Wendstern, dnZ zarmteil buliamfdjer; zumteil' sedimentärer Art ist und steraLe hierdurch seine Eigenart Hut. An Hand Von Tafeln und angesichts des MeiLerges, des Ketzberges, des Diinsberges ustv. sprach Prof. Dr., Kaiser fesselnd über die Entstehung dieser Berge. Er wies auf den Vesuv hin, dessen analoge Tätigkeit bis in die Gegenwart reiche, während hier die vulkanischen Kräfte schon seit Urzeiten erloschen seien. Die Berge seien in der vulkanischen Zeit ungleich höher gewesen und später durch Wasser abgetragen worden, wobei die Lava sich aufgelöst und im Laufe der Zeit in Lehm verwandelt habe. Nach der Eiszeit hätten die Fluten des Süßwassersees weiter an der Abtragung der Lava gewirkt, sodaß die ursprünglich tiefen Krater, die feste basaltähnliche Masse, jetzt als hohe Berge emporragten. Als dann der See ab geflossen und die Lahn sich gebildet hätte, die aber nicht ihren heutigen Weg an Limburg vorbei zum Rhein, sondern an Friedberg vorbei zum Main genommen habe, hätte sich die Kies- ablagerung gebiDet, die man in den Gruben des Werkes in Äbendstern vor sich sehe. Dann sei später die Steppenlandschaft entstanden, die Lahn habe ihren Lauf zum Rhein genommen und hierdurch eine neue, tiefere Kiesablagerung hergestellt. Die am tiefsten liegende Kiesablagerung bilde das heutige Lahnbett, sodaß man vier Lehm- und drei Kiesschichten vor sich habe, die auf dem Urgestein lagern. Es sei das Verdienst des Herrn Gabriel, dies durch seine Schürf- und Bohrarbeiten fcstgestellt zu haben. Bergwerks- direktvr Ansorge in Köln wies später iin Restaurant Abendstern, wo Herr Gabriel seine Gäste in liebenswürdigster Weise bewirtete, darauf hin, daß der Abendstern der Phönix sei, der aus der Asche der Urzeit Steine für die Häuser der Zukunft herstelle. Die Tatkraft eines Mannes an den richtigen Rohstoff gestellt, lasse Werke wie der Abendstern entstehen. Er schätze aber auch Herrn Gabriel als Freund und zwar sowohl als persönlichen wie auch als bergmännischen. Herr Gabriel habe, wie dies auch aus dem gehörten Vortrag hervorgehe, auch bergmännisch gearbeitet und sich immer als ein warmer Freund des Erzbergbaues erwiesen. Sein Hoch galt Herrn Professor Dr. Kaiser, der es verstanden habe, in lichtvoller, fesselnder Weise,die Vorzeit und ihre geologischen Wandlungen bis auf den heutigen Tag vor Augen zu führen. —
Roch manche ernste und heitere Ansprache wurde gehalten und noch manches Hoch ausgcbracht, bis 8.33 das Zügle die FestteAnehmer wieder nach Gießen zurück fuhr, wo man sich trennte mit dem von Herzen kommenden Stufe: „Auf "Wiedersehen auf dem Äbendstern!"
Aus Stadt und Land.
Sprechstunden der Redaktion 11—1 Uhr Dorrn., 1.27—V28 Uhr abds. Gießen, 15. Okt. 1906.
• * In Audienz empfangen wurde am Samstag von S. K. H. dem Großherzog 11. A. Gymnasialdirektor Dr. Hensell von Gießen.
'* Vorn juristischen Studium. Tas Großh. Regierungsblatt veröffentlicht eine Großh. Verordnung, wonach die Zeitdauer des juristischen Studiums von 3 auf 3 1/2 Jahre erhöht wird. Wir werden aus die Verordnung noch näher zurückkommen.
* * Justiz-Personalien. S. K. H. der Großherzog haben den Landrichter bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen, Gustav B r ü c l, jum Landgcrichtsrat bei diesem Gericht ernannt, sowie den Amtsrichtern bei den Amtsgerichten Darmstadt I und Gießen, Richard Schudt und Eugen Funk den Charakter als Amtsgerichtsrat erteilt.
