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156. Jahrgang
Nr. 39 Zweites Blatt
Erschrmt ttgltd) mit Aufnahme des Sonntags.
Die ^Gießener LamlUenblätter" werben bem „Anreiaei otermal roödienrhcf) beiflelegL Der «Hrlstlchs Landwirt" erscheuu monatlich etnmaL
Donnerstag 15. Fevrmrr 1906
Rotationsdruck unb Verlag da Brübllckrar UntDerfUtHSbnidereL 9L Lang«, ©leben,
Redaktion, Expedtlion u. Druckerei Scbufstr t, Lei. Nr. ÖL L Lieg r.--Adr.; Anzeiger (fticßab
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
IM——■BJtanCTir.iwanatai—awmuiBg'aa— । n« i< i i nm । —nrorrei ■! ,, nm
politische Tagesschau.
Die neue Fahrkartcnstencr.
Mt der neuen Fahrkartensteuer hat die Mehrheit der iSteuertommiffton des Reichstag?, die für den Antrag des Offenbacher Abg. Tr. Becker stimmte, sehr präzis gerade das Unpopulärste gefunden, was sich finden ließ! Die Oeffentlichkeit ruft nach billiger Personenbeförderung, die preußischen Eisenbahntarifreformvorschläge begegnen dem heftigsten Widerstand — und nun beschließt die Steuerkommission eine ungeheuerliche Erhöhung der Fahrpreise durch die prozentualen Zuschläge a u f den Kilometer. Es ist unbegreiflich, hrie von liberaler Seite ein solcher Antrag gestellt werden konnte, der weit hinausgeht über den von der Regierung gewünschten festen Stempel auf die Karten. Wenn von konservativer Seite die Anregung gegeben worden wäre zu einer derartigen unerträglichen Verkehrsbelastung, man hätte mit Recht vermutet, daß auf diesem Umwege der sog. Eisenbahn- Bagabondage ein Riegel vorgeschoben werden sollte. Da auch für den Nahverkehr ein Aufschlag eintreten soll, so bedeutet das auch für Arb eiter, die aus Vororten, z. B. aus Lollar, Großen-Linden, Rödgen, Dutenhofen, Garbenteich usw. täglich nach Gießen zur Arbeitsstätte fahren, besonders aber für Arbeiterfamilien von fünf oder sechs Köpfen eine unerscbwin gliche Mehrbelastung von 10—20 Pfg. und mehr pro Kopf uud Karte! Ist das etwa die Schonung der schwachen Schultern? Ist es wohlgetan, die Möglichkeit einer Erholung in frischer Luft den wenig Besitzenden z u beschranken? Wir können kaum anders annehmen, als daß die Folgen dieser Fahrkartensteuer nicht reiflich genug erwogen worden sind. Ob bei der Steuer über fünfzig Millionen herauskommen, das kann nicht über die tiefe Unzufriedenheit Hinwegtäuschen, die eine solche Belastung Hervorrufen müßte. In der Steuerkommission haben die Vertreter aller größeren Regierungen sich gegen den Antrag Dr. Beckers erklärt, der einen Rückgang der Eisenbahneinnahmen herbeiführen würde, hoffentlich bleiben die Rc gierun gen fest in ihrem Wider stand. Tas Publikum aber kann nicht rasch und energisch genug gegen die ihr zugemutete Bürde Einspruch erheben.
Deutschsüdwcstafrika.
