Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Für jeden klar
beantragen die Sozialdemokraten dahin zu erweitern, auch Mitglieder kommunaler Körperschaften der Zomgnisp flicht ausgenommen sein sollen.
daß. von
och an unserer
Politische Tagesschau.
Ter Zentralvorstanv der natioualliberalen Partei hielt in seiner Zusammensetzung auf Grund der alten Statuten am 9. d. M. m Berlin seine letzte Sitzung ab. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: .Die sozialpolitischen Ent- würfe des Reichstags" gab Abg. Bassermann eine Darstellung über den sog. kleinen Befähigungsnachweis, Sicherung der Bauforderungen und Rechtsfähigkeit der Berufsvereine. Im Anschluß an diesen Vortrag erfolgte eine sehr lebhafte Aussprache über die allgemeine politische Lage und die von der Partei einzuschlagende innere Politik. Die Erörterungen gaben wertvolle Anregungen für die von den Fraktionen zu ergreifende Initiative und sprachen die einmütige Zustimmung zur Interpellation Bassermanns über die auswärtige Politik aus. Alsdann erstreckte sich die Diskussion über die Fleischteuerung. Im Laufe der Debatte kam wiederholt die lebhafte Kritik gegen das Verhalten des früheren Ministers vonPodbielskl und die Passivität der gesamten Regierung in dieser Frage zum Aus- druck. Der Zentraloorstand sprach ferner die Anstcht aus, daß unter Aufrechterhaltung der sanitären Maßregeln unb deS Grenzschutzes, dessen unsere heimische Landwirtschaft dringend bedarf, um ihre Viehzucht vor Seuchen und An- steckilngen zu schützen, doch entschieden alle nur möglichen Maßregeln zu ergreifen seien, um den berechtigten Klagen über die Fleischteuerung wirksam abzuhelfen. Den Schluß der Beratungen des Zentralvorstandes bildeten das Organisationsstatut unischreibende Fragen. — Der neue auf Grund des Dresdener Organisationsstatuts gewählte Zentralvorstand hat sich konstatiert. Zum ersten Vorsitzenden wurde Abg. Bassermann, zu seinen Stellvertretern Abg. Friedberg und Professor Dr. Geiger-Erlangen gewählt.
Deutscher Reich.
Berlin, 10. Dez. Der Kaiser hat, wie verlautet, das Vorgehen Dernburgs im Reichstage durchaus gebilligt. Ihm ist genauer Bericht über die Vorgeschichte der Affäre Roeren und eine Darstellung aller sog. Kolonialskandale vorgelegt worden. Er soll ein sehr drastisches Urteil gefällt haben.
— Geh. Hofrat Krüger von der Kolonial-Verwaltung wird, wie die „Freis. Ztg." erfährt, vom 1. April n. I. ab in den Ruhestand treten. Er war die Seele der kolonialen Finanzverwaltung.
— Das Auswärtige Amt soll nach dem nächstjährigen Reichshaushalts-Etats-Entwurf einer Umgestaltung unterworfen werden. Zunächst soll ein neuer Direktorposten für die zweite Unterabteilung der politischen Abteilung geschaffen werden. Sodann ist die Trennung der Ko lon ia l- Abteilung vom Auswärtigen Amt beabsichtigt. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß auch im nächstjährigen Reichs- haushalts-Etat die Forderung auf Schaffung eines selbständigen Kolonialamtes erhoben wird.
— Das Kai serpaar und Prinz Oskar wohnten gestern abend im Königl. Schauspielhause der auf Allerhöchsten Befehl veranstalteten Aufführung von Blumenthals „Das GlashauL" bei und spendeten lebhaften Beifall. Heute abend nahm der Kaper an dem Couleurfest beim Offizier- ko rps des Leib-Garde-Husaren-Regirnents in Potsdam teil.
— Jrn Anschluß an die Entscheidung des evang. Ober- Kirchenrats in Sachen Cesar wird in den nächslen Tagen ein öffentlicher Aufruf von angesehenen Theologen und Laien der verschiedenen liberalen Richtungen erfolgen. Es ist ein festerer Zusammenschluß dieser Gruppen geplant, um gegenüber der Entscheidung des westfälischen Konsistoriums die Gleichberechtigung deZ
Nr. 291
Qrlftetnt tÄflltJ) aufcer Sonntag».
Dem Giekener Anzeiger werden im 'j^ediiel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter viermal in der
Woche deiqelegt.
Rolnlwnsdruck u. Verlag der Brüh l'ichen Univers.-Buch-u. Sietn- b ruderet. 8t Lange. Redaktion, ErvedMoa und Truaeret:
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«nzetger Wietzen.
kirchlichen Liberalismus in der evangelischen Landeskirche zu erkämpfen und sicherzustellen.
