, nicht auf Rosen gebettet ist und den humansten Pslichtenkreis der Welt hat, systematisch zu Hörigen llassenbefangcner Demagogen herabzu- drücken.

Vor einigen Wochen war ein Vertreter der freisinnigen Partei bei mir unb bat mich um einen Beitrag für das Eugen Richter- Denkmal. Er hat ihn bekommen mit der Begründung, daß ich für die großen und charaktervollen Kämpen Ser Bismarckio­nischen Zeit, auch wenn sie Bismarck-Gegner gewesen sind, gerade in Erinnerung an jene unvergeßliche große Zeit, auch für poli­tische Gegner etwa- übrig habe. Und wie hat sich Eugen Richter, der später so oft den Namen Bismarck mit Bewunderung zitieren mußte, der heutigen Sozialdemokratie gegenüber verhalten. Er hat sie bis zu seinem Tode ich bin seit Jahren Abonnent seinerFreisinnigen Zeitung" bis aufs Messer bekämpft. Und das von Rechtswegen. Denn die sogenannteMauserung" in der deutschen Sozialdemokratie ist vorläufig purer Schwindel. Ich lese nicht nur dieFreisinnige Zeitung", sondern auch sozia­listische Blätter, vor allem denVorwärts". Ich will natür­lich nicht sagen, daß Eugen Richter, wenn er noch lebte, gegen die Eißnertsche Bestätigung gewesen wäre. Ich befürworte über­haupt nicht die engherzige und bureaukratische preußische Be- statigungspolitik, deren vornehmstes Opser ja gerade Eugen Richter selbst war. Eine liberale Partei wie die Fortschrittspartei hat so ausgesprochene Prinzipien der Gleichberechtigung und so leb­hafte und schmerzliche Reminiszenzen an die kleinlichen Ver­folgungen in der Zeit der Reaktion, daß sie sich selbst untren würde, wenn sie das Bestätigungsrecht der Negierung anders als eine reine Formsache aufsaßte. Der Abgeordnete von Gießen hat also so gehandelt und gesprochen, wie es das Partei- Programm vorschreibt, was er übrigens nicht immer tut. Aber diesem Programm untersteht doch nicht die Staatsregierung. Sie muß sich von der Staatsraison, von dem allgemeinen Besten unb von dem Gesichtspunkt, den sozialen Frieden möglichst zu fördern, leiten lassen. Und in dem Offenbacher Fall waren besondere Vorsicht und rücksichtslose Festigkeit am Platz.

(Schluß folgt.)

Vermischte».

* Köln, 12. Dez. Hier fand die dritte außerordent^ liche Kreisversammluug des Deutschen Buchdrucker°«Dereins!, Kreis II (Rheinland-Westfalen), statt, in welcher beschlossen wurde, ein Rundschreiben an die Kundschaft zu versenden, in dem eine 10pro zentige Erhöhung der Druck­sachenpreise als notwendig bezeichnet wird. Weiter wurde zwischen Buchdruckereibesitzern und Zeitungsver­legern in den einzelnen Orten und Bezirken eine Ver­ständigung empfohlen zwecks Durchführung der Preis-, erhöhungen für Abonnements und Anzeigen bei Zeitungen.

* Feuer in einer Universität. In der Cornell- Universität brach kürzlich ein Feuer aus, dem, nach einer Meldung aus Ithaka in Nordamerika, sieben Menschen­leben zum Opfer fielen. In dem unter dem Namen Chi Psi Fraternity House" bekannten Gebäude entstand das Feuer. Es schliefen in diesem Gebäude 27 Studenten, denen jeder Ausweg abgeschnitten war und die aus den Fenstern springen mußten. Dabei trugen mehrere von ihnen, die aus dem dritten Stockwerk sprangen, schwere« Verletzungen davon. Tie Alarmierung der Freiwilligen Feuerwehr verzögerte sich. Von den Feuerwehrleuten wurden drei durch einstürzende Mauern erschlagen. Einer davon war ein früherer Student der Universität. Professor Schürmann konstatierte, daß zwei Studenten in den Flam­men umkamen. Ein dritter, Namens Schmuck, war ent­kommen, ging aber wieder in das brennende Gebäude zurück, um seinen Stubengenossen zu retten, und erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß er bald darauf in dem Universitäts-Hospital starb. In demselben Hospital erlag bald darauf noch eni anderer Student seinen schweren Ver­letzungen. Er war von Mauertrümmern getroffen worden.

Was Klein-Elsclien dem Lehrer erzählt:

Meine Mama gibt mir jeden Tag ein paar Fays ächte «iw Sodener Mmeral-Pastillen mit auf den Schulweg und daher fommi5, daß ich nie erkaltet bin und nie die Schule versäumen muß. Mama sagt, wer's put mit den Kmdern meint, der sollte ihnen regelmäßig Fays ächte Sodener V Mineral-Vanillen geben. Man kaust Fays ächte Sodener A Mineral-Pastillen in sämtlichen Apotheken, Trogen- und

Mmeralwasseibandlungen, die Schachtel zu 85 Psg, hüte uw aber vor Nachahmungen.