Berlin, 14. Febr. (Amtlich.) Teile der Ersatzkom- Hagnie 1 a unter Oberleutnant Barlach hoben am 5. Februar bei Huams, 80 .Kilometer westlich von Gibeon, eine 20 Köpfe starke Werft Hereros und Hottentotten, die sich von Cornelius getrennt hatte, auf. Tie Gefangenen sagten aus, daß der Herero kapitän Andreas, der im Frühjahr und Sommer 1905 die Komas Berge und das Vastardland unsicher gemacht harte, im Tirasgebirge gefallen wäre Cornelius soll nach Kundschafternachrichten im Schwarzrand südlich von Huams sitzen. Hauptmann Volkmann geht mit der 4. und 5. Kompagnie des Regiments 2 von Kunjas, Haup'mann Buchholz mit Teilen der ErsatzkompaHnie 1 a, der 2. Ersatzkompagnie und der 4. Etappenkompagnie von Grootfontein gegen Cornelius vor. Im Südbezir? wurde am 7. Februar eine Patrouille bei Eendoern, 30 Kilometer südwestlich von Warmbad von Hottentotten umzingelt, wobei Leutnant Bender, fünf Reiter und ein Bur fielen. Dieser Offizier und seine Mannschaften hatten sich mehrfach besonders durch kühne Aufklärungsritte ausgezeichnet. Am 9. Februar stellte eine Patrouille unter Leutnant Cleve stärkere feindliche Kräfte bei Arou fest. Das Hauptquartier marschierte mit der 2. Kompagnie des Regts. 2 am 12. Februar von Keel- manshoop nach Kalkfontein (Sued) ab, während die 3. Kompagnie des Regts. 2 von dort nach Warmbad rückte. — Der Ablösungstransport (600 Köpfe) ab Hamburg am 18. Januar 1906 ist am 11. Februar in Lüheritzbucht einge-
Hamburg, 14. Febr. Mit dem Dampfer „Kronprinz" trafen heute die drei Rädelsführer des im vorigen Sommer in Windhuk verhafteten, bekannten Bureukomplottes ein, die Buren Mathias Botha, van Selyveld und Heinrich Müller. Sie wurden vom Bezirksgericht in Windhuk zu 5 fbis' 6 Zähren Gefängnis verurteilt und sollen in Preußen die Strafe verbüßen. In ihrer Begleitung befand sich noch ein anderer Bur, der wegen Sittlichkeits- Verbrechens zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war.
Deutsches Ne ich.
Kie(, 14. Febr. Ter Kaiser trifft morgen nachmittag hier ein unb begibt sich von hier nach Ko pen Hagen.
Berlin, 14. Febr. Heute hat Graf Posadowsky bie Heimarbeiter.Ausstellung besucht. Er wies daraus hin.^daß es für die Regierung von großer Wichtigkeit bei der Suche nach Abhilfe-Maßnahmen sein muffe, die Arbeitslöhne mit den Verkaufspreisen zu vergleiche n unb zu wissen, wie sich der Verkaufspreis zu den Herstellungskosten 20. stelle.
— In den letzten Tagen trat die Nachricht auf, daß die „Staa tsbü rgerztg." vom Verlage der „Post" auf- gekauft worden sei, um mit ihr vom 1. April ab verschmolzen ,;u werden. Doch ist bie" Mitteilung aus den Fingern gesogen. Allerdings ist die „Staatsburgerztg.* in andere Hände lübergegangen, aber in die des früheren Hofpredigers Reichs- ttagsabg. Dr. Stöcker, der dieselbe im christlich-sozialen Sinne fortfuhren und ausbauen will. Wie weit eine Verschmelzung mit dem gleichfalls christlich-sozialen, hauptsächlich vom Abg. Dr. Burckhardt und von dem Lizentiaten Mumm geleiteten »Reich* statlfinden soll, läßt sich noch nicht feststellen.
— In Schwerin wurde die mecklenburgische Ansiedelung?-Aktiengesellschaft mit einer Million Mark Grundkapital gebildet zwecks Bildung und Besiede- liung des mittleren und kleineren Grundbesitzes.
* Metz, 14. Febr. Ter Gouverneur General der Kavallerie v. Hageuow ist heute an Lungenentzündung Detzorbev-
Prcußischcs Abgeordnetenhaus.
Berlin, 14. Febr.
Die zweite Lesung dcS Ewts der Borg-, H'"'tten- und Salinen- beripiituna wird bei den Einnahmen fortgesetzt. — Abg. Kor- fanty (Pole): Die Vergarbeiterlöbne in Oberschlesien seien Hungerlohne. Die Beamten seien oft brutal, die Arbeitsordnungen höchst drakonisch und in ihrem Kvmpse gegen die Arbeiter- org"msationon bedienen sich bie Grubenverw^ltungen niedriger Waffen. — Präsident v. Kröcher ruft den Redner wegen der letzten Aeusrenmg zur Ordnung. — Nach weiterer längerer Debatte dankte Abg. Dr. Camp snl.) dem Minister dafür, daß er ein etwaiges K'alimonvpol nicht auf die Provinz Hannover ausdehnen will. Das Kalisyndikat solle mehr Rücksicht auf die Landwirte und die Landwirtschaftlick^en Genossenschaften nehmen. — Abg. Hovermann (nl.) bekämpft die Verteuerung des für den Landwirt wichtigen Kalis durch das Syndikat und schlagt vor, den Hamburger Großhandel für die K'aliausftchr zu interessieren.
