Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
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Nr. »30 Drittes Blatt 1«6. Jahrgang Montag 1. Oktober ISO«
Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siehener Kamilienblatteri' werden dem S KM B sTS a'y O
^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der fa M DM $L, W W D § BT H ft H D
.hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Bi W V
General-Anzeiger, Amts- nnd Anzeigeblatt fit den Ureis Gietzen.
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tzlne öffentliche Schauprobe LanbnürtjchafUicher Ackergeräte
veranstaltete am Samstag der Hess. Landwirtschaftsrat auf einer Ackerfläche des Hardthofes bei Gießen. Von sach-- verständiger Seite wird uns darüber geschrieben:
Es handelte sich in erster Linie um Grubber, Exstirpatoren, Kultivatoren und Schareggen, die bereits am 7. April d. I. durch die Maschinenprüfungsstelle und eine hierzu bestellte Kommission geprüft wurden. Der Hessische Landwirtschaftsrat hatte zu der Schauprobe am 29. September alle Landwirte und Interessenten eingeladen,
Dieser Einladung war eine größere Anzahl Landwirte gefolgt. Auch Ministerialrat Usinger von der landwirtschaftlichen Abteilung hatte sich von Darmstadt eingefunden. Generalsekretär Dr. Müller vertrat den Hess. Landwirtschaftsrat; Provinzialdirektor Dr. Breidert und der Präsident des landwirtschaftlichen Provinzialvereins Oekonomierat Sch lenke waren anwesend.
Es waren 42 Gerate in der Arbeit zu besichtigen, drei Paar sehr kräftige Pferde mit den zugehörigen Führern waren von dem Besitzer des Hardthofes bereit gestellt, um die Geräte der Reihe nach in Gang zu bringen. Professor Gise vius mit seinen Hilfskräften ordnete die systematische Vorführung der Geräte an und klärte die Versammelten über Zweck und Konstruktion auf.
Der Kornstoppelacker — hart wie eine Scheunentenne — erwies sich als ungeeignet, um auf diesem die Geräte arbeiten zu lassen. Einer der besten Federzahnkultivatoren machte den Stoppelacker nur eben wund. Darüber wunderte sich niemand. Man mußte die Geräte auf einen benachbarten Acker überführen, auf einen abgeernteten Kartoffelacker, der noch nicht abgeeggt war und bei der Trockenheit den guten Federzahnkultwatoren Widerstand genug entgegensetzte. Unter den 42 Geräten befand sich eine ganze Anzahl vorzüglicher Feldbearbeitungsinstrumente und eine kleine Zahl, die man ohne weiteres als unpraktisch, als Spielereien bezeichnen konnte. Mancher wird daraus die Lehre gezogen haben, daß man niemals ein Ackergerät kaufen soll, ehe man es auf geeignetem Boden und zu geeigneter Jahreszeit im Gange gesehen hat und wenn das Gerät auch noch so sehr durch geschickte Reklame empfohlen wird.
Diese Schauprobe war insofern etwas verfehlt, was auch von den maßgebenden Personen sofort zugestanden wurde, als sie nicht zur geeigneten Jahreszeit vorgenommen wurde, und, wie der Schreiber dieses hinzufügt, auch nicht dergeeigneteBoden vorhanden war, um die Kultivatoren in ihren Glanzleistungen zu zeigen. Die Mehrzahl aller vorgeführten Geräte soll zur Frühjahrszeit bei der Bestellung der Zuckerrüben und der Sommerhalmfrüchte in erster Linie zur Anwendung kommen. Zu dieser Jahreszeit (März—April) hat die Frühlingssonne und der trockene Märzwind die im Herbst tief gepflügten Aecker oben über abgeirocknet, aber wenige Zentimeter tiefer zeigt sich der Boden noch feucht, klebrig besonders auf schwerem Lehmboden, der im geringen Grade tonhaltig ist. Auf solchem Boden, der sich oben fein krümelt und in einer Tiefe von 10—20 Zentimeter noch recht zähe ist, kann man erkennen, ob der zu beobachtende Kultivator die Arbeit leistet, die man von ihm beanspruchen muß.
Der Federzahnkultivator ist noch nicht lange im Gebrauch in unserer Provinz. Man hat ihm viele Loblieder gesungen, vielleicht zu viel. Er war modern geworden. Auf Böden mit besonders trockenem Untergrund, auf Böden, auf denen die Distel kein nicht zu vertilgendes Unkraut ist, wird
sich der Federzahnkultivator noch recht lange erhalten, bis etwas noch besseres kommt. Auf schweren Böden, wie sie oben geschildert sind und die bei uns recht häufig vorkommen, wird man ganz allmählig wieder zu unseren alten Exstirpatoren übergehen, zu denen mit den sogen. Gänsefüßen, die den Boden auch tief lockern, aber nicht die feuchten, zähen Lehmklümpchen an die Oberfläche werfen, sondern unten lassen. Diese zähen Lehmklümpchen erhärten an Luft und Sonne derartig, daß sie nur mit außerordentlicher Mühe durch Walzen rc. zu krümeln sind. Einen fein krümlichen Zu stand der Ackeroberfläche müssen wir aber doch schaffen, wenn die Saat, besonders die Zuckerrübensaat, gleichmäßig auflaufen, ein gleichmäßiger Bestand und damit eine gute Ernte gewährleistet werden soll.
