bet Kaiser bei seinem Aufenthalt in Kopenhagen Iswolsky, der dort geraume Zeit Gesandter war, als Staatsmann kennen und schätzen gelernt hat, sodaß vielleicht der Wunsch nach Betätigung des Gesandten an der Spitze der russischen Botschaft in Berlin gelegentlich Ausdruck fand. Aber die Anregung zu geben zur Ersetzung des Grafen Lambsdorff durch Iswolsky in der Leitung des Auswärtigen, würde deutscherseits kein Grund Vorgelegen haben. Das ist Rußlands Sache, und wenn der Zar zu einer derartigen Ernennung sich entschlossen hat, werden die Interessen Rußlands und nicht diejenigen Deutschlands für ihn bestimmend gewesen sein.
In diesem Zusammenhang drängt sich der Gedanke an den späteren Kreditbedarf Rußlands auf. Der letzten russischen Anleihe hat Deutschland bcranntlich seinen Markt verschlossen, aus dem triftigen Grund, weil ihm „das Hemd näher sitzt als der Rock", weil es für seine eigenen Anleihen ein Vorrecht aus den eigenen Markt geltend machen muß. Nach Llblauf der über Rußland verhängten zweijährigen internationalen Kreditsperre wird man an der Newa sich Deutschlands gern wieder erinnern wollen, und auch aus dieser Erwägung heraus dürfte die Bestallung Iswolskys zum Minister des Aeußern erfolgt sein. Graf Lambsdorff hat sich das Wohlwollen Deutschlands für alle Zeit verscherzt durch seine Brüskierungspolitik in der Marokkofrage. Nach alledem kann Iswolsky nicht wohl als „Kandidat Kaiser Wilhelms", sondern lediglich als ein Staatsmann angesehen werden, der die Fehler seines Vorgängers wcttmachen soll. Im übrigen hat der neue Minister bereits erklärt, er werde den Kurs der Zweibundpolitik weiter steuern. Es bleibt ihm auch keine andere Wahl. Deutscherseits ist also nur abzuwarten, ob die von der Aera Iswolsky erhoffte Annäherung Rußlauds an Deutschland möglich sein und Schritt halten wird mit der Annäherung Rußlands an England, die nach Lage der Dinge Fortgang nehmen muß zwecks Sicherung der Position Rußlands in Asien. Auch will Frankreich, daß Rußland und England in Fühlung bleiben, und diesem Wunsche des Bundesgenossen wird man an der Newa nicht widerstreben. Deutschland ist auf jeden Fall in der Lage, mit Ruhe der Aera Iswolsky entgegenzusehen, die eingeleitet zu werden scheint durch eine Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren, von der wieder bestimmter die Rede ist.
Aus SiaOt uno Hatto.
Gießen, den 17. Mai.
** Eine Sitzung des Provinzialausschusses findet Mittwoch den 23. ds. Mts., vormittags 9 Uhr, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch des Sally S chu st er zu Lind heim um Ausstellung eines Wandergcwerbescheins. 2. Meinungsverschiedenheit zwischen dem Gemcinde- vorstand und der Mehrheit des Gcmemderats zu Büdingen. 3. Gesuch des Johannes Appel III. zu Herchenhain um Erlaubnis zum Betriebe einer Schankwirtschaft.
