Nr. 114 Zweites Blatt
156. Jahrgang
Mittwoch 16. Mas 1906
Erscheint E-Nch mit Ausnahme des Sonntags.
Eie „Gießener LamllienblAter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der vrübl'ick« UnwerfuLtSdruckerei. 9L Sange. Stehe».
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Amtliche Nachrichten über Viehseuchen.
In zwei Gehöften zu Alsfeld ist die Schweineseuche amtlich festgestellt worden und über diese Gehöfte die Sperre verhängt.
In zwei Gehöften zu Nom rod (Kreis Alsfeld) ist die Schweineseuche amtlich sestgestellt worden und über diese Gehöfte die Sperre verhängt.
KekarmtmaHmig.
Wegen Vornahnic een Lianallsationsarbeiten wird die Westanlage zwischen Bahnhofstraße und der Unterführung der Main-Weser-Bahn bei Gellfuß von heute an bis auf weiteres für den Fährverkehr gesperrt.
Gießen, den 15. Mai 1906.
Großh. Polizeiamt Gießen. I. B.: Roth.
Der Arrr.ßentwurs der rujflschen Reichsduma, der in der Dumasitzung vom 15. Mai zur Beratung gelangte, lautet:
„Eure Majestät beliebte in der an die Volksvertreter gerichteten Rede den Entschluß auszudrückcn, die Institution unerschütterlich zu bewahren, durch welche das Volk berufen ist, die gesetzgeberische Gewalt im Verein mit dem Adonarchen zu verwirllichen. Die Reichsduma erblickt in dem feierlichen Ber- sprechen des Monarchen an das Volk das sichere Unterpfand der Festigung und Weiterentwicklung einer Ordnung der Gesetzgebung, ivelche den streng konstitutionellen Grundlage»» entsprich. Die Reichsduma ihrerseits wird alles daran setzen, die Grundlagen der Volksvertretung zu vervollkommnen und Eurer Majestät jedes die Volksvertretung betreffende Gesetz zur Bestätigung unterbreiten. Der Aufruf Eurer Majestät zur gemeinsamen Arbeit zum Nutzen der Heimat findet einen lebhaften Widerhall in den Herzen der Abgeordneten der Duma, deren Vertreter allen Klassen und Nationalitäten stmßlands angehören. Sie ist geeint in dem heißen Bestreben, Rußland zu erneuern und eine Staatsordnung zu schaffen aus der Grundlage des friedlichen Zusammenlebens aller und der festen Pfeiler bürgerlicher Freiheit. Die Duma hält es für ihre Pflicht, auf die Bedingungen hinzuweisen, unter denen das Land lebt und welche eine wahrhaft fruchtbringende Arbeit zur Wiederverjüngung der besten jttäfte deS Landes unmöglich machen. Das Land sah ein, daß der wundeste Punkt unseres Staatslebens die Eigenmächtigkeit der Beamten ist, tvelche ben Kaiser vom Volke trennen, und einstimmig erklärte das Land laut, daß die Erneuerung des Lebens nur nwglich sei auf den Grundlagen der Freiheit unter selbsttätiger Beteiligung des Volkes an der legislativen Gewalt und an der Kontrolle durch Exekutiv- gervalt. Euerer Majestät beliebte es, in dem Manifeste vom 30. Oktober von der Höhe des Thrones die feste Entschlossenheit kundzugeben, eben diese Grundlagen zur Basis der ferneren Gestaltung der Geschicke Rußlands zu madjen und das ganze russische Volk begrüßte mit begeistertem Ruf diese Botschaft. Dock) fck>on die ersten Tage der Freiheit waren durch schwere