— Die Sozialdemokraten haben einen Antrag im Reichstag eingebracht, dem Artikel 30 der Reichsverfassung, der von der Immunität handelt, folgende Sätze zuzu» ügen:
.Demgemäß find die Mitglieder deS Reichstags ailch berechtig t', in Anfehung desjenigen, was ihnen in dieser Eigenschaft anvertraut ist, daäZeugnis zu v e r w e i g e r n. Gegen' lande, die ein Mitglied des Reichstages in dieser Eigenschaft erhalten hat, unb die sich in fernem Besitz oder in seiner tatsächlichen Gewalt befinden, sind der B e s ch l a g i» a h m e e n t z o g e ii. Tas« clbe gilt von Aufzeichnungen, die Mitglieder des Reichstages in dieser Eigenschaft gemacht haben.
Den Antrag Ablaß (Frs. 93p.), der durch eine Aenderung der Strafprozeßordnung die Zeugnis pflicht für die Mitglieder deS Reichstages oder eines Landtages beseitigen will,
feit der Welt erweckte. Der Redner überreichte den Preis dem amerikanischen Gesandten, und bat ihn, Roosevelt den Gruß des normeg. Volkes zu übermitteln. Er sprach den Wunsch aus, daß es dem Präsidenten weiterhin vergönnt sein möge, zur Forderung der Sache des Friedens zu wirken. Ter Gesandte verlas das nachstehende Telegramm Roosevelts:
Ich bin tiefbewegt und gerührt durch die Ehrenbezeugung, die mir durch die Zuteilung von Nobels Friedenspreis erwiesen worden ist. Keine Gabe könnte ich höher schätzen und ich wünsche, daß es in meiner Macht stehen möge, meine Dankbarkeit voll auszudrücken. Ich danke Ihnen in meinem Namen und im Namen der Vereinigten Staaten, denn toa-3 iL> getan habe, vermochte ich nur als Repräsentant der Nation zu tun, deren Präsident ich zurzeit bin. Nach genauer Erwägung bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß die beste und wirksamste Weise, in der ich den Preis anwenden kann, die ist, ihn zur Errichtung eines p c r m u u e u i e n industriellen Friedenskomitees in Washington zu benutzen. Seine Ausgabe wird sein, für bessere und ebenb ürtige Verhältnisse zwischen meü- nen Landsleuten zu arbeiten, welche entweder als Kapitalisten oder als Lohnarbeiter an indu- trielle oder landwirtschaftliche Betriebe geknüpft inb. Ties wird mit der Absicht übereinstimmen, die der Stifter gehabt hat, denn im modernen Leben ist es ebenso wichtig, in der Welt der Industrie, wie in der Welt der Nationen für einen die erworbenen Rechte achtenden und ehrenvollen Frieden zu arbeiten. Ich versichere Sie nochmals meiner tiefen und dauernden Dankbarkeit.
Der Präsident des Storthings erklärte darauf, er sei überzeugt, daß die Ausführungen Roosevelts und der Zweck, für den er den Friedenspreis verwenden wolle, den Beifall der Welt finden würden. Der Friede zwischen den Völkern, der Friede zwischen den Klassen und der Friede zwischen den einzelnen Menschen, alles sei gleich wichtig. Roosevelt habe durch die Verwendung, die er vom Nobelpreis machen wolle, sich wieder als einen der größten Wohltäter der Menschheit gezeigt.
Stockholm, 10. Dez. Die feierliche Verteilung der Nobel-Preise fand heute abend statt. Die hier anwesenden Preisträger, die Professoren Mo is s an-Puris, William Thomson- Cambridge, G o l g i - Pavia, Ramon- Madrio erhielten aus der Hano des Königs den Preis, das Diplom und die goldene Medaille. Der Träges des Preises für Literatur, Professor Cardu c ei-Bologna, nahm an der Feier nicht teil. Die Nobel-Preise beliefen sich in diesem Fahre auf je 141480 Francs. Der Preis für Physik wurde dem Professor Thonlsen für feine langjährigen Forschungen über das Wesen der Elektrizität, der Preis für Chemie dem Professor Moissan, für feine Untersuchungen über das Element Fluor und dessen Isolierung, sowie für die Einführung des elektrischen Ofens in den Dienst der Wissenschaft und der Preis für Medizin den Professoren Camillo Golgi-Pavia und Ramon y Cajal in Madrid für Arbeiten über die Anatomie und das Nervensystem zuerkannt. Die letzten beiden haben sich in den ^eis zu teilen. Die Verteilung der Preise ging in der Akademie für Musik in Anwesenheit des Königs vor sich. Der Präsident der schwedischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Clason, hielt eine Ansprache an die Professoren Thomson und Moissan. Der Direktor des Karolinska-Jnstitutes rühmte die Verdienste von Golgi und Ramon, worauf der Sekretär der Akademie Wirsen, den Dichter Carducei feierte. Die anwesenden Inhaber t er Preise wurden hierauf dem Könige vorgestellt, der ihnen die goldene Medaille und die Preise überreichte.