* • Ein Pist0lenduel fand gestern, wie wir von verschiedenen Seiten erfahren, im Gießener Stadtwalde zwischen einem Leutnant des in dem oslpr. Städtchen Rastcnburg garnisoniercnden Grenadier-Regiments Friedrich d. Gr. Rr. 4 und einem Studenten statt, der vom Wintersemester ab hier studiert. Das Duell verlief unblutig, der Offizier erhielt nur einen Streifschuß, der die Kleider traf. Die Veranlassung zu dem Duell bildete ein Wortwechsel im Ostseebad Heringsdorf, dessen eigentlicher Urheber ein Dritter war. Testen Name konnte nicht festgestellt werden und infolgedessen fand das Duell zwischen den beiden weniger Beteiligten statt.
• * Die Landwirtschaftskammer wird nach einer halbamtlichen Mitteilung der „Darrnst. 31g.* zu ihrer Konstituierung von der Regierung auf Samstag, den 20. d. M., vormittags 11 Uhr, in den Sitzungssaal der zweiten Kammer einberufen worden. — Gestern hatten sich die oberhessischen Mitglieder der Landwirtschaftskammer im Hotel Vietoria hier versammelt, um über die Präsidentenwahl schlüssig zu werden. Nach längerer eingehender Besprechung kam man einstimmig zu folgenden Be schlässen: Als erster Präsident kann nur der Präsident der zweiten Kammer, Geh. Nc- gierungsrat Haa s in Frage kommen. Als zweiten Präsidenten beschloß man ebenfalls mit Einstimmigkeit auf Antrag des Abg. Köhler-Langsdorf den Geh. Kommcrzienr. Frcih. v. H eyl in Worms vorzuschlagen. Dieser Vorschlag soll als Vertrauensvotum für Herrn v. Heyl gelten, der im Reichstag die Interessen des Bauernstandes vertreten und sich dadurch große Verdienste um diesen erworben habe, sodaß die oberhcssischen Abgeordneten gerne zu seinen Gunsten auf den zweiten Präsidialsitz verzichten. Hervorzuheben ist, daß dieser Vorschlag ohne vorheriges Einvernehmen mit Herrn v. Heyl gemacht wurde. In der Besprechung wurde besonders zum Ausdruck gebracht, daß nun endlich der Moment gekommen sei, in welchem den hessischen Landwirten der Wunsch in Erfüllung gehe, den sie zur würdigen Vertretung ihrer Standesinteressen gehegt haben.
•* Buchdrucker-Versammlung. Vollzählig erschienen die Mitglieder des Orts-VercinS Typographia-Gießen (Verband der Deutschen Buchdrucker) zu der am Samstag abend abgehaltenen Versammlung, auf deren Tagesordnung die Stellungnahme zum neuen Tarif stand. Der Gehilfenvertreter des 3. Kreises, Dominö-Frankfurt, erstattete in einstündigem Referate Bericht über die in Berlin gepflogenen Verhandlungen. Der Bericht wurde mit großem Jntereste entgegengenommen und dem Redner wurde von den Anwesenden Dank zuteil. Im Allgemeinen war man mit dem Erzielten nicht einverstanden und nach einer längeren Diskussion wurde folgende Resolution angenommen:
„Die in Gießen tagende Versammlung stellt sich auf den Standpunkt, daß die Tarif-Abmachungen nicht den geivüuschten Ansprüchen der Mitgliedschaft entsprechen und setzt voraus, daß die lOprozeutige Erhöhung allen Gehilfen zuteil wird und daß der geforderte Lokalzuschlag von 12 ’/, Prozent entschieden zur Dlirch- führung gelangt."
•* Aus die Bekanntmachung im heutigen amtlichen Teil betr. die Verpflichtung der Hauseigentümer zum
Beleuchten der Treppenhäuser usw., seien die Jnterestenten hingewiesen.
*• Auf das Gastspiel von Dr. Franz Ferdinand und seinem Ensemble im Neuen Saalbau, das heute und morgen stattsindet, sei hiermit nochmals empfehlend hingewiesen. Das zur Darstellung kommende Drama von Sven Lange „Ein Verbrecher* ist äußerst spannend und seine Aufführung hat überall, wo es bis jetzt zur Darstellung gelangte, großes Interesse erregt.