Prüfungen verdüstert, welchen das Land von denjenigen unterworfen wurde, die nock) immer dem Volke den Weg zum Kaiser verlegen, alle Grundlagen des Manifestes vom 30. Oktober mit Füßen treten und dabei das Land mit der Schmach von Hinrichtungen ohne Richterspruch und mit Ausschreitungen, Füsilierungen und Einkerkerungen bedecken. Die Spuren dieser Handlungstveise der Verwaltung sind in den letzten Monaten so tief in die Volksseele gedrungen, daß keine Beruhigung möglich ist, solange dem Volke nickst klar wird,' daß von nun an jede Gewalttätigkeit der Bc- l-ördeit untersagt ist, welche den Namen Euerer Majestät als Deckmantel benutzen, solange die Minister unverantwortlich vor der Volksvertretung sind, und solange die ganze Verwaltung nicht erneuert wird. Nur wenn die Minister vor dem Volke verantwortlich gemacht werden, kann in den Gemütern der Gedanke der vollen Unverantwortlichkeit des Monarchen Wurzel fassen, gjur ein das Vertrauen der Mehrheit der Duma genießendes Ministerium kann das Vertrauen zur Regierung sestigen. Nur bei solck>em Vertrauen ist eine ruhige und iwrmale Arbeit der Reick)sdi'ma möglich. Vor allem ist in Rußland notig, die Ausnahmegesetze betreffend den verstärkten Sckfutz und den Kriegszustand außer Kraft zu setzen, unter deren Schutz sich bie Eigenmächtigkeit unb UnverantwortlickMt der Beamten besonders entwickelte und noch in bie Erscheinung tritt. Gleichzeitig müssen sich die Grundlagen von der Verantwortlichkeit der Verwaltung vor den Volksvertretern cinbürgeru. Für eine fruchtbare Tätigkeit der Reick)sduma ist die Durchführung der Grundlage einer wahren Volksvertretung erforderlich, welche darin besteht, daß nur bie Einigkeit des Monarchen mi£ dem Volk bie Quelle der gesetzgebenden Gelvalt sei. Jede Scheidewand zwischen Kaiser und Volk muß befestigt werden. Auck) darf kein Gebiet der Gesetzgebung bestehen, ivclckies stets verschloßen wäre der Freiheit der Revision durch die Volksvertretung im Verein mit dem 9Nouarchen. Die Reichsduma hält es für ihre Pflicht, Eurer Majestät namens des Volkes zu erklären, daß das ganze Volk mit aller Kraft der Begeisterung und im wahren Glauben an das nahe Aufblühen der Heimat das schöpferische Werk der Erneuerung des Lebens vollführen mirb, wenn zwischen ihm und dem Thron nicht der N e i ch sr a t steht, der sich ans ernannten Würdenträgern und aus von den höchsten Klassen der Bevölkerung gewählten Mstgliedern zusammensetzt, und wenn der gesetzaeberisck>eii Kompetenz d.s Volkes nicht durch betonbere Gesetze Grenzen gesteckt sind. Im Bereiche der ihr bevorstehenden gesekaeberischen Tätigkeit erachtet es die Duma als umimgängtich notwendig, das Volk durch genaue Gesetze sicher zu stellen. Unantastbarkeit der Personen, Freiheit des ©e? wissens, des Wortes, der Prelle, der Vereine, der Versammlungen und der Ausstände, das sind bie Grundlagen, ivelche schon das Manifest vom 30. Oktober ge- leqt hat unb ohne bie eine Reform ber fozialen Verhaltniste unbenEbar ist. Die Dunta geht von ber unerschütterlichen