Heber diese Frage scheinen die Meinungen etwas geteilt. Die Schauprobe wird Veranlassung geben zu Auseinandersetzungen gelegentlich dec lokalen Vereinsversammlungen im Laufe des kommenden Winters. Auch in dieser Beziehung erfüllt die Schauprobe ihren Zweck und wir Landwirte haben Veranlassung, den Herren zu danken, die sich all den mühevollen Vorarbeiten unterzogen haben, die zu der Schauprobe führten._______________
Eingesandt.
(Für den Inhalt der unin ui.ici .nubriE stehenden Artikel übernimmt die Nedaktiou dem Publikum gegenüber keinerlei Verantivortung.)
Dem Herrn Verfasser des „Eingesandt" in der Nummer 228 biene zur gefl. Kenntnis, daß es uns Volksschullehrern gar nicht eingefallen ist und auch gar nicht einfällt, uns mit anderen Beamtenkategorien um den Vorrang zu streiten oder uns „gar beim Volke wichtig zu machen". Die Sachlage ist vielmehr die: der „Gieß. Anz." hat — aus unserem Vereinsblatt — eine Eingabe des Vorstandes des hessischen Landeslehrervereins um anderweitige Gehaltsregelung der Volksschullehrer abgedruckt. Das gab dann einem „mittleren Finanzbeamten" (wie ich mich der Kürze halber ausdrücken will) Veranlassung, dem „hochachtbaren Lehrerstande" in wohlwollender und fürsorglicher Gesinnung eine öffentliche Zurechtweisung zukommen zu lassen und ihn zu bedeuten, daß der Volksschullehrer, der sich einbildet, eine „angeblich" gleiche Vorbildung zu besitzen, wie der mittlere Fincmzbeamte, doch in eine ganz andere Umgebung gehört als zu diesem. Daß dem Zurechtweisenden dabei Entgleisungen passiert sind, ist seine Schuld; und daß diese Entgleisungen wiäer Richtigstellungen von mtberer Seite zur Folge hatten, darf niemand wundern und verdrießen, am allerwenigsten den Herrn Finanzbeamten selbst, denn wer andere klassifizieren und zurechtweisen will, kann dies nur auf Grund genauester und vorurteilslosester Sachkenntnis. Wir Volksschullehrer haben uns bis jetzt noch mit keinem Wort an dem Streit beteiligt, obgleich wir von vornherein die Angegriffenen waren. Daß aber der „hochachtbare Lehrerstand" durch feine berufenen Vertreter zu den Ausführungen des „mittleren Herrn Finanzbeamten" in den nächsten Tagen auch noch ein Wort reden wird, dürste nach dem Vorausgegangenen nur natürlich erscheinen. — Im übrigen stimmen auch wir mit dem Herrn Einsender von gestern darin überein, daß es ein müßiges Unterfangen ist, sich über die größere Wichtigkeit dieses oder jenes Standes zu streiten. Es sei aber bei dieser Gelegenheit dem „mittleren 9ernt Finanzbeamten" doch noch ein kurzes Wort über die sonst stereotyp gewordene Redensart von der größeren Verantwortlichkeit der Finanzbeamten gesagt: Worin liegt denn eigentlich die Verantwortung des Beamten? Doch wohl darin, daß er treu und gewissenhaft feine Amtspflichten erfüllt, wie er es in feinem Diensteid geschworen, mag er nun an diesem Platz stehen oder an jenem; der Beamte aber, der sich wollte vom Staat emähem lassen, ohne seine ganze Kraft einzusetzen in feinem Dienste, der wäre ein meineidiger Lump, den der Staat am besten zum Teufel jagte. Wenn ich nicht irre, sagte einst Nelson vor der Schlacht in einem Tagesbefehl zu seinen Soldaten und Matrosen: England expects every man to do his daty; und das in diesem Worte geforderte und bei ledern Einzelnen auch vorhandene Pflichtgefühl verhalf ihm zu dem schönsten Siege. Und was hat den Staat Friedrichs des Großen groß gemacht? Das strenge, preußische Pflichtgefühl, das den ganzen Staatsmechanismuv beseelte, vom obersten Leiter
