Ausgabe 
17.4.1906 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Erstes Blatt

Dienstag 17-3tywll906

2431

Schul strafte 7.

Redaktion esja 112 Verlag u.Exped.^Nöl Adresse für Depeschen: Anzeiger vticfteu.

156, Jahrgang

Tas allenthalben vom Gluck begünstigte schlaue Albion hat aus dein Balkan einen kleinen Erfolg gehabt. Serbien hat den wiederholten Protesten Englands Folge gegeben und zunächst den rangältcsten General der serbischen Armee, Jovan Atanaz- kowilsch, der den Plan decllebernnnpelung des königlichen Konaks 1903 ausarbeitete, m den Ruhestand versetzt.

In Ungarn ist eine neue Aera angebrochen. Dicht vür der Beendigung des verfassungsmäßigen Ternnns zur AuSjchreibung der Neuwahlen kam es zur Bildung des lange geforderten Kvaluious- kabinetts unter dein Präsidiuin von Wekerle. Feldmarschalleutnant Ludwig v. Jekelsalufsy ivurde zu>n Houvedminlster ernannt. Der frühere Präsident der kathol. Bolkspartci, Graf Johann Zichy, der in der Zeit der Obstruktion das Parteipräsidium nicderlegle, ist der Verfassungspartei beigelrelen.

In Rußland sind die seitherige,: Wahlen in der großen Mehrheit oppositionell ausgesallen. In Warschau wurde»! -wei Arbeiter hingerichlet, die versucht halten, in das Ralhaus einzu­brechen. Die katholische Bevölkerung von Lubiecc, Lescnon und Pleivnics des Gouvernements Warschau weigerte sich, einer neuen katholischen Sekte sich anzuschlietzen. Sie wurde deshalb von den Sektierer angegriffen. Bei dem Zusammenstoß wurden zwei Per­sonen getötet, zwei lötlich und zwölf mehr oder minder schwer ver­letzt. Die neue Sekte zählt 150 000 Mitglieder.

Ter Rücktritt Castros bedeutet hoffentlich die Lösung aller zwischen Venezuela und den übrigen Atächten bestehenden Differenzen. Tie gesamte amerikanische Presse teilt diese Auffassung und druckt die An,icht aus, der zeüwerse Rücktritt Castros »verde wahrscheinlich ein dauernder werden. Dagegen tritt auch die An- icht auf, daß der schlaue Fuchs sich nur für eine kurze Zeit vor der Verantwortung einer neuesten Ungezogenheit drücke.

Osburg

gleite Kämpft irr AeutschafnKa

Südwestafrika.

o. Estorfs ging am 2. April mit den Abteilungen Däubler und Heuck in der Richtung Gamsibkluft vor. Durch diesen Lornnarsch wurden die dort befindlichen Hotten- totton gezwungen auf britisches Gebiet überzu- troten. Eine starke Hottentottcnwerft mit 40 Männern und 300 Weibern und Kindern wurde von der Kappolizei von Aris nach der Gegend von Rietfontein S. O. abtransportiert. Anscheinend hierdurch veranlaßt kehrte Morenga, der aus brit. Gebiet in der Höhe von Ariam gemeldet war, mit etwa 70 Gewehren auf deutsches Gebiet zurück. Am 3. April überschritt er Nababis-Ukamas und schlug die Richtung aus Heirachabis unb Amas ein. Hierbei wurde ein Teil seiner Bande durch die von Nababjs im Anmarsch befindliche Funkenstation Milozewski angegriffen und nach kurzem Feuer­gefecht nach Norden zucückgewocfen. Uebec Ukamas und Heirachabis folgte die Abteilung Hornhardt, deren Führung Atajor Siebert übernommen hatte, während sich die Abteilung Heuck in Hudab zusammenzog unter Besetzung von Lapuots, Dawigmab und Oas. Inzwischen hatte Morenga die Richtung auf Amas verlassen und war über Wehlers- Damm auf Fettkluft abgebogen. Dort stieß am 8. April ein Zug der ersten Kompagnie des zweiten Feldregiments meiner tief eingeschnittenen Felsschlucht auf starke feind

Zur

ReichsLagsnasiwakl i« Aarmstadt - Kroßgerau.