lieber- Seugung aus, baß weder die Freiheit noch die Ordnung befestigt werden kann ohne die Gleichhest aller Burger vor dem Gcfetz. Daher wird bie Duma ein Gesetz ausarbeiten, nach dem alle Bürger gleichberechtigt sind und gleichzeitig alle ständischen, nationalen unb religiösen Vorrechte aufgehoben werben. Bestrebt, das Land von ber abminiftrtiöen Bevormunbaung zu befreien, und die Beschränkung der bürgerlick)en Rechte ausschließ- Ud) den Gerichten überlassend, erklärt die Duma die To^sstrafe auch nicht auf Grundlage eines richterlichen Spruches für zulässig. Sie häU sich berechtigt zu erklären, daß sie damit ben einmütigen Bestrebungen ber ganzen Bevölkerung Ausdruck verleiht. Die Klarstellung der Be dür fnisse der Landbevölkerung und entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen bilden die nächste Aufgabe der Duma. Die bäuerliche Bevölkerung harrt ungeduldig auf Befriedigung der Llgrarbedurfnisse. Die erste Reichsduma würde nicht iljrc Pflicht erfüllen, wenn sie nicht -rin Gesetz schüfe zur Befriedigung biefer Seburnnffc mit Hilfe der Kronapanagen, ber Klosterländer und durch zwangsweise Enteignung ber Landgrundbesitzer. Tie Duma Hft ej auch für pattpenbig, tin Gesetz zu schaffen, welches bie Gleichberechtigung
willigen Maurern kam es gestern abend zu großen Raufereien. Die Ausständigen zerstörten die Mauern mehrerer im Bau begriffenen Schulen und zogen mit den roten Syndikatsfahnen unter Msingen revolutionärer Lieder durch die Stadt. Die Gendarmerie verhaftete 15 Ruhestörer und entriß denselben vier Fahnen. Der Präfekt gab die Fahnen jedoch dem Syndikat zurück.
Aus SiaOt uno tLatiO*
Gießen, den 16. Mai.
*♦ Konzertbericht. Wieviel in unserer Musenstadt an geistiger Regsamkeit vorhanden ist, die, ohne sich aufdringlich und breit zu machen, Schönes erzielt, zeigte das am letzten SamStag vor geladenem Publikum abgehaltene Konzert der Gießener Musikdilettantenoereinigung. Nachdem seinerzeit das „Daxkonzert" sich mit seinen ausschließlich studentischen Mitgliedern im Dienst der Wohltätigkeit so gut bewahrt hatte, bildete sich unter dem Patronat eines Mü- bürgers unserer Stadt ein Orchester, das — mehr aus bürgerlichen Mitgliedern zusammengesetzt — in wöchentlichen ungezwungenen Hebungen sich stets vervollkommnet und Hohes zu leisten verspricht. Das Programm des diesmaligen (zweiten) Konzertabends gab eine reiche Abwechslung zwischen gediegener und Unterhaltungsmusik. Die Ausführung stellte die Erivart- ungen des mit den Leistungen des Orchesters noch nicht Vertrauten weit in den Schatten; denn es sind Kräfte unter den Mitwirkenden, für die die Bezeichnung „Dilettant" bescheiden klingt. Die klassischen Einlagen des Quartetts und das Violinsolo verdienten den ihnen reichlich gespendeten Beifall vollauf. Das Können des Orchesters fand überhaupt bie verdiente Anerkennung des Publikums. Ein sich anschließendes flottes Tänzchen erhöhte den Wunsch aller Teilnehmer, daß recht bald eine neue Kunstprobe der Musikdilettanten- oereinigung veranstaltet werden möge.