** Pers onalicn. S. K. H. der Groß Herzog haben den Hofkammerrat Karl R o l s h a u s e n auf sein Nachsuchen, unter Bezeugung der Allerhöchsten Zufriedenheit für über 50 Jahre treu geleistete Dienste, mit Wirkung vom 1. Juni 1906 an in den Ruhestand versetzt und ihm das Ritterkreuz 1. Klasse mit der Krone des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. S. K. H. der Großherzog haben den Steuerkontrollcur Regierungsassessor Kurl L o n y zu Nidda zum Steuerkommissariatsassistenten beim Steuerkommissariat Mainz 1, den Regierungsassessor Th. Ulrich aus Rockenberg zum Ministerialsekretär bei dem Ministerium der Finanzen und den Regierungsässessor Karl Linde nftruth aus Atzenhain zum Steuerkontrolleur ernannt, den Assistenten bei der Bergwerksdirektion Grube Ludwigs- Hoffnung Friedr. M a y zu Friedberg auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 15. August 1906 an aus dem Staatsdienst entlassen, den Vorstand der Filiale der Bank für Handel und Industrie in Straßburg Karl Michel, früher in Mainz, von seinem Dienst als Handelsrichter au der beim Landgericht der Provinz Rheinhessen gebildeten Kammer für Handelssachen mit dem Sitz in Mainz auf seiu Nachsuchen enthoben und den Ergänzungsrichter Kaufmann August Feine in Mainz zum Handelsrichter und den Kaufmann Jos. Stenz in Mainz zum Ergäuzungsrichter an der bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen gebildeten Kammer für Handelssachen für die Zeit bis zum 31. Dezember 1906 ernannt. Ernannt wurde der Sergeant im 2. Hessischen Dragonerregiment Nr. 24 Paul Hinze zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Alsfeld.
** Lehrerpersonalren. S. K. H. der Großherzog haben zum 15. Mai d. I. dem Oberlehrer Joh. Bapt. Peters zu Darmstadt aus Anlaß seines 50jährigen Dienstjubiläums die Krone zum Ritterkreuz 2. Klasse des Verdiensb- ordens Philipps des Großmütigen verliehen. Ernannt wurde die prov. Lehrerin an der höh. Mädchenschule zu Offenbach Else Seyd zur Lehrerin an dieser Schule, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrerinnen. Ueber- tragen wurden den Lehrern Jak. Kr o n e n b e r g e r zu Alzey und Adam Pfeifer zu Nauheim, sowie den Schulamtsaspiranten Joh. Gg. Burger, Otto Küßncr, Lorenz Waldschmidt, sämtlich aus Mainz, und Wilhelm Kehr aus Armsheim Lehrerstellen an der Volksschule zu Mainz; der Lehrerin Th. R e ck c r t zu Mombach, im Kreise Mainz, sowie den Schulamtsaspirantinnen Kath. Alt Vater, Anna Keller, Anna Wasserburg, sämtlich aus Mainz, und Anna Köhler aus Wolf Lehrerinuenstellen an der Volksschule zu Mainz.
** Zeugenpflichten. Es ist unter dem Publikum vielfach die Ansicht verbreitet, daß Zeugen und Sachverständige nur gerichtlichen Ladungen Folge zu leisten haben und daß sie auf Ladung von Anwälten, Angeklagten und Parteien nicht zu erscheinen brauchen. Es wird hierzu bemerkt, daß, sobald den Geladenen vor dem Termin die gesetzliche Gebühr bezw. Entschädigung angeboten wird, oder wenn ihnen glaubhaft versichert wird, daß die Gebühr bei Gericht deponiert sei, sie im Falle ihres Ausbleibens dieselben Nachteile zu gewärtigen haben, als wenn sie vom Gericht geladen wären, was ein Fall bei der letzten Strafkammersitzung bewies. Einem Bad-Nauheimer Einwohner war von dem Verteidiger des Angeklagten eine Ladung zugegangen, in der vermerkt war, daß seine Gebühr auf der Gerichtsschreiberei deponiert sei und dort im Termin zur Auszahlung gelange. Der Geladene schrieb kurz an den Rechtsanwalt, er reagiere auf eine derartige Ladung nicht. Der Verteidiger legte dem Gericht den Brief mit der Bitte um geeignete Verfügung im Termin vor, worauf die Strafkammer, nachdem festgestellt war, daß die Entschädigung tatsächlich bei Gericht deponiert war, den AuSgeb'liebenen zu einer Ordnungsstrafe von 10 M k. und in die durch sein Ausbleiben verursachten Kosten verurteilte. In diesem Fall nahm die Sache noch einen günstigen Verlauf, da die Verteidigung in der Lage war, auf das Zeugnis zu ^Lrzichten. Wäre dies nicht der Fall gelvesen, sodaß
Vertagung hätte eintreten müssen, wären 2900 Mk. Kosten, die fast ausschließlich durch Zeugenladung entstanden sind, nicht zu hoch gegriffen gewesen.