Das Abgeordnetenhaus hat sodann den Etat der Berg-, Hütten- und Salinen-Derwaltung bewilligt und mit der zweiten Beratung des Etats der Handels- und Gewerbe-Verwaltung begonnen.
Chinesisches.
Dem „Echo de Clu'n" zufolge haben die amerikanischen Behörden von den Vizckönigen der Provinzen Kwingsi und Kwaug- f'lng die Zahlung von 50 000 Dollars eingefordert wegen der Ermordung nmerit Missionare. Tie chinesische Regierung ist geneigt, die Summe zu zahlen unter der Bedingung, daß die Kriegsschiffe zurückgezogen werden. Dasselbe Blatt berichtet weiter, daß die Franzosen von Annam sich in Verteidig- iingsmstand setzten, lieber 5000 Franzosen seien bereits nach der Küste geflüchtet, ba ein neuer Aufruhr befürchtet würde. In Futscheu fand eine Feuersbrunst statt, durch welche über 100 Häuser eingeäschert wurden. Banditen als Soldaten nerp,e:hct, plünderten die Wohnungen und verübten allerlei Repressalien.
LnrLaiineritarischcs.
* Berlin, 14. Febr. Die Steuerkommission des Reichstages hat heute die Automobil st euer nach einem nationalliberalen Anträge unter Ablehnung der Regierungsvorlage mit 15 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten bie Freisinnigen, Sozialdemokraten und Polen. Alsdann begann die Beratung der Quittungssteuer, wobei sich die Diskussion in Der Hauptsache um bie vom Zentrum vorgeschlagene Tantieme st euer brehte. Ter Sozialbem. Abg. Bernstein nannte bie Tantiemesteuer den ersten verschämten Versuch zu einer Reichseinkommensteuer, wogegen Schatzsekrcckär v. Stengel betonte, daß diese Steuer bie arbeitenden Klassen völlig frei lasse, weswegen man sich über den Widerspruch der Sozialdemokraten wundern müsse. Von linksstehender Seite wandte man sich gegen bie Vorschläge, insbesondere betonte Abg. '■Siem er (frf. Vp.), es sei unter diesen Umständen richtiger, gleich eine Reichö'inkommensterrer zu schassen. Beschlüsse wurden nicht gefaßt._________________
Auhlanü.
In Petersburg Drangen 12 maskierte und bis an die Zähne bewaffnete Individuen in bie Filiale derReichs- ban f ein, um bie dortige Kasse z u berauben. Ter Kassierer, sowie ein anwesender Polizeioffizier verteidigten die Kasse mit Revolvern. Einer der Räuber sowie der Offizier wurden getötet, des letzteren Frau schwer verletzt. Die Räuber mußten schließlich flüchten.
In Odessa wurden auf dem Alexanderprospekt drei in Zeitungspapier ein gewickelte Bomben gefunden. Zwöl Anarchisten wurden verhaftet.
In Kiew führte eine in der Khmelnitzkyschen Apotheke vorgenommene Haussuchung zur Entdeckung vieler revolutionärer Schriften unb 60 Tabletten Schießbaumwolle.
In ber Warschauer Zitadelle sollen bie Uni- versitätsprofessvren Spolski, Adler, Czerno unb Sambor erschossen worben sein.
In Wilna hat bas Kriegsgericht ben verhafteten Ko- rotki, der das Bombenattentat auf den Polizeimeister Kli- mowicz ausgefuhrt hat, zum Tode durch den Strang verurteilt.
In Riga verurteilte das Kriegsgericht zwei Personen wegen versuchter Ermordung von Kosaken zum Tode durch ben Strang. Zwei andere wurden wegen gewaltsamer Entwaffnung von Polizeibeamtcn ebenfalls zum Tode verurteilt. Am 14. drangen einige Leute in die Wohnung einer jüdischen Witwe ein, knebelwn die Dienerin, ermordeten bie Witwe unb plüuberteu die Wohnung. Sie brachten sich in Sicherheit.
Bei Prekuln (Kurland) wurde ein Piquet von sechs Dragonern von Bewaffneten angegriffen. Zwei Dragoner wurden verwundet. Auf Seiten der Angreifer wurde einer getötet In Hasenpot wurden von einer Militärabteilung vier Revolutionäre erschossen unb zwei gehängt.