Von nationalfozialer Seite wird uns aus Darmstadt geschrieben:

2ie Osterfeiertage brachten einen kleinen Waffenstill­stand in der Wahlbewegung. Umso nachhaltiger wird nun ui den vis zum Wahltcrmin noch verbleibenden acht Tagen der Kampf entbrennen. Leider hat er schon jetzt eine Schurs- angenommen, die nicht mehr gut zu übertrumpfen sein dürste. So kann man sich nach Lage der Dinge lediglich auf den Wunsch beschränken, daß die persönlich,en Gehässigkeiten

»n Holstein ^Bahnstation) Seefahrten, Seehunds, und Entenjagden Wattenlaufen. Prospekte gratis durch Bsd-kommlssion.

Auffallend war auch das deutschfreundliche Verhalten des Präsidenten Roosevelt. Er zeigte durch eine augenfällige Demonstration, auf welcher Seite er steht. Nachdem der Präsident einer Deputation gegenüber die festen Bande der J-reundschaft zwischen Deutschland und Amerika hervorgehoben hatte, sprach er ausdrücklich Deutschland seinen Glückwunsch zu den Errungeu- schrstten in Algeciras aus und hob hervor, daß Deutstlüand zuerst für die Gleichberechtigung aller in Maroiio eingetreten sei Von besonderer Bedeutung ist aber sein ausgesprockrener Wunsch auf ein dauerndes' Einvernehmen zwischen Deutschland und Frank­reich. Bemerkenswert ist auch, daß seine Worte bei einem sonst so deutschfeindlichen Matte Ivie dieTimes" ein Echo ge­funden haben, indem das Blatt sich dem Rocseveltscken Wunsche ansch'lost und meinte, daß Deutschlands friedliche Haltung gegen Schluß der Konferenz von Mgecttas eine Besserung der B-zieh- ungen Deutschlands sowohl zu Frankreich, toie auch zu England aichal)nen werde. Auch der französische Minister Bourgeois hat kurz vor dem t>eft_ sw) in der französischen Kammer über .die polttisttie Lage geaustcrt und wenn er auch erklärliche Weise A PLi'ckichir vermieden hat, die Beziehungen Deutschlands und Äranrretchs zu erwähnen, so war doch die Tendenz seiner Rede Durchaus' incölicfb tndem er sich mehrfach dem von Bülow in leiner letzten RewMagsrede dargelcgten Standpunkte anschloß.

~l- D e u 11 cy e Rerci) s - und die p r e u ß i s ch e Staats- ao u l e i h c wurden in der Karwoche auf den Aiarkt aebrachl ivo- Idei ein nicht besonders zuirkedenstellendes Ergebnis gezeitigt wurde »Ls lst mdes charaktertsttsch für die deutschen' Fonds, daß ihre B<>

^uiiatbeikn.

ells auf Donta.>jalh,f 1 und Lieferungen ivctr^ slerialerlaß vom 16.^; jefchrieben. Die BaM ation GriedeßRMbel) mt.

rerarbeit.

ihm BruchstmWumtl' ieQennauempiJiöcliin ncflteinmaufmU'xW

bm,403qmi)oud)i5i)'.. rbeit

le ju Zreppcn, Fenste?

m.

txtevu

>t hvMtzdeäe, 427 qe Ist, cm starkem m stark, 14 qm iV Monierkonstruklioii, 34 p te, 66 lfdm. fitippenf^ilt n pp.

«beit.

holz zu liefern, 4'^/- tms, 33 Stufen bffb« tertreppe, 875 Ifötn.'-' ensußboden n. s. &

und zu Her bohren und

ferne HoWl'"??.