— Der Landesrechneroerband für das Groß- Herzogtum hielt am Sonntag in Frankfurt seine diesjährige Generalversammlung ab, zu der über 120 Mitglieder aus ganz Hesien erschienen waren. Der Vorsitzende Herr Repdant Wo lfsch mitt-Schotten gab den Jahresbericht des Vorstandes bekannt, in dem er besonders darauf hinwies, daß man zur Hebung der Standesinteressen fortwährend tätig gewesen und infolgedesien ein Fürsorgegesetz für die Rechnerin Vorbereitung sei. Redner unterrichtet die Versammlung über die hierfür bei der Regierung und der Kammer geschehenen Schritte. Nebel-Dieburg gibt über die betr. Kammerberatungen Aufklärungen. Die Rechnungsablage er- giebt, daß ein Vermögen von 1500 Mk. vorhanden ist; dem Rechner wird Decharge erteilt. Der seitherige Vorstand wird wieder neugewählt. Mit einem Hoch auf S. K. H. den Großherzog wurde die Versammlung geschlossen.
"Von der Reform der Verwaltungsgesetze. In der SamStagSsitzung des Sonderausschusses für die Beratung der Verwaltungsgcsctzgebung wurde u. a. auch über das Gesetz betr. die Geineindebeamten verhandelt, man ist im Ausschuß davon überzeugt, daß eine recht baldige Regelung notwendig erscheint, doch ist man über die hierbei einzuschreitenden Wege verschiedener Auffassung. Von einer Seite wird die Schaffung eines Kreisstatutes vorgesehlageu. Auf Vorschlag des Abg. Reh-Alsfeld soll von feiten der Regierung eine schärfere Kontrolle über die Höhe der von den Gemeinden an die Beamten zu zahlenden Gehalte auSgeübt werden, damit diese sich auf angemessener Höhe halten. Ebenso wird vorgeschlageu, anstatt der bisher den Bürgermeistern unterstehenden Rcchnerstellen in Zukunft die sogen. Notschrei berste lle n als selbständige Gemeindebeaultenstellen zu schaffen.
•• Der Evangelische Jünglings- und Männcrverein feierte am Sonntag fein 19. Jahres- f c ft. Allerdings ist die Zahl der Mitglieder klein, so daß außerhalb wenig von der Existenz des Vereins zu merken ist. Aber doch waren eine stattliehe Zahl Freunde des Vereins erschienen. Ter Vorsitzende, Pfarrer Schwabe, führte in seiner Begrüßungsansprache aus, daß im Verein besonders das Wort Gottes gepflegt werde, daß aber auch Kunst und Wissenschaft, Spiel, Musik und Humor zu ihrem Rechte kämen, und wünschte für das neue Vereinsjahr, daß die Zahl der jüngeren Mitglieder sieh mehre und besonders auch, daß Männer sich dem Verein anfchlicßen möchten. Der Ver- bandspräses vom Verband der Jünglingsvereme im Großherzogtum Hessen, Pfarrer Bräß, ermunterte in seiner Festrede die Mitglieder zur regen Vereinsarbeit, damit der Verein ein Segen für Viele werde. Die Grüße deS Westdeutschen Jünglingsbundes überbrachte Bundesagent Wegner. Zur Verherrlichung der Feier trug auch der Klein-Lindener Posaunenchor bei, der einige Chöre vortrug und die Begleitung der Gesänge übernommen hatte, sowie einige Mitglieder, die die Festteilnehmer durch Deklamationen erfreuten. Der Feier schloß sich die Bewirtung der Gäste im Ernst- Ludwig-Hospiz an.