•• Der Heilstättenverein für das Groß- herzogt um Hessen hielt gestern mittag im Sitzungssaale der Landesversicherungsanstalt zu Darmstadt seine Generalversammlung ab. Im Saale uud den Nebenräumen war eine kleine interessante Aufstellung von Karten und Plänen arrangiert, welche über den Stand der Verbreitung der Tuberkulose 3c. in übersichtlicher Weise informiert. Die Ausstellung soll als Wander-Tuberkulose-Ausstellung für Hessen erweitert werden. Der Vorsitzende, Geh. Re- gierungSrat Dr. Dietz, wies auf die Wichtigkeit der Ausstellung hin, aus welcher man die freudige Ueberzeugung schöpfen könne, daß die Heilung Tuberkulosekranker immer mehr fortschreite und die Zahl der Sterbefälle an dieser Krank- heit sich immer mehr vermindere. Bei Erstattung des Geschäftsberichts des verflossenen Jahres erwähnte der Vorsitzende als wichtigstes Ereignis die am 30. September 0. Is. erfolgte Eröffnung der nenen Eleonoren - Heilstätte bei Winterkasten, die mit 32 Kranken eröffnet wurde, während jetzt alle 84 Betten besetzt sind. Von den Kranken konnten 79,5 Proz. als erfolgreich behandelt entlasten werden. Die Mitgliederzahl des Vereins ist leider um über 100 auf 1576 zurückgegangen, doch haben die Beiträge etwas zugenommen. Nach der Rechnungsablage für 1905 betrug daS Reinvermögen 138 318 Mk. Der Voranschlag für 1906 balanciert in Einnahme und Ausgabe mit 123 000 Mk. Nach Genehmigung einiger Statutenabänderungen erfolgte die Neuwahl des AuS- schustes. An Stelle deS Dr. Sell in Reichelsheim wurde Medizinalrat Dr. Groß-Bensheim und an Stelle des Kreis- ratS Wallau Medizinalrat Dr. Haberkorn-Gießen ge- wählt. Sämtliche übrigen Mitglieder wurden wiedergewählt.
*• $om Vogelsberger Höhenklub. Die Hauptversammlung des Gesamtvereins ist auf Sonntag, 27. 9)1 a i d. Is. anberaumt, und findet zur Feier des 25jahrigen Bestehens des Vereins auf dem Hoherodskopi statt. Aus der Tagesordnung ist Hervorxuheben: der Antrag des Zweigvereins Taufstein zu Gießen auf Bewilligung eines Zuschusses von 300 Mk. für die Ausmöblierung des neuerbauten Schlafzimmers im Dachstock des Klubhauses; Uebcrgabe des von dem Zweigverein Taufstein ansgeführten Ausbaues der Vorhalle im Klubhaus an den Gesamtverein; die Anträge des Zweigsvereins Herchenham, ihm wegen des bevorstehenden Turmbaues auf der Herchen- hainerHöhe auf die Dauer von 10 Jahren eine Jahresunter- slutzung von 200 Mk. gewahren zu wollen, wogegen sich der Zweigverein verpflichtet, für sämtliche Reparaturen an dem Turme aufzukommen und nach dieser Zeit den Turm als Eigentum dem Hauptoerein zu übergeben; ferner bittet der gleiche Zweigverein, im Kreise der Sektion Sammellisten für freiwillige Gaben für diesen „Ernst Ludwig-Turm" m Umlauf zu setzen und diese dann an den Rechner Lehrer Schaaf einzusenden; Antrag des Gesamtvereins den noch sehlenden Betrag von etwa 1000 Mk. für den Bismarckturm auf dem Taufstein durch Ausgabe von Anteilscheinen zu genehmigen. Ein gemeinsames Mittagessen, trockenes Gedeck 2,50 Alk. wird um 1 Uhr im Klubhaus abgehallen, worauf ein gemeinschaftlicher Spaziergang nach dem Taufstein unternommen wird. Der Vorstand des Gesamtvereins ladet zu zahlreichem Besuche ein.
△ Butzbach, 15. Mai. In ber gestrigen Generalversammlung des „Gemeinnützigen Bauvereins" wurde der Beschluß des Vorstandes bekanntgegeben, der geplanten Sanierung der Sparkasse, G. m. b. H. zu- zu st im men. Der Vorstand erklärte weiter, daß er im Prinzip nie Gegner einer Sanierung gewesen fei, er erblickt lediglich aber darin ein unkorrektes Verhalten der Sparkaste, daß diese einer anderen Genossenschaft eine Einlage ungekürzt zurückerstattet habe. Das Weiterbestehen der Sparkasse gilt jetzt als gesichert. — Bei dem gestern von einem Fuhrwerk überfahrenen Greis ist die Besinnung nur zeitweise wieder zurückgekehrt. Den Fuhrmann soll an dem Unfall keine Schuld treffen, da der schwerhörige alte Mann direkt in daS Fuhrwerk hinemlief.
fc Ziegenhain, 15. Mai. In Rupperhausen wollte der 22jährige Sohn der Witwe Hämel einen alten Vorderlader, in dem ein Schuß steckte, abschießen. Die Waffe zersprang und verletzte Hämel an Händen und Beinen schwer.