oTkgb&*^b

ä**-**1

lerhung ohne Sensation und in ruhiger Selbstverständlichkeit vor sich geht. Die am 26. April in Paris zur Emission ge­langende russische Ai i l l i a r d e n a n l e i h e , die eine be­unruhigende Stimmung verbreitet, wirkt ihre Schatten voraus. Tte Anleihe beträgt 2250 Äiillionen, ift 5 prozentig, und wird in Paris Zu einem Emissionskurse von 88 für im voraus voll einbezahlte und 88.60 für bis Ende Februar ratenweise bezahlte Ziffern aus­gegeben. Auf Frankreich, mit Einschluß der Garantien von Brüssel und Gent, entfallen 1200 Millionen, aus London 830 Millionen, auf Amsterdam 55 Millionen, auf Wien 165 Millionen, aui Peters- b'.:rg 500 Millionen. Es liegt nahe, anzunehmen, daß die russische Geldverlegenheit von den g e l d l e i h e n d e n Ai ä ch t e n zur Er­reichung von politischen Sonderzwecken verwendet werden wird. Nachrichten aus Oesierreich-Ungarn bestätigen diese Vermutung, indem die Blätter offen von einer Einflußnahme des Auswärtigen Amtes aus die Wiener Bankkreise sprechen. Daß England durch btc finanzielle Unterstützung Rußlands auf eine Nachgibigkeit des Zarenreiches in tvidjligen Fragen der Cricnt- polilik hofft, ist ohne Ziveisel. Sensationell ist die französische Zeitungsmeldnng, daß König Eduard beabsichtigen soll, nach Zusameitlritt der Tlimn, etwa im Juni, dem Zaren eir.cn Be - s u ch abzustatlen ! Das alles sind Aieldungen, die die I s o l i c r u n g Deutschlands immer deutlicher veranschaulichen und unsere Diplomatie recht bedenklich stimmen müssen. Welche Verwendung Rußland den neuen Milliarden zugedacht hat, darüber verlautet nichts bestimmtes. Es gewinnt die Meldung an Wahrscheinlichkeit, daß Rußland trotz aller Mißerfolge im ostasiatischcn Kriege nicht gesonnen sei, die M a n d s ch u r e i auszugeben und unbeirrt nach der Vorherrschaft in O st a s i c n ft r e b c, zu­mal berichtet wird, daß cs in großer Zahl im chmesifch-maud-- schurijchen Grenzgebiet Kasernen anlege und nicht Saran denke, seine Truppen zurückzuziehen. Welche Wendung die Dmge in Cft- asicn nehmen melden, ist daher nicht vorauszusagen. Gewiß ist mir, daß Deutschland vorläufig mit der Zurückziehung der ost- asiatischen Brigade begonnen hat, und daß Japan nicht an eine Preisgabe seiner Stellung in Peking denkt. 'Aus London kam fol­gende, jedenfalls stark anzuweifelnde Meldung:

Der Befehlshaber der britischen Truppen, General BentriS, und der älteste Ingenieur, Blair, begaben sich nach Weihai­wei, angeblich um das dortige Chniesenregiment anizulösen, in Wirklichkeit aber, wie angenommen werden darf, um den Hafen an China zurückzugeben.

In neue, allerdings wesentlich geringere Sorgen wurde auch Frankreich, das sich dec neu erwachten Sympathie einer statt­lichen Anzahl von einflußreichen Regierungen offiziell rühmt, durch den in fast allen Großstädten ausgebrochenen Briefträger- u n d P o st - U n t e r b e a m t e n st r e i k gestürzt, der nach dem Ausbruch des B e r g a r b e i t e r st r e i k s in Lens bereits die zweite große Kalamität ist, in welche die neue Regierung im Lande versetzt wird. Die 'Streikenden klagen auch über Günstlingswirt­schaft im Parlamente. Im Senat führte Mfnister Barthou wieder- hott aus: Dcr2luSstand sei ebenso ungerechtfertigt wie ungesetzlich. Er hat mit einem Gewaltstreich begonnen und sich dann zu einer förmlichen 9ieöolte entwickelt. Tie Regierung könne keine der ge­stellten Forderungen bewilligen, da diese sich als Drohungen und einen Versuch, die Billigung zu erzwingen, darstellen. Die Beamten hätten keinerlei Berechtigung zu diesem Ausstande. 300 Aus­ständige seien bereits cnllassen worden. Diese Maßregeln werden endgilrig in Kraft erhalten werden. Die Delegierten'der streiken­den Bergarbeiter führten Beschwerde, daß man an dem aus die Katastrophe folgenden Tage sie nicht zugezogen und nicht die den Schacht Nr. 3 absperrenden Holzverlleidungen niedergerissen hat, was die Grube schädigen fonnte, Tie Grubengefellschast in Courrieres habe sich die ernsteste Verantwortung aufgeladen da­durch, daß sie Schacht 3 versperren ließ und daß sie ferner vor­zeitig d i e Re ttungS arbeit en ausgab und die Lüf­tung unterließ. Die Furcht, das Leben'der Rettungsmann­schaften auf das Spiel zu setzen, sei keine genügende Entschuldigung nut Rücksicht auf die Vollkommenheit der Rettimgsapparate. Die Zahl der ausständigen Bergleute beträgt jetzt 46 OüO Mann. Tie Attentate gegen die ArbeilSsreiheit mehren sich. In den letzten Nächten wurden mehrere Dynamitattentale vor Wohnungen von Nichtstreikenden verübt. Die Lausleute der durch den Bergarbeiter- Ausstand betroffenen Ortschaften haben eine Petition unterzeichnet, worin sie die Regierung ersuchen, sie für dieses Jahr der Steuern zu entheben.

