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Nr. 189
Erscheint kkgll- mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Lietzener FamiUenblötter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »^esfisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag d-r -Vrübl'sch« UniversrtätSdruckerei. 9L Lang«, et**.
Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulstr.«. Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Lletze*.
Zweites Matt LF6.Jahrgang Dienstag 14. Aumrft 186$
Gießener Anzeiger
Gmeral-Anzeiger. Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen
Ausland.
Zürich, 13. Aug. Die Regierung hat den aus Karlsruhe stauunenden Redakteur der sozialdemokratischen Züricher Volkscechte Emil Hauth wegen seiner scharfen Sprache während der gegenwärtigen Streikwirren des Landes verwiesen. Außerdem sind noch 12 deutsche, 3 österr. und 15 ital. Staatsbürger wegen Teilnahme an Demonstrationen ausgewicsen worden.
Wien. 13. Aug. König Eduard von England trifft am 7. September als Gast Kaiser Franz Josefs in Schönbrunn ein und tritt am 8. September die Rückreise nach England an.
ständig fern _ stehe und die Koloniarbeamten Götz und Schneider absolut nicht kenne.
Hamburg, 13. Äug. Wie der „Hamb. Korresp." erfährt, wird der Reichskanzler Fürst Bülow gegen Ende August aus Norderney nach Berlin kommen, da er vom Kaiser eingetaden ist, der Taufe seines Enkels bci- zuwohnen. Gerüchtweise verlautet, daß diese Reise auch politischen Zwecken diene, da für-den 28. d. M. ein preuß. Ministerrat in Aussicht genommen sei.
Breslau, 13. Aug. Der sozialdcm. „Volksmacht" zufolge wurde eine größere Anzahl der wegen des Krawalls am Striegauer Platz Verhafteten aus der Untersuchungshaft entlassen, darunter die Ärbeiter Schlensack und Scholz. Ersterer habe wahrend der langen Haftdauer GO Pfund an Körpergewicht eingebüßt, letzterer sei bei der Polizciattacke durch einen Säbelhieb im Rücken schwer verwundet am 1ö. Juni im Allerheiligenhospital verhaftet worden, obgleich noch ärztliche Behandlung nötig gewesen sei und außer seiner Vernehmung nichts gegen iyn vorgelegen habe.
München, 14. Aug. Ter bayer. Staats m in ist er Freiherr von Riedel ist heute nacht im 76. Lebensjahre gestorben, nachdem er sich noch gestern einige Stunden vorher in einer Klinik einer Operation unterzogen hatte.
Hleue Kiobsposten aus Rußland.
Die Manöver, die jetzt im Lager bei Krasnoje Selo vor sich gehen, hätten beinahe zu einer furchtbaren Katastrophe geführt. Es ist noch rechtzeitig entdeckt worden, daß 'bei allen Truppenteilen unter die Platzpatronen eine große Anzahl scharfer Patronen gemengt waren. Es ist bie strengste Untersuchung ein geleitet; die russ. Presse soll über diese Affäre nichts, bringen, jedoch ist es immerhin möglich, daß es irgend ein extremes Blatt dennoch wagt. An einen Zufall oder eine Nachlässigkeit bei dieser Affäre zu glauben ist schwer. Wir haben es Mer wohl mit einer bewußtenTatrevo- lutionärer Elemente zu tun, welche unter den Truppen eine furchtbare Erregung gegen die Militärobrigkeit Hervorrufen wollten. Es sind auch bereits einige Zivilpersonen verhaftet, welche anscheinend einige Militärs zur Durchführung chres teuflischen Planes gewonnen hatten.
. Petersburg wurden wieder zahlreiche Haussuchungen bei mutmaßlichen Sozial-Revolutionären vorgenommen. Dabei wurden dem Vernehmen nach große Vorräte von Waffen, Explosivstoffen und Bomben gefunden. Die Negierung glaubt, daß sie vieler Mttglieder der sozial-revolutionären ^ampfesorganisatton habhaft geworden ist. Gerüchtweise verlautet, daß auf dem Panzerkreuzer „Pamjak Asowa" der sozial-revolutionäre Schrift- Iteller Bunakow verhaftet worden sei. Die neuen Tumawahlen sollen im November stattfinden, damit alle Llbgeordneten rechtzeitig c in treffen.