bis zum längsten Schreiber. Dieses Pflichtgefühl ist die wahre Verantwortung; und es gebietet dem Finanz- beamten, die ihm anvertrauten Gelder richtig zu verwalten, dem Lehrer aber, die ihm anüertrautc Jugend zu tüchtigen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranbilden zu helfen. Eine Abschätzung und Abwägung des Pflichtgefühls nach Menge und Maß dürste aber sehr schwierig, ja unmöglich erscheinen, und darum erscheint auch das stete Berufen auf die größere Verantwortlichkeit einer bestimmten Beamtenklasse höchst auffallend. Solange der Staat nicht nur eine große Wechselstube ist, fonbern eine Gemeinschaft von Wesen, die auch noch höhere Ziele und Interessen hat als gute Geldgeschäfte, solange dürften denn doch Menschenseelen und Menschenleben noch etwas höher im Kurs stehen als die soundsoviel Millionen, die von soundsoviel mittleren Finanzbeamten pünktlich erhoben, verrechnet und an die richtige Stelle abgeliefert werden. Und wie wäre es nun, wenn die Erzieher in Familie, Schule und Kirche, ihr Verantwortlich- keitsgesühl etwas herunterschrabtcu? Sollten da nicht bald die Gefängnisse und Zuchthäuser auch manchem Finanzbeamten die Augen öffnen über den Begriff „Verantwortung" bei anderen Beamten? Und wie ist es denn mit den Eisenbahnbeamten, die den äußeren Dienst zu versehen haben, und deren Verantwortlich-- keitsgcsühl etwas herunterfchraubten? Sollten da nicht bald die Vernichtung zu bewahren hat? Lastet auf dem MaschineuWrep und Heizer, dem schlichten Bremser und Weichensteller nicht oftmals eine Verantwortung, die nach Ihren Hunderitausenden, ja Millionen, hochgechreter Herr Finanzbeamter, gar nicht abzuschätzen ist? Oder könnten Ihnen Millionen je ersetzen, toa§ mangehtbed Pflichtgefühl dieser Leute Ihnen in einem Aiugen- blick rauben könnte? — Doch genug davon! Tue jeder seine Pflicht an seinem Platze, schlicht und treu; überhebe sich keiner über bei? Anderen, sondern denke jeder, daß er nur ein bescheidenes Glied ist in einer großen Kette, von deren gutem Zustand das richtige Funktionieren der großen Maschine abhängt. Wenn das geschieht, dächte ich, müßte es wohl stehen in Gemeinde und Staat. —
Gießen, den 29. September 1906.
Valentin Müller, Lehrer.
Seither stritten sich Volksschullehrer, Finanz-, beamte, Krei sgeometer und mittlere Baubeamte „ob ihrer Aemter Wert und Wichtigkeit". Mit dem Eingesandt in 9er. 228 scheint nun eine Beamtenkategorie eingegriffen zu haben, die sich klugerweise noch nicht an dem Streit beteiligt hat. Man kann an Ton und Inhalt des Eingesandts merken, daß der Verfasser zu einer Beamten klasse gehört, die ihr Schäfchen im Trockenen hat. Wer anders auch als ein „Wohlgeborgener" könnte es als „Anmaßung" bezeichnen, wenn ein sich zurück- gesetzt fühlender Beamter fein Los zu verbessern sucht, und wer anders könnte, den Wunsch aussprechen, daß jenen „Frechlingen^ eine Dusche seitens der Regierung verabfolgt werde! Allem Anschein nach hat der Einsender das, was ihm gehört. Das schließt aber nicht aus, daß Beamtenkategorien existieren, die gegen andere sich zurückgesetzt glauben und auch wirklich zurückgesetzt sind. Wenn nun den bevorzugten Kategorien hie und da einmal am Zeug geflickt wird, so ist das freilich bitter; doch ist es des-- halb nicht gleich nötig, den Einsendern „wenig Einsicht, Anmaßung" und bergt vorzuwerfen und den armen Sündern den Zorn der Regierung aufs Haupt zu wtzlrschen. Gvtt sei Dank, unsere Regierung läßt sich ihr Tun und Lassen nicht von mißgünstigen Beamten vorschreiben; sie war und ist jederzeit bereit, bc^ rechtigte Wünsche zu prüfen und zu erfüllen. R.
GerichtssaaL.
Innsbruck, 29. Sept. Hier spielt sich zurzeit ein Prozeß gegen Frau Rutthoser ab, die ihren & alten, den Lanbrat Ru11hofer, ermordete. Gestern abend lourbe das Beweis- verfahren geschlossen. Bei Eröffnung der heutigen Verhandlung stellte der Verteidiger Dr. Ritter den Antrag, die Geschworenenbank abzulehnen, weil mehrere Geschivorene sich anderen Personen gegenüber bereits über den voraussichtlichen Ausgang des Prozesses geäußert hatten. Ferner beantragte der Verteidiger,' den ganzen Gerichtshof abzulehnen wegen Befangenhert. 'Mehrere Geichworene sollen über die Angeklagte Bemerkungen gemachthaben, die über ihr Fragerecht hinausgingen. Das Oberlanoesgericht hat aber dem Antrag des Verteidigers nicht ffattgegeben. Der Gerichtshof berief gestern sosort die Geschworenen zur Fortsetzung der Verhandlung ein. Da sich aber nur zehn Geschworene einsanden, wurde der Prozeß auf Montag vertagt. Dr. Ritter erklärte, die