Russ. Blätter behaupten, daß man wieder einmal in Finland zum Generalstreik schreiten werde. Der Helsingsorser Frauen-Arbeiterverein beschloß die Gründung einer Frauengarde, die für Proviant während des Streiks sorgen soll.
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Rach dem Bericht des Reichskontrolleurs betrugen bie russischen Kosten des ostasiatischen Krieges 1966 600 000 Rubel. Davon entfallen 840 Millionen auf das Jahr 1904, der Rest auf das Jahr 1905. Den größten Teil des Kostenbetrages des Jahres 1905 bilden Auslagen für die Vorbereitung, Abfertigung und Fahrt des Roschdjest- wenski-Geschwaders.
Während eines Vortrages int Flotten verein zu Petersburg über die Seeschlacht bei Tsuschima erhob sich der Admiral Noschdjestwenski zu einer Entgegnung, in ber er ausführte: „Die Japaner haben ber Schlacht keine Unterseeboote gehabt, bagegen eine Art fliegender Torpedos, welche den Untergang der russischen Flotte mit herbeiführten. Wer am Untergang chuld ist, wird die Geschichte feststellen. Vielleicht bin ich ber Hauptschuldige, doch kann ich auch sagen, daß meine Mitadmiräle im gefährlichsten Augenblick der Schlacht versagten. Mir ist der Gedanke an die vielen auf dem Dteeresgründ liegenden Opfer furchtbar, doch schwöre iA daß keiner von der
untergegangenen russischen Mannschaft bestohlen wurde, wie der Neon er ausführte." Der Admiral brach bei diesen Worten in Tränen, ans.
Diaro lio.
Die ,Nordd. Allg. Ztg.* schreibt:
Die iraniosiickePresse fährt fort, firf) über bie Wolfffch» Depeiche ans Alaecirns vom 9. Februar aufzureaen. Aus Variier Privatbeveicben mehrerer Berliner Abendblö'Ner vom 13. Februar gewinnen wir ben Eindruck, baß die Pariser Presse aegen Windmühlen f i ch t. Co meldet der Pariser Korrespondent der „Boss. Zig.", eine Reihe Pariser Blätter schrieben von den „Lüaen Wolfis", aber behaupteten, es sei unwahr, daß Revoil eine Unterredung mit Radowitz gesucht habe; umgekehrt habe Radowitz die Begegnung gewünscht; auch sei der Vorschlag, die Bank» und die Volizei'rage zu verbinden, nicht von Revoil, sondern von Radowitz ausgegangen. An und für sich ist e5 höchst gleichgültig, von welcher Seite die Initiative zu vertraulichen Besprechungen ausgeganaen ist. Tie Delegierten sind ja dazu da, wenn möglich eine Verständigung herbeizuführen. In der Wolff'schen Devesche wurde lediglich behauptet, daß bie im Gange befindlichen vertraulichen Besprechungen über die Bankirage unterbrochen worden seien, da französischerieus nunmehr vorerst die vertrauliche Regelung der Volizellrage gewünscht wurde. Hinzugefügt war, daß bie deutschen Delegierten an der Anregung auf internationaler Basis tefthielten und die französischen Wünsche auf ein vollständiges llebergeroicht für Ausübung von Polizeibefugntssen in ganz Marokko ablehnen müßten. Mit diesen die tatsächliche Lage ohne Zweifel richtig schildernden Angaben wurde die in zahlreichen Havas-De- veschen aus Algeciras wiederkehrende Behauptung, daß bas Cchweigen der deutschen Delegierten am Stocken der Derhand* langen in den Hauptfragen schuld sei, bündig widerlegt.
Die sranzös. -offiziöse „Aqcnce HaoaS* sagt:
Der B e such, den p. Radowitz dem französischen Delegierten Reooil machte, hat nicht? a n der Lage geändert, da, wie man sagt, die dabei ausgetauschten Ansichten rein platonisch waren, und von keiner Seite irgend- einBorschlag gemacht wurde. Es weiß auch kein Mensch, ob die deutschen Delegierten endgiltige Instruktionen erhalten haben ober nicht. Ter Besuch bauerte zwar nur einige Minuten, rief aber trotzdem einen ausgezeichneten Eindruck hervor.