?. Schlitz, 14. Okt. Ein sehr beklagenswerter Unfall ereignete sich gestern in der Familie des Bierbrauereibefitzers Heinrich Gunirurn. Die junge Frau des G. wollte abends gegen 7 Uhr ihr etwa zweijähriges Töchterchen zur Ruhe bringen. Um Badewasser für das Kind 511 holen, begab sic sich nach der Küche, das Kind allein in dem Schlafzimmer zurücklassend. Jedenfalls hat sich nun das Kind an der Tischdecke zu schaffen gemacht, wodurch die auf dem Tische stehende Lampe herunterfiel. Wenige Minuten genügten, um das Zimmer in ein Flammenmeer zu verwandeln. Den Eltern gelang es noch mit Hilfe einiger Passanten, das Kind dem sicheren Tode zu entreißen. Der Brand wurde Dank der raschen Hilfe auf das Zimmer beschränkt, welches jedoch fast vollständig ausbrannte. Das bedauernswerte Geschöpfchcn, welchem Hände, Haare und Gesicht besonders schwer verbrannt sind, hofft man am Leben zu erhalten. Wieder eine Warnung, Kinder nicht allein bei Feuer und Licht zu lassen. — Zum Beige ordneten der Gemeinde Hutzdorf wurde gestern Gastwirt Heinrich Wink gewählt.
h. Frankfurt a. M., 13. Okt. Die 25jährige Haus» hälterin Frieda Schalter au§ Waldeck starb verflossene Nacht unter VergiftungSerscheinnngen. Man nimmt an, daß Verwechslung von Arznei die Ursache ist. Die Pulver imirbcn polizeilich beschlagnahmt und die Leiche zur gerichtlichen Sektion auf den Friedhof gebracht. — In der Dam*pfwäscherei Edelweiß entstand heute vormittag durch Unvorsichtigkeit des Chauffeurs beim Abfüllen von Benzin eine Exp losion. Die Flammen verbreiteten sich rasch über das Treppenhaus und einige Geschäftsräume. Der Feuerwehr gelang es rasch, den Brand zu bewältigen. Der Chauffeur erlitt einige Brandwunden. Der Schaden beläuft sich auf mehrere tausend Mark.
Homburg v. d. H., 14. Okt. Prinz Alexander Hohenlohe, der Herausgeber der Memoiren seines Vaters, war gestern hier und hatte mit dem Reichskanzler eine Besprechung. Abends reiste der Prinz wieder ab. Prinz Alexander soll bereits dem Statthalter der Reichslande sein En t lassu n gsgesuch eingereicht haben.
Vermischtes.
• Die ncueften Eise nbahnUnfälle. Am 13. d. Ms. entgleist en von dem Personenzuge Nr. 811 bei der Einfahrt in den Bahnhof Bommern (Wests.) fünf Personenwagen infolge Bruches der Weichenzunge. Verletzt wurde der im Zuge mitfatzrende Bahnmeister von Bommern. — Auf der Strecke Ilm en au-Groß-Bre iten bach entgleiste ein Zug mit neun Wagen. Von den Passagieren sind zwei Personen verletzt. — Am Sonntag ereignete sich noch ein Eisenbahnunglück bei Epernon (Frankreich). Ein Personenzug, der in dem Bahnhofe auf die Vorbeifahrt eines Expreßzuges wartete, wurde in dein Augenblick, als er auf
einem Nebengeleis heraussuhr, von einer einzelnen Lokomotive schräg angerannt. Neun Personen sind tot, 34 verletzt, darunter zwei sehr schwer. Zahlreiche Personen haben leichtere Verletzungen davon getragen.