*v Zum Vorsitzenden des Schiedsgerichts für Arbeiter Versicherung in der Provinz Oberhessen wurde an Stelle des unter Ernennung zum Ministerialsekretär bei Großh. Ministerium des Innern nach Darmstadt versetzten Kreisamtmanns Hechler der Großh. Kreisamtmann Dr. Merck in Gießen mit Wirkung vom 1. Mai ernannt.
" Versammlnng hessischer Lehrerpensionäre. Am 3. Psingsttag, 5. Juni d. Js. findet in der Rosenau zu Frankfurt a. M. eine Versammlung hessischer Le hrer- pcnsionärc, die vordem Jahre 1900 pensioniert wurden, statt.
** Eine Sitzung des Ausschusses de8 Landes- gewerbevereins findet am morgigen Freitag vormittag in Darmstadt statt. ?Iuf der Tagesordnung stehen u. a.: Voranschläge zu Kapitel 84, 85 und 86 des Staatsbudgets für 1907, Einrichtung von Abgangsprüfungen an den Gewerbeschulen, Ersatzwahl zum Bezirkseisenbahnrat, Eingabe des Bezirksausschusses Büdingen-Schotten betr. die Einteilung der Hochbauämter in der Provinz Ober- h essen, Gleichberechtigung der Maschinenbau-Abteilung der Technischen Lehranstalten zu Offenbach a.M. mit den preußischen niederen Maschinenbauschulen.
** Hessische Handwerkskammer. In einer Berliner Zeitung findet sich die Nachricht, daß die Handwerkskammer zu Darmstadt beschlossen habe, vom 1. April dieses Jahres ab auch die weiblichen Lehrlinge, wie Schneiderinnen, Modistinnen, Putzmacherinnen usw., der Kontrolle der Handwerkskammer zu unterstellen. Die weiblichen Lehrlinge müßten demnach in Zukunft in die Lchr- lingsrollen eingetragen und am Schlüsse der Lehrzeit geprüft werden, sonst dürften sie später selbständig ihren Beruf nicht ausüben. Die notwendige Folge dieses Beschlusses würde die sein, daß die weiblichen Lehrlinge in die Fortbildungsschulen gehen müßten usw. Die Nachricht beruht, wie jeder Kenner der in Hessen bestehenden Verhältnisse schon vermutet haben wird, auf einer Verwechslung mit einer anderen Handwerkskammer. Die Handwerkskammer zu Darmstadt ist der Frage der weiblichen Lehrlinge nicht näher getreten und beabsichtigt dies auch nicht.
** Die 16. Generalversammlung der Zen - tral-Gcnossenschaft der hessischen landwirtschaftlichen Konsum vereine, e. G. m. b. H. zu Darmstadt, findet Montag, 21. d. M., in Darmstadt, Hotel Köhler, statt. Wir entnehmen dem Geschäftsbericht, pro 1905, daß der Genossenschaft am Ende des Jahres 120 Mitglieder angehörtcn, darunter 113 Genossenschaften und 7 Einzelpersonen. Der Gesamtwarenbezug im Jahre 1905, bestehend aus Hilfsdünger, Kraftfuttermittel, Kohlen, Sämereien, Torfstreu, Schwefel, Kupfervitriol usw. betrug 416 291 Zentner im Werte von 1335 822 Mk. Er ist gegen das Vorjahr nicht unerheblich gestiegen, insbesondere der Verbrauch an künstlichem Dünger aller Art. Die Gcschäftsergebnisse werden als ungewöhnlich günstig bezeichnet. Aus dem Gewinn von 57 985,37 Mk. sollen nach den Anträgen des Aufsichtsrates den verschiedenen Reserven Zuwendungen in der Gesamthöhe von 9226,64 Mk. gemacht werden, die Geschäfts- guthaben werden mit 5 Proz. verzinst, für Rückvergütungen auf die verschiedenen Warenbezüge sollen insgesamt Mk. 43 286,81 ausgeschüttet und auf neue Rechnung 4663,62 Mk. vorgetragen werden. Die Gcschäftsguthaben der Genossen betrugen am Ende des Jahres 17 201 Mk., die übrigen Peserven 78 273,36 Mk.