Frankreich.
Paris, 15. Mai. Den heutigen Ministerrat beschäftigten verschiedene Reformen, welche die Regierung der strnnmer int Laufe der nächsten Legislaturperiode vor- zuschlageu gedenkt. Unter den Reformen befindet sich auch die Einfichrnng der Einkommensteuer. Der Finanzminister erhielt den Auftrag, einen Entwurf auszuarbeiten, ber der Kammer in der nächsten Session zugehen soll.
Der,/Ämlois" will wissen, daß der kürzlich zum Senator gewählte General res ident von Tunis, Pichon, dieseu Posten aufgeben wolle. Ms sein Nachfolger werde der frühere Finanzminister Merlou genannt.
Das Gerücht, daß Do um er sich nicht mehr um die Kammerpräsidentschaft bewerben werde, da seine Kandidatur ohnehin aussichtslos sei, wird bestätigt. Es. wird hinzugefiigt, Doumer hätte schon seit langem die Absicht, von neuem eine aktive politische Rolle zu spielen.
Der ,Kclair" veröffentlicht ein an den Ordensrat des ,Mwß Orient" gerichtetes Rundschreiben der Freimaurerloge „Avenir", in welchem diese verlangt, daß ihrem Mitgliede, dem früheren Haupttnann Mollin, der im Jahre 1903 infolge der Auskunstszettelangelegenheit von dem damaligen Kriegsminister Andre gezwungen wurde, seine Entlassung zu nehmen, die seinerzeit versprochene Entschädigung gewährt und zum mindesten eine Zioilanstellung gegeben werde. Der „Eclair" hat dies Rundschreiben durch Vermittlung der von dem Major Driand gegründeten Antifteimaurerliga erhalten.
Toulon, 14. Mai, Zwischen ausständigen und arbeits-
ber Bauern bestätigt unb sie van Druck, Willkür unb Verwund- schafl befreit. Für ebenso unaufschiebbar hält die Duma die Besriedigung der Bedürfnisse der Arbeiterklassen. Der erste Schritt aus diesem Wege muß die Sicherstellung der Orga- nisativnsfreiheii aller Arbeiter sein behufs Selbsttätigkeit zur Hebung ihres geistigen und materiellen Wohlstandes. Auch die Hebung der VolkSaufklärung sttllt sich der Duma als Aufgabe dar. Auch hält die Duma cs für nötig, unter den unaufschiebbaren Ausgaben auch die Entscheidung der Frage über die Befriedigung längst reifer Forderung:n der einzclnm Natio- naliläien aufzufuhren. Rußland stellt einen von vielen Stämmen und Nationalitäten bevölkerten Staat dar. Die geistige Einigung aller dieser ist nur möglich bei Befriedigung der Bedürfnisse eines jeden von ihnen in der Art, daß dabei die Eigenartigkeit einzelner Seiten ihres Lebens gewahrt und entwicalt wird. Die Duma wird für eine weitgehende Befriedigung dieser gerechten Bedürfnisse Sorge tragen.
Majestät! An der Schwelle unserer gesamten Arbeit steht eine die Seele jedes Volkes erregende Frage, welche auch uns Volksvertreter erregt und uns verhindert, in Ruhe den ersten Schritt unserer gesetzgeberischen Tätigkeit zu tun. DaS erste Wort, welches in der Duma erschallte und mit den Sympathic- rnfen der ganzen Versammlung ausgenommen wurde, es war das Wort Amnestie! Das Land lechzt nach voller politischer Amnestie die eine Forderung deS Volksempfindens ist und die nicht versagt und deren Erfüllung nicht verzögert werden darf! Die Duma erwartet von Eurer Majestät volle politische Amnestie alS erstes Unterpfand gegenseitigen Verständnisses unb gegenseitiger Uebereinstimmu-g zwischen Kaiser unb Volk!".