Die öeutige Kummer umfaßt 10 Seiten.
Die A eischteuerung im Reichstage.
Heute Dienstag wirb sich ber Reichstag mit bet Fleischteuerung befassen. Man kann im Voraus sagen, baß bie ganze Aktion auSgehen wirb, wie bas Hornberger Schießen. Irgend ein hoher Reichsbeamter wirb bie Erklärung abgeben, baß bas Fleisch ja bereits wieber billiger geworben ist unb baß Aussicht besteht, baß bie Preise noch weiter sinken. Dann wirb man konservativerseits bem Reichskanzler unb seiner Regierung baS obligate Vertrauen aussprechen, im Zentrum, bei ben Liberalen wirb man längere Reden mit einiger Unzufriedenheit halten, bie Freisinnigen unb bie Sozialbemokraten werben unS vorrcchnen, baß die Zollpolitik der ReichSregierung einen schmählichen Bankerott erlitten hat, unb von Brotwucher unb anderen schönen Dingen wirb die Rebe sein. Ob bie Gemüter heftiger auseinander platzen ober nicht, baS tut nichts zur Sache, denn mit der Erklärung ber Regierung wirb bie ganze Aktion zu Ende sein. Vielleicht verspricht man eine Enquete! Aber bie Grenzen bleiben zu.
ES ist wahr, baß bie schwierigste Zeit vorerst wieber einmal vorüber zu sein scheint. DaS Lebenbgewicht der Schweine ist gefallen, wovon man im Kleinhandel allerdings nur wenig merkt. Dian hat sich auch zu einigen allerdings recht dürftigen Zugeständnissen im Einlaßverkehr bequemt, unb möglich ist eS, baß die Lebensmittelpreise in absehbarer Zeit noch ein wenig fallen. Aber davon ist natürlich unter keinen Umständen die Rede, daß bie in dieser Richtunb wirklich „guten allen Zeiten" wiederkehren. Wenn in Zukunft schließlich auch von einer Not, von einer Teuerung in normalen Zeiten nicht gesprochen werden kann, so werden die Lebensmittelpreise immer auf einer Höhe sich hallen, die bie Lebenshaltung der unteren und mittleren Klassen drücken. Das ist nun einmal nicht anders.
Nun wirb es wohl erlaubt sein, nach ben Gründen dieses gewiß nicht erfreulichen Zustandes zu forschen. Von den Agrariern werden allein die Händler für die Fleischteuerung verantwortlich gemacht; iver anderes behauptet, der sagt die Unwahrheit, nützt ein zufälliges Ereignis in verwerflicher parteipolitischer Weise aus. Es ist leicht, solche Behauptungen aufzustellen. Gewiß kann nicht geleugnet werden, daß der Zwischenbandel die Fleischpreise in die Höhe getrieben hat, und vor allem, daß er sie noch immer auf der Höhe hält. Das ist be= bäuerlich, aber es wäre nicht möglich, wenn wirklich der Uebersluß an Vieh vorhanden wäre, von dem man redet. Die kleinen Metzger, die selber wohl am meisten unter der Fleischteuerung zu leiden hatten unb noch zu leiden haben, würden wohl gern mit den Preisen herunlcrgehen, wenn sie nur könnten. Sie würden dadurch ihren Absatz vermehren.
Nun wird im Reichstag wieder bestritten werden, daß die deutsche Landwirtschaft nid)t imstande ist, genügend Vieh zu produzieren. Man wirb mit Zahlen operieren und uns Statistiken vor Augen führen, daß uns die Augen übergehen. Mit der Statistik kann man ja alles beweisen. Daß die Produktion zu gering ist, das ist allerdings von vernünftigen und unparteiischen Landwirten schon lange zugegeben worden, aber die Uebcragrarier wissen es besser. Sie können sich allerdings nicht mehr auf das Zeiignis des Herrn v. Podbielski berufen. Vielleicht erfahren wir, wie sein Nachfolger im preußischen Landwirtschaftsministerium über die Angelegenheit denkt, unb das wird dann manche Schlüsse auf die Zukunft ziehen lassen.
