Ausgabe 
12.4.1906 Drittes Blatt
 
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Nr. 87 Drittes Blatt

156. Jahrgang

Donnerstag 12 April 1906

Erscheint SStzNch mit Ausnahme deS Sonntags.

LteGießen« KamMenblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich bcigclegt Der Ehesache Landwirt' erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'lch« UnwersttätSdruckeret. R. Lang«, Vietze«.

Redaktion.Expedition «.Druckerei: Sdmfftr.t, Tel. Rr. 61. Telegr^Aür.: An-etger Vieh«.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.

politische Lagesschau.

Botschafter und Handelsvertrag.

R. Berlin, 11. April.

Ter deutsche Botschafter in Washington, Frhr. Speck v. Sternburg, wird im Sommer wieder in Deutschs- land erwartet zur Rücksprache mit den leitenden Persön­lichkeiten über die Gestaltung der Handelsvertragsverhand- lungen. Ms sich die Notwendigkeit herausstetlte, das für die Amerikaner so vorteilhafte Handelsprovifovium abzu- schließen, ist dem Botschafter der Vorwurf gemacht worden, er habe nicht rechtzeitig und mit der gebotenen Entschiedenheit sich der deutschen Interessen angenommen. Ein agrarisches Blatt wies ironisch biu> auf hin, das; £erv v. Äcrnburg in seiner Washingtoner Antrittsrede sich die Berpflickrtung zugeschriebcn habe, um die ameritan ischeu Interessen ebenso Sorge zu tragen, wie um die deutschen Interessen. Tas war eine schwere Entgleisung. Jedenfalls ist seiner-- seits oft zuviel geschehe'.', in der Bekundung unionfreund- lichcr Gesinnung Uns wird aber von unterrichteter Seite mitgetcilr, daß Frhr. V. Steruburg dem Auswärtigen Amt gegenüber teilt Hehl gemacht habe aus seiner Ueberzeugung, die Aussichten für das Zustandetommen eines Gegenseitig­keitsvertrages seien sehr gering. In Berlin war man der Meinung, ein derartiger Vertrag finde den einflußreichsten Fürsprecher in dent Präsidenten Roosevelt. Besonders Fürst Bülow soll an diesem Glauben festhalten, NTeil er wunder­licherweise überzeugt i st von der Deutschfreund- l i ch k e i t R o o s c jv e t t s. In letzterer Hinsicht besteht wohl bei dem deutschen Botschafter heute endlich, wenn auch viel zu spät, keine unbedingte Zuversicht mehr. So hat denn der persönliche Verkehr zwischen Herrn v. steruburg und Präsident Roosevelt dem Ersteren allmählich doch wohl einen tieferen Einblick in die Situation vermittelt.

Jedenfalls ist Ro oseve lt polit. Geschäftsmann, wie alte seine Landsleute, uud den kaufmännischen Stand­punkt wird er in der Folge wohl umsomehr zur Geltung bringen, weil ihm daran gelegen sein muß, seinen, schwankend gewordenen persönlichen Einfluß wieder zu festigen. Bei der politischen Tendenz der großen Mehrheit in den gesetzgebenden Körperschaften kann er das nur, wenn er die provisorisch vereinbarten zollpolitischen Vorrechte der Union gegenüber Teutschland zu ständigen zu machen sich bestrebt, d. h. den Wschtuß eines Gegen- seitigkeitspertrags «auf eine lange Bauk zu schieben sucht. Fürst Bülow hat, um es nicht auf einen Zollkrieg ankommcn zu lassen, den Männern im Weißen Hause den kleinen Finger gereicht uud soll nun die ganze Hand geben. Frhr. v. Steruburg sieht sich infolgedessen mi Washington vor eine doppelt schwere Ausgabe gestellt

und zweifellos außerstande, dem in der Budgetkom Mission des Reichstages geäußerten Wunsch nach Beschleu­nigung der Handelsvertragsverhandlungen gerecht zu werden. 'Die Dinge werden wohl im wesentlichen auf dem alten Fleck stehens wenn der Botschafter im Sommer zur Berichterstattung nach Teutschland kommt. Sollte der Ab­lauf des Provisoriums im nächsten Jahre nicht in den von Teutschland angestrebten Zustand hinüberführcu, dann ist ein B o t s ch a f t c r w c ch s e l in Washington unaus­bleiblich, der uns freilich wohl auch nicht viel nützen würde.

*

Die Expedition nach Abessinien.