Zu der Kronstädter Meuterei meldet ein Pet. Korrespondent noch, daß die Bordelle in Kronstadt seit dem Herbst v. I. mit Studentinnen bevölkert wurden, die, nm die Soldaten und Matrosen für die revolutionären Zwecke zu gewinnen, Leben und Ehre feilboten. Viele jener Frauen sind jetzt verhaftet worden und schreien in ihren Zellen den anderen gefangenen Meuterern zu, sie sollten keine Angst haben und an dem Siege der Revolution nicht verzweifeln.
In Warschau wurde der Gehilfe des Depotchefs der Weichselbahnen, D o r o f i e j e w, erschossen. Der Täter entkam.
Rach russischen Berichten ist die Hungersnot im Gouvernement Samara unbeschreiblich. Zahlreiche Bauern sterben vor Hunger. Aufrufe an das öffentliche Mitleid bleiben ohne Erfolg. Die Mönche eines alten Klosters haben sich mit Revolvern bewaffnet, um die großen Reich- Himer des Klosters verteidigen zu können.
Matrosen der Schwarzen Meer-Flotte haben an den Marineminister Biritew einen Brief geschrieben, in dem sie bitten, von einer Maßregelung ihrer Kameraden von Kronstadt Abstand zu nehmen. Sollte diesem Ersuchen nicht entsprochen werden, so drohen sie mit einer allgemeinen Revolte. Aus Sewastopol wird gemeldet, daß die z. Zt. ins Ausland geflüchteten Matrosen deS „Potemkin" an den Admiral Skridlow die Bitte gerichtet haben, ihnen die Rückkehr nach Rußland zu gestatten. Der Admiral hat ihnen geantwortet, daß er ihrer Bitte Gehör schenken und sich für sie bei dem Zaren verwenden werde.
Aus dem Kaukasus hat die Zeuttalregierung sehr beunruhigende Nachrichten erhalten. Es bereitet sich offenbar zum Herbst eine Erhebung des Kaukasus gegen die russische Herrschaft vor. Die Truppen, welche jetzt schon das dritte Jahr in dem revolutionierten Gebiet fast Tag für Tag einen Guerillakrieg zu führen haben, sind auf ba§ äußerste erschöpft und lehnen sich gegen die fortwährenden Anstrengungen auf, die ihnen zugemutet werden. Die Garnisonen in den Festungen Michailowskaja und Kcrrs find von Gärung ergriffen; es finden beständig Verhaftungen von Soldaten statt. Der einzige Ausweg wäre, wenn die Regierung in Kürze fünf frische Armeekorps nach dem Kaukasus Wersen könnte, aber dies ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen im Innern fast unmöglich, wenn man nicht zu einer teilweisen Mobilisierung der Reserven greifen will. Ein genaues Bild über die Lage im Kaukasus läßt sich schwer gewinnen. In den russ. Regierungskreisen ist man sehr zurückhaltend, und die Lldwinisttation im Kaukasus arbeitet rücksichtslos, um den wahren Stand der Tinge zu verschleiern. Allie Blätter von halbwegs liberaler Richtung sind im Kaukasus unterdrückt, private Telegramme über Unruhen luerben nicht durchgelassen, Korrespondenten der Residenzblätter, welche sich an Ort und Stelle informieren wollen, werden verhaftet, auf der Post arbeitet das „schwarze Kabinett"; mißliebige Briefschreiber setzen sich der Gefahr ans, ohne weiteres nach Sibirien transportiert zu werden. Besonders schlimm steht es im Gouvernement Kutais. Ter allgemeine Eindruck ist der, daß der Kaukasus zum Herbst der Schauplatz entsetzlicher Ereignisse werden wird.
In Charbin herrscht völlige Anarchie, Handel und Gewerbe sind unterbunden, Mord und Totschlag an der Tagesordnung. Die Soldaten gehorchen nicht den Befehlen der Offiziere, die sich kaum in die Kasernen wagen.
Aus Studt und Lund.
Gießen, den 14. Aug. 1906.
** Der Sonderzug Sr. M. des Kaisers passierte heute mittag 2 Uhr 50 Min. auf der Fahrt von Wilhelms- höhe nach Homburg die Station Gießen.