Ohne weiter auf alle Für und Wider eingehen zu wollen, konstatieren wir nur: die Lebens mittel- teuerung datiert erst seit der Zeit, da wir „moderne" Zollpolitik treiben. Unter Caprivi gab es keine Fleischteuerung und auch vor dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs waren die zeitweiligen Teuerungen zu ertragen. Das ist nicht wegzuleugnem Sind nun die Händler, sind die Metzger in den letzten zwei Jahren um so viel gewinnsüchtiger geworden, oder liegt die Schuld
Ausland.
London, 10. Dez. Das Oberhaus verwarf die zweite Lesung deS Gesetzes, betreffend das mehrfache Wahlrecht. Dieses Gesetz ist im Unterhause angenommen worden unb bestimmt, baß die Person, welche ein Parla- mentswahlrecht in mehr als einem Wahlkreise besitzt, ihr Wahlrecht nur in einem Wahlkreise auSüben barf.
— Einer Blätterrneldung aus Karachi zufolge sollen in Persien infolge bes bev orstehenben Thronwechsels große Unruhen auSgebrochen sein unb vollständige Anarchie herrschen. In Shiraz und Koweit, wo eine allgemeine Erhebung im Gange ist, sowie in Kalhcck unb in Kerman ist bic Lage sehr bedenklich. Blutige Kämpfe fanden zwischen Aufständischen unb ben Truppen beS Schahs statt. Die Rebellen plünderten bie Kaufläben, bereu Inhaber scharenweise flüchteten. Im Distrikte Pezb sinb eine MissionarS- Gattin unb eine junge Dame überfallen, allen Eigentums beraubt unb bann freigelassen worben, ohne baß ihnen sonst ein Leib zugefügt worben wäre. Der Gouverneur von Kerman habe alle seine Diener unb bie hervorragenben Bürger ber Stabt bewaffnet im Hinblick auf eine etwa eintretenbe schwierige Lage, als Folge des Ablebens beS Schahs, welches täglich erwartet wird.
Paris, 10. Dez. In der Kammer erklärte zum Antrag auf frühere Entlassung des Jahrganges 1903 der Kriegsminister, daß er sich mit dieser Maßnahme nicht einverstanden erklären könne und schlägt vor, nur sechs Prozent des tatsächlichen Bestandes, und zwar besonders die Ernährer von Familien, zu entlassen. Die Kammer nimmt darauf einen Antrag dahingehend an, diejenigen Mannschaften, welche Ernährer von Familien sind, zu entlassen. Reville sprach seinen Unwillen darüber aus, daß ein junger Soldat in Besanyon, der im trunkenen Zustande einen Korporalgeschlagen hatte, zum Tode verurteilt worden sei und verlangte unter Hinweis hierauf die sofortige Abschaffung der Kriegsgerichte. Unterstaatssekretär Cheron erwiderte, die Vorlage, welche die militärische Gerichtsbarkeit vollkommen abschaffe, werde in einigen Tagen dem Hause zugehen. Die erwähnte Verurteilung sec Umnenschlichkeit und müsse Aergernis erregen, auch werde sie ihm mit als Material dienen, um die Abschaffung jener Ausnahme-Gerichtsbarkeit zu verlangen. Die Härte derselben für die Mannschaften habe
denkenden Menschen besteht in dieser Frage kein Zweifel. Die deutsche Landwirtschaft ist nicht in der Lage, den Viehbedarf zu decken. Die Einfuhr ist erschwert beinahe bis zum gänzlichen Verbot, da die Einfuhrbedingungen keinen Viehimporteur locken können. Daß daneben auch an ben Fingern der Zwischenhändler noch hübsche Sümmchen hängen bleiben, das ist wahr, bas ist bedauerlich, aber das war auch schon der Fall, ehe die Teuerung der Lebensmittel zu beklagen war, und man hat es ertragen können. Aber trotzdem: alle diese Gründe gelten nicht, und es geschieht nichts. Sehen wir also zu, wohin wir noch kommen!
Die Nobelpreise.
Christiania, 10. Dcz. Im Storthing fand heute nachmittag die feierliche Zuteilung des Nobel sch en Friedenspreises statt. Der Minister des Aeußern, Kocvland, teilte mit, daß ber Friedenspreis dem Präsidenten Roosevelt zuerkannt sei. Der Präsident des Storthings, Gunnar Knudsen, führte aus, daß besonders das von Ersolg gefrönte Bemühen Roosevelts, den Abschluß des r u s s.- japanischen Krieges herbeizusühren, die Aufmerksame
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