** Unsere RegimentSkapelle konzertiert, wie bekannt, z. Zt. im Hamburger Zoologischen Garten. Ein in Hamburg ansässiger geborener Gießener übermittelte uns einen Ausschnitt auS dem „Hamb.,Fremdenbl.", in dem die Leistungen der Kapelle in folgender ehrenvoller Weise beurteilt sind: „Die Reihe der täglichen Konzerte wurde gestern (13. Mai) von dem bestakkredierten Musik- korps des Inf.- Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 116 aus Gießen unter Leitung deS Großh. Hess. Musikdirektors Herrn C. Krauße eröffnet. Wir hörten von dem reichhaltigen, aus 24 Nummern bestehenden Programm das Finale aus „Arielc" von Bach, die „Akademische Fest-Ouverture" von Brahms, „Nachtigall und Drossel", Duo für zwei Pikkoloflöten von Kling (Herren Jonas und Brauer) und eine Phantasie aus „Mignon" von Thomas. Die dritte Abteilung war eine Wagner-Abteilung; sie brachte den „Kaisermarsch", die Ouvertüre zu „Tannhäuser", das Vorspiel zu „Parsifal" und eine Phantasie aus der „Walküre" in tadelloser und künstlerisch durchdachter Ausführung, so daß das Publikum zu stürmischem Beifall animiert rourbc. Der Zoologische Garten hat mit dieser ausgezeichneten Kapelle für die nächste Zeit eine außerordentliche Zugkraft gewonnen."
*’ Militä rkonzert. Sonntag 20. Mai konzertiert im Saal bau die Kapelle des Garde-Dragoner-Regiments Nr. 2 3 aus Darmstadt. Die allgemein beliebte Kapelle bietet ein abwechslungsreiches Programm und der Besuch ist sehr zu empfehlen.
** Der bestrafte Eierdieb. Bei einer letzthin stattgehabten Geflügelausstellung suchte sich ein Hühnerfreund ohne Kosten in den Besitz von Bruteiern ausgestellter Rassehühner zu setzen. Während der Mittagszeit, als der Ausstellungsraum nur spärlich besucht war, revidierte der Liebhaber von kostenlosen Bruteiern die einzelnen Ausstellungskäfige und gelangte nach und nach in den Besitz von fünf Eiern, die er in den Taschen seines neuen Einzuges barg. Als er sich eben entfernen wollte, trat ihm der Aufwärter, der anscheinend auf einem Stuhle bei dem unsauberen Geschäfte geschlummert hatte, dem Eierdieb mit strahlendem Gesichte plötzlich entgegen, umhalste ihn und drückte ihn stürmisch an sich mit den Worten: „Gucke mol, das freut mich, daß Du auch e mol zu uns kommst!" Ein leises Knacken in den Taschen deS völlig Ueberraschten bewies, daß der Aufwärter den Zweck seiner stürmischen Begrüßung erreicht hatte. Mit hochrotem Kopfe und verdorbenem Anzüge enteilte der Eierliebhabec dem Ausstellungsräume.
** E i n Unikum. Zurzeit wird amtlich bekannt gemacht, daß der neue Förster in Dürr-Ellenbach, welcher mit seiner Familie die ganze Gemeinde bildet, zum Beigeordneten von Dürr-Ellenbach verpflichtet worden sei. Dieser^Fall dürfte wohl der einzige dieser Art sein. Der ganze, im Odenwald gelegene Ort ist nämlich in den vierziger Jahren in einer Kopfzahl von 60 Personen nach Amerika ausgewandert. Die Grafen von Erbach kauften die Liegenschaften dieser nicht unvermögenden Bauern an, rissen alle Wohnungen bis auf eine für einen Förster nieder und bepflanzten alles mit Wald. Somit
ist der Ort verschwunden, wird aber immer noch amtlich weiter- geführt.