** Kaiserpreis. Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, wurde die 8. Kompagnie des 116. Regiments aus Befehl Les Generalkommandos des 18. Armeekorps am Sonntag abend nach Dortelweil beordert, um mit einigen anderen Kompagnien des Armeekorps um den Kaiserpreis zu schießen. Die 8. Kompagnie des 116. Regiments hat am besten geschossen und ist an allerhöchster ©teile zur Verleihung des Kaiserabzeichens als bestschießende Kompagnie des Armeekorps in Vorschlag gebracht worden. Dieselbe Kompagnie hat int Schießen um den Kaiserpreis der Leibregimenter S. M. des Kaisers mit der 12. Kompagnie des 6. Bayerischen Regiments am besten in dep Armee geschossen und hat mit der letztgenannten Bayerischen Kompagnie um den Schießpreis der Leibregimenter stechen müssen. Die Entscheidung hierüber steht noch aus. Die 8. Kompagnie wurde gestern abend von ihrem direkten Vorgesetzten mit der Regimentsmusik festlich eingeholt.
•* Von der Leitung der psychiatrischen Klinik wurde uns heute in überaus brüsker Form telephonisch mitgeteilt, daß die Nachricht, die Angersbacher Muttermörderin sei dort untergebracht, falsch fei. Wir hatten diese Nachricht von einem sonst zuverlässigen Berichterstatter erhalten, der sie auch einer Reihe auswärtiger Blätter übermittelt hat. Irgend welche Bedenken gegen die Aufnahme der Notiz lagen für uns um so weniger vor, als die Untat ja wohl von einer psychisch erkrankten Person verübt worden ist und diese Meldung in einer Weise uns zugetragen wurde, die einen Zweifel an ihrer Nichtigkeit schlechterdings ausschloß. Daß unser Berichterstatter einem Schwindel zum Opfer gefallen ist, der allein als „grober Unfug" zu bezeichnen ist, bedauern wir, und wir hoffen, daß der falsche Zwischenträger sich ermitteln läßt, damit wir ihn zur Rechenschaft ziehen können.
** Um schöner Mädchen willen, die ja öfter schon den Anlaß zu blutigen Köpfen von Rivalen gaben, und es mitunter auch wert sind, daß man sich ihretwegen die Köpfe zerbreche, was noch öfter vorzukommen pflegt, war die Schlägerei zwischen Zivilisten und Soldaten entstanden, von der in unserer gestrigen Nummer kurz die Rede war. Es war, wie wir heute hören, ein ziemlich harmloser Vorgang ohne irgend einen bedenkchen Abschluß.
** Ein Luftballon von der Straßburger Luftschifferabteilung unter Führung von ßeutn. Lohmüller mit zwei Mann landete, wie uns drahtlich gemeldet wird, heute morgen 9 Uhr 20 Min. bet Nordeck.
ob. Laubach, 12. Aug. Das Fest seines 25jährigen Bestehens beging heute der unter Leitung des Lehrers Spilger stehende Gesangverein „Eintracht". Ein Festkommers am Vorabend versammelte die Mitglieder und geladenen Gäste im „Hotel Schützenhof". Der Festredner Hofapotheker Roßbach pries den hohen Wert des Gesangs und die ihn pflegenden Gesangvereine und schloß mit einem Hoch auf den Gesangverein „Eintracht" und dessen Dirigenten, der gleichzeitig das Jubiläum seiner 25jährigen Tätigkeit als Dirigent begeht. Vorträge der „Eintracht", der hiesigen Streichkapelle und de§ Gesangvereins „Harmonie" gestalteten den Kommersabend zu einer weihevollen Feier. Die Veranstaltungen des heutigen Tages nahmen mit dem Festzug, der au§ den hiesigen Vereinen und geladenen Nachbarvereincn bestehend, sich um 3 Uhr durch die Straßen bewegte, ihren Bandelier überreicht. Vereinspräsident Jochem sprach den Dank des Vereins au§. Gesangsvorträge der geladenen Vereine und ein exakt ausgeführter Stabreigen des Turnvereins, ließen den Nachmittag schnell dahm fließen. Die Festmusik stellte die Kapelle der Marburger Jäger.