in Giessen

Ctl iiM £; ***

""-ÄrSL > toua®'e9e,umti> * J Donnerstag, ,e "1,b

^6|ubln®t1SH0n|0| inho^1 Ahnden um

lQbÄM die Tu»,

Rechtsa2 jl bei96U8e"9enominn- 1 61 uom 20. bi;

Gieße».

tl * HISS'

und getoalttatigen Ausschreitungen eine Fortsetzung nicht finden möchten. Aus dem Gedanken heraus, daß der Streit um das Mandat doch am letzten Ende nur entspringt der Liebe zum Vaterland!

Tie Sozialdemokraten, welche bekanntlich das Mandat zu verteidigen haben, führen ihre Agitation nachj einem ganz bestimmten Feldzugsplan. Ihre Wahlzeitung' ivurde nun bereits zum drittenmale an einem bestimmten Tage in über vierzig lausend Exemplaren in den Wahlkreis geworfen. Ein Beweis dafür, wie gut die Organisation der Partei'funktioniert, und vor allem, wie viel an Opfer­freudigkeit und selbstloser Hingabe ihrer Mitglieder sie voraus hat gegenüber anderen Parteien. Zwei weitere Blätter sollen noch erscheinen. An den letzten Sonntagen hielt die Sozialdemokratie an allen Ecken und Enden des Wahlkreises Versammlungen ab; vereinzelt auch an den vorhergehenden Samstagen oder den nachfolgenden Mon^ tagen. Ein ganzes Heer von Rednern,, darunter freilich auch solche siebenter Größe, war aufgeboten. Von namhaftert Führern sprachen bis jetzt die Adgg. Molkenbuhr, Hilde-, brand, Stückten, Ledebour, Dr. David und Ulrich. Nur vom Kandidaten hört man wenig oder gar nichts. der Orpheunv-Bersammlung in Darmstadt, in der Ledebour, seinen Zorn über die vermeintliche Verkommenheit unserer Gesellschaft ausgoß, trieb Berthold die Bescheidenheit so­weit, überhaupt auf eine Ansprache zu verzichten. AlsI Primadonnen sollen, wie verlautet, noch Bebel und Singer auftreten. Hier und da suchen zwar Soziale demorraten weismachen, daß sie au eine Wiederholung des 10. Juni 1903 glauben, wo sie bekarmtlich das Mandat imi ersten Wahlgang behauptet hatten, aber, auch ohne das! Gras wachsen zu hören, kann man erkennen, daß ihre Leitung' mit einer Stichwahl rechnet.

Die Nationalliberalen glaubten mit einer rechts-, stehenden Kandidatur die Mitläufer der Sozialdemokratie zurückgewinnen und die bislang Indolenten zur Wahlbe-, teiltgrmg aufrütteln zu können. Ihre Agitation richtet sich aber in erster Linie leider gegen dieVereinigten Liberalen", Dr. Stein, der nationalliberale Kandidat, wird von den Deutsch-Sozialen, Christlich-Sozialen, dem Bund der Land­wirte und dem Zentrum unterstützt sonderlichliberal" ist diese Unterstützung freilich nicht. Bedauerlichenveise ist es gerade nur in den nationalliberalen Versammlungen zu bösen Austritten gekommen. Sozialdemo traten haben sich in «diesen Bersannnlungen als Ruhestörer erwiesen, ob- wohl die Leitung der Partei ihrer Mißbllligung solchen Benehmens kein Hehl macht. Aber auch National- liberale selber haben da manchen Fehler begangen.Wenn Gegner in unsere Versammlungen kommen, nehmen sie uns unsere kostbare Zeit weg und wir können dann nicht dem Volke alles sagen, was wir gern möchten". So argu­mentieren sie und schreien gegnerische Redner nieder oder verweigern ihnen das Wort oder lassen sie kurzerhand hin­ausweifen. 9Lach den Reichstagsabgg. Dr. Hagenrann-Erfurt und Dr. Hieber-Stuttgarl tam Dr. med. Becker und be­reiste mit seinem Automobil den Wahlkreis. Er sprach vor lltrzem in Eberstadt von etwa V2I2 Uhr bis nach i/23 Uhr nachts. Am folgenden Abende redete er in Arheilgen.