** Das neue Eisenbahndirektionsgebäude in F r a n k f u r t n. M. Im Jahre 1874 bezog die Eisenüahndirektion das Verwaltungsgebäude in Sachsenhausen an der Hcdderichstraße. Etwa 250 Beamte wurden in dem Gebäude untergcbracht, das aber schon nach wenigen Jahren sich als zu klein erwies. Häuser, die eigentlich Beamtentvohnnngcn dienen sollten, mußten zu Dureauzwecken verwendet werden und in neuerer Zeit sind auch in gemieteten Gebäuden Bureaus untergebracht. Die Zahl der Beamten sich in der Zeit mehr als vcrdovpelt. Do ist es selbstverständlich, daß man seit einiger Zeit den Neubau eines Direktionsgebäudes erwogen hat. Es muß eine praktische Oage haben, und es ist von Bedeutung, wenn es in die Nähe des Frankfurter Hauvtverkehrswntrnms. des Hauptbahnhofs, zu stehen kommt. Der Eisenbahnfiskus besitzt am Hohenzollernplatz neben der Matthäuskirche Gelände, wozu noch ein kleiner Streifen von der Stadt eing^tauscht wurde. Dort wird sich das neue Direktionsiiebäudc erheben. Ein massiver, dreistöckiger Bau mit verschiedenen Junen Höfen ist geplant, daneben ein kleineres Gebäude, das die Dienstwohnung des Präsidenten enthält. Beide Tanten sind in der Hohe des ersten Stockwerks durch eine Brücke verbunden, lieber dem Hauptportal ist das größere tzstchäude vierstöckig vorgesehen und cs wird dort von einem kuvpelartigen Aufbau, den ein kleines Türmchen krönt, abgeschlossen. Als Baumaterial wird voraussichtlich Sandstein verwendet, über die Farbe ist noch keine Entscheidung getroffen. Als Bausumme sind etwa 2i'i Mill-onen Marl vorgesehen. In der nächsten Zeit werden die Ausschreibungen für das Gebäude erfolgen, sodaß wohl im Herbst mit den Grundarbeiten begonnen werden kann. Als Bauzeit sind vier Jahre in Aussicht genommen. Unter anderem ist ein großer Sitzungssaal vorgesehen, sodaß es fortan nicht mehr nötig sein wird, Konferenzen usw. in Räumen des Hauptbahnhofs abzuhalten. Hinter dem GcbäuüL bleibt genügend Raum, um einen eventuell nötigen Erweiterungsbau zu ermöglichen.
** An8 dem kurhessischen Oberhessen. Die Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Kassel hat von allen landwirtschaftlichen Behörden ihres Bezirks einen Bericht eingefordert, über alle die Landwirtsehaft angehenden Fragen in den letzten 5 Jahren. In einer am 12. Mai in Wetter abgehaltenen großen Landwirte-Versamm- tu n g wurde über diese für die fünf Kreise Marburg, Kirchhain, Ziegenhain, Frankenberg und Fritzlar nunmehr vorliegende Arbeit durch den Verfasser, Oekonomierat Direktor Dr. Hesse Bericht erstattet, dem folgendes zu entnehmen ist: Im Anschluß an eine ausführliche Betrachtung über die die Landwirtschaft bedingenden geologischen Verhältnisse, der Zusammensetzung der Ackerkrume usw. wird die Tatsache erwähnt, dcch sich die Zahl der kleineren Besitzer bedeutend vermehrt hat. Der Industriearbeiter strebt danach, sobald er Gelegenheit findet, unter allen Umständen für sich und die Seinen ein Stück Land zu erwerben und bezahlt dafür hohe Preise. Mit den Zusammenlegungen ist man fast überall sehr zufrieden, besonders, wenn für gute Wiesenbewässerung Sorge getragen ist. Bei Titel Verkehrsverhältnisse wird auf die Wichtigkeit 8er bereits gebauten