Deutsches Reich.
Will) elmshöhe, 13. Aug. Der Kaiser empfing heute mittag den amerikanischen Botschafter Tower, Mister Speyer und Mister Ridder, den Herausgeber der „Newyorker Staatsztg.". Die drei Herren waren zur Frühstückstafel geladen. Heute nachmittag unternahmen der Kaiser und die Kaiserin mit Prinzessin Viktoria Luise einen Ausflug zu Wagen nach dem Essigberg, wo auch das Souper eingenommen wurde. — Staatssekretär von Tschirschky und Boegendorff jpud Generaladjutant Scholl trafen heute nachmittag hier ein. Sie folgten einer Einladung zur Abend- tafel nach dem Essigberg.
Berlin, 13. Äug. In einer Zuschrift an die „Ger-, mania" bezeichnet der Kammergerichtsrat Strähler die in diesem Blatte ausgesprochene Befürchtung, daß feine bevorstehende Reise nach Kamerun die Disziplin« r- untersuchung. gegen den Gouverneur v. Puttkamer verzögern würde, als nicht zuttefsend. Bei der beschränkten Postverbindung mit Kamerun beanspruche die Erledigung um Ersuchen von Zeugenvernehmungen, die sich im Schutzgebiet aufhalten, annähernd die gleiche Zeit, wie für feine Reise bestimmt sei. Es seien wichttge Zeugen, auf die nicht verzichtet werden könne, in der Kolonie zu hören. Ferner ei mit Bestimmtheit anzunehmen, daß deren Aussagen die Vernehmung weiterer, im Schutzgebiet sich aufhattenoer Zeugen notwendig mache. Das in Deutschland befindliche Beweismaterial sei in der Hauptsache erschöpft.
— Der freif. Wbg. Ko psch ist in der Strafsache wider GötzundSchneider und in der Disziplinaruntersuchung wider JeSko v. Puttkamer vor den Untersuchungsrichter als Zeuge geloben worden. Er hat demselben mitgeteilt, daß er vom 14. August ab zur Vernehmung bereit sei, t)at aber auch betont, daß er mit Rücksicht auf dieImmunität des Reichstages leine Aussagen machen werde und dürfe, die mit der Ausübung des parlamentarischen Mandats in Zusammenhang stehen. Die „Freis. Ztg." bemerkt dazu, daß Kopsch der Veröffentlichung chrer Puttkamer-Artikel voll-
-PoUtrsche Tages?eharr.
In Bulgarien dauern die Gewalttaten gegen die griechische Bevölkerung fort. Sie nehmen einen immer heftigeren und blutrünstigeren Charakter an. Was sagt Europa dazu, d. h. jenes Europa, das über die Ruhe auf der Balkanhalb- infel zu wachen sich vorgesetzt hat und dem die Bestimmungen des Berliner Vertrages hinsichtlich der neuesten inneren Vorgänge in Bulgarien einigermaßen eine Berechtigung bieten, sich ins Mittel zu legen? Soviel bis jetzt bekannt wurde, sagt dieses Europa gar nichts, es schweigt, weil es offenbar keine Luft verspürt, die .Hand in ein neues Wespen- neft^u stecken. Ja, wenn in der Türkei eine christliche Kirche nid)t etwa gewaltsam den Besitzern entrissen, sondern vor irgend einer zügellosen, mit den Behörden in keinerlei Zusammenhänge stehenden Bande profaniert worden wäre, bann freilich ginge der übliche Schrei der Entrüstung bis hinauf jenseits des Aermelkanals durch den Weltteil, uni) in den Parlamenten fänden die Regierenden nicht scharfe Worte genug der Verurteilung und der Drohung. Aber gegen den bulgarischen Kirchensturm und die Schandtaten, die überdies noch begangen werden, hat man anscheinend ebensowenig einzuweuden, tote etwa gegen den vielfachen Kirchenraub der auf Kreta von Griechen an den Moscheen verübt worden ist.
Die bulgarische Stadt Anchialo am Schwarzen Meere, deren Bevölkerung zum größten Teile aus Griechen besteht, wurde bis auf 30 Häuser niedergebrannt.