* Kleine Tages chronik. In Plauen t. V., wurde gestern eine Frau mit ihrem IV2 jährigen Kinde von der elektrischen Str aßeub ahn überfahr en. Das Kind wurde sofort getötet. Die Frau, eine Witwe, erlitt schwere innere Verletzungen. Ihr Mann ist vor einem halben Jähre von der Eisenbahn überfahren worden. — In Hongkong geriet der Dampfer „HanLw" in Brand. Hunderte von chinesischen Passagieren kamen in den Flammen um. Die europ. Passagiere und die Mannschaft wurden gerettet; die wertvolle Ladung wurde vernichtet. — Ein Raubmord ist an einem Arbeiter-Invaliden in I ü t s e u d 0 r s bei Trebbin entdeckt worden. Dort wurde der 63 jährige Arbeiter Friedrich Balz in seinem Bett erschossen aufgefunden. Ein Geldbetrag und ein Sparkassenbuch! wurden in der arg verwüsteten Behausung von den Tatern geraubt, deren Spuren in Berlin verfolgt werden. — In Ne a - p e l hat sich in einem Anfalle von Geistesstörung der Schriftsteller Mario Giobbe durch einen Sturz aus dem Fenster getötet. — Am 12. d. M. setzte sich vom Fels-Massiv des Gr i m- ming im Enz t al ein bedeutender Felsblock gegen die Ortschaft Uuter-Grimming in Bewegung. Mit donnerähnlichem Gepolter stürzten zahlreiche mehr als mannshohe,Felsblöcke gegen die Ortschaft. Mächtige Bäume wurden wie Streichhölzer geknickt. Nur einem glücklichen Zufall ist es zu danken, daß die niederstürzenden Felsmassen ungefähr hundert Meter vor dem Ortseingang liegen blieben, sonst wäre die Ortschaft völlig zerstört worden.
Gießener Strafkammer.
)( Gießen, 12. Oktober.
Diebstahl und Sittlichkeitsverbrecheu.
Im verflossenen Sommer übernachtete der vielfach bestrafte Taglöhner St. W. B u r k h a r d s in einer Wirtschaft zu Friedberg, nachdem er kurz zuvor aus dein Zuchthaus entlassen worden war, wo er eine Strafe wegen Diebstahls verbüßt hatte. Als tim andern Morgen seinem Schlafkameraden das Portemonnaie mit etwa 14 Mark verschwunden war, wurde er als des Diebstahls verdächtig in Untersuchung gezogen und nach feiner Verhaftung in das hiesige Arresthaus verbracht. Er leugnete stets die Tat und benahm sich während feiner Internierung so renitent, daß er sich mehrere Disziplinarstrafen zuzog. Unter anderem stellte er sich entblößt auf den Tisch an das Fenster seiner Zelle und suchte die Aufmerksamkeit der im Justizgebäude befindlichen Putzfrauen auf sich zu lenken. Unter gleichen Umständen rief er den auf einer Wiese in der Nähe spielenden Mädchen zu, sodaß au seiner Handlungsweise Aergernis genommen wurde. Es erfolgte dieserhalb neben der Anklage des Diebstahls auch Anklage wegen Sittlichkeitsvergehens. Er leugnete den Diebstahl hartnäckig, weshalb wegen dieses Delikts Freispruch eintreten mußte, da die unzuverlässigen Angaben des Bestohlenen, der auch nicht einwandfrei erschien, zur Ueberführuug nicht ausreichten. Dagegen wurde er wegen des Sittlichkeitsvergehens, dessen er geständig war, zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten verurteilt, worauf 2 Monate der erlittenen Untersuchungshaft in Anrechnung kommen.
Der Fall Heinzerling.
Weiter verhandelte die Strafkammer gegen den Rechner K. H. von Butzbach, der wegen Untreue, Unterschlagung und Betrugs sich in Untersuchungshaft befindet. H. hatte neben dem Amte als Rechner des Sparkassevereins noch verschiedene Kassen zu verwalten; auch hatten ihn mehrere Privatleute zu ihrem Vermögensverwalter bestellt. Er genoß in alten Kreisen das größte Vertrauen und niemand hatte eine Ahnung von den großen Veruntreuungen, die er sich seit Jahren hatte zn schulden kommen lassen. Die Börsenspekulationen, bei denen er anfänglich Glück hatte, sollten ihn zum Verderben werden, denn nach kurzer Zeit waren die gewonnenen 200 000 Mark nebst seinem Vermögen und etwa 130 000 Mark, die er der Kasse entnommen halte, verspielt. In seiner Geldverlegenheit griff er auch