rind noch in Angriff gc- nonunenen Eisenbahnen für denAbsatz der landwirtschaftlichen Produkte hingewiesen und dann hinzugefügt, daß sich ohnedies die Handelsverhältnisse in der Landwirtschaft verschoben haben. Der Landwirt verkauft seine Frucht, die jetzt ohne fremden Zusatz das denkbar beste Backmehl gibt, nicht mehr an die Bäcker, sondern an die Müller und an die Kornhäuser. Die Hohen Viehpreise haben eine Steigerung des Wertes aller sonstigen landwirtschaftlichen Produkte zur Folge; der Kauf- und Pachtwert des Grund und Bodens ist gestiegen und, was als bedauerlich bezeichnet wird, ein Mangel an Arbeitskräften zu verzeichnen. Vorteilhafte Einrichtungen sind die Marburger Obstverkaufs-Vermittlungsstelle und der Frühjahrssaatmarkt. Im großen und ganzen gibt der Bericht ein Bild davon, daß die Landwirtschaft im kurhessischen Oberhessen sich in aufsteigender Entwicklung befindet. — lieber den gegenwärtigen Stand der Saaten berichten Vertreter aus den verschiedensten Teilen des Kreises nur gutes; Roggen und Weizen steht vorzüglich, ebenso auch Klee und Gras.
Wetzlar, 15. Mai. In de.- gestrigen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde mitgeteilt, daß der BezirDüus- schuß die dln leihe von 400 000 Mark für die im Stadt- vcrordnetcnbeschluß vom 15. März bestimmten Ausführungs-Arbeiten, Erwerbungen usw. genehmigt hat. Ter Bezirks-Aus- schuß verlangt jedoch, daß außer 3.8 Prozent Verzinsung nicht bloß für die Beschaffung des neuen Gasbehälters mit 50 000 Mk. eine in prvzcntige Tilgung ftattfinden soll, sondern für den ganzen Betrag der Anleihe eine 1] vrozentige Tilgung unter Hinzurechnung der durch die fortgesetzte Tilgung ersparten Zinsen vor- zusckreiben sei. Die Versammlung stimmte dem verlangten Tilgungssatz zu.^— Ferner wurde nach längerer Debatte mit allen gegen eine Stimme der Bau e ines städtischen Schlachthauses grundsätzlich beschlossen und der Bürgermeister ermächtigt, die nötigen Unterlagen dafür zu beschaffen. — Am Samstag abend gegen 9' , Uhr wurde ein helleuchtendes M e teor beobachtet, welches etwas oberhalb der alten Brücke in die L a hn nieder sank. sWetzl. Auz.i
** Dillenburg, 15. Mai. Dem „Begründer einer ge* ordneten Forstwirtschaft", dem Königlich Preußischen Oberlandforstmeister tzseorg Ludwig Hartig, soll hier an der ehemaligen! Forstschule eine Gedenktafel errichtet werden. — Hartig! wurde am 2. September 1764 zu Gladenbach geboren und studierte an der Universität Gießen Forstwissenschaft. Er kam 1786 als Forstmeister des Fürsten zu Solms-Bpaunfels nach Hungen, wo er ein Forsttehrinstitut begründete. 1797 wurde er Landfvrstmeister des Fürsten von Nassan-Oranien und verlegte seine Lehranstalt nach Dillenburg. Hier blieb er bis 1806, war dann bis 1811 Oberforstrat in Stuttgart und^trat hierauf als Oberlandsorstmeister in preußische Dienste. Seine Jorstlehranstalt ivurde mit der Universität Berlin in Verbindung« gebracht. Nach langer ersprießlicher Wirksamkeit starb er am 2. Februar 1837. Denkmäler besitzt er bereits im Kranichsteiner Wildpark bei Darmstadt, bei Gladenbach und auf dem Schurwald bei Hohenheim in Württemberg.
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