TieVereinigten Liberalen" l)aben mit ihrem Kandidaten Ko r e l l - Königstätten schon über 30 mid ins­gesamt wohl zirka 50 Versammlungen abgehalten. Fast überall fmrd ihr Kandidat sympathischste Aufnahme. Sein glänzendes Rednertalent, seine gründliche Kenntnis der poli­tischen, sozialen und kulturellen Fragen begegnete all- seitiger Anerkennung. Ganz besonders gewinnt er die Herzen der Zuhörer, weil seine Worte aus denr Herzen komnien, weil sie glühen von echter Liebe zu Vaterland und Freiheit. Aber auch das Programmatische, daß der Gedanke sozialer Gleichberechtigung allein die Grundlage abgeben kann für einen sozialen Frieden, sichert Kvrell die Stimmen Vieler, die bisher dem Liberalismus teilnahmlos gegenüberftanden. Von Freund und Feind werden der sachliche Ton und ruhige- Verlauf der KorelliLersammlungen gebührend gerühmt; die freie Aussprache ist dort wirklich vorhanden. So dürfen die Vereinigten Liberalen mit größter Ziwerjicht in die letzte Phase des Wahlkampfes treten, ein guter Erfolg ihrer Arbeit wird nicht ausbleiben.

Nr. 89

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siegener Fainllien. bläiier viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck tu Ver­lag der B r si h l'scben Unioe rs.-Buch-u. Stein- bruderet. R. Lange, otedaktion, Erpedttioa

u. s. *

ikbeit.

SerglasM-

124 Stuck Oai

P > Art G

GletzenerAnzergerW

General-Anzeiger v

1 . w den polit. und allgem.

Amts- md Anzeigeblatt fiir den Kreis Gieße» MW

. zeigenteil: Han4 Beck,

Wie heutige Aummer umfaßt 8 Seiten.

KoÜLische LVochenscha«.

Gießen, 17. April 1906.

Der Starivorift, die allzu schön, allzu sommerlich heiß verrann, soduß man täglich einen heftigen Temperatursturz befürchten mußte, folgte em rech, uirbehaglicber, rauher, roinDigcr erster Ostertag, bet wieder durch einen warmen und heiteren zweiten abgelvst l^urdc. Ser e-ignatur des ersten Ostertages gleicht unsere deutsclte l'luslandspolckil; schneidend'.' K'kchle, ungemütliche Isoliertheit inmitten schöner freuiwschastlicher Bcrhalmifse der übrigen niaiigebejiben und in Betracht tommVnteii Staaten Europas; nur nach Oesterreich hinüber und von dort her wehen wohltuende warme Lüste.

K a i f er Wilhelm hat am Tage vor Ostern an den österr. Minister des Aeußeren, Grafen Goluchowski folgendes Tele­gramm gerichtet:

In dem Augenblick, da ich mit Genehmigung Ihres Aller­gnädigsten Herrn, dem Grafen W e l s e r S h e i m b das Gcoß- freuj des Roten Adlerordens übersende zum Dank für seine erfolgreichen Bemühungen in Algeciras, drängt es Diich, Ihnen von Herzen aufrichtigen Dank zu sagen für Ihre unerschütterliche Unterstützung Meiner Ver­treter. Eine schöne Tat des treuen Bundesgenossen! Sie haben sich als brillanter Sekundant auf der Mensur erwiesen und können gleichen DiensteZ in gleichem Falle anck von Mir gewiß sein."