Den zwischen Deutschland und Abessinien abgeschlossenen Handelsvertrag nutzbar zu machen, hat sich eine dieser Tage die Ausreise nach dem Lande Meneliks antretende deutsche Expedition zum Ziel gesetzt. Es ist halbamtlich bereits darauf hingewiesen worden, daß mit diesem Privatunternehmen nicht Zwecke in Verbindung gebracht werden dürfen, die e8 seiner Natur nach nicht haben kann. Der Hinweis war notwendig, weil ein italienisches Blatt in bekannter Bundesfreundlich­keit Deutschland unterstellte, eS wolle mit dieser Expedition die politischen Jnteressenkreise der abessinischen Grenzländer stören, nämlich Frankreichs, Englands und Italiens. Man wird abwarten müssen? ob der deutschen Ex­pedition Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden bei der Nutzbarmachung des Handelsvertrags durch Erschließung deS abessinischen Marktes. Die Bahnfrage kann dort leicht eine ähnliche Rolle spielen, wie die Polizei- und Bankfrage in Marokko. Der ob seines Deutschenhasses berüchtigteTemps" schrieb ja erst vor kurzem:Wer die Eisenbahn in Abessinien hat, wird dort die kommerzielle Ausbeutung haben", wobei die Andeutung nicht fehlte, daß dieGeringfügigkeit" der deutschen Interessen in Abessinien eine Rücksichtnahme bei einem internationalen Abkommen erübrige.

Treue Wahlkreise.

Unter den 397 Reichstagswahlkreisen sind 94 von der ersten Wahl im Jahre 1871 bezw. 1874 an bis jetzt in den Händen einer und derselben Partei gewesen, und zwar wurden 6 Kreise: Pr. Holland-Mohrungen, Prenzlau- Angermünde, Demmin-Anklam, Schivelbein-Dramburg, Meseritz-Bomst und Militsch-Trebnitz, stets von konserva­tiven, 7 Kreise; Wanzleben, Landau, Germersheim, Zweibrücken, Neustadt a. d. Orla, Worms und Duisburg, immer von nationalliberalen, 2 Kreise: Hagen- Schwelm und Berlin I, immer von freisinnigen,

7 Kreise: Altkirch, Colmar, Gebwciler, Ravpoltsweiler, Schlett'tadt, Bolchen und Saarburg, stets von elsässischen, 2 Kreise: Fallingbostel und Heizen, immer von w elfi­sch en, 1 Kreis: Sonderburg, unausgesetzt von einem dänischen, 12 Kreise: Neustadt (Westpr.), Stargard, Könitz, Posen, Kosten, Rawitsch, Schrimm, Wreschen, Ostrowo, Hohensalza, Gnesen und Krotoschiu, immer von polnischen und 57 Wahlkreise immer von Zentrums-Abgeord­neten vertreten. Die Namen dieser 57 Wahlkreise zu ver­zeichnen, würde zu weit führen. Die meisten liegen in Süd- und Westdeutschland.

Die diesjährige Maifeier der Sozialdemokratie in Deutschland sott, wie einige Parteiblätter ankündigten, in dem Zeichen desWahlrechtskampfes stehen. In Frank- re ich soll nun die diesjährige Maifeier als Mittel zur Er­ringung des achtstündigen Arbeitstages dienen. Der französische Gewerkschaftskongreß hat vor zwei Jahren be­schlossen, daß die Arbeiter am 1. Mai 1906 zur Erringung deS achtstündigen Arbeitstages zur sogenanntendirekten Aktion" übergehen, überall wo die Arbeitgeber ihn nicht frei* willig bewilligen. Es soll die Arbeiterschaft nach achtstündiger Arbeitszeit die Werkstatt einfach verlassen, jede Ucberzeit strikte ablehnen. Die Gewerkschaften in Frankreich verhehlen sich zwar nicht, daß die Folge einer Durchführung dieses Be­schlusses Arbeitsniederlegungen, Streiks und Aussperrungen .sein werden; sie geben sich aber der zuversichtlichen Er­wartung hin, daßfein Parteigenosse, fein organisierter Ar­beiter von anständiger Gesinnung den kämpfenden Proletariern > in den Rücken fallen, etwa durch die in Arbeiterkreisen so beliebteArbeitswilligkeit", sondern die Kämpfer materiell und ideell unterstützen" wird.

Interessant ist es, daß dieser Aufruf auch deutschen sozialdemokratischen Blättern, und zwar von dem deutschen sozialdemokratischen Leseklub in Paris zugegangen ist. Dio Partei in Deutschland scheint jedoch wenig Neigung zu be­sitzen, den Spuren der französischen Genoßen zu folgen, da sie den Aufruf ohne jeden Kommentar abdruckt.

rrrrd rvisseir^aft.

Ernst von Wildenbruchs Abhandlung zur Ge­schichte des deutschen Dramas, die soeben in der voir Hermann Graes in Leipzig herausgegedenen SammlungBeitrage zur Literaturgeschichte" als Hell 6 erschien, ist, wie der Verfasser derAat.-Zlg/ milteilt, ein schon um 1898 versüßter Aussatz, der zuerst in der amerikanischen ZeitschriftThe Forum" und dann im Neuen Wien. Tagebl." erschien.

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