Das Programm der neuen österreichischen Regierung.
Wien, 15. Mai.
Ministerpräsident Prinz zu Hohenlohe-Schil- lingssürst betonte int Abgeordnettnhause, den 1. Punkt seines Negierungsprogramms bilde die Wahlresorm, wodurch dem Grundsätze Geltung verschafft werden solle, daß gleiche Pflichten gleichen Rechten gegenüber stehen. (Beifall.) Die Negierung werde alles aufbieten, um dem Hause eine rasche Lösung der Wahlresorm zu erleichtern, die nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden werde und gegen welche jeder Widerstand vergeblich sei, weil in ihr die Staats- nokwendigieit und das öffentliche Nechtsbewußtsein zu einem gemeinsamen Ziele verbunden seien. Der Ministerpräsident, der jedes nationale Empfinden schätzt, glaubt, daß sich das starke nationale Bewußtsein mit der staatlichen Treue vereinigen läßt, darum wolle auch die Regierung durch die Wahlreform die nationalen Parteien nicht zurückdrängen. Die Wahlreform sei nicht nur eine Forderung der Gerechtigkeit, nicht nur ein Erfordernis des Parlamentarismus, sie solle auch das nationale Friedenswerk in Oesterreich begründen oder tvesentlich dazu bei- tragen. (Beifall.) Sei es einmal gelungen, auf dem Gebiete des Wahlrechts eine Einigung zu erzielen, so sei die Hoffnung gestattet, daß diese Verständigung auch aus allen anderen vom nationalen Gesichtspunkte beeinflußten Gebieten möglich sein werde. Auf das Verhälttiis zu Ungarn übergehend, sagt der Ministerpräsident: Ich glaube, die Wiederherstellung des parlamentarischen Verhältnisses zu Ungarn sei mit Sympathie zu begrüßen. Ich glaube, es wäre für beide Reichsteile von den segensreichsten Folgen, wenn die Ungennßheit und Unsicherheit in den gegenseitigen Beziehungen verschwände und an Stelle der fortwährenden Verordnungen eine dauernde Ordnung träte. In dieser Beziehung bestehe zwischen den beiden Regierungen Uebereinsttmmung. Die Regierung sei bereit, in Verhandlungen einzutreten, um über den ganzen Komplex von Fragen, die mit Rücksicht auf die Sachlage noch als offen betrachtet werden könnten, eine Verständigung zu versuchen und eine den beiderseitigen Interessen entsprechende Gestaltung des Verhältnisses zwischen den beiden Reichshälsten anzubahneu. Die Regierung werde in allen diesen Fragen in steter Fühlung mit dem Reichsrat bleiben, kerne Entscheidung ohne ihn treffen, sowie bei den Verhandlungen die Interessen Oesterreichs mit größter Tatkraft vertreten. Was die innere Verwaltung betrifft, so wird die Regierung allen berechtigten Wünschen entgegenkvmmen und ttachten, die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse aller Nationen kennen zu lernen und dieselben zu beftiedigen.
Auf Anttag Herzogs beschließt das Haus mit 149 gegen 108 Stimmen, in der nächsten Sitzung die Debatte über die Erklärung der Regierung hu eröffnen. Hierauf verhandelt das Hans über den Dringlichkeitsantrag der Alldeutschen, betreffend die ungarische Frage. Nach Ablehnung diejes Dringlichkeitsantrages der Alldeutschen mit Erledigung der Jmmunitatsangelegenheiten, die auf der Tagesordnung standen, vertagt sich das Haus bis Freitag.