zu betrügerischen Manipulationen. Einem mit ihm befreundeten Privatier schwindelte er vor, fein Bruder, der in Newyork krank im Spital liege, habe ihn um Geld angegangen; er wolle ihm einige Döllarscheine schicken, die aber vorher unterschrieben werden müssen. Er legt' dem gutgläubigen alten Freund einige zusammengelegte Wechsel vor, die er zweimal unter schreiben mußte. Dieser war aber wenig erbaut, als er in diesem Frühjahr um eine Wechselforderung von 4700 Mark angegangen wurde, die er bezahlen mußte. Auch dem während der Untersuchung verstorbenen. Präsidenten des Vereins spiegelte er vor, es sei nicht genügend Geld in der Kasse, worauf ihm dieser einige Wechsel unterschrieb, die er ebenfalls mit 4700 Mark einlösen mußte. Nachdem er früher die Unterschlagungen zugegeben hatte, berief er sich schon in der letzten Verhandlung auf Verjährung indem er angab, daß er seit dem Jahr 1900 mit gutem Erfolg spekuliert habe. Die von ihm feit dieser Zeit vorgeiwmmenen Manipulationen hätten nur den Zweck gehabt, das der Kasse entzogene Geld dieser wieder zuzuführen. Nach den Angaben der Zeugen und des Sachverständigen, der die Bücher revadcert hatte, ist dieses sehr unwahrscheinlich, zumal eine Reihe von ihm in dieser Zeit geschriebene Briese, deren Kopien zur Verlesung gelangten, von Klagen an Geldmangel strotzten. Daß er die Wechselunterschriften auf falsche Angaben hin erhalten hat, bestreitet er; ebenso beliefen sich die Unterschlagungen nicht auf 130 000, sondern höchstens auf 60 bis 70 000 Mark. Das frühere Zugeständnis versucht er auf Irrtümer und Mißverständnisse zurückzuführen, trotzdem er nicht bestreiten kann, daß die Protokolle ordnungsmäßig zustande gekommen sind. Nach Schluß der Beweisaufnahme erfolgte Vertagung auf Montag abend 6 Uhr.
lW.) Frankfurt a. M., 13. Okt. Nach dreitägiger Verhandlung verurteilte heute das Schwurgericht den Bauunternehmer Karl Held wegen betrügerischen Bankerotts und seinen Bruder Georg wegen Beihilfe dazu ohne mildernde Umstände zu je 21/2 Jahren Zuchthaus. Karl Held und der mit ihm arbeitende Philipp Reitzel, der sich im Laufe der Untersuchung erschoß, hatten im Avril ihre Zahlungen eingestellt, nachdem sie verschiedene Hypotl-eken für Helds Verwandte ohne Gegenleistung bestellt, Bargeld beseitigt und einzelne Gläubiger begünstigt hatten, sodaß zur Befriedigung der Bauhandwerker nichts übrig blieb. Georg Held hatte hohe Forderungen für Bauleitung und Vermittlergebühr geltend gemacht. Seine mit- angettagte Frau wurde freigesprochen. — Am Morgen des 10. September saß ein Hausbursche im Wartesaal des hiesigen Hauptbahnhofes und sah, wie sein Nachbar ein Zwei Pfennigstück in die Tasche steckte. Vorsichtig machte er sich heran und entwendete das Geld. Ec war hungrig und wollte sich ein Brötchen kaufen. Er wurde abgefaßt und stand gestern vor der Strafkammer. Trotz seiner 18 Jahre ist der Angeklagte schon etliche mal vorbestraft, sodaß das ©eridjt die Nückfallbestimmungen anwandte. Es erkannte mit Rücksicht auf den geringen Wert der
gestohlenen Sache auf die Mindeststrafe von drei Monaten
Gefängnis und rechnete^ dem Angeklagten zwei Wochen der Untersuchungshaft auf die Strafe an.
Hamburg, 13. Okt. Der verantwortliche Redakteur
des sozialdemokr. „Hamb. Echo", Waberski, tourbe wegen Majestätsbeleidigung, begangen durch einen Artikel über einen im Sommer vom Kaiser an den Bürgermeister Burkhardt aus Metz gesandten Cypressenzweig zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt.
Universitäts-Nachrichten.
0 Marburg, 14. Okt. In üblicher Weise fand heute vormittag in der Aula der Universität die feierliche Einführung! des ueugewählten Rektors für 1906/07, Prof. Dr. v. Spbel, in sein neues Amt statt. Nachdem die Chargierten der studentischen Korporationen mit ihren Fahnen eingezogen waren, begann