Aus Sofia wird gemeldet, es seien in Anchialo in den brennenden Häusern zahlreiche Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Auch öffentliche Gebäude sind dem Brande zum Opfer gefallen. Der griechische Bischof fand den Tod in dem brennenden Metropolitengebäude. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist bisher unbekannt. Die griechische Bevölkerung ist ins Gebirge geflüchtet. In Ai tos raubten die Demonstranten nach einem anti-griechischen Meeting alle Geschäfte aus. Der Schaden an Eigentum wird auf mehrere Millionen Franks geschätzt. Die im ganzen, zum größten Teil von Griechen bewohnten Bezirk Burgas herrschende Erregung läßt weitere Ereignisse befürchten. Mehrere Kaufläden sind bereits zerstört und in Privathäusern die Fenster eingeworfen worden. In K e r m e n 1 i fand eine antigriechische Versammlung statt Privatnachrichten zu- fvlgL überfiel eine von griechischer Seite gereizte Volksmenge das Haus eines Griechen. Das Militär schritt dabei ein. Ein Offizier soll drei Demonstranten niedergeschlagen haben. Much in der rumänischen Stadt Rusts chuck durchzogen nach antigriechischen Meettngs große Volkshaufeu die Straßen und plünderten griechische Wohnungen und Geschäftshäuser aus. .Bor dem griechischen Konsulat fanden Zusammenstöße mit dem Militär statt. Trotzdem mußte man der Forderung der Menge nachkommen und die Kon- sulatsflag'ge ein ziehen. Dann zerstreute sich die Menge.
Das völlig sinnlose Verfahren der Griechen in Mace- bonien, die unmenschliche Grausamkeit, mit der sie dort Hausen, muß mit voller Schärfe verurteilt werden. Die Haltung der Griechen (auch der griechischen Regierung) ebenso in Maeedonien wie auf Kreta ist keineswegs danach angetan, Teilnahme mit ihnen zu erwecken. Was sie tun, ist so töricht, als nur möglich, denn auf der Jagd nach unerfüllbaren nationalen Idealen schädigen sie ihren eigenen Staat überall, auf der ganzen Balkanhalbinsel ihre eigenen Landsleute, wo doch ein vernünftiger Ausbau ihres Staatswesens die näherliegende nnb dankbarere Ausgabe märe. Andererseits aber ist die Art, wie die bulgarische Regierung vor den racheschnaubenden bulgarischen Scharen zurück- weicht, — selbst wenn man die bulgarische Entrüstung als berechttgt anerkennen will —, nicht anders als jämmerlich zu bezeichnen. Was sich jetzt auf der Balkanhalbinsel ab- spielt, ist in Wahrheit ein Krieg mit allen seinen Schrecken, nur hat die europäische Diplomatie das sie offenbar beruhigende Bewußtsein, daß der Krieg nicht offiziell erklärt ist und daß die zahlreichen Opfer nicht in der Feldschlacht fallen, sondern hinterrücks umgebracht werden. Ein offizieller Krieg zwischen Bulgarien und Griechenland ist aus geographischen Gründen ebensowenig möglich, wie zwischen Griechenland und Rumänien. So werden denn die Kämpft auf dem blutgetränkten Boden Maeedoniens und feit neuestem auefj außerhalb Maeedoniens durchgefochten, während Europa sich einbildet, mit dem sogenannten Reformwerk in Maeedonien Wunder was zu leisten.
In Sofia zirkulieren Gerüchte, daß der macedonische Bandenführer Sandanski sich im Walde von Bistritza aufhalte mit der ausgesprochenen Absicht, den Fürsten Ferdinand zu ermorden. Bisher ist es dem großen Aufgebot von Gendarmerie und Polizei nicht gelungen, sich seiner zu bemächtigen. Die Villa des Fürsten wird streng bewacht. Der Fürst geht nur selten aus.
Der „N. Fr. Pr." wird aus Sofia telegraphiert, es habe bei dem Grenzposten Pataritza ein Zusammenstoß bulgarischer und türkischer Pattouillen ftattgefunben. Getötet wurden zwei türkische Soldaten, schwer verletzt ein bulgarischer. Es wird versichert, die Türken hätten den bulg. Posten besetzt.