Nicht bloß der Wortlaut dieses Telegrümmcs, das die ganze GigerinKaiser Wilhelms charakterisiert, erregt allenthalben Auf­sehen, sondern noch mehr der Umstand, daß eine solche Kündgebung gegenüber dem anderen Bundesgenossen Deutschlands unter­blieben ist, gegenüber Italien. Italien aber hat ja be­kanntlich alles vermieden, was nach einer Parteinahme für Deutschland aussehen könnte, und ein derartiges Gebaren eines Verbündeten muß Ver^mmung Hervorrufen.

Was sagt die WÄt zu dieser verblüffenden Kundgebung Kaiser Wilhelms? DerPcstcr Lloyd" schreibt:

Das^ Telegramm, welches in seiner ganzen Fassung die achtunggebietende Eigenart dieses Souvcrains widerspiegelt, ist ein neues Dokument des zwischen unserer Monarasie und dem Deutschen Reiche waltenden innigen Verhältnis,scd. Es ver­sieht sich eigentlich vmt selbst, daß Oesterreich-Ungarn aus der 'JJlarorfofonicrens seinen deutschen Bundesgenossen unterstüüt hat, und in der ganz besonderen Rolle, welche Gras Welsers- Ijcunb dabei spielte, manifestierte sich eben jene Intimität der beiden Mach.c, die nickt etwa b lo ß v o n Z e i t z u Z e i t zur-au gestellt wird, sondern bei gegebenen Anlässen als inhaltsvolle Tatsache in Erscheinung tritt. Gleich­wohl kann die warme Anerkennung, loelche der deutsche Kaiser unsenn Minister des Auswärtigen für die Haltung der österreich- i'.u.'arischen Diplomatie in der Marokkofrage zollte, nur leb­hafte (Genugtuung erwecken.

Interessanter ist natürlich, was die f r a n z ö s i f ch e P r e s s e sagt. Von dieser wird das Telegramm eifrig in doppelter Weise ausgebeutet. Einerseits sagt man, daß in Oesterreich Unzufrieden- heit l/errsche, betur es sei unstatthaft, daß der Monarch eines Landes' dem Minister eines anderen Landes Lob spende, als stünde er in seinem Dienst, andererseits sicht man in dem Tele­gramm einen Tadel für Italien und sucht nun geschickt dessen Verstimmung auszunutzeu. Daß in Italien die Bor würfe der deutschen und österreickisihen Presse wegen Jtalici?s lauer Bundestreue böses Blut machen, versteht sich von selbst. Die mala fides einzelner italienischer Matter geht aber sogar so iveit, daß sie auf Grund ganz verei7»elter Aeußerungen deutscher Organe Deutschland anklagen, aus Racke den Befuv- op f ern d as M it g efühl und d i e H il fe z u v er sa g e n. DerMessagero" behauptet, die ganze deutsche Presse kümmere sich nicht um die Katastrophe.Tribuna" bläst ins gleiche Horn, roahrendPopolo" allein die Unsinnigkeit und NitHertracht solcher Verleumdungen tzervorhebt. DieVita" aber sagt ironisch: Ein llein wenig Dank hätte auch dem dritten Verbündeten gebührt, der durch gereckte und ausgleichende Tätig­keit Vision l is das Sck)eitern der Konferenz verhinderte, siloer in diesem Augenblicke ahme der Ka iser Italien gegenüber die große Tugend Rioltles nach, er sei zumgroßen Schw ei - fl er" geworden.L'Jtalic" endlich sckneibt:Gewiße Zeit- ungen hatten das Telegramm des Kaisers so gedeutet, daß dieses Vorwürfe gegen Italien enthalte; es sei die Fortsetzung der Campagne, die bezwecke, Mißtrauen zwischen Deutschland und Italien zu säen. Man kennt hier zu gut die Gesinnungen des Kaisers gegenüber Italien, um von der Nutzlosigkeit der Bemühungen derjenigen, die eine Erkaltung der Be­ziehungen beider Länder herbeiführen wollen, überzeugt zu sein." Wie ans Wiener Hofkreisen verlautet, habe Kaiser Wilhelm schon vor einigen Tagen, unmittelbar nach dem Abschlüsse der Verhandlungen der Mawktolionferenz auch 'an den Kaiser Franz Josef eine Depescke gerichtet, in welcher er in wärmsten Worten seinen Dank für die kräftige Unterstützung seitens Oesterreicii-Ungarns auf der Konferenz aus­drückte, und die Versicherung seiner unwandelbaren Freundschaft aussprach.