Wolfs Bureau erfährt hierzu, daß v. Radowitz eine längere Unterredung mit Revoil hatte, in der er nach den ihm erteilten Instruktionen den deutschen Vorschlag für die Polizeiorgantsation entwickelte.
Non anderer französischer Seite wird telegraphiert: Die Unterredung wird mit gewißen Bürgschaften für die europäischen Interessen in Zusammenhang gebracht, welche Frankreich zu geben bereit wäre, falls die Konferenz mit dem französischen Mandat in Fez und in drei atlantischen Häfen Marokkos einverstanden wäre. Im Prinzip wolle Frankreich a ne Hennen, daß durch die Neuordnung der Tinge die allgemeine und insbesondere Die ko mm erzielte Lage keiner fremden Macht Schaden leiden soll, das Programm der von Frankreich zu organisierenden Polizei vielmehr eng umgrenzt und jede ®c* fahr des Mißbrauchs ausgeschlossen werde.
Fast alle Sonderberichterstatter der italienischen Blätter in Algeciras bezeichnen die Verhandlungen als gescheit e r t. Die „Tribuna" meldet, Visconti Venosta wolle am 26. d§. Algeciras verlassen. Das Blatt teilt 'indessen nicht den Pessimismus seines Berichterstatters und will aus unterrichteter Quelle wissen, daß die Aussichten auf eine Ver- iländigung nicht völlig geschwunden seien und direkte Verhandlungen zwischen den Kabinetten gerade die Polizeifrage vielleicht lösen werden.
Aus Paris wird der Wiener „R. Fr. Pr." gemeldet, die dortigen Blätter nähmen mit Befriedigung Kenntnis von einer Kundgebung der ungar. Koalition, welche die »den Fri eden bedrohende, ungerechte und lärmende Haltung Deutschlands" in Algeciras verurteilt und laut erklärt, daß infolge des Bruchs zwischen Ungarn und der Dynastie die offiziellen Delegierten Oesterreich-Ungarns auf der Konferenz lediglich die dynastische Politik zum Ausdruck bringen. In Wien ist von einer solchen Kundgebung nichts bekannt. Es wird vielmehr heute von Wien aus folgendes verbreitet:
Die Meldung der französischen offiziösen Blätter, alle Mächte nähmen in Algeciras Stellung gegen Deutschland, stimmt, was Oesterrcich-Ungarn anbelangt, nicht. Oesterreich- Ungarn hat bisher den deutschen Standpunkt i n allen Stücken unterstützt und wird dies auch weiterhin tun. Tie Instruktionen an die Vertreter der Donau-Monarchie lauten ln dieser Hinsicht sehr entschieden.
Ferner ist recht bedeutungsvoll eine Auslassung der spanischen „Correspondcncia Militare", in der es u. a. heißt: Frankreich wolle Spanien militärisch und kommerziell lahm legen und als Ration annu liieren. Frankreich ziele ferner aus die vollständige Vernichtung der Unabhängigkeit Marokkos ab. Spaniens natürlicher Verbündeter sei Deutschland; dessen Forderung nach einer internationalen Polizei in Ma- - roffo entspreche der Achtung der Unabhängigkeit Marokkos unb verbürge am bellen die Aufrechterhaltung des inter» nationalen Gleichgewichts.
In den Londoner Blättern herrscht ein hoffnungsvoller Ton vor bei Erörterung des Standes der Verhandlungen, hauptsächlich auf Grund der Mitteilung, daß der amerikanische Vertreter White beabsichtige, im ent» cheidenden Augenblick beiden Teilen einen annehmbaren Vorschlag zur Vermittlung zu machen. Der Pariser „Mat i n* läßt sich dagegen berichten:
In polit. Kreisen der amerikanischen Union nimmt die Benn« ruhigung über den Ausgang der Konferenz immer mehr zu. „Tribüne" und „Times" heben hervor, daß F r a n k r e i ch von der D?"e b r« b/i t der Presse der ganzen Wett unterstützt werde. Ein Zcheüern der Konferenz würde, da der Anlaß hierzu von Deutschland auSging, eine Niederlage Deutschlands bedewen.
Wie wenig ernst die Aeußerungen gerade dieses französischen Blattes genommen zu werden verdienen, weiß man in Deutschland zur Genüge. Ist doch der „Matin" jenes sich nach dem jeweiligen Sensationswinde drehende Blatt, das unlängst vor einem Münchener Gerichtshof mit einer Klage


